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Jüdisches Volksblatt · 1902-12-05 · 49 (5.12.1902) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
49 (5.12.1902)
Date
1902-12-05
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 5, Dezember 1902 Nr. 49 12. ds. abends beginnen fallen. Hierbei wurde normiert, daß jeder bain Vorstände berufene Kandidat, und zwar in der Regel in alphabetischer Reihenfolge, je an einem Freitag-Abend eine Probepredigt und an dein darauf folgenden Samstag-Nachmittag eine Exhorte für die Schüler der Mittelschulen abznhalten habe. Zu diesen Predigten werden iin Sinne des Stabltcs § 35 die Herren Vertrauensmänner eine besondere Einladung seitens des Bethaus Vorstandes empfangen. Israelitische Kultttsgemeinde Wien. Eingelanfene Spenden: Von den Hinterbliebenen nach Sigmund Ritter von Bauer, im Sinne des Verblichenen für Anne .Er. 2000.—, von Herne Rudolf Anspitz, zur Verköstigung armer israel. Schulkinder in der Vri giltenau Kr. 200.—, von Herrn Benno Rothzregel, für Anne Kr. §00.—, von E. N. für das Siechelihaus Kr. 200.—, von Frau Therese Kann, für den Erhaltung^onds der israel. Versorgungsanstalt Kr. 100.—, von H. T. für den Verein für fromme und wohltätige Werke Kr. 100.—, von Julius Straschnow, für Arme, anläßlich des Ablebens des Herrn Moses Straschnolv Kr. 60.—, von Herrn kais. Rat Dr. Theodor Lieben für die israel. Armenanstalt den Ileberschliß einer von ihm cingeleitcteu Subskription Kr. 30.—, Ociu demselben, für Arme Kr. 10.10, von Herrn Enrerich Herzog, für Anne Kr. 20.—, Von N. R. 33, für Anne Kr. 2.—, Entnahme der Büchsen in den Bethäusern Stadt und Leopoldstadt: für die israel. Armenanstalt Kr. 261.24, für die Cheivra-Kadischa Kr. 160.27, für die Armen der österr.-ung. Gemeinden im heiligen Lande Kr. 66.07. Wochen-Prograrrrm der „Jüdischen Tohubec- Halle", XX., Karajangasse 20. Sonntag den 7. Dezember: Dr. Isidor Lederer „Kultur und Sittlichkeit". — Montag den 8. Dezember: Dr. Isidor Sa dg er „Heinrich Heine", 7. Dichterabend. — Dienstag den 9. Dezember: Diskussion Äber „Frauenberufe". — Mittwoch den 10. Dezember: Gustav Sicher „Geschichte des jüdischen Volkes im Altertum". — Donnerstag den 11. Dezember: Dozent Dr. Josef Pollak „Hygiene des Ohres". — Freitag den 12. Dezember: G. M. Mehrer „Bibel, Erklärung der Sidra". — Samstag den 13. Dezember: Konzert. Anmeldungen zu Vorträgen beliebe man zu richten an Dr. I. S a d g e r, IX., Liechtenstein straße 15. Jüdisches Bildnngsheim. Im Monate Dezember finden folgende Vorträge statt: 9. Dezember Dr. S. Krenberger: „Allneuland" von Dr. Theodor Herzl; 16. Dezember Dr. I. S a d g e r: „Seelenrätsel"; 23. Dezember Professor Baß: „Sozialismus im Altertum"; 30. Dezember: Konzert. Lokal: XIV. Bezirk, Denglergasse 2, 1. Stock. Eintritt frei, kein Trinkzwang; Anfang 8 Uhr, Ende '/210 Uhr. Wien. („SD er Verein zur Ausspeisung armer israelitischer Schulkinder für den XVI. und XVII. Bezirk") veranstaltet Samstag den 14. Dezember a. c., nachmittags ya3 Uhr, im Raimund-Theater eine Wohltätigkeits-Matinee. Aufgeführt wird „Der grade Mich!" unter Mitwirkung der Frau Hansi Niese. Die Vorstellung hätte schon Sonntag den 7. Dezember stattfinden sollen, mußte aber wegen Krankheit der Frau Niese verschoben werden. In Anbetracht, daß das Reinerträgnis unserem Wohltüigkeitsvereine, welcher täglich 70 arme jüdische Schullinder ausspeist und in unsere« Bezirken eine dringende Not» '.Wendigkeit ist, zusließt, bitten wir um eine rege Beteiligung. Karten sind beim Kassier Herrn Adolf Kohn, XVII., Hauptstraße 5, zu haben. (Gemäldeausstellung.) Der „H a g e n b u n d" hat am 26. November d. I. seine fünfte Ausstellung eröffnet, als deren Clou mit Recht der Zyklus „Verwandtschaften" des jungen jüdischen Malers Leo Kober bezeichnet wird. Kober hat sich durch seine Beiträge für die „Jugend", die „Fliegenden Blätter" nsw. schon längst als flotter Karikntnrenzeichner bekannt gemacht. Zwei Originale von Illustrationen aus den „Fliegenden Blättern" befinden sich in der Ausstellung. An dem genannten Zyklus „Verlvandtschaften" interessiert nicht so sehr das eminente technische Können des Künstlers, als vielmehr der Gedankeninhalt der Bilder. Das sind nicht die kleinen Bosheiten eines Spaßmachers, das ist eine gedankentiefe, soziale Satire. Und da zeigt Kober, daß er zwei typisch jüdische Eigenschaften in hohem Maße besitzt: die scharfe Auffassung des Charakteristischelr und den ererbten Zynismus, unerbittliche Ironie. Sein Hohn schreckt auch nicht dabor zurück, die Schäden am Leibe seines eigenen Volkes zu zeiget; und zu verspotten. Das hat dem Künstler die Gunst des „Deutschen Volksblatt" eingetragen, das sich über ben „Antisemiten" Kober jedenfalls riesig gefreut hat. Kober bringt uämttd) ein paar prächtige Bilder ans dem Lager der Assimilatioiisjnden: Eineu alten Börscaner („Der Vater") mit den hofsnnugsvollen Söhnen, einem Kavalleriekadctten und einem Geistlichen, dann ein gelungenes Exemplar eitler Parvenüprotzensamilie, die sich für ihr Geld einen Generalstnbshauptmann als Bräutigam für die verwachsene Tochter kaufen kann („Das Brautpaar") und schließlich auf dem Bilde „Der Bruder" einen reichen jüdischen Bankier, der in seinem luxuriös ausgestatteten „Arbeits"-Zimmer gönnerhaft die Vittworte des armen Bruders anhört. —■ Wir .Jüdischnationalen kennen diese Sorte Juden und haben ihre Existenz nie geleugnet. Darum nehmen wir auch Kober diese Judenbilder nicht übel, ebensowenig Ivie den — freilich viel harmlose reu Karikaturenzhklus „Börse". — Leo Kober hat auch als Porträtmaler schon Tüchtiges geleistet. Kober war stets bestrebt, vor allem den Charakter des Porträtierten durch die Farben durchleuchten zu lassen. Die Erfolge dieser intensiven Studien zeigen sich in seinen Karikaturen: Großzügigkeit, Vermeidung alles lleberslüssigen, Nebensächlichen. — Wir haben hier keine jüdische Kunst vor uns, aber einen jüdischen Künstler, der seine Stammeszugehörigkeit nicht verleugnet und nicht verleugnen kann, und den wir wir Stolz zu den linsereu zählen dürfen. —r—r. A n 100. Geburtstage gestorben. Die Prinat-nswitwe Johanna Korn in Sulikow feierte vor kürzet« inr Beiseiit ihrer Angehörigen ihren 100. Geburtstag. Plötzlich wurde sie von einem derartigen Unwohlsein befallen, das; sie binnen wenigen Minuten eine Leiche war. Die Verstorbene hat bei jeder Gelegenheit ihr Scherflein zu Wohlthäligkeitszwecken beigetragen. (Gründet Konsnmvcrcinc! Diese Woche ivar ivicdec ein armer Teufel bei uns, der uns fetn Leid klagte. Er nährte sich schlecht und recht als Greißler in Margarethen und war ein eifriges Mit glied der sozialdeutotratischen Partei. Da Imitcit die letzten Reich ratSivahlen und die Sozialdentokrateu schtvuren Rache den Christ lich-Sozinleiu Gesagt, getan. Natürlich filtg man itt Marga rethe», dem Stammsitze Luegers, mi. War es aber natürlich, daß man den Konsumverein gerade vis-a-vis dein jüdischen Greißler dem eifrigen Sozialdemokraten nnftat? Natürlich ging der Jude zngruitde; die nichtsozialdemokratische Kundschaft hatte er durch feilte Propaganda für die Sozialdemokraten verloren und die So zialdemokraten — gingen in den Konsumverein. So rächen sich die Sozialdemokraten an den Christlich-Sozialen. Jetzt ergeht wieder der Ruf an die Arbeiterfrauen, nicht bei den Fremden einzukaufeu und flugs soll ein Konsniiwerein in der B r i g i t t e n a u gegrillt det werden; als ob es in der Brigittenau zu tveuig jüdische Greißler gäbe, die für die Sozialdemokraten gestimmt haben. Aber man rächt sich an den Christlich-Sozialen am besten, indem man die Juden ruiniert. Und wer gibt das Geld her zu diesen Gründungen,!ver saniert die faulen Konsnmbereine — jüdische GroßtapitalistenI Aber deshalb hat der jüdische Kaufmann wacker gegen die Nationalen gestimmt; da muß man wirklich sagen: Nur die allergrößten Kälber wählen ihren Metzger selber. lieber deu Religionsunterricht.*) Der Religionsunterricht ist wohl die einzige Art, dem Schüler seine Religion und sein Nationalbewußtsein zu erhalten. Und wie notwendig dies ist, das zeigt genügend der Umstand, daß viele jüdische Schüler nicht einmal die Bedeutung ihrer Hauptfeste wissen, vom Hebräischen schon keine Spur. Ja, ich habe mich selbst überzeugt, daß einige Väter, Blüten der Assimilation, viel eher ihren Kindern die Erläuterung der Weihnachten als die ihrer eigenen Feste geben. Ist es dann ein Wunder, daß ein derartiges Kind nicht nur kein Nationalbewußtsein zeigen kann, sondern daß ihm auch der Name Jude, dessen Bedeutung es nicht zu schätzen weiß, lästig 'ällt. Das Resultat ist ja dann selbstverständlich; man wirft auch die letzte Spur davon weg; man tauft sich halt. Es ist dies wohl das Traurigste, das man je sehen kann. Kinder, die keine Ahnung von ihrem uralten Stamme und seiner erhabenen Religion haben! Und man sieht es überall, wohin man sich nur begibt, man trifft es überall. Es ist wahrhaftig traurig; ba§ Herz krampst sich einem zusammen, wenn man die Leute sich so selbst erniedrigen swht. Es ist eine der betrübendsten Angelegenheiten, solche Vorkommnisse zu untersuchen, denn jeder wahre Jude wird nur ein Wort darüber sagen können: Pfui. Wie notwendig und wie geradezu, ich muß sagen unerläßlich, der Religionsimterricht ist, daß kann jede in diesem Kreise lebende Person erkennen. Ich selbst war Zeuge wie ein Bolksschüler der dritten Klasse, auf die Frage seines Lehrers nach seiner Religion antwortete, er müsse seine Eltern fragen,, ihm fei dies nicht bekannt. Und das Kind war ein sonst sehr gescheiter Bursche. Die Haare stehen einem zu Berge. Und bist du das, Juda?! Wie du dich veränderst. Und wir haben den Religionsunterricht; er könnte doch noch als teilweises Rettungsmittel angewendet werden. Aber, das leider: man hat zwar den besten Willen — wird durch eine unrationelle Unterrichtsmethode gänzlich vereitelt. Man lernt auch Hebräisch. Ja, die Hauptbedingung beim Lernen einer jeden Sprache ist doch die Erlernung der Worte, wodurch dann die Bildung der Sätze erleichtert wird. Und was geschieht hier, besonders an den Mittelschulen? Nur ganze Sätze werden übersetzt; also nicht jedes Wort, denn das wird wahrscheinlich angenommen, ist wohl nicht notig, man muß nur die Uebersetzung des Satzes wissen, ohne jedoch die der Worte. Dabei wird selbstverständlich nicht nur keine Ahnung von der Sprache dem Schüler beigebracht, sondern auch nur ein mechanisches Herunterrezitieren hervorgerusen, welches einem manchmal oft geradezu ekel wird. Ja nicht einmal übersetzt wird dabei, denn eine Uebersetzung setzt doch das Verständnis der Worte voraus. Daß dabei nicht einmal der Inhalt des Stückes erlernt wird, ist selbstverständlich, weil man keinen Zusammenhang kennt, nichts wird dabei erlernt, die Sprache nicht, der Inhalt ebenfalls nicht, also nur ein leeres Rezitieren. Daß man die hebräische Sprache in ver Schule nicht vollständig erlernen kann, wird niemand bestreiten. Und das verlangt man auch nicht. Doch eine halbwegs annehmbare Erlernung der Sprache könnte man doch jederzeit erzielen; wenn man den Inhalt dieser Uebersetzungsstücke wiedergeben will — und ich glaub«, daß dies auch der Hauptzweck dieses Rezitierens sein soll — könnte man doch viel leichter und besser nur die Uebersetzung lernen lassen. Alber ich glaube, besser ist es doch, wenn man beides lernt, und zwar durch einen systematischen Unterricht in dieser Sprache, wenn man nach derselben Methode, wie bei anderen Sprachen, dasselbe zu lehren strebt. Wenn man so Vorgehen würde, dann könnte man den wahren Zweck des Religionsunterrichtes erreichen, den Schüler jüdisch zu bilden. Das ist eine leicht ausführbare Aufgabe, wenn nur der Wille dabei ist. Doch, doch . . . Ein anderes Moment ist die Pflege der jüdischen Geschichte, der Nationalgeschichte. Worin besteht denn dieselbe jetzt? Ich muß sagen: in nichts Wesentlichem. Denn die jetzt besonders an den Mittelschulen gebrauchten Neligionsbücher verfehlen den Zweck vollständig. Kein historisch vollständig zusammenhängendes wissenschaftliches Buch. Der ganze Inhalt schleppt sich in leeren Phrasen und Betrachtungen hin, die lvohl nur den Zweck haben können, dein Schüler das Buch langweilig zu machen. Und das erreicht es auch wohl. Die jüdische Geschichte, die so oft und so schön geschrieben wurde, sie findet sich hier kaum wieder, unwirksam und unvollständig. Was die Liebe, die Anhänglichkeit an die Nationalität Hervorrufen würde, was ein junges Herz erhebt und erweitert, die Herrlichkeit und die Größe der jüdischen Nationnlgeschichte, die sollte man pflegen, hegen mit aller Kraft, mit der ganzen Innigkeit eines wiedererwachten Volkes. Ein solches Buch sollte man verwenden. Gedenket doch euerer nationalen Güter, teilt sie doch euren Kindern mit, daß sie die große Seelenkraft, die Seelenreinheit, die Anfopferung und die beispiellose Zähigkeit ihrer Väter kennen lernen und sich an ihnen ein Vorbild nehmen. Gedenket doch eurer ruhmvollen Vergangenheit und laßt sie eure Kinder in vollem Maße genießen, daß sie ihr Volk, ihre Nation lieben lernen! Die Arbeiterbildungskurseder „Zephirah" in Ezernotvitz. Di» jüdischen Arbeiterbildungskurse, welche die jüdisch-akademische Verbindung „Zephirah" indenletztenJahrenabgehaltenhat,wurden von der Negierung wegen Statutenwidrigkeit untersagt. Wiewohl nun die Verbindung sofort ihre Statuten zweckmäßig geändert, hat die Regierung die Bescheinigung derselben mit der Begründung abgelehnt, daß Vorbereitung von Wissen und Bildung im Volke jenseits des Wirkungskreises einer Studentenverbindung liege. Dagegen hat die Verbindung selbstverständlich an das Ministerium des Innern rekurriert, aber bisher vergeblich auf eine Erledigung gewartet. Aber diese Kurse dursten dadurch nicht Einbuße erleiden, das von der „Zephirah" geschaffene Institut soll ein bleibendes sein. Um nun den; Drängen der jüdischen Arbeiter nachzukommen, bei welchen sich diese Kurse bereits großer Popularität erfreuen, entschloß sich eine Anzahl *) Diese Zeilen kommen uns aber ganz auf Wiener Verhältnisse. aus Czernowitz zu, passen der Mitglieder der „Zephirah", ein Komitee zu bilden und diesen Bildungskurs für jüdische Handwerker und Arbeiter auf eigene Faust weiterzuführen. Das Komitee ging sofort an die Arbeit und berief für Samstag den 29. November l. I. in den RathauSsaal eine allgemein zugängliche Bolksversammlung, um den Lehrplan der Heuer durch von Fachleuten geleitete Zeichnen- und Buchhaltungskurse ausgestaltet wird, und die Ziele der Kurse klarzulegen. Lange vor 3 Uhr — der festgesetzten Stunde — konnten der große Rathaussaal und die Nebenlokalitäten die zahlreich erschienene Arbeiterschaft nicht fassen, die hierdurch schon genügend ihr Interesse für die Kurse bezeugte. Aber nicht bloß Arbeiter waren der Einladung gefolgt, man bemerkte auch eine erkleckliche Zahl des jüdischen Mittelstandes und der jüdischen Jntellizenz, u. a. Kultus- und Gemeinderat Dr. Wender, Kultusvorsteher Lazar Rot h,KultusundGemeinderatM. Picker, Advokat Dr. R e i s ch - G o l d h a ck e r, sowie eine Vertretung der rnthenisch-nationalen Vereinigung „S i e tz". Nachdem der Vorsitzende eunck.,.sur. M. K i n s b r u n e r die Versammlung ervffnete, erteilte er des Wort dem Mitglieds der „Zephirah" &tud. jur. I. Kottlar. Redner entwickelte in treffender Weise den Wert und die Bedeutung der Bildung für den jüdischen Arbeiter Der jüdische Arbeiter, der unter der heutigen sozialen Lage so schwer leidet, bedarf mehr als jeder andere einer genügenden Geistesbildung und Stärkung seines Nationalbewußtseins. Nur der gebildete jüdische Arbeiter kann sich zu einem menschenwürdigen Dasein emporringen. Der nächste Redner, das Mitglied der „Zephirah" stuck, jur. D. B alakan, besprach eingehend den Lehrplan, vorzüglich die neu hinzugekommenen Lehrgegenstände Buchhaltung und Korrespondenz. Bei einer Anzahl von 15—20 Meistern wird ein separater Meisterkurs errichtet werden. In sämtlichen Kursen wird jüdische Geschichte gelehrt werden. Als dritter betrat die Rednertribüne das Mitglied der „Zephirah" stuck, jur. Salomon Schajowicz. Dieser Redner sprach in glänzender Weise über die jüdischen Arbeiter im Altertum und zu Zeiten des Talmud, hob insbesondere den Juda ben Jlai und Jesua ben Chalafla hervor, die beide, der eine war Faßbinder, der andere Gerber, durch ihre Gelehrsamkeit besonders hervorragten. Die jüdischen Arbeiter waren zu jener Zeit durchwegs gelehrte Männer und Zierden des Judentums. Es ergriff hierauf das Wort Kultusvorsteher Lazar R o t h. Redner tobte das Werk der „Zephirah" und deutete die Stelle a°W3 nunv dahin, daß Gott Freude empfinde, wenn einer, der geistig reich ist, einem Armen Unterricht erteilt. Hierauf sprach Kultus- und Gemeinderat Dr. Wender über Arbeiterbildungskurse in Deutschland, wo große Männer, wie der verstorbene Birchow, für die Arbeiter sorgen und sie auf ein höheres Bildungsniveau zu bringen streben. Er müsse der „Zephirah" seine Anerkennung anssprechen, daß ihre Mitglieder den Mut gefunden, in Czernowitz, wo er es am wenigsten erwartet, ein für die jüdische Arbeiterchaft so wichtiges Institut in Leben zu rufen. Er schloß mit einem warmen Appell an die jüdische Arbeiterschaft, massenhaft die Arbeiterkurse zu besuchen. Das Schlußwort ergriff der Vorsitzende M. Kinsbrunn er. Redner besprach das Verhalten der Ezernowitzer Sozialdemokraten den jüdischen Arbeiterkursen gegenüber. Zu einer Zeit, wo alle Blätter der Bourgeois siialtenlange Berichte über die Kurse brachten und das Werk der ,Zephirah" lobend betonten, habe sich das Parteiblättchen der Sozialdemokraten, „Die Volkspresse", darüber gänzlich ausgeschwiegen. Als im Vorjahre die Toynbee-Halle vom Zionsverein errichtet wurde und die „Zephiraner" diese Kulturarbeit kräftigst unterstützten, da überfiel und beschimpfte dieses Sudelblättchen die „Zephiraner" in der perfidesten Weise,, daß sie für den jüdischen Arbeiter sorgen. Die „Volkspresse" ist ein würdiger Lakai ihres Herrn, der „Arbeiter-Zeitung". Reicher, oft stürmischer Beifall lohnte die Ausführungen der einzelnen Redner. Am Abend desselben Tages begannen die Einschreibungen und haben sich bereits 60 Arbeiter eingeschrieben. Die Kurse werden am 2. Dezember eröffnet. Die Maßregelung von Technikern wegen Teilnahme an einer jüdischen Kultnswählerversammlrrng durch den israelitischen Freitischverein in Brünn. Der in Brünn bestehende israelitische Freitischverein gewährt zirka dreißig Hörern der hiesigen technischen Hochschule den Genuß des Freitisches. Die Beteiligung mehrerer Techniker an der am 9. v. M. stattgefundenen Kultuswählerversammlung gab der Leitung des Freitisch- Vereines den Anlaß, mehrere Techniker zu maßregeln und einem unter ihnen, dem Herrn I. Sch., den Freitisch gänzlich zu entziehen. Diese Maßregelung veranlaßte die jüdischen Techniker, gegen diesen Gewaltakt, welcher nichts anderes als die Einschränkung der akadernischen Freiheit bedeutet, in einer vom Rektorate der hiesigen technischen Hochschule gebill-igtrn, arn schwarzen Brette der Aula angekündiglen und von säimntlichen jüdischen Technikern besuchten Technlketversammlung zu protestieren, umsomehr als der Präses des Freitischvereines im Vorjahre bei einem ähnlichen Anlasse eine schrtstliche Erklärung zu Protokoll gab, welche dahin lautete, daß voiu Vereine über die politische Gesinnung der vom Vereine Verköstigten und deren Betätigung unter keiner Bedingung eine Kontrolle geübt werden dürfe. In dieser Versammlung wurde folgende Resolution angenommen und dem Präses des israelitischen Freitischvereines durch eine Deputation persönlich überreicht. „Resolution, beschlossen in der am 22. v. M. staltgefundenen jüdischen Techniker-Versammlung. Angesichts des Vorgehens des Ausschusses des israelitischen Freitischvereines gegenüber dem Techniker Herrn I. Sch., dem zufolge seiner politischen Gesinnung und deren Belätrgung der Genuß des Freitisches entzogen wurde, sieht es die jüdische Lechnikcrschaft Brünns als thre Ehrenpflicht an, gegen eine derartige engherzige und rücksichtslose Vergewaltigung, durch welche ihre" mittellosen Kollegen in ihreni durch akademische und staatliche Gesetze gewährleisteten Rechte der freien Meinungsäußerung bedroht werden, vor der Oeffentlichkett Stellung zu nehmen. Sie drückt hiermit deu Urhebern dieses Beschlusses und allen jenen, die sich an seiner Durchführung beteiligten, iyre Mißbilligung aus. Diese Männer, die dank der in der Brunner Judenschaft herrschenden Verhältnisse als deren Repräsentanten angesehen werden, haben in diesen Tagen bewiesen, daß ihr iin öffentlichen Leben zur Schau getragener Freisinn nur eine große Lüge bedeutet. Den Widersachern unseres Volkes gegenüber geberden sie sich als Hüter und Träger des Aufklärungsgedaukeus und der kottstitutioneUen Rechte, werfen bei jeder Gelegenheit ihren politischen Gegnern reaktionäre Gesinnung vor, haben aber durch ihr Vorgehen gezeigt, daß ihnen das Recht freier Menschut nur so lange heilig ist, als es ihre eigene Haut schützt, daß es aber keinen Pfifferling wert ist, wenn es gilt, durch feine Umgehung unbequeme Opponenten mundtot zu machen. Sie, die den politischen Terrorismus anderer pathetisch verdammen, wollen die Notlage freier akademischer Bürger dazu ausnützen, um ihnen für ein Stückchen Brot die Gesinnung abzuschachern. Die jüdische Technikerschaft kann aus diesen Versuch, sie durch Hunger den Plänen der heutigen Gemeiudemachthaber gefügig iitnchen zu wollen, nur mit dein Ausdrucke ihres Abscheus vor derartiger Handlungsweise antworten. Nie und nimmer wird sie sich durch solche Manöver in der freien Betäligtrug ihrer politischen Ueberzeuguug beirren lassen. An die Juden Brünns aber richtet sie die Mahnung, in einetu Kampfe um das gute Recht der jüdischen Studentenschaft

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