Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 48 (28.11.1902)
- Date
- 1902-11-28
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Volksblatt Seite 6 Wien, Freitag 28. November 1902 Nr. 48 Haben, mit Juden und I ü d i il n e n <$ tt svre ch c n! (.Hört! Hört!) Viele unserer Brüder haben sich zwar gewundert, Ivarum man sie in einer Wahlkampagne bekämpft, in lvelche sie sich nicht im entferntesten mengten; aber das sind sicher zu naive oder — wie gesagt —• zu egoistische Leute. Der M. C. A. (große antisemitische Rat) sendet allen Mitgliedern der A. A. R. (rumänischen antisemitischen Allianz) eine geheime Einladung zu dem dieser Tage in Bukarest stattfindendcn siebenten Kongresse. Eine Dukarcster Zeitung plaudert vieles von den dort zu beratenden Fragen aus. Es sind meist Geldsachen, Enthüllungen einiger schmichiger Defraudationen des antisemitischen Oberpriesters N a e D u m i t r e s c u, über tvclche der Kongreß debattiere,i und — streiten wird. Was aber die geheime Jnquisiwren-Versammlung über die Juden und über den gegen diese Iveiterzuführenden Kampf besprechen lvird, kann uns das genannte Blatt nicht mittcilcn. Oder will es, bei der Wichtigkeit der Geldangelegenheiten, vielleicht keine eigentliche Besprechung bezüglich des heiligen Kreuzzugcs geben? Jedenfalls, Brüder des Auslandes, seht ihr: cs ist eine Freude, in unserem Ländchen zu leben, nicht wahr? Die ausländischen Sektionen der rumänischen n a t i on a l e n Liga von Paris, Zürich, Brüssel, Berlin, München, Genf reorganisieren sich. Sie wollen, wie sie sagen, „die europäische Presse über die wahren Zustände der von Rumänen bewohnten Länder (Rumänien, Ungarn, Bukowina, Beßaraüien, Makedonien) unterrichten. „Wir werden nicht erlauben, daß man über die Rumänen und überhaupt über diejenigen des Königreichs Rumänien die ärgsten Lügen (die Judenfrage. A. d. R.) verbreitet". Also, nach dem Kampf gegen die Juden im Lande, ein Kampf draußen gegen diejenigen, die ein gutes Wort in unserer Sache sprechen wollen. Und was tun wir? Mas tut die jüdisch-rumänische Jugend, die im Auslande lebt? Wo ist ihre nationale Liga? b. l. Die Ehalukah. Die Wiederonsiedlung von Juden in dem alten Lande ihrer Herrlichkeit nach w langer Entfremdung beginnt mit der Tätigkeit des großen Rabbi in Wilna Elijahu, den wir kurzweg den „Gaon" zu benennen gewohnt sind. Der Wilnaer Gaon, der im Gegensätze zu seiner mystisch schwärmenden Umgebung den klaren Blick über die materielle Welt, die feine Beurteilung und den weiten Blick *ür die Zustände seiner Station behielt, konnte nicht nur als der größte Talmudist seiner Zeit billig angesehen werden, sondern war überhaupt der Geist im Judentum, der gewissermaßen den ruhenden Pol in aller Unruhe um ihn her bildete. Der Mann, der durch seine mathematischen und grammatischen Studien zeigte, daß er nicht mystisch fühlte, aber dafür umso exakter dachte, war nach Jahrhunderten der erste, der cm eine planmäßige Besiedlung Palästinas durch Juden dachte. Er war der Mann, der im Gegensätze zum Chassidismus die ruhige Klarheit talmudischen Denkens bewahrte. Mit der Einfachheit, die nur d.em genialen Menschen eigen ist, erfaßte er die Judennot an der Wurzel und war im aschkenasischen, d. h. deutschsprechenden Judentum der erste, der die einzige Lösung der Jüdenfrage erkannte. Er wollte die Wiederherstellung des jüdischen Stammes in seinem alten Lande durch die Juden selbst herbeifuhren. Er veranlaßte seine Schüler, für die Wiederonsiedlung von Juden in den Städten des Heiligen Landes tätig zu sein. In einer Zeit aber, wo nicht mit modernen Mitteln an der Kolonisation gearbeitet werden konnte, wo noch keine Eisenbahn und keine billige Post den Verkehr vermittelte, schuf er das rechte Mittel, um Jerusalem und die anderen heiligen Städte mit Juden zu bevölkern, indem er die Chalukah, wie sie heute noch existiert, ins Leben rief. Man mag über diese Art, Gelder in der ganzen Welt für die jüdische Bevölkerung Jerusalems zu sammeln, denken, wie man will, jedenfalls war der Gedanke, der den Gaon und seinen Schüler Rabbi Chaim in Woloshin veranlaßte, den Jischub, den wir heute im Gegensätze zur zionistischen Kolonisation hajjaschan nennen, zu gründen, derselbe, der den Zionismus in die Wege geleitet hat. Tie Chalukah ist in der Form, die ihr der Gaon und seine Schüler gegeben haben, die gewaltigste Kraft gewesen, um einen Grundstock jüdischer Bevölkerung in Palästina zu schaffen, deren Bedeutung wir nicht zu gering veranschlagen dürfen. Freilich konnte es nicht ausbleiben, daß bei einem System, das auf unkontrollierter und unkontrollierbarer Wohltätigkeit berühre, die Korruption sich einstellte. Und so ist es nicht verwunderlich, sondern nur der natürliche Gang der Entwicklung, wenn die Geschichte der Chalukah eine ununterbrochene Reihe von Klagen und Beschwerden über ungerechte Verteilung, Unterschlagung und Unterdrückung der Armen geworden ist. Und dies umsomehr, je reicher die betreffende Chalukah tvar. Denn es harte sich ein merkwürdiges Prinzip eingebürgert, das die örtliche Spaltung der Juden nach ihren Wohnsitzen in den verschiedenen Ländern Les Golus zum Verteilungsprinzip machte. Das Interesse von Juden aus Ländern, wo es unseren Stammesgenossen besser geht, war es, daß man nach Landsmannschaften die Verteilung der gesammelten Gelder vornehmen sollte. Der Vorteil war ein doppelter; denn erstens gingen aus solchen Ländern reichere Spenden ein und dann waren außerdem weniger Teilnehmer cm der betreffeirden Chalukah. Denn je wohlhabender in gewissen Ländern die Juden wurden, umso weniger sahen sic sich veranlaßt, nach Jerusalem auszuwandern. So schien es im Augenblick eine große Reform zu fein, als man in den Vierzigerjahrcn die Verhältnisse der deutschholländischen Chalukah regulierte, während es in Wahrheit das Schlimmste war, was jemals auf dem Gebiete der Samrnelgelder für Jerusalem geschehen ist. Diese „Reform" sorgte zwar dafür, daß möglichst wenig von den gesammelten Geldern unterwegs in Europa hängen bleiben sollte, aber umso schlimmer war es, daß der größte Teil der Gelder gewissenhaft an eine nach palästinensischen Verhältnissen tvohlhabende Gruppe von wenigen Familien abgeführt wurde, die den Rahm abschöpfte, um das Zurückbleibende der großen misera Plebs zu überlassen, die sich um Gotteswillcn nicht mucksen durfte, wenn sie nicht auch noch diesen Brocken einbüßen wollte, den man ihr „großmütig" hillwarf. Es sind seit dieser „Reform" Jahrzehnte vergangen, und jetzt nach 00 Jahren ist ein soziales Elerrd durch dieseVerteilung der gesammelten Armengelder entstanden, das zum Himmel schreit. Die Groschen und Pfennige, die sich arme Jüdinnen in Deutschkand und Holland absparen vom Munde, um dem Bedürfnis ihres Herzens, nach Jerusalem ihr Scherflein zu schicken. Genüge zu leisten, haben dazu gedient, eine Gesellschaft auf Gegenseitigkeit in Jerusalem hecanzubilden, die ein schwerer Krebsschaden des Judentums im Heiligen Lände ist. Es werden förmlich frühe Heiraten gezüchtet, die ein schwaches kränkliches, kraft- und saftloses Geschlecht entstehen lassen und es sind durch Brautgesckienkc und durch die reformierte und organisierte Art der Verteilung gewissermaßen Prämien auf möglichst frühe Verheiratung ausgesetzt. Da als Deutsche-Holländer solche gelten — denn es handelt sich um den Kolel Ho'D ,(Holland-Dcutschland) — so haben manche nickst die großen Ausgaben gescheut, um deutsche „Untertanen" zu werden. Die für diesen Zlveck gemachten Ausgaben sind eine sichere und gut sich rentierende Anlage. Die deutsch-holländische Chalukah gelangt laut Vertrag vom Jahre 5600 zur Verteilung. Im laufenden Jahre betrug diese Chalukah 32 789, 64'/, (5005, : 28 303, 14’/,'; — 5050 : 29 772,39) Gulden niederländischen Wertes. Von dieser Sum'"e kainen im Rechnungsjahre an die Mtglicder der deutschholländischen Gemeinde in Jerusalem 32 441,90 Fr. lieber diese deutsch-holländische Chalukah schrieb der Schreiber dieses im Jahre 1897 in seiner Broschüre „Zionistcnkongreß und Zionismus eine Gefahr?" folgende nicht mihzuverstehende Abrechnung: „Diese Summe nebst verschiedenen speziellen Zulvcndnngen zusammen im Betrage von 12 806,32'/- fl. und 13 109,75 fl. niederl. W., also mehr als 30 000 Francs im Jahresdurchschnitt, kommt auf 52 „Bedürftige" der nach vielen Tausenden zählenden Jerusalemer Armen. Sel)en wir uns aber diese deutsch-holländische Gemeinde näher an, so finden wir unter diesen fünfmal beit Namen Sachs mit zusammen 2403,20 Fr. (2100,20 Fr.) jährlicher Rente aus diesen Armcngeldcrn, während die fünf „Schlank" 3284,30 Francs (3380,85 Fr.) erhielten. Da haben wir weiter fünf Lilicntals mit 4314,75 (4193,35) Frank jährlich. Dann folgen noch 3 Bergmanns, 4 Rosenthals, 3 Hausdorffs und nock) billige wenige Glückliche, denen diese Armengelder in so reichem Maße zuflicßcn, daß sie wahrlich mehr als ein komfortables Leben bei den palästinensischen Lebensbedingungen allein davon führen können. Da sind 2 Brüder Weinzweig mit zusammen 1398,75 (1087,30) Fr., wovon der eine Direktor des größten Depots in Palästina ist, ivähreud Herr Gabriel Schlank mit persönlick)en 064,80 (651,45) Fr. Armengelder außer einem sehr begehrten Advokaten (im Jerusalemer Sinne) noch Direktor des österreichischen Postamtes in Jaffa war. Weitere Notizen über diesen Empfänger von Armengeldern unterbleiben, da er kürzlich verstorben ist. Familie Licbrecht verwaltet bisher die Lachmann'sche Kolonie Pethach- Tikwah und erhält jährlich 704,60 Fr. (838,— Fr.) Chalukah. Herr Mvrdechai S. Hausdorff, der soeben erst ein gutes Geschäft mit dem Traubenzehnten in Pethach-Tikwah abgeschlossen hat und der als Kaufmann und Mäkler aller Art Geschäfte inacht, besitzt in Pethach-Tikwah noch nebenher Haus und Stall, sowie 100V/ Dunam Land. Herr M. S. Hausdorff erhälr persönlich 1098,85 Fr. (1123,70 Fr.) jährlich Armengcldcr. Herr Benzion Coronel mit 1006,80 Fr. (1125,06 Fr.) Armenunterstühnng, hat mit Herrn König, der ungarische Chalukah bezieht, ein großes Kompaniegeschäft, das auch ohne diese Jahresrenten ' als sehr kreditfähig gilt. Seine Tochter, wie die der Herren Gabriel Schlank, B.Weinzweig, David Ch. Lilienthal und Josua M. Schlank erhielten noch außerdem 150 Gulden niederl. Wertes, d. h. mehr als 320 Frank, jede an Brautgeschenken aus der Chalukah. Ich könnte noch kurz auch die übrigen Daten der mir vorliegenden Abrechnungen wiedergeben, sogar noch manchen .Kommentar hinzufügen, glaube aber, daß meine Leser mi dem Wenigen schon übergenug haben. Jedoch muß ich betonen: die Institution ist cs, die ich angreife, die Personen, um die es sich handelt und die nur in Empfang nehmen, was die Herren in Amsterdam, M. de Lima. W. S. Rubens jr., I. L. Lehren, M. I. Goldschmidtson und D. Abrahams, ihnen überweisen, sind mir sehr gleichgiltig. Die Amsterdamer Herren quittieren über , die ihnen zu diesem Zwecke eingehenden Gelder unter der Rubrik „für vn p n oro — die Gesamtheit palästinischer Armer. — bestimmte Stimmen." Das schrieb ich vor sieben Jahren Und habe nicht versäumt, Sorge dafür zu tragen, daß meine Anklage auch dort gelesen tvurdc, wohin sie gerichtet war. Eine Antwort ist nicht erfolgt, obwohl ich nicht ermangelt habe, Namen und Zahlen deutlich und klar zu nennen. Einer Antivort hätte es auch nicht bedurft, die Herren, die in Amsterdam schlecht über die-Jcrusalcmcr Verhältnisse unterrichtet sein mögen, hätten aus meiner Schrift ersehen müssen, daß in Jerusalem eine jüdische Bevölkerung von beinahe 60 000 Seelen im elendesten Elend schmachtet, während nur die kleine Zahl, die ungarische Chalukah beziehen, die wenigen, die es verstehen, von der amerikanischen Chalukah Vorteile zu ziehen, und endlich die nach orientalischen Verhältnissen wohlhabenden deutsch-holländischen Juden ohne Existenzsorgen sind. Sonst aber ist das Elend der Inden im heiligen Lande, abgesehen von Jaffa und den Kolonien, ein so entsetzliches, ein so himmelschreiendes, daß es das Mitleid empören muß, wenn es sicht, wie die für die Gesamtheit palästinischer Armen bestimmten Unterstützungen das Familienprivilegium eniger begüterter Geschlechter sind, die es am allerwenigsten bedürfen. Wer jemals das ganze entsetzliche Elend, die grausenhafte Armut mit angesehen hat, in der die weitaus größte Majorität der Jerusalemer Juden dauernd lebt, ein Elend, von dem sich der ostelbische Hufensklave und der obdachlose Bettler auf den Straßen Berlins keine entfernten Vorstellungen machen können, ben muß es in tiefster Seele empören, daß unter dem falschen Vorwände der Frömmigkeit, weil es der fromme Stifter so eingerichtet hat, die Armengelder, die auch von den Armen kommen, an eine kleine wohlherbende Landsmannschaft vergeben werden, die zum Teil auch nur fingierte Landsleute der deutschen und holländischen Juden sind. Und wiederum liegt die neueste Abrechnung der deutschholländischen Chalukah vor uns. gezeichnet von den Herren M. S. Rubens, N. I. Goldschmidtson, D. Abrahams und B. E. Eitje als Pekidim und Amarkalim der israelitischen Gemeinden des Seiligen Landes zu Amsterdam. Es wurden danach 32 789,64'/- ulden niederländischen Wertes eingenommen, bon denen 32 441,90 Fr. an 58 Mitglieder der deutsch-hollältdischen Gemeinde zur Verteilung kamen. Bon diesen Almosenempfängern waren 5 Bergmann mit zusammen 3179,70 Fr., 3 Halberstadt mit zusammen 2359,70 Fr., 3 Licbrecht 1066,35 Fr., 4 Hausdorff mit insgesamt 2729,36 Fr., 9 Lilienthal mit in Summa 6094,20 Fr., 7 Sachs mit im ganzen 3617,85 Fr., 7 Schlank mit zusaminen 6031,20 Fr. an Armengeldern. Einzelne Almosenempfänger konnten über ganz erkleckliche Renten quittieren, so Abr. Benj. Bergmann über 1063,66 Fr., Nachum Bergmann über 1401,80 Fr.. M. N. Elb 1296,06 Fr., Benzion Coronel 926,75 Fr., Mord. S. Hausdorffs 1248,16 Fr., Mos. Lilienthal 1047,25 Fr., Jechiel Lilienthal 1666.36 Fr.. B. A. Sachs 1110,90 Fr.. Josua M. Schlank 1481,20 Fr.. Jacob Joseph Schlank 1110,90 Fr.. N. L. Zellniker 926,76 Fr. Außerdem erhielten die Töchter des I. H. Zellniker, Jechiel Lilienthal und Moses Lilienthal je 150 Gulden, d. h. jede mehr als 320 Francs Brautgeschenken. Wir müsien gestehen, daß diese Abrechnung, die eine Erhöhung der Gesamtsumme und der Einzelquoten ergibt, uns im hochstenMaße überrascht. Wir waren der festen Ueberzeugnng, daß es genügen würde, die Amsterdamer Herren einmal öffentlich auf das Unstatthafte ihrer Armenvertvaltung aufmerksam zu machen» um wenigstens in etwas die Uebelstände zu mildern. Das ist nicht gescheheil. Es lvird fortgewurstelt. Es werden weiter die Armengelder den Armen vorenthalten und das System der Verderbnis 'fortgesetzt. Voll neuem richten wir daher an die Herren, die sich in Amsterdam die Wächter lind Hüter der jüdischen Gcmcindeil im alten Heimatlande zll sein rühmen, die dringende Aufforderung, endlich dafür zu sorgen, daß die Armengelder zur Linderung der entsetzlichen Not der jüdischeil Vevölkernilg in Palästina verlrandt werden. Wenn >vir alich zngcben müsien, daß die christliche Chalukah, die übrigens viel größer ist, als die jüdische, in keiner Weise besser als diese Verlvaltet wird, lvcnn dort die Dränge! sogar noch viel größere und handgreiflichere silld, so sind wir doch in der glücklichen Lage, über solche Mäilgel bei uns hinlvegsehen zu können. Das Elend ist zu groß, um noch künstlich von uns durch die Pfennige nilsercr Frauen vermehrt lverden zu dürfen. („Jüdisck)e Rundsäian".) ' D r. H e i n r i ch L ö lv e. Eine Dichterliebe. Eine interessante Episode aus dem Lebest des DicksterD Ri f o I a i! s Lena tt, denen anndertster Gevurtsw" in feinem Heimatlande Ungarn feierlich begangen wurde, dürfte gerade jetzt von Interesse seilt. Eines Abends im Jahre 1833 traf Lenau in eitler entlegenen Straße des damaligen Judenbiertels m Wien einen polnischen Juden, welcher, das bleiche Gesicht dem Monde zngekehrt, unverstältbliche Worte vor sich hinmurmelte, von Zeit zu Zeit seinen Kaftair schüttelte und in die Höhe hüpfte. Der Dickster trat an ihn heran und befragte ihn nach seinem Tun« „Ich bete," gab ihtn der Jude zur Antwort, „man nennt das den Mond heiligen, indem man iljn zur Hilfe ruft gegen Feillde und Neider." Leitau trat mit dem Manne in ein lebhaftes Gespräch 'intb wurde zum Schlüsse zum Besuch der kleinen politischen Synagoge cingelndett. Ant Kolnidre-Abend suchte der Dichter das Heilte, in einer ettgen Straße gelegene Gotteshaus auf, wo „die echten Kinder des Ostens" in ihren weißen Grabgeivändern beteten. Während gerade cur herrlicher Gesang angestimmt wurde, tvarf Lenau einen Blick auf die ntebere Gallerie, auf der sich die Frauen befanden und entdeckte hier einen schönen Mädchenkopf von lvundcrbarer Sanftmut, bleich, von schwarzen Flechten umrahmt, der ihn zugleich entzückte und rührte. Als der Gottesdienst zu Ende war, folgte er dem reizetlden jüdischett Mädchen, das an dem Arme' eines alten Mattnes den Heimweg aittrat, bis zu dem alten halbverfallenen Hause, in dem die beiden wohnten und kehrte dann heim, um die Nacht hindurch bis ztnn Morgen auf seiner Geige die melodienrcichen. ergreifenden Weisen des Kol-Nidre-Abends nachznspielen. Seit diesem Abend ging Lenatt täglich, wenn es dunkel geworden, an denn Hanse vorüber, in >riti dos schöne Mädchen ivohnre. Ihr alter Vater hatte einen Trödlerlajden zu ebener Erde, ein tteines Gewölbe, angefüllt mit allett möglichen Dingen. Eines Abends trat der Dichter eilt uttd begann, die Bücher, lvelche int einer Ecke lagen, ztt besichtigen. Das junge Mädchen, das sich Esterka Axamit nannte, zeigte und empfahl ihm verschiedene Werke lind verriet dabei viel Bildting und Urteil. Es währte nicht lange lind Lenau tvar täglicher Gast in dem flcinen Trödlerladen. „Wlas haben Sie da für ein Buch?" fragte er sic eines Tages. Sie reichte tfytt den Band lind er entdeckte zu seiner lleberraschung, daß es seine eigenen Gedichte waren, mit denen sich die schöne Jüdin beschäftigt hatte. „Gefallen Ihnen diese Gedichte?" fragte er rasch. „Gewiß," erwiderte das Mädchen. „Ich glaube, sie müssen jeben ergreifen. Der Dichter scheint recht unglücklich zu sein." „Sie tonnen recht haüctt, Esterka," sagte Lenau, „ich selbst bin es, der diese Verse gemacht hat." Da das schöne Mädchen ihn halb erschreckt, halb zweifelnd ansah, zog Lenau lächelnd scinen Reisepaß hervor lind zeigte ihr denselben. Jetzt, wo sie daran glauben mußte, daß er der Dichter der Schilflieder lvar, lvelcher ihr gegenüberstatld, wich sic fast ehrerbietig zitrück und ihre dmtklen Augen hingen mit kindlicher Begeisterung an seiner» farblosen, düsteren Antlitz. Lenau hatte sich indes atr dem kleinen Tische, auf dem die Kerze brannte. uiedergelassen und begann, während er die Hand über die Augen legte, Esterka einige seiner neuen noch ungedruckten Gedichte vorzutragen. Sie hörte stumm, tief ergriffen zu und als er sie an diesem Abeird verließ, zögerte sie, ihm wie sonst die Hand zu reichen. So vergiltg eilt Jahr und wieder rückte die Zeit der großen jüdischen Feste heran. Lenau wollke einmal eine Laubhütte sehen lind Esterka führte ihn mit der unschuldigen Miene eines Kindes in die ans grüitem Laub «"-haut" mit Blumen und Früchten geschmückte Hütte. In dieser Stunde gestand er dem Mädchen zum erstenmale, daß er sie liebe. Sie schien weder erschreckt noch verwundert und murmelte: „Ich bin so glücklich, zu wissen, daß ich etwas in Ihrem Leben bedeute, aber das ist auch alles. Niemals können wir uns allgehören» alles trennt uns, vor allem mrser Glaube. Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen: Als Bogdan Hmielnizki, der Kosakenhetman, seinen Rachczug gegen Polen uttternahm. das Land weithin verlvüstete» Städte lind Dörfer plünderte und nicderbrannte, den polnischen Adel schlachtete, fielen auch mehr als fünfmalhunderttausend Juden unter dem Schwerte der Kosaken. Viele Tausende flohen in die Nachbarländer und damals war es auch, wo meine Ahnen hier eine Zufluchtsstätte sandelt. Ein Kosak hatte ein schönes Judenmädchen gcralibt und wollte cs zwingeil, sein Weib ztl werden. Als die Unglückliche sah. daß es für sie keilte Rettung gab, beschloß sie, lieber zu sterben, als den Glauben ihrer Väter abzuschwören. Sic bot dem Kosakeit all, ihn: eilte Salbe zu bereiten, deren Gebrauch ihn schllßlnld hiebfest machen werde. Nachdem sie dieselbe bereitet hatte, bestrich sie sich mit ihr und forderte den Kosaken auf, seine Pistole ans sie nbznschießen. Er tat es und das Mädchen sttirzte totlticder. Und diese Geschichte sagt mehr als tausend Worte . . . ." Leltau gab ihr recht. Er kam nach wie vor in den Trödlerladetr und schien zufrieden, wenn Esterka ihm einen Blick schenkte. Eines Tages nahm er jedoch plötzlichen Abschied. „Wohill gehett Sic. weshalb wollen Sie mich verlassen?" fragte Esterka, die noch bleicher geworden war. „Ich kann nicht mehr," murmelte Lenau, „ich liebe Dich zu sehr." Da legte die schöne Jüdin die Anne um ihn mtd zum erstenmal berührten sich ihre Lippen. „Jetzt gehen Sie," flüsterte sie, „lebett Sie " ohi (inim" I" 'ri-’u warf rasch ein paar Verse auf eilt Blatt Papier, reichte dasselbe Esterka und eilte dann davon. Sie aber las, während Tränen ihre Augen verschleierten: Und als ich mußte scheiden Und gute Nacht Dir bot. Wünscht ich bekümmert beiden Im Herzen uns den Tod. Bücher-Anlauf. Mit vornehmer, künstlerisch-literarischer Festschrift feiert das ..Ferienheim" seinen Eintritt ins elfte Jahr seines Bestandes. Es begnügt sich nicht damit, Rechenschaft zu geben über sein zehnjähriges Wirken, in welches bekanntlich auch die Errichtung des in einem prachtvollen Parke gelegenen, aus einem ehemaligen Schlosse in einen Sommeraufenthalt fürKinder umgestalteten „Kaiser Franz Joses-Ferienheim" fällt, sondern läßt die hervorragendsten literarischen,musikalischen.künstlerischenund yumanitärenPersönltchkeiten ihre Fürsprache für die Ferienkolonien und für Kinderpflege im allgemeinen entlegen. Der Einladung der Präsidentin des „Ferienheim", Frau Sofie Grünfeld, nachkommend, haben Schriftstellerinnen mtd Schriftsteller, Maler und Malerinnen, Musiker, Aerzte, Philosophen und Theologen, darstellende Künstlerinnen und Künstler mit Worten, mit Noten oder mit Zeichnungen einen tiefergrelkend m Appell an die denkenden und fühlettden Menschen gerichtet, um ihnen die Notwendigkeit der Kinderfürsorge, den Wert der Kolonien, die Pflicht, den Armen beizustohen, ans Herz zu legen«