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Jüdisches Volksblatt · 1902-11-28 · 48 (28.11.1902) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
48 (28.11.1902)
Date
1902-11-28
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 48 Wien, Freitag Jüdisches Volksblat.t Seite 5 28. November 1902 „Lieber Herr Selig,nan! Es freut mich immer, von Ihnen etwas über irgend einen Gegenstand zu hören, aber cs war für Sie nicht nötig, meine Entrüstung in Betreff der rumänischen Grausamkeiten (atrocities) AU errege«. Sie sind einfach monströs und rütteln die zivilisierte Welt auf. Ich habe soeben das „Rumänische Bulletin" von London erhalten und man hat kein Dokument, das ihm cm Grausamkeit nahekommt, gesehen, seit der Reihe von Gesetzen, durch welche Ludwig der Vierzehnte die Hugenotten verfolgte. Aber selbst diese, welche mair für den Gipfel der Grausamkeit hielt, lverdcn durch die im „Bulletin" mitgeteilten übertroffen. Ich kann nicht glauben, daß rechtlich denkende Rumänen oder die zivilisierten Mächte erlauben können, daß dieser Zustand der Dinge fortdauert. Es erscheint als eine offene Verweigerung (defiailce) von Recht, Gerechtigkeit nnd gewöhnlichem Anställde. Wollen wir das Beste hoffeli. Sie erinnern sich dessen, daß, tvas die Sklaverei in unserem eigenen Lande betrifft, cs gerade vor dem Anbruche des Tages am dunkelsten war und so ist cs in vielen anderen Fällen und bei vielen anderen Nationen gewesen. Die Vereilligtcn Staaten fiitb nicht ohne Schuld bei der Behandlung einiger ihrer Bürger gewesen, aber sie habe»! ihr Unrecht in großer« Maßstabe gutgemacht und werden es bald vollstärrdig tun. Wollen wir dasselbe für Rumänien erhoffen. Die Rumänen, mit denen ich bekannt bin, siird Männer von hohem Charakter und ich kann nicht glauben, daß sie sich rechtlichen Maßregeln zur Verbesserung der Lage ihrer hebräischen Mitbürger widersetzen werden. Was die von Ihnen vorgeschlagene Methode anbetrifft, so will ich darüber Nachdenken und, tvenn sich eine Gelegenheit bietet, dieselbe anzuwenden versuchen, obgleich ich fürchte, daß es kaum möglich sein wird, es zu tun. Mit vielen freundschaftlichen Grüßew an Ihre Familie und Sie selbst sowie mit meinen ernstlichsten Wünschen für die gute Sache, die Ihr Brief unterstützt, verbleibe ich aufrichtig der Ihrige. (gez.) And. D. White." Der Botschafter tritt also für seine Person vollständig für die Sache der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit ein. Ob er der Anregung des Briefschreibers gefolgt ist, kann aus dem Inhalte der Antwort nur vermutet tverden. Diese Vermutung dürfte in die negative Richtung fallen. Was das „Rumänische Bulletin" anlangt, so ist dasselbe lediglich eine Aufzählung aller seit etwa zwanzig Jahren gegen die Juden Rumäniens erlassenen Gesetze, die vornehmlich darauf abzielen, ihnen die Erwerbsmöglichkeiten zu erschweren und den Unterricht in beit öffentlichen Schulen zu sperren. London. Vor einigen Tagen hat sich hier ein F r e m d e n« verteidigungs-Komitee gebildet, das sich die Aufgabe stellt, Dokumente und Aussagen zu sammeln, die gegen eine Einschränkung der Einwanderung sprechen. In der konstituierenden Sitzung haben Redner aus verschiedenen großen Städten des Königreiches der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß Männer von angesehenem Namen und in hohen Stellungen sich ihren Bestrebungen anschließen werden, und daß die in allen Teilen des Landes zum Schutz der Fremden sich bildenden Bereinigungen sich dem neuen Komitee zu einem großen Verein verbinden. Zu einer demnächst abzuhaltenden öffentlichen Versammlung.werden die Vorstände von Wohlfahrtsvereinen Einladungen erhallen. Auch in Birmingham hat eine Versammlung von Mitgliedern jüdischer Wohltät'gkeits- und geselliger Vereine stattgefunden, die gegen die vor der Einwanderungskommission deponierten judenfeindlichen Aussagen protestieren wollen. AuS Rußland. Der „Morning Leader" schreibt: Die Gesetze gegen die Juden in R u ß l a n d sind so drastisch geworden, daß eine Spezialverordnung ihnen den Besuch der Mineralbader verbietet. Die jüdischen Kaufleute erster Gilde, welchen das Reisen außerhalb des Ansiedlungsbezirkes erlaubt ist, dürfen die Badeorte nur vesuchen, wenn die Pässe den Vermerk tragen: .Ohne das Recht, vom Mineralwasser zu trinken." — Ende August reisten 170 Auswanderer unter Führung des Kolonisten K a k o w i ch von G r o d n o ab, sie reisten nach den Argentinischen Kolonien, die der I. C. A. gehören. Mr. F e i n b e r g, ein Mitglied des Auswanderungskomüees, war beider Abreise anwesend. — In Sims ero- P o l hatte der Gouverneur der Krim, Kammerherr T r e p o w, kürzlich eine merkwürdige Frage zu entscheiden. Der Bischof von Simferopol hatte erfahren, datz eine griechisch-orthodoxe Dorfgemeinde in der Krim den Bau ihrer Kirche einem jüdischen Unternehmer übertragen hatte. Der Bischof war mm der Ansicht, -ein Jude dürfe keine orthodoxe Kirche bauen, und wandte sich an den Gouverneur mit der Bitte, den Kirchenbau zu untersagen. Dieser lehnte es aber ab, den Wunsch des Bischofs zu erfüllen; er erklärt, so lange eine Kirche nicht eingeweiht ist, stelle sie kein Heiligtum dar. und die russischen Gesetze enthielten keine Bestimmung, die den Juden den Bau ein^s griechisch-katholischen Gotteshauses verbiete. Berlin. Das neueste Heft der „Zeitschrift des königlich preußischen statistischen BureauS" bringt in einem Allfsatz über Un i v e rsi tat s b e su ch und Studentenschaft auf d e n p r e u ß i s ch e n resp. d e u t s ch e n H o ch s ch u l e n i n t eres s a n t e Daten über den Anteil d e r I u d e n. Die wichtigste und merkwürdigste Feststellung ist der Rückgang der Zahl der jüdischen Studenten. Derselbe macht sich schon auf den höheren Lehranstalten geltend, denn während die letzteren im Jahre 1890 noch von 8,94 Perzent jüdischen Schülern besucht wurden, waren es im Jahre 1900 nur noch 7,56 Perzent. Auf den Universitäten stellen sich die entsprechenden Zahlen folgendermaßen: im Jahre 1890 jüdische Studenten 8,98, im Jahre 1895 8,87, irn Jahre 1900 nur 8,11. Dieser Rückgang ist ohne Zweifel auf die sinkende Geburtenziffer unserer Glaubensgenoffen zurückzuführen, tvas zu schweren Bedenken auch sonst Anlaß gibt, tvenn es auch mit dem Verlangen nach sozialer Sicherstellung zusammenhängt. Ganz besonders überwiegend ist der Anteil der Juden an dem medizinischen Studium: denn sie lieferten für diese Fakultät im Jahre 1890 18,65 Perzent, im Jahre 1896 17,07 Perzent, endlich im Jahre 1900 14,00 Perzent. Der schnelle Rückgang ist wohl auf die schlechte wirtschaftliche Lage der Mediziner zurückzuführen, denn gerade der ärztliche Berits ist stark überfüllt. Was aber deti speziellen Anteil der Juden cm diesem Berufe angeht, so finden wir darüber in der Veröffentlichung des amtlichen statistischen Bureaus eine Beinerkung, welche zlvar eine alltägliche Wahrheit enthalt, aber doch gerade an diesem Orte doppeltes Geivicht hat. Es heißt itämlich auf Seite 82 tvie folgt: „Ueberdies gewährt den Juden ihre Ansässigkeit in größeren itnb mittleren Städten, welche sie bevorzugen, bessere Gelegenljeit, die Söhne auf höhere Lehranstalten zu schicken, tvovon die Folge dann auch eine regere Beteiligung am Studium ist. Dazu kommt noch der Umstand, daß in Deutschland dem Inden das Eintreten in einige Berufe durch daL herrschende Vorurteil außerordentlich erschivert, ja mitunter unmöglich gemacht wird, so beispielsweise in den Offiziersstand. Daraus erklärt sich auch die Vorliebe der Inden für das Studium der Medizin. Schon als Jurist kann der Jude ein gutes Fortkommen vorzugsweise nur in der freien Berufstätigkeit des Rechtsanwaltes, im Bank-, VersichernngS- und Jndnstriewesen finden, was nicht eines jeden Fähigkeit und Neigung entspricht; als Einzelrichter wenigstens werden Juden in der Regel nicht bestellt. In der philosophischen Fakultät wird er auch nicht häufig auf eine Lehrtätigkeit au e,ner höheren Schule hinstreben. Es bleibt ihm für uneingeschränkte wissenschaftliche Betätigung meist nur die Medizin. Allerdings ist wohl anzunehmen, daß dieser Neigung zum Studium der Medizin eine besondere Veranlagung der israelitischen Rasse für dieses Gebiet entgegenkommt; es ist auch Tatsache, daß unter unseren berühmten Aerzten sich nicht wenig Juden befinden. Auffällig ist der Rückgang der Zahl der jüdischen Studierenden. Der Grund dafür ist nicht in einem sinkenden Interesse für das Studium zu suchen, sondern Wohl ausschließlich in der Abnahme der jüdischen Bevölkerung Preußens überhaupt." Nicht ohne Interesse ist auch ein Vergleich der Stipendien und sonstigen Vergünstigungen, welche die Studierenden der verschiedenen Religiousbekenntuisse genießen. Er lehrt, daß die Zahl der jüdischen Studenten, welche Stipendien und Stundung der Kollegieugelder in Anspruch nehmen müssen, sehr groß ist und dabei sind nur die öffentlichen Vergünstigungen, nicht aber die von Privaten gewährten Unterstützungen gemeint. Vom Orientasistenkongreffe in Hamburg. Aus der allgemeinen semitischen Sektion seien einige Vorträge i» ihren interessanten Resultaten wiedergegeben. Rabb. Prof. Dr. G- Klein-Stockholm besprach einige Stellen des Büches Daniel. Er suchte uachzuweiseu, daß eine Reihe von Stellen im 2.» 4. und 7. Kapitel sich mit Sicherheit ans den Tyrannen Antiochus Epiphanes von Syrien deuten lassen. Er sei der Antichrist, gegen den sich der ganze Haß des jüdischen Volkes wende. In Verbindung damit lvies Dr. Klein am Schluß auf den innigen Zusammenhang zwischen dem Buch Daniel und der johanneischen Apokalypse hin. Im Gegensatz zu der herrschenden Meinung, die die symbolische Zahl 600 in Apok. 18,18 auf Nero Caesar deutet, erklärte er sie vielmehr als übereiustimmeud mit dem Zahleuwert der Buchstaben in dem hebräischen Gajus schikkuz. Das bedeutet aber: „Gajus, der Gegenstand religiösen Abscheus." Mit dieser Person ist nun eben nicht Nero, sondern Caligula (eigentlich Gajus Caesar Germanicus) als der Antichrist des 13. Kapitels der Apokalypse erwiesen. — Prof. Grimme-Freiburg (Schweiz) stellte in seinem Vortrag: „Der ursemitische Ablaut" die These auf, daß der Ablaut in den semitischen Sprachen noch viel zu wenig berücksichtigt werde. Dieser sei das eigentlich Unterscheidende zwischen semitischen und nicht semitischen Sprachen; auf ihm nnd seinen Folgeerscheinungen müßte jede semitische Grammatik aufgebaut werden. — Ausführlicher mögen die beiden Vorträge des Herrn Prof. Nestle-Maulbronu zur Wiedergabe gelangen. Er begann mit einem Referat über das Vorkommen eines Baal tetramorphos, d. i. eines viergestaltigen oder besser vierköpfigen, viergesichtigen Baal. Dieser Baal finde sich, sogar in der Bibel angegeben, wenn auch nur in der syrischen Uebersetzuug. Kirchenväter späterer Zeit sehen diesen vielgestaltigen Baal als bekannt voraus. Wir finden ihn auch angedeutet im 1. Kapitel des Ezechiel. Dort heißt es Vers 10 von vier Tieren mit je vier Gesichtern: „Vorn, ein Menschengesicht, auf der rechten Seite ein Löwengesicht, auf der linken Seite ein Stiergesicht und ein Adlergesicht nach innen zu." Das ist das Gleiche, was die Offenbarung Joh. Kap. 4, 7 von den vier Tieren sagt. Die bei Ezechiel jedem der vier Wesen zugeteilten Gestalten verteilen sich hier auf je eins. Beides, die ezechielische und die johanneische Auffassung findet sich dann, etwa vom 6. Jahrhundert an, in den bekannten Symbolen der Evangelisten wieder, von denen Matthäus als Mensch, Marcus als Löwe, Lucas als Stier und Johannes als der Adler dargestellt wird. So erkennen wir, wie diese Symbole der Evangelisten sich einfach auf heidnischen Semitismus zurückführen lassen, auf den Baal tetramorphos. — Es folgt der zweite Vortrag von Prof. Nestle: „Die große Cambridger Septuaginta." Zum besseren Verständnis legte der Vortragende ein Specimen dieser neuen Septuaginta-Ausgabe vor und verteilte dasselbe in ausreichenden Exemplaren unter die Versammelten. Die Septuaginta ist jene erste Uebersetzung des Alter: Testamentes, und zwar irr griechischer Sprache, die irr neuem Gepräge derr griechisch gebildeten Juden den Glauben nnd das literarische Erbe der Väter vermittelte. Sie wurde für Jahrhunderte zur eigentlichen Erkenntnisquelle der ersten Christenheit; sie wurde dann aber auch höchst wichtig für die Kritik und die Geschichte des Alten Testamentes. Die große Bedeutrrng eines solchen Werkes liegt demnach ans der Hand. Wer sich wissenschaftlich mit dem Alten Testament beschäftigen will, gebraucht neben dem hebräischen Urtext unter allen Umständen auch eine Ausgabe der Septuaginta. Der berühmte Theologe nnd Orientalist August Dillmann pflegte einzelne seiner Studenten zu fragen: „Hast du eine Septuaginta? Wenn nicht, so gehe hin, verkaufe, was du hast und kaufe dir eine Septuaginta!" Aber, meinte der Vortragende, wenn dieses Wort heute noch berechtigt sei, so erhebe sich die weitere Frage: „Ja, welche Ausgabe denn?" Nun, tvenn die jetzt im Erscheinen begriffene neue Ausgabe vollendet sei, dann könne die Antwort nicht mehr zweifelhaft sein. Wie die große englische Ausgabe der Septuaginta von Holmers und Parsons (Oxford 1798—1827), wie auch die letzte englische Ausgabe, die kleine, Cambridger Ausgabe von Swete, so lege auch The fortheornnrg' Cambridge Septuagint den Kodex Vatikanus zugrunde. Indem die Herausgeber zunächst ein Probestück veröffentlichen, wollen sie die Kritik herausfordern, um mit ihrer Hilfe ettvgs wahrhaft Gutes zu schaffen. Prof. Nestle ist der Ueberzeugung, daß gerade der Orientalistenkongreh berufen sei, solche Kritik zu üben, um seinerseits damit den Herausgebern A. E. Brooke und N. MeLean, wie dem großen Werke selbst zu dienen. Er schließt sofort seine eigene Kritik an. Sie besteht nn wesentlichen darin, daß der genaue Abdruck des alten Kodex mit allen seinen Fehlern, mich den rein orthographischen, gleichsam mit Haut und Haaren, falsch sei. Kleinigkeiten, die längst als richtig erkannt seien, müßten entweder im neuen Text fofort verbessert oder das Richtige wenigstens an den Rand gedruckt werden. In der Diskussion, die sich recht lebhaft gestaltete, wurde den Ausfiihrnngen des Vortragenden wärmste Zustimmung ausgesprochen, aber auch der Meinung Ausdruck gegeben, daß der genaueste Abdruck des alten Kodex, auch mit all seinen Fehlern, durchaus berechtigt und nottvendig sei; denn die Grenze, wo die Kleinigkeiten aufhörten und Wichtiges anfinge, sei allzu schwer zu ziehen. Aus der Mitte der Versammlung würben gleichzeitig auch noch neue Verbesserungs-Vorschläge, insbesondere hinsichtlich der Akzentuation gemacht. Die Versammlung beschließt sodann, die Vorschläge Prof. Nestles in einer l>esonderen Kommission riit prüfen. Diese habe ihr Ergebnis in einer der nächsten Versammlungen kuudzugeben. Jüdische Kolonien kn Rußland. Der russische Schriftsteller A. Zinnovar, welcher vor kurzem die jüdischen Ackerbankolonien in den Gouvernements Beßarabien und Podolien besucht hat, berichtet in einer interessanten Artikelserie im „Odeffki Listok" über seine Wahrnehmungen. Darnach bestehen in jenen Gouvernements elf landwirtschaftliche Ansiedelungen, von denen einige, wie Dombrowen und W'ertison, große Dörfer mit 360 resp. 260 Familien darstellen. Im Gegensatz zu den auf Kosten nnd mit Hilfe der Regierung begründeten Kolonien in den Gouvernements Cherson und Jekaterinoslaw sind die in Beßarabien und Podolien ureigene Schöpfungen der Inden, von Begüterten ans Neigung zum Ackerbau errichtet. Dieselben verraten denn auch in ihrer äußeren Anlage, in den schindelgedeckien Wohnhäusern, den umfangreichen Scheunen nstv., einen gewisse» Wohlstand. Die Margesetze von 1882 haben auch auf die Situation dieser Kolonien sehr nachteilig eingewirkt. Viele der Insassen haben eigenes Land überhaupt nicht besessen, sondern gepachteten Boden bearbeitet. Andere, welche ursprünglich genügend eigenes Terrain besaßen, waren in der Folge durch den starken Fanrilienznrvachs gezwungen, Areal hinzu zu pachten. Die Maigesetze, welche bekanntlich den Jrrden das Pachten vorr Grrrnd rnrd Boden verbieterr, ließen diesen Kolonisten keine andere Wahl, als ein Handlverk zrr erlernen oder als Taglöhner ihr Leben zu fristen. Ilm sie vor völligem Untergänge zu bewahren, versucht die Jewish Eolonization Association denselben, da sie Extensiv-Wirtschaft nicht treiben können, zu einer Jniensiv-Wirtschaft zu verhelfen. Deshalb wird seit einer Reihe von Jahren in diesen jüdischen Kolonien unter Leitung geschulter Agronomen Wein, Obst, Gemüse und namentlich Tabak gebaut. Das Obst tvird mit modernen Maschinen gedörrt nnd in England sehr vorteilhaft verkauft. Der Tabak ist imstande, seinen nur ivenige Hektar besitzenden Pflanzer reichlich zu ernähren. Berlin. Der deutsche Konsul in Haifa erwähnt die palästinensisch-jüdischen Kolonien in feinem letzten Jahresbericht mit folgenden Worten: „Trotzdem das Jahr 1901 eines der ungünstigsten in letzter Zeit tvar, gingen in den landwirtschaftlichen Verhältnissen große Veränderungen vor. Die Jewish Eolonization Association, all welche die von Baron von Rothschild in Palästina gegründeten Kolonien abgetreten worden sind, ist bemüht, durch rationelles Vorgehen und Ankauf weiterer Ländereien, vorwiegend bei Safed und Tiberias, ihr Unternehmen nicht allein zu vergrößenr, soildern auch Nutzen daraus zu ziehen. Ackergerätschaften modernsten Systems werden vertvendet und mit der Bebauung in systematischer Weise vorgegangen." Köln. Das „Zentralkomitee der zionistischen Vereinigung für Deutschland" hat, entsprechend du Beschlüssen des Mannheimer Delegiertentages, die Errichtung von fünf Distriksbureaus in Deutschland beschlossen. Diese Bureaus sollen ihren Sitz in Berlin, Hannover, .Köln, Mannheim und Strnßbnrg haben. Jedem Bureau sind die Gruppen eines bestimmten Teiles Deutschlands zugewiesen, so ist.beispielsweise das Bureau Berlin zuständig für die zionistischen Gruppen in Ost- und Westpreußen, Pommern, Posen, Schlesieil und Brandenburg. — Der nächste Delegiertentag wird im Frühjahr 1903 in Hamburg stattfinden. Die Vorbereitungen leitet ein Komitee bestehend aus den Herreu Dr. Klee-Berlin, Dr. Gronemann-Hannover, Gustav G. Cohen-Hamburg, Dr. Frank-Altona und Dr. Kalmus-Lübeck. Neue Ortsgruppen wurden in ben letzten vierzehn Tagen gegründet in Oberschlesien in Preiskretscham und Groß-Strehlitz (beide von ben Gleiwitzer Zionisten), in Hessen durch die Gruppe Mainz in Groß-Gerau, in Elsaß-Lothringen durch Dr. Dannenberg-Straßburg in Colmar. Eine größere Agitationsversammlung fand in Freiburg i. Br. statt, in der Privatdozent Dr. Pasmanik über „Die soziale Bedeutung des Zionismus", sprach. New-Aork. Die starke rumänische Einwanderung in Amerika hat, wie bereits mitgeteilt, zu der Bildung einer großen Anzahl rumänisch-jüdischer Vereine in den großen Städten der Vereinigten Staaten geführt. Vor kurzem fand in Milwaukee eine Konferenz dieser Vereine statt, um über die wirksamste Art zu beraten, die Kolonisation der rumänisch-jüdischen Einwanderer in der Union zu bewerkstelligen. Dreißig Delegierte hatten sich eingefunden und das Ergebnis war die Schaffung einer gemeinsamen Organisation zur Unterstützung der einwandernden rumänischen Glaubensgenossen. — Während des Monats August sind im hiesigen Hafen 6953 Juden gelandet; davon waren 3068 aus Rußland, 1732 aus Oesterreich-Ungarn, 1078 aus Rumänien, 40 aus der Türkei, 33 ans Deükschland, 16 aus England, 10 aus Bulgarien, 6 aus anderen Ländern. Diese Ziffern beweisen abermals,'wie groß der Anteil der rumänischen Juden an der Einwanderung ist. Von den Ankönrmlnrgerr blieben 4132 in Rew-York, während die übrigen 1831 ans verschiedene Orte der Vereinigten Staaten sich verteilten. Aus Rumänien. (Eine Lösung der Judenfrage? — Die Juden und die Komnumalwahlen. — Kongreß der antisemitischen Allianz. — Die rumänische National-Liga im Auslande.) Die neue jüdisch-rumänische Zeitschrift „Lumea israelita" bringt einen Artikel von E. San-Cerbu, in welchem hervorgehoben wird, daß der getvesene Minister Carp in intimen Kreisen erklärt habe, falls er wieder die Regierung übernähme, er in folgender Weise die Judenfrage lösen würde: Ein von ihm vorgcschlagenes Gesetz soll feststellen, daß man unter dem Worte „Fremde" nicht die Inden verstehe. In der Tat, das könnte schon eine Lösung sein, denn die schlaue rumänische Gesetzgebung kennt ja keine Juden; die Restriktions- und Ansnahmsgesetze beziehen sich ja nur auf „Fremde". Da aber in Wirklichkeit unter diesen „Fremden" n u r Juden gemeint werden nnd die genannten Gesetze nur gegen die Inden in Kraft treten, so wäre ja der VorschlM Carps wirklich eine Lösung. Nur ist es nicht sicher, ob er, wenn er Minister wäre, Wort halten würde, denn das ist nicht das erstemal, daß er den Juden das Wbrt spricht; seltener geschieht es aber, datz er seine Versprechungen inTaten nmsetzt. Autzerdem kann man mit vollkommener Sicherheit Vorhersagen, daß die rumänische Kammer einen solchen Vorschlag verwerfen würde. Uns lassen solche Versprechungen kalt; wir wiffen, was wir zu hoffen haben. *• Wir Juden müssen wirklich sehr egoistisch veranlagt sein, dem: tvenn wir altruistischer wären, würden wir mit Vergnügen wahrnehrnen, datz die Judenfrage, tvenn sie uns auch sehr unbequem ist, doch vielen bürgerlichen Parteien wunderbare Dienste leistet. So zum Beispiel dient sie der liberalen Partei in Rumänien dazu, um gegen die Opposition der Konservativen in den kommmmlen Wahlen aufzutreten. — Vor einigen Tagen waren die Liberalen verzweifelt. Wäs tun? Wir haben keine Argumente gegen die Opposition und bekanntlich hat die Opposition immer recht. Womit zerschmettern wir unsere Gegner? . . . Mer, es bleibt ja rwch ei» Mittel übrig, nnd zwar das wirksmnste. Und die herrschende Partei ließ mittels der „L i g a a n t i s e m 11 a" ein Manifest verbreiten, in welchem die Konservativen des schrecklichen, schändlichen, haarsträubenden Verbrechens geziehen werden, sie hätten den Juden Sympathie gezeigt. In einer Versammlung in Jaffy habe Cantae ui z i n o die In d e n e in a n z ip a ti o d versprachen, ander-- wärts habe er versprochen, den Judenkindern dasgleicheRecht zum S ch u l b e s rr ch e zu gewähren, tvie es die Rumänen haben. Take I o n e s e u habe die Z e r t r ü nr rn e r rr n g der „ch i n esischen Mauer", andere die Aufhebung des Answer s u n g s ge s e tz e s versprochen. „Bürger! Vergesset nicht, daß diese Partei gegenüber den Juden Verpflichtungen hat! Werdet ihr eure Stimmen denjenigen geben, die gegen die heiligen Interessen unserer rumänischen Nation arbeiten?" In einer Wählerversammlung in Jaffy erstürmten die Tribüne die berüchtigten heißen Apostel des Antisemitismus, unter anderen Frau Helena S e p a st o s, die eine Brandrede gegen Inden rnrd „Verjndete" (in diesem Falle die Konservativen) hielt. Ein Redner protestiert, datz manche Rumäne,r noch die Gewohrrheit

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