Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 48 (28.11.1902)
- Date
- 1902-11-28
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2432763-2432917-2432965--1728-2435517- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 28. November 1902 Nr. 48 ärmeren Glaubensgenossen. Stellen wir diese stetan den Pranger! Juden, seid einig! Tempelbau. Die Kultusgemeinde in Hokowitz, Böhmen, gedenkt im April 1903 mit dem Bau eines Tempels zu beginnen. Zum Baue dieses Gotteshauses sind nachstehende Spenden eingegangen: Von Sr. Durchlaucht Fürst Wilhelm von Hanau zu Hokowitz Kr. 500, Brüder Glaser, St. Louis (durch H. Bondy, Hokowitz) Kr. 200, ein Ungenannter (durch H. Bondy, Hokowitz) Kr. 100, die Glaubensgenossen in Mauth Kr. 30, die Glaubensgenossen in Radnitz Kr. 46, die Glaubensgenossen in Vosek Kr. 20, die Glaubensgenossen in Pkibram Kr. 272, Herr I. N. Münz, Hokowitz Kr. 40, Herr Engelbrecht Men dl, Gutsbesitzer, Kocoar Kr. 100, Herr Dr. L. Steinbach in Amerika (durch Herrn Münz) Kr. 100, Reinerträgnis der von Herrn B o n d y arrangierten Unterhaltung. in Borek Kr. 190-84, die Glaubensgenossen in Postelberg Kr. 39, die Glaubensgenossen in Bkeznic Kr. 44-6O. Weitere Spenden übernimmt der Kultus- Vorsteher Herr Julius Bondy, k. k. Hauptmann a. D. und Fabriksbesitzer in Hokowitz. Der israelitische Frauen-Wohltätigkeitsverein des 8. Bezirkes der Stadt Wien, der sich zur Aufgabe gemacht hat, alljährlich über 100 bedürftige Kinder aus allen Bezirken Wiens mit vollständigen warmen Winterkleidern zu beteilen, veranstaltet seine diesjährige Bescherung cnn Mittwoch den 3. Dezember, nachmittags 4 Uhr, in den Sälen der „Reichshallen" unter den Arkaden (Ecke der Ebendorferstratze, gegenüber dem Rathause). Die gefertigte Vereinsleitung beehrt sich hiermit, an alle Gönner und Kinderfreunde die höfl. Einladung zu richten, sich von der ersprießlichen Tätigkeit des Vereines persönlich zu überzeugen und dieselbe an diesem Feste mit dem w. Besuche zu erfreuen. Hochachtungsvoll Der israelitische Frauen-Wvhltätigkeitsverein im 8. Bezirke. Gedenkfeier. Sonntag den 30. November, 8 Uhr abends, sindet im Festsaale des „Hotel Central", Wien, II., Taborstraße 8, eine Gedenkfeier für den Romancier- Rüben Ascher Brandes statt, zu der hierdurch eingeladen wird. Eintritt frei. Programm: Vorträge: Dr. Bernhard Fuchs, Dr. Bernhard Wachstein. Rezitation: Martin Bnbex, David Roth blum u. a. Musik: Frl. Melli Türk, Max Geiger, Oberkantor f. Oesterreicher, Chor unter Leitung von A. o u b e tz k i. Für das Komite: Dr. N. Birnbaum, Martin Bub er, Dr. Bernhard Fuchs, Prof. D. G r a u b a r t, Hermann M e n k e s, David R o t h b l n m, Bernard Tag, Dr. Bernhard Wach ftein. Aus dem Königreiche Galgoezy. Interessante £&<■**»»> «mg hpm Bereiche des 10. Armeekorps (Przemysl), teilte ein ungarischer Abgeordneter mit: Im Jahre 1901 sind dort vorgekommen: Selbstmorde unter gemeinen Soldaten 80, Selbstverstümmelungen schweren Grades 70, Selbstmorde unter Offizieren 12, Wahnsinns-Anfälle unter gemeinen Soldaten 40; ein Mann hat infolge der erlittenen Mißhandlungen die Sprache und das Gehör verloren; Wahnsinns-Anfälle unter Offizieren. 4, Degradationen von Offizieren 3, Jnoaliditätsfätle infolge von körperlichen Mißhandlungen 10, Desertionen 400 (Unerhört! auf der äußersten Linken), Verurteilungen zu Zuchthaus und schwerem Kerker 725 (Große Bewegung auf der äußersten Linken und Rufe: Unerhört!), Verurteilungen zu Kerkerstrafe wegen Mißhandlung der Mannschaft 48, Preßprozesse gegen Zeitungen 49. Im Jahre 1902 sind vom 1. bis 27. Jänner 26 Selbstmorde vorgekommen. (Lebhafte Bewegung.) Ein schwindlerischer Täufling. Unlängst verübten zwei Individuen zwischen Wien und Preßburg vielfache Betrügereien. Der eine, Franz Keller, wurde letzt in Komorn verhaftet, sein Genosse hat sich geflüchtet.^ Die Wiener Polizei hat mm festgestellt, daß der Flüchtige, der wegen Betrug vielfach abgestrafte Lazar Judavits, in Ungarn geboren ist. Er wurde am 9. d. in Erzsebetfalfa verhaftet. Bemerkenswert ist, daß dieser Täufling seinerzeit dem Weinhauser judenfresserischen Pfarrer Deckert das Material zu dessen Broschüre geliefert hat. Meluik. Die idyllische Ruhe in unserer Kultusgemeinbe wurde dieser Tage wieder einmal durch Wahlen unterbrochen. Wie groß die Teilnahme an denselben ist, bewies ver Umstand, daß sich von 82 Wahlberechtigten 17 einstellten. Es wurden die früheren Dignitäre gewählt. Doch fanden sich unter den 17 Wählern einige, die nach den kurulischen Srühlen schielten. Da jedoch Wählvrversammlung und Anhörung von Kandidaten hier unbekannte Dinge sind, blieb die Sehnsucht jener Ambitionäre, weil unbekannt, ungestillt. Die Konstituierung deS Vorstandes zeigte, welchen Wert die Gewählten auf ihr Amt legen. Keiner derselben wollte das Kassier», Rechnungsführer- oder Tempelvorsteheramt annehmen. Nur nach großen Debatten geschah die »nnähme. Ob die rechten Männer gewählt wurden, wird die Zukunft lehren. In einer der letzten Nummern Ihres geschätzten Blattes wurde die Tätigkeit der früheren und jetzigen Rabbiner verglichen. GS ist aber tatsächlich schwer, heutjulagv in der Predigt Krieg gegen den bisherigen Lebenswandel, Krieg gegen alle eingerissenen Unsitten und verrotteten Zustände zu führen. Amtiert da z. B. seit einigen Jahren in der benachbarten schönen Elbestadt einjunger tatkräftiger Rabbiner, der den besten Willen hat, zu wirken. Am verflossenen 1. Rosch Haschanah-Tage weist er auf den schwachen Tempelbesuch hin. Hierüver unwillige Aeußerungen und am 2. Festtage —noch schwächerer Besuch. Der Rabbiner hält die studierende Jugend zu fleißigem Tempelbesuch an; auch das macht ihn nicht »beliebt"; ja man hört Aeußerungen: „Ich lasse ja doch meine Kinder bald taufen, wozu also die Anstrengung?" Wozu haltet ihr also den Rabbiner? „Ja, unsertwegen müßte er nicht sein, wenn ihn das Gesetz nicht verlangte und wenn man nicht doch manchmal einen Repräsentanten benötigte." Gott besser's Das neue jüdische Spital in Lemberg. In unserer Gemeinde vollzog sich heute ein Akt jüdischer Munifizenz, wie gleihen in den Annalen unserer altehrivürdigen größten jüdischen Gemeinde fast seit deren Bestände nicht zu verzeichnen war. Herr Direktor Moritz Lazarus übergab nämlich der Gemeinde- Repräsentanz unter vorangegangenem feierlichen Aufzuge sein auS eigenen Mitteln erbautes, allen Anforderungen der modernen Technik und der medizinischen Hygiene entsprechendes Hospital zum ewigen Eigentum. Das Krankenhaus, das eine Zierde der jüdischen Gemeinde bildet und die Inschrift ^»»Moritz LazaruS« Spital für Juden" enthält, besteht aus einem stattlichen, 25 Fenster langen Doppelstockwerke, 48 Ubitationen mit 100 Betten Belegraum umfaßt, und liegt längs der ruhigen frequenzlosen Spitalsstraße in der Mitte der Judenstadt mit freiem Ausblicke zur Grodekerstraße. Rückwärts streckt sich ein ausgedehnter freier Raum hin, umgeben von alten hohen Bäumen, der den alten ehrwürdigen Friedhof bildet. Von der ersten Etage des Hauptgebäudes führt ein Ausgang nach einer weiten Terraffe hm, auf der ein flieaenber Garten für Rekonvaleszenten errichtet wurde. In der Mitte des Hauses, im ersten Stockwerke befindet sich ein lichter Operationssaal. Das Gesamtgebäude ist mit unterairdischer Beheizung, Gasleitung, Bädern, Wasserleitung u. s. w. versehen. Da nebstdem auch noch ein sogenannter »Zahlstock" (das ist ein Belegraum für Bemittelte gegen Ersatz der Selbstkosten) geschaffen wurde, wird der jüdischen Bevölkerung daS Wandern indas nichtjüdjsche allgemeine Spital erspart bleiben. Hier wird der jüdische Heilsuchende jüdische Küche, jüdische Pflege und Behandlung seitens jüdischer Aerzte finden. — Der Akt der Uebergabe vollzog sich, wie vorauszusehen war, in der feierlichsten Weise. Nachdem sich die Gemeinde-Honoratioren, die Stadtrabbiner, die Vertreter der Synagogen und der Vereine komplett eingefunden und im großen Saale Ausstellung genommen hatten, erschien der Gründer Herr Moritz Lazarus, begleitet von seinen Töchtern, von der Versammlung ehrerbietigst begrüßt. Der Spender ergriff gerührt das Wort, um in markigen Zugen seine Weltanschauung, das Wesen und die Aufgabe einer großen jüdischen Institution zu schildern, wobei derselbe unter besonderer Genugtuung der Versammlung das jüdische Herz und den jüdischen Wohltätigkeitssinn als sein Ideal von Jugend auf betonte. Der Gemeinde-Präsident Dr. Byk drückte dem edlen Spender in kernigen Worten den Dank der Heilungsuchenden sowie der Gefamtgemeinde aus, worauf die Besichtigung des Hauses unter Anführung des Gründers selbst erfolgte, der während der langen Bauzeit die detaillierte Kontrolle selbst besorgte. Die Gattin des Spenders, die edle Frau Rosa Lazarus, die die gesamte innere Einrichtung aus ihrer Schatulle bestritten hatte, war krankheitshalber leider gehindert, an diesem eminent jüdischen teste persönlich zu erscheinen. Der dem edlen Ehepaare gespendete egen der Gemeinde möge sich bald einstellen. Pbg. Ausland. Berlin. Der hebräisch-literarische Konversations-Verein „Safah B e r u r a h", welchen der hebräische Schriftsteller Joseph L i n vor drei Jabren ins Leben gerufen hat, begann am jüngsten Sonnabend (15. November) seine Tätigkeit im neuen Semester mit einer glänzend verlaufenen Versammlung, die im großen Saaledes Restaurants Krause (früh. „Münchener Hof") Spandauerstraße 11—13 stattfand. Der gegenwärtige Präsident des Vereines, der rühmlichst bekannte hebräische Schriftsteller R. Br a in in, begrüßte die zahlreich versammelten Mitglieder und Gäste und betonte die große Bedeutung der Belebung der hebräischen Sprache als Umgangssprache für die Renaissance des Jndentums. Redner schilderte die erfreulichen Fortschritte der „S a f a h B e r u r a", die immer weitere Kreise heranzieht und zu einem Zentrum aller hebräischen Strömungen in Berlin geworden ist. Die Ansprache des Herrn Brainin war im Hebräischen, wie überhaupt die ständige Vortrags-und Diskussionssprache im Verein ausschließlich hebräisch ist. Nachdem Herr Redakteur Lin im Namen der Anwesenden dem Vorsitzenden für seine opferfreudige Tätigkeit im Interesse des Vereines dankte, ergriff der hiesige Universiräts- Professor Herr Zabludowsky das Wort, um, dem Wunsche des Herrn Lrn nachkommend, den Eindruckzu schildern, den der Berem auf ihn gemacht habe. Gr drückte seine Freude über daö Bestreben des Ber<nneS aus, der die hebräische Sprache zu fördern und zu beleben strebt. Die eigentliche nationale Sprache der Juden fei bte hebräische. Besonders sprach er sich aus gegen die von verschiedenen Seiten erfolgten Versuche, den sogenannten »Jargon" zur Emheirssprache der Juden zu machen. Alsdann ^w-L^txLi®vta.tntÄ bin Referat über »Die Gründung einer lüdlschen Akadenne", emen Plan, den er in letzter Zeit gefaßt und auf den er dre öffentliche Meinung zu lenken bestrebt ist. Redner führte aus, daß eme Organisierung der Judenheit nur durch eine gemeinsame Gesamt-Institution zu erzielen sei, wie eS eine auS den hervorragendsten jüdischen Persönlichkeiten bestehende Akademie sem wurde. Der anregende Vortrag wurde mit stürmischem Beifall ausgenommen. In den Vorstand wurden sodann gewählt: Herr Brainin, I. Vorsitzender; Herr Lin, II. Vorsitzender; die Herren A. M. Gonzar und Bernstein, Schriftführer; Herr Dr. Renz er. Bibliothekar. F—N. Die „N. Züricher Zeitung" briiegt folgende interessante Ausführungen. die wir wiedergeben, ohne uns mit ihnen zu identifizieren, weil sie ein Dokument bilden, wie Arier über die Berliner Assimilationsjuden denken. „ ... Eigenartig ist nun auch, daß Sudermann sich just das „Berl. Tageblatt" als Publikationsorgan ausgetvählt hat. Gewiß. im Leserpublikum dieses Blattes, in den Kreisen der Börse und des Großhandels finden alle Bühnenangelegenheiten eine starke Resonanz; dort ist das eigentliche Berliner Premiercnpublikum au suchen. Aber Supermanns Streitartikel bilden in ihrer Gesamtheit ein vernichtendes Urteil gegen die Art und Weise der speziell jüdischen Geistesarbeit, wie sie in den Kritiken der von ihm am heftigsten angegriffenen Literaten zum Ausdruck kommt. Der von Suderrnann angefachte Streit kennzeichnet sich recht eigentlich als ein Kampf der Nassengegensätze. Ans Seiten der Dramatiker sind nur wenige Inden zu finden, entsprechend der geistigen Eigenart dieser Rasse, die ihre Angehörigen zu rezeptiver und reproduktiver Tätigkeit, also zu den Schauspielerurrd Virtuosenbernfen in weit hervorragenderer Weise befähigt, als zu originaler schöpferischer Gestaltung. Sogar Georg Hirschfeld, eine der nennenswertesten Persönlichkeiten unter den dramatischen Schriftstellern der Gegenwart, hat dies zur Evidenz erwiesen. Dagegen ist im Lager der Gegner, unter den Kritikern Berlins also, der größere Perzentsatz Inden, und lvas dabei das Wesentlichste ist — es sind just sie, gegen welche Sndermann sein schärfstes Verdarnmungsnrteil schleudert. In Maximilian Harden, dem Herausgeber der „Zukunft", der sich früher Isidor Wittkolvsky nannte, erblickt Sndermann den Erbfeind alles dramatischen Schaffens, der vor allem die Schuld daran trägt, daß die Theaterkritik von dem Gebiet des Sachlichen ans das Persönliche übergesprnngen ist. Man muß Sndermann hier eine gewisse Elnpfindlichkeit zullte halten, da Harden in der Tat von Anbeginn Sndermanns dichterische Tätigkeit mit scharfer persönlicher Gehässigkeit verfolgt ititb ihn zum bloßen dramatischen „Macher" herabgesetzt hat. Fast noch grimmiger ober spricht sich Sndermann über Alfred Kerr aus, der früher Kempner hieß unb zur Zeit eine besonders merkwürdige Erscheinung unter den Berliner Kritikern bildet. Eilt Geist!vie ein Irrwisch, voll unberechenbarer Gcdattkensprültgc, in seinem Schaffen anscheinend jeder plötzlichen Regung, jedem unerwarteten Einfall zugänglich; anscheinend -— sage ich; denn man weiß, wie unendlich diel liebevolles Feilen und Polieren derlei Köpfe an ihre Geistesblitze vertuenden, um ihnen so recht beti Schein reiner Impressionen zit verleihen, man weiß, welche Rolle bei ihnen, die so gerne geistreich mit Solls entendns spielen, jedes kleinste Interpunktionszeichen spielt. Was spricht bei Kerr nicht ein einfacher Gedankenstrich! Mit gewollter Gleichgiltigkeit, mit ausgesprochener Absicht setzt sich Kerr üebr alles, tvas bisher dem Kritiker als Vorschrift galt, hinweg; die Objektivität, die jeder sollst zum niindesten äußerlich zu wahren sllche, lvirst er über Bord, ihm liegt bei jeder Kritik zunächst nur daran, sein eigenes Licht in stets neuer Beleuchtung zu zeigen rnrd auf Kosten des Kritisierten zu glänzen. Mit iladclspitzen, vergiftcteil Pfeilen versteht er dabei seine Gegner zu verwunden und ihre Dichteruird Menschenehre zu Boden zu treten. Slldermailn läßt Stellen aus Kerrs Kritiken selbst sprechen, die auch dcil, der das Schaffen Kerrs llicht kennt, von der Richtigkeit der Slidermann'schen Behauptungen überzeugt. In der Tgt haben die, welche es mit der dramatischen Kllnst und der damit zusammenhäilgenden Bühnenkritik erilst meinen, schon lange über das Gebaren voll Kritikern, wie Alfred Kerr, mißbilligend den Kopf geschüttelt. Es ist ein kaiellhaftes Verlangeil, vom Kritiker zu begehreli, er rnöge selbst erst etivas Besseres machen, als der Dramatiker; das ist rächt seines Amtes. Llber bei Kerr wird mau die Empfindung nicht los, als sei es bei ihm das bohrende Gefühl schöpferischer Impotenz, das seine Feder vergiftet. Kerr sagt freilich: „Ich bin ein Genie und möchte es zeigen, aber ich habe keine Zeit!" Wer möchte es ihm aber glmrben? Sndermann charakterisiert Kerr als Typus der dekadenten, launenhaftcil, verzogenen Talente, deren Wollen mit ihreni Können nicht Schritt hält und die deshalb der Neid verzehrt gegen jene, die es zu abgeschlossener Gestaltung gebracht haben. Als Vertreter der „grünen" Richtung jener Kritiker, die noch nicht trocken hinter den Ohren sind, aber umso imbefemgener über das Schaffen anderer urteilen, nimmt sich Sndermann Siegfried Jacobson vor, einen cinundzwanzigjährigen Jüngling von Talent, aber selbstverständlich nicht ganz einwandsfreier Vorbildung und Urteilsreife. Hier kann man Sndermann inir von ganzer Seele beistimmen, wenn er es scharf verurteilt, daß einflußreiche Blätter Kritiken so unfertiger Grünschnäbel ihre Spalten öffnen und dadurch das Ansehen der Theaterkritik aufs tiefste schädigen. Supermanns Antikritik hat überhaupt in vieler Richtung aufklärend gewirkt, und ein Verdienst ist ihr in der Beziehung durchaus nicht abzusprechen. Es kann nichts schaden, wenn die Dramatiker auch mal pro domo sprechen. Eigentümlich berührt es eben nur, daß ein Organ spezifisch jüdischer Jnteressenkreise dem Dichter Suderrnann, der bei ihnen freilich gesellschaftlich Wohl ausgenommen ist, sich zur Verfügung stellt, um über die jüdische Kritik herzufahren; denn Sndermanns Antikritik nennt fast ausschließlich die Namen semitischer Rezensenten und verurteilt deren Schreibweise; er verurteilt mich noch im besonderen die charakteristischen Gesichtspunkte, von denen aus drmnatische Autoren von jenen beurteilt toerdeu. Die Tatsache, daß ein Autor hohe Tantiemen erzielt hat, spielt bei den von Sndermann gemaßregelten Rezensenten eine Hauptrolle mid genügt ihnen, dem Autor jede dramatische Befähigung abzusprechen; überhaupt nehmen geschäftliche Rücksichten einen allzu breiten Raum in den kritischen Besprechungen ein. Bezeichnend ist es deshalb auch, daß die sogenaimte „jüdische Krenzzeitnng", das „Kleine Journal", seine Betrachtung über die kritische Angelegenheit mit dem Resümee schließt, daß das Ganze ein großes — Geschäft sei, für Sndermanns Pnblikationsorgan sowohl, als für die Blätter, die Erwiderungen der getroffenen Kritiker bringen. Herr Dr. Leipziger, der also urteilt, hat recht! Brandenburgische Synode. Superintendent Krückeberg berichtet über die Tätigkeit der „Gesellschaft zur Beförderung des Christentums unter den Jllden". Die Gesellschaft hat toährend der letzten drei Jahre von 5 Stationen mrs ihre Arbeit betrreben: Berlin, Posen. Wien, Czernowitz unb Stanislau. In ihren Diensten stehen z. B. 2 Missionsprediger, 2 Laiemmssionare und 1 HrffSarbeiter. Für die missionarische Arbeit in der Heimat galt noch immer die alte Erfahrung, daß sich zu unmittelbarer Verkündrgrmg des Evangeliums an die Juden nur in beschränktem Maße Gelegenheit darbietet. Insbesondere sei es überaus schtvierig, an die jüdischen Massen heranzukommen. Nur bei einer Gelegenheit sei eS möglich, einer größeren Anzahl von Juden gleichzeitig das Evangelium näher zu bringen: alljährlich am großen Versöhnungstage führe evangelische Verkündigung in dein Saale der Brüdergemeinde eine von Jahr zu Jahr wachsende jüdische Hörerschaft zusammen. Die Gesellschaft habe ein Preismlsschreiben vermrstaltet zur Beantwortung des Themas: „Judentum, Christentum, Weltreligion". Es sollte einerseits untersucht werden, ob dem Anspruch des Judenturns, Träger einer der christlichen überlegenen Kultur und Religiosität zu sein, Berechtigung zukomme, andererseits dargetan werden, daß das Christentum alle Erfordernisse für eine voll genügende Geistes- und Herzensbildung in hervorragendem Maße in sich vereint und daß ihm das Judentum in keiner Gestalt den Rang der Weltreligion streitig machen, kmnc. Die Gesellschaft hat das Grundstück Kastauien-Allee 32 zur Errichtung eines Missionshauses erworben. Nach kurzer Debatte beschließt die Synode u. a.: an die Generalsynode die Bitte zu richten, vom Evangelischen Oberkirchenrat eine allgemeine Verordnung 311 erwirken, dahin gehend: daß die Geistlichen der Landeskirci)e über jede Proselyten-Tanfe au das Probillz-Konsistorimn Bericht zu erstatten und dabei nnzugeben haben, in tvelcher Weise die Vorbereitung zur Tmlfe stattgefimdell hat. Andrew D. White über die rumänischen Judenberfolgullge«. Der bisherige Botschafter der Vereinigten Staaten, Herr Arrdrew D- White, hat vor einiger Zeit seine Ansicht über die rumänischen Judeiiverfolgnngen in einem sehr lesenswerten Briefe an einen in Frankfurt a. M. lebellden Deutsch-Amerikaner, nämlich an den bekannten Herrn Henry Seliginann, zllsmmnengcfaßt. Bei dem nngelvöhnlichcn Ansehen, dessen sich der Briefschreiber sowohl in Diplomaten-, Ivie in Gelehrtenkreisen Europas und Amerikas erfreut, kann der Brief der Beachtung in den weitesten Kreisen sicl)er sein. Der Frankfurter Philanthrop, seit langem dem Botschafter bekannt, hatte sich unter dem 24. September an White gcwairdt mit der Bitte, unter dein Hinweis auf den Berliner Vertrag und die Note des amerikanischen Staatssekretärs Hay, sich beim Kaiser Wilhelm für die unglücklichen, buvcl) die rumänische Regierung zur Verzweiflung getriebenen dortigen Inden zu verwenden. Hierauf erfolgte unter dem 2. Oktober 1002 folgende Antlvort: