Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 48 (28.11.1902)
- Date
- 1902-11-28
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt Seite i Reichsbevölkerung jenseits der Leitha. Es ist dies eine Politik, die logischerweise unter all den national Unterdrückten den Rasienantisemitismus fördert, die Juden wirtschaftlich schädigt und mit dazu beiträgt, die Entwirrung des österreichischen Chaos zu erschweren. Dem gegenüber stehen die national-sozialen Juden auf dem Standpunkte, daß sie als gleichberechtigtes Volk unter gleichberechtigten Völkern leben wollen — daher jede nationale Vorherrschaft, möge sie eine deutsche, slavische oder magyarische sein, sowie jede nationale Unterdrückung entschieden bekämpfen, als unvereinbar mit den historischen Traditionen und Lebensinteressen unseres Volkstums und den Existenzbedingungen eines modernen Oesterreich. Und ebenso, wie wir den nationalen Chauvinismus und alle Herrschaftsgelüste, die auf Entnationalisierung gerichtet sind, verwerfen und unentwegt am Prinzipe der nationalen Autonomie festhalten, sind wir auch Gegner jeder einseitigen Klaffenpolitik. Auf wirtschaftlichem Gebiete fordern wir eine Wohlfahrtsgesetzgebung für alle unsere manuell und geistig Arbeitenden. Mit dieser ihrer jüdisch-nationalen und jüdisch-sozialen Politik stehen allerdings die I u n gjuden in starrer Opposition gegen die Assimilanten, sowohl im Punkte der Kultuspolitik, als der österreichischen Reichspolitik. Aber in beiden Fällen sind die „vereinigten national-jüdischen Demokraten" nicht die „R'aktm» nären", sondern die Modernen. Ungarischer Kries. Graf Apponyi apostrophiert die Inden?) —k. Der Präsident des ungarischen Mgeordnetenhauses, Graf Albert Apponyi, eröffnete am 18. ds. die konstituierende Sitzung des tveftungarischen Kultusvereines in Naghszombat (Tyrnau) wie gewöhnlich mit einer längeren Rede. Den Teil der Rede, der sich mit den Aufgaben des Staates, der Gesellschaft und der reichdotierten Kirche befaßt, finden wir zwar sehr interessant, da diese solch ein eloquenter Redner gehalten hat, der in unserem Parlament als Meister anerkannt ist, allein da dieser Teil in den Rahmen eines jüdischen Blattes nicht gehört, sehe ich mich nicht veranlaßt, ihn hier zu reproduzieren. Hingegen der Teil der Rede, in ivelchem er uns Juden apostrophierte, soll hier wortgetreu überseht folgen. Graf Apponyi sagte: „Unsere Konnationalen jüdischen Glaubens erlangten ihre Gleichberechtigung zugleich mit dem Triumphe der ungarisch-nationalen Idee, also sirrd all diese Faktoren auch mit ihren historischen Erinnerungen, ihrer ethischen Mission verpflichtet, (!) die ungarisch-nationale Idee zu pflegen. Im ' großen (1) kommen sie dieser Verpflichtung auch nach; wir verlangen von ihnen nur Intensität, denn hier darf niemand neutral bleiben: wer nicht mit uns, ist gegen uns! Doch auch der einzelne muh zur Sicherung der Integrität der nationalen Einheit beitragen; so im Rahmen der kulturellen Vereine." Am Schluffe ermahnte der Graf die anderssprachigen Brüder (darunter verstand er die Slaven), daß sic den Agitatoren kein Gehör schenken sollen, indem diese sie ihres Vaterlandes berauben. Sie sollen vielmehr ihre Söhne national erziehen, dafür bietet ihnen die ungarische Gesellschaft die Gewähr, daß sie dieselben zur höchsten Stufe des staatlichen Lebens aufsteigen sehen werden. (!) Bevor ich aber auf den Inhalt der hier in gedrängter Kürze mitgeteilten Rede des Grafen Apponyi reflektiere, erlaube ich mir, worausschickeird zu bemerken, daß ich im Jahre 1873 Gelegenheit hatte, die Jungfernrede des Grafen zu hören, als er sich in Altofen um das Szt. Endreer Mandat beivarb und von dieser Zeit angefangcn, bis zu seinem Eintritte in die Partei des gegenwärtigen Ministerpräsidenten von Szell, verfolgte ich eifrigst mit ungeteilter Aufmerksamkeit alle seine Reden und ich bin daher jetzt nicht wenig erstaunt, daß der edle Graf von seinem Prinzipe abgewichen ist und sich ausnahmsweise auch der „Konnationalen jüdischen Glaubens" erinnert, für mich ist dies ein Ereignis, welches bis jetzt in seinen Reden nicht vorgekommen ist! Prüfen ivir objektiv den Inhalt der Rede. Graf Apponyi war gerecht in seinem Urteile, indem er cs anerkannte, „daß die Juden mit ihrer historischen'Erinnerung, ihrer ethischen Mission zufolge verpflichtet sind, die nationale Idee zu pflegen und im Großen kommen sie dieser Verpflichtung auch nach." Wahrlich keine Konfession in Ungarn erzieht ihre Jugend in einem besseren ungarischen Geiste als die Juden, für welche Erziehung die Glaubensgenossen gezwungen sind, große materielle Opfer zu bringen. Es existiert keine jüdische. Volksschule in Ungarn, in welcher nicht der ungarische Geist „auf Kosten der historisch-nationalen Gemeinsamkeit des jüdischen Volkes" gepflegt wird. Jedoch die Synagoge, die Veste unserer historischen Gemeinsamkeit, in welcher unser nationales Leben einen mächtigen Schutzwall gegen die Assimilation findet, dort hat der hebräisch-nationale Geist seine Stätte errichtet, der uns während der ganzen Diaspora erhalten hat, diese Burg dürfen ivir nicht aufgcben, denn sonst bereiten wir uns selbst unseren Untergang. Der nationale Jude perhorresziert durchmis nicht den belehrenden Dortrag in der Synagoge in einer modernen Sprache, jedoch der Geist desselben darf unsere nationale Gemeinsamkeit nicht verleugnen, denn Ivir sind keineReligionsgemeinschaft — derVater dieser falschen Theorie, ist Abraham Geiger, und verbreitet wurde sie von L. Phikippsohn, der mit. derselben die großen Massen vergiftete — sondern eine Nation und als Wegiveiser haben für uns nationale Jrlden Mc Wbrte des Propheten Geltung, indem er uns im Namen des Ewigen zuruft: „Meine strafende Hand ivird ausgestreckt sein über diese Propheten, die falsch prophezeien und lügenhaft tvcissagen, in die Versammlung meines Volkes sollen sie nicht zugelaffeir tverden. indem sie, in der den Israeliten vererbten Sprache nicht schreiben und den Wunsch, das Land Israels wieder zu besitzen, nicht haben, denn ihr sollt es erfahren: Ich bin das ewige Wesen Gott." (Ezechiel 13,9.) Diese Worte bleiben unser Programm. Betreffs der zivciten Forderung des Grafen Apponyi, in der er von uns „nur *) Wir veröffentlichen diesen Brief, da er ein Zeugnis des erwachten jüdisch-nationalen Geistes in Ungarn ist; jedoch bemerkt die Redaktion ausdrücklich, daß sie den Opportunismus des Autors nicht teilt. 2s. November iüo2 Intensität verlangt" I Wahrlich, die Anspannung der materiellen Kräfte der Juden ist durch die Verbreitung der Konsumvereine, welche durch die Gesinnungsgenossen des Grafen Apponyi ins Leben gerufen werden, zur Unmöglichkeit geworden. Systematisch verfolgt uns der getreueste Anhang des edlen Grafen Apponyi. Die Agrarier sind seine Gesinnungsuird Bundesgenossen, die auf Schritt und Tritt den Bestand des Kaufmannsstandes untergraben und im Parlamente hat es jüngst der Gesimurngsgenosse des Grafen, Profeffor Nagy, ostentativ verkündet, daß die Konsumvereine als Schutzmittel für den armen Mann notwendig sind, als ob die Konsum- Vereine die Absatzartikel umsonst verabfolgen ivürden? Äis jetzt lehrt uns die Erfahrung, daß alle Konsum- Vereine infolge der teuren Verwaltungskosten zugrmrde gegangen sind und dennoch lassen die Agrarier in ihrem Hasse gegen den Kleinhändler in der Provinz nicht nach, um durch die Errichtung der Konsumvereine ihn zu vernichteu. Wie ist es daher möglich, daß die verarmten Juden mit Intensität die Kulturvereine unterstützen sollen? Die wahre Gesinnung zeigt der edle Graf in seiner Theorie: „Wer nicht mit uns, ist gegen uns!", indem er sie auf die Juden anwendet. Ferner darf nicht übersehen werden, wie politisch klug der edle Graf zu unterscheiden versteht. Die Juden werden mit dcmÄusdruck „unsere Konnationalen" gekennzeichnet, währenddem er die Slaven mit dem Kosenamen unsere „anderssprachigen Brüder" auszeichnet. Es ist sclbswerstäudlich, daß die Versicherung, die er bietet, für den Fall, daß die Slaven ihre Kinder im ungarischnationalen Geiste erziehen, ihre Kinder dann zur höchsten Stufe des staatlichen Lebens aufsteigen zu sehen, sich nicht auf die Juden bezieht, denn der Geist der Unduldsamkeit, der verkappte Antisemitismus, ist eben nur in seinem Anliange zu finden, der heute im ungarischen Parlamente herrscht und bestrebt ist, die Gesellschaft zu zersetzen; die Juden haben ihre Kinder im ungarisch-nationalen Geiste erziehen lassen, ohne daß die Kinder zu den höchsten Stellen des staatlichen Lebens aufstiegen. Chronik. An! and. Die Jüdische akademische Verbindung,, Unitas" gibt bekannt, daß sie am 30. November 1902 im Festsaale, des Kaufmännischen Vereines, I., Johannesgasse 6, ihren Eröffnungs-Kommers abhält. Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis. Samstag den 22. d. M., abends, fand im Lesesaale des Wiener Kaufmännischen Vereines die Generalversammlllng des Vereines für unentgeltlichen Arbeitsnachweis Der Vorsitzende Herr Dr. Alois Kle mp er er begrüßte die zahlreich erschienenen Mitglieder, sowie d^e Vertreter der Wiener israelitischen Kultusgerbeinde. des Hünsanitälsvereines „Wien" („B'nai Brüh"), des Vereines.Dr Unterstützung jüdischer Handwerker und Kleingewerbetreibender und des Vereines zur Hebung der Gewerbe „Hierauf erstattete der Obmann des Exekutiv KomiteeA Herr Kommerzialrat Eduard Wiener, den Rechenschäftsdericht für das Amtsjahr 1901—1902 und Herr. Gustav Langst e i n, Schriftführer des Vereines, werlas die dazugehörigen Tabellen. Das Publikum gab feinest. Befriedigung über die Fortschritte des Vereines durch lebhaften Beifall Ausdruck und genehmigte einhellig den Bericht einschließlich des vom Vereinskaffier Herrn Dr. Bela Taussig verlesenen Kaffaberichtes. Herr Dr. Gustavs Kohn sprach dann namens der Wiener Kultusgemeinde dem Vorstande die Anerkennung für die Leistungen-des Vereines aus. Derselbe habe den doppelten Beruf,, prophylaktisch gegen die Verarmung zu wirken und die feindlicherseits gegen die Juden erhobenen Vorwürfe der Untüchtigkeit und Arbeitsscheu zu widerlegen. Im Namen der „B'nai Brith" dankte der Präsident Herr Dr. Isidor Schnabl dem Vorstande für seine ausdauernde und ersprießliche Tätigkeit. Der Vorsitzende des Vereines, Herr Dr. Kl e mp er er. ergriff nun noch einmal dos Wort. Er erklärte, aus den gehörten Anerkennungen schließen zu dürfen, daß sich der Verein auf dem rechten Wege befinde und schloß mit einem Appell an die Versammelten, auch für die jüdischen Unternehmer einzustehen, damit dieselben in die Lage kämen, mehr jüdische Arbeiter zu beschäftigen. Nachdem noch Herr S. Brod namens des „Vereines zur Hebung der Gewerbe" dem Vorstande und dem Personale des Arbeitsnachweises gedankt und versprochen hatte, daß der von ihm repräsentierte Verein für denselben nach wie vor eintreten werde, wurde die Versammlung geschloffen. Wien. Der „Allgemeine jüdische Arbeiterverein" veranstaltet Samstag den 27. Dezember 1902 im Prachtsaale des „Hotel Central", II., Taborstraße 8, eine große Makkabäer-Feier unter Mitwirkung hervorragender Kunstkräfte mit anschließendem Tanzkränzchen. Beginn 8 Uhr abends. Eintritt 1 Krone. — Karten sind zu haben: Redaktion des „Jüdischen Volksblatt", II., Leopoldsgasse 49, Casö Blumschein früher Herz, Ü., Untere Augartenstraße 19, Cafö Ignaz Herz, II., Cirkusgaste 84, Cafe „Jägerhof", IX-, Porzellangaffe 22, Cafö zur Börse, I., Wiplingerstraße, Restauration Hacker, II., GroßtzLPfcttrgaffe 6, Herrn Jakob Prieser, Friseur, II., Kleine SchiMMOQ, Herrn Josef Steinseufzer, II., Obere Donaustraße 77 tziwW^ße Schiffgasse 10, Herrn. E. Brod, IX., Rothe Löwengasse SS;* TI. Stock, Tür 10, Herrn Ephraim Edelstein, II-, Herminengasse 13, I. Stock, Tür 0 und bei sämtlichen Bereinsmitgliedern. E. E. Todesfall. Dan K o h n, der Schwiegervater R. A. Brandes', ist am 25. d. M. gestorben. Derselbe war als Jargonschriststeller tätig. \ „Lesennd Redehatte jüdischer Hochschüler Wien". Philosophische Sektion Der Erfolg, den Herr Dr. B. M a ch - st e i n durch seinen ersten Vortrag erziehlte, hat es bewirkt, daß er am Mütiyoch den t9. November vor einem viel größeren Atzditoxiurji in der gelungensten Weise einen Vortrag über Hobbe.s gehalten hat. Er erntete hierdurch abermals den wohlverdientem Beifall sämtlicher Zuhörer. Mittwoch den 3. Dezember wird- Herr'Dr. Wach stein über Spinoza sprechen. Gäste sind stets willkommen. Wochenprogramm der „Jüdischen Toynbee-Halle", 20. Bez., Karajangassc 20. Sonntag den 30. November: Prof. Dr. Wilhelm Jerusalem: „Liebe und Gerechtigkeit". Montag den 1. Dezember: Dr. I. W. Fricser: „Vorbeugung der Infektionskrankheiten". Dienstag den 2. Dezember!: Diskussion über „Frauenberufe". Mittivoch den 3. Dezember: Gustav Sicher: „Geschichte des jüdischen Volkes im Altertum". Donnerstag den 4. Dezember: Dr. Leopold Kuhn: „Achad Haam", 6. Dichterabend. Freitag den 8. Dezember: G. M. Mehrer:„Bibel, Erklärung der Sidra". Samstag den 0. Dezember: Konzert. — Anmeldungen zu Vorträgen beliebe man zu richten au Dr. I. Sadger, 9. Bez., Liechtensteinstraße 16. Die Vereinsleitnng deS Jüdisch-nationalen Arbeitervereines gibt bekannt, daß von Sonntag den 30. November 1902 der Unterricht in Tanz- und Anstandslehre jeden Sonn- und Feiertag von 7>3—9, jeden Mittwoch von 7—'/,10 Uhr für Anfänger im neuen elektrisch beleuchteten Privatlokale, VIII., Koch gaffe 16, stattfindet. Alle weiteren Auskünfte dortselbst. Um gütige Bekanntgabe in Freundeskreisen wird gebeten. Wählerversammlung. Wir erbalten folgendes Schreiben: In der Nummer des „Jüdischen Volksblatt" vom 14. November bei einer Versammlung des Kleingewerbes gegen die jüdische Kultusgemeinde kommt der Passus vor: Herr Friedmann, Besitzer des Cafö Angarten, sägt: So liefert ein gewisser Schambureck, der hervorragende christlich-soziale Agitator des 18. Bezirkes, das Gebäck für das Rothschild-Spital. Ich erkläre fest und teuer, daß ich kein christlich-sozialer Agitator bin und mich in politischen Dingen ganz indifferent verhalten habe , und verhalte; ich lebe nur meinem Geschäfte. Hochachtungsvoll A n t o n S ch a m b u r e ck ' Bäckermeister. XVJII., Staudgasse 10. Der Airtisemitismus der „Arbeiter-Zeitung". Dr. Fr. Hirsch hak schon ci.nigcmalc mit seinem aufdringlichen Antisemitismus die Oeffeml-ichscit behelligt. Er glaubt offenbar, daß man ihm sein etwas- Unwahrscheinliches und spät c r to o r b e n e s Cch-rrste n t n m desto eher glauben wird, je mehr er sein eigenes Nest'Beschmutzt. Er wird cs aber nicht erreichen, daß man', ihn für einen Antisemiten halten wird- Erreichen kann er nur, daß die Antisemiten über sein Gebaren sagen: „Echt jüdisch." Dieses Zitat ist der „A. Z." entnommen und zeigr eine gesunde Auffassung, die bei der allgemeinen BegriffsverU'irrung, die auf diesem Gebiete in Wien herrscht, immerhin Beachtung verdient. Es sticht von der Halturig, die die „A.-Ztg." selbst c innimm t, sehr vorteilhaft ab und wir glmiben. daß niemand cs so notwendig hat, sich diese Binsenwahrheit zu Herzen zu nehmen, wie dieses Blatt selbst. Wir wollen nicht weit zurückgrcifen und die leidige Haltung der „kl.-Ztg." in Sachen der rumänischen Juden m,besprochen knffen. Wir wollen nur einen Artikel zitieren, der in der Wahlnnmmer vom 6. ds. unter dem Titel: „Bor dem Wirhllokäl. Ein Wählcrdialog" stand. In dem ganzen Artikel ist Jude — Ausbeuter _ gesetzt. Etwas anderesbchanptet die a n t i s e m i t i s ch e P r c s s e a u ch n i ch t. Doch lassen wir die „A.-Ztg." selbst reden: Pass' einmal auf: Was macht die Juden so mächtig, daß das chrrstlichc Volk ihnen dienen muß? Etwa ihr Glauben oder ihre schönen Nasen? Oder das große Geschrei, das manche von auf der Börse machen? <Acivig »tun. Machrtg macht otc Juden bloß der Besitz, das Kapital. Und wenn man das so anschaut, so findet man. daß es sehr viel Juden gibt, die keine krummen Nasen haben, kein Geschrei machen und katholischen Glaubens sind, denen aber das christliche Volk nicht weniger roboten und frondcn muß als den anderen. — Das ist schon ivahr — die christlichen Ausbeuter sind auch nicht ohne. Da ist zum Beispiel gleich mein Hausherr . . . — Last" die Beispiele. Ich frag' dich nur das Eine: Hast du schon einmal gehört, daß der Lueger gegen das, was die Juden mächtig macht, gegen das Kapital, säiars ins Zeug gegangen wäre? Daß er die.Juden dort angegriffen hätte, wo sie am meisten verwundbar sind, beim S a ch l i ch c n statt beim Personl i ch c n, b e i m G e I d s a ck st a t t b c i d e r Nase? Oder hast du schon gehört, daß der Lueger jemals jenen anderen Juchen, die gute Katholiken sind, aber ihren Arbeitern nicht um einen Heller mehr Lohn gönnen als die mosaischen, auch nur ein feindseliges Wort gewidmet hätte? — So was Hab' ich allerdings noch nicht gehört. — Siehst du! Und glaubst du nicht, daß wir mit der Macht unserer Organisationen, ivcnn es gegolten hat, höhere Löhne und kürzere Arbeitszeit zu erstreiten, den Juden — d e n B e s ch n i t t en e u wie den U n b e sch n i t t c n c n — mehr wehe getan haben, als der Lueger, der sich im Kampfe zwischen Arbeitern und Ausbeutern immer auf die Seite der Ausbeuter gestellt hat und dessen Leute noch keinen Inden so beschimpft haben wie streikende Arbeiter, die um ihr Recht kämpften? Dem Lueger ist der Geldsack der Juden heilig, er kämpft bloß gegen ihre Nasen. Uns sind ihre Nasen Wurst, dagegen kämpfen ivir gegen die Macht des jüdischen Geldsackes, ob er sich nun in den Händen der echten Rassejuden oder der gcbcnedeitestcn Christen befindet (nnd gehen bei de« Kultnsgemeindewahlcn mit dem jüdischen Geldsack zusammen. Anm. d. Red.). Positive Arbeit. (Israelitische L a n d e s k a m m e r. Wenn sich die Deutschen mit den Tschechen wirklich einigen würden, was nicht jetzt, aber vielleicht einmal dennoch, und zwar selbstverständlich nur in den wichtigsten Punkten, möglich ist, dann wird, darüber herrscht für uns Juden in Böhmen kein Zweifel, der Antisemitismus noch in schärferer Form in Böhmen sich sichtbar machen. Das gesellschaftliche Leben in Böhmen beherrscht der Nationalitäten-Slreit und da gibt es keine Unterhaltung, kein Tarokspiel, kein Begräbnis und keine Hochzeit, wo nicht politisiert wird, wo nicht auf die vermaledeiten Deutschen oder Tschechen geschimpft wird, weil die anderen zu kurz kommen. Daß dabei der Jude als ein in allen Lebenslagen zu bekämpfender Faktor von diesen beiden Völkern stets betrachtet wird, das ist eine Tatsache, die bei uns auch allseits bekannt ist. Wenn nun die braven Tschechen und Deutschen ein wie immer geartetes Bündnis schließen werden, dann bleibt ihnen nur der Jude, auf den geschimpft werden wird und werden muß, weil das Schimpfen den Wählern und Gewählten in den letzten Jahren zur ersten Natur geworden. „Kaust nicht beim Juden! Nur der Jude ist an allem schuld!" Diese in allen Schichten der Bevölkerung bekannten Schlagwörtcr find das tägliche Gebet der Christen. Für die verschiedenen führenden, oft verlotterten Kreise ist dieses ein willkommenes Abführmittel. Für uns Juden ist es ein Wahrzeichen, uns zu einigen. Juden, seid einig! Lebt euch nicht in die Dummheit hinein, wie unlängst einer: „Mir, nämlich ich selbst, ich fühle gar nix, mich erkennt man nicht, ich Hab e grade Nase, ich heiße Javor, wer wird sich denken, ich bin e Jud." „Ich verkehre in den besten Kreisen, sagte unlängst ein jüdischer Advokat, „und ich höre nie ein schiefes Wort. (Er meint natürlich unter den besten Kreisen nur die nichtjüdischen.) Ein dritter sagt: „Wer sich so benehmen wird wie ich, dem muß es auch so gut ergehen." Diese Selbstsucht, diese maßlose Unduldsamkeit vis-it-vis den eigenen Glaubensgenossen verdient die strengste Zurechtweisung! Solche Juden sollten von Juden ärger behandelt werden als Antisemiten, diese sind die Totengräber unserer