Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 48 (28.11.1902)
- Date
- 1902-11-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wien* Freitag Jüdisches Volksblatt 28. November 1902 Nr. 48 Wahl; wir haben die Jugend und der Opfermut und die Zuversicht der zionistischen Studentenschaft, Arbeiter und Handelsangestellten ist nicht zum mindesten erschüttert, das hat die glänzende Versammlung im „Hotel Central" gezeigt, die am Abende des Wahltages stattfand; jeder Uneingeweihte mußte glauben, daß wir ein Siegesfest feiern, so gehoben war die Stimmung. Den Herren in der Seitenstettengasse, die über unseren Artikel „Lueger in der Seitenstettengaffe" in ihren zarten Seelen so empfindlich berührt waren, führen wir im folgenden Artikel einige Szenen vor Augen, ans denen sie ersehen können, daß sie ärger als Lueger gegen die Opposition gewütet haben. ahlbildrr. Die Beteiligung an den Kultuswahlen war eine ungemein starke. Während im Jahre 1000 3000 Stimmen abgegeben wurden, beteiligten sich Heuer 4732 Wähler, die Offiziellen hatten aber ihre letzten Reserven ins Treffen geführt. I. Stimmzettel. Der jüdische Wähler kommt in der Mehrzahl der Fälle ganz unvorbereitet zur Wahl. Er weiß wohl dunkel, daß zwei Parteien, die Alten und die Jungen, um den Sieg ringen, aber er kennt nicht die Namen der Kandidaten. Die Stimmzettel müssen also am Wahltage erst ausgefüllt werden; es ist eine sehr zeit raubende Arbeit, acht Namen auf den amtlichen Stimmzettel-auf zuschreiben, wenn man bedenkt, daß die ganze Wahl bloß von 9 Uhr vormittags bis 2 Uhr nachmittags dauert; die Kaufleute haben bis 12 Uhr das Geschäft offen und wollen nur ein paar Minuten dem Wahlakte widmen. Diejenige Partei, die einen Vorrat von ausgefüllten .Stimmzetteln besitzt, hat also einen kolossalen Vorteil vor der anderen. Die Offiziellen hatten nun einen Ueberfluß an amtlichen Stimmzetteln; stoßweise lagen sie in ihren Agitationslokalen auf, während wir in Unkenntnis der geheimnisvollen Quellen ihrer entbehrten. Um nur ’ durch ein Beispiel dies zu erhärten, konstatieren wir . folgendes: Im 9. Bezirk entdeckte der Student K.*) in einem an das Wahllokal anstoßenden Zimmer, daß ein Diener eine Menge offizieller Stimmzettel auf einen langen Tisch hinlegte, und mit seinem Ueberzieher bedeckt hatte; dieser i Dener beteiligte sich hierauf fleißig an der Agitation. II. . : Kultusbeamte und Diener als Agitatoren. Einer der hervorragendsten Mißbräuche bei -dieser Wahl war dieser, /daß Beamte und Diener der Kultusgemeinde und der mit ihr verbündeten Tempelvereine sich ganz offen und ungeniert an der Agitation beteiligten; wir wissen nicht, ob sie dies gegen Bezahlung oder nur in der Hoffnung auf ein rasches Avancement taten. So wurde der Inkassant Liebesny von Herrn D. N. dabei, betreten, wie er vor dem Tore der Sektion - Leopoldsgäffe 2g,, ausgerüstet mit einer großen Zahl von offiziellen Stimmzetteln, agitierte und sogar unseren Anhängern ihre Liste aüstauschen wollte. D. N. stellte ihn zur'Rede und Liebesny ging, unterstützt von einigen Raufbolden, sogar zu Tätlichkeiten über:' Ebenso feuerte der Tempeldiener Steiner in Oernals, wo es zu besonders empörenden Szenen kam, die offiziellen. Agitatoren an, die Studenten aus dem Tempelhofe hinauszuwerfen. Auch Beamter K. zeichnete sich in Mariahilf durch , sein rüdes Benehmen aus. Die Herren G. und A. sahen, wie der Vorsitzende der Sektion II a dem Tempeldiener Hahn winkte, damit er Wählern, deren Stimmzettel nicht in Ordnung waren, diese aus- *) Sowohl dieser Name, als auch die folgenden, die wir unter Abkürzung wiedergeben, sind der Redaktion bekannt und werden im. Bedarfsfälle bekanntgegeben. fülle. Welche Namen der Temprldiener daraufFetzte.Iist leicht^zu erraten. III. Temp 'l gefehlt hätte und nie aus der 'Judenschaft herausgekommen wäre. Solche Leute! Gott sucht sich's Militär aus — hat nichts anderes zu tun, unser Herrgott. . . haha . .. das sucht sich der Doktor von der Affentierungskommission mrd der Oberst aus. Und wenn einer ein fescher Bursche ist, kommt er nicht heraus." „Na, das Trefe-Effen und immer unter Christen sein, die einem..-7-es ist ja doch nicht das Richtige." „Du kannst mir glauben, man gewöhnt sich da.san. Es ist oll.s eine Gewohnheit. Anfangs-ja — --da tut's einem manchmal leid. Und wie ich das erstemal meine Menage geholt Hab', da Hab' ich an meine Eltern zu Hause gedacht und... ein bisserl Hab' ich sogar gezittert, aber schließlich ... Unsinn. Man stirbt nicht daran. Siehst es ja an mir, daß man nicht daran stirbt. Und die Kameraden — wenn ich höre, daß sie einen Juden höhnen und beschimpfen, ich möcht'^ihnen manchmal so recht vom Herzen gerne eines versetzen, daß sie daran genug haben, aber was kommt dabei heraus? Ich werde eingesperrt, ich werde malträtiert. Wir ziehen den Kürzeren. Wir ziehen immer den Kürzeren. Und dann ... sie haben ja auch nicht so ganz unrecht, eigentlich haben sie ja recht." Es trat eine längere Pause ein in ihrem Gespräche. Nur der Hammer des Schusters fiel regelmäßig auf das Leder, sonst war es still. Im Zimmer war es bereits große Schatten. Das Feuer im knisterte leise. Der Soldat hatte lassen und blickte gedankenvoll vor wie mit einem Ruck, und sagte: , hinüberschauen zu meinen Leuten. wieder einmal in den Tempel. Wird der Alte eine Freud' haben, wird sich denken: er ist ja doch noch nicht ganz schlecht!" Cr lächelt und legt den Ueberschwung um. „Dann gibt er mir auch das Geld lieber, um das ich ihn anpunipen will." »Also deshalb bist du nach Hause gekommen, du Strick!" lachte der Schuster. „Ja, Lieber, beim Militär braucht man Geld und uusereitts sch ii( gar. . . Gehst du dann auch in den Tempel?" „Ja, ich geh' unk" G t! Dann ff-opf ich im ^Borübergehen am Fenster. S.' o :• tzt." Wahllokale als Agitationslokale.^ Die offiziellen Wahlagitatoren hatten es sehr bequem^Jhre Agitationslokale waren gewöhnlich die Wahllokale selbst oder daraustoßende Zimmer oder Zimmer, die sich in der Nähe befanden. Was würden die Herren für ein Geschrei erheben, wenn sich Dr. Lueger etwas Aehnliches erlauben würde. Im Vorzimmer zum Wahllokale der Sektion I A - K standen Beamte der K u l t u s g e m e i nd e, vor ihnen lagen 50—60 leere Stimmzettel; jedem hereintretenden Wähler gaben sie einen Stimmzettel und gleichzeitig die offizielle Liste in die Hand; sie waren sogar so liebenswürdig, die Stimmzettel mit den offiziellen Kandidaten auszufüllen. Als Herr E. L. den Ritter v. Goldschmied deshalb zur Rede stellte, meinte er, es sei ganz in Ordnung: „Die Herren seien eben dem Anscheine nach offizielle Wähler." Nach der Ansicht des verehrten Ritters sieht man es also den Wählern an, ob sie offiziell wählen wollen. Ein anderes Bild: Als in der, Sektion Leopoldsgaffe der Vorn sitzende den Wahlakt eröffnen wollte, rief der anwesende Advokat Dr. K. L. laut: „Ist hier ein Wahllokal oder ein Agitationslokal?' Es war nämlich der ganze Tisch mit Wahlaufrufen und Stimm zetteln für die offizielle Liste bedeckt. Erst dieser energischen Intervention war es zu danken, daß dieser Mißwirtschaft abgeholfen wurde. Aehnlich war es in Währing. Einen anderen Vorgang beobachteten die Anhänger der Kultusvorstände in Ottakring. Dort postierten sich im Tempelhofe die offiziellen Agitatoren. Au' die Frage der Wähler, wo das Wahllokal sei, führten sie dieselben in die Hausmeisterwohnung, die sich oberhalb des Wahllokales befindet. Dort wurden teils mit Gewalt, teils mit Ueberrednng selbst solche Wähler, die ihre Stimmzettel bereits 'mit unserer Liste ausgefüllt hatten, veranlaßt, offiziell zu wählen. Das bezeugen unter anderen die Wähler Lüftschitz Josef, XVI. Enenkelgaffe 34, und Heinrich Steiner, XVII.z Hernalser Hauptstraße. Das Mitglied der Kommission Heinrich Kornmehl wollte diese skandalösen Zustände zu Protokoll nehmen lassen, der Vorsitzende derKommiffion Dr.S t e i n er ließ aber erst darüber gegen jeden Usus abstimmen, ob der Protest protokolliert werden soll.; dis Kommission verstand den Wink und lehnte es ab. Aehnlich waren die Vorgänge vom Alsergrund. Dort war im 2. Stocke desselben Gebäudes«>in dem sich die Sektion befand, IX. Bezirk, Müllnergassei Nr. 21, ein Zimmer» in dem Beamte osfizelle Stimmzettel ausfüllten. Als Herr I. L. heraufging, gaben ihm d'e.Peamten sofort, ohne seinen Stimmzettel zu verlangen, die offizielle Liste. Herr L. stellte nun das Kommiffionsmitglied Herrn Donat' Z i f f e r e r zur Rede. Herr Ziffer er, der trotz seiner getauften Enkel das Judentum betont, wenn es giltdie nationale Idee zu ersticken, fand die Sache vollkommen in Ordnung und sagte: „Das ist unser Agitationslokal." Wir geben also dem Dr. Lue g er' den Rat, bei den nächsten Gemeinderatswablett nach diesem Rezept zu verfahren; er kann auch sonst noch viel, wqs Wahlpraktiken betrifft, von Donat Z iffer er,kernen. Dieselben Szenen spielten sich in der Sektion ab, die unter Leitung'des Landesschulrates'Dr. Gustav Kohn stand. Dort war ein Zimmer, das .auf den Tempelhof sah, das offizielle Agitationslokcll. -Besonders eifrig' arbeitete im Dienste der antidemokratischen Liste per Sozialdemokrat Feßler. Er schleppte eifrig/p.ie Wühler-hrLeini . Wir kqtznten noch viele solche „Agitationslokale" annageln; wir gehen jedoch wegen Platzmangel weiter. \ dunkel geworden und lagen Ofen brannte Heller und längst die Pfeife ausgehen sich hin. Dann stand er auf, , Jetzt muß ich aber wieder Und dann muß ich heute " - IV. wird getackelt. ' Die Bestimmungen bezüglich des Skrntiniums sind klar und unzweideutig: das Skrutinium "müß öffentlich sein. Diese Oeffentlichkeit kann nur dadurch erzielt-werden, daß jeder Stimmzettel vom Vorsitzenden unter Kontrolle Hjnes Beisitzers laut und deutlich verlesen wird. Was taten aber,, unsere Schristkundigen und Weisen? In einer Reihe von Kommissionen im I.,H., VI. und X VI. Bezirke wurden die Stimmzettel sortiert in offizielle Pakete, oppositionelle und gemischte. Dannwurde erklärt: Für die offizielle Liste sind 100 oder 50 (je nach der. Stärke des Paketes) Stimmen abgegeben worden, für die Oppositionellen soundsoviel; nnd die gemischten Stimmzettel wurden verlesen. Dieses Verfahren ist ungesetzlich und spricht den Vorschriften geradezu Hohn. Wir sind begierig auf die Artikel der judenliberalen oder sozialdemokratischen Presse, wenn sich eine christlich-soziale Kommission erfrechen wurde, Stimmzettel zu sortieren. Die Herren erklärten uns auf unsere Einwendungen, die Kommissionen seien autonom. Das ist genau dieselbe Antwort, die die Christlich-Sozialen geben, wenn es bei ihnen hapert. Zu welchen unglaublichen Konsequenzen diese Eskamotierung der Oeffentlichkeit führt, beweisen viele aufregende Scenen. Wir führen nur folgende an: In der Sektion VI., Schmalzhofgasse 3, erklärte das Kommissionsmitglied Adolf Rosenbäum, daß er 50 gleiche offizielle Stimmzettel ortierte. Es wurden nun Stimmen laut: Das wollen wir uns doch anschauen. Das Paket wurde noch einmal geprüft und die Herren B . . . sahen, daß jeder 4. oder 5. Zettel einen oder den anderen oppositionellen Kandidaten enthielt. Bou den fünfzig sortierten Stimmzetteln mutzten zehn auSgeschieden werden, Jeder Kommentar ist überflüssig; man. kann daraus ermessen, wie viel Stimmen uns auf diese Weise, in Fällen, wo die Pakete nicht genau geprüft wurden, verloren gingen. Im X VI. Bezirk protestierten zuerst die Kommissionsmitglieder gegen das Packeln, das Dr. Steiner ihnen Vorschlag; es waren schon zirka 200 Stimmzettel geprüft, da wurde den Herren die Zeit zu lang, die Tarokpartie im Kaffeehause zog sie wahrscheinlich mit magischer Gewalt an und sie verlangten eine Abkürzung des Verfahrens. Es wurde sortiert und die Folge davon war, das am Schluffe des Skrutiniums Herrn Salomon R o s n e r zirka 50 Stimmen fehlten. Man mußte von neuem beginnen, bis man aus den Fehler kam. Wir glauben, daß das Angeführte genügt. V. Schwierigkeiten bei dev Agnosziernng. Den Vorwurf, den die „Deutschfreiheitlichen" regelmäßig pegen die Christlichsozialen erheben, daß sie die Agnosziernng ihrer Wähler unmöglich machen, müssen wir gegen die „deutschfreiheitliche „Koalition" in der Settenstettengaffe erheben. Doktor Gustav Kohn erklärte, er könne momentan keine Agnoszierungen vornehmen lassen, und ließ uns erst lange warten. Um 1 Uhr erklärteer, daß er jetzt überhaupt keine Agnoszierungen vornehmen lasse. Im IX. Bezirke wurden vor 7,12 Uhr überhaupt keine Agnoszierungen seitens unserer Vertrauensmänner zugelassen; die Kommission erklärte, daß nur die Kommissionsmitglieder das Recht hätten, zu agnoszieren. VI. Sonstige Mißbräuche. Geradezu haarsträubend waren die Brutalitäten, die sich im XVI. Bezirke eine Herde von offiziellen Agitatoren. H a h 11, Glattauer (Nichtwähler), zuschulden kommen ließen. Mit Gewalt entfernten sie unsere Anhänger ans dem Tempelhofe, geschrei anhob: Die Kommission sah vom Fenster ruhig diesen wüsten Raufszenen zu, ohne einzuschreiten. In der Sektion IIL entrissen Ignaz Weiß und B 0 n d y mit Gewalt unseren Anhängern ihre Stimmzettel und schoben ihnen die offiziellen hinein. Es war ferner, besonders in der T e m p e l g a s s e, absolut nicht für den Andrang der Wähler vorgesorgt. Unsere Wähler mußten lange warten und manche zogen ab, weil sie ihr Geschäft nicht im Stiche lassen konnten. Dagegen fanden die Offiziellen immer Hintertüren, durch die sie ihre Anhänger ins Wahllokal eintreten ließen. Hier war es auch, wo um 2 Uhr 7 Minuten, als bereits der Schluß der Wahl angeordnet war, als die Offiziellen B 0 n d y und Fuchs die Türe eindrückten, mit dem Rufe: Es sind keine Oppositionellen! noch drei antidemokratische Wähler zur Urne schleppten. Zeuge (Dr. E. Z.) VII. Schluß. Die angeführten Szenen, für die uns die Zeugen mit vollem Namen bürgen, sind Beweise, daß die letzten Kultusgemeindewahlen keine reinen, sondern schmutzige galizische Wahlen waren. Wir glauben auch, daß die gewählten Kanditaten es nicht mit ihrer Ehre für vereinbar halten werden, nach Kenntnis der Wahlmißbränche, denen sie ihren Sieg verdanken, ihre Mandate auszuüben. Kultus- und Reichspolitik. Die Wahlen sind nun vorüber, sowohl für die Landtage, wie für die jüdische Kultusgemeinde; das Wahlresultat bedeutet einen glänzenden Sieg des Antisemitismus bei den Landtagswahlen, sowie einen Erfolg der jüdischen Förderer des Antisemitismus bei den Kultnswahlen. Man hat anläßlich derselben die „Bereinigten jüdisch-nationalen Demokraten" als die „jüdischen Antisemiten", als „Reaktionäre" wiederholt hingestellt, und als solche uns auch bekämpft. Mit weit mehr Recht könnten wir mit Rücksicht auf die dem antisemitischen Arsenal entnommene Kampfesweise der assimilatorischen Partei (sowohl in den Versammlungen als' besonders am Wahltage) sie mit diesen Bezeichnungen belegen. ■ ■ So wie die antisemitischen Gegner des jüdischest Volkes: in Reich, Land und Gemeinde die Gesammtheit der österreichischen Juden am liebsten aller ihrer politischen Rechte berauben und wirtschaftlich boykottieren möchten, ebenso sträubt die herrschende Partei in der jüdischen Kultnsgemeinde sich dagegen, dieselbe zu demokratisieren, sie schließt die großen Massen dss jüdischen Volkes vom Wahlrechte für die Kultusgemeinde aus oder verkümmertes ihnen, indem die kapitalistischen Größen ihre wirtschaftliche Uebermacht zu einem Drucke auf den kleinen Mann mißbrauchen. ' - So gehen die Anhänger einer Partei vor, die bei allen Gemeinderats-, Landtags- und Reichsratswahlsn von „Freisinn" und „Fortschritt" faseln, sich als „Liberale", „Demokraten"^ „Sozialpolitiker", sogar „Sozialdemokraten" geberden, aber die starrsten „Konservativen", ja die ärgsten Reaktionäre sind.' Muß man nicht eine Partei so bezeichnen, die in einer Zeit, in der alle österreichischen Völker eine nationale Repräsentanz, besitzen und die unhaltbaren Zustände in beiden' Reichshälften der österreichischen Monarchie einer national« autonom istzschen Verfassungs-Revision zudrängen, die n a t i 0aalen Aufgaben der jüdischen Kultusge me i N d e negieren? Und ist nicht eine Partei anti-demokratisch und anti-sozial, welche angesichts der immer größer werdenden tvirtschaftlichen Not des jüdischen Mittelstandes und des jüdischen Proletariats den sozialen Aufgaben des jüdischen Kultusvorstandes nicht gerecht werden und die Kultnsgemeinde zu einer bloß - verwaltenden Körperschaft des „jüdischen Kultus" degradieren will? Solange die assimilatorischen Wortführer im eigenen jiidischen Heim kapitalistisch und reaktionär, find, solange hat auch das jüdische Volk alle Ursache, denselben Herren nnd ihren arischen Verbündeten im Punkte der österreichischen R-'e ich s Politik zu mißtrauen. Dieselben Herren „Patentjuden", welche als Haupttrnmpf' g e g e n die „vereinigten jüdisch-nationalen Demokraten" den Umstand ansspielten, daß das christlich-soziale „Deutsche Volksblätt" Artikel aus dem „Jüdischen Volksblatt" und der „Welt" zustimmend zitierte, stehen im engsten Bündnis s e bei a l l e n Reichsrats-, Landtags- und Gemeinderatswahlen mit den Nitualmord-Aposteln alldeutscher und ostdeutscher Schattierung und alle die assimilatorischen „Juden"blätter schwärmen, so wie ihre Geldgeber für ein Bündnis der „Juden"liberalen und „Juden"sozi mit den antisemitischen „Deutschen V 0 lkspartei l e r n". Wahrlich, es ist schwer zu entscheiden, was verderblicher für das jüdische Volk ist, die antidemokratische und antisoziale jüdische Kultuspolitik der Assimilanten oder ihre vollständig verkehrte österreichische R e i ch spolitik, die gerade indem Entgegengesetzten von dem gipfelt, was im Interesse des österreichischen Gesamtreiches und seiner Völker und > besonders des jüdischen Volkes geschehen sollte. Das jüdische Volk muß in seinem eigensten Interesse wünschen, daß der knlturmörderische NationalitäLenstreit in allen gemischtsprachigen Teilen Oesterreichs, der vielfach auf dem Rücken der Juden ausgetragen wird, schleunigst beendet wird und einer großangelegten W ir ts ch a f t s Politik im Jnleresse der Produzierenden Platz macht, welche die österreichischen arbeitenden Juden ebenso dringend fordern, wie das werktätige, schaffende Volk aller anderen Nationalitäten des Donanreiches. Statt dessen fördert die jüdisch-assimilatorische Politik vielfach noch immer die radikal-dentschnationalen Chauvinisten in den Sndenteuländern gegen die Tschechen, die polnisch-nationalen Bedrückungstendenzen gegen die galizischen N u t l> nt eit, die Frechheiten der italienische n Jrredentisten und Chauvinisten gegen die südslavische Bevölkerung der Slov« uen nnd Kroaten in Triest und im Küstenlande, sowie endlich den keine Grenzen mehr kennenden magyarischen Hochmut während der Tempeldiener Steiner ein gewaltiges Kriegs-u''d Fanatismus gegen die nichtmagyarische Mehrheit der