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Jüdisches Volksblatt · 1902-11-28 · 48 (28.11.1902) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
48 (28.11.1902)
Date
1902-11-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Marcheschwan 5663). IV. Jahrgang. «MmttMtnnMtsMIIIiMI Aerger als fufgct... Ein eigentümliches Bild boten die Wiener Wahlen in die Kultusgemeinde. Das Großkapital, die Bourgeoisie und die Sozialdemokraten, die eben Arm in Arm in die Landtagswahlen gezogen waren und eine unausimtzbare Schlappe sich geholt hatten, dürsteten nach Sieg und Rache; jo verband sich R o th s ch il d mit den Sozialpolitikern vom Schlage eines Neustadl und mit sozialdemokratischen Agitatoren, um die verhaßte jüdisch-nationale Opposition niederzuringen und die deutschfreiheitliche Koalition herrscht in der Seitenstettengasse, nachdem sie aus der niederösterreichischen Landstube schnöde vertrieben wurde. Man sah Gestalten bei der Urne, die nie zur Wahl geschritten waren. Baron Rothschild fuhr ebenso wie Ritter v. Guttmann in höchsteigener Person vor, um seine Stimme abzugeben; man sah die Chefs der großen Häuser alle Beamten und Agenten zur Urne schleppen, aber auch die berüchtigten B a s s e r m a n n'schen Gestalten, die von den politischen Wahlen her bekannt sind, sah man unermüdlich im Solde der „Offiziellen" arbeiten. Einem solchen Bündnisie von Geld, Skrupellosigkeit und Brutalität waren wir natürlich nicht gewachsen; unsere Kandidaten sind unterlegen. Wie weit die Perfidie der Offiziellen ging, beweisen Wahlaufrufe, die uns zu unserem Erstaunen vorgeworfen wurden, weil sie die Namen unserer Kandidaten trugen, die aber uns vollkommen fremd waren, und nur den Zweck hatten, uns in der Oeffentlichkeit zu diskreditieren. Wir erklären deshalb einfür allemal, daß nnr unser in den Parteiblättern veröffentlichter Wahlaufruf von uns ausgegangen ist. Aber diesen Gegnern gegenüber mußte jeder Ehrenmann den Kürzeren ziehen. Besonders verschnupft waren die Gewaltigen der Kultusgemeinde über unseren Artikel: „Lueger in der Seitenstettengosse". (Wir wollen bei dieser Gelegenheit bemerken, daß die Beobachtung, daß das „Jüdische Volksblatt" auf die Offiziellen wie ein rotes Tuch wirkt, dieses nur anspornen wird, auf dem eingeschlagenen Wege unerschrocken zu verharren.) Mit Bezug auf diesen Artikel sagte einer unserer Führer: „Die Herren waren beleidigt, weil man ihre Praktiken mit Lu eg ers Wahlkünsten verglich. Wir werden Dr. Lueger um Entschuldigung bitten, denn was diese Catone leisteten, stellt Lueger ganz in den Schatten und ist es nur mit den berüchtigten galizischen Wahlen zu vergleichen." Fürwahr, wenn der Sekretär der Kultusgemeinde auf amtlichem Schreibpapier zur Nominierung von Agitatoren auffordert, die für die offizielle Liste zu agitieren bereit wären, wenn Kultusbeamte und Diener als Agitatoren tätig sind, wenn Gemeindekanzleien als Agitationslokale verwendet werden, wenn beim Skruti- Der Soldat. Von Ignatz Kohn. Draußen auf den niederen Dächern der kleinen Häuser, die sich eines an das andere lehnen, und in dem schmalen Gäßchen lag der weiße Schnee. Die Wintersonne warf ein bleisahles Licht durch die verkitteten Fensterscheiben in das warme Stübchen, bald aber wurde sie von den grauen Wolken verdrängt. Drinnen saß auf einem wackeligen Schemmel der Schuster. Er hielt einen viel weniger als neuen Schuh zwischen seinen Beinen, hatte ein Stück nasses Leder aus dem neben ihm stehenden Scheffel genommen und bearbeitete es mit einem Hammer. Moritz Gerstmann. der Soldat, saß beim Tisch und rauchte aus der kurzen Pfeife des Schusters. Er hatte einen kleinen gedrungenen Kopf, auf dem sich die Haare bereits zu lichten begannen, eine niedere breite Stirne und Augen, ans denen der graue Blick wie getrübt hervorquoll. Unter der stark gekrümmten Nase und dem sehr gewichsten dicken Schnurrbart wäre der große Mund fast ganz verschwunden, wenn er nicht immer ein wenig offen gestanden hätte. Scheinbar machte ihm seine Uniform viel Vergnügen, er hatte in einemfort daran etwas zu richten. Er fühlte sich wie einer, dem man Anerkennung nicht versagen darf, paffte laut an der Pfeife und blies den Rauch in kurzen, aber scharfen Wolken. „Du, der Tabak ist aber elend," sagte er schließlich und spuckte aus. „Arme Leute können nichts Nobles haben," antwortete der Schuster. „Den möchte ich aber auch nicht für immer rauchen wollen. In der Stadt drinn rauche ich nur Zigarren oder Zigaretten. Es ist auch das beste und stellt sich verhältnismäßig gar nicht teuer." „Ja du, dir geht es halt gut." ui um die gesetzlichen Vorschriften nicht befolgt werden, dann hat mandas Rechtverloren, von „reinen Wahlen" zu sprechen; DieWahlen waren schmutzig und des Judentums unwürdig. Von der Koruption der Wahlmache abgesehen, war es ein widerliches Schauspiel, zu sehen, daß dieselben Männer, die im politischen Leben für das allgemeine Wahlrecht, für den Schutz der mittleren und unteren Schichten mit lautem Pathos eintreten, im Wahlkampfe am 23. d. M. mit allen Mitteln diejenigen bekämpften, die auch im Innern der jüdischen Gemeinde denselben Prinzipien zum Durchbruche verhelfen wollen. Damit haben diese auchjüdischen Sozialpolitiker den Beweis geliefert, daß sie nur eine Komödie spielen, daß ihre Freiheitsphrasen eine bodenlose Heuchelei sind, daß sie ihre arischen Mitbürger nur ködern und ihre jüdischen Mitbürger hintergehen wollen. Doch auch das Janusgesicht der gestrengen Herren aus der Seitenstettengasse darf in dieser Gemäldegalerie nicht fehlen. Die Herren überfließen an Sonn- und Feiertagen vor Wehmut und Entrüstung über den Zwist, den wir Nationalen angeblich in das Judentum getragen haben, sie säuseln Friede und Versöhnung, insgeheim aber speien sie wie die Jesuiten Geifer. Dr. Alfred Stern hatte die eiserne Stirne, in der offiziellen Wählerversammlung, obwohl ihm seine Stellung als Vizepräsident der Gemeinde und als Vorsitzender doppelt zur Objektivität hätte zwingen sollen, die Opposition in schroffster Weise zu provozieren. Wir fragen jeden ohne Unterschied der Parteistellung, ob man jemals ein solches herausforderndes Benehmen, das allen parlamentarischen Regeln hohnspricht, am - Präsidententisch sah. Dr. Stern kam in der Absicht hin, zu provozieren; denn er mußte sich sein berühmtes Aktenstück herausheben lassen. Dr. Stern hat sich damit als ein Politiker erwiesen, der selbst in neutralen Stellungen nur den Parteistandpuukt gelten läßt. Dasselbe Doppelgesicht zeigte die verehrliche „Oesterreichisch-Jsraelitische Union". Der Präsident der „Union" hat wiederholt erklärt, daß die „Union" sich nicht an den Wahlen in die Kultusgemeinde beteiligen werde. Zn unserem Erstaunen hörten wir aber, daß er an der Spitze des Wahlkomitees stehe. Wir richteten daher in der Nummer 46 an ihn eine offene Anfrage. Herr Maximilian Paul-Schiff hüllte sich in ein tiefes Schweigen. Alles, was er tat, bestand darin, daß er nicht als Präsident des Wahlkomitees zeichnete, sondern nur als erster Vizepräsident, obwohl er allen Beratungen vorge sessen hatte. Glaubten die Herren mit solchen Finten die Tatsache aus der Welt zu schaffen, das die ganze Agitation im Bureau der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" zentralisiert Der Soldat lachte kurz und laut. „Ich kann mich nicht beklagen, wirklich. Man muß sich eben alles einzurichten verstehn. Darum jammern auch die meisten jüdischen Soldaten, daß es ihnen schlecht geht und daß die Vorgesetzten roh sind — sie verstehen eben nicht, mit den Leuten umzugehen. Ich Hab' gar viele Freunde unter meinen Kameraden und unlängst sagte mir erst der Zngsführer: „Du, Moritz, komm mit ins Wirtshaus. Geh', zahl' ein Bier." Weißt, ich bin auch nicht schmutzig, und wir sind ins Wirtshaus gegangen." „Ja, aber sag' mir nur, woher nimmst du denn das Geld, das du brauchst, wenn du . .. ich meine, du benötigst ja immerhin etwas." „Das verschaffe ich mir schon ... o ja. Zu was bin denn ich ich'? Das ist das Geringste." „Seckiert wirst du also gar nicht. Ein Jude hat ja immer auszustehn." „Mich seckieren? Mich? Wo denkst du hin? Herrgott den möcht' ich seh'n, der mich seckieren wollte, dem möcht ich schon einen Herrn zeigen. Eine links, eine rechts, daß ihm die Zähne wackeln. Ich lasse mir nichts gefallen, ich nicht. Denen hab' ich's gleich vom Anfang an gezeigt, wer ich bin. O, einen Respekt kann ich mir schon verschaffen. Freunderl, da hättest du hören sollen, wie ich es erst neulich dem Korporal geputzt Hab'. Unser Leutnant d r hat mich auch gern', weil ich eine Schneid Hab'. Unlängst hat er erst zum Lederer gesagt, „der Gerstmann, sehen Sie, das ist ein ganzer Kerl, den nehmen sie sich znin Muster". Weißt, der Lederer benimmt sich auch so. Und beim Exerzieren, wie der aussieht. Man muß sich direkt genieren. Da waren wir beide bei einem Mädchen, ein sauberes Ding, du. Sie hat uns vorm Haustor gewartet. Dann hat es mir leid getan, daß ich ihn mitgenommen habe. Er war wieder ... ekelhaft. Ich weiß nicht mehr, was er zum Mädel gesagt hat, darauf hat sie ihm geantwortet: „Ich bitt' Sie, war, glauben sie damit hinwegzuwischen, daß in dieser Wahl* aktion, an der sich die „Union" nach wiederholten Versicherungen nicht beteiligen wollte, der Präsident der Union der Vorsitzende des offiziellen Wahlkomitees, der Vizepräsident Kandidat, die Beiräte die eifrigsten Agitatoren und der, Sekretär Fleischer der Einpeitscher war? Sollte man dies leugnen, so werden wir Schriftstücke publizieren, die unsere Behauptungen erhärten. Aber niemand wird den Mut haben, es zu leugnen. Wir wollen nicht mißverstanden werden. Es war das gute Recht der „Union"', in den Wahlkampf zu treten, nachdem sie aber wiederholt und zulctzt öffentlich im „Hotel Post" ihre Stellung präjudiziert hatte, war es eine Ehrenpflicht, das gegebene Wort einzuhalten. Wiederholt haben unsere Kandidaten versichert, daß es ihnen nicht um Mandate, sondern um das Programm zu tun ist. Wir könnten in diesem Sinne mit der Wahl zufrieden sciu, denn die Offiziellen haben einfach unser Programm mit Hinweglaffung weniger Punkte abgeschrieben, aber unsere Zufriedenheit wird durch die Erfahrung gestört, daß die Offiziellen jedesmal vor der Wahl dem Programme zustimmen und nach der Wahl es aä acta legen. Wir werden uns aber das Vergnügen machen, die Herren von Zeit zu Zeit an ihr Versprechen zu erinnern. Außerdem wäre zum Wahlaufruf des „Vereinigten Wahlkomitees * zu bemerken, daß alle Unterschriften bis auf drei echt waren; drei (H o f b a u e r Bernhards Schiff Bernhard, Deiches) waren gefälscht; sonst war alles, wie gesagt, in Ordnung. Einer unserer Führer apostrophierte in der Wahlkampagne seine Zuhörer, indem er ihnen zurief: „Sie stehen vor der Frage ob über die Geschicke der Wiener Judenschast ein anonymes Wahlkomitee entscheiden soll, das allen Lastern des seligen liberalen Wahlkvmitees fröhnt, das niemand zusammengerufen und niemand bevollmächtigt hat, oder ob das jüdische Volk mündig geworden ist und selbst seine Geschicke in die Hand nimmt." Die Wiener Wählerschaft, allerdings nur der privilegierte Teil, verführt durch Wahleinflüffe der schlimmsten. Art und terrorisiert durch das Großkapital, die Börse, die „Konkordia" und nicht zuletzt durch die Macht der Fäuste, hat sich für den alten Schlendrian entschieden; die verblendete Mehrheit hat sich dafür entschieden, daß jüdische Jnsiilnte arische Lieferanten beschäftigen sollen und solche Kultusvorstände in der Seitenstettengasse sitzen sollen, die laut verkünden, daß die jüdischen Handwerker noch eine Schule durchzumachen haben. Wir sind zu sehr Juden, als ob wir nicht darüber Trauer empfänden, aber über den Werdegang der nationalen Idee sind wir vollkommen beruhigt. Wir haben trotz des unerhörten Druckes mehr Stimmen bekommen, als bei der letzten hören S' auf, Sie sein ja meschugge"., Wir haben nachher so viel darüber gelacht." „Also mit Mädchen gibst du dich auch ab?!" „Na hörst du! Freilich verkehr' ich mit den Mädeln. Solltest nur sehen, wie die auf die Montur fliegen. Und wie gern sie mich haben. Es geht nichts über das Svldateuleben." „Ich hab' aber gehört, du warst wieder einmal einmal eingesperrt. Nicht wahr, das soll nicht sein. Kein Arrest, dann wär's schon gut." „Wer hat das gesagt, daß ich eingesperrt war?" „Ich glaub', dein Bruder David. Ich frag' ihn: was schreibt denn der Moritz? sagt er: „der Lump, eingesperrt ist er schon wieder." „Der David kriegt noch einmal gute Schlag' von mir, der lügt ja, wie gedruckt." „Aber du, dein Vater lügt ja doch nicht, und er hat es mir ja auch bestätigt. Muß also doch etwas daran gewesen sein." „Weißt, der Korporal ist mir aufsässig," sagte der Soldat verlegen, „ich ... ich hab' ihm nämlich, weißt du . . . sein Mädel weggefischt. Und das verdrießt ihn, den slovakischen Hund. — — Aber mir geht es nicht schlecht, mir geht es ganz gut." „Was sagen denn deine Leute. Die müssen ja dann eine Freude haben, wenn's dir so gut geht." „Die eine Freud'-o da kennst du die schlecht. Freund, die kümmern sich um solche Dinge nicht." Er nimmt ein Spieglein aus der Tasche und kämmt, indem er hineinblickt, Bart und Haar. „Mein Vater sagt zum Beispiel: Gott sucht sich schon die Leute ans, die zum Militär kommen. Wenn man kein Jude ist und imnier froh war, mit den Christenburschen zu verkehren, dann geschieht eS einem schon ganz recht. Ich bitte dich, diese veralteten Ideen. denkt denn mehr heutzutage an so etwas, luv doch jei^e seine Bildung hat. Mein Alter, dem war' es schon recht gFvtsen, wenn ich nie im

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