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Jüdisches Volksblatt · 1902-11-21 · 47 (21.11.1902) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
47 (21.11.1902)
Date
1902-11-21
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 47 Wien, Freitag Jüdisches Völksblatt 21. November 1902 Seite 5 Säche höher schlagt, wer sich seiner Pflichten als Md. Bitttzer und seinein VolkStunie. gegenüber bewußt ist, erscheine bei unserer ' Versmnmlüng. Von Euch, der geistigen Elite unseres Volkes, ertvarten wir vollstes Bewußtsein Eurer Verantwortlichkeit. Jüdische Kommilitonen, Ihr seid alle herzlichst willkommen. Für die wehrhaften jüd.-nat. StudentenverSittdungen, die Präsidien. Cand. jur. Israel Littmann, „Kadimah". Cand. jur. Moritz Kohn, „Jvria". Cand. ing. Maximilian Goldmann, „Unitas". Cand. ing. Alfred Buchbinder, „Libanonia". Cand. ing. Samuel Jungmann, „Maccabäa". Ort: Festsaal des Hotel Continental, 2. Taborstraße 4. Zeit: Dienstag den 2. Dezember 1902. Beginn: halb 8 Uhr abends. Der Allgemeine jüdische Arbeiterverein veranstaltet am Samstag den 27. Dezember 1902 im Prachtsaale des Hotel Central, 2. Bez., Taborstraße 8, eine große Makkabäer-Feier unter Mitwirkung hervorragender Kunstkräfte mit anschließendem Tanzkränzchen. Beginn 8 Uhr abends. Entree 1 Krone. Karten sind zu haben in der Redaktion des „Jüd. Volksbl.", 2. Bez., Leopoldsgasse Nr. 49, Redaktion der „Welt", 9. Bez., Türkenstraße 9, Cafe „Zur Börse", 1. Bez., Wipplingerstraße, Cafe „Jägerhof", 9. Bez., Porzellangasse 22, Cafe Herz, 2. Bez., Cirkusgasse 64, Untere Augartenstraße 19, Herrn E. Brod, 9. Bez., Rothe Löwengasse Nr. 2, 2. Stock, Tür 10, Herrn Efraim Edelstein, 2. Bez., Herminengasse Nr. 13, 1. Stock, Tür 6, sowie bei sämtlichen Vereinsmitgliedern. Um zahlreiche Beteiligung bittet der Verein. Wien. (Vereinigung jüdischer Hochschüler aus den südslavischen Ländern „Bar Giora".) Die Wahlen für das Winter-Semester 1902/1903 ergaben folgendes Resultat: Präses: jur. I. Th au, Vizepräses: jur. D. Fuhrmann, I. Schriftführer: phil. M. Levi, II. Schriftführer: techn. S. R intl, Kassier: teedn. M. Rosenberg, Bibliothekar: med. A. Deutsch, Ersatzmann: tsedn. Ph. Rosenzweig. Erster Wiener Jüdischer Turnverein, I., Mölkerbastei 6. Der Turnbetrieb ist wieder in vollem Umfange ausgenommen Herrenturnen Montag und Donnerstag von 7,8—9 Uhr, Damenturnen Rittwoch und Samstag von 7,8—9 Uhr, Kinderturnen findet ebenfalls statt und zwar Dienstag und Freitag von 7-0— 7,7 Uhr. Fechtsektion. Die Aufnahme neuer Mitglieder erfolgt auf dem Turnplätze während der Turnzeit. Am 22. November findet ein Vergnügungs-Abend im „Hotel Central", Taborstraße, statt, mit ernsten und heiteren Vorträgen, einer turnerischen Pantomime und Tanz. Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler, Wien. Neben den sonstigen alljährlich in der Lese- und Redehalle veranstalteten wissenschaftlichen Sektionen ist es der Vereinsleitung gelungen, heuer einen neuen Kurs über „Geschichte der neueren Philosophie" zu errichten. Dieser Kurs ist für den Verein von umso größerem Wert, als für dessen Abhaltung Herr Dr. Bernhard Wachstein gewonnen wurde, ein Mann, der nicht nur auf dem Gebiete der Philosophie durch gründliches und tiefes Wissen hervorragt, sondern neben allseitiger wissenschaftlicher Bildung eine glänzende Rednergabe besitzt, wodurch er seinen Vortrag zum GegenständeallgemeinenJnteresses undzneinem großen Attraktionspunkte zu gestalten weiß. Herr Dr. Wach stein behandeltein seiner ersten Vorlesung am Mittwoch, den 12. Nov. 8 Uhr abends, im Vereinslokale vor einer zahlreichen Hörerschaft in überaus fesselnder Weise das System Lord Bacons. Unter gespannter Aufmerksamkeit des Auditoriums entwarf der Referent zunächst eine kurze biographische Skizze dieses Philösophen, worauf er dann in der ihm eigenen eminenten Beredsamkeit den Grundgedanken und die Aufgabe der Baeon'schen Lehre eingehend erörterte. Bacons große Geistestat, führte der Referent aus, sei die Erneuerung der Wissenschaft, die er schon früh als seine Lebensau'gabe ansah. Die Wissenschaft müsse nach Bacon an das methodische Denken und Erfinden, das menschliche Denken an die völlig unbefangene, methodische experimentelle Erfahrung gewöhnt werden. Es müsse vor allem die syllogistische Wortweisheit aufgegeben und ein tatsächliches Wissen durch die induktive Methode erstrebt werden. Reicher anhaltender Beifall lohnte die geistvollen Ausführungen des Vortragenden. Herr Dr. Wachstein wird diesen Kurs jeden Mittwoch um 1% Uhr abends im Vereinslokale abhalten. Gäste willkommen! . Czernowitz. (Akademis ch e Verbindung „H a smonaeä".) Die Chargenwahlen für das XXIII.' (Winter-) Semester hatten folgendes Ergebnis: cand. jur. Elias Stroh X (Senior), .cand. jur. .Jacob M. Stroh XX (Paukmart), cand.'jur. Salomon Kaßner XXX (Schriftführer). Ehrenbürgerernenmmg. Der Gemeinderat der Jsraelitenstadt Holleschau hat Herrn Albert Löw aus Budapest in Würdigung der hervorragenden Verdienste, die sich derselbe um di.e dortige Gemeinde erworben hat, einstimmig zum Ehrenbürger der Jsraelitengemeinde Holleschau ernannt. Bon Czernowitzer Mittelschulen. Czernowitz, Stadt der Freiheit und des Anstandes! Du kannst dich rühmen, einer Anzahl von Jugenderziehern, Professoren genannt, die zu besitzen auch Wien stolz wäre. Es war ein alter Professor — er ist jetzt, Gott verzeihe mir den harten Ausdruck — schon halb selig. Aber hinterlassen hat er doch seinen Schülern einen seiner Schnapswitze, die da ihn besonders beleuchten, und die ich hier noch mehr beleuchten will. Meiner Seel.. . Das war ein Lehrer. Dann ziehe doch der Teufel eine grüne Mütze an! Der Herr Professor wollte sich besonders auszeichnen und da witzelte er. Ja, wenn's noch ein Witz wäre! Er prüfte die darstellende Geometrie, plötzlich ergreift ihn die Witzwut. Der Schüler, der geprüft wurde, antwortete nicht so ganz richtig; da wollte er Mch leuchten und sprach : „Ich will Ihnen glauben, denn Glauben »macht selig und ich will selig werden, aber nicht Selig heißen. Ja, wie sagt man denn da. .." Er wandte sich an. einen seiner treu ergebenen Schüler, ein Trottel von Paprika; und der ließ .hören: „Selig rnöcht' ich werden, aber Selig nicht heißen; denn Selig ist ein. Jud', ein Jud ist ein'Schwindler, ein Jud ist ein Betrüger." Allgemeine Heiterkeit im Langohrenauditorium. Der: Herr Professor gab sich auch redliche Mühe, dieses Verdienst für. sich in Anspruch zu nehmen, und da wiederholte er es wortwörtlich, zum Ergötzen der Obgenannten. Ja, wird man fragen, ließen sich denn die jüdischen Schüler dies gefallen, sind denn die so blöd, um nicht ein solches Benehmen zurückzuweisen? Ja, ich muß es leider sagen, es existieren, jetzt überhaupt keine jüdischen Schüler mit einem Se.lbstbewußtsein. Diese Erfahrung habe ich Überall erlangt. Wenn der Herr Professor eine Schularbeit auf: Samstag verlangt, was ihm im allgemeinen verboten ist, daniy hat er doch die Ausrede, daß beim Befragen, ob jemand Samstag nicht schreibe, kein jüdischer Schüler ausstand! Und dann, manist schon daran gewöhnt; fast jeden Tag, ohne Unterschied, hört man dasselbe. Und dann wundere man sich, haß man dagegen, eine Gleichgiltigkeit provoziert, wie man sie nirgends sieht. Ja,i ist das eine Mittelschule, wo derartiges vorkommt? Ich bezweifle, sehr. — Freiheit weht in Czernowitz — aber leider nur vor den Wahlen und leider nur dort, wo es am Finstersten ist und da kann sich das I. Stadtgymnastum rühmen, die höchste Spitze der Unkörreklheit erreicht zu haben, dorthin leider dringt kein Lichtstrahl. U. . Mischehen. Aus Budapest wird geschrieben: Die Ehestatistik! zeigt die folgenden Ziffern. In den Ländern der Stefanskrone wurden 7840 Ehen geschlossen, von tvelcher Zahl auf Kroatien-Slavonien 768 Ehen entfallen. Wenn man nur Vas engere Ungarn berücksichtigt, ist zu konstatieren, daß Ver Mönat September d. I. hinsichtlich der Eheschließungen ungünstiger war als derselbe Monat des Rorj'hkes, insofern Heuer die Zahl der Eheschließungen um 608 geringer war. Die Verhältniszahl der Eheschließungen wär am günstigsten im Theiß-Maros-Delta, am ungünstigsten am rechten Donauufer. Verhältnismäßig die meisten Ehen wurden geschloffen im Komitat Torontal und in den Städten Pancsova und Temesvar, die wenigsten im Komitat Zala und in der Stadt Hodmezö-Basarhely, wo nur 17 Eheschließungen zu verzeichnen waren. In Ungarn wurden im Berichtsmonate 1018 gemischte Ehen geschlossen, darunter 39 zwischen Christen und Juden. Hierbei war in 20 Fällen der Bräutigam Christ, in 19 Fällen Jude. In 240 Fällen - 24.46 Perzent der gemischten Ehen, kamen Vereinbarungen bezüglich der Konfession der zu gewärtigenden Kinder zustande, und zwar in 109 Fällen zugunsten der Konfession des Vaters, in 140 Fällen zugunsten der Konfession der Mlutter; hiervon in 162 Fällen zugunsten der römisch-katholischen, 60 zugunsten der reformierten, 26 zugunsten der evangelischen (A. B.), 16 zugunsten der griechisch-katholischen, 6 der griechisch-orientalisch:,,, 1 der israelitischen Konfession (l). Bei Ehen zwischen Christen und Juden kamen in 9 Fällen Vereinbarungen zustande, und zwar in 8 Fällen zugunsten der christlichen, in einem (!) Falle zugunsten der jüdischen Religion. Allgemeiner Krankenunterstützungsverein „Menschenliebe". Dieser junge, rührige Verein, der seit seinem kaum zweijährigen Bestände ein wahrer Segen für die Juden des neunten Bezirkes sowre der angrenzenden Bezirke geworden ist, hat bereits am 8. d. M. seine erste Wohltätigkeits-Akademie in dieser Saison zugunsten seines Witwenfonds veranstaltet.. Aus dem reichhaltigen Progrannne heben wir zunächst den von Herrn I. Krauß verfaßten und von Fräulein Käthe Gold scheid er sehr gefühlvoll vorgetragenen Prolog hervor. Eine Glanznummer des Abends bot Herr Oberkantor Don Fuchs durch seinen Gesangsvotrag. Herr Fuchs der sowohl durch seine kantoralen Leistungen im Ottakringer Tempel als auch durch seine den jüdischen Wohltätigkeitsvereinen in uneigennütziger Weise gewidmeten Gesangsvorträge bereits der Liebling der Wiener Judenheit geworden ist, hat auch an diesem Abend die Zuhörerschaft mit sich hingerissen. Es ist wirklich zu bedauern, daß die Kultusgemeinde nicht dafür sorgt, daß dieser hervorragende Künstler, der sehr viel dazu beigetragen hat, daß der Ottakringer Tempel zu den besuchtesten Synagogen Wiens gehört, ein größeres Gebiet der Betätigung erhält. Auch die anderen Programmpunkte fanden beim zahlreich erschienenen Publikum großen Beifall. An die Vorträge schloß sich ein Tanzkränzchen an. Es wäre sehr zu wünschen, daß diesem jüdischen Humanitätsvereine, um dessen Aufblühen sich ein tüchtiger Ausschuß und hauptsächlich die Herren Julius Löffler, Max B e l l a k und der Vereinsarzt Dr. Emanucl Deutsch besondere Verdienste erworben haben, jene Anerkennung und Unterstützung finde, die er vollauf verdient. * Zur Logik der Tatsachen. Aus Budapest wird uns gemeldet: In Nr. 45 Ihregeschätzten „Jüdischen Volksblatt" war ich so frei, die Behauptung auszusprechen, daß die Lehren, welche die jüdischen Semiaristen auf der Universität hören, dazu beitragen, daß das national-jüdische traditionelle Gefühl in ihrem Innern erstickt und vernichtet werde. Ich bin jetzt in der Lage, diese Behauptung mit einem eklatanten Beweis zu unterstützen. Am 11. d. M. wurde auf dem jüdischen Friedhofe das Grabdenkmal des philosophischen Schriftstellers Dr. Adolf S i l b e r st e i n, der vor drei Jahren verstarb, der viele Jahre Mitarbeiter des „Bester Lloyd^ war, feierlichst enthüllt. Es ist selbstverständlich, daß der hiesige „Journalistenverein" alles aufbot, damit die Feier weihevoll abgehalten werde. Die israelitische Kultusgemeinde stellte zu diesem Behufs demselben ihre Funktionäre zur Verfügung. Den gesanglichen Teil besorgte der Oberkantor Lazarus und Dr. Julius Weiß bürg, der als Aushilfsrabbiner angestellt ist, hielt die übliche Rede, die voll poetischen Schwunges war und auf die Zuhörer einen mächtigen Eindruck erwirkte. Er rühmte die Vorzüge des Verblichenen, der ein hervorragender Schriftsteller und ein guter Mensch mar. Ferner hob er hervor, daß Silber stein in seinen philosophischen Arbeiten bestrebt war, die Wahrheit, die er innig liebte, zu suchen, zu erforschen und ihren Spuren folgte und daß er auch gleichzeitig ein treuer Sohn seiner Religion war! Mit Verlaub! Letzte Behauptung ist nicht wahr, dem Silberstein hat in seiner Arbeit: „Die Bibel der Natur", die göttliche Offenbarung geleugnet, er hat ferner seinen Sohn, aus seiner jüdischen Ehe in den Bund des Judentumes nicht aufnehmen lassen. Er lebte ferner mehr als zwanzig Jahre in wilder Ehe mit einer Christin, er hat nie im Leben die Pforten der Synagoge aufgesucht, um gemeinschaftlich mit seinen Glaubensgenossen ein inbrünstiges Gebet zu verrichten und er lebte nicht nach den Satzungen der traditionellen Lehre. Die Tatsache ist allbekannt, daß die Rabbiner die Aufgabe haben, die traditionellen Lehren, die im synagogalen Leben ihre Konzentrierung finden, selbst zu betätigen und die Glaubensgenossen belehrend anzueifern, damit auch diese sie ausüben sollen, er hat sich ferner zu hüten, eine Unwahrheit zu sagen, wie diesmal Dr. Julius Weiß l^urg es öffentlich getan! Mich leitet keine Animosität gegen den Dr. Weiß bürg, denn ich achte ihn und habe ihm persönlich am 12. d. M., als wir uns in der Königsgasse begegneten, meine Meinung offen ausgesprochen und seine Behauptung, „daß die Philosophen auch nach Wahrheit streben", damit widerlegt, daß eine solche Supposition von philosophischen Gesinnungsgenossen wohl akzeptiert werden kann, jedoch die Lehrer der Synagoge dürfen diese darum nicht anerkennen, weil sie damit das Grab ihrer eigenen Religion schaufeln. Hätte Dr. Weiß bürg an der Universität diese Lehren nicht aufgesogen, die heute sein Inneres erfüllen, so würde er. auch solche Aeußerungen nicht gebrauchen. Dieses Vorgehen beweist, welche Zerfahrenheit in unserem Rabbinate herrscht, das stillschweigend über diesen Fall zur Tagesordnung übergeht, und ferner unterstützt es meine Behauptung, daß im Schoße des. Vorstandes sowohl als auch in der Repräsentanz die destruktiven. Elemente die Oberhand haben, um den Abfall vom Judentum zu fördern. Wahrlich, es wäre schon die höchste Zeit, daß die Vorsteher und die Repräsentanz ihre Fehler einsehen mochten, eine baldige Umkehr ist höchst notwendig, da sonst ein Zerfall in größerem . Maß stabe als jetzt bald folgen wird! - Zlüezow. Jüdische Frauen und Mädchen haben -sich zusammengetan, einen spezifisch jüdischen Verein ins Leben zu rufen, der sich zur Aufgabe gestellt, jüdische Geschichte. und hebräische Sprache und Literatur zu pflegen. Die jüdisch-nationale Idee, die überall Wurzel gefaßt, gelangt hier glänzend zum Ausdruck.' Ein Besuch beim Rabbi von Sadagorä. (Von Dr- Adolf Kapralik.) Es war ein schöner Julimorgen. — Einfarbig hlnu glänzte der Himmel und die Sonne — obschon es erst acht Uhr war — sandte schon ihre glühenden Strahlen zur Erde. Kein Lüftchest regte sich. Wir. fuhren zu dritt in einem Wagen von dem herrlichen, auf einer Anhöhe malerisch gelegenen Czernowitz zur Pruthn'iederung hinab, setzten über die Flußbrücke und. fort giug's über die staubige Landstraße, die zu beiden Seiten von Feldern begrenzt wird und durch ein kleines Dorf, bis wir nach ettva dreiviertelstündiger Fahrt in Sadagora ankamen und vor deyr hübschen, villenartitzen, von einem mäßigen Garten umgebenen Wohnhause des Rabbi hielten. Wir hatten Uns Tügs zuvor anmelden lassen und wurden für 9 Uhr früh beschieden. Von einem würdigen alten Herrn, dem ersten der Gabbonn, empfangen, wurden wir in einen kleinen, aber netten Warteraum geführt und ersucht, für kurze Zeit Plqtz zu nehnren. Zugleich brachte der genannte alte Herr die Entschuldigung vor, daß uns heute, da gerade der siebzehnte Thamus war, mit nichts außer Zigarren aufgewartet werden könne, fügte aber tolerauterweise hinzu, daß, falls wir's wünschten, eine Ausnahme gemacht würde. Wir lehnten selbstverständlich dankend ab. Nach einer Viertelstunde Wartens wurden wir von demselben, der uns draußen empfangen, nbgeholt und zum Rabbi geführt. Wir betraten einen großen, lichten, modern mrsgestatteten, eleganten Raum und erst nach einigen Augenblicken wurden wir des Mannes gewahr, zu dem uns unser Weg geführt. Er sah ganz oben it\ einem Winkel auf einem Lehnstuhl, in gerader, vornehmer Körperhaltung, die Füße auf einem niederen Schemel und die Rechte leicht gestutzt auf einen neben ihm und hart an der Wand stehenden Tisch. In der Linken hielt er ein sehr langes Pfeifenrohr mit großem Bernstcinaufsatz und tat ab und zu leichte Züge aus der Pfeife. Er reichte uns freundlich die Rechte und lud uns zum Sitzen ein. Wir setzten uns in einem kleinen Halbkreise um ihn herum und hatten einige Muße, ihn genauer zu betrachten. Er ist ein schöner, stattlicher Mann von Mittelgröße mit regelmäßigen, edlen Gesichtszügen und langem wallenden Barte, dessen tiefes Schwarz hier und dort schon Silberfäden durchziehen — der Rabbi steht im 61. Lebensjahre. Wollte man sich ihn so vorstellen, wie mau zahlreiche polnische Juden zu sehen gewohnt ist, nachlässig, unrein, verwildert, so würde man sich sehr irren. Kein Salonmann tritt reiner und netter auf als er. Das ist ein Erbstück seines Stammvaters, des berühmten Rabbi Beer — eines Zeitgenossen des Bescht, welcher von 1700 bis 1771 gelebt hat. Der hat viel auf äußeren Prunk gehalten und von ihm an kleiden sich alle seine Nachkommen nur in Seide und Atlas und wohnen in Prunkgemächern, in denen eine peinliche - Sauberkeit waltet und eine vornehme Eleganz, wie man sie nur in Palästen antrifft. Ursprünglich in Rußland seßhaft, übersiedelte der Großvater des gegenwärtigen Rabbi Israel, der denselben Namen führte, in den Vierzigerjahren des vorigen Jahrhunderts nach Oesterreich. Er hatte sich flüchten müssen, weil sein Reichtum und seine. Prachtliebe den Neid seiner Gegner und Feinde erweckt hatten. Man denunzierte ihn bei den russischen Behörden, daß er nach der Königswürde in Palästina strebe. . Von der russischen Regierung verfolgt, und in Gefahr, ver- . haftet zu werden, floh er über die Grenze, schlug seinen Wohnsitz in dem nahe der Bukowiuaer Hauptstadt Czernowitz gelegenen' Marktflecken Sadagora auf und nahm den Familiennamen Fried--, mann an. Er starb 1861. Ihm folgte sein Sohn Rabbi Abraham Jakob, nach dessen Ableben 1883 der gegenwärtige Rabbi Israel den Stuhl seiner Väter bestieg. Er saß vor uns in langem, dunklen, seidenen samtverbrämtem Tatar (Kaftan), auf dem Kopfe einen ' hohen Plüschhut mit breiter Krämpe und gestickte Pantoffeln an den Füßen. Nachdem ich mir über seine gastliche Aufforderung eine Zigarette gedreht hatte, Hub er das Gespräch an. Nach dem Austausch einiger unwesentlicher Fragen und Antworten und meiner Bemerkung, ich wollte während meines Ferialaufenthaltes bei meinen Eltern in Czernowitz die Gelegenheit wahrnehmen, ihn zu besuchen und kennen zu kernen, waren wir bald mitten im Gespräch über Politik und die öffentliche Lage überhaupt. Und da zeigte er sich als ein Mann von allgemeinem Wissen, der über alles unterrichtet war und mit klarem Urteil sprechen konnte. — Ich muß noch bemerken, daß er sich ausschließlich der deutschen Sprache bediente und kein Wort im Jargon sprach. — Doch würde es zu weit führen, alles anzuführeu, was da besprochen wurde; nur einiges sei erwähnt. Da ist vor allem interessant, daß er ein Gegner des ZioniSinus ist und für dessen Bestrebungen nur ein mitleidiges Lächeln batte. „Wir Juden," sagte er, „wünschen ja und hoffen, ins gelobte Land zurückzukehrcn, aber erzwingen können wir es nicht und nicht von uns, von niemanden, von keiner noch so großen Korporation hängt cs ab, den Zeitpunkt der Rückkehr beschleunigen oder gär feststellcn zu können." lieber die von mir aufgeworfene Frage, ob es nicht gut wäre, daß ein Teil der Juden sich Feldarbeiten widme, meinte er: „Wer das will und in sich den Beruf dazu fühlt, der'kann es ja tun. und tut es auch; aber verfehlt ift’S, wie die Kolonisation in Argentinien beweist, solche Leute im allgemeinen dazu zivingen zu wollen. Städter können nie zu Bauern gemacht werden. Nicht allein Juden. Nehmen Sie christliche Städter und stellen Sie ciufs Feld, sie werden auch nichts leisten. Künstlich kann man keine Geschichte machen und was sich nicht notwendig entwickelt, führt zu nichts." Äuf meine Mitteilung im weiteren Verlaufe des Gespräches, ich hätte einmal einem katholischen Geistlichen, der mir die Lehre des Evangeliums vorhielt: „in der Bibel steht: Zahn um Zahn, Aug' um Aug'; ich aber sage euch, bestehet nicht auf Rache und wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem neige auch die Linke Hin," um mir zu zeigen, wie viel höher und edler der neue Bund stehe über dem alten, die Frage vorgelegt, nach welchen Grmrdsätzen denn bei unseren Gerichten Recht gesprochen werde'und ob ein Mensch denkbar sei,-der nach einer erhaltenen Ohrfeige auf eine Wange, einladend die andere entgegenhalten würde, meinte der Rabbi: „Das biblische „Zahn um Zahn" ustv. ist ja auch nicht wörtlich gitnehmen, sondern gemeint ist die Strafe, eine Buße, ein gleichwertiger Schadenersatz. Strafe muß ja sein," fügte er lächelnd hinzu, „wohin sollte denn eine solche übertriebene Demut führen, das tväre ja die reine Anarchie!" Eine Stunde hatten wir im angenehmen, anregenden Gespräche Angebracht. Wir mußten aus Rücksicht für seine Lebensweise unseren Besuch beenden, weil es 10 Uhr geworden war und er sich täglich vor halb 11 Uhr ins Bcthaus begibt, um sein Morgengebet zu verrichten. Bei unserm Abschied erhob er sich leicht von seineyr Stuhle, reichte freundlich lächelnd, jedem die Hand und dankte für den Besuch. Gegen Mittag ist gewöhnlich das Morgeugebet zu Ende, natürlich nur au Wochentagen; an San,singen und Feiertagen dauert eS noch länger. Den ganzen Nachmittag empfängt der Rabbi Besuche, zmueist von auswärts. Die Mahlzeiten nimmt er allein, indes zahlreiche Arme, oft mehr als hundert, an langen Tischen täglich dort gespeist werden. , . In angeregter Stimmung kehrten wir nach Czernowitz zuruck» von dem Besuche sehr befriedigt: wir hatten das Oberhaupt einer großen Sekte, der. Chassidim, kennen gelernt und einen Manu in ihm gefunden, der einerseits treu den Traditionen seiner Familie ist, andererseits auch moderne Bildung in sich ausgenommen hat. („Mon. f. d. I. d. I.') . Ausland Berlin. Der Michael Beer-Preis wurde, nachdem dessen Inhaber. Maler Mose, sich erschossen hat, von der Akademie dem Wiener Maler Nicolaus Schattenstein verliehen. Der Preis beträgt 2260 Mark. - . r v p> >; t Frankfurt n. M. Folgendes bezeichnende Herratsgesuch findet sich in der „Friankf. Zeitung" Nr. 301: „In ivelche freisinnige jüdische Familie, sehr vermögend, könnte ein Fürst Zutritt erhalten, behufs Ehe. Offerten unter M. N. 6228 beförd. Rudolf Müsse. M'mcheu. In derselben Nummer findet sich folgendes Inserat: „Fürstliche Adoption.. Kinderlose ausländische Fürstlichkeit wünscht distingierten jungen Mann mit Uebertragung des Titels zu adop-

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