Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 47 (21.11.1902)
- Date
- 1902-11-21
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 21. November 1902 Nr. M Üeren. Nur nicht anonyme Anfragen vor, nur sehr vernwgenden Selbstreflektanten beantwortet der Bevollmächtigte: Dr. v. R. durch die Exped. d. Bl. unter Nr. 32085." Das Prestige Rumäniens. Alts London wirb aemeldet: Das Tagesgespräch ist die Nachricht^ — der Lordmayor von Ü o n b o u Sir Marcus Samuel habe den r n m ä n i s ch e n Gesandten v o it d e m Guildhall-Bankett ausgeschlossen, weil Rumänien seine Vertragsverpflichtuugen gegen die rumänischen Juden nicht erfülle. Jetzt bestätigt auch das offiziöse Wolff'sche Bureau diese Meldung, indem es eine Aeuherung des Lordmayors selbst wiedergibt. Wolffs, Bureau depeschiret man aus Lo n d o n: „Z u der Tatsache, daß man den rumänischen Gesandten in die Einladungen, welche zu dem Guildhall- Bankettandasdiplomatische Korps erlassen w urden, nicht eingeschlossen hat, um damit dem Mißfallen über die Haltung Rumäniens den Juden gegenüber Ausdruck zu geben, erklärte der Lordmayor eitlem Vertreter der „St. James Gazette": Der Name des Gesarrdten sei absichtlich weggelasseir worden. Es sei Brauch im Mansion-House, Vertreter eines Staates nicht einzuladen, welcher sich weigert, Vertragverpflichtungen zu erfüllen. Wie die „St. James Gazette" erfährt, ist die Regierung in der Angelegenheit zwar befragt worden, aber die Verantwortlichkeit für die Nichteinladung des Gesandten ruht gänzlich auf dem Mansion-House." Wir müssen der Haltutlg des Lordmayors ausdrücklich unsere Atierkennung aussprechen; wenn alle Juden, die eine soziale Stellung einnehmen, in gleicher Weise, mit gleichem Mute und gleicher Nackensteife ihre Pflicht täten, stände das Judentum ganz anders da; leider sehen wir in Wiell in den analogen Kreisen täglich Beispiele eines gegensätzlichen Benehnlens; anstatt Nackensteife Fahnenflucht, an Stelle von Charakter Taufe. (Anm. d. Red.) Polen, Juden und Deutsche. Aus Posen wird geschrieben: ^".Das polnische Blatt „Kuryer", das sich seit einiger Zeit darin gefällt, in antisemiticis zu versieren, behandelte jüngst irr einem eigenartigen Artikel die „Nussenfurcht" der hiesigen „Pos. Ztg.", wobei jenes Blatt sich natürlich nicht enthalten kann, auch uns Juden etwas am Zeuge zu flicken, indem es am Ende schreibt: „Einen vorzüglichen Beistand leistet den Deutschen in dieser Hinsicht das jüdische Element, das stets antislavisch gesinnt ist." Dazu bemerkt wohlmeinend die Redaktion der „Pos. Ztg.": „Daß das „jüdische Element" antislavisch sei, ist einfach unwahr. Das „jüdische Element" will nur gerecht und menschenwürdig behandelt werden und will als treuer Staatsbürger seine Pflichten erfüllen und dementsprechend seine Rechte haben, die ihm da in manchen dunklen Gegenden des Ostens leider noch sehr beschnitten werden. Es ist nicht antislavisch, sondern antisklavisch." Darauf reagiert selbstredend das polnische Antisemitenblatt: „Die Juden in der „Posener Zeitung" — so schreibt der „Kuryer" — sprechen heute wiederum über Rußland. Und fte sprechen echt jüdisch. Natürlich hassen sie den einzigen großen antisemitischen Staat auf der Welt, aber gleichzeitig fürchten sie den slavischen Riesen, wie den Teufel selbst. Geradezu amüsant ist die Behauptung, die Juden der „Pos. Ztg." seien der Typus wahrer Preußen. Sehr wohl, wir geben das gern zu. Ist doch bekannt, daß alles Judentum auf der ganzen Welt zum Preußen hlnzieht, daß jeder, der irgendwie mit dem Judentum verbunden ist, damit schon mehr oder weniger Preußenfreundschaft betreibt. Das sehen wir in allen Nationen der Welt, nicht nur in der deutschen. Der Jude war und wird überall und immer ein Freund des Deutschen und ein Feind der slavischen Idee sein." Wir haben unsere Anschauung in dieser Frage schon oft klargelegt. Die „Pos. Ztg." klagt ja in ihrer anzuerkennenden Liberalität über die immer noch herrschende, ungerechte Zurücksetzung der Juden in Preußen. Die Juden in Preußen beobachten um ihrer Lebensinteressen wegen strengste Neutralität, aber keineswegs — und das ist Wahrheit — aus Abneigung oder Kampfseligkeit gegen die polnischen Mitbürger. Jüdische Oberlehrer. Dieser Tage ist der „Kalender für das höhere Schulwesen in Preußen" erschienen. Für unsere geschätzten Leser hat es sicherlich einiges Interesse, zu wissen, wieviel jüdische Lehrer an nichtjüdischen höheren Lehranstalten Preußens angestellt worden sind. Es sind im ganzen unter den 738 Oberlehrern, die nach dem 1. November 1900 bis 1. Mai 1902 inklusive angestellt wurden, 12 Juden. Der älteste dieser jüdischen Oberlehrer war bei seiner Anstellung 48 Jahre 8 Monate, der jüngste 27 Jahre 5 Monate alt; ihr Durchschnittsalter betrug, bei der deftnitiven Anstellung 37 Jahre 10 Monate, bei Erlangung der Anstellungsfähigkeit 30 Jahre 3 Monate. Die Gesamtzahl der jüdischen Oberlehrer in Preußen beträgt jetzt 33, von denen aber 18 an den beiden jüdischen höheren Lehranstalten in Frankfurt a. M. angestellt sind (darunter 6 Professoren mit dem Range der Räte 4. Klasse). Die Zahl der an staatlichen Anstalten angestellten Oberlehrer beträgt jetzt 11, und zwar 1 in Ostpreußen, 3 in Westpreußen, 5 in Posen, das nur staatliche höhere Lehranstalten besitzt, und 2 in Brandenburg (davon 1 in Berlin). An städtischen Anstalten sind augenblicklich 54 jüdische Oberlehrer vorhanden, und zwar 1 in Westpreußen (Danzig), 6 in Schlesien (6 in Breslau), 1 in Sachsen (Magdeburg) und 4 in Hessen-Nassau (Frankfurt a. M.); die übrigen 40 sind in Berlin. Da nun nach der neuesten Zählung von 10.000 Personen 488 Juden sind, so müßten von den 654 Oberlehrern, die in Berlin angestellt sind (davon 533 an städtischen Anstalten), 32 Juden sein. Ihre Zahl beträgt aber 41. In ganz Preußen kommen auf 10.000 Personen 114 Juden; unter den 6704 preußischen Oberlehrern müßten also 76 Juden sein. Auch hier ist also die Zahl der jüdischen Oberlehrer etwas größer, als es dem Verhältnis der jüdischen Bevölkerung zu der christlichen entspricht. Wenn die Ziffern gerade nicht ungünstig sind, trotz der systematischen Znrückdrängung der Juden vom höheren Lehrfach, so muß daran erinnert werden, daß dies auf den Mangel zurückzuführen ist, der schon seit geraumer Zeit an geeigneten Bewerbern für das höhere Schulamt in Preußen herrscht. Andernteils wcrfeir sich mehr Juden wie früher auf andere Studienzweigc, nachdem die Aussichten für die angehenden Mediziner und Juristen so außerordentlich schlechte geworden )'iitb. Trotz alledem dürfte es auch heute noch keinem Juden, der nicht recht lange warten kann, ratsam sein, sich dem Lehrfach zu widmen. Die günstigen Aussichten werden etiva noch 3—4 Jahre anhalten; eine genauere Berechnung ist freilich nicht möglich. Aber sicher wird auf den Mangel ein starker Andrang folgen. Sobald aber die Zahl der christlichen Bewerber das Angebot übertrifft, wird für den Inden keine Stelle mehr zu haben sein. Pleschen. Die Tageszeitungen ereifern sich wieder über das Verhalten der jüdischen Bürger bei den jüngst stattgehabten Stadtverordnetenwahlen. Sa soll in Obornik in der zweiten Abteilung die Mehrzahl der jüdischen Wähler ihre Stimmen den polnischen Kandidaten gegeben haben, lind in Labischin, Ivo die jüdischen Wähler in der 1. und 2. Abteilung durch ihre Wahlenthaltung bewirkten, daß die Polen zivei Mandate gewannen. Der Bortvurf gilt aber eigentlich dem Verhalten höhercnorts den Juden gegenüber, die löblicherweise cS von sich weisen, durch einen mit idealen Worten klingelnden Appell sich von einer notwendigen Vertretung ihrer vitalsten Interessen abhatten zll lassen. Möge das Bewußtsein unserer Stammcsgcnosscn nur allerwärts erstarken und zur stärksten Solidarität sich herausbildcn. Wir Juden gelten ja gar nichts in Preußen. Wie Ivir seinerzeit richtig behaupteten, hat unser Kaiser in fetiter Aachener Rede, da er seine Achtung zu jedermanns Religion aussprach,, gar nicht an uns Juden gedacht. Wenigstens bestätigt dies der Kommentar, den jüngst anläßlich der Wahl des neuen Kölner Erzbischofs Fischer der Oberpräsident Nasse beim Festmahl zu jener Kaiscrrede gab, wobei derselbe sagte: es sei des Kaisers Bestreben, dem Volke die Religion zu erhalten und das gelte in gleicher Weise für beide" Konfessionen. Für beide nur? Und wo bleiben wir Juden? Unsere Religion ist älter und besteht, ohne veraltet zu sein, noch heute. Ja, sie ist Gottlob noch lebendig und wird, wenn alle Juden ihren männlichen Stolz beweisen, kräftig erstarken. Jüdische Forscher. Seitdem durch die Entdeckung des Prof. Behring die Serumtherapie der Diphtherie eine wunderbare Stärkung erfahren hat, haben sich die Forscher auch anderen Infektionskrankheiten zugewaudt und hervorragende Resultate erzielt, über Pie eingehend zu berichten hier nicht der Ort ist. Nur das eine sei erwähnt, daß es fast ausschließlich jüdische Forscher gewesen sind, die in letzter Zeit Hervorragendes auf diesem Gebiete leisteten, für die Rose, die sogenannte Blutvergiftung, das gefürchtete Wochenbettfieber, den Gelenkrheumatismus und besonders den Scharlach, ist die Herstellung eines bakteriziden (Bakterien tötenden) Serilms von größter Wichtigkeit -geworden. Die vielfach mit Erfolg vorgenommenen, besonders von Hasfkine in Indien ausgearbeiteten Schutzimpfungen des Manschen gegen Cholera und Pest, bei welchen abgetötete Cholera- und Pestbazillcn injiziert werden, beruhen, wie auch die Schutzpockenimpfung, auf einer Bildung derartiger Schutzstoffe im menschlichen Organismus selbst. Versuche, gegen die gefürchteten Mikro-Qrmr.nismen ein wirksames Heilserum zu erhalten, wurden schon seit Jahren gemacht ltnb das von Dr. Marmorek im Institut Pasteur in Paris hergestellte Anti-Streptococcen-Serum hat seinerzeit viel Aufsehen erregt. Der Prüfung am Krankenbette hat es jedöch nichl Stand gehalten und auch experimentelle Studien am Tier haben gezeigt, daß die Wirksamkeit des Marmorek'sehen Serums eine viel zu geringe ist, um auf Erfolge in der Praxis hoffen zu lassen. — In der letzten Zeit nun at Dr. Aronson, der sich früher schon Verdienste um die Gewinnung es Diphtherie-Antitoxins erworben hat, die Versuche, ein wirksames Streptoeoceen-Serum zu erhalten, wieder anfgcnommen und hat im Juli d. Js. in der Berliner Medizinischen Gesellschaft über die Resultate derselben berichtet. — Was die Anwendung des Serums in der Praxis betrifft/ so sind von dem bekannten Berliner Kliniker Prof. A. Baginsky Versuche an Scharlachkranken angestellt worden, die nach neueren Mitteilungen desselben in der letzten Sitzung der Berliner Medizinischen Gesellschaft bei Anwendung eines starkwirkenden Präparates zu ermutigendem Erfolge geführt haben. — Auf ein ähnliches Heilserum, das von Moser in Wien hergcstellt und bis fetzt beim Scharlach mit gutem Erfolge angetvendet wurde, ist an dieser Stelle anläßlich der Karlsbader Naturforscher-Versammlung schon berichtet worden. Moser verwendet die Kulturen der Streptococcen so zur Immunisierung, wie er sie durch direkte Züchtung aus dem Blute Scharlachkranker erhält, während Aronson vorher noch eine Steigerung der Giftigkeit durch Tierpassagen (Virulenz) seiner Kulturen herbeiführt. Möge das Streben' der Forscher zum Heile der ganzen Menschheit ausschlagen! („Jeschuruu.") Eingefendet. Für die armen Juden. i. Es ist ein jeder verpflichtet, zur Erhaltung und Verbreitung seines Glaubens nach Möglichkeit beizutragen. Einer mit seinem „Wissen", der andere mit seinem „Können". Besonders, da der Antisemitismus bemüht ist, trotz der vorherrschenden Staatsordnung uns unsere Rechte und Freiheit zu schmälern. Es sind zwar unzählige Vereine, die sich alle die größte Mühe geben, das Judentum nach ihrer Art zu erhalten, aber eine aemeiniame Vereinigung des gesamten Judentums gibt es noch nicht. Warum aber? Die Antwort daraus ist leicht zu finden.' Das Leben und Streben zielt bei den meisten einem Punkt entgegen und das ist der „Gewinn". In diesem einen Punkt gibt es eine gemeinsame Verständigung, jedoch das Näherliegende, das Judentum zu erhalten und zu heben, das übersieht die Menge. Wie ist dem abzuhelfen, daß das Judentum anstatt vergessen zu werden, gehoben wird. Sehr einfache Durch eine leicht herbeiführende Vereinigung, ohne viel Arbeit und Kosten. Es gibt zum Beispiel in Wien viele jüdische Wohltätigkeitsvereine. Könnte man nicht aus diesen vielen Vereinen „einen" bilden? Ja, und dadurch wird es jedem einzelnen möglich, Jude zu bleiben. Es gibt hier in Wien einen Wohltätigkeitsverein, der arme zugereiste Juden mit ritueller Kost am Samstag rmd den Feiertagen verpflegt. Dieser Verein hat nicht viele Mitglieder und doch verköstigen diese wenigen Mitglieder an manchen Tagen 40 bis 60 arme Leute. Jst^dlesen armen Leuten aber damit geholfen, die nach Wien kommen, und die es erfahren haben, daß sie sich an diesen Verein wenden können, um ihrem Glauben vorläufig nicht untreu werden zu müssen. Was nützt das aber? Diese Lenke geben längere Zeit beschäftigungslos herum oder erhalten gar keine Beschäftigung, dann müssen sie zu jedem Mittel greifen, um nur ihr Leben fristen zu können. Ob es der Religion angemessen, ob man reine oder unreine Speisen genießt, das wird nicht mehr beachtet, viel weniger noch die Glaubensübungen. Rituelle Kost genießen, das vergißt man mit der Zeit, und Beten zu Gott, an das denkt mau überhaupt nicht mehr. Wie ist dem abzuhelfen? Einfache ohne viele Mühe und Kosten, wie man zu Ende meiner Logik erfahren wird. Im Judentum bestehen neben rühmlichen Wohltätigkeitsanstalten auch Wohlfahrtsinstitute. Besonders der „Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis" verdient Erwähnung. Werden sich aber so viel Arbeitgeber als Arbeitnehmer dort einfinden? Es wäre, zweckmäßig, die zwei genannten Vereine mit sämtlichen Wohltätigkeitsbcreinen zu vereinigen. Dann könnte man wirksamer der Not der Armen entgegensteuern, denn der Arbeitslose hätte hernach keine ^Gelegenheit, zu betteln, weil er nicht gezwungen wäre, jeden der einzelnen Wöhltätigkeitsvereine zu belästigen. Nehmen wir den Fall: Ein beschäftigungsloser Mann, der eine aus mehreren Köpfen bestehende Familie zu ernähren hat und derselben nicht das Nötige zum Leben verschaffen kann, schickt an einen Wohltätigkcitsvcrcin ein Gesuch um eine Unterstützung ein. Es dauert einige Tage, bis man sich über die Angaben desselben genau informiert, ob dieselben richtig sind. Währenddessen muß er von seinen zusammengeschmolzener: Habseligkeitcn noch etwas veräußern, um seiner Familie Brot zu kaufen. Hernach bekommt er von dem Verein eine Geldunterstützung. Er findet aber währenddem weiter keine Beschäftigung und ist wieder gezwungen, sich an einen Wohltätigkeitsvereiu zu wenden. Das dritte Mal aber läßt er es nicht mehr darauf ankommen, bis er gänzlich ohne Geld ist und sendet zugleich an mehrere Vereine Gesuche und wird so zum Bettler. Es gcfällt ihm, ohne Arbeit leicht zu Geld zu kommen. Das könnte aber nicht möglich sein, wenn von allen jüdischen Wohltätigkeits- Vereinen einer gegründet würde, weil mau dann der Armut wirksamer entgcgentreteu könnte. Wieder sind andere, die nur solche Beschäftigung annehmen, wo sie Sabbat halten können und lieber betteln geben, bevor sie von den Vorschriften ihres Glaubens anw n"r im geringsten abwcichcu würden. Wer soll ihnen aber eine solche Beschäftigung verschaffen, ivenu kein Verein dazu da ist. Diese Leute gewöhnen sich auch an das Vetteln und werden dann Gewohnhcitsbettter und durch den leichten Erwerb, den sie haben, werden sie leichtsinnig und vergessen langsam aber sicher, daß sie Juden sind. Ich habe z. B. einen Kaufmann in Ungarn gekannt, der zwar nicht sehr reich, aber ziemlich bemittelt war. Er war gottesfürchtig und ehrenhaft, spendete reichlich Almosen, war ein Mustergatte und Vater, jedoch verfiel er in eine Krancheit und verlor daber seit: ganzes Vermögen. Er wurde wieder gesund, blieb aber natürlich arm. Er reiste nach Wien, irgend eine Beschäftigung zu suchen, um seine Familie weiter ernähre,: zu können. Jedoch konnte er keine solche erhalten, weil er anl Sabbat nicht arbeiten wollte. Söhnt ihn die Not gezwungen, trotzdem er sich lange gesträubt und viel' Hunger gelitten hatte, betteln zu gehen. Er gewöhnte sich langsam daran, bis ihm überhaupt nicht niehr einfiel, Arbeit zu suchen. Dann verfiel er diesem Laster derart, daß, wenn er manchen Ta§ wenig zusamm'enbettclte, er anfing zu trinken und auch der Trunksucht verfiel. Er hielt es zwar nur einige Jahre aus und hinterließ seine Familie in der größten Not, jedoch war ein Mensch verloren und daran waren seine Glaubensgenossen schuld, denen nichts daran liegt, ob ihr Glaube erhalten wird oder nicht. Hätteaber ein Verein existiert, zusammengesetzt von den zwei ersten hier genannten Vereinen, so tväre ein guter Vater und Mensch nicht so elend zugrunde gegangen. Es wäre daher zweckmäßig» aus allen Wiener israelitischen Wohltätigkeitsvereinen „einen" zu bilden, um dadurch die hier bezcichneten Ilebel energisch zu beseitigen. Natürlich müßt man ein Asyl für zugereiste Juden bilden, in dem dieselben für einige Tage mit Kost und Logis versorgt werden, bis ihnen der Verein eine Beschäftigung aüweist, oder, wenn dieselben selber eine Arbeit finden, ihnen cs zu überlassen, ob sie eine Beschäftigung annehmeu, wo sie den Sabbat heiligen oder nicht. 2. Dann wäre nötig, eine Anstalt zu gründen, wo arme Mädchen oder kinderlose Witwen als Krankenwärterinnen herangebildet werden und sich verpflichten, wenigstens sechs Monate in dieser Anstalt zu bleiben, und Krankenwärterdienste dort zu verrichten, wo es ihrrcn der Sekretär dieser Anstalt anweist, ohne ein Honorar zu fordern. Ein solches soll nur der Anstalt zufließen, die sie nach entsprechender Aufführung bei ihrer Entlassung aus der Anstalt zu ihren: besseren Fortkommen unterstützt. ’ , 3. In Böhmen gibt es einen Gemcindeburcki, dem 66 Gemeinden Böhmens angehören und dem es daher möglich Nt. das Judentum zu einem Teile des einstigen Glanzes zurückzuführen. Könnten nicht die Gemeinden Oesterreichs, Mährens imi Schlesiens auH zu einem Bunde znsammentreten mN dem Sitze in Wien, um so dem Judentum eine größere Festigkeit zu verleihen. 4. Es wäre nötig, einen Rabbinerverband der Länder Niederösterreich, Oberösterreich, Mähren und Schlesien zu gründen, um. etwaigen antisemitischen Hetzen energischer entgegentreten zu kön-i nen und wie es noch im vorigen Jahrhundert war, ReligionsunK Gesetzesangelegenheiten zu schlichten und zu entscheiden. Nur auf diese Weise könnte man eine Vereinigung des Juden«: tnms unserer Reichshälfte herbeiführen. 6. Es wird der Religionsunterricht außer in Galizien in dev ganzen österreichischen Monarchie als nebensächlich betrachtet und daher kommt ^s scbr bänfig vor. daß Leute, die sonst gut gebildet sind, nicht einmal hebräisch beten können. Warum ist das aber? Da-, durch, daß in vielen Gemeinden die Religionslehrer so schlecht honoriert werden, daß sie sich dementsprechend keine zu große Mühe geben wollen, den Religionsunterricht der Jugend energisch zu leiten! und siick> wieder Rcligionslehrcr, die das Glück haben, in reichen Gemeinden angestellt zu werden, und die gut honoriert sind, halten sich wieder für zu gut, um sich mit der Jugend im Unterricht nickt ein wenig anzustrengen. Es wäre daher nötig, datz alle Gemeinde^ in den Schicken mehr Lehrstunden im Religionsunterrichte einführen und die Lehrer sich mit der Jugend mehr Mühe geben wiv bisher. Ich schließe meinen Aufsatz mit der Hoflnnng, daß sich die Juden unseres Reiches endlich zu einer energischen Organisation' aufraffen werden, um unseren Feinden wirksam die Spitze bieten zu können, was uns bisher noch nicht vollkommen gelungen ist. Josef Wolf. Aufruf! Eine arme Wgtwe, Katharina Geller, 2. Bezirk, Leopoldsgasse 3t, die eine Auskocherei betreibt, ist in unverschuldete Notlagegeraten. Sie ist vom 1. Dezember gekündigt und steht obdachlos' da, wenn nicht rasche Hilfe naht. Mildtätige Herzen werden ersucht^ unter der obgcnannten Adresse Spenden zu schicken. Bücher-Anlaus. Das Gottesgericht von Wilhelm Feldmann, übersetzt von Samuel Meisels. Das isoeephale blonde Rafsenelement unter Halligfriesen uttö jüdischen Taubstummen von Dr. Alfred Waldenburg, Arzt in Berlin^ Verlag S. Calvary u. Ko- Polonia irridenta von Roman Sembratowyez, Frankfurt a. M., 1903, Neuer Frankfurter Verlag. Przeglad Wszech polöki Nr. 10. Krakau.