Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 47 (21.11.1902)
- Date
- 1902-11-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblfttl 21. November 1902 Nr. 47 hielt der Kandidat Dr. E. F. Weis! das Wort. Redner betont zunächst, daß es niemandem einfalle, gegen die persönliche Integrität der jetzigen Kultusvorsteher irgend etwas zu sagen. Nach eingehender Beleuchtung des Programnres wies Dr. Weis! auf die Politik der ungarischen Regierung hin, die sich die Opposition selbst züchtet, um sie für Dinge zu gebrauchen, welche die Regierung selbst nicht inaugurieren tvill oder kann. Der Kultusvorstand sollte selbst die jüngeren Elemente heranziehen, um sie in Fällen boranzuschicken, in welchen die jetzige Majorität nicht die ersten sein wollen. Kandidat Richard Rappaport sieht in den vielen und stark besuchten Wählerversamnrlungen einen Beweis dafür, daß das Interesse für die jüdischen Angelegenheiten wieder erwacht ist. Die jüdisch-nationalen Parteien dürfen wohl ohne Ueberhebung das Verdienst, dies bewirkt zu haben, für sich in Anspruch nehmen. Die Kulüisgemeinde muß die geistige Führerin des Judentums werden, tvas sie jetzt, laut eigenem Eingeständnis, nicht ist. Die geistige Führung ist gegen den äußeren, aber noch mehr gegen den inneren Feind notwendig. Redner bespricht dann die Allfallsbewegung, tritt für die bezirksweise Wahl und die Autonomie der Bezirke ein. Jeder neue Wähler mehr bedeutet einen Inden mehr, der Interesse an dem Judentume bekundet. Aber auch als Verwaltungskörper hat sich der jetzige Kultusvorstand nicht bewährt.?lls Beweis hiefür führt Redner die Verwaltung des Rothschild-Spitales an, welches unter allen bestehenden Spitälern die größten Verwaltungsspesen ausweise. Der Kultusvorstand soll, schließt Redner, das Bild der ganzen Gemeinde darstelle,t. Innerhalb des Vorstandes herrscht Wohl beschauliche Ruhe und Friede, aber die Gemeinde selbst ist in Parteien gespalten. Bei der letzten Wahl entfielen auf die oppositionellen Parteien 1300, auf die Offiziellen 1500 Stimmen. Wir brauchen neue Ideen, neue Parteien und neue Männer im Kultusvorstandel Wir kämpfen für ein lebendiges und u i ch t f ü r e i n t o t e s I u d e n t u m! Der Obmann des Tempelvereines für den 9. Bezirk, Herr Gottlieb Bettelheim, unterzieht den Wahlaufruf der jüdischuationalenParteien einerKritik und konstatiert, daß er mit dem größten Teile der Forderungen vollständig einverstanden ist. Er ist gegen dre Einführung des Jntelligcnzwahlrechtes, weil er die Beobachtung gemacht habe, daß unsere Intelligenz (Advokaten, Aerzte usw.) für das Judentum kein besonderes Interesse an den Tag legen, «on der Wirksamkeit der Veröffentlichung der Abfallsbewegung verspricht sich Redner nicht viel Erfolg, jedenfalls aber müsse nach dieser Richtung hin cttvas getan werden, weil die Abfallsbewegung heute schon, so allgemein ist, daß sich viele brüsten, getmlft zu sein, ohne Ne es tatsächlich sind. Hingegen müsse auf den Religionsunterricht, hauptsächlich in den Mädchenschulen, mehr Aufmerksamkeit ver- .werden. Die Gemeinde habe jetzt keinen Einfluß auf die Mittel, chullchrer. ' Der nächste Redner, Herr Sigmund Bergmann, Chef der Bilchdruckerci „Industrie", nimmt hierauf in eigener Sache das Wort. Er wendet sich gegen den Bizepräsidenten der Kultusgemeinde, Herrn Dr. Alfred Stern, der in der offiziellen Versammlung gegen die jüdisch-nationalen Parteien den Vorwurf erhob, daß sie bei einem N i ch t j u d e n ihre Blätter drucken lassen. Herr Bergmann stellte die Angelegenheit folgendermaßen dar: Er war in den Achtzigerjahren Redakteur einer deutsch-fortschrittlichen Zeitung in Deutschböhmen und führte beit heftigsten Kampf gegen den Grafen Thun. Eines Tages entsendete die dortige Kultusgemcinde eine Deputation an ihn, welche ihn bat, sich von der Gemeinde loszusagen. Darmifhin meldete er seinen Austritt aus der jüdischen Gemeinde und gleichzeitig seine Konfessionslosigkeit an. Ein halbes Jahr r,ach seiner Uebersiedlnng nach Wien ging er zur hiesigen Kultiisgemeinde und rneldcte beim damaligen Amtsvorstande Wiener seinen Riicktritt in die Kultusgemeinde an. Er glaubte, hierinit seine Pflicht erfüllt zu haben. Nun, nachdem Dr. Alfred Stern in ungualifizierbarer Weise ihn, der sich von allen politischen Kämpfei, fernhiclt, öffentlich zur Schau trug, bloß um der nationalen Partei einen Hieb zu versetzen, erfuhr er, daß diese Rücktrittsangelegenheit noch nicht erledigt sei. Die Sache blieb einfach z w e i I a h r e h i n d u r ck l i e g c n. Und als er heute beim kais. Rat Dr. Lieben in dieser Angelegenheit vorsprach, wies ihn dieser an Dr. G ü d e m a n n, dieser wieder an einen Sekretär S t r a n s k y. Redner fühlte sich stets als Jude, habe nach jüdischem Ritus geheiratet (weist auch die Kethubah vor), lasse auch jetzt seit längerer Zeit seinen Kindern einen hebräischen Unterricht erteilen. Zu dieser Angelegenheit sprachen noch die Herren Kan n, Dr. W e i s l und Rappaport. Herr Dr. W e i s l erblickt in dem Falle Bergmann ein schätzbares Dokument für die Verwaltung der Gemeinde. Mm, wirft uns vor, daß wir zu temperamentvoll kämvfen, aber die Gegenseite kämpft mit vergifteten Waffen. Man habe auch gegen ihn lDr. Weist) das Gerücht ausgestreut, er sei getauft gewesen. Er erklärt diese Ausstreuung für eine bodenlose -Verleumdung und öittei, fctlf§ dies jemand vor Zeugen nochmals behaupten sollte, denselben beim Worte zu nehmen; erwerbe den Betreffenden^ wegen Ehrenbeleidigung klagen, weil er es für eine ehrenrührige Sache halte, getauft gewesen zu sein. Nun kam auch der Kandidat Adolf Brecher zum Worte. Er beleuchtete das Verfahren bei der Einschätzung für die Knltussteuer und erwähnt einen Fall, in welchem ein Zensit, dessen Personaleinkommenstcuer 160 SVronm betrug, mit 124 Kronen Kultusstcuer beinessen wurde. Redner erblickt in dieser Art Stenereinschätzung nichts anderes als eine Vermögenskonfiskation und verspricht, falls er erwählt werden sollte, für die Aufhebung dieses Unwesens einzutrercn. Dr. Paul W e i s e n g r ii n polemisiert gegen die Ausführungen des Herrn Bettelheim und konstatiert, daß bis jetzt eine Kritik unseres ProgrämmcS von den Offiziellen gar nicht versucht wurde. P l a s ch k e s 'weist nach, daß die oppositionellen Parteien bereits bei der letzten Wahl die Majorität der unabhängigen Wähler auf sich bereiuigt haben, da unter den ungefähr 1500 Stimmen de, Majorität sich zirka 200 Angestellte der Kultusgemeinde und deren Verwandte befauden. Er fordert zur tatkräftigen Agitation für die Kandidaten der nationalen Parteien auf. Hierauf wurde die Versmnmlung geschlossen. Lemberger Krief. Im Zeichen des Kulturkampfes. Das mannhafte Auftreten der zionistischen Akademiker, ihr entschiedener Erfolg am Studententage vom 10. v. M., hat notwendigerweise eine Gegenströmung erzeugt und den Gegner vom 31. Oktober provoziert. Alte Phrasen wurden wieder mit Katzengold strahlend gemacht. Einige Gardisten der Assimilations- Apostel lassen sich paradehalber am- Wiee blicken, und zwei Dutzend akademische Jünglinge erklären feierlich ihre Zugehörigkeit zur polnischen Nation, die jede Anbiederung längst abgewiesen hat. Die Herrchen nennen sich Polen mosaischer Konfession unb geloben, für die Sache der polnischen Nation zu arbeiten Geburt, Geschichte, ethische und ethnische Wahrzeichen — alles Nebensache — fehlt ja diesen jungen Polen, jede Bekanntschaft mit dem Judentum. Diese so schwache, ja gänzlich mangelnde Bekanntschaft mit dem Judentum — dem geistigen wie dem historischen — mag es den polnischen Jünglingen angetan und sie verführt haben, mit alberner Geringschätzung der jüdischen Heiligtümer vor den Wiee hinzutreten, um den polnischen Brüdern katholischer Religion einen Ohrenschmaus zu bereiten. Ob der kleine Talmudlästerer ein Spätenkel Pfefferkorns ist, kann nicht eruiert werden. Wie wir hören, wollte man dem Pamphletisten einen Betrag von 10V Kronen anbieten, falls der junge Pole mosaischer Konfession eine Zeile im Talmud lesen und verstehen könne. Genug von den kleinen Füchsen, welche den Weinberg Gottes verderben wollen. Was die alten Affimilatoren nicht zuwege brachten, die jungen bringen es schon gar nicht mehr fertig. Mittlerweile fädelt sich eine Art jüdischen Kulturkampfes ein. Wie zwei oder drei Polen mosaischer Konfession beisammen waren, ging das Feldgeschrei: Fort mit dem Hebräischen I los. Der eine bleibt seinem Feldgeschrei treu. Zwar kennt er daS Gebiet des Jüdischen kaum dem Namen nach, obschon er der Sohn eines anständigen Streimeljuden ist; ein anderer soll sogar einen Religionslehrer-Posten am Gymnasium bekleiden, ja noch mehr als das: dieser Mann hat sich diesen Posten erworben kraft seiner Kenntnis der — polnischen Sprache und soll ferner dte Bibel im Urtexte bis zur Besetzungsstunde nicht von Angesicht zu Angesicht gekannt haben. Daß ein solcher famoser Lehrer am liebsten das Judentum in einem ihm zugänglicheren Idiom vortragen möchte, versteht sich von selbst. Er müßte sonst bei feinen Vorträgen das Sacktüchel vor der Stirn halten, um sich den Schweiß zu trocknen. Daß eben dieser Religionslehrer seine Gemeinde hinterrücks anfällt und anbellt, um das Placet des „Skoivo Polskie" zu erringen, repräsentiert das uralte Krebsgescknvür am jüdischen Stamme. Die alten Hellenisten taten es ihnen in ganz gleicher Weise zuvor. Der Lemberger Kultusvorstand hat im „Slowo Polskie" noch andere Anrempelungen auszustehen. Da beging Herr Prediger Caro das gewärtige Verbrechen, den Präparandrsten des sogenannten Religionslehrer-Seminars Midrasch deutsch vorzutragen, worauf sich ein Lärm im Lager der Asemiten und Deutschfeinde erhob. Unser Vorstand, welcher zumeist aus Polen mosaischer Konfession besteht, ließ auf sich das Odium nicht sitzen und bewies hier, daß dieses Werk noch keinen polnischen Uebersetzer gefunden und daß die deutsche Sprache auch an polnischen Schulen vorgetragen wird. Ob das dem Kullusvorstande seitens der Polen verziehen wird, kann ich nicht Vorhersagen. Aber die Juden nichtassimilatorischer Richtung werden es unseren Stadtvätern sehr übel vermerken, daß der Kultusvorstand beständig in der Politik ad captandam benevolentiam macht, daß unsere Schule, welche von jüdischem Gelds erhalten wird, unsere Schule, welche von Sr Majestät weil Kaiser Ferdinand als Muster-Hauptschule konzessioniert und für unsere jargonsprechenden Kinder ein wahres geistiges Refugium war, nun den Polen ausgeliefert wird, daß ferner die hebräische Sprache selbst dazu mißbraucht wird, uns das Polnische zy, erlernen, wobei aber das Hebräische ungemein zurückgesetzt ist. Ein gleicher Rückgang aber manifestiert sich in allen profanen Gegenständen. Schade nur, daß unser Kultsvorstand von ehedem, im Gegensätze zu den Protestanten, die bewährte jüdische Nackensteife damals nicht aufzubringen vermochte, als es galt, das Attentat auf unsere armen schwachen Schulkinder, wie auf imsere Schule und die Lehrer abzuwenden. Bei all der Trostlosigkeit, welche die Assimilationshelden als Vermächtnis hinterließen, können wir nicht umhin, die Gegenwart vor der Vergangenheit zu loben. Stand ja ein halbes Jahrhundert das ganze,intelligente Judentum in Galizien aus der Seite der Assimilation, -heute leben wir schon in einem U e b e r g a n g s st a d i u m. Heute findet ein aufrichtiges jüdisches Wort Gehör bei der empfänglichen Jugend. Der Kulturkampf für die nationalen Güter unseres Volkes findet nicht nur die altzionistischen Führer, sondern auch die jugendlichen Gemüter gerüstet, die gewiß mehr Wärme und mehr Mut in den Kampf mitbringen. Die Idee der national-jüdischen Schule in Galizien wurde bereits, zur Diskussion gestellt. Der nächste Schritt dürfte vom Verein „Schomer Israel" ausgehen, der auf die Entscheidung seitens der jüdischen Gemeinde dringen dürfte, che sie den jüdisch-nationalen Kulturkampf aufnehmen wird. Die Gemeinden werden sich zu erklären haben, welche Nation sie als die ihrige anzuerkennen gewillt sind. Wir dürfen wohl mit einigem Rechte auf die Unterstützung Unserer Mitbrüder rechnen, insoserne als die 800.000 Stammesgenossen sich als das erklären, was sie sind: eine Volksgemeinschaft sui goneris. Dann gewinnt die nationale Arbeit an Vertiefung und Verallgemeinerung. Dann soll ein galizischer jüdischer Gemeinde tag zusammentreten und ein eigenes Zentral-Komitee wählen, welches die politischen Agenden unserer Brüder in fester Hand vereinigt, um in weiterer Konsequenz die politische Richtung ab;ustecken, und oiejenige Partei im Lande aufsuchen, die am liberalsten und ehrlichsten dem Judentum das bieten wird, das sie als ihr selbst gut und heilsam erstrebt.. Ob wir diese im Lager der Ruthenen oder der Polen oder — wie es Abgeordneter Breiter haben möchte — in einer Koalitionspartei aller drei Stämme, die jedem Stamme gleiche Gerechtigkeit werden läßt, finden weiden, das wird die Zeit lehren. Das Komitee ließ dem Abgeordneten Breiter die ihm votierte Anerkennungs- und Vertrauens-Adresse des Vereines für seine Interpellation zugunsten der rumänischen Glaubensgenossen übermitteln, mit dem Ersuchen, allen Unterzeichnern der Resolution den Dank des Vereines auszusprechen. Azaria. Chronik. Gesinnungsgenossen! Niemand fehle am Sonntag den LS. d. M. bei der Kultuswahl! Es handelt sich um euch nud die Zukunft eurer Kinder! Die Stimmzettel werden in den betreffenden Wahllokalen nur von 9 Uhr vorm bis 2 Uhr nachm, entgegengenommen! Auf zur Wahl! Krise in Zis und Trans. Der letzte Akt der Tragikomödie des dualistischen Scheinkonstitutionalismus scheint heranzunähen. In den Legislativen beider Reichshälften Äesamtösterreichs herrscht die schleichende Obstrilktion. Weder in Wien noch in Pest geht die „Arbeit" vorwärts; hüben und drüben Skandal und Krawall, hübe«!!vie drüben keine Arbeitsmajvrität, Wohl aber eine turbulente, von der verkappten zur offenen Obstrilktion überzugehen bereite Opposition. Speziell im Wiener Abgeordnetenhause herrscht das vollendete Chaos. Jede Sitzung Skandalszenen zwischen deutschen und tschechischen National-Radikalen, die bereits einmal in eine regelrechte ^parlamentarische" Prügelei ausarteten und dann zur Abwechslung das ebenfalls bekannte Schimpforchester zwischen Christlich-Sozialen und Sozialdemokraten, die einander in der auch nur im österreichischen Abgcordnetenhausc üblichen Sprache Korruption, Verlogenheit und Gesinnungslosigkeit vorwerfen. Von einer wirklichen Arbeit, von einer Erledigung oder auch nur Inangriffnahme der dringendsten Reichs- und VolkSnottvendigkeiten, der Budgetdebatte, des österreichisch-ungarischen, des deutsch-böhmischen „Ausgleichs", der Wehrgesetzvorlage, des neuen PretzgesetzeS, der wiederholt angelündigten sozialreformatorischen Gesetze keine Spur. Nichts als Dinglichkeitsanträge und Skandale! Nette „Volks"-Bertr«terl Wie das enden wird, muß schon die nächste Zukunft entscheiden. Ein Ministerwechsel, auch die eventuelle Berufung eines Koalitionöministeriums, fotm den todkranken Parlamentrismus, die' verendende dualistische Dezemberverfassung isicht mehr retten! Selbst die geplante Auflösung des Abgeordnetenhauses und eventuelle Neuwahlen auf Basis des bestehenden Wahlgesetzes ist eine Palliative; sie würde im jetzigen Momente höchstens den Christlich- Sozialen nützen, welche auch zur Auflösung des Abgeordnetenhauses drängen. Dem Reiche würde eine bloße Auflösung schon darum nichts helfen, weil da§ alte verlotterte Partei wese», wiederkehren würde. Hier nützt nur ein Systemwechsel und tvohlgemerkt, in b e i d e n Hälften des Donaureiches. Wir benötigen einen General-Ausgleich zwischen allen Völkern der Gesamtmonarchie auf Grundlage der nationalen Autonomie, keinen Separatausgleich mit Ungarn oder richtiger den magyarischen Chauvinisten. Die Budapester Herren werden immer toller, immer frecher provozieren sie die Krone, Westösterreich und die nichtmagyarischen Völker in den Ländern der St. Setphanskrone. Die Gärung unter den Nord- und S ü d s l a v e n, den Deutschen und Rumänen Ungarns, Kroatiens und Siebenbürgens wird tägliö größer. Die magyarisch-chauvinistische Politik führt nach Szegedin und von dort nach Vilagos ist — nicht mehr weit. Die Wiener Tscheche» wählten deutsche Antisemiten! Der Wiener „Slovan" schreibt über die letzten Wahlen in den mederösterreichischen Landtag wie folgt: „Tausende Tschechen traten in die Reihen der Todfeinde des tschechischen Volkes (d. i. der deutschtümelnden Christlich- Sozialen). Unter dem böhmischen Volk in Wien leistete diese schreckliche Arbeit dieselbe jungtschechische Agitation, welche vor 6 und 7 Jahren die hiesigen Tschechen für die Lueger- und Liechtenstein-Partei in die Wahlen getrieben hatte; unter dem böhmischen Volke in Wien wirkte so verderblich der Brunner „Hlas" und die Prager „Katholische Blätter" mit ihren Ablegern, welche dem zuliebe, daß die Lueger-Partei das Christentum an ihrem Panier mißbraucht, ihren Parteigängern sie als eine gerechte Partei lobt. Jene jnngtschechische Agitation und die Schreiberei des Brünner und Prager klerikalen Blattes haben uns Tausende und Abertausende Tschechen in Wien national entsittlicht, welche sich nicht scheuen, die nationale Sache an unseren nationalen Bedrücker Dr. Lueger, zu verraten. Der von Jungtschechen und Klerikalen gesäete Same trägt unter den Wiener Tschechen die gräßliche Frucht des Nationalverrats. Und bis wieder die (Prager) „Narodni Lisch" von den Mißerfolgen der tschechischen Arbeit in Wien schreiben werden, so mögen sie nicht vergessen, an den Pranger der tschechischen Öffentlichkeit jene zu stellen, welche durch ihre Arbeit für die L u e g e r - Par te i kolossale Massen des tschechischen Volkes demoralisiert haben. Und so soll für den niederträchtigen Verrat der tschechischen Klerikalen und der tschechischen nationalen Kastraten die ganze tschechische Sache leiden IDerFührerjenerPartei, Dr. Lueger, agitiertepersönlichfürseineWahl sowohl beim Verein „Kollar" als auch in der Sektion der cyrill-methodischen Vereinigung in der Brigittenau. Hier übersetzte seine (Luegers) Rede ins Tschechische — der Abgeordnete Prochazka! Doktor Lueger hat sich schriftlich verpflichtet, daß er den tschechischen Klerikalen der Brigittenau dafür, daß sie die Tschechen verraten und ihn wählen gehen, tschechische Gottesdienste — bewillige". Aus diesen Enthüllungen des „Slovan" . darf kein vernünftiger Jude die Konsequenzen zu ziehen unterlassen. Altdeutsch oder jung-tschechisch, deutschvolklich oder alttschechisch, deutsch-sozial oder tschechisch-sozial u. a. m. muß dem Juden gleichviel gelten, nämlich als sich befehdende Parteien, die sich aber brüderlich vereinen, wenn es auf den Juden loszuhauengilt. „JederzudenSeinen", muß auch für den Juden der Wahlspruch lauten, der „Seine" kann aber für den Inden nur der Jude sein. Lese- und Redehalle jüdischer Hochfchüler. Samstag den-22. ds. Mts. wird der bekannte Schriftsteller und Kunstkritiker Dr. Franz Servacs im Hörsaale 33 der k. k. Universität, halb 8 Ilhr abends über Segautini Vorträgen. Gäste willkommen. Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis, Wien, 2/1, Taborstraße 59. Wir beehren uns mitznteilen, daß Sninstag den 22. November a. c-, um 7 Uhr abends, im Lesesaale des Wiener Kausmäiuiischen Vereines, 1. Bez., Johannesgasse 4, die ordentliche Generalversammlung unseres Vereines stattfindet. Woche,,-Programm der „Jüdischen Toynbee-Halle, 20. Vez., Karajangasse 20. Sonntag den 23. Novernber: Hermann,Berliner: „lieber Buchführung" 2. Montag den 24. November: Jonas Aschkenas „Modernes Jndeiitulii". Dienstag den 25. November: Diskussion über „Franenbernfe" 4. Mittwoch den 20. Novernber: Gustav Sicher: „Geschichte des jüdischen Volkes im Altertum". Donnerstag den 27. November: Frl. Malvine Friedmann „Leopold Kompert", 5. Dichterabend. Freitag den 28. November: M. ®. Mehrer: „Bibel, Erklärung der Sidra". Samstag den 29. November: Konzert. Anmeldungen zil Vorträgen beliebe man zu richten an Dr. I. Sadger, 9. Vez., Liechtensteinstraße 15. Jüdische Kommilitonen! Seit Jahrzehnten vertreten die Ivehrhaften jüdisch-nationalen Studentenverbindungen den Nationalgedanken auf nkad. Boden, seit Jahrzehnten kämpfen sie mit wechselndem Erfolge für die Anerkennung unserer Nationalität, für die Gleichheit aller akad. Bürger, für die Freiheit, sich offen zum Judentum bekennen zu dürfen. Diesem Kampfe sahen bisher viele nriserer Brüder und Stmnmesge,rossen mit verschränkten Armell zu, ein Umstand, der nicht zum geringen Teile Schuld daran trägt, daß uns veriveigert wird, was zu fordern wir ein gutes Recht haben. Nun soll es anders lverde»! Die jüd.-nat. Studenteiiverbindmigeli veranstalten eine Massenversammlung mit der Tagesordnung: Anerkennung der jüdischen Nationalität an den Wiener Hochschulen. Mer die Wichtigkeit und Berechtigung dieser Forderurig ermißt lind anerkennt, iver nicht will, daß unser gutes Reckt noch fürderhin mit Füßen getreten wird, tvessen Herz für die jüdische