Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 47 (21.11.1902)
- Date
- 1902-11-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 47 Jüdisches Volksblatt Seite 3 Wien, Freitag 21. November 2 Kampf gegen den Klerikalismus auf: Kann ich mein Kind nicht in eine katholische Schule schicken (siehe Plansten und Schotten), so muß ich mir wenigstens einen christlichen Hauslehrer nehmen. Doch tun wir dem einfachen Herrn Sucharipa nur kein Unrecht! Er folgte lediglich dem schönen Beispiele des hochverehrten Herrn kaiserlicher! Rates Dr. Kohn, der seinerzeit den frischgetauften Hirsch aus der Hand Seiner Erzellenz des Herrn Ministers submifsest übernommen, den Kohn-Kindern als Hofmeister beschert und alsdann mit den wärmsten Empfehlungen an gleich gewissenhafte jüdische Eltern weitergegeben hat. Trotz aller Empfehlungen scheint aber Hirsch — bei seinen abstoßenden Eigenschaften kein Wunder — sich als Hofmeister nicht behauptet zu haben und so wurde er, den: die Sonne allerhöchster ministerieller Protektion weiterstrahlte und noch strahlt, Supplent am k. k. Maximiliansvulgo Wasa-Gymnasium. Besagte Bildungsanstalt zählte nach dem offiziellen Berichte zu Ende des letzten Schuljahres nebst 281 jüdischen auch 158 nichtjüdische Schüler und speziell in der II. a-Klasse, der unser Hirsch in Deutsch und Latein als Ordinarius Vorstand, 18 Juden und 12 Arier und in der V. Klasse gar, wo er sein geliebtes Deutsch dozierte, 33 Juden und 11 Arier! Trotzdem fand der Herr Supplent es nicht nötig, seinen christlich-sozialen Gelüsten Zwang anzulegen. Einmal fragte er bei Erklärung des Uhland'schen Gedichtes „Die verlorene Kirche": „Was wird der Mann wohl getan haben, als er der Kirche ansichtig wurde?" und als keiner der Schüler zu antworten wußte, fuhr er zornig auf: „No, wenn er kein frecher Judenbub' gewesen ist, wird er den Hut gezogen haben!" Als ein andermal ein jüdischer Schüler in der auf Jom Kippur folgenden Lehrstunde das am Vortage Vorgetragene nicht beherrschte, rief ihm. Hirsch jüdelnd zu: „Nu, wär'n Se Jom Kippur ja dagewesen!" Einige Judenburschen, die auf dem Platze vor der Votivkirche harmlos Fußball spielten, schrie der fromme Fridolin also an: „Entweihen Sie nicht unser Heiligtum!" jagte sie fort und zeigte sie an. Daß der charaktervolle Pädagoge bei solchem Taktgefühl von all seinen Schülern arg gehaßt wurde, läßt sich begreifen. Da half es ihm nichts, wenn er sich oft während der Unterrichtsstunden zu einzelnen Schülern hinsetzte und sie mit liebevollem „Du" fragte, ob sie ihn „gern" haben oder sie versicherte, daß er sie „gern" habe. Einmal bekam er die treffende Antwort: „Ja, Sie können mich gern haben!" Wie konnten nur „Direktion und Lehrkörper", die doch laut Gymnasialprogramm und „im Sinne des Normalerlasses des k. k. niederösterreichischen Landesschulrates vom 8. Mai 1897, Z. 7822 (ex 1896) von der Bedeutung des einträchtigen Zusammenwirkens von Haus und Schule durchdrungen sind", solche.Zustände so lange dulden?! Und wie durfte Se. Exzellenz der „liberale" Minister für Kultus und Unterricht Herr wie ein uendlich großer Demant reinsten Wassers und verschwindet in einem endlosen Meere tvon Licht, dessen Leuchtkraft nur die Engel des siebenten Himmels ertragen können. Xliib die Engel sell>st sind noch strahlender als der Himmel und sie blicken ihn mit solcher Engclsliebe und Engelsgüte an, daß er niemals den siebenten Himmel verlassen möchte. Plötzlich dringen aus einer entsetzlichen Tiefe hunderttauscnde von Stimmen, sie gleichen dem Geheul und dem Brüllen wilder Tiere — cs sind die Stimmen jener sonderbaren chaotischen Geschöpfe, die er früher gesehen hat. In diesem Heulen, Lärnien, Schreien unterscheidet Jtzko ganz deutlich die Worte: „Geben Sie uns die Konzession zum Baue einer Eisenbahn . . . die Eisenbahnkonzession I . . Er hört ein Pfeifen von hunderttausendcn Lokomotiven, ein Zischen und Rasseln, ein Getöse von Waggons, sie rasen mit einer ftirchterlichen Schnelligkeit daher — ein Stöhnen, das Krachen von Menschenknochen wird hörbar und in diesem Höllenlärm unterscheidet Jtzko deutlich die Stimme seiner Frau Chane-Pesche. Er muß folglich nach Hause zurückkehren, er darf doch nicht allein im siebenten Himmel sein und seine Frau auf der Erde lassen. Und jetzt erinnert sich Jtzko, weshalb er in den siebenteil Himmel hinaufgeflogen ist. Er war gerade im Begriffe, feilten Wunsch bezüglich der Eisenbahn-Bau- Fonzcssion vorzntragen, als plötzlich ein entsetzliches Krachen den Raum erschütterte; es schien, als würde der brillante siebente Himmel zerspringen und als würde er ans dem endlosen Lichte mit entsetzlicher Schnelligkeit in einen bodenlosen Abgrund rollen, inuner tiefer lind tiefer, bis er wieder auf die Erde gelangte . . . Als Jtzko erwachte, sah er vor sich eineil Polizeikommissär, hinter diesem zwei Wachleute und neben ihnen seine Chane-Pesche mit erschrockeneiil Gesichte stehen. In der Türe drängten sich Nachbarn und Nachbarinnen. Jtzko sprang plötzlich auf. „Wie heißt du?" fragte ihn der Polizcikommissär. „Jtzko Mosel." „Wo ist dein Paß?" Jtzko wurde verwirrt Uiid wilßte nicht, tvas er antworteii soll; er war seit mehr als drei Monaten ohne Patz, dcim die Gemeinde, der er aiigehörte, hatte eine so riesige Summe verlangt, baß er an einen Paß zu denken aufgehört hatte. „Nun also, hast bn einen Patz?" wiederholte der Polizeikommissär streng seine Frage. Jtzko begailn stotternd, die Grüllde darzulegen, weshalb er keilten Pah habe. „Darllach habe ich dich ilicht gefragt," unterbricht ihn grob der Polizcikomnlifsär. „Führt ihn allf die Polizei," befiehlt er den Wachlellten. Ein Lärmen, Weineil, Schreien erhebt sich. Eine Viertelstunde später sah sich Jtzko vorn siebenten Hirnnlel in den Arrest versetzt. „Gott hat mich gestraft, weil ich eiugcschlafeil bin," derikt Mo. „Was bi>l ich doch für ein nichtsnutziger Mensch. Wäre ich wach geblieben, dann wäre cs mir gelungen, zu sehen, wie die Himmelstore sich öffneil nnb dann und dann ..." Jtzko deckte die Allgen mit der Hand zu. Vor seilten Augen malte sich fein Haus <*«f dem Englischen Quai, seine herrliche Villa und alle jene Erdengüter, welche, die Konzessioil zum Balle einer Eisenbahn gewährt und deren er jetzt durch eigene Schuld, vielleicht für iinmer, verlustig geworden war. antun, einen Renegaten reinsten Wassers an einer überwiegend von jüdischen Schülern besuchten Anstalt amtieren zu lassen?? Hätte nicht das Schotten-Gymnasium auf der Freyung, das Jesuiten-Gymnassum in Kalksburg oder irgend eine der anderen gleich Pilzen hervorschießenden katholischen Lehranstalten sich eine hohe Ehre daraus gemacht, einen so stockgläubigen Neophyten, der selbst vor Dr. Wilhelm Ritter v. Härtel uns Juden solche Schmach der Abschwörung seines angestammten Glaubens nicht zurückbebte, als Charakterbildner für die christ-katholische Jugend zu verwerten?! Doch was meint unser löblicher Knltusvorstand dazu, der doch das Wasa-Gymnasium am 18. Dezember 1901 vom Herrn Religionsinspektor Dr. Jonathan Wolf inspizieren ließ und berufsmäßig über die Erziehung der jüdischen Jugend, über den „jüdischen Geist", wie Herr Kultusvorsteher Baurat Stioßuy in der jüngsten Wählerversammlung bei Khuner so schön sagte, zu wachen hat? Der Kultusvorstand?'? Nun, er hat der Schülerlade desselben Wasa-Gymnasiums zum Nikolo eine Subvention von 80 Kronen gespendet! Gegen Schluß des vorigen Schuljahres ging plötzlich unter den froherregten Gymnasiasten das Gerücht, Hirsch werde künftig nicht mehr als Lehrer an ösfsnllichen Schulen wirken — und er ging wirklich. Doch siehe da, heuer taucht der famose Pädagoge, über den sich noch viel sagen ließe, als k. k. Supplent am gleichfalls verjudeten Franz Josefs-Gymnasium wieder auf — und das Spiel kann von vorne beginnen! Wiener Juden, solchen Händen sind die Herzen Eurer Kinder anvertraut, so schützt man eure heiligsten Rechte!! Wer will da nicht in den Ruf mit einstimmen: „Jüdischen Kindern jüdische Lehrer in jüdischen Schulen!'' Einer der beliebtesten Vorwürfe, die man uns entgegenschleudert, ist der, daß wir „reaktionär" seien, aus dem einfachen Grunde, weil wir dem Kampfe gegen die Klerikalen mit verschränkten Armen zusehen und der naiven Ansicht sind, daß es doch Sache der — Christen ist, gegen eine wirkliche oder vermeintliche Herrschaft ihrer Priester zu kämpfen. Wir haben nur in einer Reihe von Artikeln gezeigt, daß diejenigen „fortschrittlichen" Juden, die in dem Kampfe gegen den Klerikalismus die Führenden sind, die ersten sind, die ihre Kinder aus der Taufe heben. Nach dem Grundsätze, daß die Renegaten die heißesten Bekenner und die Judenstämmlinge die heißesten Judenfeinde sind, erleben wir das Schauspiel, daß oft schon die zweite Generation der „Fortschrittlichen" und gewöhnlich die dritte in den Reihen der Klerikalen zu finden ist. Hoffentlich wird sich also endlich eine vernünftigere Ansicht bahnbrechen, wo die Freunde des Klerikalismus und wo hjtz „antisemitischen Juden" zu suchen sind. . ' i. Am letzten Montag war die offizielle Wählcrversalnmlnilg der Kllltusgemeinde im Hotel „zur Post". Es hatte beit Anschein, als ob die Wiener Offizielleil vor den Wiener Juden Angst hätten. Denrl nicht, weniger als ein Dutzend Diener mit gezückter Amtsmiene bcwachten den Eingang ins Paradies und im Saale sorgten zahlreiche junge Beamte der Kllltusgemeinde für Aufrechterhaltung der Unordnung, damit stets ein Grund zur Schließung der Sitzung vorhanden sei; denn ach! es gab auch viele oppositionelle Redner in der Versammlung. Tatsächlich wurde die Versammlung vom Herrn Vizepräsidenten Dr. Stern, der bald nach dem Allfang wegen Unwohlseins des Präsidenten die Leitüilg übernahm, geschlossen, der Sturm der Eiltrüstung aber zwang zur Aufgebuilg der Ndaßrcgcl. Herr kais. Rat Klinger begrüßte die Anwesenden und führte ans, daß er wünsche, die Anregungen nild Beschwerden der Wählerschaft möchten nicht illlmer vor dem Wahlgange, solidem das ganze Jahr all den Vorstand geleitet werden. (Weiß der Herr Präsident nicht, daß es eine jüdische Presse gibt? Das ist doch ein ewiger Wunschzettel der Judcnheit; nicht, die hochachtungsvoll ergebene, sondern tue Presse des Volkes. Allerdillgs verlangt sie eine großzügige und nicht eine Flickwerkpolitik> die ausschließlich aus gnädigen Vewilligungeil von Geld besteht, sondern Sinn für unsere Zukunft hat.) Nachciilandcr iveten jetzt die Kandidaten des offiziellen Wahlkomtiecs auf nild die meistcu bringen wörtlich folgende geflügelte Worte vor: „Ich bin 17, 14, 6 Jahre Vorstand. Ich kann Ihnen kein Programm entwickeln. Ich bitte um Ihr Vertrauen." Sollte mau es glauben? Die Wiener jüdische Wählerschaft applaudierte zu ihrer Verhöhnung. In diesen Zeiten, von denen ein bewährter nichtzionistischer itcnncr der Verhältnisse sagte, das; sie in Kürze znm Ruin der Wiener Kultusgemeinde führen tverden, tvissen die offiziellen Kandidaten nicht, was sie tun werden und ernten für dieses Geständnis ilvch Beifall. Nur die ganz neuen Kandidatensprachen einige Worte über die Taxe, sprachen z. B. von sozialer Hilfe, zeigten sich aber mit den bestehenden mlzureichenden Einrichtungen höchlichst zufrieden. Eine nervöse Unruhe entstand, als unser Kandidat, Herr Arch. Marmorek das Wort ergriff. Jedes Wort der Kritik führte zu Lärm auf der Gegenseite, der Präsident verwahrte sich eirnnal nach dein anderenmal gegen angebliche Provokatioiien. Aber unbeirrt führte der Redner die Fordcruiigen unseres Programmes aus, die Forderungen ari die Führerschaft der Killtllsgemeinde in Fragen der geistigen und wirtschaftlichen Hebnilg des jüdischen Volkes, als Führerin einer Reichsorganisation, als Fürsorgerin eines lawinenartig tvachsenden jüdischen Proletariats, uiid erntete zum Schlüsse den Beifall vieler Uebcrzengter. Da er einiges über die zahlreichen U e b e r t r i t t e sagte, gab der Präsident eine offizielle Erklärung ab: Es s eien gar nicht so biele, alS man sage. Nur 2 8 3 4 seit 4 Jahren. Es sprach hierauf iioch ein von den derzeitigen Zuständen eiitzückter Kandidat, worauf Herr Dr. Kahn als Bewerber zu Worte kam. Er zog eine Parallele zwischeii dem offiziellen und dem Programm der Opposition und unterzieht die Mißstände in der Gemeinde einer wuchtigen Kritik. Der beste Betvcis dafür, daß er den Nagel auf den Kopf getroffen habe, gab die Aufregung einiger Säulen des bestehenden Systems, die ihn überschrien, als er das Verlangen aussprach, daß absolut reine Wahlen stattfinden mögen, nicht wie vor zwei Jahren. Damit tvaren jene Demagogen gebrandmarkt, die vor zwei Jahren sich im Wahlaufruf den Ausruf, die unerhörte Bemerkung leisteten, daß bei W^ihl unserer Kandidaten die Steuerträger für ntopistischc Zwecke werden zahlen müssen.. In dem darob entstandenen Lärm verzichtete Herr Dr. Kahn lieber auf das Wort, als daß er erwünschten Grund zur Schließung der Versammlung geboten hätte. Wir wissen nicht, ob die Herren mit der Knebelnngstaktik ihrer Sache einen guten Dienst leisten. Wieder zog ein hochznfriedcner Redner auf und hierauf entwickelte der Führer der Jüdischen Volkspartci, Herr Rappaport, in längerer, ticfbcgründctcr Rede das Programm einer umfassenden jüdischen Politik. Richard Rappaport: Indem wir in den Wahlkampf cintretcn, handelt es sich nicht um das eine oder das andere Mandat, sondern um die Betätigung unserer Prinzipien vor der jüdischen Wählerschaft. Aus dem Reichsrate, Landtage und Gemeinderate, kurz gesagt: ans allen Stätten des öffentlichen Lebens verdrängt, bildet die Knltnsgemeinde die einzige Körperschaft, die einzige jüdische Vertretung, in der rein jüdisches Interesse behandelt wird. Die Knltnsgemeinde hat als solche nicht einen reinen Verwaltungskörper zu bilden, sic muß die geistige Führerin des strammen und beivuhtcn Judentums sein. Als geistige Führerin muß sie die Repräsentantin aller Strömungen im jüdischen Volke fein. Eine Körperschaft, in der nicht entgegengesetzte Gcistesströmni'.gcn zum Ausdruck konunen, ist greisenhaft und dcnr Verfall nahe und verdient nicht, zu existieren? Kommen Sie mir nicht mit dem „Chillnl Haschein". Ein klassischer Philosoph sagte: Nur im Kampf liegt Entwicklung und Fortschritt. Die größten Männer, die größten Ideen, die große geistige Entivicklnng aller Völker und insbesondere unseres Volkes entstanden aus dem Kampfe. Ihr Hinweis auf den äußeren Feind läßt uns kalt. Wir wollen vielmehr den inneren Aeind bekämpfen und das ist insbesondere die Indolenz gegenüber jüdischen Angelegenheiten» die sich,, ivenn auch uneigennützig, in den Dienst fremder Ideen stellt. Mut gegen den äußeren Feind, Bekämpfung des inneren Feindes, Vertrauen in sein eigenes Volkstum verlange ich von der Knltnsgemeinde, und in diesem Sinne bin ich Chauvinist. Man preist die Juden als vernünftig und gescheit —• in der Politik geht uns die große Reife ab. In diesem Sinne will ich wirken, jede Frage nur vom jüdischen Jure resse und vom jüdischen Standpunkte beurteilen. Die Zeit ist vorgedrängt, infolge dessen kann ich nur eine Frage kurz streifen. Es geht nicht an, einen so großen Körper wie die Knltnsgemeinde Wiens zentralistisch zu organisieren. Es mutz, mag man über die Bezirksbergerei denken wie man will, den Bezirken ihr'bcsonderes Wahlrecht und uneingeschränkt durch die anderen Bezirke gegeben tverden. Mail hat stets die Erweiterung des Wahlrechtes verlangt, cs ist eine Erweiterung des Wahlrechtes gekommen, aber nur das Wahlrecht der oberen Zehntausend wurde erweitert: die unteren Schichten erhielten nur die Farce einer Erweiterung in der Form der fakultativen Steuer. Wir verlängern daß die Lieferungen nur au Juden gegeben tverdeit und v.icht, wie cs leider vorgckommen ist, an enragierte Antisemiten. Tie jüdischen Gewerbetreibenden, welche einen verzweifelten Kainpf mtt ihre Existenz führen, welche von allen öffentlichen Lieferungen ausgeschlossen sind, welche unter antisemitischem Boykott zu leiden haben, haben mindestens das Recht, zu verlangen, daß in jüdischen Körperschaften nur jüdische Lieferanten berücksichtigt werden. Man könnte viele Fragen noch berühren, ich schließe jedoch, daß jede Frage nur vom jüdischen Standpunkte und von jüdischem Interesse beurteilt werden muß. In diesem Sinuc verlangen wir: Die .Knltnsgemeinde den Inden I •* Einige! folgende Redner brachten gegen uns den fadenscheinigen Einwand vor, daß. unsere Arbeiten mid Forderungen zwar lobenswert seien, wir aber den Unfrieden in die Gemeinde gebracht hätten. Schlecht gedreht! Wenn wir gut und erwünscht arbeiten, so hätte man unsere Kandidaturen selbst anfstellen müssen, nicht aber uns von allen Seiten angreifen dürfen, bloß weil tvir dem Freisinnschwindcl zuleibe gehen. Ucbrigens genügt es uns, daß sich endlich bei vielen eine Anerkennung unserer doch ganz selbstlosen Bestrebungen Bahn bricht. Wühler Dr. Lifczis: Die Aufregung über scharfe Worte unserer Presse ist eine müßige. Auch von Ihrer Seite ist in dieser Beziehung sehr viel gesündigt worden. Ich erinnere an Ihren Wahlaufruf' zu den vorigen Wahlen, in dem Sie die oppositionellen Parteien der Verwendung von Gemeindegcldcrn zu Parteizwecken beschuldigten. Ferner an die Publikation der Wahlaufrufe durch die „N. Fr. Presse". Auch der Appell zur Einigkeit kann nicht aufrichtig von Ihnen gemeint sein. Es gab eine Zeit, in der Sie die Einigkeit zerstört hatten. Als nämlich der Bezirksschulrat den beschimpfenden Erlaß emanierte, wonach in den Schulen Jndcnkindcr getrennt von Christenkindern, in sogenannten Ghettoklassen, unterrichtet werden sollten, hat der Präsident Kais. Rat Klinger an den Minister Worte gerichtet, welche die Zustimmung aller fanden. Er sagte: Bevor wir unserer Jugend in einer allgemeinen Schule den gelben Fleck anheften lassen, werden wir unsere eigene Schule errichten und unsere Kinder viel sittlicher erziehen. Damals wäre cs gegenüber dem sogenannten äußeren Feind am Platze gewesen, zu demonstrieren, daß hinter dem Präsidenten die ganze Gemeinde geschlossen —> ivie ein Mann — steht. Sie haben jedoch eine Versammlung einberufen, in der Ihr Sprecher dem Präsidenten lebhafte Vorwürfe wegen dieser Worte machte. Sie sagten, Sie lassen nicht das Reichs- Volksschnlgesetz verklerikalisicrcn. Der ganze Effekt dieses Auftrittes lvar durch die Einigkeit, die Sic gestört haben, verloren. Auch der vielbesprochene Artikel „Lueger in der Seite nstettengasse" sollte der Integrität der Persönlichkeit der Kultnsvorstände nicht nahetreten. Nur das System der Wahlordnung wurde gegeißelt. Das Statut enthält eine der rückständigen Bestimmungen, welche alle Wahlordnungen über Bord geworfen haben: Wer mit der Kultussteuer rückständig ist, kann nicht wählen. Und so geschieht es, daß eine ganze Reihe bewährter jüdischer Mitbürger, welche durch Jahrzehnte Knltusstouer entrichtet h«ben, aus dem Grunde zur Wahl nicht gelangen, weil, wie in einer großen Stadt leicht begreiflich, das Inkasso infolge Uebersiedlungen usw. nicht besorgt werden konnte. Unsere Bitte, wegen einer amtlichen Berichtigung die Person in die Wählerliste aufzunehmen» konnte nach diesem Statut nicht berücksichtigt werden. Die im Berichte angekündigte Reform der Verwaltung tveist jedoch viele Mängel auf. Das DLrtrikenwesen wird von einem, der gar nicht dem Beamtenkörper der Knltnsgemeinde angehört, geführt. Die Armenpflege hat die Kultusgemeinde an den Verein „Armen-Anstalt" übertragen, wiewohl gerade der Pauperismus, der aus den statistischen Ziffern des Berichtes sich ergibt, eine energischere Reform der ganzen Armenberwaltung gebietend erheischt. Es ist bedauerlich, daß ein Kampf notwendig ist, um Strömungen, welchen die Wählerschaft bei den letzten Wahlen ihre Zustimmung verliehen, in der Kultusgemeinde eitle Vertretllng zu sichern. Es sprach/',z noch von der Opposition Herr Dr. Schreiber und nochmals die Herren Arch. Marinorek und Dr. Kahn, von den „Stützen" u. a. Dr. M. Hoffmann in sattsam bekannter Weise, worauf die Versammlung g/schlossen wurde. Wir können versichern, daß zwar einige Jnstamentspolitiker noch immer uns absolut bekämpfen, das Gros der Wählerschaft zeigte während unserer Reden eine ruhige Haltung, das erste Zeichen unseres Fortschrittes. Denn wir brauchen nur angehört z,i werden, um unseres' Erfolges sicher zn sei». II. Am 18. d. M. fand eine sehr gut besuchte Wählerversammlung im 9. Bezirke im Restaurant „Zur Schäferin" statt. Den Vorsitz führte Herr Josef Steiner, Vizepräsident des „Jüdischen Volksvereines für den 9. Bezirk". Nach Eröffnung der Versammlung er-