Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 45 (7.11.1902)
- Date
- 1902-11-07
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 7. November 1902 Nr. 45 haben, daß keinerlei Anlaß zu Vorstellungen vorhanden sei. Demgegenüber bringt folgende Zusammenstellung die Wahrheit. 1864. Gesetz, welches den Juden den Adbokatcnstand verschließt. 1866. Konstitution, deren Artikel 7 alle Juden zu Fremden macht. 1878, 28. März- Gesetz, welches den Juden den Spirituoseuhandel untersagt. 1881, 6. April. Gesetz, welches der Polizei das Recht der Hausdurchsuchung und Ausweisung zugesteht. 1881, 4. Juli. Gesetz, welches die Berufe der Geldwechsler und Kommissionäre ansschließlich den Rumänen vorbehält. 1883, 18. Juli. Gesetz, wodurch Lotterien unterdrückt wurden. (Mehr als 1000 jüdische Familien sind durch dasselbe brodlos geworden.) 1884, 17. März. Gesetz, welches die Kolportage verbietet. (5000 jüdische Familien hierdurch ihres Erwerbes beraubt.) 1884, 8. Juli. Gesetz, welches den Juden das Plaidieren vor den Friedensrichtern untersagt. 1886, 1. März. Gesetz, durch welches bloß die Rumänen berechtigt sind, Mitglieder der Handelskammer zu werden. 1887, 16. Februar. Miniftcrial-Vcrordnung, durch welche untersagt wird, die Juden als Einnehmer der Kommunalsteuern zu verwenden. 1887, 28. Februar. Gesetz, durch welches vorangegangene Ministerial-Verordnungen bestätigt werden, wonach die Juden vom Tabakhandel, den öffentlichen Aemtern und Arbeiten ausgeschlossen und jenen Rumänen Strafen angcdroht werden, welche Juden im Detailhandel verwenden. 1887, 10. Mai. Gesetz, welches das Recht der Juden beschränkt, Direktoren von Gesellschaften mit beschränkter Haftung zu sein. 1889, 6. Februar. Gesetz, durch welches verboten wird, den Juden wichtige Arbeiten bei Eisenbahnbauten anzuvertrauen. 1889, 23. März. Gesetz, durch welches die Zahl der Juden bei Privat-Eisenbahnbautcn auf 40 Perzent sämtlicher verwendeter Arbeiter beschränkt wird. 1893, 14. Jänner. 'Gesetz, welches die Verwendung von Juden im öffentlichen Sanitätsdienste in jeder Art verbietet. 1896, 6. Juni. Gesetz, welches die Wohltat des kostenlosen öffentlichen Unterrichtes den Rumänen allein vorbehält, die Zulassung der Judenkinder (gegen Bezahlung eines Schulgeldes) aber erst dann gestattet, wenn nach den Rumänierkindern Platz übrig bleibt. 1898, 23. Mai. Gesetz, durch welches die Inden vom Mittelschul- und Hochschulunterrichte ausgeschlossen werden. 1901, Dezember. Gesetz, welches den Juden den Ausschank von Bier und Kaffee, dann den Spezereiwaren- und Gebäckhandel in den Landbezirken verbietet. 1902, März. Gesetz, welches die Verwendung jüdischer Arbeiter in jeder Art von Handel oder Gewerbe verbietet. Art. 56 schließt die Juden aus den Fachschulen aus. Art. 64 beraubt die Juden des Rechtes, Mitglieder der Zünfte zu werden und an deren Versammlungen teilzunehmen. Das möge nun der Herr Gesandte „dementieren", wenn er kann. Von 1885 bis 1892 ist die Gesetzgebung bestrebt, die Juden aus dem Mittelstände hinauszubringen und sie durch Beraubung der Möglichkeit der Kindererziehung auch auf ein tieferes Bildungsniveau hinabzudrücken. Dann kommen die Gesetze von 1902, welche ihnen überhaupt jede Arbeitsgelegenheit nehmen. Lodz. Mir haben schon berichtet, daß der jüdische Bürger- Jakob Hertz eine große Summe zur Gründung eines jüdischen Gymnasiums spenden will. Die „Kattowitzer Zeitung" schreibt darüber in ihrer Nummer vom 7. 10. 1902: „Ein Geschenk von 160 000 Rubeln hat der Bürger Jakob Hertz der Stadt Lodz zum Bml eines 2. Gymnasiums zugedacht, aber die Bedingung daran geknüpft, daß dre Anstalt vorzugsweise jüdische Zöglinge aufnehme, an den Sonnabenden und den jüdischen Festen den Unterricht aussallen lassen, denselben aber an den Sonntagen und den christlichen Festen erteilen sollte. Unter diesen Bedingungen hat die Stadt Lodz auf diese Zuwendung verzichtet." Man hat Wohl erwartet, daß die Juden noch ihren Unterdrückern die Gelder zu Schulen bedingungslos spenden sollen, damit nachträglich die jüdischen Schüler nur bis zu drei Perzent die Schule besuchen dürfen. Das kann man doch nicht vom Judentum erwarten, dem Liebe ohne Gerechtigkeit fremd ist. Die ältesten jüdischen Journale. Unsere Angabe, daß der „American Jsraelite", der seinen 49. Jahrgang angetreten, die drittälteste der bestehenden jüdischen Zeitschriften sei, bedarf der Berichtigung. Außer der erwähnten „Allgemeinen Zeitung des Judentums" und des ondoner „Jewish Chronicle" erscheinen noch drei Journale, die vor dem „A. I." ins Leben gerufen wurden: „Archives Jsraelites", 1839 von S. Cahen als ein Monatsblatt gegründet, später von seinem Sohne Isidor Cahen in eine Wochen- Ichrift umgewandelt; „L'Univers Jsraelite", 1845 von S. Bloch gegründet, ebenfalls ein Monatsblatt, aus dem nach Jahren eine wöchentliche Zeitung wurde; ferner „Jl Vessilo Jsraelitico", ein in Casale, Italien, erscheinendes Monatsblatt, das in einigen Monaten fernen 50. Jahrgang vollendet. „American- Jsraelite" hat somit fünf ältere Zeitgenossen. Die Rabbiner-Seminarfeier in Budapest. —k. Am Neumondsabbat des Monats Cheschwan feierten fcte Professoren des Rabbinerseminars in Budapest das Fest des fünfundzwanzigjährigen Bestandes dieser Anstalt. Das Kuratorium derselben verschickte zwar sowohl hier als auch in die Provinz viele Einladungen, die Teilnahme war jedoch im allgemeinen eine schwache. In der Seminarsynagoge hielt der Professor Dr. Wilhelm Bacher die Festrede und der Direktor Rabbi Moses B'loch sprach ein hebräisches Gebet- Der Präses der Landeskanzlei gab am Ausgange (spät zu Nacht) des Sabbats ein Festessen, an dem die anwesenden ehemaligen Zöglinge der Anstalt teilnahmen. Die Abhaltung solcher Feste ist nach meiner Ansicht eine Nachäffung des Gebrauches, der bei den christlichen Konfessionen ^geführt ist. Meines Wissens zählt Preßburg zu den ältesten Jeschiboth in Europa, wo ununterbrochen mehr als 160 Jahre die Thora gepflegt wird, in welcher Anstalt während dieser Zeit gewiß mehr als 60 000 Schüler ihre Ausbildung erlangten. Es ist aber den Heroen der jüdischen Gelehrsamkeit. weder dem M a h r a m V a r b i, noch dem C h a t h a m S o s e r, die Größen ersten Ranges waren und zufolge ihrer umfangreichen Gelehrsamkeit am Horizonte des jüdischen Himmels als Sterne erster Größe stets leuchten werden, noch dem Sohne des Chatham Sofer, meinem unvergeßlichen Lehrer und Meister, dem Ke t Hab Sofer, nicht minder auch seinem würdigen Sohne pa dem vielverdienten und großen Gelehrten Rabbi Simche Bunem, tote auch allen anderen gelehrten Rabbinern in Europa, die das Lehramt in den Jeschiboth unentgeltlich mit ganzer Hingebung und teilweise mit großen materiellen Opfern leiten, indem der Talmud es ihnen anbefiehlt: ■.«* .-,2 dd na Bfix öd (Chagiga 7 und noch" an anderen Orten) eingefallen, ein solches Fest in den Jeschiboth zu begehen, das mit einer gewissen Zeitdauer in Verbindung stand. Allerdings hatten die Jeschiboth während der ganzen Diaspora ihre eigenen Schillfeste, die arich heute noch in allen Jeschiboth zur Geltung kommen und mit großen Festlichkeiten abgehalten werden, die wir 'öio nennen, d. h. wenn die Jeschiba das Studium eines Traktates beendet, bmtn versammeln sich nicht mir die Angehörigen der Jeschiba mit ihrem Oberhaupte an der Spitze, sondern alle^Bene Thora des Ortes, teils auch aus der Umgebung. Diese versammeln sich m der Lehrschule. wo der Vortragende Rabbiner den Traktat mit einem feierlichen Vortrage abschließt. Dieses Vorgehen erhebt den Glanz der Thora. Bei den Alten werden Remirliszenzen der Vergangenheit wachgerufen, an die sie sich mit Freuden erinnern, die längere Generation sammelt ihre Erlebnisse, die sie als Wjegzehrung mlf ihre Wanderung des jüdisch-religiösen Weges mitnehmen soll. Die Abhaltung der ^6 i d Feier ist allen Juden in Ungarn und Polen wohlbekannt und die eine religiöse Erziehung genossen haben, wissen es, wie eine solche Festlichkeit begangen wird, daß ich es für überflüssig halte, mich mit dem Gegenstände weiter zu beschäftigen. Im Interesse des Judentums aber, das mit der Erhaltung der Thora eng verknüpft ist, dessen Zukunft nur dann gesichert ist, wenn das Thorastudium in unserer Mitte nach der traditionellen Ucbcrlieferung und seiner Lehrmethode gepflegt wird, erlaube ich mir es hier offen auszusprechen, daß das Rabbinerseminar in Budapest die Aufgabe, talmudisch gebildete, rcligionsfromme Rabbiner zu erziehen, nicht erfüllt, und zwar deshalb nicht, weil es die Richtung des Seminars in Breslau einschlug. Die'Männer der großen Synode, die die Ueberlieferuugeu der mündlichen Tradition anlegten, haben als Grundbasis die Diskussion angenommen. In diesem Sinne ging Rabbi Jchuda Hanassi vor, als er die Mischna verfaßte, mithin ist auch in beiden Talmuden diese Lehrmethode eingchalten worden. Durch den Umstand, daß in Palästina die traditionelle Ueberlicferung in lebendiger Erinueruug in den Lehrschulen fortlcbte, finden wir im Talmud Jeruschalmi die Diskussion weniger in Anwendung, als im Talmud Babli. Alle Poskim, die früheren und späteren, haben die Auslegungen der überlieferten Lehre nur auf Basis der Lehrmethode der Diskussion weiter ausgebaut. Tadelte Abraham, 6. David, den Maimonidcs wegen seines Vorgehens, daß er im „Jad Hachsaka" die Halacha nur kurzweg kodifiziert auführte, ohne die Diskussion des Talmuds zu erwähnen. (Siehe „Jad Hachsaka" gleich am Anfänge. Rabbi Abraham lebte in Ponsquieres und Nimes, er starb 1198.) Diese Lehr-" weise lebt in Rußland, Polen, Ungarn, in England und Amerika durch die russischen Kolonien und wirkt befruchtend auf die Gemüter, so daß diese Kreise getrost in die Zukunft blicken können, denn das lebendige Bewußtsein des Judentums kann nur einzig und allein durch den Einklang der Schrift mit der mündlichen Tradition erhalten werden und wo die Pflege derselben harinonisch betrieben wird, ist unsere Zukunft gesichert. Es ist daher unklug, wenn einzelne Menschen aus Unkenntnis der talmudischen Diskussion, man kann das Verhältnis eins zu tausend annehmen, dieselbe perhorreszieren und in ihren Kreisen gänzlich unterdrücken. Die Tradition ist keine Mumie, denn sonst hat das Judentum selbst keine Existenzberechtigung. Klagte ja schon vor 85 Jahren der selige Rabbiner Leopold Löw, der seiner immensen wissenschaftlichen Bildung zufolge von Voreingenommenheit frei war, in dem Vorworte zu seinen „graphischen Studien", daß die Scminarrabbiner die Lehrwcise der traditionellen „Halacha" und die Quellen derselben gar nicht mehr kennen. Seit dieser Zeit hat die Unwissenheit auf diesem Gebiete nur zugenommen und selbst die kritischen Studien, die das Seminar in Breslau anzubauen sich bestrebte, finden keine Pflege. Aeußcres Flitterwerk raubt dem Jünger des Seminars die Zeit, um in die Tiefe der talmudischen Diskussion eindringen zu können und ohne dieselbe ist das Talmndstudium unmöglich. Noch einen großen Fehler begeht man in Breslau und in der Tochteranstalt in Budapest, daß die Schüler verhalten sind, ihre teure Zeit mit den Studien auf der Universität zu vergeuden. Dort herrscht ein fremder Geist, der viel dazu beiträgt, daß die Schüler ihren religiösen Halt verlieren und die destruktiven Tendenzen gewinnen die Oberhand. Beispiele haben wir genug, die diese Behauptung rechtfertigen. Was demnach das Seminar aufbaut, wird durch die fremden Einflüsse der Universität zerstört. Der gegenwärtige Oberrabbiner in Szegedin, der würdige Sohn des Obgcnannten, trat mit viel Sachkenntnis und glaubenstreuer Wärme für die Münderung des SttldienplaneK des hiesigen Seminars in die Schranken, er wies mit Objektivität nach, daß zur Erhaltung und Belebung des jüdisch-religiösen Geistes in der Gemeinde ausschließlich traditionelles Wissen, gepaart mit Bildung, maßgebend ist, allein da die Schüler aus Breslau die Leitung des hiesigen Seminars in Händen hatten, wollten diese Menschen aus Eitelkeit, damit der Gedanke nicht aufkomme, daß ihre Ausbildung eine mangelhafte war, den gründlichen Auseinandersetzungen des Dr. Im. Löw kein Gehör schenken. Seinen Lohn heimste Löw ein, indem er vielen Anfeindungen und Verdächtigungen ausgesetzt war, was auch mein Los ist, denn die Machthaber der Gegenwart sind sehr kleinliche Menschen, Leidenschaft und Rache leiten ihre Handlungen. Bei uns herrschen im Seminar Zynismus und ein offizieller religiöser Schein einerseits, andererseits aber sind Chauvinismus und Assimilation die Grundprinzipien, mit denen man das junge empfängliche Gemüt der Hörer vollpfropft. Diese Drillmethode wird schon eifrigst in den Unterklassen besorgt und der sich in diesen Sinn hineiuzuleben versteht, ist ein gemachter Mann. Ich kenne Fälle, wo Apostaten, die Professoren an der Universität sind, für Seminaristen, die in den jüdisch-wissenschaftlichen Disziselinen sehr schwach bestellt waren, cs durchzusehcn verstanden, durch die Verbindungen, die diese mit den Seminarprofcssoren aufrecht erhalten, daß ihre Schützlinge Rabbinerdiplome bekommen sollen. Die Tatsache steht fest, daß Chauvinismus und Assimilation die Wegweiser zum Abfalle vom Judentum sind. Die Menschen, die in verschiedenen Gemeinden die Leittmg der religiösen Angelegenheiten der Juden in Händen haben, wollen es nicht cinsehen, daß eine Umkehr dringend geboten erscheint. . Die Notwendigkeit erheischt es, den religiös jüdisch-nationalen Geist zu beleben, denn nur dieser ist imstande, die abgestorbenen (Glieder neu zu beleben und sie für das Judentum wieder zu gewinnen. Alle Welt weiß cs, daß unsere Orthodoxen dnrchgehends vom nationalen Geiste beseelt sind, denn unsere Gebete sind doch alle auf die Hoffnung der nationalen Erlösung nufgebaut. Damit man aber unsere Neologen des großen Vergehens nicht anklagen soll, daß sie in ihren Gebeten lügen, denn diese Anklage würde sie zu den verwerflichsten Menschen stempeln, ist cs ihre Pflicht, den nationalen Geist in der Gesellschaft neu zu beleben. Entweder sollen sie den Mut haben, die nationalen Gebete aus dem Rittis zu eliminieren und Ivo nicht, im Geiste derselben zu leben: Tertiam non datur! Bücher-Einlauf. Kulturprobleme der Gegenwart. Band 6. Rasse und Milieu. Von Heinrich Driesmans. Berlin. Verlag von Johannes Rüde. Der bekannte Rassentheoretiker Driesmans liefert in diesem neuen Werke einige wertvolle Ergänzungen dieser jungen, in voller Entwicklung begriffenen Wissenschaft. Namentlich ist seine Polemik gegen die m a t e r i a l i st i s ch e Geschichtsauffassung glücklich; während man nach dieser erwarten müßte, daß das günstige Milieu gute Nassen züchtet, das ungünstige schlechte, zeigt die Geschichte, daß „das günstige Milien Vorzüge vor dem ungünstigen. für die Hinaufzüchtnng des Menschenwesens habe . . . Der Einfluß des „Milieu" steht in u nr g e k e h rt e m Verhältnisse zu seiner „Güte": der des ungünstigen ist a u f b a u e u d e r, der des günstigen auflösender Natur." Die Frage nach der ursächlichen Bedeutung der Nasse und des Milieus in der Geschichte der Menschheit, beantwortet der Verfasser in erschöpfender Weise: „Alle Rassenhaftigkeit ist Produkt eines Milieus; aber einmal in E r sch e i n n u g g e r u f e u, g e w i n n t die entwicklungsfähige Rasse die Herrschaft über jedes andere Milien, indem sie gleichsam ihr immanentes Rassenmilieu in die äußere Natur hineinprojiziert und sich unter a l l e n V e r h ä l t n i s s e n die ihr gemäße Lebeusmögtichkeit zu schaffen weiß." Gerade die jüdische Rasse ist ein Beweis für diese Auffassung, lieber diese Rasse sagt Driemans sehr treffend : „Was für die nordische Menschheit der W i n t e r, das ist für die südliche die W ü st e . . . Es ist sehr wahrscheinlich, daß der Zug durch die Wüste den Israeliten erst die .Kraft und Ausdauer verliehen hat, infolge der Sichtung und Siebung, die sie dabei erfahren, welche sie zu ihrer späteren ztultur befähigte. Ihre Propheten und Priester pflegten auch später noch in die „Wüste" zu gehen, wenn sie sich auf ein großes Werk vorbereiten wollten. Der „Zug nach der Wüste" spielt eine große Rolle im Alten Testament. . Sic größten sittlichen Wirkung e n und politischen Umwälzungen haben von ihm ihren Ursprung g e n o m m e n." Ich möchte hinzusetzen,. daß für den modernen europäischen Juden die gesellschaftliche W U st e, die sich um jeden Feinergcartctcn ausbreitet, dieselbe Rolle spielt. Die Frage nach der Wirkung der R a s s e n r e i n h e i t und R a s s e n v c r m i s ch u n g beantwortet er wohl nicht im Gegensätze zu G o b i n e a u, aber doch von ihm abweichend dahin, daß so lange ein Volk nur den Momenten seiner spezifischen seelischen Veranlagung und der zuchtwählerischen natürlichen Auslese durch das Milieu untersteht, es sich n o ch in der Vorschule der Kultur befindet. „Alle Kulturen bauen sich auf einer Blutmischung auf; sie sind aus der Befruchtung einer Rasse durch die andere entstanden. Kastenbildung und Auslese sind bloße Negationen, die mit der weiblichen Keuschheit, Zucht und Sitte verglichen werden können. So wenig aber durch diese Eigenschaften für f i cf) allein, wie notwendig und lobenswert sie an sich sind, ein neues Lebewesen gezeitigt werden kann, wenn sie nicht einmal zu gebietender Stunde einem befruchtenden männlichen Prinzip geopfert werden, so wenig durch bloße Kastenbildung und Auslese ein höheres Kulturleben. Ein positives Moment muß hinzukomuien, nämlich die pietätlose, gesetzes- und traditionswidrige Befruchtung der Kastenauslese durch das fremde unterworfene Blut, um der k ü n st lichc n Zuchtwahl einen Sinn und ein Ziel zu gebe n." Dies sind die hauptsächlichsten neue n Gesichtspunkte, die Driesmans entwickelt; selbstverständlich will der Referent mit den vorangehenden Zitaten nicht die Inhaltsangabe des Buches erschöpft haben. Zu bemerken wäre noch (abgesehen von einem Lapsus calami auf S. 14, wo die Worte Vegetabilien und Animalien in der 10. Zeile vertauscht sind), daß Driesmans, bei aller Objektivität, die er der jüdischen Rasse gegenüber bekundet und die wir besonders feststellcn wollen, weder in dem vorliegenden Werke, noch in seiner „Kulturgeschichte der Rasseninstinkte" dieser Rasse gerecht wird; er weist ihr nur eine mehr oder weniger tiefgreifende Bedeutung für die Blutmischung der Kulturrassen zu, sonst aber tritt er in die wohlbekannten Fußstapfen Gobineaus und Chaniberlains und gefällt sich in einer nicht gerechtfertigten Verherrlichung des Germanentums; nun, schließlich kommt jede Objektivität an einen Punkt, wo sie in Subjektivität umschlägt. Dr. L. S o f e r. Dokumente des Sozialismus. 1. Kritische Bibliographie des Sozialismus. 2. Aus der G e s ch i ch t e des S o z i a l i s - m u s. Rudolf Virchow und der Sozialismus. Der Zusammenhang der Dichtnngeu des Aristophanes mit den sozialen Ideen seiner Zeit. Thesen G. Sorels,zur materialistischen Geschichtsauffassung. 3. Urkunden des Sozialismus. Urkunden aus der Arbeiterbewegung der Jahre 1848—49. Resolutionen der Konferenz sozialistischer Frauen. Sozialismus in de» Zeitschriften. Die sozialistischen Monatshefts (Administration: Berlin SW., Benthstraße 2) haben soeben das Novemberheft ihres 8. Jahrganges erscheinen lassen. Aus dem Inhalt desselben heben wir hervor: Paul Umbreit: Der gegenwärtige Stand des Problems der Arbeitslosenversicherung. — Eduard Bernstein: Parteien und Klassen. — Heinrich Pens: Die sozialdemokratische Presse und das Genossenschaftswesen. — Dr. Casimir von Kettes-5lranz: Comtismus und Marxismus. — Friedrich Hertz: Moderne Rassenkulturen. — Ludwig Radios: Die Aufgaben der Ärbeitersekrctariate und des Zentralarbeitersckretariats. — Ria Clagßen: Ricarda Huch. — Dr. Rudolf Wlassak: Trinkcrbehandlung und Delirium. — Politik von Richard Calwer. — Wirtschaft von Max Schippet. — Sozialistische Bewegung von Dr. L. Gumplowicz. — Gewerkschaftsbewegung von Ernst Deinhardt. — Genossenschaftsbewegung von Gertrud David. — Sozialpolitik von Paul Kampffmeyer. — Soziale Kommunalpolitik von Dr. Hugo Lindemann. — Sozialwissenfchaft von Dr. Leo Arons. — Revuen von Paul Göber. — Ms küstlerische Beigabe bringt das Heft eia Porträt von Ricardo Huch, gezeichnet von Karl Bauer. — Der Preis de§ Heftes beträgt 50 Pf., vierteljährlich 4,50 Mark. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen, Kolporteure und Postanstalten (Postzeitungskatalog Nr. 7138), ferner direkt durch den Verlag der Sozialistischen Monatshefte, Benthstraße 2, Berlin SW. 19. (Zusendung unter Kreuzband oder in geschlossenem Kuvert.) Probemlmmern stehen auf Wunsch kostenfrei zur Verfügung. Von Hermann Kahan. Sehen wir uns nun Apfelbaum? hebräische Monographie an. Sie hat den Titel: rrn.T’ n dti rrnbin "isd (mdu* 'Da1? naitODöa an) b"' 6^' 8“, 78 Ä. und iil bei A. Jp. Znvnik"in Drohabycz 1900 gedruckt. Leipttiker hat es vor einigen Jahren in seiner zu Budapest 1896 erschienenen Schrift „Jehuda hon Mowato öiote os irodalim 'nun unternommen, das Leben und literarische Wirken Moscatos oarznstellen, welcher Versuch aber nicht völlig geglückt ist (siehe Landes'bergers Reiensivn „Ung. Wochenscbr," u-96 Nr. 45 S. 5).' Wenn daher Apfelbaum, der die 'Arbeit seines Vorgängers weder kennt noch erwäbnt, den Entschluß faßte, eine Biographie Moseatos zu schreiben, hat er mit der Edition seiner Studie, ein nützliches Merk der hebräischen Literatur zngeführt. Rabbi Jebuda MoScato, in der italienischen Stadt Osimo anno 1532 geboren, Jünger des R. Mose Provenoal (vergleiche Michael [1891] S 468, Nr. 7032) und Zeitgenossen des noch heute berühmten Asarsa den Mose der Rossi in Mantua 1514geboren (siebe Graeß Gosch, d. Juden!, fl866] Bd. 9, S. 4-32), war wohl Verfasser deZ -Kommentars Slim Küöari, des Werkes n-nir ri'S^D hcr Autor eines bis )Uzt noch ungedruckten Kommentars zum Hohenliede (Michael 1. <:.) unb eines Gebetes für n-rxi’. bei weitem aber nicht eine epochale Erscheiunng, eine bedeutende Autorität, ein Gaon und ein Ällann, der etwas „Neues" geleistet, wie es Apfelbaum in vorliegender Arbeit behauptet. Avfelbaum bat wohl seine Arbeit mit Gründlichkeit bearbeitet, Moscatos Werke eingehend gelesen und in sich ansge» nommon, es aber außcracht gelassen, daß sein Buch auch von Berufsmännern gelesen iverden wird. So z. B. siiud die Erörterung"" S. 37, 38 4lnm. 60-70, S. 52 Amn. 69 . 76, nicht bloß überflüssig, nichtssagend und dem Forscher wertlos, sondern sie verwirreii den Leser derart, daß man den literarischen Wert^ dieser Publikation verkennen must. Auch manche Noten (S. 17 Anm 4-4-. S. 41 Anm. 2, S. 53 Amn. 3, S. 64 Anim 16,) sind so unfachmännisch zitiert, das; es im einzelnen die Stelle uachzufchlagen unmöglich ist und mau zweifeln muß, ob der Autor überhaupt diese von ihn» genannten Bücher vor sich hatte (?!), Apfelbaum ist für Moscato so sehr eingenommen und befangen, daß diese Arbeit an Einseitigkeit gewinnt und deshalb an historischem Wert verliert. Dazn kommt noch, daß der Verfasser jeden nicht hierher gehörenden Gegenstand so sehr detailliert (S. 20--25, 29), daß dadurch ein Konglomerat entsteht. Seite 48 versucht Apfelbaum, seinen Helden des Plagiats reinzuwafchen, dessen Moscato von Carmoli (Annalen 1839 S. 101) und von L. (ibick. 1840, S. 25) beschuldigt wird. Es. iväre verdienstlich gewesen, weuii es Apfelbaum geglückt wäre, sich historische Gewißheit über diesen Gegenstand zu verschaffen. Jiidem aber weder C-armoli, noch Apfelbaum dies gelungen, muß diese Frage eine offene bleiben. Auch als Dichter schildert Apfelbaum MoScato (S. 53) gleichzeitig einige ihm von Berliner zugekommene Gedichte über die