Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1902-11-07 · 45 (7.11.1902) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
45 (7.11.1902)
Date
1902-11-07
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2432763-2432917-2432962--1702-2435488
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

7 entity mentions

Nr. 45 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 7. November 1902 Seite 5 Zeit ist, dast wir uns einigen. Ich will hier vor allem die Herren Knltusvorsteher aller Knltusgemeinden (im Lande auf ihre Pflicht aufmerksam machen, daß sie die Initiative zu einer gemeinsamen Aktion betreffs der Aktivierung einer israelitischen Landeskammer ,jtt ergreifen haben. Der Ausspruch, das; ein jeder Stand, ein jedes Volk denjenigen Einfluß auf die Gesetzgebung und die Allgemeinheit ausübt, den es selbst verdient, ist leider bei uns Juden zur Wahrheit geworden. Es ist die höchste Zeit, dag wir uns aufraffen! Es ist eines jeden Kultusvorstehers Ehrenpflicht, mit Rat und Tat die von den 23 Kultusvorstehe »n in Böhmen sich gestellte Aufgabe zu unterstützen I Alle Stände sind bereits organisiert: Großgrundbesitzer, Beamte, Industrielle, Bauern, Handwerker, selbst die Gerichtsdiener und Dinrnisten haben bereits ihre Rechte bei den gesetzgebenden .Körperschaften geltend gemacht — nur die Juden, die am meisten Beschimpften und Beschuldigten, denen sukzessive „alle Rechte im Nahmen der freiheitlichen Gesetzgebung" beschnitten tverden, wollen sich nicht aufraffen, um sich zum gemeinsamen Schutze zu vereinigen. Was nützen uns alle israelitischen Vereine, wenn dieselben zun» gemeinsamen Vorgehen sich nicht einigen können. In Prag allein dürften an 40 jüdische Vereine sein, die einzelnen gewiß viel Gutes leisten — zur gemeinschaftlichen Arbeit, zum gemeinschaftlichen Wirken im Interesse der 00 000 Glaubensgenossen in Böhmen im oben erwähnten Sinne sind selbe bis heute nicht geeignet. Ich wiederhole: die Kultusvorsteher von Böhmen haben die Pflicht, sich dieser Aktion zu widmen; die hohen Herren Glaubensgenossen, welche in Prag residieren, werden einschen, das; auch sie die Pflicht haben, unseren Bemühungen ihre Hilfe angedcihen zu lassen. Nachstehende Kultusgcmcinden haben bis heute ihre aktive Beteiligung all dieser so wichtigen und nötigen Aktion zugesagt: Klattau, Czaslau, Kolin, Priban», Iungbunzlau, Kuttenberg, Rüdnitz, Svetla, Luze, Dürrmaul, Blatna, Neubidschaw, Münchengrätz, Kostelctz a. A., Libochowitz, Pilgram, Neu-Benatek, Michle, Kluczenitz, Falkcnau, Lichtcnstadt, Bilm, Horowitz, Jistebnitz, Schlau, Ouval, Chotebor. Vonmehreren Vereinen und von mehreren Herren Rabbinern sind Zustimmungskrmdgebungen eingelaufen. Diese Herren werden jedenfalls auch Propaganda für unsere Maßnahmen zu machen 'trachten. Einer der ersten Vereine, der unserer Aktion volle Unterstützung zugesagt hat, ist der israelitische Landcslehrerverein in Böhmen. Daß uns diese Unterstützungen sehr freuen und tvir cs den Herren Dank wissen, kann ich bereits heute konstatieren. Der Obmann des israelitischen Landeslehrcrvereines von Böhmen, Herr Sigmund Springer, Lehrer in Prag, schreibt unter anderem: „Mas nun Ihre werte Anregung betrifft, so stehen wir, die Lehrerschaft Böhmens, Ihrer eingeleiteten Aktion sympathisch gegenüber. Eine Organisation des Jildeutums, so wie Sie, hochgehrter Herr .Kultusvorsteher, Sie propagieren, ist unter den gegebenen Verhältnissen unbedingt notwendig. Die Lehrerschaft Böhmens, die seit Jahren ein Zentralorgan der gesamten Judenheit anstrcbt und von dem alle knltuellen und kulturellen Anregungen und Aktionen ausgehen sollen, muß eine solche Organisation nur mit Freuden begrüßen und dieselbe fördern helfen, weil nur hierdurch Ordnung in die verworrenen Verhältnisse gebracht werden kann. Wir wollen daher Ihre eingeleitete Propaganda dadurch fördern, indem wir mit Wort und Tat in unseren Versammlungen und in unserem Äereinsorgan für diese angeregte Idee eintreten wollen und bringen schon unsere am 1. Oktober erschienenen „Mitteilungen" einen diesbzüglichen Artikel und Aufruf an die Mitglieder des Landeslehrervercines, sie mögen Ihre eingeleitete Aktion in ihren Gemeinden kräftigst unterstützen Und die Herren Kültusvörstände veranlassen, sich zu der geplanten Versammlung anzumelden und der Propaganda sich anzuschließen. Wir erhoffen davon recht guten Erfolg." Der Beratungstag, zu welchem wir hiermit alle Kultusvorsteher in Böhmen laden, wird auch durch Tagesblätter bekannt gegeben werden. Wer eine vorherige Verständigung wünschen sollte, wolle sich an einen der oberwähnten Kul'tusgemeindevorsteher oder an den Proponenten Herrn Julius Bondy in Horowitz wenden. * Wählerversaminlung. Mittwoch beni 12. b. M. findet im Festsaale des „Indischen Volksvereins", 2. Vez., Leopoldsgasse 4, eine große Klllitil.s)vählerversammllmg statt. Referenten: GoiWeb H cnita n n nnd Dr. Jakob K o h n. Ausland Antisemitismus in der Sozialdemokratie. Der Berliner „Vorwärts" leistet sich angesichts der gerechten Entrüstnng, die die Berliner Tagespresse über die antiseniitischen Radauantisemiten äußert folgenden antisemitischen Erguß: „Merkwürdig, wie der mit gutem "Grund als semitisch oder philosemitisch bezeichneten Presse sofort das bißchen Verstand durchgeht, wenn von ihr die Interessen des Judentums in vermeintlicher Gefahr befunden worden sind.. Man kann ihrethalben alle möglichen höchsten Güter, das dreimal heilige Heiligtum etwa ausgenommen, mit Spott angreifen — sie bleibt pomadig und rührt sich kaum. Sotvie aber das Stammesgefühl beleidigt wird, schreit diese Presse in Wut oder toller Angst Zeter und Mordio. So wird denn auch das gegen Dr. Brichn und Dr. Bötticher gefällte Urteil fanatisch bejubelt. Wie das Parlament so ist auch die bürgerliche Presse in keinem Kulturlande der Welt so zahm als in Deutschland. Nicht nur aus Furcht vor dem Strafrichter, sondern aus angeborener Knechtseligkeit. Trotzdem aber in England, in Frankreich, in Amerika die Tagesblätter gegen Behörden und politische Gegner viel gröberes Geschütz anfführen, als es bei uns üblich ist, sind dort Preßprozesse von der Art, wie sie in Deutschland zu den. Alltäglichkeiten gehören, ein Ding der Unmöglichkeit. Zeitungsmcnschen auf Monate ins Gefängnis bringen,, wie dies mit Sozialdeniokraten alltäglich, mit Anhängern bürgerliclier Parteien allerdings minder häufig geschieht, das kennt inan, wenn man vom Osten Europas absieht, mir noch in Deutschland. Sollte unter solchen Umständen, bei deren Erörterung jeden BaterlandSfreund ein Gefühl peinlicher Betretenheit beschleicht, nicht gerade der liberalen Presse der Gedanke kommen rnüssen, daß cs ihre Aufgabe ist, ein derartiges Schalten und Walten der Justiz auch in Deutschland durch ihr Wirken zu beseitige»»? Ein natürliches Solidaritätsgefühl, so sollte man meinen, müßte die politischen Schriftsteller aller Parteien zum Protest dagegen bewegen, daß einer ihresgleichen ivegen einer Handlung, die sein Ansehen doch nicht im mindesten antastet, überhaupt ins Gefängnis geworfen werden kann. Wer sich für einen Hund gibt, tvird darnach behandelt, und es ist nicht zürn tvenigsten Schuld der Presse vorn Schlage des „Berliner Tageblatt", daß in Preußen-Deutschland mit Redakteuren in einer Weise umgesprungen ivird, die in anderen Kulturländern einfach unfafchar ist." Breölau. Der „Breslauer Ztg." tvird aus Czenstochau über die dortigen Krawalle noch folgendes gemeldet: „Die mißhandelten und ausgeplünderten Juden haben die ihnen vom Generalgouverneur ans den Kollekte ngeldern. der dort im Bau begriffe neu katholischen Kirche angebotene Entschädigung abgelehnt, da sie aus diesem Fonds flöh nicht bezahlt mache»» tvollon. Der Czenstochauer Rabbi»»er verhängte über den Bierbrauer Schweder. der beschuldigt wird, den Pöbel zu den Ausschreitungen mit angestiftet zu haben, den Boykott. Darauf hat sich der Bierbrm,er bereit erklärt, 2ÖÖ000 Rubel zur teilweifen Schadloshaltung der Geschädigten hcrzugeben; der Rabbiner hat aber den Boykott nicht zurückgezogen. Auf Anweisung des noch ilnmer in Czenstochau weilenden Gouverneurs aus Prctikau müssen die geschädigten jüdischen Kauflente bnchniäßig Nachweisen, welchen Schaden sie erlitten haben. Die tvcge»» Anstiftung verhafteten katholischen Geistliche»» ftttb bis auf zwei bereits ans der Haft entlassen. Ein Telegraphenbcaintcr, der bei Beginn des Aufruhrs die "seitens der Bedrohten nach auswärts aufgcgcbenen Depeschen nicht sogleich weiter beförderte, wurde verhaftet. Sechs Waggons Verhaftete sind in einen» Eiseubahnzuge in die Zitadelle nach Warschau geschafft ivorden. 1.55 Geschäfte sind total ruiniert. Der bis jetzt ernrittelte Schaden beläuft sich auf 2 Millionen Rubel." Nationalliberal. Wie weit es mit der Partei, die die „Lellte von Bildung und Besitz" zu den Ihrigen zählen will, gekommen. ist, charakterisiert überaus drastisch die Mitteilung der antisemitischen „Deutschen Wacht", „daß die nationalliberale Partei im Königreich Sachsen durch ihren Vorsitzenden Dr. Gensel in Leipzig mit dem antisemitischen Chefredakteur Zimmermann, den: Vorsitzenden der antisemitischen Partei, schriftliche Verhandlungen angeknüpft hat, die bezwecken, zwischen den beiderseitigen Parteien ein ilebereinkonunen über die Verteilung dersächsischen Rctchstagswahlkreise für den nächsten Wahlkampf zu treffen. Die Antisemiten hätten dem aber noch nicht zugestimmt, weil sie nicht den verfahrenen Karren der Nationalliberalen aus den», Sumpf herausziehen wollten." Daß eine Partei, die liberal sein will, auch nur den leisesten Versuch machen kann, mit den geschworenen Gegnern liberaler Grundsätze im Staatsleben einen Pakt zu schließen, bleibt mehr als ein Rätsel. Allerdings ist es ja wahr, der Nationalliberalismus in Deutschland hat all Verleugnung seiner ehemaligen politischen Grundsätze schon so viel getan, daß ihm mehr zu tun fast nicht mehr übrig bleibt. ' Mainz. Eine wichtige Entscheid»mg hat das Ministerium tv c fl c »i eines hier z u errichtenden israelitischen Hospitals gefällt. Das Kuratorium war beim Kreisamt um Konzession für das Hospital eingekommen. Dagegen hatten Häuserbesitzer in der Gonsenhenner Hohl, wo das Hospital erbaut tverden soll Einspruch beim Kreisamt erhoben, der jedoch als unbegründet abgewiesen wurde. Auf den Rekurs der Häuserbesitzer beim Provinzialausschnß erteilte dieser ebenfalls die Konzession. _ Es wurde nun von den Reklamanten die letzte Instanz, das Ministerium in Darmstadt, angernfen und dieses entschied dahin, daß beide Urteile der Vorinstanz anfzuheben seien, weil es zur Errichtung eines Hospitalcs, das der Wohltätigkeit diene, gar keiner Konzession bedürfe. Dieser Wohltätigkcitszweck liege bei der Errichtung des israelitischen Hospitals vor. Nur bei solchen Hospitälern sei eine Konzession notwendig, bei denen es sich, um einen erwerbsmäßigen Betrieb handelte. Wie in Wicir. Die Sitzung vom 22. v. M. der Hamburger Bürgerschaft fand einen tieftraurigen Abschluß. Der Präsiden^ Siegmund Hiurichscn erlitt, während er eine Erklärung zur Ge- 'chäftsordmmg abgab, einen Schlagcmfall, an dem er sofort verstarb. Hinrichsen, ein Vetter des kürzlich verstorbenen ehemaligen Reichstagsabgeordneten M. W. Hinrichsen, Worte nur noch dem Namen nach dem Judentum und der Rasse an, nicht aber der religiösen Gemeinschaft, denn schon vor langer Zeit, als er eine Christin geheiratet, war er, um fortan als Dissident zu leben, aus der Gerneinde geschieden. Bei der Beerdigung sind die Dienste der Neuen Israelitischen Religionsgesellschaft auch nicht in Anspruch genommen worden. Aus aller Welt. Die vom ungarischen Lcmdesgemeindefonds ausgeschriebenen Reisestipendien von je 1000 Kronen wurden dem Philologen Dr. Moses Rubiny», dein Maler Karl Reinhard und dem Bildhauer Joseph Klein verliehen. Das für einen Arzt bestimmte Stipendium konnte mangels an Bewerbern nicht verliehen werden. — Zu den Czen sto chauer Krawallen wird noch gemeldet, es sei jetzt genau festgestellt, daß über 00. Personen vom Militär erschossen nnd gegen 160 Personen verwundet wurden. Diejenigen Erschossenen, ivelche Angehörige in Czenstochau hatten, sind von ihnen vom Platze fortgeschafft nnd in aller Stille beerdigt worden. — Mr. Natalon, der Direktor der Alliance Jsraelite-Schule in Saloniki, wurde vom Sultan mit einem hohen Orden ausgezeichnet. — Mayer Gnggenheim in N e w - R o r k hat seiner Schenkung von 60 000 Dollar für das jüdische Hospital in Logan, einer Vorstadt Philadelphias, weitere 20 000 Dollar hinzugefügt. Der von Herrn Gnggenheim gestiftete Fonds soll zum Ban eines Gebar» - sed für Privatpatienten benützt werden. Präsident Hackenberg von der jüdischen Hospital-Assoziation ist von Herrn Guggenhenn betreffs der zusätzlichen Schenkung in Ken»»tnis gesetzt worden. Berlin. Wer die drei Bnrengenerale in Berlin, flankiert von Herrn Stöcker ans der einen und von Herrn Lieberrnann von Sonnenberg auf der anderen Seite, überall auftrete»» sah, der mußte wohl glauben, sic seien stramme Antisemiten. Indessen scheint dies doch nicht durchweg der Fall zu sein, wie das interessante Interview beweist, welches der „Iewish Chronicle" in seinerletzten Ninnnier mitteilt. Einer der bekanntesten Burenführer, der General Ben Viljoen, bestätigt dort frühere Berichte über die beträchtliche Anzahl von Juden, welche in den Reihen der Buren mitkämpften. „Natürlich," fuhr er fort, „verringerte sich ihre Zahl ivährend des Krieges. Einige tvurde»» getötet oder verwundet, andere wurden trank. Aber drei oder vier blieben nntcr meinern Kommando bis zu Ende des Krieges. Der eine von ihnen war ein Russe, namc»»s Kaplan- Die Namen der anderen sind mir ans dem Gedächtnis; aber einen von ihnen, erinnere ich »nich, pflegten wir kurz Jakob zu rufen." „Welchem Berufe gehörten die dort mitkämpfenden Juden an?" fragte ich. „Ohl Ich verimite, es waren Geschäftsleute." „Wie denken Sic eigentlich über die Transvaaljnden?" „Ich habe nichts gegen sie. Im Gegenteil, einige von ihnen sind sogar meine Freunde. In» Grunde genonnncn sind sie genau wie jedes andere Volt. Es gibt gute und schlechte unter ihnen, genau so, wie es gute nnd schlechte Buren gibt." „Man nimmt an, daß sich ihre Lage jetzt unter britischer Oberhoheit verbessern dürfte?" „Ich glaube, daß sie es früher besser hatten, als es jetzt der Fall sein tvird. Ich möchte nicht sagen, inwiefern." Dem General war es offenbar peinlich, über die heikle Situation zu sprechen. Indes fügte er hinzu: „Sie hatten volle Freiheit in ihre»» Geschäften." „Sie wissen wohl," fuhr er fort, „daß eine große Auswanderung von hier nach dem 'Kapland stattgefnnden hat. an der sich vielleicht mehr Inden als Christen beteiligt haben." „Jawohl, und ich halte es nicht für sehr ratsam. Ich fürchte vielmehr, daß sich die Verhältnisse für die Neuankömmlinge während der nächsten Jahre ziemlich mißlich gestalten iverden. Die Preise sind hoch, und viele Leute sind dort schon arbeitslos." Der Meinung des Burengenerals ist schon wiederholt bnvet» Briefe und Telegramme in der Tagespresse Allsdrnck verliehen ivorden und es tväre recht gut, wem» ein großer Teil dies beherzige,» »vollte. Eine Schiffsagentur in East-End hat wenigstens ein sehr gutes Geschäft gemacht durch die Beförderiing jüdischer Ernigranten nach Südafrika — Leute, welche nur die Aufhebung des Erlaubnisscheins, nach „Süden" zu gehen, abgewartet habe»». Eine große Schilhwm-enfabrik hat mir weiter »nitgoteilt, daß die Ailswandernng solche Dimensionen angenommen hat, daß dadurch ein großer Mangel an Arbeitskräften eingetreten »st; so liefern z. B. Meister, die es früher mif hundert Paar Schuhe brachten, jetzt nur noch zwa»»zig. Sollte dies der Fall sein, so ist es dringend geboten, daß der Warnungsruf Ben Viljoens n. a. die weitknöglichste Verbreitung finde. Cholera in> Palästina. Cin schlimmer Gast hat sich in Palästina eingestellt nnd verbreitet seine Schrecken: die Cholera, welche ans Egypten, wo sie seit Mormten wütet nnd gegenwärtig bereits int Rückgänge ist, trotz umfassender Quarantäne-Maßregeln eingeschleppt wurde. Die bisher vorliegenden telegraphischen Mitteilungen besagen nur, daß Gaza und Lud nebst Umgebung, also der südwestliche Teil des Landes, infiziert sind, wo die Seuche sehr heftig au ft ritt. Der Betrieb auf der Eisenbahn Jafsa- Jerusalem ist vollständig eingestellt; beide Orte sind mit einein TruPpen-'Kordon umgeben! worden; die Schiffe der russischen und französischen Dampfergesellsehaften laufen in Jaffa nicht mehr an und über die ganze Küste von Gaza bis Beirut ist Quarantäne verhängt. Hoffentlich handelt es sich bei allen diesen Anordnungen nur um Varsichtsmaßnahmen und erweist sich die Befürchtung, daß die Cholera b'ereits ans das nur zwei Wegstnniden von Lud entfernte Jaffa übergegriffen hat, als unbegründet!. Indessen liegl die Gefahr, daß die weitere Ausbreitung der Seuche sich nicht wird verhüten lassen, so bedrohlich nahe, daß damit gerechnet werden muß. In weiser Umsicht hat die „Iewish Colonization Association" beim ersten Zluftreten der Cholera in Egypten große Mengen von DesinfektionsmiUeln und Medikamenten nach dem Heiligen Lande gesandt und ihren. Aerzten entsprechende Verhaltungsmaßregeln zugehen lassen. Dieses Vorgehen sollte bei allen Vereiinen, welche palästinensischen Hilfszwecken dienen, Nachahmung finden und auch die private Wohltätigkeit zu nachdrücklicher unmittelbarer Unterstützung anspornen. Welch schwere Kalamität die Durchseuchung Palästinas, namentlich der übervölkerten Judenquartieve Jerusalems, Hebrons, Saffeds und Tiberias' mit ihren unter den deickbar ungünstigsten hygienischen Verhältnissen lebenden Insassen im Gefolge haben muß, braucht nicht erst dargelegt zu werden und ist aus früheren gleichen Heimsuchungen in trauriger Erinnerung. Aber selbst wenn diese Gefahr unter Gottes Beistand abgewehrt bleibt, mich die Sperrung der Häfen und Straßen, das Darniederliegen von Handel und Verkehr eine Verteuerung der Nahrungsmittel zeitigen, welche den ärmeren Bevölkerrmgsschichten die Lebensführurrg noch niehr erschwert. Ausweisungen. Aus Posen wird gemeldet: Herr Rechtsanwalt Placzek schreibt der „Pos. Ztg.": Ihre geschätzte Zeitung nimmt, wie eine Anzahl Berliner Zeitungen, sich mit Wärme des Musikschriftstellers Bernstein in Berlin an, welcher „als lästiger Ausländer" ausgewiesen ist. Leider können wir zur Zeit wieder in unserer Stadt zahlreiche Ausweisungen verzeichnen, welche sich gegen ganz unbescholtene junge Leute aus Oesterreich, England, und Polen richten, nur allein, weil sie jüdischen Glaubens sind. Ich habe im Anfang des vorigen Jahres, als die Ausweisungen insbesondere jüdische Familien betrafen, in der „Posener. Zeitung" das lebhafteste Bedauern darüber ausgesprochen, daß in dieser Weise hier von der Staatsregierung vorgegangen worden ist und ist es ja damals gelungen, von einigen wenigen Familien das bittere Elend, welches die Ausweisungen für sie zur Folge gehabt hätte, abzuwenden, indem ihnen die Genehmigung zum Aufenthalte hier erteilt worden »st. Jetzt wird aber wieder mit größter Strenge gegen harmlose jilnge Leute mit Ausweisungen vorgegangen, obwohl sie sich nicht die geringste, sei es sittliche, sei es politische Verfehlung haben zu Schulden kommen lassen. Ein junger Mann z. B. ist in seinem 10. Lebensjahre aus England zu Verwandten in der Provinz gekommen, hat die Volksschule bis zum 14. Lebensjahre besucht, ist dann in. die Lehre getreten und in einem kaufmännischen Geschäft tätig gewesen, bis er sich zur Ableistung des Militärdienstes »neidete. Erst bei dieser Gelegenheit tvurde festgestellt, daß er Engländer sei und deshalb seiner Wehrpflicht nicht genügen könne; er »imdann weiter mehrere Jahre hier in Posen bei gutem Gehalt als Reisender tätig, bis er jetzt vor einigen Wochen die Aufforderurig erhielt, Posen innerhalb 3 Monaten zu verlassen. Vergeblich tvurde darauf hingetvieseu, daß der junge Mann, der sich tadellos geführt hat, doch fast sein ganzes Leben in Deutschland zugebracht hat;''die Ausweisung wurde aufrecht erhalten. Fälle, in denen Kinder von 14 und 16 Jahren, welche in kaufmännischen Geschäften als Lehrlinge eingetreten waren, ansgcwiesen ivnrden, weil sie jüdische Ausländer seien, können mehrfach genannt iverden. Ein junger Mann, der als Reisender einer großen Konfektionsfirma seit Jahre»» tätig und für den Chef eine wertvolle Hilfe gewesen ist, tvurde ausgetriesen, trotzdcin der Chef selbst in seinem eigensten Interesse emdringlich nm Anfhebung des Answeisungsbefehles gebeten hat. Man tvurde es kauin für möglich gehalten haben, daß bei nns in Preußen harmlose junge Mädchen ihrer Konfession wegen zum Wanderstab greifen »nüssen, weil sie Ausländer sind, und dies alles, während von leite»»de»» Stellen nnrner wieder hervorgehoben tvird, daß wir im Zeichen des Verkehrs leben und daß unser Handel mit dem A»»slaude gefördert werden müßte. Welche traurige Aussicht für unsere jilngenLeute eröffnet sich, wenn die anderenStaaten u»»d insbesondere England Retorsion üben würde und nicht nur jüdische Deutsche, sondern Deutsche überhaupt auswiesen als „lästige Ausländer". Gewiß, jeder Staat »miß das Recht haben, Ausländer, die sich lästig gemacht haben, auszuweisen, aber ist die Zugehörigkeit zum Judentum schon Grund genug, um als „lästig" bezeichnet zu werden? Dies mag die Auffassung der „Staatsbürger-Zeitring" und des Grafen Pückler sein; daß dies auch bei unseren Staatsbehörden und der Polizei in Posen der Fall ist, hätte man nach all den vergeblichen Bemühungen die konfessionelle Trennung in hiesiger Stadt zu niildern, »»icht erwarten können." — Ein Posener polnisches Blatt stellt Betrachtungen darüber a»», mit welchem Rechte den Juden öffentliche Schulräume zu Uuterrichtszweckeu überlassen werde»», tvährend sie der» ^Zolen verweigert werden. Das betr. Blatt vergißt, daß es sich bei den ersteren m»r urn den Religionsunterricht, tvährend cs sich bei ihren Gesirimmgsgenossen um die Erteilung des polnischen Sprachunterrichtes handelt. Si duo facinnt ... — Jüngst erhielt Geh. Komrnerzienrat und Stadtrat Herz in Posen und Frau Eva Levy-Jnowrazlaw die Rote Kreuzmednille dritter Klasse. (Auch eine Anzahl nichtjüdischer Geistlicher der Provinz erhielten Auszeichnungen; von jüdischen Geistliche,» bat »nan dergleichen in Preußen m. We noch nie etwas erfahren!! (Dafür, daß die Juden in Posen sich für verpflichtet halten, in Deutschtum zu machen, werden sie sowohl von den Deutschen als von den Polen boykottiert. Wir habe»» diese Entwicklung schon vor Monaten vornusgesagt. Amn. d. Red.) DgS „unschuldige" Rumänien. Aus London wird berichtet: Der hiesige rumänische Gesandte läßt den Journalen »nitteilen, daß alle Meldungen über angebliche Judenverfolgungen ganz irtig seien. Die F.rerndengesetze feien keineswegs gegen die Juden gerichtet, die bloß ivegen der landwirtschaftlichen Notlage zur Austvanderung veranlaßt tverden. Wienn die fremden Regierungen über die Sachlage richtig informiert worden wären, so würben sie erkannt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.