Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 45 (7.11.1902)
- Date
- 1902-11-07
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Voiksblatt 7. November 1902 Nr. 45 Ä-ibuHR cittc Reihe tum Gesetzentwürfen, durch ivelche die Atts tutd Eintvaitdernng, das Paszwcsen tmd die Grenzpolizei geregelt tverden. Der Gesetzentwurf über die Grenzpolizei noriniert die Aufgaben derselben in allen Einzelheiten und verfügt die Vernteh rumt ihres Personals und die Erweiterung ihres WirkititgSkretsc In dem Mottdettbecichte ivird darattf hittgcwiesctt, das; die derzeit bestehende Ordnung bei der Etttwicklnttg der .Kotntnttnikationstnittcl nicht mehr ausreiche, dies gelte namentlich für die östliche Grenze Ivo die Erweiterung der Polizeiorganisation ein breitneitdes Be dnrfnis sei. weil dort noch der Paßzwang besteht. Die Polizei wird attch attgewiesen werden, dem Mädehenhandel ihr Angeinnerk zuzuwenden. Exposituren der Staatspolizei werden errichtet in Pancsova, Orsova, Predcal, Szolna, Mnnkacs, Csacsa, Kiralyhida, Csakaturn, Fiume, Penk, Neu-.Gradiska, Brod, Semlin. Eine Vermehrung ist für spätere Zeit in Aussicht genommen. Ein zweiter Gesetzentwurfs verfügt die Errichtung ttettee Gendarmeriebezirke in Herntannstadt, Debreezin und Steinamattger. Die Kosten dafür sind in das Budget eingestellt. Durch die Vorlage über die Austvanderung soll die Auswanderung nicht vollständig verhindert, son der» ein Konnex zwischen den Ausgeivnnderten und dem Heimat lande hergestellt werden. Es ist die Schaffung eines eigetten Fondi in Aussicht genommen, um notleidende Auswanderer mit Staatshilfe zu befördern. Eilte aridere Vorlage regelt die Niederlassung van Fremden in Ungarn. In bett letzten Jahren sind viele tausend Russen und Rumänen, zumeist jüdischer Konfession, nach Ungarn eutgewandert und haben das Proletariat tmgeheuer vermehrt. Der Gesetzentwurf bestimmt nun, das; jeder, der sich in Ungarn nieder lassen will, diese Absicht binnen 1b Taget: nach seiner Ankunft bei der Polizei anyumelden und seine persönliche Identität, seine Staats bürgerschaft und die Fähigkeit, sich und seine Fauiilie zu erhalten, uachzuweisen hat. Personen, welche diesen Nachweis nicht zu führen vermögen, oder deren Aufenthalt auf dem Gebiete des ungarischen Staates aus Gründen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung bedenklich erscheint, können von der Polizei aus dem gesmnten Staatsgebiete oder einzelnen Gebietsteilen ausgewiesen werden. In dem Motivenberichte wird darauf hingewiesen» daß die Cinwande rung vermögensloser Individuen derart zugenommen hat, daß sie für die Volkswirtschaft und die öffentliche Sicherheit des Landes gefährlich wurden. Wochenprogramm der Jüdischen Toynbee-Halle (20. Bez., Karajangasse 20). Sonntag den l>. November: Dr. Heinz Cohn: „lieber modernes Völkerrecht." Montag den 10. November: Hein rich Diamant: „Selbstprüfung". Dienstag den 11. November: Diskussion über „Frauenberufe". Mittwoch den 12. November- Gustav Sicher: „Geschichte des jüdischen Volkes im Altertum" Donnerstag den 13. November: Prof. Dr. Leon Kellner: „Israel Zangwill" (3. Dichterabend). Freitag den 1-1. November: Bibel, Erklärung der Sidra- Samstag den 15. November: Konzert. — Anmeldungen zu Vorträgen beliebe man zu richten an Dr. I. Sadger, 0. Bez., Liechtensteinstraße 15. In Ungarisch-Brod hat Rabbiner Dr. M. Jung abermals ein jüdisches Pribat-Gymnasium mit einer kleinen Anzahl von Knaben begründet, die in Kremsier die Aufnahmsprüfung ablegten, unter Leitung einer geeigneten Lehrkraft stehen und täglich einen gediegenen hebräischen Unterricht erhalten. Die vor neun Jahren ins Leben gerufene Anstalt mit gleicher Tendenz hatte er bereits nach zweijährigem Bestände aus materiellen Gründen eingehen lassen müssen. Mädchen- und Franen-Verein „Bikur Chaulim". Am jüngsten Sonntag den 2. November fand im Schulzimmer der Kultusgemeinde Wien, 1. Bez. Seitenstettengasse, der erste Vortragsnachmittag statt. Als Referent hatte die Vereinsleittmg Herrrt Dr. Isidor Sadger gewonnen, welcher über das Thema „Hygiene des Nervensystems" sprach. Obgleich der Vortrag noch nicht öffentlich bekannt gemacht war. hatte sich doch ein zahlreiches Publikum eingefunden, um den Worten des verehrten Redners zu lauschen. In seiner Einleitung betonte Dr. Sadger die verschiedenen Arten der Nervosität, wie Neurasthenie, Hysterie re, welche als Folge geistiger Ueberanstrengung bezeichnet werden und ja leider bei tins Jttden am meisten verberitet sind. Wie der bekannte Arzt und Menschenfreund Vincenz Prießnitz schon vor 80 Jahren seinen Patienten Luft, Licht und Wasser als die drei besten Heilmittel verordnet, so kenne mich, führte Redner aus, die moderne Wissenschaft noch keine verläßlichen Mittel, um der Krankheit vorzubeugeu und abzuhelfen. Zum Beine ise dessen verwies der Redner mtf die palästinensischen Kolonisten, die, zumeist aus Rußland und Rumänien stammend, sich aus schwächlichen Individuen zu wetterfesten Menschen entwickelt haben, es sei dies lediglich dem Lande zuzuschreiben, wo Licht und Luft nicht nur die geistigen, sondern auch die physischen Fähigkeiten zur ReifeEbringen. Anhaltender Beifall belohnte den Redner für seinen gelungenen Vortrag. Mit herzlichen Werten des Dankes an den Vortragenden und an die Gäste schloß die Präsidentin den Nachmittag. _— Der Vorstand des Vereins besteht aus folgenden Damen: Gisela Kohn. Präsidentin, Frl. Hannia Korall, Vizepräsidenrin, Frau Erna Bienenfeld, Frl. Leo Bondi, Schriftführerinnen, Frl. Paula Schellinger, Frau Frieda Wittmann, Kassierinneu, Frl. Mim: Berliner, Frl. Helene Goldbanm, Frl. Helene Halberthal, Frl. Regitte Kauftheil, Frl. Malwitte Korall ttttd Frl. Therese Koritmehl ohne Funktionen. M. B. Prag, Wie alljährlich, veranstaltet auch Heuer der jüdische Gesang- und Musikberein in Prag einen Konzertabend mit anschließendem Tanz. Die diesjährige (3.) Gründungsfeier findet anr 6. Dezember im großen Saale des Hotel Central statt. In Vorbereitung sind außer gediegenen Werken von Schubert und Schumann auch Werke speziell jüdischen Charakters, und zwar das Oratorium „Zion" von Gade und die „Hebräischen Gesänge" von Bchrch. Die Orchestralbegleitung dieser beiden Werke besorgt die Musik des k. u. k. Infanterie-Regimentes Nr. 88 unter persönlicher Leitung des Herrn Kapellmeisters. Die Leitung der Proben, die bereits in vollem Gange sind, liegt in den Händen des bewährten Chormeisters des Vereines Herr,: Richard Taussig, Mitgliedes des kgl. deutschen Latidestheaters. Reklamationen sind an die Herren Moritz Lölvy, Zeltnergasse 17 und I. U. C. Alfred Weigl, Wenzelsplatz 0, zu richten. Verband israelitischer Handwerker Böhmens. In der Sitzung von: 8. Oktober hätten ivir ein kleines Jubiläum feiern können, ittdem sich das 50. ordentliche und das 10. veitragende Mitglied angetneldet haben. Bei dieser Gelegenheit sei es nochmals erwähnt, daß nur bei eitier großett Anzahl gleichgesinnter Kräfte etwas Großes vollbracht tverden kamt, sowie ein schönes Musikstück, welches aus den verschiedcnstett Instrumenten tönt, nur daun harmonisch erklingen tanu. wenn cs mit gutem Verständnis und unter guter Leitung von kundiger Hand geleitet »vird, ebenso handelt es sich hier darum, das; alle Mitglieder von demselben Geiste beseelt sind, um den Willen des Leiters dnrchzuführen. Immerhin fehlt dem Verbaitde noch das Gros der jüdischen Handwerker und Handwerkertnnen und namentlich solche, welche von der jüdischen Kundschaft abhängig sind tmd das sind dic^ Fleischhauer und Selcher. Diese sollten doch j jit einer derartigen Organisation nicht fehlen tutd sollten trachten, ‘ Sitz und Stimme zu erhalten, tim die gerechten Beschwerden vorzubringen »mb um Aktionen einleitcn zu köntten, voit denen man Abhilfe erwarten kann. In zweiter Liuic sind es die weiblichen Berussgenossinnen. dic alles anfbicten sollten, an dem gcmeittsamen Werke mitzuhelfen. um sich uttd andere Hilfsbedürftige auf eine bessere Stufe zu brittgeu. Wie oft siehi man unsere reichen Glanbensgenossinnen, wie sie dem jüdischen GewerbSmcmn oder der Mpdusti,: alts dem Wiege gehen und das schwer erworbene Geld ihres Gatten, der es vielleicht nur von der jüdischen .Ikundschaft hat, zu einem Arier tragen. Darum schasset Abhilfe I Nur, ivenu wir mts gegenseitig die Hand reichen und stark werden^nnd zttsamnren haltet: ii: Not m:d .. ' ' r '. heranwaget:, im hält, ivird von d ..... anderen heißt eS: mit dem Strome schwimmen, tun nicht fortgerissen zu werden. Hoffeicklich gelingt cs uns bald, an den kleinen Einern große Nullet: zu machen, um unsere Mitgliederzahl zu vergrößern und könntcit nan:entlich nilsere Kttltnsgemeindevorstände viel dazu beitraget:, die Handwerke:' in ihren Gemeindet: aufztifordern, diesem gemeiilsamcn Werke beizusteuert: und ihn moralisch und physisch zu unterstützen. „Ungarn und Inden." Zn Rovnye im Komitate Tremsen befindet sich ein von schonen: Parke umgebener Herret:sitz. Dieser gehörte seinerzeit dem freiherrlichen Geschlechte derer v. Skrbensky und war anno dazumal teils Ivegen seiner zwerghaften Stechpalmen teils ivegen der über dem Gittertore des Parkes angebrachten Auf schrift berühmt. Erstere bildetet: eine Laube von Spießruten, in welcher, tüemaud uilgestraft ivandelt: durfte, letztere lautete folgen dermaßen: „Hunden und Juden ist der Eintritt verboten." Seitdem hat sich manches geändert. Es sind viele Freiherren auf den Hund gekommet: und mehrere Juden haben es selbst ohne die Eintritts berechtigung in den Rovnyer Park zu etwas gebracht. Der eine und der andere wurden Millionär, ein dritter Kriegsminister (aller dings bloß im katholischen Italien), ein vierter Lordmayor der Stadt London usw. — keinesfalls aber erinnert: wir uns auch nur eines einzigen Israeliten, der daran gestorben wäre, daß es ihm nicht gegönnt war, den Rovnyer Schloßpark zu betreten. Das Rad der Weltgeschichte rollt pflichtgemäß weiter. Was ist ihm Hekuba, was kümmert es sich um Rovnye, was um die dortige Gittertor-Aufschrift? Ilnd was läßt es sich in seinem Weiterrollen durch einen anderen winzigen Fleck des Erdballs hemmen, durch ein Aufsatz-Bröselchen am Haupte der zivilisierten Menschheit, oder sagen wir. um ein verschwindend kleines Unschönheits-Pflaster am reinen Körper menschlicher: Fortschrittes? . . . Wem: eine mikroskopische Eintagsmücke auf dem Balkan zufällig Rumänien heißt Ulld auf einmal einen Hustenanfall bekommt: wer hat den Schall pergroßerrtugs-Apparat am Ohr und wer hört solches? . . . Und so mag denn die liberale Regierung im Staate des Königs Carol (To sehr hat sich das Schlagwort des Liberalismus schon lange nicht kompromittiert), so mag sie denn in ihrem Amtsblatte die Statuten eines Spar- und Vorschutzvereines genehmigen, zu welchem jedem Lebeivesen mit Ausnahme von Ungarn und Juden der Mitglied schaftsbeitritt gestattet ist. Weder der Uugarstaat, noch das in mehrtausendjährigen harten Prüfungen erprobte Volk Israels wird von dieser jedenfalls recht witzig erdachten Maßregel besonders Nach teiliges verspüren. Weder die Ungarn, noch die Juden werden Selbstmorde begehen ob der grausamen Ausschließung vom Bukarester Spar- und Vorschutzverein. Aber selbst denjenigen Naturliebhabern, die es nicht ungern hören, wenn an stillen Abenden das keusche Schweigen der Natur vom Quaken eines Frosches unterbrochen wird, muß der königlich rumänische antimagyarisch-antisemitische Witz kläglich Vorkommen. Ein Frosch soll eben guaken. Und wenn er sich, von plötzlichem Größenwahn befallen, aufbläht, auf daß er aussehe wie ein Ochs, so kann man ihm eigentlich m:ch das nicht verübeln. Es ist dies'Ambitionssache. Wenn jedoch etwas schon ein fertiger Ochs ist, wozu bläst sich das auf? Darin gipfelt in diesem Falle die einzige, glücklicherweise recht harmlose Rovnyermnänische Frage. Zu den Gemeinderatswahlen, in Czernowitz. Eine interessante Versammlung der jüdischen Wähler des dritten Wahlkörpers fand Sonntag den 2. ds. um 6 Uhr abends in einem Saale der isr.-deutschen Volksschule unter Vorsitz des Dr. Straucher statt. Zu dieser Versammlung war auch der ausscheidende Gemeinderat Badebesitzer Adolf Wallstein ersch:enen, zur nicht geringen Ueberraschung aller derjenigen, die die. Stellung des'Adolf Wallstein zur offiziellen Partei, dem „Jüdischen Volksverein", und zu deren Führern kennen. Herr Wallstein ergriff denn auch das Wort und versicherte, daß er im Gemeinderate stets für jüdische Interessen mit allen Gesitmnngsgenossen des Dr. Straucher, dessen überragendes Talent er anerkenne, gegangen sei. Sein Judentum sei über jeden Zweifel erhaben (Meint erl D. Red.), weshalb er auch diesmal um die Unterstiitznng seiner Wähl in den Gemeinderat bitte. Nach ihm ergriff Dr. Mayer-Ebner das Wort: Es sei kein besonderes Verdienst, wenn ein jüdischer Gemeinderat für jüdische Interessen eintrete, das sei selbstverständlich. Herr Wallstein könne sich deshalb auf dieses Verdienst auch nicht berufen, umso weniger, als es auch im Gemeinderate freisinnige Christen gibt, die den gerechten Interessen der Judenheit Rechnung tragen. Wenn die Inden ans ihrer Mitte Vertreter entsenden, so müssen sie auf solche Männer Gewicht legen, deren politische Vergangenheit die zuverlässigste Gewähr dafür bietet, daß sie es mit ihrem Judentum auch ehrlich und aufrichtig meinen. Wallstein biete nicht diese Gewähr. Er war ja derjenige, welcher die von anderer Seite versuchte Spaltung der Judenheit in Czernowitz durch die Gründung des deutsch-politischen Vereines eifrig gefördert hat, er war der Wortführer in diesen Konventikeln. (Und hetite, Wern: es sich um ein Gemeinderatsinandat hatidelt, läßt er nun den deutsch-politischen Verein ebenso im Stich, wie er das Judentum gelassen hat. Und das nennt der Mann eine Gesinnung habenI D. Red.) Umsomehr muß es Redner wnndernehmen, daß Herr Wallstein, der noch vor Jahresfrist so heftig gegen den Jüdischen Volksverein und dessen Führer ausgetreten ist, heute ii: einer Versammlung erscheine, deren Gesinnung der (einigen diametral entgegengesetzt sei. Mit einem kräftigen Appell an die Versammlung, die Kandidatur des Adolf Wallstein entschiedenst zurückznweiscn, schloß Redner seine mit demonstrativen: Beifalle aufgenommenen Ausführungen. Der nächste Redner, Prof. Dr. Nenmann Wiender, machte gleichfalls Front gegen die zweideutige Haltung des Herrn Adolf Wallstein, dem er es unverblümt sagte, daß er auf zivei Hochzeiten tat:ze. GR. Wallstein sei in die Versammlung der Vierpartei geganget: :tnd nunmehr wolle er von der unter Führung des Dr. Straucher stehenden offiziellen Partei als Kandidat ausgestellt werden. Redner perhorresziert in scharfen Worten die Haltung des Herrn Wallstein, durch die er das Recht verwirkt habe, von den Mitgliedern des Jüdischen Volksvereines tmd den Gesinnungsgenossen des Dr. Straucher in bett Gemeinderat entsendet zu werden. Die folgettden Redner, Herr Lazar Roth und Herr Schwarz, glnttben aus der Rede des Herrn Adolf Wallstein entnommen zu haben, daß er seinen politischen Irrtum eittsehe und als reuiger Sünder in die Versammlung gekommet: sei. Einen solchen reuigen (!) Sünder muß man mit offenen Armen anfneh- >nen. Herr Adolf Wallstein erwiderte ans die Ausführrmgen der Vorredner, daß er guten Glaubens gewesen sei, (daß ihm damals jene tmd diesmal diese Haltung nützen werde. D. Red.), als er de» deutsch-politischei: Verein gründen half, daß er das Beste des Judentums wollte, umsomehr, als die christlich-deutschen Führer ihm die allmähliche Atsslösnng des christlich-de::tschen Vereines in Aussicht stellten. «Es ist möglich, daß er geirrt habe, er werde vielleicht diesen Jrrbim apch bald einsehen." (D. h. kat:didiert man W. „bald", dann sieht er „bald" den Irrtum ein; so>:st wird der „Jüdische Volksverein „bald" einsehen. daß er sich geirrt, wenn er meinte, Wallstein meirte es mit ihm und seinen Interessen aufrichtig. D- Red.) Dr. Ebner replizierte in überaus scharfer Weise. Herr Wallsteitt habe ihm seimrzeit, als er die Redaktion der „Nachrichten" verließ oder verlassen mußte, eingestanden, das; der jüdischdeutsche Assimilationsstandpunkt unrichtig sei, daß die Inden nur ans sich selbst basieren können und sollen. Wenn nun Whllstein den süßet: Lockungen der christlich-deut;chen Führer glaubte, so habe er dadurch fritie politische Unreife erwiesen; er sei schon deswegen nicht fähig, ein Gemeinderatsmandat zu vertreten. Redner habe aber allen Grurw, zu glauben, daß .Herr Wallstein ganz wohl die Unzuverlässigkeit dieser nngeblichett Aussichtet: kannte und dennoch seine Hand zu einer Spaltung des Jndetcknms gereicht habe. Es sei n:erklvnrdig, daß Herr Wnllsteit: :u der Versammlung jetzt erkläre, „es sei möglich, daß er sich geirrt habe, er tverde vielleicht seinen Irrtum bald eilssehen". Redner glaubt, daß dieses^ „bald" jetier Zeitpunkt sein werde, wo Herr Wallsteitt vott der offiziellet: Partei in die Kandidateitliste anfgenomtnctt tverde. Redner verlangt, ivemt es Herr Wallstein mit seiner angeblichen Rette ehrlich^ meint, daß derselbe sowohl hier in der Versammlung, als auch öffentlich in den Zeitungen die Erklärung abgebe, das; er sein bisheriges Verhalten als politischctt Irrtum aufrichtig bedauere, daß er vot: tun: ab mit Sen Führern des Jüdischen Volksvereines, deren Uebcrzeiignng er angeblich teile, gehe. Herr Dr. Benno Straucher erklärte, daß er mit den Ausführungen der Vorredner Dr. Ebner und Dr. Wender eittverstattdcn sei. Es sei richtig, daß Herr Wallstein den grüßtet: Teil der Schuld trage, das; nur ein Versuch gemacht werden komcke» die Judetcheit zu spalten. (Dafür soll er jetzt anständig durch eine Kandidatur noch belohnt werden? D. Red.) Herr Wallstein möge dic Erkläruitg tnchi öffentlich, sondern in der Versammlung abgeben, dies tverde genüget:. (Il) Podwoloczyska. J,t unserem Städtchen hat sich folgeitdes ereignet: Der Czorno-Ostrotver Rabbiner Herr Schaje Leib Frankel, ein Oireis von 74 Jahren, der tvährend der hohen Feiertage beim Großrabbiner in Sadtto-Gora weilte, trat seine Rückreise nach Hause an. Hier Mittwoch am 20. Oktober abends angekommen, erklärte er, er fühle sich sehr müde und ließ sich zum Kaufmann Owadje Gi'msberg führen. Als der Rabbi die Wohnung des Herrn Günsberg betreten wollte, bot sich ein schreckliches Bild dar. Der unglückliche Rabbi nämlich fiel bewußtlos zu Boden. Es tvurdc sofort der Arzt Dr. Datvid berufen, der ihm die erste Hilfe leistete, leider aber blieb alles erfolglos und der greise Rabbi ist am nächsten Tage gestorben. Das Leichenbegängnis fand rmter zahlreicher Beteiligung aller Schichten der hiesigen jüdischen Bevölkenmg statt. Am Sarge sprach der hiesige Rabbiner L. Babat. Wählcrversammlung. Aus Radantz wird gemeldet: Am 12. -Oktober hielt der Reichsratsabgcordnete Prof. Dr. Skedl vor einer zahlreichen Wählerschaft seinen Rechenschaftsbericht.^ Nach Anhörung desselben ergriff im Laufe der daran sich knüpfenden Debatte Gemeinderat Dr. Josef^ Vierer das Wort, indem er folgendes ausführte: Der Herr Abgeordnete habe die Gepflogenheit, im Abgeordnetenhause im Namen der Deutschen in der Bukowina zu sprechen. Dabei scheine er vergessen zu haben, daß die Majorität seiner Wähler aus Juden und Rumänen bestehe. Wohl könne dagegct: nichts eingewendet werdet:, wenn Herr Professor Skedl als Deutscher mtch die Interessen seiner Volksgenossen vertrete — denn Ehre dem Manne, der sein Volk liebt — allein es sei gut, den Herrn Abgeordnete:: zu erinnern, daß er im Interesse des bis jetzt friedlichen Einvernehmens der die Stadt bewohnenden drei Nationalitäten die Interessen derselbenin gleichem Maße fördere, und die Empfindungen derselben beachte. Wenn aber der Herr M>- geotLnete ans dem Gnmde die Berechtigung zu haben glmtbe, im Namen der Deutschen als der Majorität seiner Wähler zu sprechen, weil er die Juden zu den Deutschen zähle, so müsse^ dagegen entschieden Verwahrung eingelegt werden, denn die hiesigen Juden waren Juden, sind es und wollen auch Juden bleiben. Redner halte es für eine heilige Pflicht, einmal in öffentlicher Wählerversammlung klarzustellen, daß bei aller Achtung für das deutsche Volk die Juden keine Deutschen, sondern Söhne des alten - jüdischen Volkes sind. Von diesem Standprtnkte werde der Herr Abgeordnete es auch begreifen, wenn Redner im Namen der jüdischen Mitbürger das Ersuchen in.einex Angelegenheit an iht: richte,, welche nicht nur. unser Herz als Juden berührt, sondern unseren Gesamtstaat und :mser Kronland betreffe: Die rumänische Jndcnfrage. Das Verhalten Rumäniens gegenüber seinen Juden ist nicht nur eine Barbarei sondergleichen, sondern mich eine Verhöhnung des Berliner Vertrages, speziell jenes Punktes, der Gleichberechtigung, nach deren versprochener Erfüllung die Anerkennung der Unabhängighcit Rumäniens seitens der europäischen Mächte erfolgte. Eine Verhöhnung des Vertrages bedeute aber eine Verhöhnung der Autorität der Signatarmächte. Oesterreich sei verpflichtet, seineAutorität auch gegenüber Rumänien intakt zu erhalten und wenn es die Regierung trotz der Europa so beschämenden Note des Staatssekretärs Hay picht tut, dann gelte der Satz: Cabeant consnles ne quid res publica detrimenti capiat. Unsere Abgeordneten haben darauf zu achten, daß die 'Staatsantorität nicht ins Schwanken komme. Aber auch ivir als Nachbarland Rumäniens haben ein vitales Interesse, das; die haarsträubenden Zustände ein Ende nehmen. Bei der Armut der Bukowina würde eine Emigration für beide Teile nur Elend bri::- gen und den Hunger vermehren- Deshalb ersuche Redner in: Sinne dieser Ansfühnmget: den Herrn Professor, als Vukoivinaer Abgeordneten und Mitglied der Deutschen Fortschrittspartei, die ja seit jeher Freiheit und Fortschritt ans ihre Fahne schrieb, a>: die Regierung eine Interpellation zu richten, des Jtchaltes: Die Regierung, tverde anfgefordert, Rumänien ernste Vorstellungen bezüglich des Vorgehens gegen die Juden zu machen nt:d den: Wunsche Ansdrmck zu geben, das; die Bestimmungen des Beniner Vertrages ihren: Geiste und dem Wortlmcke nach von Seite Rumäniens auch durchgeführt werden. Nachdem sich der Beifall, der diesen Worten wlgte, gelegt hatte und noch andere Fragen lokaler Natur besprochen wunden, replizierte Herr Professor Skedl. Cr meinte, dies Zengins müsse man ihn: geben, das; er immer für die Interessen seiner Wähler eingetreten sei und er habe speziell auch das Wohl der jüdischen Bevölkerung im Auge gehabt. Wienn Dr. Vierer auch seinen Stm:dpunkt als Jtlde klargestellt habe, so glaube er doch, das; die Inden, die deutsch sprechen, auch deutsch denken und fühlen. (Widerspruch.) Der ntmänischen Jndenfrage sei er spontan selbst näher getreten und werde er gewiß nicht ermangeln, die Angelegenheit seinem Klub zu nitterbreiten, wo ihm gewiß, wenn auch in etwas anderer Form, als es der Antragsteller vorb.rachte, die Ermächtigung erteilt werden wird, im Sinne der früheren Ausfühnmgcn die Regierung zn interpellieren. Nachdem dem Abgeordneten einstimmig das.Absolutori::m erteilt tvnrde, schloß Vizebürgerpieister LandeSgerichtsrat v. Ciskolczy die Versammlung, die speziell bei der jüdischet: Bevölkerung lebhafte Befriedigung hervorrief. (Wir sind neugierig, ob Skedl seit:em Versprechen Nachkommen ivird; die Jtckerpellation der Abg. Straucher und Breiter hat er jedenfalls nicht :t t: t c tusch r : e b e n. Anm. d. Red.) Israelitische Landeskammer. (Positive Arbeit.) Wenn man seit Jahr und Tag den gnitzen Werdegang der österreichischen Gesetzgebung beobachtet, so findet man bekanntlich in der Mitte einen roten Faden ohne Ende, auf dem deutlich geschrieben steht: „Gesetze gegen die Juden." Die Kunst des Reichsrates. manche Gesetze so zn stipulieren, daß die Regienmg die diesbezüglichen Durchfuhrungsverlordmmgen nach eigenem Ermessen regelt, und zivar so regelt, daß die antisemitisch gesinnte Beamtenschaft auch ttach eigenem Ermessen die erlassenen Gesetze handhaben kann, hat es so tveit gebracht, daß selbst die kurzsichtigsten Glaubensgenossen eittsehen müssen, daß ein ruhiges Zuschguet: nicht nuchr möglich ist. Wir Juden in Böhmen, die wir der Assimilation so nahe waren, daß außer tmsecem Glaubet: an einen einzige!: Gott uns von unseren christlichen Mitbürgern fast tnchts mehr getreutu hat, haben im Laufe der letzten Jahre erst tvahrgenomtnen, daß die Verhältnisse sich stikzessspe zu unseren llnguusten ändern. Jnsolange der größere Teil der jüdischen Geschäftswelt pekuniär den Schaden nicht verspürt hat. oder noch nicht verspürt, ist jedoch ein gemeinschaftliches. Hand-in-Hand-gehen eine Verbindung, >vie selbe heute fast alle Kreise ergreifen, nicht zu denkett --- und trotzdem! Es ist meiner Ansicht nach eine Unmöglichkeit, daß die 90 000 Glauvensgerusssen in Böhmen an einer solchen Kurzsichtigkeit leiden könnten und nicht begreifen wollen, daß eS hoch au der j