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Jüdisches Volksblatt · 1902-10-31 · 44 (31.10.1902) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
44 (31.10.1902)
Date
1902-10-31
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 44 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 31. Oktober 1902 Wien gibt es eine gange Reihe jüdischer Dozenten nnd außerordentlicher Professoren für dieses Fach, aber schon wird der Name eines jmügen Ariers genannt, dein selbst die „judenliberale" Vergangenheit verziehen wird, um nicht einen Juden berufen zu nüissen. Dasselbe Spie! wird in Graz getrieben. Dort ist! Chvostek der Erwählte der delitschen Nation lind des B. B. C. N. A. Brandes. Gegenüber den Gerüchten, als ob Dr. K a m i n k a in seiner Grabrede gegen irgend eine Richtung in beleibt gender Weise polemisiert hätte, erklärte nns Dr. K a minka dezidiert, daß dies nicht der Fall sei und nur auf Mißverständnisse zurückzuführen ist. Zu diesem Zwecke stellt er uns die Uebersetzung der hebräischen Rede zur Verfügung, die er gehalten hat: „Uns, die wir an seinem Grabe um den Genossen aus dem Gebiete der hebräischen Literatur trauern, kommen die Worte Jesajas in den Sinn: „Was hast du hier und wen hast du hier, daß du dir an dieser Stelle ein Grab ausgehauen?" Die dichterische Schaffenskraft des Verblichenen, die wir in seinen ersten Werken bewundert hatten, konnte sich in Wien nicht den Erwartungen seiner Bewunderer gemäß weiter entfalten, weil hier nicht oder noch nicht der Boden ist, auf welchem seine Ideale Geltung finden konnten. Er hatte als einer der würdigsten Vertreter des Zeitalters der „Maskilim", man könnte sagen als etiicc der letzten aus deren Reihen, für eine Vereinigung und gegenseitige Durchdrängung von „Religion und Leben" in der Judenheit geschwärmt. Die religiöse Praxis kommt aber in Wien auch nicht im entferntesten Maße in Betracht, wie in den jüdischen Kreisen des Ostens, wo seine „brennenden Fragen" zuerst aufgeworfen werden. Das Leben pulsierte allerdings mächtig um ihn herum in dieser Großgemeinde und Millionenstadt, aber für ihn war es aller materiellen Güter leer er verbrachte ein Dasein voll Not und Sorge, Drangsal und Leid, als Fremder aus einem Boden, wo weder für seine Motive, moch für seine Bestrebungen Raum und Verständnis zu sein schien. Es war daher als wenn „die Quelle versiegt, der Baum von der Scholle geriffelt wäre". »ppa1 pyon BD' Aber auch in denjenigen engen Kreisen innerhalb dieser -großen Gemeinde, wo man für die Wiederbelebung unseres Volkes begeistert ist und wo er warme Freundschaft und ausrichtige Wertschätzung fand, auch in der Mitte der für die Nationalität eintretenden Gesinnungsgenossen war er leider — das müssen wir an diesem Sarge am meisten beklagen— als hebr'äischer Literat ein Fremder und beinahe Einsamer. Denn unsere herrliche Nationalsprache, die allen hebräisch erzogenen Volksfreu n den und am meisten den geistigen B a n n e r t r ä g e r n als k o st b a r st e s Gut wie als m ä ch ti g st e B ü r g sch a ft unseres Wiedererwachens gilt — diese Sprache wird noch immer von den wenigsten Parteigenossen verstanden und keinenoch so feurige äußerliche Sympathiekundgebung, keine altf Kredit gewährte, noch so aufrichtige Verehrung kann ernem ernsten Schriftsteller für die mangelnde direkte Kenntnis seiner Sprache und seiner Schriften Entschädigung bieten. Auf die Frage: Wen hatte er hier'? müssen wir daher wiederum die traurige Antwort geben: Auch,innerhalb^der Gesinnungsg e n o s s e n u n d Freunde leider nur äußerst wenige, mit denen er im innigen Verhältnis eines beliebten Schriftstellers zu seinen wirklichen Lesern, eines begeisterten Hebraisten zu seinen verständnisvollen Förderern leben konnte. Die stille Wehmut seiner schöpferischen Vereinsamung mag uns an Juda Löb Gordons — des größten Dichters der „Haskala" — schallende Klage über die Entfremdung der Jugend vom Hebräischen erinnern. „Sie schreiten vorwärts von Jahr zu Jahr, Wer keilnt die Grenze, das Ziel, wohin? Vielleich!, ach, so weit, daß an keine Rückkehr mehr zu denken!" Damals wurde unter „Vorwärtsschreiten" allerdings die Ä s s i m i l a t i o n verstanden; aber heute noch, nachdem sich alles glücklicherweise geändert hat und man von einem stetigen, wenn auch langsamen Fortschritt des nationalen Geistes im Judentum, besonders innerhalb der Jugend, sprechen kann, heute noch bleibt die Klage aufrecht, daß selbst die Förderer des Volkstums noch viel zu wenig an eine Rückkehr in die heb r ä i s ch e G e i st e s h e i m a t, in die kulturelle Hochburg des jüdischen Volkes denken. Und doch muß unbedingt früher oder später die Erkenntnis erwachen, daß das Hebräische die Grundlage, die wesentlichste Bedingung des nationalen Erwachens, der E ck st e i n des j ü d i s ch e n B o l k s t u m s i st. Und wenn diese Erkenntnis erwachen wird, dann wird auch I. L. Gordons Trostruf zur Wahrheit werden: . ra y-on ba »stwi ujitfbb in irns* aapai „daß tn der Mrtte unserer Brüder der hebräischen Sprache jede Zunge schwören, jedes Knie sich beugen wird". Dann wird man in allen national gesinnten Kreisen nicht nur das Andenken R. A. Braudes, ehren, sondern auch seine Schriften hervorsuchen und lesen, er wird seinen wohlverdienten Platz sowohl in unserer neuen Literaturgeschichte wie im Herzen des Volkes unter den sympathischesten Schriftstellern einnehmen." unsere humanitäre Maske ab, die Ideen von Auslöschung des Hasses zwischen den Völkern, von Weltverbrüderung, von ewigem Frieden, geben!vir in den Schrank für Sonntagskleider, um uns bei der nächsten festlichen Gelegenheit lvieder dainit zu schmücken. Und jetzt, in unserem Ländchen, ivo nns niemand sieht, an die Arbeit, um nichts zu versäumen! Komm her, niedrigster Pöbel ans den Bnkarester Vorstädten, ivir stellen uns an deine Spitze und zeigeil dir, iuic man jüdische Häuser devastiert, wie man jüdische Läden plündertI Wir stülpen uns die Aermel ans, wir hängen uns grobe Schürzen nur und — arbeiten. Es ist fein Spatz: alle jüdischen Versainmlungeu stören, die antijüdischeil Zeitungen redigieren, antijüdische Allianzen gründen, ebensolche Plakate verbreiten, die Auswnllderungen verhindern, die ansländischeil Journalisten und alle Bernard Lazares in ihren Untersuchungen störeil, die Leidenschaften des dnnuncn Volkes anzustacheln nild auszuuützeu, die wildesten Kohorten ailZliführen .... Aber drantzcil in Italien sind uns Vertreter des verhaßtesten Volkes cntgegcngetreten und habeil alles entdeckt. Die verfluchteil Kerle haben Nils deil Sieg von der Hand genommen. Sie haben cs gewagt, dem Auslände zu erzählen, was wir bei lins treibell. Und wir habeil nicht gewutzt, wie uns zu verteidigen. Ach, wir müssen uils rächen. Uild der Mnild schäumt vor orn. Spenden für einen Grabstein für R. A. Braudes. Verflossene Woche eingelaufene Spenden: Prof. Doktor H. P. CHajes 10 Kr., Hermann Elbert 2 Kr., Dr. Carl L i f c z i s weitere 30 Kr., Heinrich Sprecher 4 Kr., Moritz Sprecher 10 Kr., Dr. Arnold Ascher 2 Kr., Joses Fuchs 1 Kr., Buchdruckerei Stern & Steiner 5 Kr., S. Reiner- 'Proßnitz 10 Kr. Summe der bisherigen Spenden 154 Kr. Ausland. Juden und „Corda Faires". (E i n i g e G e d a n k c n.) 'Den rumänischen Studenten äst das Spiel gestört ivorden. Sie gingen ins Ausland, llin mit dem gewohnten leichten Siege heimzukehren. . Wie immer, dachten sie, lverden lvir auch jetzt überall gefeiert tverden, beim als Söhne des großen antiken Nom brauchen wir luiS tveder gut aufzufüyren, noch müssen lvir besondere Fähigkeiten zeigen. Es genügt, unseren lateinischen Geburtsschein vor- .zuweisen lmd unsere älteren Schwestern Italien, Frankreich überhäufen uns mit Liebkosungen. Jin Allslande können lvir ja, um noch inehr Lorbeern einzüheimsen, so viel Humaaitätsgefühl heu- 'chelli, als man es verlangt. Draußen kostet es nns ja nichts und es hat keine lveiteren schlechten Folgen. Draußen, im dummen, sentimentaleil Europa protestiereil lvir mit der Jugend aller Länder -gegen die russischen Grausamkeiten, schreie»! lvir gegen die Barbarei der Magyaren. Zu Hanse können lvir dann 'unsere Arbeit fortsetzen. Mer wird uns hindern? Wir legen dann ganz einfach Aber glaubt vielleicht der Leser, das; die Inden tu Rumänien alle zufrieden sind, daß man im Auslande ihre Lage erörtert hat? Unglücklicherweise gibt cs noch einen Teil solcher Jlldeil, welche glauben, man ivürde alles erlangen, ivenil man schweigen und recht brav alles erdulden würde- Sich beugen, schweigen, lächelil statt zu weiilen oder zu schreien, ja sogar die Ha»ld des Feindes lecken . Diese Denkweise ist aber sicher die am wenigsten verbreitete, denn die Jugend, die jetzt hcranwächst, ist stolz und ihres W-ertes bewußt. Sie weiß, daß nicht kriechend sie sich erhebeil würde. Sie weiß, daß man um die Rechte nicht bittet, sondern daß man sie erobert. Sie will kein Almosen, sondern sie verlangt die Rechte, die den geforderten Pflichteil entsprechen. — Darum wird die jüdisch-rumänische Jligend vollkommen einverstanden sein mit den Delegierten an die „Corda Fratres"-Konferenz. Darum wird sie sich der großen iilternatioilalen Studentenbewcgung anschlietzen, um dort so oft aufzutreten, als die rumänischen gebildeten Barbaren komliien lverden, um Anerkennung zu verlailgen. Sie werden alle Feste stören, es kanil feilt Fest geben, so lailge ein Teil der Gefeierten die größten Leiden auf Unschuldige anhäuft. Die Rumäueil werden gelviß wieder schreien: Verrat! Aber diesmal mit mehr Recht als imnler. Denn die Jlldcn haben wirk lich sich erlaubt, alles zu verraten und so sind sie „Alltipatrioten". Aber dieses Argument schreckt niernandeil mehr. Die Alternative ist so, daß die jiidischen Desparados in Rumänien nur eine Wahl ill der Taktik treffen können: Wenn sie schweigeil, denkt man im Anslande, daß sie glücklich leben, lvähreild die Rumäneil, die „Furcht der Judeil" auslachend, sie fleißig mit allen Mitteln weiter verfolgen und drangsaliereil. Wenn die Juden aber Lärm schlagen, da bekommen sie dieselbell Prügel, vielleicht manchinal etwas wem ger; aber mail weiß wenigstens draußen, wie die Sache steht. Darum wird die jüdisch-rumänische Jiltelligeilz fortfahreil, ihre Quäler vor der zivilisierten Welt auzuklageu. Sie loird ver langcnStrafe für die Frevler und Gerechtigkeit für sich. Sie wird alle Gelegenheiten bcnutzeil, um ihr gutes Recht zu fordern. Aber bevor sie die öffentliche Meinung auskläreil kann, wird sie suchen sich zuerst bei den Juden aller Länder Gehör zll verschätz fen. Diese sollen nicht an der reichen Tafel des zivilisierten Abend landes sitzen, ohne fortwährend erinnert zu werden, daß ihre Brüder int Orient von der Zivilisation durch Gewaltmittel abgehalten werden. Daun werdeil sich die jüdisch-rumänischen Intellektuellen an alle Kollegen im Auslailde wenden müssen und überhalipt all dicjenigen großen Bewegungen, welche der Menschheit neue Bahnen vorzeichuen. Dcnil die Kmnpfer in diesen Bewegungen machen sich cs zur Pflicht, für alle uilterdrückten Nationeil zll fechten, außer für eine. Die Juden aus Rmnänien sind wenigstens ebenso un glücklich, lvie die Armenier, Polen, Finnen usw. Die jüdisch-rumänische Jugend hat das Wort, um ihre Sache zu plaidieren. b. l. Frankfurt a. M. Das Heim für jüdische Krankenpflegerinnen wurde kürzlich eiugeweiht. Eine große Zahl Eingeladener füllte die festlich geschmückten Empfangsräiime. Die Feier wurde mit einem Chorgesang von den Schülerinnen des Philanthropin eröffnet. E Dann folgte die Festrede, ivelche der Vorsitzende deS Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen, Dr. med. Kirchheim hielt. Bisher wurden 43 Schülerinnen aufgenommen, von denen im Laufe der Jahre aus verschiedenen Gründen einige austraten oder entlassen wurden, zwei entriß der Tod. So beträgt die Zahl der Schwestern gegenwärtig 24, von denen 13 in der Privatpflege, 1 oder 2 in der Armenpflege tätig sind. Im Frankfurter israelitischen Gemeindehospital, im Gumpertz'schen Sicchenhause und im deutschisraelitischen Krankenhause zu Hamburg walten die Schwestern des hiesigen Vereines teils als Oberinnen, teils als Pflegerinnen ihre! Amtes mit Erfolg. Stockholm. Eine interessante Sache beschäftigt augenblicklich die Stockholmer Behörden. Ein junges Mädchen, Charlotte I., hat beim König Oscar dem Zweiten die Genehmigung nachgesucht, als Mitglied der dortigen israelitischen Gemeinde aufgenommen zu lverden. Charlotte I., die 1877 geboren ist und deren verstorbene Eltern verschiedenen Religionsbekenntnissen angehörten (der Vater lvar Jade und die Mutter Christin), hat von ihrem 9. bis 10. Jahre am Religionsunterricht der Stockholmer israelitischen Religwusschule teilgenonnnen, ebenso lvie auch den Konfirmationsunterrlcht hier erhalten. Da aber zu dieser Zeit eine Verfügung der beiden Gatten betreffs der Erziehung ihres Kindes im mosaischen Glaubensbekenntnis, nicht belviesen lverden konnte, wurde das junge Mädchen aus der israelitischen Gemeinde ausgeschlossen und gehört nunmehr keiner Gemeinde an. Sowohl das Oberstatthalteramt als auch das Konsistorium der Stadt Stockholm hat das Ersuchen befürwortet. Das Justizkanzleiaint ist dagegen anderer Meinung und stellt Ablehnung anheim. Es führt u. a. an, daß aus den ftattgehabten Untersuchungen nicht zuverlässig hervorgeht, inwie- 'rrn im Einklang mit der geltenden Verordnung schriftliches Uebereinkommen zwischen den Eltern des Kindes wegen dessen Erziehung in der mosaischeu Lehre getroffen und dein Magistrate vorgezeigt ist. Wenn dies der Fall gewesen — erklärt das Amt, so könne dem Gesuch des Mädchens auch ohne Genehmigung des Königs stattgegesten lverden. Im entgegengesetzten Falle aber lvürde die Befürwortung dieser Anordnung gegen die vom König und Gesetz angenommeneu Verordnung betreffs fremder Glaubensbckcnner und ihrer Religionsübung verstoßen. Da aber dem Könige das Recht nicht erteilt ist, Dispens von diesen Verordnungen zu bewilligen, kann derselbe bei dieser Angelegenheit nichts ausrichten. Im ganzen Lande und besonders in dessen jüdischen Kreisen ist man selbstverständlich sehr gespannt auf das Resultat dieser Verhandlungen. Odessa. Der Gouverneur von Taurieu hat alle ihm unterstehenden Behörden auf die wiederholten Entscheidungen des Senats, ivelche Inden ohne Ansnahme gestatteten, sich aus Gesundheitsrücksichten oder zu Handclszivccken vorübergehend ans dem platten Lande aufzuhalten, anfmerkfam gemacht und ans diesem Grunde den Landgendarmcn verboten, Juden, die sie außerhalb der Städte und Flecken antreffen, auf eigene Faust auszulveisen. Letzteres dürfe nur vom Landrat des Kreises verfügt lverden. Zugleich hat der Gouverneur angcordnet, daß unseren Glaubensgenossen der vorübergehende Aufenthalt in den Dörfern einfür allemal zu gestatten sei. Diese für die Juden der Halbinsel Krim so überaus günstige Wendung lvurde auf Drängen der Bauern und der die Interessen der Gutsbesitzer vertretenden Semstwos herbeigeführt, Ivelche schon seit Jahren die Behörden mit Bitten bestürmen, den Juden wenigstens zur Zeit der Ernte den freien Verkehr ans dem flachen Lande einzuräumen, da die Bauern infolge des Fehlens der jüdischen Einkäufer gezlvungen lvareu, ihre Produkte den christlichen Wucherern um jeden Preis zu überlassen. Aus demselben Grunde sind auch zahlreiche Dorfgemeinden und größere Gutsbezirke um die Gewährung von Stadtrechten bei der Regierung vorstellig gelvvrden, um Juden in ihre»» Ortschaften ständig aufnehmen zu können. Russisches Arbeiterlelien. In Bialystok (Rußland) beging vor kurzem ein hervorragender Agitator des Allgemeinen jüdischen Arbeiterbundes, Mojssej-Lejb Lelvk'olvitsch, Selbstmord. Der Grund dazu lvar ein bis ins Krankhafte gesteigerter Pessimismus. Lewkolvitsch war noch jung, hatte sich aber, von einem ungestümen Wissensdurst getrieben, umfangreiche Kenntnisse angeeignet und war seit längerer Zeit eines der tätigsten Mitglieder der Lodzer Organisation des „Bundes". Ein bettelarmer Arbeiter, der 12—13 Stunden in der Fabrik frohnden mußte, hatte er sich nicht nur in der klassischen sozialistischcnLitcratur, sondern auch auf philosophischemGebiete reiche Kenntnisse erworben und las die deutschen Philosophen im Original. Sein junges Leben, wie abertausender anderer, fällt nach dem „Vorlvärts" auf das Konto des zarischen Knuten- und Folterrcgimentes. Denn in einem Lande mit minimaler politischer Freiheit wäre er nicht im Elend und Verzweiflung zugrunde gegangen, sondern hätte sich zu einem bedcutcudeu proletarischen Kämpfer cmporgearbeitet. („Geu.-A. f. G. I. d. I.") Evans Gordon. Ans Petersburg wird geschrieben: Der bekannte Führer der fremdenfeindlichen Bewegung in England und Mitglied der jetzt tagenden Fremdenkommi'ssion, Major Gordon, hat eine Reise nach Rußland unternommen, um durch den eigenen Augenschein sich bon der Lage der jüdischen Auswanderer an Ort und Stelle zu orientieren. Nach kurzem Verweilen in Riga nnd Dwinsk ging er nach Petersburg, um vou da Libau, Wilna, Piusk u»td Warschau zu. besuchen. In Libau besichtigte er die Auswandererschisse und in Wilna suchte und fand er Gelegenheit, das jüdische Leben und Treiben an der Urquelle zu studieren. Er besuchte da die jüdischen Chedcrs und die dortige Jeschiboth und, wenn auch kein Christ imstande ist, das Wesen und den hohen sittlichen und inneren Wert einer jüdischen Jeschiboth zu würdigen, so hat doch Major Gordon diese ihm fremden nnd vielleicht wenig sympathischen Sachen nicht mit den Angen eines schneidigen judenfressenden Jünglings aus einer Berliner Hochschule angesehen. In Pinsk fand er zum erstenmale Gelegenheit, ganze Betriebe kennen zu lernen, welche nur mit den Sabbat streng feiernden jüdischen Arbeitern aufrecht erhalten werden. In Warschau hielt sich Major Gordon eine ganze Woche auf und inspizierte daselbst in Begleitung des Herrn Sokolow, des bekannten Herausgebers der hebräischen „Hazefirah", sämtliche jüdischen Gemcindeinstitutioneu, die jüdischen Armenwühnungcn sowie zahlreiche Fabriken mit jüdischen Arbeitern. Die Warschauer Blätter, die fast sämtlich scharf antisemitisch sind, haben über diese Besuche des Major Gordon die abenteuerlichsten Berichte gebracht und unter anderem mitgeteilt, daß er unter dem Einflüsse Sokololvs und der Jelvish Colouization Association steht. Andere Blätter haben den Neffen des Helden bon Chartum flugs zum Juden oder doch zum „Judenknecht" gestempelt. Tatsächlich 'cheint die russische Reise auf den Major Gordon einen tiefen und unauslöschlichen Eindruck gemacht zu haben. „Das jüdische Volk", sagte Major Gordon, „hat so schwer gelitten, daß ich cs nicht übers Herz bringen kann, seine Leiden noch zu vermehren. Ich denke nicht daran, die armen Juden, die in unserem Lande Schutz und Zuflucht suchen, von unserer Türe zu weisen. Ich möchte nur in der Emigration Ordnung schaffen, lvie sie etwa in Amerika besteht, und zwar ausschließlich im Interesse dieser armen Auswanderer selbst." Reichsdeutsche Antisemiten, lieber den Stand der sogenannten „B e r l i n e r B e lv e g u n g" äußerte sich der Hofprediger a. D. A. Stöcker in seinem aus den Bergen Bayerns an seine Parteifreunde gerichteten diesjährigen Sedaubricfe: „Leider ist durch Ereignisse, die hier jedermann unbegreiflich sind, die christlich-soziale und die daran anküupfeude Berliner Bewegung gestört. Nur im Siegerlaud und einigen benachbarten Kreisen Westfalens und Hessens ist es uns gelungen, festen Fuß zu fassen. Aber wir geben die Hoffnung nicht auf, daß die von uns gestreute Aussaat noch einmal ihre Ernte bringen wird." Dazu bemerkt aber der weltkluge alte Führer der deutsch-sozialen Partei, Liebermaim von Sonnenberg, treffend:,, Diese Hoffnung können lvir leider für Berlin in absehbarer Zeit nicht hegen." Liebermann ist schon deshalb in der Lage, den Stand der Dinge richtiger zu beurteilen, weil er selbst mit dazu beigetragen hat, eine Wendung herbeizuführeu. Seine neuerlichen Versuche, für die „deutsch-soziale Partei" im Königreich Sachsen zu werben, lvo bisher Zimmermanns „deutsch-soziale Reformpartei" dominierte, sind jedenfalls vorzüglich geeignet, den Zersctzuugsprozcß zu beschleunigen. Auf dem 8. Parteitage der „Rcformpnrtei" in Eisenach zeigte sich deshalb am 14. und 16. September das Bestreben z»l einer Verständigung mit der Partei Lieberrnann. Zimmermann selbst empfahl dringend, mit den anderen antisemitischen Fraktionen Frieden zu halten, aber den Radau- Antisemitismus abzülehneu. Insbesondere erklärte er. ohne daß der anwesende Herausgeber Will). Bruhu dagegen protestierte, daß seine Partei jede Verantlvortlichkeit für den Grafen Pückler ablehue, der nicht ihr Mitglied sei. Der Abg. L. Werner, der das letzte Pückler-Blatt verantwortlich unterzeichnet hat, entgegnete dein Berliner antisemitischen Gastwirt Fritz Sommer, der von den Abgeordneten eine schärfere Betonung der Jndcnfrage verlangte, baß man die Wichtigkeit der lvirtschaftlichen Fragen nicht unterschätzen solle. Vorstder gedrückten Stimmung der Autvesendeu zeugte auch die Zustimmung, ivelche Zimmermauus Ausspruch fand, „daß das Judentum noch niemals eine sv uachgebeude Rolle in Deutschland wie jetzt gespielt habe. Von oben habe der Antisemitismus auf keine Hilfe zu rechnen." Er scheint aber auch unten au Boden zu verlieren. In einem Artikel „Die politische Entwicklung deS Bauernstandes", den Erlvin Gros in der „Zeit" veröffentlicht, wird angeführt, lvie die seiner Zeit besonders bon Dr. Böckel erregte Erwartung, daß sich die antisemitische Partei zu einer Bauernpartei nuslvachseu lverde, nicht erfüllt hat, lveil der Laudmann einseheu lernte, daß das Hep-Hep-Rufeu der antisemitischen Führer seine Lage keineswegs verbesserte. Dr. Böckel und Liebcrmann hätten sich daun bemüht, den „Bund der Laudlvirte" das Erbe des Airtisemitismus antreteu zu lassen, aber auch der Tag sei nicht mehr r;! j. 'i!■'

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