Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 44 (31.10.1902)
- Date
- 1902-10-31
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Volksblatt Seite 4 Wien, Freitag 31. Oktober 1902 Nr. 44 Mannschaften eingetroffen. Aus Rußland sind 11 Herren erschienen. Der Jahreskonferenz präludierte eine Sitzung des großen A.-K., in der zunächst der Präsident einen ausführlichen Bericht über den gegenwärtigen Stand seiner politischen Unterhandlungen erstattete. Soviel bekannt wird, haben die Aktionen Dr. Herzls allgemeine Zustimmung erfahren. Wie wir hören, ist das Direktorium der Jüdischen Kolonialbank geneigt, der nächsten Generalversammlung für das Jahr '1902 die Verteilung einer Dividende von zirka drei Prozent vorzuschlagen. Tic zionistische Jahreskonferenz in Wien. Mittwoch den 20. Oktober wurde die Jahreskonferenz, die alternierend mit dem groszen Kongresse jedes zweite Jahr stattzufinden hat, eröffnet. Die Beteiligung kann als eine sehr gute bezeichnet'werden. Bis zur Stunde sind 42 Herren eingetroffen. Nachfolgend die Präsenzliste: England: Bentwich, Löwe, Lcbontin; Deutschland: Dr. Klee, Dr. Zloeisti, Dr. Simonsohn, D. Wolfsohn; Galizien: Dr. Kornhäuser; Böhmen: Karl Rezek; Wien: Dr. Herzl, Dr. Kokesch, Dr. Kahn, Kremenezch, Architekt Marmorck, Dr. Krcnbcrger, Dr. I. Marmorek, Geivitsch; Ungarn: Dr. Oesterreichcr; Serbien: Dr. Alkalay; Bulgarien: Carl Herbst; Rumänien: Dr. Lippe; Schweiz: Dr. Farbstcin, Dr. Weizmann; Rnszland: Ussischkin, Dr. Bruck, Vogelsohn, Feldstein, Schallt, Barbasch, Dr. Katzenelsvhn, Urysohn, Dr. Noscnbaum, Podlischclvskb, Jaroschinsky, Sokolow, Bachrach. Die Eröffnungsrede hielt der Präsident des Aktionskomitees Dr. Herzl, der beiläufig folgendes sagte: Ans die politische Lage übergehend, meint Dr. Herzl, das; das Aktionskomitee auf dem Wege, den es seit dem ersten Baseler Kon- ■ grosse gehe, fortfahren müsse. Die Verhandlungen mit der türkischen Negierung sind weitcrgcführt ivorden, haben aber noch zu keinem Resultate geführt. Das Programm für die nächste Znkitnft kann nur ein energisches und ziclbewusztcs Vorwärtsschreiten, Vermehrung der Geldmittel und Anteilnahme an allen jüdischeit Angelegenheiten sein, die die moralische, körperliche und ökonomische Stärkung des Judentums betreffen. Aus den jetzigen Beratungen Ivird aber auch die Linie herborgeheir müssen, die wir von nun cm einzuschlagen haben. „Ich glaube, das; wir auf unserem Wege fortfahren müssen, das; wir allerdings, wenn wir an einem Punkte vor einer Mauer angelangt zu sein scheinen, nicht entmutigt sind, sondern daß wir trachten^ tnüssen, einen anderen Weg zu finden." Die Ausführungen Dr. Herzls wurden mit Beifall ausgenommen. Hieraus erstattete Dr. Leopold Kahn den Rechenschaftsbericht des Aktionskomitees. Die Tätigkeit des Aktionskomitees erstreckte sich nach zwei Richtungen, die man in den Satz zusammenfassen könne: „Wir brauchen ein Land für unser Volk und brauchen ein Vol kfür unser Land." Es hieße einerseits, die assimilierten Juden des Westens dem Judentume näher bringen, andererseits, die großen Mm'sen der östlichen Juden der Segnungen der europäischen Kultier teilhaftig werden zu lassen. Zur Erreichung dieser beiden Ziele hat es nur einen Weg gegeben und wird es nur einen Weg geben, das ist die praktische, tatkräftige und volleinsetzende zionistische Agitation. Deswegen sind die Erfolge der zionistsichen Bewegung, die auch in diesem Jahre zu verzeichnen sind, Erfolge des ganzen Judentums. Um aber eine einheitliche Arbeit zu leisten, war es unbedingt nötig, _ das auf dem letzten Kongresse beschlossene Organisationsftatut in die Wirklichkeit zu übersetzen. So wurden in allen Ländern Landesverbände geschaffen, wodurch der umständliche und große Mittel erheischende direkte Verkehr der Wiener Zentrale mit den einzelnen Ortsgruppen durch die Aufstellung des Instanzenweges: Verein, Distriktskomitee, Landeskomitee, Aktionskomitee in eine der wachsenden Ausdehnung der Bewegung entsprechenden Bahn gedrängt ■ wurde. Im allgemeinen läßt sich überall eine mächtige Ausbreitung der zionistischen Idee konstatieren. In Westeuropa werden die Beweise der Sympathie und des Anschlusses der jüdischen Intelligenz an die Bewegung immer zahlreicher. Tie Einladung Dr. Herzls vor die Alien-Jmigration-Commission beweise die sympathische und vorurteilslose Auffassung der zionistischen Bewegung in England. Die Bewegung in Deutschland bewies durch die Mannheimer- Konferenz ihr kräftiges Anwachsen. Der Empfang der zionistischen . Deputation in Karlsruhe durch den Großherzog von Baden ist ebenfalls ein erfreuliches Symptom für das wachsende Ansehen der Bewegung. Die österreichische Organisation 'demonstrierte auf dem Bielitzer Parteitage ihre Stärke. In Osteuropa ist das Resultat ein ebenso erfreuliches. Imposant war der erste Kongreß der russischen Zionisten in Minsk. Hierfür spricht nicht mehr als die geradezu sensationellen Besprechungen der russischen Presse. Hier war auch vornehmlich das Gebrct der fruchtbarsten kulturellen Tätigkeit. In fast allen Städten wurden hebräische Unterrichtskurse errichtet, Musterschulen eröffnet, ^oYnbec-Hallcn ins Leben gerufen und Diskussionsabende veranstaltet. In Bulgarien ist besonders die rege Aiiteilnahme der Sephardim an der zimiistischen Agitation bemerkenswert. Hier hat überhaupt der Zionismus jeden Gegensatz zwischen Sephardim und Aschkenasim verschwinden gemacht. Aus ben Reihen der Sephardlm erwiichscn der Bewegung Heuer die besten Agitatoren, die ihre Agitanonsreiseii auf Serbien, Bosnien iind Griecheiiland erstreckten. Hier sind überall Neugründungen zu verzeichnen. In Südafrika, Algerien, Marokko und Tunesien, in Südamerika, in Indien (an der Malabarküste). in Sibirien und Australien iSidnev, Melbourne, Brisbane) haben sich neue Gruppen konstituiert. Demnach kann man von einem allgemeinen Fortschritt des Zionismus auf allen Liliieii sprc-hen. Dem Kassabericht des Altionskomitees, den Dr. Kokesch erstattete, entnehmen wir. daß bis zum 30. Juni 1902 Kronen 121 493,29 an Schekelgeldern eingeflossen sind. Demnach rangiert das abgelaufenen Verivaltuugsjahr an erster Linie. Die Sch'ekeleingange betrugen: im ersten Jahre 78 222,24 Kr., im zweiten Jahre 108 129,04 Kr., im dritten Jahre 91 831,79 Kr., im vierten Jahre 02 025,10 Kr. und im fünften Jahre 121 493,29 Kr. Wien. Es kriselt in einigen Wiener Theatern. In der Oper soll Direktor Mahler nicht mehr die alte Gunst der Hofbehürde genießen; besonders Eingeweihte wollen sogar schon von Verhandlungen mit Dr. Karl Muck als Ersatzmann Mahlers wissen. Noch auffälliger ist der kombinierte Angriff, den seit einigen Tagen der Pächter des mibilänms-Ltadttheaters, Herr Muller-Gntienbrnnn, zu bestehen hat. Herr Miiller-Gnttenbrunn lieferte sich, nachdem seine Stellung im Raininnd-Theatcr unmöglich geivorderi war, den Wiener Antiseniiten aus. Sie begründeten ein Partei-Theater, an dem Röher weder ein jüdischer Schauspieler, noch ein indischer Abkurrft verdächtiger Autor zu Wort kam. Trotzdem oder vielleicht just tvcgen solcherAusschließlichkeit ging es mit den Finanzen des Theaters nicht besonders. Zu Schliis; der vorigen Saison kaufte die Gemeindevertretung dem Pächter den Fundus ab für 200 000 Kronen. Schon damals gab es Leute, die dahinter eine berschleierte Subvention vermuteten. Heute wiederum plaidicrt einer der Geldgeber. Angerer. im antisemitischen Hanptblntt, für Jahressubvention des zu teuer, viel zu groß und zu überstürzt geballten Hauses — durch die Kommune!! Solche Vorschläge haben einstweilen keine Aussicht auf Verivirklichuug. Was folge» wird? chi lo sa? Rabbiner und Missionär. Ans Prag ivird gemeldet: Vor einigen Wochen hielt sich hier ein Herr auf, der sich als Rabbiner aus Amsterdaul ausgab und sich Dr. Tischler, auch Tiseter, liaimte. Derselbe erbot sich, im „Jüdischeil Volksvcreiir" einen Vortrag halteil zu ivollcn, was ihm auch bereitwilligst gewährt wurde. Am Vortragsabend war der Saal bis nilfs letzte Plätzchen voll Zuhörern überfüllt. Dr. T. schilderte mit zündenden Worten die Notwendigkeit des Znstnnmcnschlnsses des jüdischeil Volkes, forderte die Anwescndeil zlir Eiiligkeit lind zum Festhnlteil am alten Glauben auf uild bezcichnete den Zionismus als den Weg zu diesem Ziele. Infolge der Berichte in den Zeitungen über diesen Vortrags ivnrdcil auch andere Kreise auf Dr. T. aufmerksam, so Pastor Greis; von der hiesigen evangelischen Gemeinde, der dem Vorstände des „Jüdischeu Volksvereius" die vertrauliche Mitteilung machte, das; Dr.. T. getauft sei. In hierallf folgender öffentlicher Sihnng und im Beisein des Ehrw. Dr. Greis; ivurde mm Dr. T. seines Renegatentnms inld des Betruges beschuldigt lllid alifgefordert, sich verteidigen- Dr. T. ivies aber mit tiefster Elltrüstling diest Anschuldigung zurück uird beteuerte Ulit der glaubwürdigstell Ereiferung seine Liebe lind Treue zuni Judeutlun, berief sich zliletzt auch auf den Oberrabbiner von Amsterdam als Zcugcil der Wahrheit seiner Worte. — Noch in derselben Nacht ivurde ein Eypreßbrief mit der Photographie des Dr. T. au das oberwähnte Oberrabbinat abgesaudt uild limgehcild kam die telegraphische Antwort, daß Dr. T. — getauft und bei der Schottischell Mission augestellt sei. Dr. T. hatte aber natürlich die Antwort, die kommen mußte, nicht abgelvartet und Prag heimlich verlassen, ohne seine „Mission" erfüllt zu haben. ' I. L i s s a u. Der Schlüssel. Wir erhalten folgende Berichtignilg: „Es ist nicht richtig, das; sich die Redaktioll des „Jüdischen Volksblatt" iil Wien das Recht der llebersetznng des „Schlüssel" von Ed. Kulke in fremde Sprachen, wie der Herausgabe desselben in Buchform Vorbehalten kann, da dieses Recht nur einzig imb allein der Schwesterlind Ilniversalerbin des verstorbenen Schriftstellers Eduard Kulke, Frau Sophie Adler in Pohrlitz, zusteht, ivelche sowohl über den „Schliiyel", als auch über die andereil nachgelassenen Werke .Klikkes zu verfügen hat." Todesfall. Der Vater des bekainiten Shakespeare-Forschers Redakteur Adolf Gelber, Herr Elias Gelber, ein Jude alten Schlages lind Talmudist, ist im 77. Lebensjahre in Wien gestorben. Die Handwerkeeschllle in Rzeszow. Die Schlosserschule in Rzeszow sollte lieber vergrößert als geschlossen werden; denn bet welchem galizischen Lehrmeister hat ein jüdischer Lehrling die Gelegenheit, nebst der Künstschlofferei, Mechanik und Elektrotechnik noch Zeichnen, Physik, Chemie lt. dergl. nützliche Kenntnisse zu erlernen, um dann nach beendeter Lehrzeit und erlangter Freisprechung als intelligenter, sittsamer und tüchtiger Geselle viel weniger mn seine Existenz besorgt zu sein als mancher Akademiker, wenn er weder die Mittel besitzt, seine Studien fortzusetzen, noch Protektion, mn irgend eine Anstellung zu erlangen? Daß eben die Zöglinge der Nzeszower Schlosserschule der Baron Hirsch-Stiftung eine solche Ausbildung genießen, konstalleAcn mit! nuanssprechlichem Vergnügen und Staunen die Eltern und Lehrer zweier Absolventen der Baron Hirsch-Schule zu Monasterzyska in der Zeit zwischen 1897 und 1900. Ebenso habe ich im Jahre 1901 wahrend meines längeren Aufenthaltes in Rzeszow die unerschütterliche Ueberzeugung gewonnen!, daß der Werkführer und Leiter dieser Anstatt!, Herr Samuel G o l d - b ciuin, der sich feiner Zöglinge nicht nur während ihrer Lehrzeit, sonder auch nach ihrer Freisprechung väterlich annimmt, vermöge seiner Intelligenz, Fachtüchtigkeit und Pflichttreue noch viel besser sich bewähren könnte, wenn diese Anstalt vergrößert und miitf einem Internat für auswärtige Lehrlinge versehen würde. Nachdem es keinem Zweifel unterliegt, daß das löbl. Kuratorium der Baron HirschtzStiftung den Wert dieser Anstalt gebührend zu schätzen weiß, so ist zu hoffen, daß dasselbe, wenn die eigenen Mittel nicht ausreichon, die löbliche „Fca" zu bewegen sich bestreben wird, daß diese der Varvn Hirsch- Stifiung bei dost Erweitürmrg un)d Forter'haltung der Nzeszower Schlosserschube an die Hand gehe und ganz aus eigenen Mitteln noch einige ähnliche G e w e r b e - s ch ulen in den ärmsten Ortschaften Galiziens kreiere, auf daß die herangebildeten jüdischen tüchtigen Handwerker jedweden an sie gestellten Anforderungen gerecht werden können und die besten jüdischen Kunden getrost mit ihren Auftrügen ihre Glaubensgenossen betrauen können, wonach wist vielleicht noch das erleben werden, daß man unter dem Worte „jüdische Arbeit" etwas Ordentliches, aber nicht etwas Verpfuschtes verstehen wird. P. G. Neutra. Der Verein „Ahawath Zion" veranstaltete Sonntag den 26. im Saale der Ehetvra Kadiscba einen Disknssivns-Abend über Herzls „Altneuland". Res. Emil Neumann. Jubiläum. Eine schöne und überaus seltene Feier beging bvr kurzem der Bezirksrabbiuer Dr. Hermann Pollach iil- Holles (Ungarn). Seit 90 Jahren wirkte der 89 Jahre alte, jngendfrische Greis in Holics, bis vor 9 Jahren mich gleichzeitig in Göding. Dr. Pollach, der einem alten Rabbinergeschlecht angehört — er ist ein Enkel des berühmten Rabbi Löw uild ein Urenkel des Scheinen Rekeach — kann mit Genugtuung auf eine lange, verdienstvolle Tätigkeit Zurückblicken. Er war nicht bloß wissenschaftlich und literarisch tätig und ein eifriger Mitarbeiter der ungarischen Wochenschrift; fein Ruf als Kaiizelredner ist ein wohlbegründcter. Die hauptsächliche Wirksamkeit Dr. Pollachs gehört allerdings schon der Geschichte aii. Pollach war als Sekretär des Rabbi Meisel eine bekannte Figur des Krcmsierer Reichstages, als Montefiore au die Hilfe seiner jüdischen Bürger appellierte, war Pollach einer der ersten, die in Oesterreich eine energische Aktioil einleiteten und empfing dafür iil einer Zusammenkunft in Marienbad wärmste Anerkennung. Aber auch heute ist Pollach, der das biblische Alterlängst erreicht hat, noch unermüdlich wirksam, still uild iilibeinerkt zur Ehre und Nutzen nuferer Nation. Still und iiubemerkt ging auch seill Ehrentag iil der Holicser Gemeinde vorüber, aber 14 Kinder und 40 Enkel waren herbeigeeilt, lim dein Familienpatriarchen ihre Verehrung zn bezcugeii. Möge er auch inisercu Glückwunsch entgegeimehmen und noch biele, diele Jahre zlim Segen seiner Gemeinde lvirkeii. Möge fein Beispiel auch auf seine Amisbrüder belehrend eiuwirkeii, die, ungleich dieser Zierde unseres Volkes, sich sehr bemerkbar zu machen verstanden haben und mit pfäffischer Ränke- und Dentekimst die Kanzel zum Kampf gegen das nationale Befreinngswerk mißbrauchen. Neligionslehrer und Jom Kippur. Ich habe mich im Vorigen über die ganz skandalösen Zustände in unferen Mittelschulen beschäftigt. Ich komme min zn einer geradeztl beschämenden Tatsache, einem Vorgaitg, der mn in unseren — ich muß lägen — in unseren Mittelschulen stattfinden konnte Es war an der Czernowitzer gr.-or. Oberrealsthule, deren Schüler über 00 Perzent jüdisch sind. Am Freitag, dem Vorabend des Versöhiiuugötages, suchten biele Schüler voin Nachmittagsunterrichte befreit zu iverden. Derselbe dauert nämlich bis 9 Uhr rrnd daher bleibt keine Zeit für die Vorbereitungen zum Versöhnungstage übrig. Andererseits hatten einige Klassen auch bis 0 Uhr abends Unterricht. Es ist dies nämlich eine Stunde, die dem Turnunterrichte gewidmet Ivird, da keine andere ordentliche Unterrichtsstunde dafür besteht. Nun ist es jedoch um 0 Uhr schon bollstäudig Nacht; der Gottesdienst hat daun schon längst begonnen, folglich können die jüdischeu Schüler nicht mn keine Vorbereitungen für den Versöhuungstag treffen, sondern sie iverden auch gezivuugeu, ihrer Religion entgegen zu handeln. Das; dabei bou einem Gottesdienst keine Rede sein kann, brauche ich nicht erst zil betonen. Es begaben sich daher einige Schüler 311m Herrn Religionsprofessor und ersuchten ihn, dahin zn ivirken, das; doch wenigstens dieser Nachmittag freigegeben ivcrde. Und mm kommt das Wunderbare. Der Herr'Religionslehrer sagte, er könne doch nicht für jeden bittenl gehen. Er erbitte für sich selbst nie etwas, er ivolle sieh daher auch keine Unannehmlichkeiten tvegen anderen bereiten; ivenn den Schülern so biel daran gelegen "sei, dann möchten sie sich selbst znm Herrn Direktor begeben. Kurz und gut, er sei für solche Sachen nicht zu haben. — Traurig, traurig . . Seht, das sind die Seelsorger Israels, denen die Jugend aiwcrtrant wird; die reden so ... So viel ist. ihnen an den Schülern gelegen. Ja, an wen soll sich denn zuerst der jüdische Schüler wenden, ja, wer ist denn am meisten verpflichtet, für den jüdischen Schüler zll sorgell? Wer? Ja, gebt mir eine Antwort darauf? Doch genug der Rede. Es sst traurig, zu traurig. — Durch die vereinte Mühe der Schüler gelang es deniloch, ben Nachmittag frei zil bekommen. Es ist dies zwar sehr erfreulich, aber die Schule schellkt nichts. Beim Vorlesen des Aiizeigebnches kam nun der Ivahre Geist der Schule zutage. Es ivird den Schülern borgelesen: „Der heutige Nachmittag ist für die jüdischeil Schüler linterrichtsfrci, aber dagegen wird am 24. Oktober, nachmittags auch für die israelitischeil Schüler regelmäßiger Unterricht sein." (Am 24. Oktober ivar bekanntlich Simchas- Tanro.) Wer dies hört, der erkennt schon ans dem Tone beu edlen Charakter der hiesigeil Schnkmä'.liler. Eiiw Art Revanche ivird an den jüdischen Schülerii genommen. Weil ich dir heute frei gegebeil habe, Mlißt du an eiilem Feiertage darum die Schule besuchen! Wenn man nun nicht beides zusammen borgelesen hätte, so töniltc mall vielleicht über ben wahren Sinn getäuscht werden, aber hier liegt es offcil. Es lvird eine Art Revanchepolitik gegen ben jüdischen Schüler betrieben. Es ist so beschämend, das; jeder anständige Mensch in Empörung alisbrechen muß. O, sind wir denn Im dlmklen Rußland, in einem Lande der Roheit. Ja, ja, rede, cS bleibt beim alten. — Als Besonderheit, wenngleich nickst so selten, möchte ich noch erivähnen, das; die zwei jüdischen Profefforen an der gr.-or. Oberrealschnle auch am Versöhnuilgstage den Unterricht erteilt haben. R. Tempel-Wiedereröffnung. Anläßlich der kürzlichen Wiedereröffnung des neir renobierteil Tempels in Horte wurde ein feierlicher Gottesdienst abgehalten, welchem nicht rmr sämtliche Gemeindeangehörige, sondern auch der Horicer Bürgermeister und diele katholische Bürger beiwohnten. Landeskaminer der israelitischen Knltusgcineinden. ( P o s i!i i v e A r b eit.) Glauben Sie, daß die Negierung gleiche Rechte undgleiche Beachtung den jüdischen Landeskaulmeru schenken! würde wie den Handelskammern, dem Bund der Industriellen, den Advokaten- und Aerztekammerni? Die Gegenfrage des Proponenten lautet:- Warum nicht? Waren die Herren Fragesteller in diesen Kammern und Vereinen? Haben die Herren Kollegen gesehen, wie groß die Zahl unserer Glaubensgenossen in solchen Versammlungen ist? — Der Bund der Industriellen, der vom Ministerpräsidenten und vom. Bürgermeister Lueger in Wien herzlichst begrüßt wurde, tzatte auf mich auch den Eindruck einer israelitischen Versammlung gemacht — so viele Glaubensgenossen waren da beisammen — und wie viele waren ihrer beim AerHe-Kongreß in Karlsbad? Die Animosität der Regierung oder dev Reichsrats- und Landtagspräsidenten gegen das Judentum lvird mit d e m T a g e einer anderen Ansicht platzmachen, an dem wir Inden mit ernsten Anforderungen, jedoch g ee i n i g t, an dieselben herantueten. Ein einzelner Rosenbacher oder Byk nützt da nichts, ihren ehrlicheii Willen vorausgesetzt, aber nicht zugegeben, wenn er nicht eine kompakte, einflußreiche Vereinigung hinter sich hat. Reicht durch Biegen und Beugen werden wir Inden etwas erreichen — Klein! Nur durch ein gemeinsames Band! Nur durch eine gemeinsame Bereinigung alle r, durch ernstes, furchtloses Auftreten im Namen allen Glaubensgenossen ist ein Weg znm Besseren für uns Inden möglich! Der Kultusvorsteher vertritt die Kultusgenieinde und deren Mitglieder nach außen — d. i. gegenüber den Andersgläubigen und. ivenn es nlAig ist, auch geizen die Staatsbehörden und den autonomen Behörden', er hat die Pflicht, allen Knltnsgemeindcmitgliedern Schule zu gewähren, besondei's wenn diese ivegen ihrer Religion Schaden leiden sollen. Ist er zn diesem nicht geeignet, dann ill «er verpflichtet, sein Amt niederznlegen. Weder der Grad der Frömmigkeit noch die Zahl der Samstage, die «r im Tempel verbringt, und auch nicht die Zahl der Tausender, die er besitzt, sind heulte maßgebend für das Amt eines .Knltusvorsiehers, sondern der feste Wille, das Judentum als solches zu unterstützen und, tnsolveit es möglich, gegen jedes Unrecht, das in seiner Umgegend sich bemerkbar macht, energisch Stellung zu nehmen. Wie lvir dieses erreichen? Indem wir erstens israelitische Landeskannnern, zweitens Sektionen in jeder Vezirkshauptinannschaft, drittens eine „Israelitische R e i ch s k a m m e r " zn erlangen trachten. Eine stabile Fühlung mit ben einzelnen Sektionen und Landeskannnern lvird den Spitzen dieser Vereinigungen die zn erfüllenden Aufgaben klarlegen und erleichtern. Die Männer, denen die Leitung anvevtraut werden wird, müssen diesen Ehrenstellen ihre ganze Tätigkeit lvidmen, sie müssen! sich! darüber im vorhinein klar sein, daß sie viel Arbeit, viel Undank, viel Aerger einheirnsen Iverden. — Und trotzdem: es wird Glaubensgenossen geben, die in den Großstädten wohnen und es so lveit gebmcht haben, mn sich dem Jndentnin voll lvidmen zu können. Ob die Herren Knltnsvorsteher von Böhmen für diese Aufgabe ein Interesse zeigen iverden? Ich lvill und kann diese Hofsnnng nicht ansgeben. Jdnob. Bon der Wiener Alma Mater. Zlvei Dinge sind es, die besonders die Inden ans der medizinischen Fakultät belvegen: erstens die beeibsichtigite Einführung des „nnmerns clausus" für Asviranten, der sich unter der wohlivolleliiden Hand des Direktor M u ch a zn einer verschämten Judenspevre entlvickeln lvürde, und zweitens die Frage, wer als Nachfolger Nilles nach I n n s b r u ck berufen lvird. In