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Jüdisches Volksblatt · 1902-10-24 · 43 (24.10.1902) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
43 (24.10.1902)
Date
1902-10-24
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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lVf. 43 fi4ischc-?. Vo 1 ksbialt!S9:! i' 5 Wien, Froitoe 24. Oktober 1902 gestellt, dessen Wahl mit allem Eifer gefördert und durchgeführt werde, 3. jede die Spaltung und Verwirrung unter den Juden bezweckende Parteigriindung verurteilt wird- Von Ezernowitzer Mittelschulen. Bekanntlich wird an den größeren jüdischen Feiertagen an allen Mittelschulen den jüdischen Schülern der Unterricht freigegeben. Nun wäre dies gilt. Aber da geschieht nun etivas, das ich nur als einen indirekten Zwang zum Schulbesuche an den jüdischen Feiertagen betrachten muh. Es wird nämlich »nährend der Abwesenheit der jüdischen Schüler borgetragen; selbstverständlich haben dann dieselben keine Ahnung vom vorgetragenen Gegenstände, da auch die Erkundigung bei den christlichen' Schülern — die in den meisten Fällen keine oder nur ciuc spärliche Auskunft erteilen können — keinen Wert haben. Wenn dies tunt an gewöhnlichen Feiertagen geübt würde, so köimte man, obzwar es auch eine große Beeinträchtigung ist, dasselbe doch stillschlveigend anuehmen. Wir jüdischen Schüler sind ja schon an so vieles gewöhnt I I An diesen Feiertagen erübrigt doch noch einige Zeit, tun zur Zeit des Unterrichtsschlusses tu die Schule zu eilen, um über das Vorgetragcne informiert zil werden. -— Aber am Versöhnungstage, Ivo doch ein jeder nur ein wenig sich Jude fühlender Mensch fast den ganzen Tag im Gotteshause sitzt rtnd betet, da ist cs einfach unmöglich. Abends ist man vom Fasten so hergenommen, daß man beim besten Willen nicht imstande ist, zu einem christlichen Mitschüler zu eilen und noch alles an demselben Lfbcnd einznholen. ES ist dies ein Skandal, der seinesgleichen nicht hat. Der jüdische Schüler wird in eine Zwangslage versetzt, aus der sich allerdings leider einige durch den Besuch der Schule befreien wollen, An den grössten Feiertagen Israels!! O Schmach der Zeit!! llnd sonderbar, ich wage cs kaunt zu sagen! — Die meisten christlichen Professoren sind einsichtsvoll genug und tragen an solchen Tagen nicht vor . . . Aber — eine unerhörte Tatsache — ein j it d i s ch er P r o f e s s o r hat es übernonnnen, die jüdischen Schüler jo tief zu verletzen. Jetzt sage man mir, was man wolle: das ist eine unerhörte Tatsache. Eilt jüdischer Professor trägt an jüdischen Feiertagen vor und zwingt die jüdischen Schüler, das Vorgetragene sofort bei der nächsten Unterrichtsstunde zu können. Das ist doch zu viel, so etwas hätte niemand geglaubt, und doch ist es wahr. Das ist ein Zeichen der Zeit!! Viele werden es nicht glauben wollen, doch nur noch eine geringe Nücksicht hält mich zurück, den Namen des geehrten Herrn Professors zu nennen. Es ist wahr und ich kann cs jederzeit beweisen. So wird der jüdische Schüler indirekt zttr Entweihung -seiner Feiertage gezwungen und das ist schon genug traurig; der Schüler gilt als nichts, obwohl an unseren Mittelschulen fast 75 Prozent Juden sich befinden. Wie sich in diesem Falle der Ncligionsprofessor verhielt, der ein ebenso unbegründetes als auch unberechtigtes Benehmen zutage legte, darauf komme ich noch später zurück. R. Jubiläum. Der rühmlichst bekannte Kantor Herr Sam u e I Goldmann in Groß-Kauizsa begeht am 26., Sabbat-Bereschith sein 40jährigcs Amtsjubiläum. Bon Freunden und Kollegen werden dem wackeren, allbeliebten Manne für diesen Jubeltag ehrende Ovationen vorbereitet. Wir werden nach der solennen Festesfeier auf diescNzEhrentag noch zurückkommen. C. W. Zu den Landtagswahlen. Am 16. Oktober fand in A u s p i tz die Wahl eines Landtagsabgeordneten für die Lcmdgemeiudeu Auspitz und Lundenburg statt. Kompromitzkandidat war Franz Nossek, Obmann des Strastenausschufses in Auspitz, eilt gemäßigter liberaler Tscheche. Ihm wurde ein Bauer aus Altemuarkt bei Lundeüburc;, Kobzyk, als klerikaler Kandidat entgegengestellt und wurde derselbe auch, da für ihn der Klerus sehr stark agitierte, mit 41 von 82 Stimmen zum Laiidtazsabgeordueteii gewählt. Diese Wahl wäre für uns Inden belanglos, wenn nicht die Stimme eilles Juden dabei eine Rolle spielen würde. Unser Blatt warnte bereits mehrmals die mährischen Inden, sich ait derartigen. Wahlen aktiv 31t beteiligen und riet ihnen, sich neutral 31t. verhalten, da nach solchen Wahlen immer etwas an. den Juden hängen bleibt. Unter 82 Wahlmännern waren 2 Juden darunter, der Vertreter der Jsraelitengemeinde in Kostet imb der Vertreter der Jfraelitengemeinde in Eis grub. Der Bürgermeister van Kostet, Rosen,streig, enthielt sich der Wahl, was in diesem Falle das richtigste war, und ist dieses Verhalten mit Befriedigung zu konstatieren. Anders aber verhielt sich der Vertreter de» Jsraelitengemeinde Eisgrub, Herr Bauer. Derselbe wählte, und was die größte Entrüstung hervoirrief, den klerikalen- Kandidaten. Kobztzk. Hätte Herr Bauer, der sich schonan de» Wähl beteiligen wollte, dein gemäßigten. Tschechen- Nossek, dem auch die Deutschen die Stimmen gaben, seine Stimme gegeben, so iväre dies nicht anfgefallen; aber ein Jude schämt sich nicht, einen klerikalem Kandidaten zu. wählen, der nur der Unterstützung des Klerus seine Wahl zu verdanke!», hat und den. Antisemitismus auf seine Fahne gesch.»iebeu hat? Dies ist eine Schmach und Schande und lvollen. wir mit diesen Zeilen die Tat d'teses Herrn annngeln. Demnächst findet die Landtagsivahl für die Städte Ausp i tz-L1tnbe 111nirg-Gübiitg usw. statt. Als Kandidat ist!nieder der Bürgermeister von Auspitz, Eduard Schleimeher, ausgestellt. Derselbe ist ein echter Liberaler, verspricht viel, hält aber wenig. Wären die Inden, in diesen Städten organisiert, es iväre ein leichtes, etnien jüdischen Kandidaten dnrchznbringen, da die Inden in diesen Städten dengrößten Einfluß besitzen. So aber beteiligen sich die Inden, massenhaft an. den Wählcnversaminlnngen des Herrn Schleimever und votieren ihm das Vertrauen. Ob die Inden ihm. Vertrauen entgegenznbringen haben, will ich sehr bezweifeln. Kolvmen. Ein nettes Blümchen der Assimilation entlvickekte sich im polnischen Gtzmnasinm in Kokomea. Als der jüdische Supplent der deutschen Sprache, der unlängst hierher aus einer . . . europäischen Stadt kam, nantens Klinger, vor Neujahr — von einem j ü b i s ch 0 n S ch ü ler der Klasse mtlässtich des Neujahres beglückwünscht ivnrde — wie sie es sonst einem jüdischen Professor gegenüber tun — fühlte sich Herr Klinger höchst beleidigt und mit einer Miene a la Lueger sprach er seinen Dank folgendertnaszen ans: „Ich bin eilt zivilisierter Europäer und feiere diesen Feiertag tticht; ivettu ich mit meinen Kindern und Enkeln in Palästina lvohiten lverde, so lverde ich ihtt feiern/" Herr Klinger war auch konsequent und erschien Rosch-Haschonoy im Gtzmnasium, was seine christlichen Kollegen sehr in Erstaunen versetzte. Ferner äußerte sich Herr Klinger bei einem Vortrag über deutsche Literatur folgendermaßen: „Dasselbe, was bei uns (?), finden wir mich bei den Inden." Interessant Iväre es mtt*, zu wissen, ob sich dieser Europäer fijr einen Deutschen mosaischer Konfession oder gar für einen Polen' mosaischer Konfession hält? ... — Samstag den 26. ds. eröffnet der hiesige wohltätige zionistische Verein „Beth Israel" — wie vorigen Winter — seine Lokalitäten, um Toynbee- Abcnde abzuhaltcn, und ivünschen wir ihm zu diesem Unternehmen bestes Gedeihen. P. Das „geweihte" Gcschäftslokal. Den braven Csong r a d e r Bauern ward jüngst ein ebenso ergötzliches wie befremdliches Schauspiel zuteil. Kam da vergangenen Sonntag der Csongrader Pfarrer Anton Hcgtzi eben aus der Kirche. Statt aber, ivie sonst, seine Schritte gemächlich seinem Heime zuzulenken, wandte er sich, von zwei Kaplänen, einer handvoll Ministrantenknäblein, sowie dem stets ivachsenden Haufen sonntäglich müßiger Gaffer begleitet, einem Hanse zu, ans welchem ein neues Schild verriet, daß hier der neue „ ch r i st l i ch e Konsumverein" sein Heim anfgeschlagen habe. Hier blieb der in vollem Ornate prangende Seelenhirt von Csongrad stehen und zwei Bndapester Kollegen traten an seine Seite. Und als des staunenden Volkes genug versammelt schien, da erklomm Se. Hochwürden eine in der Türe des neuen Lokales errichtete Rednerkanzel, um darzutun, daß sich Esongrad endlich ans den Klauen jenes verderbten Geschäftswesens, ans das man bisher angewiesen war und hinter dem sicher niemand anderer stak als der leibhafte Beelzebub selber, emanzipiert habe. Es sei hier der erste christliche Konsumverein gegründet worden, und die Gläubigen, die dieses irdischen Jammertales käufliche Notwendigkeiten von nun an nur hier erwerben würden, seien gewiß, mit wahrhaft christlicher Ehrlichkeit bedient zu werden. Dann' sprachen auch noch die beiden anderen Volksbeglücker, worauf Herr Pfarrer Hegtzi das Lokal beschritt und dieses nach allen Regeln des katholischen Ritus einsegnete. So geschehen im Jahre des Heils 1002! — Uns darf dieses Vorgehen des Herrn Pfarrer Heghi nicht wundern, denn wir hatten Gelegenheit, die Verhandlungen des hier in der Vorwoche tagenden „3. Landes-Katholikentageö" genau zu verfolgen und allen Gegenständen, die besprochen wurden, war das Wort „Vereinigung" aufs Schild gehoben. Auf allen Gebieten haben die Katholiken Ungarns sich das Ziel der Vereinigung vor Augen zu halten. So handeln mit vereinten Kräften die mehr als 8 Millionen Katholiken in Ungarn; ihr Vorgehen ist zielbewußt, denn der hohe Klerus geht diesbezüglich mit den Agrariern Hand in Hand. Vorderhand ist es darauf abgesehen, den Kleinhandel, der sich zumeist in Judenhänden befindet, zu untergraben und die Existenzen, denen nur ein kleines Kapital zur Verfügung steht, zu vernichten. Ist diese Manlwurfsarbeit mit Hilfe der Ortsgeistlichen geschehen, dann werden auch die Großhand tungshnuser zu Wanken beginnen und die Macht der Merkantilisten wird von selbst schwinden. Wahrlich, es wäre die höchste Zeit, daß unsere Juden zur Besinnung kommen möchten und die berufenen Seiten der jüdischen Angelegenheiten in Ungarn, die Rabbiner und Vorsteher, ihren Berns und Würde erfassen sollen, das; in den Gemeinden ein streng nationaler, religiöser Geist herrschen muß, denn, wenn die Jugend in diesem Geiste erzogen wird und die Gemeindemitglieder von einer solchen Ueberzeugung durchdrungen sind, dann werden die Armen imstande sein, der Versuchung des Abfalles Widerstand zu leisten. Liebwerte Staminesgcnossen! Ein hebräischer. Schriftsteller, dessen Name Euch wohl bekannt ist, R e iti b e n A s ch! e r B r a u d e s, ist einem tückischen Krebsleiden erlegen. Sein Name wirdfmtleben in der Geschichte jüdischen! Strebens. Um aber auch ein äußeres Zeichen! unserer Verehrung zu stiften, richtet die Redaktion des „Jüdischen Volksblat" an alle Freunde imb Verehrer des Dahin geschiedenen und des hebräischen Schrifttums die herzlichste Bitte, Spenden zur Errichtung eines w ü r d i g e n G r a 'b steines für R eilte n A s ch er B r a. u d e s an die Unterzeichnete Redaktion zu senden. Die eiugelausmeu Spenden werden in unserem Blatte ausgewiesen'. Die Redaktion des „Jüdischen Volksblatt" 2/3, Leopoldsgasse 49. Bisher eingelanfenc Spenden: Redaktion des „Jüdischen Volksblatt" 10 Kr., Richard Nappaport 60 Kr., Direktor M. Pappenheim 10 Kr., Dr. Carl Lifczis 10 Kr. Ausland. Passan. (Die I u d e n f r a g c i m k a th 0 li - scheu M a n n erber e i! n.) In der sonntägigen Versammlung des katholischien Männervereins in Passan, in welche» Dr. Pichler gesprochen hatte, wies ein Herr Fischer, an die Bemerkungen des Vorredners über den Evangelischen Bund anknüpfcnd, darauf hin, daß ein nicht minder gefährlicher Feind die Israeliten seien und kam auf die '„Juden-Annoneen!" der „Ddnanzeiknng" zu sprechen. Ein Herr Eidenborger meinte (ohne Spitze gegen Dr. Pichler, ivie er ausdrücklich bemerkte), nachdem die „Donanzeitnng" einmal vom. katholischen Volke großgezogen worden sei, sei dieselbe auch verpflichtet, dessen Interesse zu vertreten und nicht von den „Jnden-Annoneen" sich fettzufüttern. Dr. Pichler wollte auf diese Auslassungen hin sofort aufbrechen und erklärte schließlich, wenn er nicht Garantie erhalte, daß derartige Taktlosigkeiten nie mehr Vorkommen, habe er zum letzteninale im katholischen Mäunervereine gesprochen. Die Steine von Tarsis. Professor Hmipt-Baltimore machte auf dem 13. Orientalistea-Kongresse in Hamburg sehr interessante Mitteilungen über seine neuen Forschungen betreffs des in der Bibel Vorkömmenden Wörtes Tarsis. Wir entnehmen seinen Ausführungen folgendes: Im Alten Testament wird an verschiedenen Stellen der Steine von Tarsis Erwähnung getmr. Tarsis ist der biblische Name des Bergwerks-Distriktes des südwestlichen Spanien, tmd noch heute führen die einer englischen Aktiengesellschaft gehörigen Kupferminen nördlich von Huelva diesen Namen, der den Bergwerken aber erst im 19. Jahrhundert von norddeutschen Ingenieuren beigelegt worden ist. Die griechische Bibel behält an mehreren Stellen den Namen Tarsis für diesen kostbaren Stein einfach bei. An anderen Stellen dagegen gibt sie diesen Ausdruck durch Chrtzsolith wieder, worunter wir jetzt eine edlere Varietät des Olivins verstehen. Gewöhnlich sagt man, daß nach einer Stelle in Ptinius' Naturgeschichte der Name Chrtzsolith von den Akten für den Topas gebraucht worden sei. Aber das beruht ans einem Mißverständnis. Luther übersetzte Türkis wegen des Namett-Anklanges; andere haben an Bernstein gedacht. . Aber weder Bernstein, noch Türkis, noch Topas finden sich in Spanien und die Steine von Tarsis müssen ein Mineral bezeichnen, das für Spanien speziell charakteristisch war. Sieht man die angezogene Plinins - Stelle genauer an, so ergibt sich, daß die Tarsis - Siaine oder Chrtzsolithe Zinnober-Kristalle ans den Ouecksikbergruben von Almaden waren; auch Anthrax, das die griechische Bibel für Tarsis bietet, wurde von dem römischen Kriegs-Ingenieur Vitrnv zur Zeit' des Kaisers Angnstns im Sinne von Ouecksikber-Erz, woraus Zinnober gewonnen wi''d, gebraucht. Zinnober ist ja Schwefekquecksilber und enthält über 86 Perzent Quecksilber. Nun sagt Plinins 37, 126 von den Chrysolithen: „Die besten sind die, welche, wenn sic mit Gold znsammengcbracht werden, das Gold wie Silber erscheinen lassen" — was natürlich auf den Quccksilbergehalt beruht. (Optimrco smit, quae inconlantione aurum albicarc quadam argenti facic cogimt — lautet die Stelle bei Plinins.) Ferner berichtet Plinins, daß die Römer Zinnober fast ausschließlich ans Spanien bezogen und daß die beste Sorte aus Sisapo, den heutigen Qnecksilbergrnbcn von Almaden nördlich von Cordoba, komme, wo es in den sorgfältig bewachten Staatsbergwerken gewonnen wurde. Plinins nannte Zinnober Minium, worunter wir jetzt Mennige verstehen. Die Alten nannten den Lapis laznli, ans dem bis znm Jahre 1830 die ktltramarinfarbe hergestellt ivnrde, Saphir. Sie erhielten Lapis lazult ausschließlich ans den berühmten Minen in dem turkesianischen Alpenlande Badachschan im nordöstlichen Afghanistan, 1600 Fuß hoch über dem Spiegel des Koktschar, eines Nebenflusses des Oxus an der Nordostseite des Hindukusch-Gebirges, des Paropamisus der Alten. Assarhaddon, der Sohn Sanheribs, nennt diesen Lapis laznki-Bera Bikn und sagt, daß er im fernsten Medien gelegen sei. Assarhaddon muß schon bis zum Paropamisus vorgedrungen sein, genau so weit wie 300 Jahre später Alexander der Große, und der mazedonische Eroberer hätte seinen Siegeszug vielleicht nicht so weit nach Osten ausgedehnt, wenn er nicht in Babylon Nachrichten über diese Länder erhalten hätte. Nachdem^ fcstgestcllt ist. daß Saphir Lasurstein bedeutet, während die Steine von Tarsis Zinnober-Kristalle bezeichnen, wird auch die rätselhafte Strophe in den biblischen Liebesliedern verständlich, wo das Mädchen bei der Schilderung der Schönheit ihres Geliebten sagt: Seine Arme sind goldene Rollen Besetzt mit Tarsis-Steinen Sein Leib ein Elfenbein-Kunstwerk eingelegt mit blcmem Saphir. Das heißt: seine von der Sonne gebräunten bronzefarbenen Arme sind mit Zinnoberrot tätowiert, während sein vor der Sonne geschützter elfenbeinfarbener Leib mit Lasurfarbe tätowiert ist. Die Tätowierung ist noch jetzt in Syrien und Palästina sehr verbreitet und es finden sich verschiedene Hinweise auf diese Sitte im Alten und Neuen Testamente.^ Auch das Kains-Zeichen, das der Herr dem Brudermörder bestimmte, damit ihn niemand totschlage, war ein tätowiertes Stammeszeichen. Ritualmordsport. Ahlwcirdt läßt sich durch die Verurteilung der „Staatsbürgerzeitung" nicht ab schrecken. Er faßt sein Programm in der von ihm veranstalteten Volksversammlung in den Schlachtruf zusammen: Hinaus mit sämtlichen Juden aus denr deutschen Richterstande! Nicht weniger hart als durch das Urteil, wird die „Staatsbürgerzeitung" durch die erheblichen Kosten getroffen, die dieser seit inehr als zwei Jahren sichi hinziehende Beleidigungsprozeß, der die umfangreichsten Ermittelungen veranlaßt und die kommissarisch>e Vernehmung von nicht weniger als 120 Zeugen erforderlich gemacht hat, den Verurteilten anferlegt. Doch auch diese bittere Blüte soll Honig geben: Ein Aufruf von Anhängern des Herrn Bruhn unter Führung der Abgeordneten Werner und Bindewald, die sich mit dem durch das- Urteil der Strafkammer gekennzeichneten Verhalten der „Staatsbürgerzeitung" ausdrücklich einverstanden erklären, fordert zu Geldsammlungen auf, um der „Staatsbürgerzeitung" einen Fonds zur Verfügung zu stellen zur Deckung der Kosten dieses Prozesses und zu „weitaren Kämpfen". Ms der Staatsanwalt die Ergebnisse der neuntägigen Verhandlung Zufamm>enfaßte, leitete er seinen Vortrag mit dem Worte des Dichters ein: „Dochwer deng-uteir Namen mir -entreißt, der raubt mir das, was ihn nicht reicher macht, mich aber b-ottelarm", nun, bettelarm hat die Ritualmordhetze -eine Anzahl der von ihr Betroffenen gemacht, anscheinend soll sie aber auch den Erfolg haben, reicher zu machen. Der Verleger der „Staats-bürgerzeitung", Herr B'ruhn, hat sich, wie berichtet worden ist, in dem zur Zeit von Ahlwardt vertretenen Wahlkreise Friedeberg-Arnswalde als Bewerber für die nächsten Reichstagswahlen ausstellen lassen, und Ahlwardt weiß sein Erbe offenbar in guten Häriden. Lcach dem Bericht de» „Staatsbürgerzeitung" äußerte 0 Ahlwardt in der obenerlvähnteu Versammlung, er möchte beinahe sagen: Sohn, da hast du meinen Speer! Aber er fühle sich noch jung und wolle noch weitere zehn Jahre streiten, dann werde cs ja- Wohl mit der Jkldeugeschiehte zu Ende sein. Der „Deutsche Reichsanzeigcr" bringt folgende Bekanntmachung: Die Wettbelverbe mit. die Stipendien der Michael Boer'scheu Stiftungen für das Jahr 1903 im Betrage von 2260 Mark zu. einer einjährigen Studienreise nach Italien sind eröffnet: a) bei dev ersten Stiftrmg ftir Bildhauer jüdischer Religion; b) bei de» zweiten Stiftung für Maler aller Fächer ohne Nuterfchied des religiösen Bekeuntuisses. Die Betverbuug hat bis zum 28. Februar 1903 zu erfolgen; die Entscheidung wird du Monat März getroffen lverden. Aussiihrliche Programme, welche die näheren Bedingungen der Zulassung zu diesen Wettbe!verben enthalten, können auch von den Knust- Akademien zu, Dresden, Düsseldorf, Karlsruhe, Cassel, Königsberg i. Pr., München, Stuttgart, Wien, de» Kuustschule zu Weimar, dein Schlesischen Museum für bildende Künste in Breslau, sowie von dem Staedel'schen Klunstiiistitut zu Frankfurt et. M. bezogen werden. Der Parteitag der fretsinnigen Volkspartet tu Hamburg hak einen Antrag ans Königsberg angenonnnen, der für uns von besonderem Interesse;ist. Re^htsmtwall Gyßking hatte diesen Antrag eingebracht, der verlangte, daß die parlamentarischen Vertreter der Partei bei sich bietender Gelegenheit mit aller Energie für die praktische Durchführung der vollen Gleichberechtigung aller Staatsbürger energisch eintreten sollen. Aus dem offiziellen Berichte über die Veryandümgen entnehmen wir -darüber: Zunächst befiirwortet Gtzßlntg-Königsberg seinen Antrag betr. Gleichberechtignng mit Bezugnahme auf den Fall Löhning. Männer jüdischer Abstammmtg oder bürgerlicher Herkunft oder politisch mißliebige Männer würden unter Mißachbtng von Verfassung und Gesetz zurückgesetzi. Redner bittet den Parteitag, dagegen Protest zu erheben. Abg. Kopsch bittet, den Fall Löhning herauszulassen, da dieser Fall nicht vereinzelt dastehe. Redner wendet sich gegen die Ausführungen des Justizministers im preußischen Abgeordnetenhause gelegentlich des Antrages Peltasohn. Der Minister habe von Imponderabilien gesprochen, mit denen er zu rechnen habe. Das beiße Willkür an Stelle von Reckst und Verfassung setzen. Dagegen müsse der Parteitag protestieren. (Beifall.) Der Antrag Ghßling wird einstimmig angenommen. Er lautet: Der Parteitag bedauert, daß uoch immer eiu Teil mtserer Staatsbürger seiner

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