Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 43 (24.10.1902)
- Date
- 1902-10-24
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 43 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 24. Oktober 1902 Seite 3 Im Jahre 1803 finbeu wir Brandes wieder in Lanbcrq als Redaktenr des „Hakarinel" und als vielmnivorbenen, überall starr re gehörten Volksredrrer. Gegen Ende des Jahres 1806 übersiedelte der Verstorbene nach Wien, Um er bis zu seinem Tode als Journalist für dre jüdi'sch-notioimle Sache tätig war. Seit der Begründung ses „Jüdischen Volksblati", tvelches ihm manchen trefflichen Aufsatz auf dem Gebiete der hebräischen, und Jargonliltemtmi ftit verdanken hatte, gehörte er denn RedaMonsverbände dieses Blattes an. Sein Tod ist ein herber Verlust für die moderne hebräische Literatur. Das wahre Judentum lvird seirr Andenken ehrend bewahren. * Das Begräbnis. Am 20. d. M., vormittags 10 Uhr, wurde Brandes unter großer Beteiligung seiner Freunde und Gesinnunqsgenossen zu Arabe getragen. Außer», sämtlichen zionistischen Korporationen waren die Redaktion des „Jüdischen Volksblatt", die „Indische Volkspartei", die Mädchen- und Frauenvereilie „Hadassah" und „Bikiir Choliin", die Buchdruckerei „Jndilstrie" u. a. m. vertreten. In der Leicheiihalle spracheii aii der Bahre des so früh verstorbeneii Schriftstellers der Rabbinatskandidat Dr. Mehrer, dessen treffliche Leichenrede wir an aiiderer Stelle reproduziereii. Die rhetorischen Vorzüge dieses küiiftigen Rabbiners riefen bei den Zuhörern Vewruideruiig hervor. Hierauf sprach D r. L. S o f e r im Namcii der Redaktion des „Jüdischen Volksblatt" wann empfundene Worte des Abschieds. Am offenen Grabe gab Architekt Oskar Marmore! geriihrt der Trarrer des zionkstischeii Landeskomitees Ansdruck. Hierauf nahm Herr M. Ehrlich, ein alter Freund des Verstorbenen, in gcistvolleii Worten die Verdienste Brandes' würdigend, Abschied vom Dahingeschiedenen. Nun würdigte Dr. Leopold Kahn in meisterhaftem Hebräisch die Verdienste Brandes' um die hebräische Literatur und des zionistischen Gedankens. Nachdem Dr. K a m i n k a , ebenfalls in der Sprache der Propheten, dem Verstorbenen einen gefühlvollen Nachruf widmete und jur. Alexander Hausmann die Trauer der zionistischen Juged mit beredten Worten zum Ausdrucke brachte, widmete Redakteur Jakob Krausz dem Verstorbenen Im Namen der „Jüdischen Volkspartei Oesterreichs" einen gefühlvollen Nachruf. Das letzte Wort, das am Grabe Braudes' gesprochen wurde, klang in der Sprache Brandes'. Es war der in klassischem Hebräisch vorgetragene Abschiedsrnf des Herrn David R o t h b I u m im Namen der Verbindung „Bar Kochba". | Würdevoll verlief das Begräbnis des jüdischen Schriftstellers, würdig des Toten der nach wcchselvottem Leben zur ewigen Ruhe bestattet und würdig der nationalgesinnten Gemeinde, welche zur letzten Ehrenbezeugung für den Dahingeschicdenen erschienen war. Brmldes. wenn bit über deine Bestattung selbst verfügt hättest: sic wäre nicht würdevoller verlaufen. Das offizielle Judentum hielt sich fern, kein Rabbiner sprach cm deinem Sarge, aus deinem Kampfe für's Judentum blieb dir nicht so viel, um den Herrn Oberrabbiner bezahlen 31t können. Ein altes, geflicktes Bahrtuch legten sie auf deinen Sarg: cs war das Symbol deines von tausend Rissen und Nähten gequälten Lebens. .Bor einiger Zeit starb ein Klaqueur; er erarbeitete sich ein Vermögen; zwanzig Gulden vermochten es, das; der Wiener! Oberrabbiner ihn als Förderer der jüdischen .Kunst verherrlichte; du mußtest oft in die Hände klatschen, damit du nicht frierst und | die großen und herrlichen Gedanken aus der Tiefe deiner Seels schöpften und niederschreiben konntest; da hast dr: keinen Anspruch mlf Ehrilng. Rektor S ch w a r z weigerte sich trotz der an ihn ergangenen Aufforderung, die Trauerrede zu halten. Ohne Sang' und ohne Klang von Seite der Offiziellen, aber mit wahrer, tiefer Trauer von Seite deiner Freunde, die dich verstanden, bist du zrr Grabe getragen worden. Wärest du erwacht, du hättest gelacht und gesagt: seht ihr, das ist eine Religion — das andere ist das Leben! Gernmviher Srief. (Die Geschichte einer jüdischen Demokratie.) Vor: Dr. Mayer Ebne r. I. Die Bukowina tvurde schon oft das jüdische Eldorado genannt. Nicht mit Unrecht. Es gibt kein Land in Oesterreich, wo sich der Jude freier, stolzer fühlt, kein Land auf der Weit — wo die Juden als solche eine politische Bedeutung beanspruchen und mrch haben, als gerade in diesem Ländchen, das vor 127 Jahren an Oesterreich gekommen ist. länger — mrii hier wegen meiner Tochter — die ist im SpiÜal — sehr krank — sie wollte mich sehen und da bin ich hergekommen —" „Und warum sagten Sie —angeschrieen —?" „Ja — ich bin hier fremd — und da dachte ich — du willst jemanden fragen, wo die Synagoge ist — von dort ans sagt man dir schon Bescheid — und am liebsten frage ich einen Juden — der lveitz doch Bescheid — und da sah ich einen Heran — der sah ziemlich jüdisch ans — so — mir schien . . . das heißt — ich dachte schließlich — weiß er nicht — nun, ein Christ kann doch auch anständig nein sagen — ich fragte also wie Sie-aber da wurde er so :— so wild — blickte mich wütend a'N: „Ich Weiß nicht — Jude!" Womit habe ich das Schimpfen verdient?—?" Er schwieg. Wie ein wilder, chaotischer Eindruck 'trafen luich seine Worte . . . Die Wogen innerer Erregung türmten sich hoch!. . . Warum ist dieses Wort „Jude" ein Schimpfport? Warum? Warnm ist das Wort so ein Mißklang geworden,? Herr Gott! Warum,!? Ist es doch die Benennung eines Volkes voll unbändiger Energie und kecker Lebensfreude — warum wirkt es so häßlich? Sind wir daran schuld? Nur lvir allein? Der Fremde gab mir Antwort: „Wissen Sie«, was ich ihnr dann nachrief — „Christ"! — schrie ich ans voller Kehle. . ." Ich verstand ihn nicht. Er gab min willig die Erklärung : „Wenn ein solcher Mensch Christ ist, — ist Christ ein Schandname wie der — „Jude", den er mir zugernfen..." Ich lächelte schivach und bitter . . . Mich überkam ein'Seele und Geist enilatteudes Gefiihl — wie ein langgezogener, klirrend-iöneuder Sang — wie eine dahim sterbende, verhallende, wehmütige Fm ge an das Schicksal . . . . Nirgends Harmonie.?—? In diesem Lande ist es wieder naturgemäß die Hauptstadt — Czernowitz — in der die jüdische Machtstellung mn besten sich entfalten konnte. Czcrnotvitz hat die größte Jndengemeinde des Landes. Hier bilden die Inden rund ein Drittel der auf 70 000 geschätzten Gesamtbevölkernng der Landeshauptstadt. Dieses Verhältnis —1:3 — rechtfertigt aber lange ruckst die politische Bedclitmig des jüdischen Elementes. Andere Städte in Oesterreich haben gleichfalls große Judengemeinden, aber nirgends vermochten sie cs zu einem nennenswerten politischen Einflüsse zu bringen. Wie das gekommen ist? Es ist ein ziemlich intereßantes und sehr lehrreiches Kapitel, das ich da erzählen will: „Die Geschichte einer jüdischen Denrokratie". Diese Demokratie steht jetzt ans dem Höheprmkte ihrer Machtstellung; was jetzt konnnen muß, ist der Verfall .... Als kleiner Knabe Pflegte ich mich in die, Versammlungen, die in der Jndengemcinde stattfanden, heimlich einzuschlcichen, um die Reden zrr hören und die damaligen jüdischen Machthaber von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Zweierlei blieb mir aus jener 1 Zeit in lebhafter Erinnerung: die Herrschaft der sogenannten ' „Familie" einerseits und die permanente „Gefahr des Judentums" andererseits. | In der Jndengemcinde zu Czernoivitz!var damals eine große weitverzlveigte Familie ton- und richtunggebend. Sie besetzte alle Ehrenstellen in der Gemeinde mit ihren Söhnen, Schwiegersöhnen, Vettern, und Oheimen. Sie saßen iin Präsidium der Knltusgemeindii, in der Handelskammer, im Gemcinderate. Sie entsandten ihre Leute in den Reichsrat, treue Vasallen der einstigen deutsch-liberalen Partei, in den Landtag und andere Vcrtretnngskörpcr. Das jüdische Volk stand machtlos diesem jüdischen Patriziat gegenüber. Die Aristokraten behielten bei allen Wahlen ' Oberwasser und wenn die wenigen Schreier gar 31t laut wurden, . entrollte man die Fahne des Propheten und mit dem Rufe: I „Israel sei einig, das Judentum ist in Gefahr!" trieb der Kultusgewaltige mit seinem. berühmten Stecken die störrige Gemeinde znr Wählurne. Aus jener Zeit stammt auch das Hieramts , geflügelte Wort: „Kahal ist Eisen", das will heißen: „Die Gemeinde ist in ihrer Einigkeit so stack wie Eisen." Dieses widerliche, lächerliche Schauspiel wiederholte sich jahrzehntelang, so oft eine öffentliche Wahl ausgeschrieben wurde. Die „FannNe" b 'i''id sch im ungetrübten Besitze der Macht und nützte sie fleißig für ihre selbstsüchtigen Zwecke ans. Ohne Sinn für die wahren Interessen der jüdischen Gemeinde, ohne Herz und ohne Liebe für die jüdischen Briider, politisch unselbständig und blind ergebene Partisane der deutsch-liberalen Klique, geistig rückständig und bis zum Ekel stolz und aufgeblasen — müßte es früher oder später zu einer Reaktion gegen die Herrschaft der jüdischen Oligarchen kommen. Diese Reaktion bereitete sich zuerst in den Gemütern vor, bis der richtige Mann erschien, dar die „Familie" arns Haupt schlug Diese jüdischen Aristokraten — der Adel war nebenbei bemerlc noch sehr jungen Dati ms — begingen den Fehler, den herrschende Kliqrien immer begehen trotz aller Lehren der Geschichte: sic duldeten keinen Nachwuchs aus der „misera Plebs contribueues", sie verwehrten jedem „Homo novns" den Eintritt in ihre Kreise; sie konnten es nicht über sich bringen, aufstrebenden jüngeren Leuten einige Bro.cen ikrer Mack't zu geb'n, um für sich die großen Billen zu bew ihren, u>>d c r di rer Engherzigkeit, an diesem unklugen Egoismus ging die politische Macht der „Familie" zugrunde. Il Der richtige Mann war gekommen. Es war in der Btitte der Achtzigcrjahre, als ein junger Mann recht hörbar an der Türe der Gemeindestnbe pochte. Ahnten die Häupter der „Familie" schon damals, das; dieser junge Mann mit der Stentorstimme, den markanten Gesichtszügen, dem energischen Auftreten, dem temperamentvollen Ungestüm ein Eroberer, ein Sieger — ihr Besieger sein wird? Sic scheinen es geahnt zu haben, denn sie versuchten Tür und Tor zu sperren vor dem kühnen Eindringling. Aber vergebens! Er hielt Einzug in die jüdische Gemeindestube, wurde! Vorsteher, Gcmeinderat, Präsident vieler jüdischer Vereine und ' Anstalten — kurzum ein neuer Stern war erglommen, der alle anderen zu überstrahlen anfing. Noch ivar es für die „Familie" Zeit, einen Teil der Macht und die Ehre zu retten. Einsichtige rieten sogar, den neuen Mann zu rezipieren, man machte sogar einen Versuch, ihn politisch an die PaAei zu fesseln, aber man meinte es nicht aufrichtig mit ihm. Im übrigen tvar er nicht der Mann, der sich so leicht einschläfern ließ. So entbrannte der Kampf. Es war ein Kampf des Neuen gegen das Alte, des Jungen gegen Gebrechlichkeit und Greisenhaftigkeit, ein Kampf der Vokksmasse gegen eine handvoll schwacher, zum großen Teile bornierter Aristokraten. Es war vorausznschen, auf welcher Seite der Sieg sein mußte. Aber so leicht ging es nicht. Die Inden sind trotz allem konservativ; sie anerkennen einen politischen Besitzstand und rütteln nicht gerne <m dem Alten, ehrwürdig Hergebrachten. Lange schwankte der Kampf. Da kain der neuen Richtung ein unbesiegbarer Bundesgenosse znhilfe — der Tod. Die Häupter der „Familie" waren schon alte Leute, für politischen Nachwuchs hatten sie nicht gesorgt. Sie starben einer nach dem anderem Die zurückgeblieben waren nach dem großen Sterben, waren Schwächlinge, Opportunisten. Sie beugten sich vor dem dienen Herrn und empfingen von ihm die alten Ehren als neue Lehren .... iir. Mit dem Siege des Dr. Strauch er über die „Familie" begann die Herrschaft d e r jüdischen Dem 0 krati e. Man sah bald die tvohltätigen Früchte des neuen Geistes. Was welk schien, tvurde lebendig, was alt und abgenützt tvar, ward wieder jung und lebenskräftig. Der nimmermüde Mann erzog sich die Massen zu reiferem politischen Verständnis. Keiner vor ihm hatte so viele Volksversammlungen abgehalten wie er; keiner wußte so zum Volke 311 reden wie er; er verkehrte mit dem ''Niedersten wie mit Seinesgleichen. Die einst in dumpfer Abgeschlossenheit, iri unsäglicher Verachtung und Niedrigkeit lebten, zog er hervor. Er zeigte ihnen, daß "sie, die Kleinen, die Kleinsten in der Gemeinde, der erste Mnchtfaktor werden können, weil sie mit der brutalen j Wucht der Ziffer anftreten können. So wurde Dr. Strancher der populärste Mann in der jüdischen Gemeütde. Als nach dem Tode. deö Abg. Dr. Rott das Reichsratsrnandat frei wurde, trat Dr. Strancher als Betverber auf. i Die letzten unversöhnlichen Reste der „Familie" taten sich' znsmnmen zum letzten rühmlosen Kampfe. In ihrer Verlege,cheit! bei der Such' nach einen geeigneten Gegenkandidaten verfielen sie! auf den unglücklichen Gedanken, den greisen Bürgermeister der Stadt ihm entgegenzustelle». Dr. Strancher wurde mit großer, Majorität gewählt. — Das ivar der große Sieg der jüdischen! Demokratie. j Dr. Strancher wurde der unbestrittenste Führer der ganzen Jndcnheit des Landes; sein nustvolles Auftreten im Reichsrate fick)erte ihm die Achtung der weitesten jüdischen Kreise im ganzen Reiche. 1 Diese Machtstellung des Mannes und der mit ihm znr' Geltung gekommenen jüdischen Demokratie zeigte bald ihre wohl-' tätigen Wirkungen. In der Gemeirrdevertretung waren die Juden i in einem Verhältnisse wie 19 : 60; von den elf Abgeordneten des Landes sind zwei Juden. Den größten Sieg erfochten wir bei j den letzten Handelskammer-Wahlen. Die Inden erhielten 18 von > den 2-1 Mandaten. Dabei hat es diese jüdische Demokratie gut verstanden, mit allen Nationen des Landes Frieden zu halten. Bei den letzten Kämpfen im Landtage standen die jüdischen Abgeordneten mit allen Parteien auf gutem Fuße, während sich alle herumbalgtcn. In unserem Lande ist man beleidigt, lvcnn man Antisemit gescholten wird. Alle Parteien bemühen sich um die wertvolle politische Bnndesgenosscnschaft der Juden. Jüngst wollten die Katholischen int Gemcinderate eine Schenkung ans Gemeinde- Mitteln für katholische Zwecke erlvirkcn. Wäs taten sie? Sie stellten vor diesen Punkt der .Tagesordnung einen anderen: „Schenkung eines städtischen Grundstückes zur Erbauung eines Bethauses Beth Jizchok". Beide Schenkungen gingen im Plenum glatt durch. Unsere Stadt hat eine schlechte Alltags- und eine gute Feiertagsbelenchtnng. Auch an den Vorabenden aller jüdischen Feiertage erstrahlt die ganze Stadt im festlichen, elektrischen Bogenlichte! Ob das in einer anderen Stadt der Welt möglich ist?!! IV. Die jüdische Demokratie steht auf dem Höhepunkte ihrer Machtentfaltung. Und das ist schlimm. Wie lange kann und wird sie sich auf diesem Höhepunkte erhalten? Da komme ich zu dem Punkte, wo die Sache ein Loch hat. Diese ganze, in ihren Umrissen — abgesehen von einigen Auswüchsen — großartige jüdische Demokratie ist auf die z>vei Angen des Dr. S t r a u ch c r gestellt. Mit ihm steht und fällt der ganze kühne Aufbau der relativen jüdischen Snperiorität. Ein unglücklicher Zufall — und alles fällt zusammen, was Fleiß, Mut, Redlichkeit mtib Klugheit scheinbar so sicher gezimmert haben. Das haben einige Einsichtige vor Jahresfrist erkannt, als sie den „Jüdischen Volksvcrein in Czernoivitz" gründeten. Sie wollten die agitatorische und organisatorische Kraft des Dr. Strancher mit einer dauernden Institution verknüpfen. Der Jüdische Volksverein sollte das Zentrum alles jüdisch-politischen Lebens im Lande Ivcrden. Er sollte Sammelpunkt und zentrale Leitung werden. Alle politischen Aktionen — bisher glückliche Emanationen eines Geistes — sollten von der Autorität einer Gesamtheit getragen sein. Aber da zeigte sich, daß die elementare Kraft, die erstürnten, erobern kann, sich in die Gesetzmäßigkeit eines V e r e i n s r e g l e m e n t s nicht — füge n kan n. Der Volksbefreier wird znm Diktator. Mit der Kraft einer gewaltigen Suggestion wird e i n Wille zum Willen aller. V. Wie aber, wenn die Frage anftaucht: Wird es immer so sein? Wird dieselbe starke Individualität für alle absehbaren Zeiten führen? Hat die Judenschaft unseres Landes jenen Nachwuchs, der würdig und kräftig genug wäre, die Führung mit starker Hand zu übernehmen? Hat sie jenen Nachwuchs, der das offene Herz und den klaren Geist des Führers haben muß, um unsere Judenheit znm Heile zu führen? Ich weiß es nicht. Aber Dr. Strancher sollte ans dem Fehler derer, die er einst zertrümmert, den weisen Schluß ziehen, allen jungen, fähigen, t a p f e r n N a ch w u ch s um sich zu scharen, die Autorität einer j ü d i s ch - p 0 l i t i s ch en Z e u t r a l l e i t n n g zu stärken und das Werk zu vollenden, das er so ruhmreich begonnen. Hungarische Sriefe. (Die Geheimnisse der Regierung.) (Original-Korrespondenz des „Jüdischen Volksblatt".) Auf, Jude, erwache! In meinem ersten hungarischen Brief, der bei meinen lieben Landsleuten nicht wenig Aufsehen erregte, bin ich eigentlich gar nicht dazu gekommen, mich mit den Juden des Näheren zu befassen. Für sie gilt dasselbe Wort, das mir einst ein österreichischer Jude über seine Stammesgenossen sagte: Sie leiden an einem lieber fluß von Idealismus in der Politik und einem Ueberfluß von Realismus in den Geschäften. Mehr Realismus in der Politik und mehr Idealismus in den Geschäften! Das muß ihr Losungswort werden. Man muß nur mit ansehen, mit welcher Schroffheit ein ungarischer Jude in einem slovakischen, ruthenischen oder schwäbischen Dorfe den magyarischen Standpunkt verficht, ohne daß er bedenkt, daß er dem Boykott seiner Umgcbnng ausgesctzt ist, ohne daß die magyarischen Machthaber für ihn auch nur einen Finger rühren werden. Im Gegenteil, die Regierung hängt sich rasch ein sozialpolitisches Mäntelchen um und unterstützt die nationale Boykvttbewegnug. Haben denn die ungarischen Inden noch immer nicht den Machiavellismus der ungarischen Regierung durchschaut? Die ungarische Regierung sieht ein, daß sie die Nationen zu offener Empörung treibt, wenn sie geradezu ihre brutale Magyarisierungspolitik weiter treibt. Sie muß daher von Zeit zu Zeit den Nationalitäten ein Stück Fleisch zum Fräße vorweifen, um die Aufmerksamkeit derselben abzulenken. Und wer möchte als Sündenbock besser taugen als die Inden; soviel Europäerlum haben die lieben Magyaren schon gelernt. Und zwar besorgen diesen Teil der Regierungs-Geschäfte teils die Agrarier in der — liberalen (!) Partei, die neuerlich ein separates Erösfnungsbankett gaben, um auch äußerlich zu zeigen, daß sie mit den „Merkantilisten" alias Juden nicht an einem Tische sitzen wollen, teils die Volkepartei und die Ugrvnisten. Denn wir wollen ein zweites Geheimnis der ungarischen Regierung verraten — es gibt in Ungarn keine Opposition oder vielmehr nur eine Opposition auf Befehl der Regierung. Nichts ist z. B. ans staatsrechtlichem Gebiete der Negierung willkommener, als die Opposition der Kossnth- Partei, und während Minister und Kossuthianer mit verzerrtem Gesicht und schäumendem Mund einander die ärgsten Gemeinheiten an den Kopf werfen und der dumme „Schwöb" in Zisleithanien, bedient von einer Presse, die, soweit sie nicht bestochen ist, im Sinne Österreichs schreibt, glaubt, daß zwei wütende Gegner sich in den Haaren liegen, lächeln sich die beiden Auguren vom Stamme Arpad im Geiste zu und in den Couloirs sagen sie es ganz laut und ungeniert: Das wird hoffentlich in Wien wirken und wenn es zu schwach ist, machen wir hat morgen noch größeren Lärm. Und es wirkt in Wien. Rasch wird der Minister ans Hoflager befohlen und er setzt im alleruntertänigsten Tone auseinander, daß man Hungarien dies und jenes, jenes und dies bewilligen wüste, sonst könne das Band, das Ungarn und Oesterreich mit der Dynastie verbindet, Schaden leiden, und das könne sein Patriotismus nicht verantworten . . . Und die Gent'Y bekommt dies und jenes