Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 43 (24.10.1902)
- Date
- 1902-10-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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«rdartwn: n/3. Lropoldsgaffe 49. EpriikhftvttLen r titn »Ävchcrttagm von 3 -Jtc 4 Uhr nachmittags. MdiMeS WottSdlatt, Wie«, ii[3 Veschrveer-«« teeret W!*fttri«c vdrr juc uichr «tfolcjtee M-irlllMg erbitte» «vir «NS drinfflnü. - fflexiitlviiSiie ioerLem ait?4 zurückgestellt. 'llo^!parcaflrn-o«nko s*?03?, I» das Äboimc^.snr kann «ran ISstUch etuircten. ---■-❖ AHM jede« Mas müm aiiftattKfwsa vsL 'smi!W-ttchsn Vv!Kvvsrrtti -«wSMsrr IWjertile Ichlrurbmen dir Firmen: I. ^Kluinrbrrg, M. Dukes, Haase».' '/ero » Vogler, Rudolf Vvffe, A. OvpeM, M. Hozl-mut, N. Schalek in Wen, ferner ufTc ffliiitmirji'^'jfcshthone» itn AuSlande. GMHÄ'MkSMmer i-s Wir« IG Heller. Mdminiltrakion; H/3. Leopold-sgaste 49. TelePh-n-Nr. 14723 NbormemetttSpreiS: Telephon-Nr. 14723 8ür Wien «. ^esler-r-tch.Ungar« lammt Frau, oz.'.'leltilna. Ganzjährig vierteljährig Kr. «.- . 4.— „ 2.- Fiir das gesammte AuSlaad sammt Francozustellung. Ganzjährig . Halbjährig . Bierteljährig .Kr. 9.— . 45« . „ 2£S Ur. 48 WSU> 34. Oktoder 1903 (33. Tischri 5663). IV. Jahrgang. "U." ■■ ■■■■■Tmihihi—iiw!■■■■ um iiMiwra<rw &wnaMnSM«MmvRnMci«B An unsere geschätzten Abonnenten! Mit dem 1. November beginnen wir mit der Drucklegung einer neuen Auflage von Adreßschle'ifcn. Wir bitten alle diejenigen unserer Abonnenten, welche eine tu angelhafte Adresse auf der Schleife haben, uns dies u m - gehend mitzttteilcn, damit wir dies bei der Drucklegung richtigstellen können. Gleichzeitig bitten wir diejenigen unserer geschätzten Abonnenten, welche mit dem Abonnement im Rückstände sind, uns den Betrag einzuscndcn, damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechung etiltrete. Die Administration. Taufschein—juden. Wonv diese christlich - soziale Partei mit dem Christentum identisch , ist, wer soll sich nun diesem Christentum mischließen? Eine solche christliche Partei ist nicht in der Lage, Proselyten zu machen. (Ans der Kandidatenrede Z i s f e r e r s inl Saale des „Hotel Continental".) Die Worte, die wir an die Spitze unseres Artikels scheu, gewähren unwillkürlich Einblick in das Bekenntnis einer schönen Seele. Was bewegt das Herz eines Inden heute beim Anblicke aller Leidenschaften, aller entzügelten Bolkselemente, die an dem Baue rmstres Volkstums rütteln? Vielleicht die Sorge, wie mau jene Massen! abwehron.. kimln-te, ..oder.vielleicht di»e Untersuchung. wie-.mau jenen Bau festigen könne? 0 nein; die Furcht, daß die Kraft der ch r i st l i ch e n Religio n, Proselyten zu machen, durch das rüde Auftreten ihrer Bekenner l e t d e n könnte. Das ist keine Phrase. Wir haben schon seinerzeit betont, daß es in der Schichte der reichen jüdischen Bourgeoisie, der der Redner, dein dieses unfreiwillige Geständnis entschlüpfte, angehört, kaum e i n e Familie gibt, die nicht: mit dein Gedanken an öm Uebertritt spielt; es ist nur eine Sach!e der Berechnung oder des Zufalls, wann dieser Schritt wirklich vollzogen wird. Leider hat diese Seuche auch auf die akademischen Kwife, die dieser Bourgeoisie vielfach entsprießen oder sich mit ihr verschwägern, übergegriffen. Oft ist zwar der Jude vor die Frage gestellt, entweder auf die akademische Karriere oder.auf das Judentum zu verzichten; ma!ni verlangt dieses Gewissensopfer von ihm und er erliegt der Versuchung. Wenn man: aber die folgende Liste durch¬ FrMeton. Wiegenlied. Bon Leo Sofer. Im Volkstone. Schlaf, rneiu schöueS Kindchen, schlafe, noch zu jung zu leiden Strafe, Strafe, die da heißet hassen, was am End marr kann llicht laffcit, die da heißet gerne leiden, was am liebsten man möcht meiden, die da heißet rlthloS wandern, weit — von einem Ort zum andern. Schlaf, mein schönes .Kindchen, schlafe, jetzo Herr, einst bist du Sklave. Jetzt ist jeder Freund dem Schatze, Gäste, Diener, Hirnd und Katze, lachst mit deinen sch,varzen Augen, wenn du an der Brust kannst saugen. Lebst führwar in Salls und Braus, Herrschest übers ganze Haus. Schlaf, mein schönes Kindchen, schlafe, Mlltter wacht an, Bett, die brave, wacht mit Kununer, Sorg und Bange, daß nach dir die Welt auch lange einst mit Schimpf und Spott und Hohn, die du' einst erlöst, zlun Lohn. Wird n,eiu Prinzchen arg dann schmälen, Kununer ,vird die Tage zählen. sieht, so findet man, daß die Juden öfters, nachdem sie die Dozentur oder die Professur erlangten, sich taufen ließen; der eine, um bequemer den Adel oder Orden zu erjagen, der andere, um sich eine arische Klientel zu ergattern, der dritte „seiner Kinder wegen", der vierte einfach, weil es heute Charakter erfordert, Jude zu bleiben, und er eben keinen Charakter besaß, und jener schließlich, weil er einem assimilatorischen Milten entsprossen, jeden Zusammenhang n,it dem Judentum verloren hatte. Wir lassen nun ein Verzeichnis der Taufschein- Jude n, T a u f—s ch! e i n j u d e n folgen, das aber durchaus n i ch t Anspmch auf Vollständigkeit macht. An der m e d i z i n i s ch ei, Fakultät sind folgende Dozenten und Professoren getauft: Schess, Basch Samuel, Kunn, Tandler, Müller, Gerstmy, _ Schnabl Isidor, Ko lisch, von Distel, Latzko (Schwiegersohn des Alexander Scharf), Schlesinger, von Friedländer, Pal, Büdinger, Herzfeld, P. Fraenkel, ferner die Söhne und Nachkommen der Professoren und Dozenten Kaposi, Schenk, Samuel, Neumann (Autor des berühmten Ausspruches: „Es gibt keinen Antisemitismus! Bin ich denn.nicht Hofrat geworden?"), Gruber, Stern, Störk, Bamberger. An der j uridisch e n: Menzel, S. Wler, Löffler, Ungar) v. Schey, Grimberg, Schiff, Sieghart (der Schwiegersohn des Hofrats Grünhnt). An der philosophischen: Sueß, Wiesner, Hartmann, Weil von Weile!:::. Uns sind' diese Herren persönlich ganz gleichgiltig, ja, wir wollen einigen den Tribut der wissenschaftlichen Anerkennung gerne zollen. Wir mußten aber auch' einmal diesem Perfonem frage nähertrete::. Erstens soll jeder volksbewußte Jude wissen, ob er >es mit einem Abtrünnigen oder mit einem treuen Sohne feines Volkes zu tun hat, und zweitens, stell man nicht, länger das Spiel treiben, jungen Talenten mit der Begründllng, die Habilitierung zu versagen, daß die oder jene Fakultät verludet sei. Drei Viertel derer, die man als Juden zählt, hallen. schon dem Judentum den Rücken gekehrt und zählen! Mtoeife zu seinen Gegnern. Das muß endlich allgemein anerkannt werden. Unsere Volksvertreter an der „Arbeit". Am 16. d. M. ist nach mchrirnonatlichen. Ferien das österreichische Abgeordnietenharls wieder zusammengetreten. Daß wir Juden von diesem „hohen Haufe" nichts erwarten, haben wir bereits in der letzten Nu innrer unseres Blattes vor Eröffnung desselben, erklärt. Die wenigen bisher stattgefundenen Sitzungen der Schlaf, mein Kindchen, schlafe gut, bald mußt leiden dir als Jud. Deshalb nmß ich immer weinen, seh mein Glück ich an, dich Kleinen. Denn auch beinetx großen Augen wird das Lachen nicht mehr taugen, wenn dir siehst ihr böses Treiben — langsam wird es dich aufreiben. Doch jetzt muß ich wieder lache::, Hoffnung komint auf schwankem Nachen. Traun, du wirst einst groß und stark, klug und treu bis in das Mark, wirst nicht auf dein Volk vergessen seiner Leiden Tiefe messen, aus der Not cs kühn befreien, führen es zu neue n Maien. Reuben Ascher Sraudes. Trauerrede, gehalten von Gabriel Max Mehrer. Geehrte Trauerversammlung l Mehr als sonst, glaube ich, bewährt sich an Rubin Ascher Brandes jener schöne Gedanke in der Behauptung eines alten Weisen, daß bei der Erschaffung des Menschen die Materie seines Organismus gleichsam ans dem Evdstaube aller Weltteile gebildet worden war, weshalb der Mensch sich auf keinem Punkte der Erde fremd zu fühlen brauche. Denn weit entfernt ist seine Grabesstätte von seiner Wiegestätte. Weit, weit von seinem Geburtsort, feint, feint von jenem Osten wird Rtlbin Ascher Brandes zur ewigen Ruhe gebettet. Es ist der wahre Wanderjttde, dett die Wogett des Lebetts nach mannigfachem Hut und Her cm ein fremdes Ufer gebracht. Aber tteitt, nicht ist Brandes diese Erde und nicht ist er dieser Erde fremd. Die Mattier Erde, die die sterblichen Neste eines Jsak Noa Mmtnheimer und Adolf Jellinek birgt, ihr Volksvertretung sind ein trauriger Beweis dafür, wie berechtigt unser Pessimismus ist. Natürlich steht wiederum der deutsch-tschechische Streit und die geplante Verständigungsaktion des Ministeriums Koerber im Mittelpunkte dar Diskussion. Nach dem, was aber diesbezüglich im Parlamente von jungtschechischer Seite und außerhalb desselben von tschechisch-ravicaler und deutsch-radikaler Seite gesagt mb — gedroht wurde, ist alles leider eher zu erwarten, als die Beendigung des deutsch-tschechischen Haders, unter dem die gesamte österreichische Monarchie und alle seine Völker, nicht zum geringsten Teile die Juden so unendlich leiden.; Es kommt wahrhaft viel weniger die Tatsache m Betracht, ob das Sprachlmgesetz in allen Einzelheiten akzeptiert 'ist — nachdem das Ministerium selbst sich mit Abänderungen, die von den beiden Streitteilen im Einverständnis verjeiübavt werdest, eistverstanden erklären müßte und würde. — sondern das Traurige der Situation liegt eben darin, daß man die Koerber'schen Grundsätze hüben und drüben verwirft, ohne — sich über andere einigen zu können. Die verlogene Politik der parlammtarischen Parteien besteht nun darin, daß sie aus der einen Seite^ den Bero.rdnungsweg verwerfen und mit Recht ein Nationalitätengefetz fordern, andererseits aber selbst sich über ein solches nicht verständigen können und vo>r allem nicht wollen, ein Nationalitätengesetz der Regierung aber durch! Obstruktivnj zu vereit!eln drohen. Die Regierung aber müßte doch endlich sich darirber klar werd'en, daß die parlamentarischen Parteien Komödliä spielen und will sie nicht als. Förderer der Kionwdiauten erfcheilnen, aus den Tischt des^ Parlainentes ein gerechtes Nationalitätengesetz, sowie einen WahlresorangesetzentWurf, enthaltend! das a I l g e m e i n e, g l e i ch e und direkte W a h l r e ch t, niederleaen. Dann würden die nationalen Streithähne schon andcr'e Saiten^aufziehen. Es gibt ja doch nnr ein Entweder—Oder/' _ Wollen die nationalen Parteien ein Parlament, dann müssen sie sich verständigen und arbeiten für die gemeinsame w i r t!- s ch a: f t l i ch' e Wohlfahrt der G e s a m t h e i t a l l c r O c st e r r e i ch e r, oder sie treiben so weiter ihr demogogifches Spiel, dann sind sie die Pionnieve des — A bfolntis nt u s. Vor 10 Jahren, am 25. Geburtstage der StaatsgrNndgesehe, schrieb unser jüdischer V o lks g eno>sse Dr. Adolf Fi sch h o f, der unermüdliche. Verständigungsapostel: Das Surrogat der Volkseinheit im Nationalitätienstaate ist die Völkereinigkeit. Sämtliche Nationalparteieu Oesterreichs erkenüen auch: den: Wert, der Völkereinigung, aber sie wollen gehören auch die Gebeine des Rubin Ascher Braitdes. Wäs jene durch die gewaltige Kraft ihrer Zunge, was jene durch das flammende Wort der Begeisterung für Bildung und Aufklärung ihres Volkes, das hat Brattdes dttrch die große Kunst seiner in unserer heiligen Sprache geschilderten Erzählungen bewirtt. Gleich jenen zeigte er die Mängel, Schwächen und Fehler, die das gedriickte Ghettoleben den Juden anhaftete. In seinen scheinbar leichten Schriften waren Probleme über die Erhaltung und die Behaupttutg uttseres Volkes erörtert. In Nomanett, Novellen und Sctthren verstattd er es meisterhaft, höchstwichtigen Fragen über das jüdische Leben in der modernen Zeit nachzugehen. Friedrich Nietsche sagt einmal: „Nicht der Zorn tötet, das Lachen versetzt den Stoß!" Und das möchte ich besonders von seinen Schriften behaupten, in denen so mauche Schattenseiten des jüdischen Ghettolebens Hart getroffeti iverdett. Die von feinen Schriften und Arbeiten ausgegaitgene Strömung war bald nicht mehr zurückzichalten und Hunderte und tausende vott Talmndjüngertt seiner rttssischen Heimat und Poletts labten uttd laben sicli an feinen Worten. Die lieber? schrift des ersten Kapitels feines Meisterwerkes, des Romanes r-m rn-.-7 „Die Tradition und das Leben", die Frage, ich möchte schou sagen, die große Frage: .—irr erlaubt oder unerlaubt, die ja in einem übertragenen Sinne, nämlich nach der Berechtigmtg, Art und Weise des Nitualgesetzes, die sein Denken und ©innen erfüllte, diese Frage faud ein mächtiges Echo bei vielen, Dielen, die auf solche Weise zttr Aufklärung oder, richttger gesagt, zum Selbstdettkett attgeregt wordetr waren. Noch stehe ich unter dein starkett Eindrttcke, den die Wirkung jenes Buches auf mich ausgeübt. Noch stehen mir jene Gestalten, jene wahren jüdischen Gestalten und Figuren vor Angen, wie sie leben und weben, ihr Auf uitd Um, ihre guten, ihre schlechtett Seiten, alles, alles hat der Meister zu zeigeti gewußt. Noch ist jenes wunderbare Bild aufgerollt; ttoch sehe und höre ich jetten am Freitag Mend von Frau ttttb Kind umgebenen Vater die Sabbathengel begrüßen: n i tr rt -r^iyWilll'ontmen.ibrC'naelichcn'l'n! mit welebenWorlett dieses herrliche Kapitel betitelt ist. Nein, Brattdes war kein feindlicher, kein böser Kritiker, mit Herzensblnt hat er geschrieben, mit liebevollem Herzeit das zu verbessernde, aber auch das Schöne, das Gute im altjüdischett Leben gezeigt. Und er fand die Lösung ftir das Problem--- nn: rvn für die Art uttd Weise einer Versöhnung der Tradition mit dem ntodernen Leben, nicht. Es ist bezeichnend, daß er dieses fein größtes Werk nicht ztt Ende gebracht, indem er vielleicht keine eigeittliche Löftmg geben konnte oder geben wollte.