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Jüdisches Volksblatt · 1902-10-17 · 42 (17.10.1902) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
42 (17.10.1902)
Date
1902-10-17
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 42 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 17. Oktober 1902 Seite 5 und ich bin der Ansicht, daß eine derartige Gesetzgebung eine scheußliche Grausamkeit und einen Schandfleck für die moderne Zivilisation darstellt." Herbert Gladstone: „Ich beklage jede Intoleranz gegen die Juden, die dem Gesetze gehorchen, in welchem Lande sie auch immer wohnen mögen. Ich kann kaum daran zweifeln, daß die rumänische Regierung ihre Politik noch einmal in Erwägung ziehen und vermeiden wird, unrecht zu tun." Henry Broadhurst: „Die Rumänen verdanken einen großen Teil, wenn nicht ihre ganze Freiheit den Engländern, und wir haben ein Recht, von ihnen zu verlangen, daß sie jeden innerhalb ihrer Grenzen anständig und gerecht behandeln. Meiner Ansicht nach ist es Pflicht unseres Auswärtigen Amtes, Sie in Ihrem Humanitären Bestreben zu unterstützen." Professor Dicey (Oxford): „Der Vertrauensbruch von Seite der rumänischen Regierung erschüttert die Achtung vor Verträgen, welche schließlich die einzige Garantie für die Unabhängigkeit der kleineren europäischen Staaten bietet. Die Austreibung der Juden aus Rumänien ist eine direkte Benachteiligung anderer Länder, die dadurch von fremden und natürlich verarmten Auswanderern überfüllt werden." General Booth, Vorsteherder Heilsarmee, läßt mitteilen: „General Booth wünscht seine ernsteste Hoffnung zum Ausdruck zu bringen, daß es Ihrem Komitee gelingen möge, eine Aenderung des Gesetzes vom März 1902 durchzusetzen. Er ist der Ansicht, daß die verfolgten Juden in Rumänien in vollstem Maße auf die Sympathie aller Christen in diesem Lande Anspruch haben." Das von B o o t h erwähnte „Gesetz vom März 1902" ist das bekannte Gewerbegesetz. Anatole Leroy-Beaulieu schreibt im „Europeen" in einem Artikel, betitelt „Für die Juden Rumäniens": Selbst wenn die Mächte nichts tun, als einen ^platonischen Protest an Rumänien senden, ist auch das besser als das fünfundzwanzig Jahre beobachtete Stillschweigen. Europa würde zeigen, daß es sich von den allzu plumpen Fiktionen der rumänischen Gesetze nicht täuschen läßt. Der neue Kurs auf den Philippinen. Unter dem alten fpanischen Regime war es, außer der katholischen, keiner Religion gestattet, auf den Philippinen zu Zwecken von Kirchenbau oder Erziehungsanstalten Land zu erwerben. 'Gouverneur Taft ist es zu verdanken, daß dieses mittelalterliche Gesetz außer Kraft gesetzt und an Stelle desselben ein Gesetz dekretiertwurde, wonach „alle religiösen Genossenschaften ohne Rücksicht auf ihre spezielle Richtung" berechtigt sind, auf den philippinischen Inseln Land zn erwerben, um auf demselben Kirchen, humantiäre und Erziehungsanstalten zu »errichten". Gustav Wertheimer, der bekannte Tiermaler, ist in Paris im Alter von 64 Jahren gestorben. In Wien geboren, war er schon seit langen Jahren in Paris ansässig und seine Gemälde waren alljährlich im Salon ausgestellt. Seine bekanntesten Gemälde sind „Die Löwenbraut" und „Brutus Tod", wie er denn auch als Löwemnaler seinen größten Ruf erlangt hat. Wertheimer war auch eiir sehr guter Porträtmaler. In den letzten j Jahren war er auch aus der Mode und halbvergesscn, seine Ge-' inälde fanden keinen Absatz mehr und er lebte fast allein von den geringen Einkünften, die er für seine Reproduzierung seiner früheren Merke bezog. Keiner seiner Freunde wußte von seiner traurigen Lage,-da er zu stolz lvar, um sich ihneir zu offenbaren und ihre Hilfe in Anspruch zu nehmen. Am 24. August wurde er, durch Entbehrungen entkräftet, nach einem Krankenhause gebracht, wo er jetzt verstarb. In welcher Not er sich befunden, wurde erst bekannt, als der österreichische Konsul in der Wohnung die nachgelassenen Papiere in Verwahrung nahm. Defraudationen und Strikes in alter Zeit. Der Wiener Gelehrte Herr Dr. Marens Landau sendet der „Münchener Allgemeinen Zeitung" einige interessante Mitteilungen über Defraudationen und Strikes in älterer Zeit. Es heißt dort: „Was scheint uns moderner und mit dem modernen Bankwesen inniger verknüpft, als das Geldnnterschlngen und Durchgehen von Kassieren? Ans dem Altertum kann ich dafür freilich keinen Beleg beibringen, aber im Mittelalter kam so was schou öfters vor und wurde sogar b» sungeu. Vor einigen Jahreu hat Emilio Costa aus eiuem Pnrmeuser Codex des angehenden vierzehnten Jahrhunderts das Bruchstück eines Sonnetts auf einen Kommis der Bankfiliale der Bardi in Avignon, veröffentlicht, der sechstausend goldene Scudi defraudierte iitib mit einer Dirne durchbrachte. Im Dogenpalast, wv sich die betriebsamen Veuetiauer im „Saal der Zehn" eine Juno malen ließen, die der Veuetia Goldmünzen in den Schoß streut, sind in der Vorhalle auf Marmortafeln die Namen aller —> Kassendefraudanten verewigt. Aus dem Altertum erzählt Dr. Landau: „Einer der ältesten Strikes ist wohl jener der Bäcker der Schaubroke für den Tempel zu Jerusalem. Um die Strikeudeu zu bekämpfen, ließen die Tempelvorsteher Bäcker aus Alexandria komme», die aber ihre Kunst nicht so gut verstanden. Man sah sich daher genötigt, mit den Strikeudeu zu paktieren ittib verdoppelte ihre Löhne, obwohl die Ursache des Strikes nicht der geringe Lohn, sondern die Weigerung, Lehrlinge aufzunehmen, gewesen war!" Dr. Landau schließt feilten interessanten Aufsatz mit folgender Betrachtung: „So ivird in jeder Beziehung im Modernen das Alte, wenn auch oft modifiziert, wiedergefunden. Aber dieses Alte muß doch irgend eimnal neu gewesen sein. Vor wieviel tausend Jahren lvar es so? Sagt doch schon der Prediger Salomo: „Es geschieht nichts Neues unter der Sonne." Und damit ist auch bewiesen, daß der weise Rabbi Akiba eigentlich ein Plagiat begangen hat. Auch sei» „Alles schon dagewesen" ist schon vor ein paar tausend Jahren „dagewesen". Und vielleicht lvar das Diktum auch damals nicht mehr neu." Laut einer Statistik wurden in Rumänien 18 016 jüdische Handlverker gezählt, welche mit ihren Familien einer Bevölkerung von etwa 100 000 Seelen eutsvrechen. Die wirkliche Summe der Handlverker dürfte, da ans verschiedenen Gründen die Zählung in einzelnen Städten unvollständig ist, 21—22 000 betragen. Unter de» gezählten sind: 6 Grobtuchiveber, 110 Weber, 11 Waffenschmiede, 187 Barbiere, 710 Bäcker, 220 Kilmmetmacher, 3268 Schuster. 32 Stickerinnen, 66 Bürstenbinder, 31 Polierer, 23 Pappenmacher, 126 Hutmacher, 290 Wagner, 142 Kupferschmiede, 82 Zimmerleute, 110 Kistenmacher, 07 Zuckerbäcker, 828 Näherinnen, 69 Gelbgießer, 46 Lichterzieher, 1136 Spengler, 32 Blumenmacherinnen, 430 Schmiede, 763 Kürschner, 44 Graveure, 139 Uhrmacher, 18 Lithographen, 691 Maurer, 131 Matratzenmacher, 122 Mechaniker, 1050 Schreiner, 122 Modistinnen, 60 Passamcnter, 643 Häuseranstreicher, 118 Buchbinder, 46 Seifensieder, 88 Sattler, 160 Schlosser, 4446 Schneider, 79 Steinhauer, 129 Gerber, 176 Tapezierer, 173 Färber, 381 Küfer, 162 Drechsler, 90 Schriftsetzer, 269 Glaser. Die 18 016 Handwerker teilen sich in 13 141 Meister und besitzen nur 196 fremde oder rumänische Meisterbriefe. — Von den 3722 Gesellen und 1152 Lehrlingen sind nur 39 mit Zeugnissen versehen. — 731 Meister sind aus verschiedenen Gründen von jeder Steuer befreit, desgleichen 261 Gesellen und Lehrlinge, so daß die Zahl der von den Stenern Befreiten 982 beträgt. — Hinsichtlich der ökonomischen Verhältnisse der israelitischen Handwerker ist zu sagen, daß 5736 Meister und 1997 Gesellen und Lehrlinge ihren Lebensunterhalt verdienen und auf keine Unterstützung Anspruch machen können. Fügt man zu diesen beiden Klassen, die zusammen 7733 Personen ausmachen, die 982 Steuerfreien hinzu, so sind es (von den 18 016) 8716 Handwerker, die eines Beistandes nicht bedürfen. Die übrigen 9300 setzen sich alsdann zusammen aus 1. 2681 Meistern und 926 Gesellen, die teilweiser Hilfe bedürfen, 2. aus 4008 Meistern und 1086 Gesellen und Lehrlingen, welche vom Tage an, da das neue Gesetz in Kraft treten wird, der dauernden Unterstützung bedürftig sind. Von geschätzter rabbtnischer Seite erhalten wir folgenden Brief: Auch ein Wort zur Wiener israelitischen theologische,i Hochschule. In jüngster Zeit ist in einigen jüdischen Blättern gegen die Wiener israelitische theologische Hochschule der Vorwurf erhoben worden, daß sie ihrer Aufgabe nicht gewachsen sei, und daß sie den Erwartungen, die man bei ihrer Entstehung in sie gesetzt, nicht entsprochen habe. Gewiß muß es zugegeben werden, daß die Anstalt während der ganzen Zeit ihres Bestandes noch keinen einzigen an Gelehrsamkeit oder Beredtsamkeit bedeutenden Rabbiner hervorgebracht hat, aber diese Schuld der Anstalt beizumcssen, ist unbillig. DieAnstalt vermag nur vorhandene schlummerndeTalente zu wecken, zu entfalten, auszubilden und zur Reife zu bringen. Wo aber solche Talente nicht vorhanden sind, kann doch nicht von der Anstalt gefordert werden, sie zu schaffen. Wer z. B. keine oratorische Begabung besitzt, oder wer sich nicht von seiner frühesten Jugend an mit dem talmudischen Studium eifrig und fleißig befaßt hat, der könnte sein Leben lang auf einem Rabbinersennnar — und besäße es bie ausgezeichnetsten und vorzüglichsten Kräfte — zubringen, ohne je ein bedeutender Kanzelredner oder eine Kapazität auf talmudischem Gebiete zu werden. Sämtliche bedeutenden Kanzelredner und Gelehrte werden es freimütig eingestehcn, daß sie die Eingebung der Gedanken, den Wortschatz und den Bilderreichtum, die große Belesenheit im Talmud und die scharfsinnige Erfassung desselben nicht auf dem Rabbinerseminar sich angeeignet haben; was sie dem Seminar zu verdanken haben, ist einzig und allein die Abschleifung des Eckigen und Holprigen, die Rundung und die Glätte, die Methode und die Art der wissenschaftlichen Behandlung des chaotisch vermischten und bunt zusammengewürfelten talmudischen Stoffes. Auch den dem Professorenkolleginm gemachten Vorwurf, daß es Zöglinge mit sehr mangelhaften theologischen Kenntnissen Rabbinatsdiplvm verleihe, halten wir für unberechtigt. Das Professorenkolleginm besteht ans lauter ehren- und gewissenhaften Männern, die von der Aufgabe ihres Berufes, Rabbiner in Israel auszubilden, voll und ganz erfüllt sind. Wenn es daher einem Zögling das Rabbinatsdiplom verleiht, so ist mit Sicherheit anzunehmcn, daß derselbe den bei den Prüfungen an ihn gestellten Bedingungen entsprochen hat, obwohl man zugeben muß, daß diese mit Rabbinatsdiplomen versehenen jungen Rabbiner keine Rabbi Jochanan ben Sakkais sind. Uebermäßiges talmudisches Wissen wird heute von dem modernen Rabbiner nicht gefordert. An die Rabbinerseminare werden auch nicht diejenigen Anforderungen gestellt, wie einst an die jüdischen Hochschulen zu Sura und Pnmpadita. Das Wissensquantum, welches in einem gewissen Zeitraum die Hörer sich anzueignen haben, ist nicht so groß, um nicht verarbeitet werden zu können. FLjenn daher die Zöglinge nach der bestimmt vorgeschriebenen Zeit ihres Aufenthaltes auf der Anstalt zur Rabbinatsprüfung zugelassen werden und nach Ablegung derselben ein Rabbinatsdiplom erhalten, so ist damit ihre Befähigung zum Rabbinatsamte erwiesen und niemandem steht das Recht zu, das Wissen der Zöglinge oder die Gewissenlosigkeit des Professorenkollegiums auch nur im geringsten anzutasten, ebensowenig wie es jemandem einfallen würde, ein auf einer Universität erworbenes Doktordiplom in Zweifel zu ziehen. Von einem Vorwurf jedoch kann die Wiener israelitische theologische Hochschule nicht freigesprochen werden. Und dieser besteht darin, daß sie Zöglinge ohne Rabbinatsdiplom, also unfertige Rabbiner, mit vorzüglichen Empfehlungsschreiben ausrüstet und in Gemeinden schickt. Wie können und sollen solche jungen Rabbiner, mit mangelhaftem theologischen Wissen ansgestattet, segensreich wirken und Ersprießliches leisten? Diese jungen Rabbiner, die weiter nichts für sich haben, als den Vorzug der Jugend, verdrängen ältere, erfahrenere, mit reichem theologischem Wissen ausgerüstete Rabbiner von allen einträglichen Stellen, weil die Gemeinden, auf die Empfehlungsschreiben der Anstalt sich stützend und verlassend, gerade diese Kandidaten, eben weil sie jung sind, bei der Besetzung von Rabbinerstellen borziehen. Ist es da ein Wunder, daß die Gemeinden in Oesterreich und mit ihnen das Judentum unter solchen Verhältnissen mehr und mehr in Verfall geraten! Im Jahresberichte der Anstalt, wo diejenigen Zöglinge, welche eine Stelle erlangt oder ihren früheren Wirkungskreis mit einem anderen vertauscht haben, mit Namen bezeichnet werden, werden auch solche angeführt, welche die Anstalt ohne Rabbinatsdiplom verlassen haben. Allerdings werden letztere nicht als „Rabbiner", sondern als „Prediger" bezeichnet. Die Gemeinden wissen aber diesen feinen Unterschied nicht zu machen, und wenn sie einen solchen Jahresbericht in die Hand bekommen, so glauben sie, daß auch diese „Prediger" ihre Studien rite auf der Anstalt vollendet haben. Das ist eine Irreführung, die im Interesse der Anstalt wie auch der Gemeinden in Zukunft unterbleiben soll. Wird die Universität einen Hörer — und mag er noch so viele Semester auf derselben zugebracht haben— ohne abgelegte Prüfung in das Verzeichnis der absolvierten Doktoren nnfnehmen? Nicht genug daran ist cs in letzterer Zeit noch vorgekommen, daß die Anstalt Zöglingen die mit einem „schwarzen Fleck" behaftet sind, und denen sie infolge dessen niemals ein Rabbinatsdiplom zu verleihen erklärt hat, durch Empfehlungsschreiben zu Nabbinatsstellen verholfen hat. Dieses Vorgehen der Anstalt ist geradezu unbegreiflich. Wenn sie einem Zögling entlveder wegen allzu großen Mangels des talmudischen Wissens oder wegen eines religiöse» Vergehens das Rabbinatsdiplom verweigert, wie kann und darf sie dann hinterher denselben Zögling in einem Empfehlungsschreiben einer Gemeinde zum Rabbiner empfehlen. Ist er würdig, ein Rabb'inat zu bekleiden, so soll sie ihm das Rabbinatsdiplom geben, ist er es nicht, so soll sie den Mut haben, denselben als mißratenen Sohn zu erklären, tmt dadurch unberufene uud unwürdige Elemente von diesem heiligen Amte fernzuhalten. Das Versteckenspiel muß einfür allemal aufhören. Diesen Widerspruch vermag niemand zu lösen und ist er nur dazu angetan, die Anstalt in Mißkredit zu bringen. Die Rabbineranstalt ist „der Weinberg des Herrn". Sollen gute Reben darin gezeitigt werden, so muß alles Unkraut von demselben entfernt werden, sonst läuft der Weinberg Gefahr, seine edle Zucht einzubüßen und anstatt Trauben Herlinge hervorzubringen. Die Anstalt möge daher bei der Aufnahme neuer Zöglinge sehr rigoros Vorgehen und nur solchen die Aufnahme gewähren, die einen genügenden Vorrat an talmudischem Wissen mitbringcn und deren gute religiöse und sittliche Führung außer allein Zweifel steht. Die Anstalt setze nicht ihren Stolz darein, von vielen Zöglingen besucht zu Iverdeu uud viele sogeuaimtc Hörer in Gemeinden zu schicken, sondern vielmehr darein,' einen Stamm von tüchtigen, ernsten und von ihrem Berufe erfüllten Zöglingen zu bilden, die dann, wenn sie in Gemeinden kommen, der Anstalt zur Zier und dem Judentum zur Ehre gereichen würden. I sch eine ß. „Ich stehe weder mit dem „U-»abhängigen Journal" in Prag, noch mit dem „Jüdischen Volksblatt" in Wien in irgendeinem geschäftlichen Verkehre. Beide diese Blätter haben die Freundlichkeit, meinen Mitteilungen im Interesse der Sache Aufnahme zu schenken, nachdem die Tagesblätter ausschließlich jüdische Angelegenheiten leider nicht annehmen. Bet der Gelegenheit kann ich nicht unerwähnt lassen, daß Glaubensgenossen in Böhmen sehr ungerne es sehen, tuen» ihnen ein jüdisches Blatt zukommt, indem sie vermuten, daß ihre christlichen Nachbarn es ihnen verargen lvürden. Ich konstatiere jedoch das Gegenteil: Der Christ wird in böhmischen Gegenden lieber ein wirkliches Judenblatt, das unsere Glaubensgenossen lesen, sehen, als ein deutsches oder ein böhmisches Parteiblatt. wimA Julius Bondh, Kultusborsteher in Horowitz." Aufruf des Mädchen- und Frauen-Bereines „Bikrrr Chaulim. Liebe Volksgenossinnen und -Genossen! Die unerschütterliche Ueberzeugung, daß mächtigere Bande denn eherne das ganze jüdische Volk zu einer einzigen großen Gemeinschaft verbinden, daß geschwisterliches Empfinden für dis ärmsten unserer Glaubensgenossen unser aller Brust bewegt, wir uns somit mit ihnen solidarisch fühlen, gab dem Unterzeichneten Komitee die Veranlassung zur Gründung des obgenannren Vereines, dessen Aufgabe es ist, jene ärmsten der Armen aufzusuchen, um ihnen Trost zu bieten, welche in den Wiener Spitälern interniert, ihr herbes Leid in fremder Umgebung allein tragend, den Glauben an ein für sie empfindendes Herz schon fast ganz verloren haben. Liebe Schwestern! Es ist euch allen, sowohl Mädchen als Frauen mit der Gründung dieses Vereines ein neues durch das Komttee durch mehrmonullrche Tätigkeit in den Spitälern erprobtes Feld zur Betätigung wahren jüdischen Sinnes eröffnet. Das in uns allen wohnende Mitgefühl für unsere armen Glaubensgeschwister in Tat umzuwandeln ist uns Gelegenheit geboten. Wir wollen hintreten vor diese Aermsten, ihnen wie es Schwestern geziemt, unseren Trost so gut als möglich zuteil werden lassen; durch tröstende Worte wollen wir es versuchen, so manchem Verzweifelnden neuen Mut und mit diesem manchmal neuen Lebensbalsam einzuflößen. In Form von Aufmerksamkeiten sollen den Patienten Labungen verabreicht werden. 1 Liebe Schwestern, insbesondere jüdische Mädchen! Beteiliget euch zahlreich an diesem Werte geschwisterlicher Liebe, welches euch durch Beitrag von 40 Hellern monatlich die Befriedigung gewahrt, mitzuhelsen, die Einheitsbande, welche Juden umschlingen, stets aufs neue zu festigen. Aber nicht nur an unsere Schwestern ergeht die Bitte um Beteiligung, sondern auch unseren Brüdern bietet sich die Gelegenheit, als beitragende Mitglieder des Vereines dem Werke hilfreich die Hand zu leihen. Auskünfte erteilen und etwaige Zuschriften sind zu richten an die Obmännin und die Schriftführerinnen des Komitees. Anmeldungen nehmen sämtliche Komiteemitglieder entgegen und ersuchen wir solche Damen, welche sich eventuell an dem Spitalsdienste (-Besuche) beteiligen wollen, uns dies gefälligst hekauntzugeden. Gizela Kohn, Obmännin, IX., Sobieskigasse 14. Paula Schallinger. HaniaKornll. Regine Kauflheil. Malwine Korall, ^1., Taborstraße 5i. Therese Kornmehl, Helene Goldbauer, Vt., Windmühlgasse 26, Frau Erna Bienenseld, Schristsührerinnen. Mährische Streiflichter. Ung.-Brod. Eine altehrwürdige Gemeinde wie Ungarisch-Brod ist der Mühe wert, sich nochmals mit ihr zu beschäftigen, weil hier noch, wie in meinem ersten Briese erwähnt, ein gewisser Kamps um Idealismus und Judentum vorherrscht. Es wäre nur zuwünschen, daß durch Veröffentlichung dieser Zeiten sowohl in der Ungarisch- Broder Gemeinde als auch in anderen Gemeinden die Mißstände beseitigt werden, damit zum Wohle des darniederliegenden Judentums mit vereinten Kräften etwas geschliffen würde. Der jetzige Vorstand Herr M. H. Br am m er, der auf seine Fahne „Versöhnung mit allen Parteien" geschrieben, der mit HUse der orthodoxen Wähler, mit welchen er eine Reihe von Jahren paktierte, diesetben in allen ihren Streitfragen unterstützte, auch von denselben mir Freuden gewählt und begrüßt wurde und anch ein orthodoxes Mitglied in den Ausschuß berief, erging sich über Anregung desselben, die Institutionen der Kultusgemeinde zu fördern, und hat auch in seiner kaum l'/,jährigen Amtsperiode Kolossales geleistet, wie er auch seinerzeit von der Kanzel als der Vorstand der Tat apostrophiert wurde. Es wurde das rituelle Badhaus in elegantester Forn» hergestelll. (Dasselbe wurde auch mit einer Kattwasser-Hertanstalt versehen, was wohl nicht zum Kultus gehört.) Es wurde die Kaffagebarung derChewra Kadischa geregelt, welche bis jetzt mit Defizit gearbeitet, und nun in oberwähnter Frist 1000 Kronen zum Badhause, 500 Kronen zur Herstellung per Straße zum Friedhöfe und zirka 1000 Kronen zur Verschönerung des Tempels durch Einfriedung desselben mit schönem Gitter ausgegeben. Bon einem so tatträligen Vorstände, der auch das Judentum in politischer Beziehung würdevoll vertritt, erhoffte man Großes. Aber wie, wenn vom wolkenlosen Himmel sich ein Orkan oder Unwetter losließe, ließ sich der Vorsteher von seinen Ratgebern beeinflussen, daß er als klerikaler oder orthodoxer Vorsteher verfahren würde, und wurde in das Fahrwasser seiner Vorgänger, welche Haß gegen jüdische Institutionen predigte, oder die Orthodoxen dadurch zu unterdrücken glaubten, daß sie ihnen in religiöser und ritueller Beziehung Hindernisse in den Weg legten, mitgezogen. Der Vorsteher selber, der immer demokrallsch dachte, der gefällig gegen jedermann, der ein Herz für Armut hatte, ließ sich bestimmen, die unglückliche Schächigebühr von 5 Kronen einzusühren, welche wohl durch erhöhte Fleischprelse die Fleischer entschädigen sollte, aber bei der drückenden Konkurrenz von 5 jüdischen Fleischhauern (darunter einer ohne Aussicht des Rabbiners, wo auch Hinteres zu bekommen ist) eine Ermäßigung der Fleischpreise zur Folge hatte, ivas den Ruin der kleinen Fleischer fördert. Wiewohl die hochlöbliche k. k. Siatthalterer die Bewilligung der 5 .Kronen mit der Motivierung abgewiesen, daß hierdurch em Rückgang des Fleischkonsums und dadurch der Steuern zn befurch len ist, und eine hohe Verordnung des hohen t. k. Ministeriums für Kultus und Unterricht vom 18. März 1897, Z. 30.000, ex 1896 (welche Verordnung im Reichsgesetzblatte verzeichnet ist und einen Geheimerlaß an sämtliche Gemeinden bildet, aber den Mitgliedern unbekanilt ist, weshalb wir sie nächstens bringen werden) ausdrücklich besagt, daß die Taxen der Kultusgemeinden nicht zur Verschiebung der Wählerklassen

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