Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 42 (17.10.1902)
- Date
- 1902-10-17
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 17. Oktober l!K>2 Nr. 42 dienen dürfen, so ist doch gar nicht nötig, auf amtliche Entscheidungen zu warten, welche erst zwingen müssen, nicht die Minderbemittelten zugunsten der Reichen zu belasten, und wenn luxiöse Einrichtungen in der Gemeinde nötig sind, selbe nach Maßgabe des Vermögens zu tragen, nicht aber dieselben beim grünen Tisch anznschaffen, von armer Leute Geld sich die Kosten bestreiten zu lassen, systematisch darauf Hinzuzielen, indirekte Steuern einzutreiben Daß die indirekten Steuern die Minderbemittelten treffen, ist klar, weil doch im Sinne des Gesetzes diejenigen bei der Steuerbemessung zu berücksichtigen sind, deren Familienzahl eine größere ist. Ist das aber jüdisch? Ist das vielleicht ein Fortschritt, bei der Kultusfteueraufteilung jemanden an den Pranger zustellen, daß er wenig oder gar nichts bezahlen kann, hinterrücks aber ihn mit indirekten Steuern zu überlasten, daß er den Höchstbefteuerten in Steuerleistung übertrifft? Mein Bericht übet das Gebarungsverhältms des hebräischen Unterrichtes ist durch die am 15. d. M. stattgehabte Sitzung schöner illustriert worden, daß es eine Schünde ist, dies veröffentlichen zu müssen. Anstatt auf den in meinem Briefe erwähnten Anttag des Ausschußmitgliedes einzugehen oder denselben abzuweisen, hat man dem Lehrkörper 370 Kronen von seinem Gehalte gekürzt!! Die Lehrer müssen sich diese Kürzung gefallen lassen, weil der Borstand, deffen Mitglieder entweder gar keine Kinder oder bloß Mädchen haben, gedroht hat, den Unterricht vielleicht bloß vom Kantor und Rabbiner vornehmen zu lassen, um vom Maffafonds die 720 Kronen zu bekommen Ein Interesse'an denk-hebräischen Unterrichte hat der Vorstand nicht, das wäre zu jüdisch. Nachdem man dem Lehrkörper die 370 Kronen gekürzt, einen Lehrer, den man den Orthodoxen zuliebe ausgenommen, ganz entließ, so war doch wenigstens zu erwarten, daß, nachdem die Kosten des hebräischen Unterrichtes auf zirka 500 Kronen zusammenschrumpften auf die Kultussteuern aufgeteilt würden. Weit gefehlt! Man reduzierte bloß von Kr. MO auf Kr. 1*—, von Kr. 1 65, 2'—, 2'20 auf Kr. 1-50 für Knaben und ermäßigte das Schulgeld der Mädchen, welche bloß zwei Stunden wöchentlich unterrichtet werden, auf 1 Krone. Diese Ermäßigung, welche dem Schweiße der Lehrer entrissen wurde, verbittert die Gemüter, weil mit der Ermäßigung des Honorars auch die ohnehin wenigen Lehrstunden reduziert wurden. Aber die Hauptsache, der Gemeindesäckel bleibt geschützt, die reichen, kinderlosen Leute werden von einer wohl neuen, aber gerechten Steuer verschont, und man schont lieber den Reichen, Kinderlosen mit 2—3 Kronen pro anno, ehe man einen armen Dorfjuden, der sich kümmerlich durchbringt, seine Kosttage essen lassen muß, mit 24, 48, 72 Kronen, je nach seiner Kinderzahl, entlastet. Damit die Welt schon alles weiß, will ich auch von der Taxe des Ritualbade» sprechen, wenn das Wort unter Inden überhaupt gehört werden darf. Wie ich bereits erwähnte, wurde das Badehaus rekonstruiert, die Taxe per Wannenbad aus 1 Kr. für die I. Klasse und 60 Heller II. Klasse fixiert, außerdem für das Ritualbad 20 Heller, so daß die Kosten des Ritualbades sich auf Kr. 1-20 beziehungsweise 80 Heller stellen. Es wird mir jederman zustimmen, daß die Rekonstruktionskosten einer jüdischen Institution auf die Kultussteuer zu repartieren ist, wie es bei der Renovierung des Tempels und anderen Sachen geschieht, aber das rituelle Vadhaus (welche? wohl nicht stark besucht wird) muß sich rentieren und ist auch mit 360 Kronen vermietet worden,allerdings hilft dazu die Kaltwasser-Heilanstalt,die von Juden an Sabbaten vom jüdischen Badepächter zur Hebung des Geschäftes der Kultusgemeinde auch betrieben wird. Ist das jüdisch? Allerdings wenn der Vorsteher in einer Gemeinde wie Ungarisch-Vrod öffentlich den Sabbat entweiht, indem er in seinem Geschäfte arbeitet, so muß auch konsequenterweise im jüdischen Badehause gearbeitet werden!! Aber den Orthodoxen muß das Ritualbad verteuert werden, und wurde namentlich abgestimmt, ob die Gebühr von 20 auf 60 Heller zu erhöhen wäre und siegte der Antrag des orthodoxen Mitgliedes auf 40 Heller. Bücher-Eiulaus. Literarischer Palästina-Almanach fstr das Jahr 5663. Mit Wbildungcn herausgegeben von A. M. L u n e z. 8. Jahrgang. Verlag des Herausgebers. David Deutsch (1810—73), Rabbiner in Myslowitz und Schrau O.-S. Ein Lebensbild von Dr. I. Norden, Rabbiner in Myslowitz. Herausgegeben vom „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" in Myslowitz. Kanzelreden von Dr. David F e u ch t w a n g, Rabbiner zu Nikolsburg. 2. Teil. Leipzig, Verlag M. W. Kaufmann. Milleiiimyen aus dem Publikum Gute, billige Möbel sind jetzt in der Zeit der Verlobungen mtd Verheiratungen ein gesuchter Artikel. Das reichassortierte Möbellager von Hermann Hoffmann, 2. Bez., Stefaniestraße 13, bietet allen Mvbelbedürftigen die reichste, gediegenste Auswahl. * Tie Möbelindustrie hat in jüngster Zeit, um dem verfeierten, geradezu raffinierte Geschmacke des Publikums Rechnung tragen zu können, die größten Anstrengungen machen müssen. Tatsächlich überbieten sich die Möbelfabrikanten in der Herstellung von modernen und modernsten Möbelgegenständen. Daß hierbei der wirklich feine Geschmack nicht immer auf seine Rechnung kommt ist nickst zu verwundern. Und so siht man Kauflustige oft von einem Etablissement zum anderen wandern, ohne sich in dem großen Chaos von marktschreierischer Sezession und Geschmacklosigkeit zurechtzufinden. Als einen treuen Wegweiser auf dem Gebiete des feinen Geschmackes in Möbeln aller Art müssen wir daher das reichillustrirte Album des Möbelhauses Jacques Heiß, 9. Bez., Porzellangasse 20, begrüßen. Man findet hier wirklich moderne, diskret ausgeführte Gegenstände, bei denen das Moderne nicht auf Kosten der Dauerhaftigkeit hervorgekehrt wird. Ein Besuch in diesem Etablissement, auf dessen Inserat wier hier besonders aufmerksam machen, wird sich stets als lohnend erweisen. , Sonntag den 16. Oktober 1902 findet von 9—11 Uhr vormittags die Einschreibung in der e r ft e n ö ft e r r e i ch i s ch e n hebräischen Sprachschule des Vereines „Oseh Chesed", 2. Bez., Schiffamtsgasse 5, statt. Gleichzeitig Ivird zur Kenntnis gebracht, daß auch 5tinder von Nichjtvereinsmitgliederu ausgenommen werden und unentgeltlich der Unterricht erteilt wird. Briefkasten. Arier. Sie haben recht; das „D. V." ivird imrner unverschämter; während es sonst stets betonte, daß es nur die jüdische Rasse und nicht die jüdische Religion angreife, und ganz verletzt tat, wenn man ihm dies vorwarf, hat es jetzt die Maske abgeivorfeir und betastet mit seinen schnuttzigeu Händen unsere ehrivürdige Religion. Aber der Staatsanwalt rührt sich nicht; »ach seiner Ansicht scheint es in Oesterreich nur eine anerkannte Religion zu geben, nämlich die katholische. Wenn aber dem „D. V." der Jom Kivur nicht gefällt, so soll es.vor allem die Beichte einer Kritik unterziehen; darüber hörte mail im Reichsrate aus christlichem Munde anläßlich der Liguori-Debatte ganz crbailliche Dinge. Der eigentliche Grund der perfiden Angriffe ist aber der: die jüdischen Kanfleute sind so human, daß sie freiwillig an ihren hohe,: Feiertagen ihre ch r i st l i ch e n Arbeiter ruhen lassen, während die christlichen Kaufleute erst durch Gesetze g e z tv u n q e n werden müssen, ihre Geschäfte an christlichen Feiertagen zu sperren. Und das „D. V." in seiner A r b e i t e rf e i n d l i ch keit göilnt den Arbeite r » n i ch t den Ruhetag; das ist des Pudels Kern. Au P. K. vulgo Paul Kurth recte Paul Kohn in der „N. F. P." Ach Paul, seit wann bist Du in so heißer Liebe zum l Neuen Testament entbrannt? Wenn Dir es »licht tveißt, wollen I wir cs Dir sagen: Deine Liebe ist zlvei Jährchen alt, seitdem Drl den» Alten Testament liild Deinem ehrlichen Namen Kohn Valet ‘ sagtest. Nicht schön ist cs Don Dir, ironisch anderen das Lob „des■ Myrthenkranzes wohlansgestatteter Bräute" zuzuiveiseu. DaS * liegt Dir doch viel näher. Ich tvill zu Nutz uild Frommen nnein-; geweihter Leser eine alltägliche Geschichte ans der Wiener Boltrj geoisie erzählen. Lebte im 1. Bezirke ein jüdischer Kaufmann 1 namens Kohn, der ehrlich voin Tuchhandel lebte. Kannl!var er gestorben, als sich die Söhne taufen ließen und den ehrlichen. Namen Kohn iilit Kurth vertauschten. Darauf innchte der eine, j unser Paul, tu Katholizismus n»d „Nene Freie Presse", der andere in Tuch. Nun kam die Zeit, wo Brtider Kurth ein reiches Mädchen heiraten ivollte; man braucht das zmn Geschäft. Richtig fand sich eine Jüdin, die seine „Zufriedenheit" eriveckte. Nun'entstand ein heftiger seelischer Eonflikt zwischen Geschäft, Mitgift und Katholizismus; endlich fand man ein Kompromiß. Der Nanie Kurth blieb, aber Kurth Ivnrde Jude inid errang ans diese heroische Meise „deil Myrthenkranz einer wohlausgestatteten Braut an der Donau". Also, lieber Hugo, mäßige bißchen deine Zunge und wüte nicht in dieser Weise. Damit wollen Ivir jedoch nicht die Art ituö Weise Hugo Salus, dieses frömmelnd assimilierende Lallen, gutheißen; das kamr mir eilten Lachreiz bei jedem geraden Menschen erzeugen. Dr. St. Wir halten cs für selbstverständlich; es gibt genug jüdische Spezialisten. Der Schlüssel. Erzählung von Eduard Kulke. (Schluss.) »Jetzt sind wir an Ort und Stelle," hat ihm nun der Fremde gesagt mtd hat ihn Aussteigeit geheißen. Darauf hat er ihn in die Höhle hineingeführt mrd da ist er mit ihm durch viele Gemächer geschritten, bis sie endlich in ein Zimmer gekommen sind, wo die Wöchnerin im Bett gelegen ist und neben ihr das Kind. Jaikew Mohl ging nun zu dem Bette der Wöchneriit, um das Kind zu besichtigeil. Die Wöchnerin aber teilte ihm, da niemaild anwesend war, schnell mit, daß sie ein Menschenkind sei und hier von den „Schcdim", das siild Teufel und böse Geister, gefartgen gehalten werde. Zur Wäritung gab sie ihm, daß er hier, weint ihm sein Leben lieb ist, ja nichts genießen soll, weder Speise noch Trmrk, auch soll er beileibe fein Geschenk amiehmen, denn sollst möcht es ihm übel ergehen! Man kann sich denken, wie Rcb Jaikew Mohl bei diescit Worten erschrocken ist, und wie ihm zumute war. Indessen, was hätte er machen sollen? Drinnen war er eittmal und mußte sich fügen; doch ging ihm die Warnung der Wöchnerin nicht aus dem Sinn. Nun wurde er aufgefordcrt, den Akt borzunehmcn, durch welchen das Kiitd in den '1'mu mrahams eintritt. In einem großen wunderschöllen Saale, der reich und prachtvoll ausgeschmückt war, befand sich eine große Versammlung von Männern, dies waren lauter „Schedim". Ein Thron war errichtet, auf diesen Thron setzte sich einer von ihnen und daraufist ein großer Zug von schön gekleideten Frauen dahergekommen. Die eilte hat aitf einem schön gestickten Polster das Kind getragen und hat cs den Männern übergeben. Man hat das Kind dem, der auf den» Thron gesessen ist, auf detl Schoß gelegt und dem Jaikew Mohl hat inan eilt mit Edelsteinen besetztes Messer in die Hand gcgebeil. Die Handlung ist dort zur Zufriedenheit aller vollzogen worden, ganz nach jüdischem Gesetz, so wie sie in der Synagoge gebräuchlich ist. j Nachdem die feierliche Handlung vorbei gewesen ist, hat man in einem anderen Saal eine große Mahlzeit veranstaltet. Reb Jaikew Mohl hatte bei der Mahlzeit den Ehrenplatz. Alle haben gegessen und getrunken und waren lustig und aufgeräumt; er aber hat keine Speise und keinen Trank berühren wollen. Man fragt ihn, wie es sich schickt, bei einer Mahlzeit nicht zu essen und trinken. Er aber sagte: er hat weder Hunger noch Durst, er kann nicht essen und nicht trinken. , Da lachen alle Schedim, Männer und Weiber und einer von ihnen fragt ihn, ob er denn nicht weiß, daß er als Mohl etzvas genießen muß, wenn er mich keinen Hunger und Durst hat, da es doch seine Pflicht ist, über eine Speise oder über einen Becher Wein den Segen zu. sprechen.! Darauf Ivird Jaikew Mohl^ganz blaß; schnell aber faßt er sich und sagt: Wphl weiß ich, daß ich als Mohl die Pflicht habe, über eine Speise oder einen Becher den Segen zu sprechen und etwas zu genießen; allein ich halte gerade heute einen Fasttag wegen eines bösen Traumes, den ich gehabt habe mtd so darf ich nichts berühren und darf selbst nicht den Segen sprechen. Da lachen wieder alle Schedim, Männer und Weiber, daß es ihm dabei kalt über den Rücken heruntergelaufcn ist und endlich hebt der Oberste von ihnen, derselbe, der ihn auf dcnt Wagen hergebracht hatte,. die Mahlzeit auf und sagt ihm, wenit er ilicht essen und trinken will, so soll er wenigstens eine Augenweide haben — er soll mit ihm gehen und sich die Schatzkammer ansehen. Nuii führte der Hauswirt den Gast in die Schatzkammer. Erst traten sie in einen Saal, wo alles voll war von Silber. Die schön-! sten Geräte und allerlei Sachen, dergleicheit der reiche Jaikew Miohl noch niemals in. solcher Fülle gesehen hat. - Der Hauswirt be- I 'merkte, wie er mit Entzücken diese Gegenstände betrachtet nnb for- | derte ihn auf, sich hier ein Geschenk auszusucheu für die Mühe, die er gehabt hat. Der Gast aber gedachte an die Warntmg der Wöchnerin lmd nahm kein Geschenk, indem er sagte, er erfüllt das Gebot Gottes ohne Lohn zu begehren; auch ist er selber reich genug und hat alles, was er braucht. Nun führte ihn der Hauswirt in einen anderen Saal, der war noch' glänzender und schöner als der frühere, denn hier war alles von lauterem Gold. Die herrlichsten Gerätschaften und allerlei Zieraten von der feilisten Arbeit, dergleichen Reb Jaikew Mohl in solcher Menge in seinem Leben nicht beisammen gesehen hatte. Der Hauswirt forderte ihll zum zweiten Male auf, sich etwas mlszusuchen und sich für seilte Mühe belohttt zu machen. Er aber gedachte an die Warnung der Wöchnerin und suchte sich ilichts aus, indem er wieder sprach: Ich lasse mir das Gebot Gottes nicht belohnen, auch bin ich reich genug nnb brauch nicht mehr, als ich besitze. Hierauf führte der Hauswirt den Gast in eineil dritten Saal, wo ihm gleich beim Eilltritt die Angen fast geblendet war^n, denn der Glanz, der hier war und die Pracht, die er da zu sehen bekam, hat die beiden früheren Säle ltoch weit übrctroffen. Es war alles voll voll glänzendetr Edelsteineil, Diamanten, Smaragden mtd Rubinen tlnd anderen Steinen. In allen Farben, grau, blau und rot schimmerte es ihm in die Augen und er konnte sich vor Verwunderung nicht fassen, so viel Reichtum und Pracht beisammen zu sehen, wie man es in keiner königlichen Schatzkammer findet. Zum dritten Male forderte der Hauswirt seilten Gast aus, sich von diesen Sach'en ztl nehmen, was sein Herz begehrt, beim er verdient für seine Mühe belohnt zu werden. Aber Reb Jaikew Mohl hatte diel Warnung der Wöchnerin nicht vergessen, sondern gedachte an dieselbe ' fort nrid fort, deshalb nahm er nichts, sondern sagte, wie früher: Das Gebot Gottes erfülle ich ohne Lohn und ich bin reich und nehme; keine Geschenke. i Da der Hauswirt gesehen hat, daß er ihm auf keine Wleise beikommen kailil, so sagt er ihnt, jetzt lverde ich dir den letztctl Saal weisen, er ist der merkwürdigste voll allen. Der Gast ivar erstaunt, da er diese Worte gehört, denn etwas noch Merklvürdigeres, als er bis jetzt schon gesehen hat, meint er, kamt cs gar nicht mehr geben. Der Hauswirt führt ihil darauf in den vierteil Saal. Aber Reb Jaikew Mohl ist beim Eintreten in diesen heftig erschrocken und hat gezittert an alleil Gliedern. Der Saal Ivar nämlich voll von lauter Schlüsseln, welche an den Wänden heruntergehailgen sind. Der Hauswirt fragt feinen Gast, warum er so erschrocken sei und der ailtwortet ihnt: Wie soll ich iticht erschrecken, wenn ich dort an der Wand den Schlüssel voll meiitem Geldkasteit hängen fehl „Ja," sagte ihm der Hauslvirt darauf, „Du hast ganz recht gesehen, das ist wahr, der Schlüssel dort an der Wand ist der Schlüssel von Deinem Geldkastcn." „Wie kommt der da her?" fragte Reb Jaikew Mohl kleinlaut. „Wie alle die aildcretl, die da hängen," gibt ihm der Hauswirt zurAntwort. „Alle die Schlüssel, die an beit Wänden herumhängen, gehöreil solchen Leuten an, die harten Herzens siild und die ihr Geld nicht dazll verwenden, Wohltateit anszuüben. Diese Eigentümer berlicren die Macht über ihr eigeiles Vermögen, sie föinien nicht mehr darüber schalten, denn die Schnüssel siild nicht mehr iil ihrer Gewalt, die „Schcdim" rnhetl darauf und halten sie fest. Du aber, lveil Du wenigstens ein Gebot Gottes uneigennützig und sogar mit Aufopferung von Zeit und Geld all Dein Leben erfüllt hast, Dir soll jetzt Dein Schlüssel zurückgegeben werden, und iilit ihm wirst Dil auch tvicder die Macht über Dein Vernrögen gewinnen!" Als er darauf wieder in seine Heimat znrückgcbracht worden ist, dann ist er zum Rabffi gegangeil nnb hat ihm erzählt, was sich mit ihm zugetragen hat. Der Rabbi aber sagte ihm: „Ihr habt weit mehr zurückge- Ivonnen als den Schlüssel zu Eurem Vermögen, Ihr habt zurückgelvoilnell den Schlüssel zu Eurem Herze», daß Ihr öffnen sollt, welches sich bis jetzt verschlossen hat." Und so ist es auef) gewesen. Reb Jaikew Mohl hat sein Herz gcöffllet nnb ist der wohltätigste Mann geworden in der ganzen Gemeinde. Das ist die Geschichte von dem Schlüssel." „Diese Geschichte ist sehr romalltisch uub die Deutung des Rabbi eine sehr richtige," sagte Aurelie, ltachdcm der Rabbiiter geendet hatte, „jetzt aber fühle ich inich verpflichtet, Ihnen ztl sagen,, warum ich nach dieser Geschichte so sehr verlangte." „Ich weiß, ich weiß!" sprach der Rabbiner nnb machte mit der Hand eine ablvehreude Bewegung. „Lassen wir die Toten rllhen. Er hat mit all feinet: Weisheit auch 'nichts anderes gefunden, wie jener Rabbi. Das menschliche Wisseil ist Stückwerk, das Herz allein betrügt uns nicht, daran kann man sich halten." „Ich hätte ilicht erwartet," sagte Aurelie etwas gereizt, „aus so ehrwürdigem Munde einen Ton des Tadels zu vernehrnen." „Ein Tadel! Ein Tadel!" sagte der Rabbiner; „sein Herz war rein und offen, sein Geist war lühn und scharf. Der hohe Flug des Geistes aber hat ihin die Befriedigung nicht gelvährt, die er endlich gefunden hat in dem Reichtum seines Herzens, durch die stille Einkehr in sich selbst." „Wollen wir jetzt die Synagoge besichtigen?' fragte Rösele,. lvclchc sah, daß sich Aurcliens Züge bei den Worten des Rabbiners mit Tränen füllten. Der Rabbiner sperrte einen Schrank auf und nahm eilt schönes, braun poliertes Kästchen heraus. Er öffnete es, und darinnen lag der Schlüssel zur Synagoge. „Ich werde die Ehre habeli, Sie selbst in die Synagoge zu führen," sagte er, indem er den Schlüssel aus dem Kästchen nahm, sind da er merkte, daß Aurelie das Kästchen auftnerksam betrachtete, fügte er noch hinzll: „Sie wundern sich voraussichtlich über die Sorgfalt, mit welcher dieser Schlüssel hier verwahrt wird. Das hat seinen Grund in Folgendem: Unsere Synagoge ist einmal vor langer Zeit eingestürzt; dabei traf sich das Unglück, das; sie einen Menschen in ihrem Schutt begraben. Die Synagoge ist von dein alten Löb Frank aus eigenem Vermögen wicderhergestellt worden und dabei wurde ans ausdrückliches Verlangen seiner Frau Jcntel zur Verhütung eines Unglückes und zur Erinnerung an dasselbe die Bestimmung, man nennt das bei uns die „Tekoneh", getroffen, daß der Synagogenschlüsscl künftighin immer beim Rab--' bincr in Verwahrung bleibe, und daß jeder, der ihn haben will, ihn da erst fordern muß. Mb dazu hat Jentel Frank dieses Holzkästchen machen lassen, damit er nicht an die Wand gehängt, sondern verschlossen aufbewahrt werden soll." Der Rabbiner geleitete die beiden Frauen in die Synagoge und Aurelie bewunderte den Prachtbau, den die Eltern ihres geliebten Felix zur Ehre Gottes errichtet hatten. Stehe nun fest, herrliches Gebäude und wanke nicht, trotzend dem Sturme der Zeiten. Mitteilungen des Vereines für unentgeltlichen Arbeitsnachweis. Der Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis, Wien, II., Taborstrasse 59 (Telephon Nr. 13.920) Vorgemerkt sind: I. Klasse: Manuelle Arbeiter. 1 Anstreicher, 7 Aufpapper, 6 Bäcker, 8 Buchbinder, 2 Buchdrucker, 1 Kartonnagearbeiter, 6 Fleischhauer, 4 Friseure, 1 Glaser, 9 Gold- und Silberarbeiter, 18 Hausknechte, Geschäftsnnb Vnreaudiener, 47 Hilfsarbeiter, 1 Kellerarbeiter, 8 Kellner, 2 Kürschner, 5 Ditscher, 2 Laufburschen, 8 Lehrlinge, 2 Magazineure, 4 Maschinisten und Heizer, 7 Metallarbeiter, 28 Schlosser, 10 Schneider, 1 Schriftsetzer, 1 Schuhmacher, 6 Spengler, 2 Tapezierer» 4 Taschner, 2 Tischler, 9 Uhrmacher, 2 Zeichner, 5 Zimmermaler, 3 Zuckerbäcker. II. Klasse: Kaufmännische Angestellte. 6 Brautweinberschleißer. 26 Buchhalter und Korrespondentell, 99 Kommis diverser Branchen, 63 Komptoiristen und Strazzisten, 3 Inkassanten, 8 Kanzlisten und Schreiber, 3 Manipulanten und' Expedienten, 6 Platz-Agenten und -Vertreter, 44 Praktikanten, 2 Reisende. Weibliche Abtheilung. 14 Bonnen und Kindergärtnerinnen, 72 Komptoiristinnen und" Kanzlistinnen, 2 Dienstmädchen, 8 Expedientinneu und Mänipulantinnen, 5 Hilfsarbeiterinnen, 1 Kindermädchen, 2 Köchinnen, 2 Miiederuäherinnen, 2 Modistinnen, 6 Näherinnen, 30 Praktikantinnen, 39 Verkäuferinnen, 4 Verschleißerinnen, 7 Wirtschafterilmeu und Stützen der Hausfrau. III. Klasse: Geistige Arbeit. 43 Hauslehrer und Hofmeister (.meistens Hochschüler, welche Gymnasiasten und Realschüler unterrichten), 6 Lehrerinnen und Erzieherinnen. Offene Stellen. Gesucht worden von männlichem Personal: Elektromonteure, 1 Vergolder, 1 Galanterietischler, mehrere Hutappreteure, Rock- und Galanteriedrechsler, Bllchbinder. 1 Verkäuferin von der Papierbrnnche, Kindergärtnerinneir, Bonnen, Weißnäherinnen, Schneiderinnen.