Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 42 (17.10.1902)
- Date
- 1902-10-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt Nr. 42 17. 0Woher IW Sache wahrscheinlich zugiotiragen hat. Winter wurde laut Gutachten! des Medizinalkallegimns bei einem Stelldichein überrascht. Tie Dame, die bei Dieser Gelegenheit n ich t n u r i h r S a ek t u ch Verl o r c n haben dürfte, gehörte mm allgenscheiulich den höheren Gesellschastsschichten« von Konitz-Poris an und der Rächer seiner Ehre, der in zorniger Aufwallung Winter mnbrachte, konnte leicht, um einen unerhörten! Skandal zu verhüten, den Verdacht auf die Inden lenken, wobei die „ S taatsbn rger-^eitung " .Eel fers Helferdienste tat. Das; so eine Verleumdung nur auf einem solchen Sumpfe, wie .Könitz nr sittlicher Beziehung auf Grund der gerichtlichen llntersuchungen sich darstellte, gedeihen konnte, ist selbstverständlich; klar war auch die Suggestion, unter der die Zeugen standen. Einen Beitrag zur Erkenntnis der Art, wie die Mordanklagen gegen die Juden entstanden sind, liefert auch der Fall der FrauKreis-Schulinspektor Rohde. Es hat sich h e r a u s g e st e l l t, das; ein T a s ch e n t it ch , dasinder N ä h e derLei ch e u - t r t l e W i n t e r s gefunden worden, i st, d i e - s e r D a m e g c h ö r t. Als die Behörde den Besitzer dieses Taschentuches dringend aufforderte, sich zu melden, hat sich die Frau Kreis-Schuliuspektor aber nicht gerührt; nnid als ihr, nachdem der Sachverhalt o h it c ihrZ u t u it festgestellt Ivopdeu, der imiftcrfudjlcc Beamte lv e g e n i h r c s S ch w!e i g e n s V o r w ü r f e m a ch t e , hat sie geantwortet, sie habe es für unnötig gehalten, sich zu melden, weil sa die Juden doch den Mord verübt haben! Ein Kommentar ->-st lvohl überflüssig. Oder Vors.: In dieser ganzen Prozeßsache gebe es Wohl kaum zwei Zeugenaussagen, die ganz genau nüt einander in Uebcreinstimnrung zu bringen seien. Staatsanwalt H cr n s o iv führte unter anderem aus: In diesem Prozeß hat die wüste Phantasie in unheimlicher Weise Orgien gefeiert, und man muß sich wirklich manchmal an den Kopf fassen mrd könnte sich beinahe in die Zeit der Hcxenprozesse versetzt glariben- Der eine sieht die Hexe, der andere sieht sie schon auf dem Besen reiten, der dritte weiß bereits genau, daß sie ein Rendezvous mit dem Teufel hatte. Wir haben ja gehört, daß in ganz Westpreußen zu jener Zeit eigentlich kein Jude unverdächtigt blieb, wenn er nicht sein Alibi am 11. März Nachweisen konnte, (fui förmliches Judenverfolgungssieber hatte platzgegriffen. Jeder wollte Judcnspuren entdecken. Ein klassisches Beispiel dafür war der inzwischen zu schwerer Zuchthausstrafe verurteilte Schneider Orda aus Königsberg, der kühn und fest behauptet hatte, gesehen zu haben, wie Ernst Winter hingeschlachtet worden sei und tatsächlich am Tage der Tötrmg Winters garnicht in Könitz gew e s c n ist. Es soll nicht gesagt werden, daß die vielen Zeugen gegen ihre bessere Ueberzeugung gehandelt haben, vielmehr hat sich in ihren Köpfen ein Phantasiegebilde festgesetzt, so daß es den Einzelnen nicht mehr möglich war, das Wahre vom Unwahren zu unterscheiden. Wenn man so etwas sieht, befragt man sich mit Schreck, wormif die Gerechtigkeit denir eigentlich fmrdmnen-- tiert ist. (!) 'Glauben und im Interesse der Wahrheit gehandelt. Es ist eine hohe Aufgabe der Presse, Kritik zu üben; aber dieser hohen Aufgabe stehen hohe Verpflichtungen gegenüber, die Tatsache» genau git prüfen, bevor an ihnen Kritik geübt wird. Die Angeklagten haben einzig im Interesse und mit der Tendenz der Jndenhetze gehairdelt. Sie haben so gehandelt, tvic die Behörden nach ihren falschen Behauptungen gehandelt haben sollen. Der eigentliche und einzige Zweck war die Jndenhetze. Herr Brnhn ist ein kluger Manu und es ist nicht glaubwürdig, daß auf ihn Maslow nicht denselben unglaubwürdigen Eindruck gemacht haben soll, lote auf alle anderen Personen. Brrihil ist sicher näht guten Glaubens gewesen, für ihn handelte es sich bloß darum: der Jude m it ß verbrannt w erden! Der Staatsanwalt hob schließlich als erschwerend hervor, daß das Treiben der Angeklagten das UntersnchungSverfahren in einer solchen Weise erschwert hatte, daß gerade dadurch die Entdeckung der Tat e r m i ßl u n g e n i st, ferner daß das Bertranen in die Behörden erschüttert wurde und daß in Könitz durch diese Hetzereien großes Unglück angerichtet und eine solche Erregung hervorgerufen worden ist, daß auf Befehl des Kaisers Militär nach Könitz marschieren mußte, daß endlich zahlreiche Existenzen gefährdet und vollständig zerstört worden sind. Demgemäß beantragt der Staatsanwalt gegen den Redakteur Doktor Böttcher die Verurteilung in 24 Fällen und eine Gesamtstrafe von einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis, gegen Brnhn sechs Monate Gefängnis, ferner Veröffentlichung des Urteils in der „Staatsbürger-Zeitung", der „Konitzer Zeitung" und der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung". Bei Beurteilung vorliegender Tatsachen stellte sich der Alles im allem hat jedoch der Prozeß gezeigt, das; es noch Richter — inDeutschla n d gibt. Jeden Oesterreicher muß es mit Schmerz erfüllen, daß bei liils eine wohlbekannte antisemitische Presse dasselbe SchcknDgewerbe wie die „Staatsbürgerzeitung" betreiben darf, ohne daß ein Staatsanwalt es wagt, ihre Hyänenal-Leit zu stören. Wir schrieben in der Nr. 23. unseres Blattes: Der Prozeß wegen des Mädchcnmordcs bei Nachod. Prozeß hat eine sensationelle Wendling genommen!: der Angeklagte ist des Mordes geställdig und zum Tode verurteilt worden. Wir hätten keinen Anlaß, darüber weiter ein Wort zu verlieren. Aber Der Fall hat eine gewisse Geschichte. Wir schrieben seinerzeit in der Nr. 41 des 3. Jahrganges vom 11. Oktober 1901 unter Der Spitzmarko: „Wie es gemacht wird." (Zum Mädchenniorde in Peklo.) In der Nähe von Nachod wurde die schrecklich verstümmelte Leiche der 15jährigen Marie Suchanek mifgefunden. Das ist der trockene Tatbestand, rmd in mideren zivilisierten Ländern würde die Untersuchung ihren geregelten Fortgang nehmen. Aber wir leben nicht umsonst in Oesterreich, wo die Ritualmordkompagnie durch die Verurteilung Hülsners einen schändlichen Triumph erlebt hat. Der Mörder ist nicht bekannt, folglich liegt nichts näher, als das Märchen vom Ritualmorde auszusprengen. Zuerst entstehen dunkle, unkoutrollierbare Gerüchte am Tatorte; die Hetze im „Deutschen Volksblatt" beginnt. Natürlich zuerst vorsichtig; es erscheint eine Notiz mit der Spitzmarke: Ein Fall nach dem Muster von Polna? Man beobachte das verschämte Fragezeichen; dann nach kurzer Zeit, innerhalb derer die Ritualmordkompagnie Gelegenheit findet, die Spuren der wirk- Gin moderner Rabbiner. Staatsanwalt sodann auf den Standpunkt der wissenschaftlichen! lichen Täter zu verwischen, dafür aber einige unschuldige Juden in Deputarion. Er erklärte, wo ein V i r ch o w, ein Berg m a n n! irgendeinen Zusammenhang mit der Tat zu bringen, wird aus dem und andere Kapazitäten gesprochen haben, kann ein Zweifel nicht verschämten Fragezeichen ein unverschämtes Ausrufzeichen, aufkommen. Nach diesem Gutachten liegt Erstickungstod vor. Von! Im Anfänge läßt man andere Möglichkeiten, zum Beispiel einem Ritualmord könne keine Rede seng ebensowenig wie von! Nekrovhilie, zu und deutet nur von ferne, natürlich ohne den einem Schächtschnitt. Auf der anderen Seite ist klar erwiesen,! Schatten eines Beweises an, „daß sich das Gerücht um Nachod daß Ernst Winter einen Lebenswandel geführt hat, der mit seinem verbreite, daß der Mord im voraus berechnet gewesen sei und dem- Alter und mit seiner Stellung als Gymnasiast unvereinbar. war. ' selben ein ähnliches (siel) Motiv zugrunde liege, wie beim Polnaer Wäs nun die Angeklagten betreffe, so haben sie keine sachgemäße. Falle". Es gibt in Oesterreich niemanden, der solchen Berdunk- Kritik geführt, sie sind in äußerst leichtfertiger, gewissenloser Weise " gegen Beamte und Privatpersonen vorgegangen. Die und ehrenkränkendsten Weise erhoben, sie haben nicht im guten klugen des Gesetzes ein eigenes Unter;uchung^burcau gegründet. lungsmanövern auf die Finger sehen würde; die österreichische! Maffia herrscht unumschränkt. Kühn gemacht durch die liebevolle )ie Angeklagten haben leere Vorwürfe erhoben, ohne sie bej Nachsicht, werden dann aus dunklen Gerüchten sichere Nachrichten,;u können. Sie haben ihre Borwürfe in der grundlosesten! au^ Permutmigen Gewißheiten; slug-> wird neben und unter den ----- — - - - - - - Augen des Gesetzes ein eigenes Unter,uchungsburcau gegründet, Meineide werden geschmiedet, Verleumdungen vorbereitet, kurz und gut, die ganze Komödie inszeniert. Die Regisseure sind gut bellen gleichsam greifbar Verstä-M'öch. lind die Melodie des : zahlt, und reicht der religiöse Fanatismus nicht aus, so tut das Frühlings fingt in seinem Blick das heiß verzehrende Lied. Geld das übrige. So geschehen in Polna. vom Leben des Körpers, der sich zu regen beginnt.-, Aber wir sehen wieder die Hyänen auftauchcn und ihr men- » ä, rr-'ir,! schcnunwürdiges Gewerbe an der Leiche treiben. Man hat einmal l,l ~‘ic Geschichte eilles chvoenjnngen, Fie uns Hwisch er- : kurzsichtiger Verblendung und altöstereichischer Schlamperei ihnen zahlt, äst zugleich die Tragödie jllNger Juden, die sich in s ein Opfer zum Fräße ,hingeworfcn, den unglücklichen Hnlsner; ihrer ganzen Härte vor uns abrollt. Es ist ihr Schicksal, i »cm Ruh" wollten unsere biederen Gesetzesvertreter haben; man „abseits am Wege zu stehen, lvenn die Mädchen hinaus-; bestätigt das Urteil trotz der schreienden Widersprüche, UNI sich in T'i'-älllin^->n^,-.-,^n " rftmrfifufh« Vnmrfc! die antyemltgche Meute vom Hal,e zu halten, und Ulan begnadigt (-gehen Zp den 0,1Ul lllgomoigen (Hllschseld. „Zgne^ . J)ann j)CU sogenannten zweifachen „Mörder", iliil nicht Blutschuld -Jordan".) Jede Berührung nnt dem^ brausenden Leben! auf sich zu laden. Nach diesem echt österreichischen Verfahren, das (Zur Wiener Rabbinerwahl.) Der Wiener Kultusvorstand hat vor einigen Tagen bereits die erste n i ch t ö f f e ii t l i che Sitziing nach den Sommerferien in Angelegenheit der Besetzniig der Rabbinerstelle im ersten Bezirke abaehalten. Es ist mm an der Zeit, daß mit zn dieser für die Iveiterc Elitwicklniig der Wiener Knltnsgemeinde Nichtigen Frage schon heilte Stellung nehmen. Die Rabllinerwahl soll, wie dies seitens des Vorstandes tvahrschcinlich aus Taktik beschlossen tvnrde, erst iiach den im liüchstcn Monate stattfindendeii Neuiind Ergänziingsivahlen üi den Killtusvorstand erfolgen. Aber gerade deshalb müssen wir uns schon heute über diesen. Gegenstand ivenigsteiis prinzipiell aiiseinandersetzen, tveil es aiich bei den Wahlen mit zu deii A'iifordernngcn gehören muß, welche an die Kandidaten gestellt werden sollen, daß sie im Falle ihrer Wahl mit allen ihnen zngebotc stehenden Mjtteln sich nur für die Wahl eines Rabbiiicrs einsetzen werden, der zufolge seines W>issens, seines Vorlebens iind seines bisherigen Wirkens aks Rabbiner und Jude eine Gewähr bietet dafür, daß er allen modernen Anforderungen an einen Rabbiner der größten und bedeutendsten Gemeinde des Landes entsprechcu werde. ES ist eine merkwürdige Tatsache, daß der Rabbiner der alten Zeit viel mehr Ansehen genoß und viel mehr Einfluß auf seine Gemeindemitglieder anszuüben vermochte, aks dies heute und hauptsächlich bei den sogenannten modernen. Rabbinern der Fall ist. Der Grund hierfür liegt nicht nur darin, daß dem modcrnew Juden die religiösen Satzungen täglich gleichgiltiger werden —• woran ja wieder der Rabbiner den Hanptteil der Schuld trägt —- sondern hauptsächlich in dem Umstande, daß der moderne Rabbiner, oder, um richtiger zu sagen, der Rabbinismus, den Ruf des Zeitgeistes überhört oder mißdeutet hat. Der eine Teil der modernen Rabbiner hielt ivohl selbst starr am alten Konserbatibismus, kies; aber die Gemeinde ihre eigenen Wege gehen, der andere Teil gkmibte, daß der Ruf des' Zeitgeistes den Wunsch nach einem reformierten, leichter erfüllbaren Ritus äußere, rüttelten und modelten an dem alten Gebäude, bauten bald ein neues Haus der Reform auf, in dem aber der moderne Jude mit seiner inneren und äußeren Pein, mit seiner Sehnsucht nach Licht, innerer Befriedigung und äußerem Wohlstände keinen Schutz fand. In beiden Fällen *berschanzte sich der Rabbiner hinter seiner Kanzel hinter dem Verlvickeltcn Gewebe des Ritus, tvährend ihm inzwischen die Gemeinde durchging. Der Abstand zwischen Rabbiner und Gemeinde tvnrde immer größer, sein Einfluß ans dieselbe immer kleiner und kleiner, bis er sie überhaupt nicht mehr erreichte. Diesem Umstande ist es zuzuschreiben, daß ein großer Teil der modernen Rabbiner in der Erkenntnis dessen, daß seine Funktionen nicht dein Volksbcdürfnisse entsprechen und er in vielen Fällen als notwendiges Hebet, im günstigsten Falle aks ein lebendiges Schaustück betrachtet und behandelt wird, mit Rücksicht auf seine Existenz der Gemeinde Konzessionen macht und Dinge gewähren lassen muß, die cr nicht gntheißen kann. Ein wirklich moderner Rabbiner muß, der modernen Strömung entsprechend, dem Volke, das ihm vorangeeilt, Nacheilen, muß, ausgerüstet mit allen modernen Kampfesmitteln, sich wieder an die Spitze des Volkes stellen, muß eine dem heutigen Volksgeistc . verständliche Rede führen, mutz mit dem Volke Freud und Leid teilen, mit einem Worte: cr muß der Rabbiner des jüdischen Volkes und nicht nur Seelsorger der „Anhänger der israelitischen Kaufe s s i o n" sein. - Wicnn der Rabbiner diesen Anforderungen entsprechen wird, dann ivird er, gestützt ans das Vertrauen des Volkes, auch mi Einfluß gewinnen, er wird seine Kanzel zum Lehrstuhle für moderne, praktische, echt jüdische und echt nationale Wissenschaft machen, er wird den Much besitzen, den Großen und Mächtigen zu sagen, daß er für das jüdische Volk da i>t, er wird sich verpflichtet fühlen, der Leitung seiner Gemeinde, und sollte sic ans lauter Millionären bestehen, nötigenfalls von der Kanzel herab zu sagen, daß sie ihr Vertranensamt mißbraucht; denn ein moderner Rabbiner wird nicht nur ausübende Organ des Gemeindevorstandes sein, sondern der Vertrauensmann des Volkes, das an bedeicket einen .Kvnflikt, unter dem Die sensitive Nainr jllnger Jvden wehleivig zusammenschcmert. Die FremOschaft bleibt ihnen versagt; Denn die Menschen sind so ganz anders, als die Tränme jener sie verklärt haben. Und die Liebe, mag sie anch mairchnial eine trübe Zeit mit einer sanften Wehmut überflutet haben, zieht bald an ihmn vorbei, hin zu jenen begnadeten Sonnenmenschen, deren Wollen Tat, deren Wunsch Erfüllling bedeutet. All das hat schon der kleine Leo im „Verlöbnis" erfahren inüssen. In seinem Herzen« trägt er tvie ein Heiliges die Erinnerrmg an ein Btädchen, das ihnl einst mit flüchtiger Liebkosung, deren innerster Sinn -einem anderen galt, Iltenk und Besinnung geraubt hat. Und der Freund, der ihnr das tiefe Leid seiner Nächte tragen helfen sollte, hat für seine seelische Onal mir Spott und Gelächter. Und dann die Pflicht, die grausame Pflicht, ivelche Die Züge feines Vaters angenommen hat«! —- Nichts menschliches ist Leo in seinen jungen Jahren erspart geblieben. Der eine seiner Art geht an den Kämpfen zwischen Traum und Leben zugnulde, der andere lebt mit feinen zertrümmerten Idealen imb zertretenen Gefühlen Und wird hart ohne Verzeihen. Unlerbittlich Uiiej das Schicksal gegen ihn, so ist er gegen die anderen. Und wird rr alt, so vergiss er ganz der Träume junger Tage und Seelen und ähnelt wohl Leos Vater, in dessen Blut die Melodie des Fnihlingsauch gesungen haben m;d durch dessen Inneres es einst tvie ein weich.s Lied gezogen sein mag, als die Fri'chlingslvinDe tvehten. Das erzählte nur Esraim Frischs „Verlöbnis". den vollsten Beifall Ehren-Taafes gesunden hätte, glaubte man diese Sache endgiltig erledigt zu haben. Aber die mystische Gerechtigkeit läßt ihrer nicht spotten; jede Verletzung ihrer Majestät rächt sich furchtbar; seit der Verurteilung Hülsners ist etwas krank in dem Rechtsleben unseres Staates. Die Bluthunde haben Blut geleckt und sind von dem süßen Pöbel für ihre Taten dekoriert, von der Staatsgetealt nicht bestraft worden. Sie dürsten nach neuen Opfern. Wir erfüllen unsere öffentliche Pflicht, indem wir rechtzeitig aufmerksam machen, wie eö gemacht ivird; gerade so begann die Hetze in dein Polnaer Falle. Man trat ihr dmnals zu spät entgegen. Unsod energisches Anftvoten hatte den Erfolg, daß das „D. V." und die gesinnnngsvertvandte Raltbinörderpresse in ihrem ösfe«n!tlichen Auftreten vorsichtiger wurde. Dagegen entblödeten sich die Abgeordnown Armann, Dr. Weiskirchner und Genossen nicht, gestützt ans ihre Jlmmmität, in der Sitzung vom 20. Oktober 1901 eine den. Mord betreffenDe, gegen die Inden gerichtete Jntierpellatio-n einznbringen. Wir haben öffentlich diese Mgeordneteii apostrophirt, ihre seinerzcitigen Ausführungen zn widerrufen, lvenn sie noch einen Funken Ehrgefühl im Leibe hätten. Sie haben es nicht getan und sind damit in den Allgen alter anständigen Leute gerichtet. Oder glaubt Dr. Weiskirchner damit neuerlich seine Bcfähiglmg zum Magislratsdirektor der Stadt Wien nachgelviesen zn habend Wir erklären hier ganz offen, daß es den Patriotismus des jüdisckien Volkes heransforderil. heißt, lvenn Die Otegierlmg zngibt, daß dieser Agitator an diesen verantloortnugsvollen Posten gesetzt lvird. Wie lailge wird die tltegiernng lloch untätig znsehen, das; Hlinderttansende ihrer treuesten Nntertaneni täglich an. ihrer Ehre gekränkt lverdeir? Auch liilsere Geduld kann reißen. des Wortes sein. Will er wirklich der Führer seiner Gemeinde sein, so genügt es nimt, die Geschichte seines Volkes zu kennen, er muß sie anch verstehen, er muß hinabsteigen in die Tiefen der jüdischen Volksseele, um dort die Ivahren Wünsche kennen zu lernen, und deren Erfüllung mit Manuesnuit durchsetzen. Dies sind im großen ganzen' die lvichtigsten Eigenschaften, deren Besitz ivir bei einem modernen Rabbiner voranssetzen. Und — eS fällt und schwer, es ansznsprchen — gerade im Wiener Geineinderabbinate konnten bisher diese Prinzipien nicht zur Geltung kommen. Oder ist vielleicht der Wiener O b e r r a b b i n e r, dessen Geist das Rnbbinnt beherrscht, ein moderner Volksrabbiner? Zeugt es nicht gerade für daS Gegenteil, daß er am NenjahrStage, der sonst stets der Exliortation, der Belehrung geividmet ist, an Ivelchem die Gemüter für llnterlveisnngen so empfänglich sind, kein anderes Thema für sein? Predigt fand, als die Vergöttlichung seines Gemeinde- Präsidenten, dessen Hauptverdienst eS ist, reich zn sein? Hat dieser Oberrabbiner etwa den Mut gehabt, bei dieser Gelegenheit seinem Präsidenten zu sagen, daß das Volk mit seiner Leitung unzufrieden ist, daß er sich ni e z n e i n e r g r o ß e n, d e m j ü d i s ch e n Volte nützlichen Tat auf raff te, und wenn er schon einmal das Gute gelvollt, sich viel zn schwach erlvies, es anch dnrchznsetzen'k Die bevorstehende Rabbinerivahl hat bereits die bei solchen Anlässen unausbleiblichen Gestalten an die Oberfläche gebracht; es sind das die Intriganten, Protektoren, die dnnkken Gestalten, die Schatten, welche boransgelvorfen iverden. Ter Schioiegervater eines Kandidaten legt sein inkompatibles Amt nieder, verläßt sogar Wien, um seinem Schiviegersohne Platz zu machen; der Sclpviegervater eines anderen Kandidaten verlädt Wien nicht einmal im heißesten Sommer, um nur hier auf der pul zn sein; er. hat wohl auch ein intompatibles Amt, er ist Redakteur eines von der Gemeinde subventionierten Blattes, aber er ivill diese Stellung — wie verlautet — dadurch kompatibel machen, das; er in seinem Blatte für den Kandidaten Dr. G ü d e m anns eintriit — wenn ihm die Versicherung gegeben lvird, das; sein, des Redakteurs SchlvtWrrsohn, gelväylt lvird. Also ein Paktl Aber ivir tverden ans devMnt seinl Die B e s e tz li n g dieses R a b b i n e r p o st e u s k a u n e i n g l ü ck l i ch e r W e n d e p u n k t in d e r G e - s ch i ch t e der Wie n e r Sinltn s g e m e i n d e und d e r ö st e r r e i ch i s ch e n Jude n heit lv e r d e n, lv e n n di e W a h l d e n i ch t i g e n triff t. Wir dürfen die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, alles daranznsetzen, das; diese Wendling herbeigesiihrt lverde. Und nun znm Schluß noch eins: Paragraph!'l> der Gemeindestatnten lautet: „Die Anstellung der Gemeinderabhiner erfolgt durch den Kultusvorstand nach Ailhörung von Vertranensmännern, welche von denselben ans der Mitte der Gemeinde nnt tnnlichstec tlincksichtnahme ans die den verschiedenen rituellen tllichtnngen angehörenden Vethansvereine hierzli berufen lverden." Als im Vorjahre die illabbinerlvahl ans der Tagesordnung stand, hat der Knltnsvorstand eine löbliche Ausnahme gemacht, indem er bei Einbernfnng der Vertranensmänlier nicht mir ans die Bethansvereine, sondern anch auf die jüdischen politischen Vereine Rücksickü