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Jüdisches Volksblatt · 1902-10-17 · 42 (17.10.1902) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
42 (17.10.1902)
Date
1902-10-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Rn ♦ Lrvartwn: U/S. Lropoldsgassr 49, Tprechftturdes t Av Wvcheutageu ton 3 dtz 4 lltzr nachmittag». pcfthuftf, JSdtfSeA meiimati, Wttt,. II 3 9*Jöitatvtceu weg«» mifcdtrtrr ov.'r janicht erfolgln: ZMtellvng erb Men »' »n» dringend. — Mn««1ertt»te »»erde« »tchl zorttSgefteM. Boittpaewstm-tlonlo .470»?. Iu hns ttbarmment kann man rüglich eirttreten. GrHmt jeism Mas «nr»r MikwtrMmfl Hier vor» Mdrrüprn Volks» ‘G'gvx’tn «rfejäSjlftm timt rstcrn. Wttserate fibentrinnen öle ginnen: I. Lcmnederg, SÄ. Duke», Hausen» Stto 4t Scsi«, Rudolf Masse. R. Oppelik. M. «o-sonyl, kl. Schalek M ül)Ien, fcmcr alle 8m>oncert"LxPebitto»en im RuSlande. »Mummet i« Wie» 16 Heller. VwmmMrarion; n/3. Lvopoldsgasie 49. Delephott-Nr. 1473» A-oUttemeutspreiS: Telephou-Nr. 147SS Für Wie» n. Oesterreich,Ungar» fammt Aramozustellung. «anziLhrtg talbsährig ierteljährig Kr. 8.— :fc Für das gelammt« Ausland fammt FrancoMellung. Sunzjührig . . . Halbjährig . . . Vierteljährig .... Kr. ».- 4.50 : »äs mmomimmaaoim^aammsaBasssasm zssssui Ur. 42 Wkrr, 17. Oklolrer 1S02 (16. Tischri 5663). IV. Jahrgang. Zeitgemäße Setrachtungen. (Bon einem jüdischen Wähler.) Wieder werden die- Trommeln gerührt und die Scharfmacher auf beiden Seiten lassenihr Tam-Tam ertönen. In beweglichen!..Wor,t>ün! und mit großer Verschwendung von Druckerschwärze verkünden itt den Aus lag fenstern die großen Meiuungsfabriken, daß wieder einmal die heiligsten! Güter der Menschheit üti Gefahr sind, und es ist natürlich, daß selbst die frommen Droschkenpferbe der „Union" den alten Schlachtsignalen! von Fortschritt, Freiheit und Freisinn begeistert! folgen: in seliger Erinnernng an die verflossenen! Zeiten, wo die „Union," in glücklicher Eintracht mit deutsch-liberalen- Bezirksbergern die siegreichen Schlachten schlug. Während die „Union" im OAdder 1901 schrieb: „A.rif deutischcr Seite bekämpfen sich Fortschrittliche, Völkische und Völkische mit einer wahren Verserkerwut, aber gemeinsanr h a n e n s i e a l l e a u f d i e I u d e n l o s", sagt sie in ihrem, letzten Waschzettel: „Insbesondere stehen bei den Wiener Wahlen antisemitischen, Kandidaten entschie d c n s r c i s i n n i g e Männer gegenüber, welche die kräftigste Unteistiitznng der jüd,isch>en Wählerschaft verdienen, und es ist daher notwendig, innerhalb der jüdischen Wählerschaft! der vielfach! auftretenden. Wahl nt. ü dig - keil!, sowie den von manchen Seiten ausgegebenen Parole der W a h l e n t h a l t n n g entgegenzuwirken." Prüfen wir nun. einmal den Freiheitssinn dieser neuen Freiheitshelden etwas genauer', sehen wir zu, ob es die Freiheit ist, die Win meinen,. Da. sttoßen, wir gleich im 1. Bezirke auf den Kandidaten Herold. lieber diesen Herold der Freiheit sagte Du. Lueger öffentlich in, einer Wählerversammlung: „ W e n. n H e r o l d z u m i r k o nt m t, i st e r g a n z f ü r in i ch b e g e i st e r t, lobt m i ch ü b e r d e n> g r ü n e n 51 lee; jetztläßt ersichvon d e nGe g ,nj t r. nals 51 a n. d i d a t a u fft e H cm" So si eht's mit der Gcksi nnnngstrene der liberalen arischen Kandidaten aus; das ist dasselbe System, das man bei den letzten Gemeinderatswahlen! in> der Leopoldstadt! anwendete. Suche dir einen waschechten Antisemiten aus, biete ihm, ein« Mandat an, und der christliche Liberale,ist fertig. Man stellte also Singhofer e tutti qnanti, Mitglieder des Mariazeller Wallfahrtsvereines, des antisemitischon Deutschien Vereines, echte Christlicht-Soziale auf, glaubte dadurch verflucht sehlau voirgegangen zu sein und — fiel trotz dieser abgrundtiefen Schlauheit glänzend durch. Nun naht der Erbe des Helmbusches, Dr. V o g l e r, der Führer der Wiener Liberalen. Ein zweiitesmnl wagte man ps nicht, ihn den Le o p ol d'sl! ä d t! e-v Wählern aufnidränaen!. Er flücküeiir sich in die inntere Stadt; das ist Eisler. Mein greunö. Als der Maitaq war gekommen, Vogelfang und Blütenlast, Zogen wir mit Frohgesängen Und die Brust voll Hmfenklä'igen, In den maieulauten Ast. War ein bied'eer Trunkgeselle, Trank mein Glas und stahl mein Herz; Und in hellen Liedersiunden Haben wir uns nah' gefunden, Waren eins in Weh und Scherz. An den, Waldweg stand ein Röschen, War 'ne wundeesttße Maid, Schlugen wund uns uns're Köpfe Um die sonnenhellen Zöpfe, Und mir kan» ein wildes Leid. Stand und weinle noel) am Wege, Sah deil Freund in Bluten geh'n Und zeldeiicken mir die Müde- Einsam sah mich an die Heide, Einsam klang es auf den Höh'n. der dritte Bezirk, dem Dr. Vogler Heims acht. Wir sind nengierig darauf, ob Rollet diese deutschliberale Odyssee besingen' wird. Donnt Zifserer verläßt schnöde den nennfielt Bezirk, mit vom ersten Bezirke aus den Lueger zn/ernichten; nachdem, er schon wiederholt'seine 51andidatnr für den Landtag anfgestellt! hatte, lvinkt ihm endlich der Lohn für die Mühe, die er beim Ban der liberalen Partei^ ve'rßhivendet. Dann bewirbt sich Phillopovich, ein Intimus der Deutschen Volkspartei, K'ro!nawetteir und Schweizer, ein Homo novus, nur ein Mandat. Das sind die Glücklichen, die anididiert werden. Ebenso trübe sehen die Verhältnisse im 2. Bezirke ans. Ja, kaitdidiert dock nicht ein freiheitlicher Jude, Dr. Ellenbogens D^ r. E l l e n b o g e n hat s i ch s ch o it längst die Freiheit genommen, ans der j ü d i s ch. e n! G e m e i n d e a ti s z tt t r e t e, it, er ist k '0, n f e s s i o n s l o s. 9cun kann er ja als Persott tun und lassen, lvas er lvill, wir sind auch tticht kolnpeteitt, darüber zu. urteilen, ob eilt. Itoichsratsabgeordttoter und Kassenarzt! zehn Gulden, int Jahve für die jüdische Allgemeinheit opfern kann; wir sind auch nicht so neugierig, zu fragen, inattiT Dr. Ellenbogen schließlich in den Helfen derselben alleittseligntachendett 51irche einlansctt wird, die er heute so Heist zu be.'käinpfen vorgibt. Ain 21. September 1902 erklärte die „Arbeiterzetttmg": „Relkgion, sofern sie in ihrent Wesen das Verstandes- und gefühlsmäßige Verhaltetr des einzelnen zu den' Fragett ntach Nrg'vtmd und Zweck alles Seins bedeutet, kann überhaupt nirgends mit dem. Programm einer Partei in Widerspruch geraten, die sich die Umgestaltung der wirtschaftlichen und gesellschaft'lichen. Znstände zum Ziel gesetzt hat (Sehr gut! Wanum. wurden; denn Elle nb o ge u , A u st e ol i tz o' tutti gitanti kon-, sessionslos? Warum, ließ sieh denn Dr. Adler tau-feir? Aber Geduld, Äeb Pferdefuß konnnt schon in Gestalt einer ans diesetn Munde widerlicheir Anpreisung des Chvisteirttuns:) a m w e tt i g st e n d i e ch r i st l i ch> e R eligioin." (sie!) Ja, lieber Austerlitz, erinnerst du dich nicht atts den Zeitett, als du in der „Oesterr.-JsraelitsickMt Union" aus und ein gingst, daß die jüdische Religion alle „sazial.istisehen Gedankenkeime" bereits enthält, die Christus dann, in seiner Lehre verkündete, daß aus dein jiidischeit Volke alle Soztalrefovnter hervorgi'ngen von Moses und Jesus, Marx und Lassalle bis — zu Adler und Austerlitz? 'Also, Leine fanlett Ausreden. Es trägt heute nichts ein, Jude zu sein, also: Adieu, Judenttnn! Mer. wozu .in die Ferne sehweifeu! Dr. Ellenbogen opfert sich förmlich sich nie Reifenden jetzt, und Dr. Vogler ist beinahe.heiser geworden' durch seine Philippiken gegen die §§ 59 und 60. Ja, in Wien braucht inan nur eine eiserne Sbirne, um politische Erfolge zu erzielen. Es gab einen, Moment in der Beratung der Gewerberefornt, als Die Geschichte eines Knaben. Bon Munk (Berlin). Von den, imtereit und ätißeren Erlebnissen! junger Juden ift sehen oft1 gesehrieben. worden!, und doch ist es die. alte, ganz alte und intitter die gleiche Geschichte mit dein gleia :! Ende: „Und wem sie just passiert, . . . . " Sie erzäi'U von, den. drnrkelu, Sehnsuhteit juttger Seelen, die sich mit Entsetzen unter der rmsäglicheir Trostlofigkeit dueken, die alles Lechen mit einem dichten Nebel unchüllt; vent der durch Jahtchunderie attgesemmtelten, Trauer und Klage vottt Gltiek Verbaut tte'r tmt einnMoied erb ringlich Verlorenesdas niemand kamriile; von den- Jrrnissen und Wirrnissen welcher Menschen, die tmtergeiheit tttüssett, und harter, die int Leben härter werden und unnettnbares Unheil slisieni; von iätenlos verträttmteit Tagen und ruhelos dtirchlveiiüen Nächten-. In der ersten, Jugend träumt der junge Jude von den Feftett tutd thren! Fretiden, in. dereu- Hintergründe sieh schwere Trauer birgt, später träumt er vom. Leben und imm Glück, mn das seine todesmatte Sehnsucht betet. Unterdessen zieht das tattznkräftige, erdenfrohe Leben an ihm^ vorüber und lästt zlvischeu sieh und ihm eine durchsiihtige Wand, die ans ungetvetinten Tränen gelvebt. ist. Aber ist endlieh eimnal dem, Sehnen ein Erfüllen gefolgt, so ist alles anders gelvorden. als man es geträumt hat. Die Kleider, welche der Junge zum Festtage gelvünseht und mit denen er in der Gasse prunken lvollte, sind nicht so, )vie er glaubte. Die Schuhe legen sich sogleich in Falten, die Hosen batimeln. plump herab und der Ueberzieher zeigt nicht jene Anmut, die er vonihm, erlvartet. Mit dem Leben ergeht's ihnt ebenso, und bald kommt dev Augenblick, )vo die Welt noch dnnklev, noch trüber wird, )vo in der geängstigten nnd gehetzten Seele die Erkenntnis ansdämmert, das; man nichts zu. etlvarten hak, das; das Leben in der Tat es sich um die Dringlichkeit! derselben handelte, in dem es möglieh war, den. ganzeit Entlvurf für längere Zeit zu begraben. E i tt e S-tiimine hätte dazu genügt; aber Dr. Vogler, Dr. Ellenbogeit nnd alle diese Freunde der reisenden Kbufleute schwiegen. Jetzt lassen sich dieselben Herrenals Freunde des Handelsstandes feie r tt. Im cs geht -nichts über eine eiserne Stirne. Und wo blieben diese Freiheitshelden, als der Abg. B re i t e r^zugunsten der rumänischen Judeit interpellieren, lvollte? Ein Ehvist hatte soviel Mitgefühl für die Leiden unserer Brüder und ein Ju-de war so bar jeder NcenschUchkeit — unb da haben die liberalen Macher die Unverschämtheit zu sagett: Freiheit und Menschlichkeit sind in Gefahr, wen-n diese Geschäfispolitikev nicht durchdringen. U n d trotz d e in ist es klar, g e g e n w c n man st i m m e n m u ß! Warum wir dennoch diesen Freih-eitsheld-en, die Masken von ihrem heuchlerischen Gesichte reitzm? We,il die 51u1tii!rfeindlichkeit^ und Barbarei der antisem>itischen Maffia -noch nicht d-ie Stärke ihrer Gegneir ausmacht, weil wir unseren Stantmesgenossen die Augeit öffnen tnußten, lvie zerfahren und todkrank düse liberale Partei ist, wenn sie in. ihren letzten Hochburgen nnd Schlupfwinkeln verzweifelt uni ihre Existenz kämpfen mu.ß; denn, siegt sie nieht in. Wien,, so ist es leicht möglich, daß sie überhaupt aus dem.ni i e d e r ö st' e rr e i ch i s ch en L a u.d t a g e c r a. f t e r t wird, mit Ausnahme der Wgeordnetcn der Handielskantmer. Soweitz hat es a£fo die Verderbnis und politische Verblendung dieser „Fovifchrittshelden" gebracht, daß sie einzig und allein auf die jüdischen S bin men angewiesenist, unt nicht überhaupt vom Schau- Platze zu verschwinden. Aber die JudenZvären die größten Narren, wenn sie ihr Schicksal mit dieser tragt komischen Partei verkuppeln wollten, die .nicht einmal anständig sterben kann. Ob sie mm diesmal-für diese Kliqne stimmen oder nicht: ihr Heil liegt nur in der Emanzipation von diesen politischen Komödianten. tut Weiter Endlich hat der Ptzozeß seinen Abschluß gefunden und die aingeklagten otckifen Ui scheu -Hetzreda-kteure Bruihnl und Dr. Bottiche r wurden verurteilt: der eine zu, sechs Monaten, der andere zu einem Jahre Gefängnis.' Wenn man bedenkt!, wie viele Ilnschuldige durch die Verleumdungeit der Veriirteilten leiden nm.stten, wenn man. bedenkt, wie lange diese Ehrabschneider mit der Ehre und dein. Leben vieler! ihr Spiel treiben! konnten, tvird man das Urteil ^oher zu milde! finden. Dennmtr dem Treiben.- dieser Geschäftsantisemiten ist es zuzuschreiben., daß die wahren Täter entwischen konnten. Jedem Objektiven, ist! es klar, wie sich die ein Martyrimu ist. Um. sich! sieht er lauter gebeugte, krenztrageud-e Menschen!, die so anssehen, als hätten sie intmer Furcht vor etivas. Und nun ist auch an ihnt die Reihe, das Kreuz zti nehmen-, lrenn der Glaube am das- Glück verloren gegangen ist. „Das Verlöbnis" von. Efraiin Friseh ist die Geschichte eines Jndenkitaben.. Wenn der Frühling jubelnd in die Gasse zieht, sitzt Leo in. der schwülen Stube des Lehrers und lernt, lernt von. einem ferneit Lande und von einer Vergangenheit!, die nicht Gegc'ttwari! sein wollte — nnd die Welt liegt -i-rgeudwo Iveit draußen -— ganz weit. _ Um sich! sieht er bloß ernst nnd be-kütnm.ert blickende Gesichter, und^er fragt sich: Warum sollen die Ncenschen. nicht eiiunal eine Freu>de haben-? Wozu leriten, wemt. alles herum, gleich traurig ist u-nd alle tote unter einer Last gebückt einher gehen'? Und niemals gesch-ieht etwas. In den- Büchern, aber ist es voll von. Kriege-it und Festen tutd die Meuscheu bewegtelt, sich feierlich! und! mit freien Schritten durch die Welt. Ist es überall so?-" Um deit Muud der Mutter, deren veirhalteiie Zärtlichkeit ihn. so lveich und schell gemacht bat, zuckt stets eilt furchtsames, ratloses Lächeln, das Lächjelnder siilten Mittlerin, dt deren Herz sein workloßs Weh lvi'e kaltes Eisen schneidet. Wenn er sich unter die Kinder mischt, fühlen sie! seine fremde Art, und in ihrem Verhalten ist etivas lvie Sehen nnd Gevingschätzung znglc'ichl. Das ist seine Wslt. Doch lvenn er die dumpfen Gasseit biiüer sich hat uud> ihre Menschen, andie er sich mit unzerreißbaren Banden gekettet fühlt, dannatmet er auf, dann! zieht es durch sein Inneres lvie eilt weiches Lied und löst die enge Welt in einen Sehnsnchtstrallm, der allittählich den Tag undseilte Küntme'ritisse überwiegt. Und dann smmnt er wohl selbstvergessen' ein Liedchen mit einer Innigkeit, die nicht frei lvard. Und abends erstrahlt das Bild des Tages in tieferem Glanze. Farben und Töne erschei- /!

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