Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 41 (10.10.1902)
- Date
- 1902-10-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit*-? Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 10. Oktober 1 "02 Nr. 4 t Jitr Frage be rlnkflrifllifif niitüüMijif m. ___ In bcr ’SfuTtiiai'h’f „Neuen Zeit" veröffentlicht I. Kars kr Studien über Galizien, die, abgesehen voit einigen Stellen, in denen der marxistische oder nationale Chauvinismus durchbricht, sehr be-- merkenswerte Aufschlüsse über die ökonomischen ttnd politischeil Verhältnisse Galizicils enthalten. Die geringe Entwicklung des Verkehrs ist an sich schon ein Beweis dafür, das; Galizien noch mitten drin steckt in der Naturalwirtschaft. nild sobald man einige dieser Städtchen gesehen hat, wird einem das ohne Weiteres klar. Gewerbliche Tätigkeit ist so gut wie gar nicht vorhanden — ein paar hnngerleidende Handwerker, das ist alles. Das Gros bilden die Inden, von denen bisher wohl noch niemand festgestellt hat, wovoil sie eigentlich leben. In der Berufsstatistik erscheinen sie als „Handeltreibende", aber «um muß diesen Handel gesehen haben: ein Kramladen, dessen ganzer Wert, Einrichtungen und Waren zusammen gar oft keine 50 Gulden beträgt, >vo der Tagcsumsatz selten die Summe eines Guldens ansmacht und der Gewinn also ilnr iverlige Kreuzer zählen kann. Davon lebt eine ganze Familie! ltub diese Menschen leben wirklich und wahrhaftig, sogar sehr lebhaft, davon geben sie Beweise. Aber wer ihy Hanshaltnngsbndgets studieren wM)c, meisten nicht mehr als 30 bis 40 Kreuzer ansgeben. Wie das möglich ist, ich habe es nicht ergründen können. In Bezug auf Wohnung und Kleidung sind freilich die Bedürfnisse geradezu verblüffend gering. Ich glaube nicht, das; irgendwo in der Welt so viel crbstoszendes Elend, eine solche Anhäufung von widerlichem Schmutz zu finden ist. _ Schon der erste Eindruck einer solchen „Stadt" ist unbeschreiblich deprimierend. Abgesehen von ein paar Steinhätlsern, in denen die k. k. Behörden residieren und noch etlva der Geistliche, der Arzt und der Apotheker, besteht der Rest ans Holzbarackcn von wunderbar komplizierter Struktur: das ist so ineinander gebaut, stützt sich mit seinem Gebälk und den überall angebrachten Stützen und Anhängseln eins aufs andere, daß man das Gefühl hat, wenn irgendwo ein Balken fortgenommen wird, stürzt die ganze Bescherung, von einem Ende der Straße bis zum anderen, zusammen. In der Mitte ist der Marktplatz — von unbeschreiblichem Schmutz bedeckt. Das ist die Front, die Kehrseite stellt sich noch schöner dar. Als ich einmal in einem solchen Städtchen in einer Schankwirtschafi übernachten muhte, wollte ich das Fenster, das nach dem Hofe hinansging, öffnen; ein mörderischer Gestank schlug mir entgegen, so daß ich es eiligst schloß. Am nächsten Tage sah ich mir die Geschichte bei Lichte an und fand folgendes: Das Fenster führt auf einen Winkel zwischen zwei Häusern, so daß rin Raum von zwei bis drei Meter bleibt; dieser Winkel wird in aller Gemütlichkeit von den geehrten Bewohnern als — Abtritt benutzt. Es zeigte sich, daß das durchaus nicht vereinzelt war, eine ganze Reihe Häuser zeigte die gleiche schöne Einrichtung. Und leider war diese gute Stadt keine Ausnahme. In dem Bericht der Sanitätskommission las ich später: „In den kleinen Städten ist der Mangel an Aborten recht fühlbar; es gibt Städte, in denen der vierte Teil der Häuser gar keine Aborte besitzt." Diese Kleinstädte aber kommen vor allem in Betracht/ denn von 03 Städten Galiziens haben nur 13 über 15.000 Einwohner und wohl die meisten dieser 80 kleinen Nester sind im Zustand absoluter Verwahrlosung. Die größeren Städte sind freilich anders, aber in hygienischer Beziehung lassen auch sie nahezu alles zu wünschen übrig. Es genügt, zu erwähnen, daß Krakau mit seinen 85.000 Einwohnern erst seit einem Jahre eine Wasserleitung besitzt und daß die Kana- * lssation von verblüffender Einfachheit ist. Kanäle, die ihren Inhalt inmitten der Stadt in den Fluß ergießen und dabei nicht etlva unter dem Wasserspiegel, sondern ganz einfach am hochgelegenen Ufer. Das Resultat ist, wie nicht anders zu erwarten, eine uuheimlrch hohe Mvrtalität. Galizien steht mit einer Sterblichkeitsziffer; bort 27,50 pro 1000 an der Spitze aller österreichischen Kronländer,! die galizischeu Städte haben die höchste Mortalität in der Mon-! archie.! Wie gesagt, ist die industrielle Tätigkeit in den Klein-! städten eine minime, aber auch in den größeren Städten ist cS nicht viel anders. Nach der Zählung von 1800 kommen hier von l 10.000 Berufstätigen 8388 ans Land- und Forstwirtschaft, 020 auf Industrie, 400 auf Handel und Verkehr, 487 auf öffentlichen Dienst und freie Berufe. Dieser Zustand ist nun keineswegs in den „natürlichen Verhältnissen" begründet. Im Gegenteil, das j Land weist beträchtliche Mineralschähe auf: Kohlen, Eisen, Blei,! Zink, Salz, Schwefel, Kalisalze, Erdöl und Erdwachs, es verfügt, über vorzügliche, leicht auszunützende Wasserkräfte und auch die Kardinalbedingung für den kapitalistischen Großbetrieb, billige Arbeitskräfte, ist im Ueberflus; vorhanden. Jedenfalls sind die „natürlichen Verhältnisse" hier günstiger als jenseits der Grenze, in Russisch-Polen, und trotzdem entwickelt sich dort eine recht bedeutende Großindustrie, hier nicht. Die Erklärung ist leicht gefunden: das selbständige Polen war der Agrarstant par exeellence, tveil die herrschende Klasse es so wollte; die Sckstachta schnitt konsequent den Stckokeu jede Entwicklung ab; ein Wilderstand von Seiten dieser Städte war unmöglich, weil sie aus eigener Kraft tticht aufkommen konnten, die Bauernschaft aber >var machtlose weil über ein uugo henres Gebiet zerstreut, das beständig durch Kolonisation vergrößert mürbe, indem man die Bauern auf dem Steppenland ausiedelte. Die bleischwer auf dem Lande lastende Hörigkeit schnitt jede Möglichkeit industrieller Entwicklung ab. | Bei dem cm Polen vollzogenen Raube kamen nun Russisch- Polen und Galizien in diametral entgegengesetzte Lagen: jenes tvar j trotz seiner Rückständigkeit int Vergleich zu Westeuropa dem minek- : tierenden Staate an sozialer Entwicklung überlegen und kam bald in die Lage, eine Großindustrie aufzuziehen, die in Rußland den j Absatzmarkt fand; Galizien dagegen wurde Jahrzehnte laug von! der österreichischen Regierung als Hinterland für die industriell entwickelten Teile der Monarchie, Niederösterrcich und Böhmen, betrachtet. Es besteht gar kei Zweifel darüber, das; diese Regierung bis ins sechste Jahrzehnt hinein die industrtelle Euttvicklung i Galiziens unterband, das Land systematisch durch eine raffinierte , Wirtschaftspolitik schädigte, getimt wie England keine Industrie i in Irland aufkommen ließ, (?) Seit l 807 besteht die Selbstverivaltung. Allerdings darf man die Bedeutung derselben tticht überi schätzen, da trotz der scheinbaren Autonomie der einzelnen Krönläuder Oesterreich in Wirklichkeit ein durchaus zentralistisch regierter Staat ist und gegen den Willen der Wiener Regierung kaum ctivaS durchgesetzt wird.*) Jedenfalls aber hatte es die LandeSregiernng zweifellos in derHand, die industrielle Entwicklung des Landes zu fördern, zumal bei dem oft ausschlaggebenden Einfluß des Poleuklubs auf das Wiener Kabinet. Aber diese Regierung, | die ausschließlich die Interessen des Großgrundbesitzes vertritt, j wollte eben hier nichts thun. j | Dazu kommt dann der Fiskalismus des Zentralstaats, ' der ein Aufkommen der Industrie verhindert. Hier ist ein in Deutschland allgemein verbreiteter Jrrthum ztl widerlegen, die Behauptung nämlich, Galizien erhalte Zuschüsse aus den finanziellen Reichsmitteln, das Reich verausgabe mehr für das Land, als es ausgiebt; gerade das Gegenteil ist richtig. Nach einer Berechnung des Professors Glasbinski stellt sich die Sache in dem Etat für 1901 folgendermaßen dar: Die Einnahmen aus den Eisenbahnen, der Post- und Tclcgrasenverwalütng und der Domäne betragen 93.4 Millionen Kronen, aus den direkten Steuern 25,0 Millionen, aus den indirekten Steuern und Zöllen 131,3 Millionen, zusammen 250,6 Millionen, an Reineinnahmen verbleiben 138,6 Millionen; die tatsächlich für Galizien gemachten Ausgaben be- > laufen sich auf 49,4 Millionen, tvozu noch 22,2 Millionen an Gehalt und Pensionen der Beamten kommen, cs bleiben also 07,2 Millionen Ueberschus; und nach Abzug der Amortisationsquote für, Bahnen und Domänen bleibt ein lieberschuß von rund 62 Mil- I Hotten. Davon sind abzuziehen die Ausgaben für Heer, Marine und Diplomatie; im Verhältnis zur Bevölkerung berechnet ergeben sich für Galizien rund 43 Millionen. Es bleibt also auch jetzt noch ein ' Ueberschus; von 19 Millionen, den das Reich aus Galizien zieht.*) , Nun ist die Steuerlast um so drückender, je äriner die Be- 1 völkerung. Die Lasten, die der moderne Staat der Bevölkerung ' auferlegt, sind nach der Steuerkraft hochentkvickelter Länder beinessen. Oesterreich legte, vom Grohmachtskitzel verleitet, diese Last einer Bevölkcrug auf, die sie absolut nicht tragen kann; Böhmen und Niederösterreich sind kaum imstande, die Steuern zu ertragen, das rückständige und verelendete Galizien muß unter der Bürde zusammenbrechen. Das hindert jedoch die Herren des Polenklubs nicht, stets für militärische Forderungen zu stimmen, die Last ins Ungetnessene zu vergrößern. Für ihre Person wissen sie sich ja zu helfen; wozu gibt cs Sinekuren und tvozu ist die Vetternwirtschaft, gut, wenn nicht um Steuern zu defraudiercn.! Aber nicht nur ist die Steuerlast ein Fluch für das Land,. sondern es ist die Art und Weise der Steuererhebung für die wirk- ' tchaftliche Entwicklung ein noch größeres Hemmnis. Da ist zum Beij spiel die famose Gebäudestener, die tatsächlich bis zu 40 Perzent I des Ertrags verschlingt; oder die Gewerbesteuer, bei der die uu-; glaublichsten Dinge Vorkommen. Es wurden mir zum Beispiel zahlreiche Fälle genannt, wo von Leuten, die Schürfungen vornehmen ließen, eine Gewerbesteuer erhoben Imirde, odr wo Fabrikanlagen besteuert wurden, ehe noch die Gebäude fertig waren, *) Hier schlägt der polnische Chauvinist durch, denn tatsächlich besitzt Galizien eine solche Autonomie, tvie die Polen sie sich besser nicht wünschen können. Besitzt es doch z. B. die politische innere und äußere Amtssprache. Aber die regierende polnische Schichte hat sich als vollkommen tinfähig zur Hebtittg des Landes erwiesen. Anm. d. Red. *) Man sielst, daß man mit der Statistik das beiveisen kann.!vas man will. Anm. d. Red. geschloeige denn die Produktion begonnen hatte, also Getverbesteuer erhoben, Ivo von Profit noch gar keine Rede ist. Ebenso schlimm steht es mit den Kreditverhältttissen, die aufs Aeußerße vernachlässigt tverden. Das hängt nun wieder, tvie Daszynski in einer seiner glänzenden Philippiken gegen die Mißwirtschaft der Adelsklique ausführte, aufs Engste mit der Korruvtion zusammen, die citt notwendiges Resultat der Vetterntvirtschaft ist. Da kein Kreditinstitut entstehen kann, ohne das; die regierende Klique ihre Stützen dort unterbringt, die tvie die Raben stehlen, so ist allgemeiit keitt Vertrauen zu galizisclten Banken zu ertvarteu und richtig legen allch die Magnaten sehr oft ihre Gelder in fremde Banken an, während im Lande selbst krassester Kapitalmangel herrscht und der Zinsfuß ein ungcntein hoher ist. Die Folgen sind also die, das; die industrielle Euttvicklung des Landes zurückbleibt. Hier einige Daten zur Illustration: Nach ( der Zählung von 1895 repräsentierten in Oesterreich die Motoren : itt industriellen Betrieben 1,016.410 Pferdekräftc, davon kommen auf Galizien 56.050, das heißt 5,57 Perzent, während von der s Gesammtbevölkeruitg Oesterreichs 27,05 Perzent atif Galizien kommen. Nach der Statistik der Arbeiterunfallversicheruug gab es l in Oesterreich im Jahre 1897 73.549 gewerbliche Betriebe (unter j Ausschluß der landwirtschaftlichen Betriebe, zuzüglich der Eisenbahnen), davon kommen auf Galizien rund 7400, auf Niedevj Österreich dagegen 11.800, auf Böhmen 25.300; die Zahl der be-; schäftigten Arbeiter tvar 1,205.000, davon kommen auf Galizien ' 83.000. Man sieht also, tvie stark Galizien im Verhältnis zu seiner Bevölkerungsanzahl hinter den Durchschnittszahlen zurückbleibt, die; sich bei gleichmäßiger Verteilung der Industrie ergeben ivürden.! Das Land produziert bedetitende Mengen Hanf und Flachs lvon 403.000 Zentner Flachsfaser, die in der Monarchie produziert iverdeu, entfallen auf Galizien 05.000, von 169.000 i Zentner Hanffaser 126.000), aber es weist nur eine einzige Lciuwandfabrik auf; der Konsum an Baumwollstoffen ist sehr bej deutend, aber es besteht nicht eine einzige Daumwollspinnerci im ' Lande; Galizien fuhrt gewaltige Mengen an Häuten aus, aber es bestehen nur 5 fabrikmäßig betriebene Gerbereien, gegen 42 in Böhmen; es sind alle Bedingungen für die Holzbearbeitungsindnstrie, Glasfabrikation, Töpferei gegeben, trotzdem sind diese Industriezweige überaus schwach vertreten: Galizien hat 74 keramische Fabriken, Böhmett 349; 2 Glasfabriken, Böhmen 133; 10 Papier- und Holzstofffabriken, Böhmen 54; das östliche Galizien weist vorzüglichen Boden für Rübenbau auf, aber es bestehen hier 2 Zuckersiedereien, gegen 73 in Böhmen, und der Zucker wird importiert. Nur ein Produktionsziveig blüht — die Schnapsbrennerei! Mit der Produktion von 492 000 Hektoliter Alkohol marschiert Galiziett an der Spitze aller österreichischen Kronländer. Das ist die wahrhaft nationale Industrie der Schlachzizen; das Propinationsrecht, das Brennrecht, das Recht, den Bauer mit Fusel zu vcrgiftett, ist das Palladium dieser Edlen, und diesen Gclverbezweig wissen sie durch ihren politischen Einfluß vortrefflich zu fördern. Nun kann natürlich nicht verborgen bleiben, daß diese industrielle Rückständigkeit das Elend des Landes bedingt. Diese wohlfeile Erkenntnis gibt dann allerhand Konfusionsrätcn Gelegenheit, die sonderbarsten Hirngespinste zu produzieren. So hat zum Beispiel ein Herr Studnicki den genialen Plan ausgeheckt: Galizien muß. um fine „rni’nmte Industrie" zu schaffen, von Oesterreich abgesondert tverden, es mttf; ähnlich wie Ungarn eine autonome Wirtschaftspolitik treiben können. Mit großem Scharfsinn führt der Herr aus, tvie durch eine rationelle Politik, dttrch Subsidien tmd Schutzzölle dem Kapitalismtis attf die Beine geholfen werden kcntn. Das wäre nun nicht weiter auffallend, wen der Plan itt dem Hirne eines bürgerlichen Reformators entstanden wäre,'aber der Urheber war ein ttltraradikaler Sozialist tmd hat diese Weisheit im Londoner „Przcdswit" verzapft, indem er der sozialdemokratischen Partei nt Galizien ein Programm empfahl, das darin besteht, dem Kavitalismtis, den die Partei zu bekämpfen hat, erst einmal auf die Beine zu helfen. Als er damit keine Gegenliebe fand, war er höchst erstmutt ttnd erzürnt und konnte sich die Ablehnung tticht anders erklären als dttrch die Behattptung, die galizische Partei habe sich in die Sklaverei der Wiener Parteileitung begeben. So warf er denn seinen rrradikalcn Sozialismus kurzerhand über Bord und landete im Hafen der bügerlichen Demokratie. Derartige groteske Idcenverknüpfungcn lassen sich in mehreren Beispielen anführen. Sir erklären sich durch dett politischen Charakter des Bürgertums in Galizien. Der Jahrhunderte dauernde Druck hat dieses Bürgerttun bis tu die Knochen korrumpiert, alle seine Mäste lahm gelegt. Die Masse der Juden in den Kleinstädten ist im allgemeinen überhaupt als selbständiger politischer Faktor nicht zu rechnen. Es sind parasitische Existenzen, die selbst im krassesten Elend hinvegetieren und noch für lanae Zeit einfach ein Werkzeua in der Hand der tatsächlichen Machthaber bleiben tverden; sie ließen sich in der Zeit der absoluten Herrschaft der österreichischen Bureaukratie gegen den Adel brau-Ven, sie sind heute die ergebenen Diener dieses Aüels und des spezifischen galizischeu, bald sch!varz-getb österreichisch, bald feinste, meistbesuchteste Bäckerei und Konditorei unter der Firma Salamonsen zu finden. Norwegen, diese Republik mit dem König an der Spitze, ist heute wohl noch freiheitlicher regiert als die Schweiz, hat ja dort das Storthing sämtliche Adelstitel und Vorrechte abgeschafft. Im Lande der Ibsen und Björnson ist die wahrhafte Freiheit. Wir gelangten nun nach Traversierung beider Länder nach Stockholm, dem Venedig des Nordens. In der ziemlich starken Judengemeinde dieser Stadt treffen sich die Gegensätze. Der Hauptzuzug fand hier aus den baltischen Provinzen, aus Ostpreußen und Mecklenburg statt. Der russische Jude hat hier in der Luft der Freiheit gar bald alles abgelegt, was a.i seine alte Heimat erinnert und Leute, die in per vorigen Generation noch Aronowitsch hießen, nennen sich jetzt Aschberg. Die soziale Stellung der Juden Stockholms ist ganz hervorragend. Der Polizeipräsident ist eine Jude. Fränkel ist bedeutender Finanzmann, Bankdirektor und schuf den großen Brauereitrust. Auch eineu jungen Wiener lernte ich dort kennen. Herr Arthur Penzias ist erster Chemiker und technischer Beamter in der großen Münchener Briggeri (Brauerei). Derselbe absolvierte die Wiener Brauakademie, war Assistent bei Hofrat Schwackhöfer, dem er bei Verfassung eines großen Werkes ganz wertvolle Dienste leistete und der als Jude genug schweren Stand hatte, um auf brautechnischem Gebiete seine Existenz zu finden. So schwierig ihm das Fortkommen in Oesterreich oder Deutschland geworden, so generös und tolerant kommt man ihm in Schiveden entgegen und nur in begeisterten Lvbesworten 'pcicht er von der Direktion seines Unternehmens. Als sich in der Wiener Branakademie ein anderer Jude um die Attsuahme bewarb, soll man gesagt haben, man will aus der Anstalt keine Synagoge machen. Wie der Jude statt Kansniann oder Doktor etwas anderes werden will, versperren sich ihm alle Tvre. Schnell ein anderes Bstd. — Welch edler Zug liegt in der zarten Rücksichtnahme, die König Oskar von Schweden bekundete, als er dem Stockholmer Rabbiner einen hoben Orden verlieh und das in der Dekoration befindliche Kreuz mit Brillantrosetten verdecken ließ. Im Hatlse des Batikdirektors Rüben, dessen Familie vor hundert Jahren von Mecklenburg eingewandert war, sah ich manch altes Familienbild und mit Stolz zeigte er mir das Selbstporträt seines Onkels, des berübmten Kupferstechers Lud. Rüben, dessen Werke die Zierde jedes Kupferstichkabinetts bilden. Ich lernte i» Direktor Raben einen jovialen Grandseigneur kennen, in dessen gastlichem Hanse die Gesellschaft verkehrt, wo man gute Kammermusik macht und in diesem anheimelnden Milieu eine hochgebildete Frau waltet. Kommen wir in die Stockholmer Kürntnerslraße, der Regerings-Gatten, so fällt uns das große, elegante Warenhaus der Nordischen Kompattie, ein Magazin st In Louvre, sofort auf. Der Chef des Hauses ist Herr H. Sachs und seine Firma ist unbedingt die erste des Platzes. Mit der religiösen Seite der nordischen Inden ist es leider nicht gut bestellt und der Einfluß, den die Rabbiner ans ihre Gemeinde nehmen, ist gleich null. Gerade in diesen freien Ländern, deren christliche, respektive evangelische Bevölkerung eine tiefe Neligiösität bekundet, wo eilte aus dem religiösen Bedürfnis entsprungene strenge Sonntagsruhe herrscht, könnte sich das Judentum herrlich entfalten, wenn der jüdische Seelenhirt auf den hebräischen und Religionsunterricht dringen würde. Er genießt lieber seinen guten Gehalt in Beschaulichkeit und weiht das nordische Judentum dem unausbleiblichen Verfall. Uebrigens soll es bei uns in Wien an einem Analogon tticht fehlen. Die Prvpinzstädte Schwedens, besonders die ant Meere gelegenen. haben einige jüdische Bevölkerung anfzntveisen; so z. B. Norköpittg und Malmö. Nun etwas südwestlich nach Holland hinüber, wo wir etwas länger verweileit müssen. Eine ganz exzeptionelle Stellung nimmt in diesem Lande das Judentum ein, wo es in den großen Städten bis zu einer Dichtigkeit vvit zehn Perzent der Gesomtbevölkernng vertreten ist. Mit der Geschichte der holländischeit Juden, denen wir einen Spinoza verdanken, sind wir schon deshalb mehr vertrant, weil wir mit unseren dortigen Glanbensgettossen weit häufigere Berührnngspttnkte haben, die aus der wirtschaftlichen Bedeutung der großen Handelsewporiett resttltieren. Die Invasion der spanivlischen Inden nach Amsterdam setze ich als bekannt voraus und ihre Gemeinde dürfte 20.000 Seelen zählen. Außer diesen hat Amsterdam weitere 40.000 Inden, die ans zngezogenen polnischen und deutschen Elementen bestehen und ferner vor alle tu ans jenen Einwanderern lervorgegrnigen sind, welche hier Zuflucht fanden in d-r Zeit der rheinpfälzstchen Jndeiiverfvlgungen. mit denen der Name Worms verknüpft ist. Die Int e t erfreuen sich idealer politischer Gleichstellung und treiben solches Handivetk und Handel, wozu sie wo anders nicht zngelassen würden. Die ambulanten Obsthändler und Berkänferiltiien, die mit ihren Handtvagen Rotterdam und Amsterdani durchziehen und sich heiser schreien, die kleinen, fliegettden Zigarrenbändler, die sich Samstag abends, der Zeit des gesamten Verkehrs, in Rotterdam ans dem Marktplatze postieren, sind Inden, ebenso Dienstlente und viele Packträger. Während es der Jude ans deutschen Eisenbahnen nicht einmal zum Packträger bringetr kann, springt uns ein solcher schon in der ersten holländischen Grenzstation Zevenaar hilfreich entgegen. In den feinstetl Hotels findet man jüdische Portiers, weil sie sprachenknndig find. Biele Diamantenschleifereien sind im Jndenviertel Amsterdams und polnische Inden stellen ein stackes Kontingent zu dem attgenperderbenden Berns der Diamantenschletferei. Nicht wenig stolz ist man in Holland, daß der Leibarzt der Königin, Professor N o v s e n st e i n. die ans Wunderbare grenzende Rettmig der Königin vollbracht hat. Dr. H e y m aus ist Lcibnrzt Paul Krügers ttnd in Utrecht ist Dr. Ch. Ali Cohen. 1 looftlinspectcMUv’tm de Volksgezomllioid. Unter einem früheren Regime tvar der holländische Staatsmann Gvdefrvi - Jude — Minister und als turnt ihm