Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 41 (10.10.1902)
- Date
- 1902-10-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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»Wes Dolhsblatt H- ÄsdKrkwn: II/3. LeopoldsgaflL 49, ®{»e«iß)fl«wfceK J ÄU Niochenragm so« 3 bis 4 ühr nachmittags, p.stadrill.r AüdkscheS «BsHkSSIatt, Wie», NS Wiesirswewegen «»rH-ar.-^ oder gar nicht -rfoigr,-! -iukettung «brttrn v»«r anS briitßMi:.. ■« vUtxnluxi&U tozxbtmi »icht z«rÜi?a«ftrNt. Äoss;pirrearkti«,r?o»to gn r>ns V-nMk»nntt kan« :n„n tSgllch «intreten. ExfchklÄ jeden freitag vratzr 'JStltotxiams VW vorn iLdUchen 3wih8- Mrsin srrvätzltrA P>resrecomMis!wn. üd«rr>«hmeu die Armen r Z. Dairneberg, M. Dukes, Haassrr -i» » A-igler, Rudolf Müsse, H. Oftpelik. M. Ä-i;1°NUt, K. SLalek io G)ien. it.mcx a‘Si Nnnonceu-^xpeditionrn im KiMlande. MsMit-MiLMAws irs Wien ZG Heller. AkA^rktllrsrion r n/3. Leopoldsgalle 49. Tclephon-Nr. 1472» NbormeuretttSpreiS: Telephou-Nr. 14722 Für Wien u. Vrsterretch-Nngar» sammt Franeozuflrllung. Sanzjährig Halbjährig . Bierteljährig. Kr. 8— :fc Für bcrS gelammte Ausland sammt Francozustellung. «Vanzjährig . Halbjährig . Vierteljährig Kr. ».- „ 4.50 I 2.25 z.rwm’pmmtBMmiimmmEummwmmmsmaaamxBmsafägimmmsmmmcMaMmtmmsmmimmmiimwHmeiBst ■' ranv^rmonmK^wamvtwscuBBtxitKWMauMMMMiJmmtsannnm Ur. 41 Wie». 10. Oktober 1802 (9. Tischri 5663), IV. Jahrgang. MtUBSSBOB***' Zum Versöhnungstage Ein Tag der Versöhnung, der Ruhetag der Ruhetage, der Sabbat der Sabbate. Es ist die Zeit, in der der Jude, in sich gekehrt, sich der bösen irdischen Instinkte entkleidet zur Erkenntnis der Unzulänglichkeit seiner eigenen Kräfte gelangt und geläutert durch die Demütigung seiner Seele zurückkehrt zu jener Gattähnlichkeit, in welcher er geschaffen wurde. Ein hohes Sittlichkeitsgesühl bemächtigt sich des Juden am Versöhnungstage. Es soll Friede einziehen in seine Brust; aber ein ehrlicher, aufrichtiger, allgemeiner Friede. Willst du dich mit beinern. Gotte Versöhner', so mußt du vorerst dich mit -beinern Nächsten und hauptsächlich mit dir selbst nusgesöhnt haben. Aber nicht aus Nachgiebigkeit, bloß um des lieben Friedens willen, sondern indem du strenge mit dir ins Gericht gehst, deine Fehler und Sünden gegen dich und dein Volk bekennst, dich demütigst, um dich dann selbst nufzurichten und nicht mehr in die alten Sünden zu verfallen. Und fürwahr, der Jude hat alle Ursache, mit sich und seiner Umgebung ins Gericht zu gehen. Täglich versündigt er sich an seinem Volkstum, jeder geringste Anlaß ist ihm gut genug, sich und sein Volk „um des Friedens willen" preiszugeben. Und wenn dann die durch das Judentum begangene Sünde gegen sich selbst, bei den anderen Völkern fortzeugend neue Sünden gebärt, wenn dann das Judentum von allen Seiten verschmäht, verhöhnt und verfolgt wird, da klagt dann der Jude, Ursache und Wirkung miteinander verwechselnd, die Vorsehung an, daß sie ihn Unglücklichen zum Juden ausersehen. Eine Versöhnung ist nur demjenigen gegenüber notwendig, der gegen einen gesündigt hat. Und so möge sich denn jeder Jude , zuvörderst mit sich selbst und seinem Geschicke ehrlich, ohne Hintergedanken, anssöhnen, um so die moralische Kraft und die Berechtigung zu gewinnen, mit dem gemeinsamen Feinde des Judentums zu rechten. Dem Judentum kann, schon zufolge seiner Zahl und seiner Tradition, die Politik der e h r l i ch e n Versöhnung und des aufrichtigen Friedens nur willkommen sein, aber es darf nie und nimmer um den Frieden buhlen oder für einen scheinbaren Frieden auch den geringsten Teil seiner berechtigten Ansprüche opfern. Auch im Kampfe gegen die assimilatorischen Juden vergessen wir nie, daß sie Juden sind, Blut von unserem Blute. Fleisch von unserem Fleische. Aber gerade dieser Umstand zwingt uns manchmal ihnen gegenüber einen umso heftigeren Kampf gegen ihre Verblendung aus. Versöhnung sei jedem, der es mit uns gut meint, aber für die Heuchler sowohl, wie Eine Uordlandfahrt. (Studie über die Juden im nördlichen Europa.) Von Heinrich Sonnwald. Die flinke „Freya" brachte mich in einer mondhellen Nacht an die dänische Küste und der nächste „Hurtigtoz" kam mit mir morgens 10 Uhr in Kopenhagen an. Es war ein prachtvoller Sonntag. Alles drängte nach den Bahnhöfen und Schissen und ich stand in der Bahnhvfballe, wie der berühmte Greis, der sich nicht zu helfen weiß. Man kommt im nördlichen Europa sprachlich weit schwerer fort als in anderen Ländern. Französisch spricht kein Mensch, englisch ebenfalls wenige und deutsch nur in einigen guten Hotels und den. feineren Geschäften. Wie ich so in meiner Hilflosigkeit dastehe, schien mich jemand bemerkt oder besser erspäht zu haben. Dieser Jemand, ein bescheidener, alter, weißbärtiger Mann, trat höflich auf mich zu und sprach mich deutsch an. Endlich war ich nns'n Wasser! Mit den Ansprachen ans den Bahnhöfen ist es eine eigene Sache und der vorsichtige Fremde weist, oft mit Recht, solche ungebetene Interventionen zurück. Hier lag die Sache anders. Der alte Mann öffnete seinen Ueberzieher und es wurde eine große, rote Schärpe bemerkbar mit der gestickten Inschrift: „Autorisierter Dolmetsch und Fremdenführer." Eigentlich wollte ich, Kopenhagen durchfahrend, sofort nach Norwegen, um Dänemark erst auf. der Rückfahrt zu nehmen. Wie aber alle papieruen Entschlüsse, die man daheim faßt, draußen über bett Haufen geworfen werden, so war es auch diesmal der Fall und ich blieb gleich in Kopenhagen. Die Anssprache meines Zizerone verriet mir sofort, daß ich es mit keinem gebürtigen Dänen zu tun habe. Der alte Weißbart blickte mich durch iein Pincenez musternd an und als auch ich ihn so ansah, als vb einer den anderen erkennen wollte, platzte ich kurzweg mit der Frage heraus: Sind Sie Jude? Auf diese Frage schob sich der Graukvpf etwas nach vorne, j für unsere offenen Gegner intra et extra muros haben wir ' nur den Kampf bis zum Aeußersten. Die Kleinmütigen unter unseren Volksgenossen dürfen vor einem solchen Kampfe nicht zurückschrecken. Si vis pacem, para bellum. Positive Arbeit. II. Heber das von den 22 Kultusvorstehern in Böhmen begonnene Werk „Vereinigung der Kultusgemeinden" sind bei manchen Befangenen oder dagegen Eingenommenen solche Ansichten geäußert worden, die oft ans Lächerliche grenzen, während die großen Kultusgemeinden, z. B. Prag, Pilsen, sich in das bekannte große Schweigen hüllen und ihre Fühler nur so indirekt ausstrecken, um zu ersehen, wie und auf welche Art dieser Selbsthilfe der auswärtigen 190 Kultusgemeinden in Böhmen ein Bockbein gestellt werden könnte, probieren anderseits die Leiter von manchen Vereinigungen durch Ueberredung die Freunde dieses Unternehmens zur entgegengesetzten Ansicht zu bekehren. Außerdem liegen Berichte von hochanständigen Glaubensgenossen vor, die dieses Beginnen als eine frohe Botschaft betrachten und die ordentlichsten Rabbiner unterstützen und segnen den guten Willen der Proponenten. Aber auch mehrere israelitische Vereinigungen finden es an der Zeit, daß sich aus der Mitte der Kultusgemeinden ein gemeinsames Band bilde. Ein anderes Bild: Manche Kultusvorsteher, und das sind wohl wenige, haben in ihrer Zurückgezogenheit ganz divergierende Ansichten zutage gesördett; so z. B. schreibt der Kültusvorsteher von Heimanmestec, daß seine Kultusgemeinde Mitglied des Gemeindebundes in Wien und des Gemeindebundes in Prag ist und daß durch eine Verbindung der Kultusgemeinden in Böhmen zu einer gemeinsamen israelitischen Landeskammer obige zwei Vereine geschwächt würden. Dass dieser gute Herr nicht sieht, daß genannte beide „Bunde" nicht schwächer in ihrem Tun und Lassen sein können, als sie es sind — daS ist leider zu bedauern. Was haben, werter Herr Kultusoorsteher von Hermanmestec, in der Zeit Ihrer Mitgliedschaft diese zwei Bunde in Wien und Prag für Sie geleistet? Ein noch markanterer Fall ist die Aeußerung eines Herrn B. S t e i n d l e r, Kultusvorster von Beneschau; derselbe begreift die von den Proponenten gestellte Aufgabe vom geschäftlichen Standpunkte, indem er sagt: „Ich kann Ihr Unternehmen unter d e r F i r m a „V e r - blickte mich schelmisch an und erwiederte lächelnd: „Wenn Sie einer sind — bin ich es auch." — Die alte Geschichte! Ob in Kamtschatka oder bei den Bvtokuden: ein Jude erkennt den anderen. Dieses allgemeine Erkennungszeichen hat uns die göttliche Vorsehung, zu unserem Heile, auf die Stirne gedrückt. Längst wären wir in den tausenden von Jahren verschwunden und unkennbar in anderen Völkerschaften anfgegangen, wenn wir nicht eine so reine, unverfälschte Rasse darstellen würden. Aus dem guten Alten, der immer gesprächiger wurde, konnte ich viel Wissenswertes heranshvlen. Mayer ist sein Name und seine — 82 Jahre trägt er in ungebeugter Rüstigkeit. Vor 52 Jahren kam er von Magdeburg über Hamburg nach Kopenhagen. Gute und schlimme Tage wechselten in seinem Lebenslauf und mit seiner Frau lebt er zufrieden seinen Lebensabend. In den nordischen Ländern mit ihren puritanischen Sitten werden Restanrationeu erst nach dem Hanptgottesdienst geöffnet und nachdem wir uns schon etwas ermüdet suhlten, lud ich meinen Führer zum Lunch ein. Wie erstaunt war ich, ein Refus zu bekommen, weil doch Fremdenführer an sprichwörtlichem Appetit laborieren. Mayer führt — koscher Haus und hat daher nie die Einladung seiner „Geführten" angenommen. Für Nachmittag hatte er noch einen Nudel Engländer nach dem königlichen Lustschloß zu bringen und so schieden wir, nach dem üblichen Obolus, in aller Freundschaft. Teils aus Mayers Quelle, teils aus eigenen Wayruehmuttgen konnte ich mich über die dänische Judenschaft informieren. Die Nahe Hamburgs bedingte, daß der Zuzug von oder über diese Stadt stattgefunden hat. Gar zu groß ist auch heute noch nicht die Koveuhagener Gemeinde, aber ihre soziale Stellung ist trotzdem bedeutend zu nennen. Direktoren der ersten Banken sind Juden, seine Detailgeschäfte, die den Hoftitel führen, zwar nichts Besonderes, werden von Inden geleitet und die berühmte Kopeiihagener Porzellan-Manufaktur von Bing & Groendal (jedenfalls ursprünglich Grünthal) hat einen Weltruf. einig ungderKultusgemeinden in Böhmen" nicht gut heißen, nachdem ich kein Freund von Konkurrenz bin; — es würde genügen den Gemeindebund von Böhmen aus seinem Schlafe auszurütteln." Leute solcher Geschäftsansichten kann man natürlich mit keinen Argumenten überzeugen, obwohl der größte Teil der böhmischen Kultusgemeinden diese so nötige Vereinigung unterstützen wird? Wir wollen es boffen, denn so gleichgiltig gegen alles sind die Herren Kultusvorsteher doch nicht, wie sie unlängst ein Lehrer und Kenner der böhmischen Verhältnisse geschildert hat. Wir wollen das Wort nicht aus dem Munde aufs Papier bringen, wie derselbe einen großen Teil der Kultusvorsteher in Böhmen benannte und wollen es auch nicht glauben, daß dem so ist! Wir erwarten bestimmt, daß die Herren Kultusvorsteher sich ermannen und die Gelegenheit, etwas für ihre Stammesgenossen zu leisten, sich nicht entgehen lassen. Es ist nicht zu zweifeln, daß die Regierung nicht nur Handels-, Aerzte- und Advokatenkammern re. sondern auch israelitische Landeskammern mit gewissen Rechten ausstatten würde. Das Interesse, das die Regierung an allen ähnlichen Anstalten nimmt, würde auch hier maßgebend sein und die für das Judentum erforderliche Fürsorge, würde von den israelitischen Kammern den Staatsmännern ans Herz gelegt werden. Ein „Bund der Industriellen" ist bekanntlich heute maßgebend für alle diesbezüglichen Gesetze. Der Ministerpräsident selbst begrüßt eine Generalversammlung desselben. Dasselbe haben wir erst jetzt bei dem Aerztekammertag in Karlsbad gesehen, die Unterrichtsminister von Oesterreich und Preußen haben, sich da eingefunden. Haben die Herren je gehört, daß in einer Gemeindebund-Sitzung in Prag oder Wien die Minister oder Statthalter sich eingefunden hätten? Warum? Weil eben biete zwei' Bundgenoffen große Nullen sind. Durch die Seküonen in jedem Bezirke würde in diese so notwendige Vereinigung aller Kultusgemeinden ein frischer Geist hineingebrächt werden und daß wir Juden an Achtung und an Ansehen bei unseren christlichen Mitbürgern gewinnen würden, wenn wir geeinigt zu allen politischen und sozialen Vorkommnissen Stellung nehmen würden, daran dürfte der Kurzsichtigste nicht zweifeln. Viribus unitis! Knltnsvorsteher von Böhmen, sorget dafür, daß diese Vereinigung zur Tatsache wird, gehet den anderen Kronländern mir gutem Beispiel voran! I d n o b. Der Skandinavier ist ausgesprochener Freiheitsmensch, daher ist der Antisemitismus kaum dem Namen nach bekannt. Der Jude ist im wirklichen Vollgenuß aller bürgerlichen Rechte, die er zu seinem Nutzen weise gebraucht. Gemäß dem dänischen Sprachgebranche endigen die meisten Namen auf e n und heißen die Juden hier: Jakobsen, Philippse«, Salamonsen, Samsen, Davidsen, Michelsen. Einige heißen Glückstadt, darunter der erste Financier der Stadt, ferner Flensburg, was auf den Ort ihrer Herkunft Bezug hat. Der Stolz der dänischen Juden ist — Georg Brandes. Nachdem ich Kopenhagen, eine der schönsten und elegantesten Städte, einige Tage genossen, ging's direkt nach der größten schwedischen Hafen- und Handelsstadt Göteborg (Gothenburg). In dieser blühenden, reichen Stadt ist der Hauptsitz des schwedischen Judentums. Auch diese Stadt erhielt die ersten jüdischen Ansiedler, vermöge ihrer Lage an der Nordsee, vom nordwestlichen Europa und per wäre von Hamburg aus. Von weit und breit kommen die Kunstfreunde dorthin, um die berühmte Fürstenberg-Galerie zu studieren. Fürstenberg, einer der reichsten Großkanfleute Gotenburgs, hatte eine großartige Sammlung von Gemälden und Skulpturen, die er in einem stattlichen Gebäude zu einer veritablen Galerie ausgestaltete, welche nach seinem vorjährigen Tode testamentarisch der Stadt Gvtenburg zufiel. Der Name dieses munifizenten Juden ist nun untrennbar mit der Sladt verbunden und der Name Fnrstenberg allein würde jede aulisemitische Regung mundtot machen.' Hohe Staatswürdenträger in Gvtenburg sind Inden und es fällt niemandem ein, an die Konfession des Beamten zu denken. Solche ideale Zustände sind eben nur in einem Lande möglich, dessen Herrscher der gelehrteste Monarch Europas ist. Von Gvtenburg machte 'ch eine Tour in die norwegischen Fjords und kam nach Christiania. Norwegen, territorial zwar groß, infolge der Bodenfvrmativn jedoch dünn bevölkert, hat nur in Christiania eine kleine jüdische Kolonie und erfreut war ich, auf der Hauptstraße, der Carl Johans Gade, die