Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 40 (3.10.1902)
- Date
- 1902-10-03
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 40 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 3. Oktober 1902 Seite 5 in einen Gegensatz geraten, und zlvar nicht, Ufte mau wähnt, weil Bismarck ihr das Rückgrat gebrochen, sondern weit sie das Gebaren des größten Teiles der liberalen Presse verletzt. Die Jugend imXL Größe und Achtung vor wirklich Großem, sehen, dieses Parteigekläffe, dieses Hinaufloben jüdischer Kreaturen und Herunterreißen deutscher Arbeit und deutschen Herrentums ist der Jugend G. s. d. noch immer aus tiefster Seele verhaßt. Daher überall, trotz A h l w a r d t, Graf P ü ck l e r usw. der latente Antisemitismus im Lande! Die sog. liberale Presse klage ich an, daß sie unsere akademische Jugend illiberal gemacht h a t. Wir denken nicht daran, in unserem Vaterlande eine Wüste der Tyrannei zu sehen, weil darin noch einige tausend Börsen- und Handelsjuden alles zu melden und zu befehlen haben!" Also nicht aus Ueberzeugung, sondern durch das Gebaren der liberalen Presse ist diese Art von Jugend illiberal geworden! Todesfall. Am 27. ds. ist in Freilassing die Villenbesitzerin Frau Natalie Schimpf im hoher: Alter vor: 90 Jahren verschieden. Die Verblichene war eine große Wohltäterin der israelitischen Armen und hat sich auch um die Pflege der Verwurrdeten im deutsch-französischen Feldzuge solche Verdienste erworben, daß ihr das Eiserrre Kreuz verliehen wurde. Reichsdeutsche Antisemiten. Zwischen der . deutsch-sozialen Reformpartei und den Stöcker'schen Christlich-Sozialen ist in den beiden Reichstagswahlkreisen Wetzlar-Altenkirchen und Siegen- Wittgenstein für die nächsten Reichstagswahlen ein Kartell auf der Pasis abgeschlossen worden, daß in dem ersteren Kreise die Christlich-Sozialen auf die Anstellung einer eigenen Kandidatur zugunsten der deutsch-sozialen Rcformpartei verzichten, während im angrenzenden Kreis Siegen-Wittgenstein die Antisemiten die Kandidatur Stöckers unterstützen werden. Der „teure Gottesmann" scheint um die Erhaltung seines Rcichstagsmandats sehr besorgt zu sein. Das statistische Handbuch für Württemberg gibt in seiner neuesten Nummer Tabellen über die konfessionelle Gliederung der Bevölkerung in den größeren Städten. Die Zahl der Juden ist vom Jahre 1871 bis 1900 zurückgegangen in Eßlingen von 143 1 auf 133, gestiegen in Stuttgart von 1817 auf 3016, in Ulm von > 666 auf 609, in Heilbronn von 610 auf 916, in Cannstatt von 266 auf 404, in Ludwigsburg von 91 auf 243, in Göppingen von Wahl Sir Marcus Samuel war bei seiner Anciennetät und großen Beliebtheit in der City längst fraglos, sie ist aber bedeutsam angesichts der schwebenden Einwanderungsfrage, in die Einzelne einen antisemitischen Zug bringen möchten. Sir Marcus wird den historischen Lord Mayorszug, wie üblich, durch seinen Wahlbezirk führen, also durch die ärmsten Viertel von Whitechapel. 196 auf 326, in Tübingen von 69 auf 100, in Ravensburg von! welÄM Konfession immer verlm:gen zu wollen, daß jeder Einzelne A? ^^rcr 1?00 sind 10 Juden zur evangelischen b ihnen den Nachweis erbringe, er sei keines fremden Staates Krrche uüergetreten: Nach den Mitteilungen über die Konfession ' , t' . “ - r , der Schüler der höheren Lehranstalten ist in den Gymnasien die , Untertan, denn abgesehen davon, daß die fremden Konsulate gar nicht Zahl der Evangelischen zwischen dem Jahre 1876 und 1901 von , in der Lage sind, dies zu bezeugen, ist überhaupt ein vollständiger eniaeaen jüdische Arbeiter! zu beschäftigen; sogar jüdische Residenz, wo eine große Festtafel stattfand. Den Nachmittag über Arbeitgeber mußten ihre namentlich bezeichneten Rassewurde von der St. Lawrence-Kirche periodisch festlich geläutet. Dre genossen außer Stellung und Brot! scheu, um die Rache des Hetzblattes zu vermeiden. Dabei spiegelte das Blatt seinen: Lesern vor, es nehtne die Interessen der Arbeiter und der Proletarier im allgemeinen wahr; es spielte sich auf den Verfechter des Sozialismus aus. Zum Glück haben sich die Zeiten aber geändert, und wie dev Pariser Namensvetter des algerischen Antisemitenblattes, der von dein berüchtigten Jules Guerin, dem „Helden" des „Fort Chabrol", herausgegeben wurde, vor ein paar Monaten das Zeitliche segnete — freilich! nur, um einer anderen Publikation desselben Herausgebers platzzumachen — so erlischt jetzt auch das Organ der kolonialen Antisemiten, hoffentlich, ohne Nachfolger zu bekommen. Für die Gegenwart ist hauptsächlich interessant, daß es dieselben Leute sind, die sich jetzt über die „Unduldsamkeit" der Regierenden in religiösen! Dingen beklagen, die damals dem Hetzblatte nicht nur ihren Beifall zollten, sondern ihm auch mit Barunterstützungen unter die Arme griffen. Das neue Gewerbegesetz. Aus Jassy wird gemeldet: Schon in deri ersten Tagen nach dem Jns-Leben-treten des neuen Gewerbegesetzes werden Klagen und Beschwerden über die darin enthaltene,: Lücken und Unklarheiten und die sich hieraus ergebenden Willkürlich'keiten ilnd Unzukömmlichkeiten laut. So wird namentlich in einem dem „Dorobanzul" aus Jassy zugegangenen Brief erzählt, daß die dortige Handelskammer von den um die Ausfolgung von Meisterbriefen oder Arbeitsbüchern sich bewerbenden einheimischen Israeliten den Nachweis verlangt, daß sie zu keinem fremden Staate in einem Untertanenverhältnis stehen. Die Jassyer Handelskammer wird sich bei diesem ihrem Verlangen auf den Wortlaut des Reglements zum Gewerbegesetze berufen können, in welchem gesagt wird, daß solche im Lande lebende Handwerker, welche zu keinem fremden Staate in einem Untertanenverhältnisse stehen, als Schutzbefohlene Rumäniens von der Erbringung des sogenannten Reziprozitäts beweises befreit sind. Gleichwohl wäre es ein Unsinn, von all den tausenden in Rumänien lebenden, nicht naturalisierten Handwerkern 2393 auf 3680, die der Katholiken von 1611 auf 2642 gestiegen, die der Juden von 272 auf 263 gesunken, in den Realschulen die der Evangelischen von 6932 auf 8656, die der Katholiken von 1184 auf 1662, die der Juden von 318 auf 366 gestiegen. Katholiken und Juden in Transvaal. Nach! 8 6 der alten Transvaaler Verfassung! sind alle jene aus dem negativer Beweis in der von der Jassyer Handelskammer verlangten Richtung gar nicht denkbar. Wollten daher die übrigen Handelskammeri: im Lande dem von ihrer Jassyer Kollegin gegebenen Beispiele iiachfolgen, so wäre damit das einzige, den einheimischen nicht naturalisierten Israeliten durch das Reglement zum Gewerbegesetze Wahlrecht und der -Ausübung öffentlicher Aenitev ausge-! gemachte Zugeständnis (Befreiung vondem für die übrigens unerschlossen, welche nicht Anhänger des Heidelberger Evan-! dringlichen Reziprozitäts-Beweise) praktisch undurchfuhrbar. Da gelisch?Lutherischen Katechismus sind. Ursprünglich wurde der Regierung eine solche Absicht aber doch nicht zugemutet werden die Ausübung jeder anderen Religion überhaupt streng-i kann, so wird sie dem Reglement zum Gewerbegesetze noch eme stens verboten. Vor Ausbruch des Krieges wurde die Eli- 1 Nachtragsverordnung folgen lassen müssen. Dasselbe ist auch bezügminiienmc? dieses Punktlas in* VolGra.ad behandelt, jedoch lich der in den Fabriken Uiid großen Werkstätten arbeitenden Handmit 6 Stimmen Majorität perworfen. Die Transvaaler! Werker der Fall, auf welche das neue Gesvtrbegesetz keine Anwendung Verfassung hat Wohl heute ihre Giltigkeit bereits eingMlßt;! findet und welchen daher auch keine Meisterbriefe oder Arbeitsbücher es bestehen jedoch noch einzelne spezielle Bestimmungen,! ausgcfolgt werden sollen. Damit sind' aber die Fabrikshandwerker welche die Katholiken und Juden von dem Genüsse des! durchails nickst zufrieden, sondern sie verlangen, um nicht für den Wahlrechtes oder eines öffentlichen Amtes ausschließen.! Fall ihres Austrittes aus den Fabriken an der Ausübung ihres Milner hat jedoch! nichtsdestoweniger mehreren Katholiken; Gewerbes als selbständige Meister oder Gehilfen gehindert zu sein und Juden öffentliche Stellungen eingeräumt! und — wie "und sich erst einer diesbezüglichen Befähigungsprüfung unterziehen wir bereits nieldcten — das in Johannesburg jüngst stattzu müssen, daß ihnen schon jetzt auf Grund ihrer bisherigen Tätiggefundene Meeting verständigt, daß er jedem Einwanderer - keit Meisterbriefe und Arbeitsbücher gemäß dem Gewerbegesetze ausauch in Zukunft die Gleichberechtigung aller Konfessionen gefolgt werden. Die Wahl des LordMahor von London. Ails London wird gemeldet: Sir Markus Samuel wurde als Lord Mayor erwählt, der sechste oder siebente Jude seit der Emanzipation. Die Wähl fand mit allen historischen Zeremonien statt. Der bisherige Lord Mayor fuhr in großer Gala zur Guildhall, von wo alle Zitybehörden in ihren Amtsrobcu und mit ihren Ketten, jeder einen großen Blumenstrauß tragend, ii: feierlichem Ziige zur St. Lawrence Jewry- KiKrche zogen. Nach dem Ende der Zeremoliie lud der Schwertträger des Lord Mayors de:i Pfarrherrn feierlich zur Mittagstafel ein ilnd die Prozession kehrte unter dem Klange der Kirchenglocken nach der Guildhall zurück. In der Guildhall hatten sich alle Zilnftinitglieder, die einzigen Stimmberechtigten, versammelt, und der Zityherold for dercke alle Nichtzüriftler bei Vermeidung voi: Gefängnisstrafe auf, die Halle zu verlassen. Der Stadtrichter Sir Forest Fulton erhob sich dann ilnd erklärte nach den vorgeschriebenei: zeremoniellen Ber beilgungeu den Zweck der Versammlung. Die Zünftler hätten das Privilegiiim, den Aldermen zwei Kandidaten z:>r engeren Wahl vor zuschlagen. Der Lord Mayor und die Aldermen verließen den Saal zur Sondersitzung und der Zitymarschall hielt vor ihrer Tür Wache. Sodann verlas ein anderer Richter die Namen der passiv wahlberechtigten Alderrnen. den von Sir Mnrcns Samuel als Dienstältesten zuerst. Laute Akklamation begrüßte seinen Namen und aus weiteres Befragen witrde er als in erster Linie eilistinnnig vorgeschlagei: erklärt. Vorher hatte er sich noch nach altem Brauche dem Kreuzverhöre der Zünftler über Gesinuilngen und Lebensführung z,l iluterwerfen gehabt. Es wurde gefragt, ob er sich im Amtsjahre aller Grüudilngeli enthalten wolle. Darmlf antwortete er: „Ich bin kein Gründer imb hoffe es nie zu werden." In ztveiter Liliie wurde Sir John Ritcksie übungsgemäß vorgeschlagen. Die Kandidaten jvurdcn in die Sitzung der Aldermen geführt imb kehrten nach vorgeiiommener endgiltiger Wahl mit den Aldermen zurück. Sir Marcus tvurde vom bisherigen Lord Mayor hereingcführt — das traditionelle Zeichen der Wähl — und lauter Beifall begrüßte ihn. Richter Fiilton erklärte amtlich das Wahlergebnis. Der designierte Lord Mayor unterschrieb förmlich die Annahme und wurde vom Schwertträger mit der Amtskette investiert, worauf er die übliche Dankesrede hielt. Als er der hohen Ehren gedachte, welche die Londoner Bürger ihm verliehen haben, sagte er: „Ich kann nicht vergessen, daß nicht überall dieselbe Freiheit jenen meines Glaubens gewährt wird, wie sie, gottlob, in der Zity von London vorherrscht." (Lebhafter Beifall.) Nach weiteren Ansprachen führte der bisherige Lord Mayor feinen designierten Nachfolger in der Staatskarosse, von den Aldermen und Sheriffen in ihren Galawagen geleitet, nach seiner ZUisichere Verkrachtes Antisemiten. (Orig.-Kore.) Ans Paris wird gemeldet!: Der Telegraph berichtet aus Algier von dem Verschwinden des Blattes „L'Antijuif algerien", des bisherigen! Organes der algerischen Antisemiten. Vis jetzt hat keine Pariser Zeitung dem Verstorbenen einen Nachruf gewidmet, nicht einmal die aniisemitisch-klerikale „Libre Parole", was wohl deutlicher als alles andere zeigt, daß das erloschene Blatt keine Lücke zurückläßt. Der „Antijuif" hat ungefähr vier Jahre! bestanden. Er wurde begründet imb geleitet von Max Negis, dein bekannten Antisemitenführer, der voriges Jahr in heftigen Zwiespalt mit! dem „Parteipapste" Eduard D r u m ,o n t trat, weil jeder der beiden auf den anderen eifersüchtig war. Sparer trat eine mehr oberflächliche als wirkliche Aussöhunng ein, aber die Fehde, die Drumout und sein Anhang geführt hatten), war nicht ohne nachteilige Wirkung auf den „Antijuff" geblieben. Dazu gesellten sich dann die Wirkungen des allgemeinen Umschwunges, der sich nach Erledigung des Dreyfus-Falles in Frankreich eiuftellte: auch die algerischen Judenfeinde wurden bald imre, daß nunmehr ein anderer Wind im den französischen Landen wehe, und deshalb ging die Zahl der Abnehmer des Hetzblattes immer mehr zurück. Seinerzeit freilich, in den goldenen Tagen der m c l i u i> st i s ch e n „Toleranz", blühte der Weizen des „Antijuif algerien" prachtvoll; kein Tag vew giug, ohne daß das Blatt öffentliche Warnungen gegen die algerischen Inden ergehen! ließ und zu den ärgsten Gewalttätigkeiten gegen sie anfreizte, dies alles unter dem wohlwollenden Angel der Polizei. Einmal hatte der „Antijnif" F r a n z o> l e n e r n e n g e m i s ch S p a n i o l e u , Malte [ e r n u u d - solle den „öffentlichen Schimpf" dieser jüdischer „Kundgebung" nicht dulden, sondern kräftig dagegen Einspruch erheben. Däs ließen sich die Knüppel- Helden von Negis, der selbst Sohn eines Piernontesen ist, nicht zireiinal sagen; sie zogen! vor die Synagoge und bewarfen die heraustretende Bmut mit Kot, während einige der Kühnsten ihr buchstäblich ins Gesicht spuckten. Solche Heldentaten bat der „Anstjinf" zu Dutzenden vollbracht; ia, seine Macht ging einstmals so weit, daß nur die svenigsten algerischen Arbeitgeber es lvagten, seiner „Warnung" Zeitungsftimmen über die rumänische Iudenfrage. Ueber die Haltung D e u t s ch l a n d s in der Frage der ru - manischen Juden veröffentlicht die „K ö n i g s b e r g e r Hartung 'sche Z e i t n i: g" folgende Informationen: „Deutschland wird wahrscheinlich keine Stellung im Sinne Englaiids r:ehmen. Die übrigen Regierungen haben sich bisher zu der Note nicht geäußert; eine Verständigung über die Antwort mag angebahnt sein, erfolgt ist sie jedenfalls noch nicht. Man hält in Berlin das Vorgehen Rumäniens für eine innere Angelegenheit des Balkanstaates und weist die Berufung auf der: Berliner Vertrag Damit zurück, daß auch andere Punkte des Berliner Vertrages bisher unerledigt geblieben seien. Die rumänischen Festungen seien immer noch nicht geschleift, in Batum habe Rußland alles nach wie vor beim alten gelassen usw. Deutschland habe auch, so argumentiert man weiter, unbeschadet allen Mitgefühls für die betroffenen rumänischen Untertanen jüdischen Glaubens, keinerlei Anlaß, dem Miiiisterpräsidenten Stnrdza besondere Schwierigkeiten ii: den Weg zu legen. Man motiviert in Berlin diese Zurückhaltung mit der Rücksicht auf die deutschen Besitzer rumänischer Papiere. Deutschland dürfe zu einem Kurssturz der rumänischen Papiere nicht die Hand bieten. Die deutsche Negierung dürfte das auch umso weniger tun, als sie überzeugt ist, daß der'gegenwärtige Leiter der rumänischen Geschicke, Stnrdza, die geeignetste Persönlichkeit ist, die rumänischen Finanzen in einem Zustande zu erhalten, der den auswärtigen Gläubigern die Sicherheit prompter Zinszahlung gewährleistet. Schließlich tröstet man sich in Berlin damit, daß die amerikanische und die englische Note immerhin ein solches Gewicht üben werden, daß sie die rumänische Regierung mindestens zu einer vorsichtigeren Handhabung des Zunftgesetzes veranlassen werden. Die rumänischen Finanzei: seien nicht so gefestigt, daß sie mit Erfolg sich Repressalien der Hochfinanz aussetzen könnten." Die französische Regierung hat noch nicht die Note des Staatssekretärs Hah, betreffend die Lage der Juden in Rumänien, beantwortet. Obwohl es nicht möglich ist, gegenwärtig der Entscheidung des Ministers des Aeußern, Delcasse, vorzugreifen, glaubt man in diplomatischen Kreisen,?aß Delcasse trotz voller Würdigung der Mvtive, von denen sich Staatssekretär Hab leiten ließ, sich nicht ganz den in der amerikanischen Note zum Ausdrucke gebrachten Gesichtspunkten anschlietzen werde. Aus New-Iork wird berichtet: Zu der Note des Staatssekretärs Hay an die am Berliner Vertrage beteiligten Mächte, betreffend Rumänien, welche bisher von der amerikanischei: Presse wohlmeinend beurteilt wurde, aber keinen Staub aufwirbelte, nimmt die „Ev en i n g P o st" eingehend das Wort und führt aus, von der allgemeinen Anerkennung der Humanitären Motive, welche die Note in England, Frankreich und, Deutschland gefunden habe, dürfe so wenig auf Erfolg der Note geschlossen werden, wie aus dem Toben des Antisemitismus auf Mißerfolg. Hay habe In seiner Diplomatie sich von vornherein der Gefahr einer kurzen Abweisung deshalb, weil Amerika nicht zu den Signatarmächten gehöre, dadurch entzogen, daß er sich die Unterstützung Englands im voraus sicherte, so daß die Signatarinächte die Sache, nicht mit einer kurzen Erwiderung erledigen könnten. Doch damit sei die Frage der Berechtigung zu einem so außerordentlichen, noch nie dagewesencn Vorgehen, wie es Hay gewählt habe, noch nicht abgetan. Es frage sich erstens, ob Amerika ein Klagerecht habe. Das sei mehr als zweifelhaft, denn es halte sich die Paupcreinwanderung durch Gesetze vom Leibe, habe das mit dei: rumänischen Pauperjuden getan und könnte es auch ferner tun. Zweitens sei es sehr fraglich, ob der Berliner Vertrag noch de facto rechtskräftig sei. Rumänien sei heute eine ganz aiidere Macht als 1878. Es spiele heute eine bedeutendere Rolle. Darum sei cs sicher, daß die Dreibundmächte keine für Rumäiiiei: ungünstige Antwort geben, daß Rußland gleichfalls nichts gegen Rumänien tiin, daß der Appell an den Berliner Vertrag höflich würde abgewiesen werden nnb öcijj die Stimmen Englands und Amerikas in der Wüste verhallen würden, vor der Lächerlichkeit nur dadurch bewahrt, daß der Appell den Ton der Menschlichkeit hatte, obwohl die nächste englische Strafcxpedition oder die nächste Neger-Entrechtung in Amerika zeigen würde, was von englischer und amerikanischer Menschlichkeit zu halten sei. So sehe man die sensationelle Note in Eurova an. In Amerika erkcniie man Hays menschliche Motive an, hoffe aber, daß die Antwort höflich genug ausfallen werde, um es in Zukunft amerikanischen Staatsmännern leichter zu machen, die Mächte im Interesse unterdrückter Nassen bei den Ohren zu nelnnen. Man köniie Hay aber nicht dazu gratilliercn, daß er An:erika der Möglichkeit einer Abweisung anssetze. Zu dieser New-?)orker Meldung bemerkt das „Berliner Tageblatt": „Wir vermögen diese pessimistische Auffassung der „Evcning Post" durchaus nicht zu teilen. Wir meiiien vielmehr, daß die amerikanische Regieruiig cne solche Aktor: liicht mit einem solchen Pathos gerechter Entrüstung in Szene gesetzt haben würde, tvenn sie nicht entschlossen wäre, dieselbe auch mit aller Entschiedenheit durchzuführen. Daß die Sache wie das Hornberger Schießen verlaiifen sollte, ist also eine Annahme, die vorläufig noch durch nichts begründet ist." Die „K ö l n i s ch e Z e i t:i n g" schreibt anscheinend offiziös zur riynänischen Judenfrage: Was Deutschland anbelangr, so fei es als Einzclstaat an dieser Frage in keiner Weise beteiligt. Aus dem Umstande, daß der Berliner Vertrag in Berlin unterzeichnet wurde, erwachse:: uns nicht mehr Verpflichtungen zu dessen Verteidigilng als anderen Natioiien. Es ergibt sich hieraus, daß wir keinesfalls in Behandluiig der von Englmid iind Amerika angeregten Frage zu einer führeuden Rvlle^ iins berufen fühlen. Dieses umso iveniger, als wir iins über die Schivierigkeit der Unteriiehmimg leinen Täuschungen hingeben dürfen. Aiidererseits ist i:icht z:r verkemien, daß das gleichzeitige Eingreiferi zweier großer Kultnrstaaten 9inmänien die Frage aufdrängt, ob es in seinem eigenei: Jntereise nicht besser getan hätte, seine auf die Juden bezügliche Gesetzgebung anders zu gestalten. Jedenfalls habe Rumänien selbst das größte Interesse daran, die Iudenfrage vor: der Tagesordnung verschwinden zu lassen. Das radikale ^,E ch o" schreibt: ChamberlainS Stelliingnahme zur Jiidenfragc ist besonders interessant und ernnitigeiid angesichts gewisser Versuche, in Englaiid den Antisemitismus wachznrnsen. Für die VerfolgiUig gibt es ebeiisv weiiig eine Rechtfertigung vom antisemitischen Gesichispnnkte aus wie vom philoseniitischen. Hat sich der Hebräer einmal in einem Lande niedergelassen und ist nnniolestiert geblieben, so ist überzeilgelid iiachgewiesei:, daß er sich als sparsamer, fleißiger und erfolgreicher Bürger bewährt. Der Emigrant, der nach London kommt, kommt zweifelSohiie als Unberiiittelter, aber binnen kurzem ist er den Kette,: des Sweater entschlüpft, hat ein Handwerk erlernt und ist durch seine Bereitlvilligkeit, hart zu arbeiten, imstande, Lohn z:i verdienen, wo der Engländer keine Existenz mehr sieht. Die Methoden des Juden, die in England oft Uebervölkerniig verursachen, sind tveit von Vollkommenheit, aber a:,s industriellen imd ökonomischen Gründen zeigt der Ausruf gegen die Juden in Englmid sinn-