Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 40 (3.10.1902)
- Date
- 1902-10-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 40 Wir'n, Freitag nng der wahre» Jreiheit, deren Vollcndnnq durch die Wiederhercllimq der äuszereu VermögenSrechtc' herbeigeführt werde» sollte.!j m H a l l j a h re fand d : e ül ü ck t e h r e i ncö j e d e » i u > e u B e sitz des G rund u u d B c> d e u s statt, der einst ihm ider seiner TvämUio gehört hatte. Ein nölliqcc Verkauf von Grnndnnd Boden in nnsereni Sinne ivar also ausgeschlossen. Jeder Landverkauf ivar seinem Wesen nach nur ein Verkauf des Lander träges vis zum nächsten Halljahre. Die Hohe des Verkaufspreises I richtete sich nalnrgemäs; nach der Entferinmg von diesem alle Schul- / den tilgenden Jahre. — — — — — Tat so das mosaische Gesetz alles, um der Verarmung ganzer Volksschichien vorznbengen, so tonnte es doch die Entstehung der Armut nicht gänzlich hindern. Kriege, Mißwuchs, Seuchen, die in jener p,eii »och viel häufiger auf traten, blieben eine stete Quelle von Nol und Armut. Den so verarmten Volksgenossen sollte aber unter allen Umständen im weiten Umfange Anteil an dem gesamten Bodeii gewahrt bleiben. Lieh man den Armen Nahrungsmittel, so sollte kein Mehr bei der Rückgabe gefordert tverden. beider pestotlet uns der beschränkte Ratim unseres Blattes nicht, ans beit so lesenswerten und belehr enden Inhalt des Bliehes naher einzuqehen; lvir müssen uns darauf beschränken, Adolf Damaschkes „Bodenreform" (unb speziell das Mapikt „Die Bodenreforln in Israel" ) alleil national-sozial fühlenden Inden, solvie allen AntifcutUcn, besonders auch Herrn Johannes 03 aalte, zur Lektüre zu einpfthlen. Tie Besehäftiznng mit denk Probleme der Bodenrefonn, welches in der! österreichischen- Monorchie von allen bestehendelt Parteien ignoriert wird — i'iu Gegensalre zu England, Amerika, Australien und Dentsehland, lvo die bodenlreforinatorisehe Strömung stet!s anlväehst -- lvird stets gebirteriseheu Bisher ist es den böhmischen Feudalen gelungen, durch -Lehürtuig des dei lisch-tschechisch eil Haders abzulenken von dar stets wachsenden Gefahr, die den deutschen und tscheehtsehen Bauern, ja sogar Dem gesanlteu Reiche, Volt Seite der grossen Fideikommisse droht. Ebenso haben die polnischeil ^chlachzizen durch den! polnischrnthellisehen Zwiespalt unddurch Förderung des Antiseiititisinus die Anfrollnllg der galizischen Agrarfrage zu verschieben verluocht. Aber der galizische A.rbeiterstreik zeigt, das; dies auf längere Zeit unmöglich ist. Run luird die Agrarfrage allch i>n Ullgarn brenneich; — die 9tot bei: landwiritschastlichen Arbeiter hat schon in frühereit Jahren zu Streiks und llnriiheit geführt—Jetzt sind bereits Worte wie B o d e n - und B ö r s e n - lv u ch c r in öffentlichen Versa ntknlnnigen gefallen, verbunden iltit antisciultischen Aentzerungen. Der Nachfolger W a h r in a n n s int Leopoldstädter Wahlbezirk von Budapest ivar es, der in Oedenburg in eiiter Viersannnlnng von Katlfleuten die Agrarier Heftig angriff und ihnen gegenüber die Jitteressen der Kaufleute vertrat, während andererseits KI a r o l y , der Führer der Agrarier, in Preßburg darauf sehr scharf gegeit den Börsenwncher reagierte, unterstützt von dem! klerikalen Organe „Alkotmauy", welches es eine „Frechheit" nennt, „von Bodenivueher" zu sprechen. Der Kampf gegen das mobile .Kapital tritt auch in Ungarn immer mehr in den Vordergrund!, bi-ei Seitenhiebe gegen die Inden werden! immer vernehmbarer und lverden bald den staatsrechtlichen Rummel der Unabhängigkeitsparteiler übeutönen oder mit ihm zusainmenflietzen. Pflicht der Juden ist es daher, sich in allen Teilen des Donauvciches auf der Basis des national-sozialen Prograniutes zu organisieren lind von den Versprechungen keiner der beistehenden Parteien Zis- und Transleithaniens verlocken zu lassen. .Nur auf national-sozialer Basis organisiert, sind sie imstande, Dem Ansturnte ihrer zahlreichen Gegner slandz.nhalten und die Lösung der Judenfrage als Rassen- und Wittschastsproblem herbeiznfilhren. Sarajevoer Nachrichten. (Original-Correspondenz des „Jüdischen Volksblatt".) Vor einigen Monaten haben sich einige humane Frauen zusammengefnnden, um eiuen israelitischen Frauenverein zur Unterstützung der Armen, Notleidenden zu gründen. Es macht zwar keinen guten Eindruck, wenn man zugleich bedenkt, daß in Sarajevo außer dem Leichenverein (Chewra Kadischa) nicht ein scheinen Uebersetzungen solcher Dichter und Schriftsteller wie: Goethe, Schiller, Shakespeare, Heine, Milton, Corneille, Racine, Moliöre, Mickiewicz. Stowacky, Stellet), Byron, Gutzkow, Pnszkin, George Eliot, Frug und andere; Belletristen, wie Zola, Maupassant, Andersen, L. Tolstoi, Publizisten und Kritiker wie Börne, Nordau; Gelehrte, Anthropologen, Naturalisten wie Alexander von Humboldt, A. Bernstein, I. Lippert. Mensio, Güdinger; Philosophen wie Spinoza, Kaut, Spencer und andere. Nicht minder erfreut sich die originäre Literatur einer Auswahl schöner Essays und Abhandlungen über verschiedene Dinge. Es erscheinen Artikel, ja sogar Bücher über die Systeme der Philosophie und ihrer wichtigen Vertreter, wie znm Beispiel Spinoza, Nietzsche und noch andere. Auch werden Bücher über Kabala, Keilschrift, verschiedene Mythologie ans Tageslicht gefördert. Ueberhaupt können wir das neunzehnte Jahrhundert mit Recht dasjenige der Renaissance der hebräischen Literatur nennen, eine Zeit der wahren Ansklörung im vollen Sine des Wortes, eine Epoche, wo die Gedanken sich allmählich krystalltsieren, verfeinert und geschlissen werden. Fortschritt auf jedem Gebiete, das Judentum wird nicht mehr als verknöchertes Gerippe, als ein Gespenst betrachtet, das dem Außenstehenden Furcht einflößeu muß. vielmehr aber als frische Blume, die ihr Recht rricht aufgeben will, ihr Recht zum Leben, Vegetieren; nicht mehr im Himmel ihr Heil sucht, vielmehr trachtet, es in einem frischen Boden zu gewinnen, wo sie sich ganz ansleben kann und wo sie ihre Träume weiter fvttspinnen will. Eine gesunde Farbe trachtet das Judentum anznnehmen, nicht in finsteren Kellern zit verstechen, wohl aber in der frischen wonnigen Natur, die es stärkt, kräftigt, zu alhmen. lückiselleZ Volksblatt einziger öfter, ungar. israelitischer Uuterstützungsverein existiert.' Oft sahen sich die Sarajevoer Inden dazu veranlaßt, einen solchen zu gründen, doch sie gründen noch heute . . .! Nun schnell zu den Frauen. Bei der Frau Rabbiner Wesel fand die erste Besprechung statt und mit großen Eifer ging man ans Werk, den Verein lebensfähig zu machen. Es wurde gleich ein enges Komitee gewählt, und zwar: Frau Rabbiner Wesel, Frau B i r n b a u m, Frau B u ch w n l d, Frau H i r s ch l, Frau K o h n, Frau H o r owi tz, Frau Freund, Frau Steiner, Frau N euer re. rc., welche mit lobenswertem Eifer Mitglieder akquirierten, und nach einigen Tagen waren deren auch schon über 100 zusammen. Als ausübende Mitglieder können nur Frauen beitreten, hingegen als unterstützende auch Herren. Der Hauptzweck des Vereines ist der, daß die armen Frauen durch monatliche Spenden unterstützt werden. Armen Wöchnerinnen sowie kranken Frauen werden auch Unterstützungen gewährt, außerdem werden alte Kleider an dieselben verteilt. Doch auch an arme Männer, die hier sind, oder solche, die durchreisen und mittellos sind, werden Unterstützungen gewährt. Vorläufig wurde noch keine konstituierende Versammlung abgehalten und üben die verschiedenen Funktionen die Frauen vis dahin provisorisch ans. Volles Lob verdienen die Frauen, die es verstanden haben, in vier oder fünf Monaten es soweit zu bringen, daß der Verein schon heute Unterstützungen gewährt, und außerdem schon ein schönes Sümmchen als Gründungsfonds beisammen hat. In den nächsten Tagen wird der neuerbaute Tempel eingeweiht, und ivieder sind es unsere Frauen, die eZ übernommen haben, einen wunderschönen Paroches zu spenden. Das Mitglied desselben Vereines Frau Helene Vogel spendete einen prachtvollen Becher aus getriebenem Silber, wofür sie voin Vorstand bereits ein in schmeichelhaften Worten gehaltenes Dankschreiben erhielt. Und noch einige Geschenke sind ausständig, die gewiß Rosch Haschono erst übergeben werden. Der Sarajevoer Tempel sieht in einigen Tagen seiner Vollendung entgegen und ist man noch heute unentschlossen, wann man denselben einweihen soll, da die Zeit sehr knapp ist. Hoffentlich findet der geehrte Vorstand einen richtigen Ausweg. In der vorletzten Nummer des „Jüdischen Volksblattes" waren die Herren Neuer, Glückselig und Bruckner, als für das Zustandekommen des Tempelbaues besonders hervorgehoben, was wohl anerkannt werden muß, doch muß eben auch anerkannt werden, daß auch andere Herren hier sind, die rastlos für denselben sich opferten, so unser Präses Dr. R o t h k o p f, dem es hauptsächlich zu danken ist, daß man überhaupt den Tempel zu bauen angefangen hat, da er für den Bau die Garantie übernahm. Und wo bleibt Eduard Sperelmann, unser Ball-Präsident, der die Tempelbau-Bälle arrangierte, welche einige tausend Kronen dem Tempelbau-Fonds eintrugen? Ist das nicht genug getan, um auch an erster Stelle zu stehen, und nicht, wie es auch in den „Sarajevoer Nachrichten" war, daß nur die drei benannten Herren besonders hervorgehoben waren? Man könnte noch 20 Herren aufzähleu, die nicht minder eifrig für das Zustandekommen des Baues arbeiteten und die auch an erster Stelle genannt werden müßten und nicht stillschweigend übersehen werden dürften. Will man gerechte Kritik üben, so muß man sowohl die guten als auch die schlechten Seiten der Kritik unterziehen, will man gerecht loben, so darf damit nicht gespart werden, denn bei diesem Tempelbau ist das berühmte Sprichwort anzuwenden : „Viribus unitis", denn mit vereinten Kräften wurde daran gearbeitet, den Tempel zu bauen folglich — alle für einen — einer für alle. Man sollte eine Marmortafel am Eingänge des Tempels anbringen und daraus mit goldenen Lettern jene verewigen, die sich für den Tempelpau besonders verdient gemacht haben, und uns dünkt, daß man aus derselben eine lange Reihe, zu drei Personen finden würde. Die Opposition hat die Absicht gehabt, den gewesenen hiesigen Rabbiner Funk zur Einweihung des Tempels einzuladen und es würde ein Bogen zur Sammlung von Unterschriften aufgelegt und es waren schon ziemlich viele Unterschriften gesammelt, doch scheint die Aktion eingeschlafen zu sein — vielleicht war wieder die Geldfrage schuld daran. Gesetzt den Fall, man hätte genügend Unterschriften und genügendes Geld gesammelt, um den Rabbi Funk, der gegenwärtig in Preßburg ist, zu den Feierlichkeiten hieher einzuladen. Was sollte er hier? Eine Rede halten ad Nr. 2 oder glaubten die Herren der Opposition daß man dem Rabbi Funk die Einweihung überlassen würde? Was würde unser Rabbi Wesel dazu sagen? Wie ich unsere Opposition kenne, würde sie auf eine Rede verzichten, doch das geht nicht recht und würde auf die Feier einen Schatten werfen. Die Einweihung und Rede gebührt dem Dr. W e s e l; er ist doch Rabbi von Sarajevo, von der Gemeinde gewählt, von der Regierung bestätigt und man darf in einem solchem Falle nicht persönliche Feinde der Freundschaft vorziehen. Unser Rabbi ist in der ganzen Woche, also durch sieben Tage nur zweimal zu sprechen und das jedesmal kaum zwei Stunden und man hofft, daß jetzt überhaupt eine neue Ordnung in der ganzen Gemeinde platzgreifen wird. Der Rabbiner wird täglich zu sprechen sein, und zwar nicht in seiner beinahe außerhalb Sarajevos befindlichen Wohnung, sondern etwas näher, vielleicht im Tempelgebäude. Mann wird den Rabbi im Tempel immerim Talar sehen, ja noch mehr, man wird sogar die Tempelsitze des Vorstandes besetzt sehen und nicht wie früher unbesetzt. Und was lange Jahre viele Vorstände nickt vermocht haben, das alles vermag der neue Tempel. Die Frauensitze sind beinahe alle verkauft, denn den Frauen kommt es auf den Preis nicht an — nur Freude haben muß man daran. Anders ist es mit den Herren sie wollen gute Sitze haben, und doch kommt's ihnen auf den Preis an. Von den Herrensitzen sind noch „ziemlich einige" zu vergeben und hofft die Gemeinde, daß auch diese bald verkauft werden oder aber nicht. Es geht auch die Sage herum von einem neuen Kantor, doch darüber herrscht überall noch Stillschweigen und mit Recht, denn man kann und darf nicht einen Beamten, der durch 20 Jahre seine Pflicht getan, in Sturm und Wetter avsgehalten (stehe die vielen Vorstandsänderungen), gegen eine Abfertigung oder Pension entheben, umsomchr er Familienvater ist und die Gemeinde nicht mit S ch m a r d a zu verwechseln ist, welches zwei seiner t ü ch t i g st e n Beamten, welche 18—20 Jahre bei ihm angestellt waren, durch große Chikanierungen dazu zwang, ihm zu kündigen. Was wollen sie vom Unterkantor Klein? Lassen sie ihn in Ruhe, er hat genug zu sorgen. Und einen Herrn kenne ich, der alle Gemeindebeamten mitleidsvoll ansieht, denn er kennt die Geduld, er kennt das alles und seit er das nicht mehr kennt und mitmacht, ist er frischer, gesünder und lustiger als alle zusammen. Abc. Chronik. MlanL. Tempel-Einweihung in Wr.-Ncnstadt. Am 18. September wlirde die Dom Banrat © t i et [; u p errichtete neue Synagoge eingeweiht. Anwesend waren die Vorsteher der Badener Kultusgemeinde Leitner, Schneider, 'Klauber und Oedenbnrger^ Dr. Stern, Depnt'at innen der benachbarten ungarischen Gemeinden, Vertreter der Stadtgemeinde und des Offizierskorps. Oberkantor Landau und Kantor I. OldoluT 10tiu2 Seite 4 Pckarnik leiteten durch Absingnng ron Ehören die Feier ein, worauf der Erbauer, dmm der Knltnspräsident Ignaz Schi selch Ansprachen hielten. Herr Rabbiner Weis; zündete hierauf das einige Lieht an. Hierauf sprachen Oberrabbiner Tr. Emdeinann und Tr. Alfred Stern. DaS neue Gottieshaus, welehes am Bainnkirehnerring steht, ist ein int man rischen Stile gehaltener Bau, der nach allen Seiten freisteht und dadurch einen sehr günstigen Eindruck macht. Insbesondere die einheitliche Dnrchsührnng des Stiles, die reiche Ornamenliernng und die polpehrome Behandlung der Fassaden und des Jnne'rn geben dem Ban einen, harmonischen Eharakter. Die Knltuögcmeittde für das jüdische Kleingewerbe. Wir haben wiederholt darauf hingewiesen, daß die Unsicherheit, mit welcher die Wiener Kultusgemeinde die Koscherfleisch-Frage seit Jahr und Tag behandelt, geeignet ist, das Publikum und die Fleischhauer in die peinlichste Situation zu bringen. Es ist bei dem heutigen Stande dieser für die Kultnsgemeinde so wichtigen Frage nicht zu verwundern, wenn sowohl das Rabbinat als ausübendes Organ der Kultusgemeinde, wie auch die Fleischhauer und das Publikum über einen der vielen im Hinterhalte lauernden Statuten und angeblichen Rechte der Kultnsgemeinde stolpern und Material zu einem Prozesse liefern, wie er am 29. d. M. vor dem Währinger Bezirksgerichte zur Verhandlung gelangt ist. Der Sachverhalt ist folgender: Herr Jakob K l i g l e r betreibt in Währing das Fleischhauergewerbe. Herr Jakob Kligler ist Jude, führt aber in seiner Fleischbank verschiedenartige Fletschsorten, hat seine Fleischbank nie für „koscher" ansgegeben, ja, hat sich nicht einmal der Bezeichnung „koscher" auf der Firmatafel oder im Lokale selbst bedient und auf diese Weise gewissermaßen kimdgegeben, daß er ans den autoritativen Schutz der Knltnsgemeinde und ihres Rabbinates nicht reflektiert. Bekanntlich hat es die Kultusgemeinde für gut befunden, au Fleischhauer, die für die Bestellung eines Maschgiach zirka 1000 Kronen an die Gemeindekasse zahlen, sogenannte Koscher-Kvnzessioncn zu ertheilen, ungefähr 12 — darunter mehrere Christen — haben sich diese Einrichtung zunutze gemacht, die Gemeinde hat ihre Nameil publiziert. Herr Kligler aber hat auf dieses Vorrecht verzichtet. Mit einem Worte: Herr Kligler hat mit allen ihm zugebote stehenden Mitteln seine Bevormundung durch die Kultusgemeinde, resp. das Rabbinat abgelehnt und dennoch geschah das fast Unglaubliche: Eines schönen Tages prangt auf der Ankündigungstafel des Währinger Tempels die Kundmachung: „Von Seite des Rabbinates wird bekanntgegeben, daß die Fleischbank des Herrn Jakob Kligler o s e r ist". Aber um des Himmelswillen, wen interessiert venu eigentlich die ganze Sache? Cui bono? Zu wessen Nutz und Frommen mußte diese Kundmachung augenagelt werden? Die Kunden des Herrn Kligler haben nie nach einer Koschertafel gefragt, haben das Fleisch bei Herrn K l i g l e r gekauft und sich dabei wohlbefunden. Herr Kligler selbst sah. sich durch den Mangel einer Koschertafel nicht beeinträchtigt, sein Geschäftsinteresse erheischte es nicht, seine Fleischbank als eine Koscheibank auszilgeben. Und nun kommt das Rabbinat und verscheucht die Kundschaft des Herrn Kligler mit einer Affiche im Tempel. Solche Dinge müssen psychologisch beurteilt werden. Nicht, daß sich Herr M a y e r s o h n vielleicht einbildeu könnte, durch diese Maßregel auf die jüdische Kundschaft, die Herrn Kligler zu meiden beginnt, eingewirkt zu haben, daß sie in Zukunft nur zweifelloses Koscherfleisch essen. Beileibe nicht! Diese Juden werden einfach eine andere Fleischbank aufsuchen, welche nicht stigmatisiert ist, ohne aber zu den „Unbedingten" der Kultusgemeinde zu gehen. Die Folge dieser Maßregelung waren zwei Prozesse, welche Herr Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Jakob K o h n in Vertretung des Herrn Kligler gegen die Unterzeichner der Kundmachung, die Herren Samuel H v f f m a n n und Rabbiner M a y e r s o h n, angestrengt hat. Bei der am 29. d. M. in Währing stattgehabten Verhandlung der Ehrenbeleidigungsklage machte Herr Dr. Kohn geltend, dass die Angeklagten kein Recht und keine Veranlassung hatten, die 5Lnndmachung zu erlassen und daß durch dieselbe über den Kläger in ganz ungerechtfertigter Weise der gesellschaftliche und geschäftliche Bann ausgesprochen und er wegen verächtlicher Gesinnungen ans der Gemeinde aller gutgläubigen Juden ausgestoßrn werde. Der Vertreter der Angeklagten, Herr Dr. Markus Spitzer, gab zunächst die Erklärung ab, daß es dem Rabbinate ferngelegen sei, der persönlichen Ehre des Klägers uahezutreten, daß die Verfügung des Rabbinates nichts anderes als die Ausübung des ihm zustehenden Jnformationsrechtes den Gemeindemitgliedern gegenüber bedeute. Er bestritt auch, dass der Ausdruck „oser" in der Kundmachung sich auf die Person des Klägers beziehe. Da ein vom verhandelnden Richter vorgeschlagener Ausgleich seitens des Klägers abgelehnt und der von Herrn Dr. Jakob Kohn angebotene Wahrheitsbeweis nicht zugelassen wurde, vertagte der Richter die Verhandlung auf 14 Tage, bis zu welcher Frist die Parteien einen Sachverständigen zu nominieren haben, welcher über die Bedeutung des Wortes „oser" Ausschluß zu geben haben wird. Ferner werden die Angeklagten den Beweis zu erbringen haben, daß Herr Kligler auch nichtkoscheres Fleisch ausgeschrotet hat. Die ganze Affäre hat in den beteiligten Kreisen das peinlichste Aufsehen erregt, und es hat den Anschein, daß der Kultusvoi stand auch vor der gewaltsamen Vernichtung der jüdischen Gewerbetreibenden nicht zurückschrickt, bloß um seine allerdings eingebildete Macht die Gemeindemitglieder fühlen zu lassen. Bei den Kultuswahlen wird ein solcher Gewaltakt gewiß kein Empfehlnttgsbrief für die Machthaber sein. Wie wir erfahren, werden die jüdischen Fleischhauer demnächst eine Versammlung einbernfen, um zu diesem Falle Stellung zu nehmen und darüber zu beraten, wie solchen Urbergriffen seitens des Rabbinates in Znkinift vvrgebengt werde» könne. Wir werden seinerzeit sowohl über den Ansgang des Prozesses als auch über den Verlauf der Fleischhaner-Velsammluiig berichten.