Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 39 (26.9.1902)
- Date
- 1902-09-26
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 26. September 1902 Nr. 39 trat, weil er nicht mit den Christlich-Sozialen gehen wolle, sondern anch die Freunde des Stribrny drohten, den Nationale ct zu sprengen, wenn der frühere Beschluß über die Landtagswahlen nicht geändert werde. Es wäre interessant, zu^ersahreu, wie viel Geld Herr Dyk zur Verfügung hat, um die Stimmen der Jungtschechen für die Christlich-Sozialen zlt erkaufen. Dr. Dyk verführt nun getreu dem Grundsätze: „Si t'eeisti, negti“ und leugnet alles. Der „Slovan" publiziert aber eine Reihe von Dokumenten, ans denen die Echtheit und Wahrheit seiner Behauptungen hervorgeht. Ter nächste Lord Mayor von London — ein Jude. Wie aus London von authentischer Seite berichtet lvird, ist die Wahl von Sir Marcus Samuel, einem führenden Mitgliede der jüdischen Gemeinde, als nächster Lord Mayor, so gilt >vie bestimmt. Sir Marcus Samuel wurde 1853 geboren; er ist seit 1891 Alderman und als Rheder, Groszlausmaiin uitd Präsident der Shell Transport Campany betanut. London ist das größte Gemeindetvesen der Welt, dentt es zählt nahezu 6 000 000 Einwohner, unter welchen die Juden ihrer Fahl nach nur eine sehr bescheidene Rolle eiunehmcn. Tie Bevölkerung Londons übersteigt au Fahl die der.Grönländer Nieder- und Sberösterreieh, Salzburg, Vorarlberg, Tirol und Steiermark, beträgt daher ungefähr den vierten Teil der Bevölkerung FiSleithanieus. London ist die Reichshaupt- und Residenzstadt Gros.briranuieus, der Sitz der englischen Regierung und der ständige Aufenthaltsort respektive die Residenz des Königs von England und Kaisers von Indien, des mächtigsten Potentaten des Erdballes, des Herrschers über 500.000 000 Seelen, in dessen Reiche die Sonne nicht untergeht. In den Ländern des großbritannischen Reiches, namentlich im Mutterlande, den vereinigten Königreichen England, Schottland und Irland, iitsbesoudere aber in London, beträgt die jüdische Bevölkerung wenig mehr als ein Perzent. Während auf dem europäischen Kontinent der blindwütigste Judenhaß in immer größere Kreise dringt, die Gedanken und Sinne nicht nur des Pöbels, sondern auch der höheren Gesellschaftskreise berwirrt, erleben wir das Schauspiel, daß sich London, die größte Gemeinde der Welt, deren Bürger sich durch Handel und Industrie unschätzbare Reichtümer erworben und einen richtigen Blick, ein treffliches Urteil für alles, was ihnen Nutzen und Vorteil bringen könnte, besitzen, einen simplen jüdischen Mitbürger zum Stadtoberhaupte wählen. Sir Marcus Samuel ist übrigens nicht der erste jüdische Bürgermeister Londons. Dieses Emporium hat der jüdischen Bürgermeister schon ein Dutzend gehabt. Nur eine besondere Veranlassung ist es, die uns bestimmt, des Umstandes Erwähnung zu tun, daß London in der nächsten Amtspcriode wieder einen Juden als Lord Mayor bekommen wird. In Wien wurde letzte Woche der deutsche Philatelistenkongreß abgehalten. Ter Bürgermeister Wiens, Dr. Lueger, empfing die Mitglieder des genannten Kongresses im Nathause und hatte die Kühnheit, . bei der Ansprache an die Kongreßmitglieder^ seine Eigenschaft als Antisemit hervorzuhebcn und nackidrücklichst zu betonen, und zwar derart, daß man den Eindruck geMnnen mußte, der Bürgermeister von Wien habe die Absicht gehabt, coram publico zu verkündigen, er sei Antisemit und Wien besitze einen Antisemiten als Bürgermeister. Es ist traurig und beschämend genug, daß dem so ist. Der Verein „Lese- und Nedchalle jüdischer Hochschüler" zeigt hiermit au, daß sich das Vcreinslokal vom 1. Oktober ab 9. Bezirk, Berggasse 25, befindet. Jüdischer Antisemitismus. Aus Smichov wird gemeldet : Genau so wie anderwärts treibt der jüdische Antisemiüsmus auch bei uns sein verabscheuungswürdiges Wesen. Folgendes Beispiel dafür wird gewiß auch außerhalb unserer Gemeinde das verdiente Interesse, vielleicht sogar Würdigung finden. Bei der Vergebung des Baues einer neuen Zeremonienhalle, dessen Kostenaufwand auf etwa 30.000 Kronen präliminiert war, hat nämlich unter anderen auch ein jüdischer Baumeister gewagt, ein Offert einzureichen und war der vorgefaßten Meinung, daß er als Glaubensgenosse, der, nebenbei bemerkt, ausschließlich jüdische Handwerker beschäftigt, nicht nur von der Konkurrenz nicht ausgeschlossen werden könne, ja, daß er infolge der herrschenden Z-itströmung sogar ein gewisses Recht auf Berücksichtigung bei der Vergebung zu beanspruchen hätte. Allein der Meinung waren die maßgebenden Herren nicht. Ihrer Ueberzeugung nach und wir allgemein bekannt, werden die Bau- und andere Arbeiten auf christlichen Friedhöfen den Juden übertragen, so muß doch folgerichtig alle Arbeit, welche auf dem Smichov.r jüdischen Friedhöfe zu vergeben ist. Christen zugeteilt werden. Wer lacht da nicht? Noch ein Umstand ist bei der Affaire von "besonderem Interesse; lange vor der Offertverhandlung nämlich, also zur Zeit, wo das Angebot des Einzelnen noch unbekannt war, wurde dem jüdischen Baumeister auf privatem Wege mitgeteilt, daß die Bauarbeit einem Nichtjuden zugesprochen werden wird. Daraus ist das eine zum Greifen klar, daß nicht nur Christen, sondern selbst die eigenen Glaubensgenossen den Juden boykottieren. Doch wäre es unter allen Umständen sehr notwendig, die löbliche israelitische Kultusgemeinde von Smichov gäbe einige Aufklärung in dieser nicht etwa nur peinlichen Angelegenheit zum Besten. P. Z. Polnischer Hakatismus. Auf dem Schilde des k. k. Postamtes in-Tarnobrzeg ist die deutsche Aufschrift gestrichen worden; selbst bei der Reparatur ließ man es dabei bewenden. Die Firma David Engelberg ließ ihr Schild auffrischen, man wollte eben das neue Schild aufhängen, da kam der k. f. Regierungskommissär Wladislaw Grhglewski und sagte: „Ei, was seh' ich da. Ein Schild mit deutscher Aufschrift. Das geht nicht. Sie müssen es frisch in polnischer Sprache bemalen." Obwohl die Firma seit vierzig Jahren mit deutscher Aufschrift existiert, mußte Herr Eugelbcrg nachgcben. — Es bildet sich hier auf Anregung der Frau Schifra Saphier ein jüdischer Frauenverein zur Unterstützung kranker Juden. Das Heimatsrecht der Witwen. Viele österreichische Gemeinden, mit Wien an der Spitze, wiesen bekanntllch den Ersitznngsanspruch der Witwen, deren Gatte noch nicht zehn Jahre tvt ist. mit der Begründung ab. daß ihr Aufenthalt an der Seite ihres Ehegalten als unfreiwilliger anznsehen sei. Die Witwe könne daher das Ersitzungsrecht erst zehn Jahre nach dem Todestage ihres Gatten geltend niachen. Dieser Anschauung schlossen sich einige politische Landesstcllen und sogar das Ministerium des Junnn an. Die tirollsche Statthalterei aber entschied in einem konk.eten Falle gegen die Gemeinde W'.lten, daß die Eheschließung das Ergebnis eines freiwilligen, im Vollbewußtsein der Kons qnenzen g faßten Entschlußes sei, s^mit müsse auch das Zusauimenwohncn mit dem Gatten als ein freiwilliges betrachtet werden. Die Gemeinde Willen brachte hiergegen beim Verwaltnngsgerichtshofe die Beschwerde ein, welcher dieselbe jüngst unier dem Vorsitz des Grafen Doktor Friedrich Schön born als unbegründet abmies. Somit kann jede Witwe, welche zehn Jahre in einer österreichischen Gemeinde wohnt, ohne Rücksicht auf den Sterbetag ihres Gatten das Ersitzungsrecht geltend machen. Der Verwaltungsgerichte Hof wies auch eine Beschwerde der durch Dr. Porz er vertretelie» Gemeinde Oetz gegen die tirolnche Statthalterei ab und entschied gemäß den Ausführungen des Regierungsvertrelers, Statthaltereirotes Prinzen Hohenlohe, daß vom Standpunkt der Heimatsgesetzgebung nur jene als irrsinnig zn betrachten, also nicht eigenberechtigt seien, deren Unzurechnungsfähigkeit vorher gerichtsärztlich nachgewiesen erscheint. Wir machen bei dieser Gelegenheit darauf aufmerksam, daß es wiederholt vorgekommen ist, daß einzelne durch den „Jüdischen Volks verein" oas Heimatsrecht erlangt haben, ohne denselben rechtzeitig zu verständigen und so dem Bureau sehr viele unnötige Kosten verursacht haben. Wir richten daher an alle Klienten den Appell, oen man für überflüssig halten sollte, den „Jüdischen Bolksverein" unverzüglich von der Erlangung des Heimatsrechtes zu verständigen. FüufnndzwanzigjährigeS Dienftjubiläum. Am 1. Oktober d. I. wird der Oberkanlor Markus Rosen selb in Pisek sein 25jähriges Dienstjilbiläum in dieser Gemeinde feiern und werden dem Jubilar, der sich einer allgemeinen Beliebtheil erfreut, vielfache Ovationen bereiter. Der Vorstand des „Jüdischen Schulvereines für den 9. Bezirk" gibt bekannt, daß über die eingelaufenen Lehrervfferten ein Beschluß erst nach den hohen Feiertagen wird gefaßt tverdcn. Bei Bcurteiluiig der Offerte lvird die Frage maßgebend sein, ob der Efferent in der Lage ist, einen allen Anforderungen entsprechenden Unterricht behufs Aneignung der hebräischen Sprache 31t erteilen. Ein Jude alö Gcnossenschafts Vorsteher. Wiener Blätter berichten von der an: 14. d. Bi. in Hamburgers Saallokalitäten erfolgten Wahl des Herren Evuard Politzer zum Vorsteher- Stellvertreter der Lederhändler-Genossenschasr: dem ist noch hinzuzufügen, daß mul) in den Ausschuß I I Glaubensgenossen gewählt wurden. Wir sehen also, daß es anch Gewerbegenossenschaften gibt, die den Juden nicht unter allen Umstünden Niederdrücken wollen. Pribram. Der anläßlich des Schnlbeginnes vom hiesigen Stadtrate erlassene Ausruf zeigt deutlich, wie dieser über die tschechischnationale Gesinnung der Juden unserer Gemeinde denkt. Den vereinten Bestrebungen der „Narodiu Jednota (Jr>skozidovskd“ und des Stadtrates ist es gelungen, die hiesige deutsche Volksschule auf eine einklaffige zu reduzieren und nun wendet sich der Stadtrat an die Bevölkerung mit dem Ersuchen, die Kinder nicht in die deutsche Schule zu schicken. In diesem Ausrufe heißt es unter anderem wörtlich: „Vyzyvame Vas tudiz. Vy rodicove ceski, i Va?, obcarie zidovsti, ktefi mezi mimi, lidem ceskyna zijete . . (Wir fordern euch daher auf, euch tschechische Eltern und auch euch jüdische Bürger, die ihr unter uns, dem tschechischen Volke lebet . . . ). Es ist gewiß ein bedeutsames Zeichen, wenn selbst die Stadtvertretnng, die bei der Umwandlung der deutschen Schule Hand in Hand mit der „öl. J. C. Z.“ ging, die Juden als eine besondere Gemeinschaft betrachtet und ihnen zn fühlen gibt, daß sie ein fremdes Element in der Mitte des tschechischen Volkes bilden. Hoffentlich dämmert es bald auch in den Köpfen der hiesigen Juden! »Streiflichter. Aus Mähr.-Ostrau wird gemeldet: Die rauschenden Feste sind vorüber. Verklungen ist Kommersgesang, Nur aus der Ferne tönt hie und da ein vereinzelter Nazdar- oder Heil-Ruf. Desto eifriger hat sich der nationale Kampf in die Oefsentlichkcit geflüchtet. Die Provinzblälter feiern in der Saure- Gurkenzeit nationale Orgien. In allen möglichen Tonarlen — von der wild-chauvmistischen „Deurschen Wehr" bis zur besänftigend-diplomatischen „Neuen Freien Presse" — wird das Thema diskutiert. Ich möchte nur eine aufrichtige ehrliche Stimme aus diesem großen Blätterwalde hervorgreifen, nämlich den „Ostrav an", als dessen Herausgeber Schriftsteller- Fr. Sokol-Tuma zeichnet. Derselbe schreibt unter der Spitzinarke ..Die Feste unv die Juden" einen Artikel, welcher die Lage der hiesigen Inden ebenso kurz wie treffend charakterisiert. Er lautet: „Es scheint, daß bei dem größeren Teile der Ostrauer Juden eine andere Strömung herrscht. Als Beweis diente uns das deutsche Trutzfest, an dem die Juden — bis auf wenige Ausnahmen — nicht teilnahmen. Sie kommen vielleicht endlich zu Verstand. Die Judenschast in Mähr.-Ostrau bildet den Hauptpfeiler der hiesigen Deutschen, sie weiß sehr gut, daß sie heute die Hilfe der hiesigen Deutschen nicht mehr braucht, umgekehrt, daß'diese zur Erhaltung ihres Deutschtums in gefahrvollen Augenblicken die Hilfe der Juden erbitten. Der Jude in Mähr.- Ostrau weiß sehr gut. daß er vom Deutschen nichts anderes hat, als das, daß er ihn m seiner Mitte nur duldet, er weiß ebenso aut, daß das, was ihn beim Lebensunterhalt erhält, nur das s.awische Element ist und deshalb schraubten sich die Juden und yollen nicht die Kastanien für die Deutschen aus dem Feuer." „Wir hoffen", so schließt der Artikel, „daß in der Judenfrage, welche sich besonders in jüngster Zeit, speziell in Mähren, in den Vordergrund drängt, sich auch die Ostrauer Juden für ihre Lage interessieren werden. Vielleicht zeigen uns schon die kommenden Landtagswahlen und die hiesigen Gemeindewahlen, daß die Ostrnuer Juden Verstand angenommen haben. Oder nicht?' So der „Ostravan". — Er verlangt nicht, daß sich die hiesigen Juden bei den kommenden Wahlen den Tschechen anschließen. Dies ist zu ihrem Siege gar nicht nötig. Wenn sich die Ostrauer Juden bei den Wahlen nur in demselben Maße beteiligen, als sie beim deutschen Tcutzfest teilnahmen, dann haben die Tschechen leichtes Spiel. Und ich sehe nicht ein, warum man nicht eine Taktik einschlagen sollte, die selbst zu keinerlei Schaden — und zur Verminderung unserer Gegner beiträgt. Die Neutralität kann nur jeder objektive Mensch billigen. Genau zwei Tage nach dem Feste hatte die „Deutsche Wehr" — die sich vvr demselben jeder Judenanrempelung wohlweislich enthielt — ironisch von der Gründung eines „Jüdischen Kriegervereines" berichtet und den lebhaften Wunsch geäußert, an einer Defilierung als Zuschauer teilzuuehmeu. Sie sind eingeladen, Herr Raschka! Eins können wir Sie versichern, daß solche n'ia—rkige Gestalten wir noch immer anfbringen können. Siehe Festzug!!! Zum Schlüsse will ich eine Variation des „Ostravan" zitieren, die er dem Berichterstatter der „Deutschen Wehr" widniet: „Wir Deutschen fürchten außer Gott nur die Juden, denn ohne dieselben wären wir i n O st r a u schwach, hilflos und verlöre n." Emes! 8. Galizische Justiz. Man schreibt uns ans Nadworna: Drei Juden namens Naflali, Moses und Josef P e t r 0 w e r aus Pasieczna wurden dem hiesigen Gerichte von einem Gendarmen eiugeliefert, gegen den Naftali Petrwver unlängst eine Anzeige überreicht hatte; allgemein nahm man an, daß hier ein Racheakt vorliege. Man beschuldigte die Juden, einem gewissen M a s u c 0 eine Uhr gestohlen zu haben. Bald aber gestand vor dem Untersuchungsrichter I iv a n i e k i die Geliebte des M a s u c 0, die Uhr gestohlen zu haben. Der Untersuchungsrichter wollte die Inden aus der Hast entlassen, in der Abteilung I wurde aber beschlossen — man höre — die Juden weiter in Haft zu belassen. Echt galizianisch. Naflali Petro wer hat gegen den hiesigen Gerichtsrat im Vorjahre eine Beschwerde an das Oberlandesgericht nach Lemberg versandt, welcher auch stattgegeben wurde, der „Monitor" veröffentlic» U> damals die Affäre. Es handelt sich also wahrscheinlich um Repressalien. Zn dettGrmeinderatswahlett.Aus Czernowitz wird gemeldet: Es regt sich, nalü'Uch vertraulich. Die Kandidaten bilden „unabhängige", wir meinen von den Wählern unabhängige Komitees, welche Stimmung machen sollen. Um dem drohenden Wirrwarr zu steuern, berief auch Dr. Straucher für den 18. d. M. eine Versammlung non Vertrauensmännern, der er die Mitteillmg machte, daß man Fühlung mit— den christlichen Deutschen nehmen solle, im Wege eines Komitees. Dr. Reisch-Goldhacker erinnerte an den bestehenden „Indischen Volks- Verein", dem doch die Führung der WadlakNon statutengemäß zukomme. Dr. Straucher pflichtete dem bei und so darf man denn für die nächste Zeit eine Sitzung des schon so lange Zeit der Ruhe pflegenden „Jüdischen Volks Vereines" erwarten. Den Schulerfordernissen der Stadt Czernowitz verschafft die israelitische Kutiusgemeinde durch die Erhaltung ihrer Mädchen- und Knabenschule eine ganz wesentliche Erleichterung. Man ist in der Kultusgemeinde der Ansicht, daß die Kommune durch Geivährung einer Subvention an die israelitische deutsche Volksschule sich für diese Entlastung erkenntlich zeige. Seit Jahren liegt ein diesbezügliches Gesuch der Kultusgemeinde im Gemeinderate, ohne daß es bisher einer zufriedenstellenden Erledigung zugesührt worden wäre. Die Anforderungen an die Kultusgemeinde betreffs Erhall ung ihrer Schule steigen jedoch von Tag zu Tag. Wird doch dieselbe in ihrer überwiegenden Mehrzahl von armen Kindern besucht, denen man noch überdies Lehrmittel beistellen muß. So wurde au dieser Anstalt obligatorisch der Unterricht in den Landessprachen eingeführt und derselbe wird, wie man sich überzeugen kann, recht gründlich erteilt, trotzdem die Mehrzahl der Kinder noch heule nicht im Besitze der entsprechenden Schulbücher ist. Wir führen diese Tatsache an, um darzulegen, daß die Forderung einer Subvention eine ganz berechtigte ist, wobei noch bemerkt werden soll, daß diese Frage im KultnSrnte wiederholt angeregt und besprochen wurde und aus der Mißstimmung darüber, daß sich der Gemeinderat gegenüber dieser Forderung ablehnen verhält, gar kein Hebt gemacht wird. Wir stehen jetzt vor Gemeinderatswählen und wollen hoffen, daß die ausscheidenden Gemeinderäte ihre Judenfreundlichkeit damit bekunden werden, daß sie für diese Subvention stimmen. Die „Arbeiter Zeitung" und das jüdische Proletariat. Wir haben eigentlich andere Sorgen, als uns mit der „Arbeiter- Zeitung" herumzuschlagen, und obwohl die „Arbeiter-Zeitung" zum Beispiel in der vorigen Woche so frech war, in einer Polemik mit dem „Deulschen Volrßblatt" das Vorgehen desselben als „j ü d ische Preßmache" zu bezeichnen, hielten wir es nicht der Mühe wert, diese niedrige, würdelose und selbstvergessene Form der Polemik der „Arbeiter-Zeitung" zn besprechen, die dadurch an Widerwärtigkeit gewinnt, daß über die Hälfte der Redakteure der „Arbeiter-Zeitung" Juden sind oder es vielmehr waren. Aber die Niederträchtigkeiten, die sichdie „Arbeiter-Zeitung" in Sachen der rumänischen Juden leistet, übersteigen alle Grenzen. Die Krone setzt sie ihrem Vorgehen durch eine Notiz in der Nummer vom 21. d. M. auf. Die Zionisten und Dr. H e r z l, die in ihr m der unflätigsten Weise angerempelt werden, sind Manns genug, um sich dieser gemeinen Anwürfe zu erwehren. Da wir aber das Verbalten der „Arbeiter-Zeitung" seit dein Beginne der rumänischen Judenauswanderungen verfolgt haben, erachten wir es als unsere Pflicht, die neueste Leistung dieser „cxjüdischen Preßinache" niedriger zu hängen. Die „Adler-Zeitung" schreibt: „Dem Charakter und Verstand der jüdisch-chauvinistischen Narren entspricht es auch sehr wohl, daß sie die Musterleistniig politischer Heuchelei, die Amerika liefert, indem es sich die jüdischen Proletarier unter Humanitätsgetue vom Halse halten will, für echte Menschlichkeit ausgeben und demgemäß ausschroten. Wir haben übrigens nichts dagegen einzuwenden (das ist aber lieb), wenn sich G 0 l u ch 0 w s k i der rumänischen Juden annimmt, doch möge er vor alle m, (!) was seine Pflicht und Schuldigkeit wäre, die österreichischen Staatsbürger in Amerika schützen, um die er sich, auch wenn sie gelegentlich niedergepfefferl wurden, bisher ebensowenig gekümmert hat, wie die jetzt von Humanität triefende „Neue Freie Presse"." Glaubt aber das „Zentralorgan der österreichischen Sozialdemokratie" nicht, daß es seine verflachte Pflicht und Schuldigkeit wäre, wenigstens einmal über die Lage des jüdischen Proletariats seine Leser objektiv zu informieren? Das tar sie nicht; wohl aber öffnete sie ihre Spalten den Lügen des rumänischen Reptilienfonds. Wenn die „Arbeiter-Zeitung" von der rumänischen R e g i e r u n g b e st 0 ch e n w ä r e, sie könnte sich nicht anders der Not der rumänischen Juden gegenüber benehmen. Man sage nicht, daß ein österreichisches Blatt rumänische Verhältnisse nichts angehen; die „Arbeiter-Zeitung" weint doch bittere Thränen über die Armenier, ja selbst die Philippiner (sic:!) schließt sie in ihr großes Herz. Aber die Rumänen an unseren Grenzen sieht sie solange nicht, bis sie nicht durch eine allgemeine Preßkampagne zur Sprache gezwungen wüd, und dann kommt dieses jesuitische Geschwätz heraus, das nur darauf berechnet ist, das arbeitende Volk durch verschämtes A n t i s e m i t e l n v e r g e s s e n zu machen, daß einige E x-J üben an der Schüssel sitzen und sich von Arbeiterkreuzern mästen. Ist schön und kostet nichts. Aber ihre Rechnung ist falsch; das arische Proletariat hätte sicher der „Arbeiter-Zeitung" es nicht verargt, wenn sie sich des jüdischen Protetariaies rn Rumänie» angenommen hätte; aber daß die „Arbeiter-Zeitung" das Bündnis der berüchtigtesten Kapitalisten und der Sozialdelnokratie bei den Wahlen vorbereitet und gutgeheißen hat — das wird sich bitter rächen. Einst wird kommen der Tag . . . Aber wir wollen schon heute konstatieren, daß die „Arbeiter-Zeitung" wieder nicht hat die Gelegenheit vorübergehen lassen, ohne die Interessen des jüdischen Proletariates zu verraten. Die Taufe eines Israeliten. Ans Neutitschein wird uns mitgeteilt, daß der Vater der katholischen Perlen, Dr. S. M. P er l, nicht nur kaiserlicher Rat, sondern auch Präsident der N e u t i t s ch e i n e r K u l t u s g e m e i n d e ist. Hoffentlich besitzt der Mann so viel Einsicht, seine Demission zu geben; denn es ist eine Schande für das Judentum, wenn der Vater zweier getaufter Söhne an der Spitze der Kultusgemeinde steht. Ein Mann, der nicht in zwei Söhnen die Treue sür ihren Stamm und Glauben pflegen konnte, hat absolut nicht die moralische Eignung, einer Gemeinde vorzusitzen. Installation des Beßpremvr Rabbiners. Wie ans Betzprem berichtet wird, wurde der neue Rabbiner der Beszpremer israelitischen Religionsgemeinde, Dr. Armin Hoffer, am Samstag unter großen Feierlichkeiten in sein Amt installiert. Bei der Feier waren auch die Stadt und das Kvmitat vertreten. Abends fand ein Bankett zu 200 Gedecken statt.