Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 38 (19.9.1902)
- Date
- 1902-09-19
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38 Wien, Freitag Jüdisches Volk.sbiatt 19. September 1902 Seite 5 Blättern zu veröffentlichen. Belkowsky erstattete den Bericht itub teilte mit, daß die Dividende 2,3% betrage. Diese Beschlüsse werden hoffentlich die Anregung zu einer Aera der praktischen Kolonisation geben. Achad- Haain hielt eine einstündige Rede, die bcu Glanzprtirkt des Kongresses bildete in der er als die wichtigste Ausgabe die Nationalisierung der Jugenderziehung bezeichnte, der „Nationalismus" sei unsere vornehmste Aufgabe. Strrderiten-Korrgreß An Stelle des in Budapest angesagten Kongresses findet vom 1.—4. Oktober in Venedig eine Vorkonferenz der „Corda Fratres" statt. Der Brrdapester Kongreß wurde abgesagt, da die ungarische Negierung die Entfesselung nationaler Streitfragen fürchtete. Die Gehermrrifse des rumäuischen Budgets. In den letzten Jahren beginnt man sich mit Nnmänien zu beschäftigen. Wenn auch die unsäglich traurige Lage unserer Stammesgenossen in erstes: Linie das Juteresse der Publizistik förmlich herausfordert, so dürfen uns auch die allgemeinen Zustände des Landes nicht gleichgiltig sein. Es ist daher nicht unwichtig für unsere Leser, uon eurem offiziellen Schriftstück Kenntnis zu erhalten, ivelches ein grelles Streiflicht arrf die allgemeirre politische rrird wirtschaftliche K o r r u p t i o n ivirst. Der nerrernannte Finanzminister Emil Eosti rreserr hat in einer Eingabe an das gesamte Ministerium arrf die schweren Schäderr aufnrerksanr genracht, die denr Larrde dadrrrch erwachsen, daß die verschiedenen Minister über eine Anzahl voir „öffentlichen Fonds" verfügen, über die sie nicht Rechenschaft zrr geberr brarrchen. Nicht nrrr, daß bei der unsäglich trarrrigerr sirranzielleir Lage die metften dieser Fonds als „reiner Luxus" gelten könnten, es mrrß arrch betont werden, daß fast alle diese Fonds verbrarrcht wurden, ohne daß mit den G elde r n etwas Positives g e s ch e h e n rv ä r e. So ist z: B. ein Fonds gegründet wordeir zur Messung der Lnirdereren in der Dobrrrds ch a z u x P f l a n z n n g neuer Wälder rr. s. iv. W e d e r rv rr r de der B o d e rr g e m e s s en, n o ch rv n r d c rr die Wälder' a u g e l e g t. Eostirreserr berechrret, daß inr Lause der letzter: Jahre nicht rverriger als 40.000 ha W alb rr i ch t angelegt rvorden sirrd. Es gibt in Rrrmänierr nicht rverriger als 33 so l ch er ö f f e rr t l i ch e r F o rr d s. Dieser Bericht -ist inr offiziellen Orgarr der Negierurrg „Vointa Nationaia" ohne Kommentar abgedruckt worden'. Selten ist in einem offiziellen Schriftstück irr so klarer Weise die Ko r r u p t i o rr eirres ganzen Landes verraten. Die Exzesse in Czenstochau. In einem offiziellen Telegramme aus Petersburg wird die Ursache der in Czenstochau ausgebrochenen Exzesse gegen die Inden folgendermaßen dargcstellt: Arrf dein Markte der Stadt Czenstochau wurde infolge eines Streites mit einem Krämer eine Bäuerin von Juden überfallen und erhielt einen Hieb auf den Kopf. Alsbald verbreitete sich das Gerücht, es sei eine Christin erschlagen worden. Eine Anzahl Arbeiter griff die Läden an, warf die Waren hinaus und schlug Fensterscheiben ein. Jur Wiederherlstellung der Ordnung wurde eine Militärabteilrrng herNigerufen, die, nachdem eine dreimalige Mahnung erfolglos geblieben und gegen die Abteilung Steine geschlendert worden waren, Feuer gab. Zwei Personen wurden tödlich getroffen und sechs schwer verwundet. Harden, Witting und Wittkowski. Die „Neue Zeit" in Stuttgart schreibt: Jedoch Herr Witting meint es nicht so schlimm. Als Borusse ist er viel jünger, als das Bornsscnlied; er ist der Sprößling der polnischen Jndenfamilie Wittkowski, von der ein Mitglied, der Vater' des Herrn Witting, vor einigen Jahrzehnten nach Berlin äbersiedeltc, nicht ans des Königs Ruf und auch nicht um ein Preiche 31t sein oder sein zn wollen, sondern in dem ganz verständigen Entschlüsse. sich in der deutschen Demokratie, die es damals noch gab, ans eine höhere Kulturstufe zu erheben. Das hat er auch getan und seder, der den alten braven Wittkowski noch gekannt hat, ivird ihm cip freundliches Andenken bewahren. Aber er zeugte zwei Söhne, in denen atavistische Neigungen erwachten, nur das; sie als vorgeschrittene Jünglinge fin de siecle nicht mehr mit alten Hosen und Kaninchenfellen handelten, sondern mit einer viel ausgiebigeren Ware, mit der „öffentlichen Meinung" der Bourgeoisie. Sie legten den ehrlichen Namen ihres Vaters ab, sowohl seines polnisch-jüdischen, als auch besonders seines demokratischen Geruchs wegen; der eine nannte sich Witting und der andere nannte sich Harden und tief durchdrungen von dem Nutzen, den die Teilung der Arbeit gewahrt, kitzelte jener den Teil der Bourgeoisie, der znm jungen Kaiser, und dieser den Teil der Bourgeoisie. der znm alten Kanzler hielt. Hebräische Inschriften ans Damaskus. Doktor Musil, welcher sich bekanntlich ans einer Expedition in das Gebiet befindet, wo er einst das Khalifenschlos; Amra entdeckt hatte und zwar zu geographischen Aufnahmen, machte der Akademie der Wissenschaften die Mitteilung. das; ihm Abdrücke von sieben samaritischen Steinen zngeschickt wurden, ivelche bei der Niederreißung eines alten Hauses in Damaskus gefunden ivurden. Eine Prüfung derselben ergab, daß sie einzelne Inschriften ans dem Pentateuch enthalten, die an den Wänden eines alten Tempels angebracht waren rmd von den Betenden rezitiert zu iverden pflegten. Dr. Musil hat diese Inschriften vollkoinmen entziffert, da er jedoch in nächster Zeit Damaskus besuchen ivird, will er die Inschriften erst nach Aufnahme des Lvkalaligenscheiues veröffentlichen. Paris. In einem Berichte über die eingeborene Bevölkerung von Französisch-Somaliland (Zeutral-Ostafrika), welchen der französische ^Kolonialminister jüngst publiziert hat, findet sich folgende Stelle über die Juden: „Die Juden, ivelche in Djibouti leben, stammen ans Aden und kleinen. Bis vor kurzem ivarcn sie sehr klein an Zahl und nur Männer. Ihre Zahl hat in letzter Zeit zugenommen und es sind jüdische Frauen dazugekommen; aber ihre Gesamtzahl dürfte nicht größer sein als fünfzig. Sie sind hauptsächlich Juweliere, Goldschmiede und Geldwechsler. Einige treiben einen kleinen Handel nach Abessinien mit einer Art von Baumwollstoffein Es scheint, daß die Juden "in der Stadt sich dauernd festsetzen wollen; einer der reichsten Juden von Aden, Benine mit Namen, hat hier ein Gebäude aufführen lassen zu einem großen Bazar. Er ist auch Eigentümer anderen Nealbesitzes in Djibouti. Benine ist mit Cowasjee und anderen BanianS Eigentümer des größten Teiles von Aden, und eS scheint, daß die europäischen Kauflente der lvichtigen Tatsache nicht die gehörige Beachtung geschenkt haben, daß ein Clement in Somaliland Einzug gehalten hat, das nicht beseitigt werden kann und über großes Kapital verfügt." Di? Bürncrmcister von Mannheim und Wien. In Mann icn nicht.v ..u .. , . * .... von Mannheim hat den zum Katholikentage gekommenen Eiferern in der Begrüßungsrede, ivelche er an die Versammlung richtete, wohl nach dem Wortlaute der Einladung, als auch nach den soeben gesprochenen Worten des Herrn Vorsitzenden zweifellos Ihre General-Vcrsainmlung beherrschen tvird, dieser Geist echter Duldsamkeit hat in der Hauptsache zur Blüte dieser mächtig emportvachsenden Stadt Mannheim beigetragen. Diesem Geist echter Duldsamkeit der Bürgerschaft Mannheims ist es im wesentlichen zu verdanken, daß Mannheim in der vordersten Reihe der großen deutschen Städte steht." Wien, die Reichshanpt- und Residenzstadt eines mächtigen Großstaates, eine Stadt mit nahezu zwei st)?fTfti'i-t rPintiiiiTini'vn. Tinf rtTfr'11 Grund, mit die kleine Provinz- Strebiamleit zur rorure gcrangr pr, Wien oagegcn vesinvoc imj m bedenklicher Stagnation, die bereits zum Rückschritt geführt hat und nach jeder Richtung hin eine Rückständigkeit auftveist. . Mannheim, eine Stadt von religiöser Duldsamkeit und friedlichem Nebeneinanderleben seiner Bürgerschaft, Wien dagegen __ eine Stätte der blödesten konfessionellen und Rassenhetze. Am krassesten tritt der Kontrast jedoch zutage bei einem Vergleiche der Bürgermeister dieser beiden Gemeinwesen. Mannheim hat das hohe Glück, ein Stadtoberhaupt zu besitzen, das mit Befriedigung und Genugtuung auf die religiöse Toleranz seiner Mitbürger zurückbezcichnet werden. Mit einer bewundernswerten Sicherheit behauptet Herr Dr. B., seit der Zerstörung des salomonischen Tempels kenne das Judentum keine Priester. Also ist die ganze Epoche bis zur Zerstörung des zweiten Tempels und noch lveitcr hin, das Priesterlönigtnm der Makkabäer, eitel Humbug? Aber der Zweck heiligt die Mittel. Diese Gesclsichts—ungenauigkeit soll tvohl dazu diene. grundverschieden stellt sich dagegen die Situation bei uns in Wien dar. Der Bürgermeister Wiens, in politischer Richtung die Charakterlosigkeit selbst, der schon zahllose Häutungen durchgemacht und dessen höchste Kunst darin besteht, den Mantel nach dem jeweiligen Winde zu hängen, läßt keine Gelegenheit vorübergehen, die Bürger Wiens gegenseitig zu verhetzen, die einen fünften Teil der Bebölkerimg betragende jüdische Einwohnerschaft anzufeinden, in agitatorischer Weise zu bedrohen, sie in ihrem Erwerbe zu schädigen, in ihrer Ehre empfindlich zu verletzen, kurz gesagt, sie ans dem Gemeinwesen hinauszuckeln, in welch letzterem sie eine vermöge ihrer Steuerkräftigkeit und ihres'Bildungsgrades hochgeachtete Stellung einnchmen könnten. Mannheim, du hast es besser! Darf man sich mit der Hoffnung tragen, daß das große Licht ans dem relativ kleinen Gemeinwesen Mannheims in die Finsternis der Weltstadt, der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien dringen ivird? Wir geben uns diesbezüglich keiner Täuschung hin, namentlich derzeit nicht, wo die Wahlen in den niedcröstcrreichischen Landtag bcvorstehen und unsere Gegner alle ihre Macht entfalten werden, um sich an der Gewaltherrschaft zu behaupten. Wir unsererseits jedoch werden nach wie vor kein Mittel unversucht lassen, dem Lichte der Freiheit und des Fortschrittes auch hierzulande Eingang zu schaffen, unsere Gegner aus ihrer Position zu verdrängen. Jüdische Handwerkorvewcgung. Ans Berlin ivird gemeldet: Der „Verein selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens", hier, eröffnete am 27. v. M. im Vereinslokal, Draescls Festsäle, Neue Friedrichstraße 36, seine diesjährige Wintersaison mit einer überaus zahlreich besuchten Propagandaversammlung, in ivelcher Herr Dr. Julius Moses in einem kurzen Vortrage über die von ihm vorgeschkagene Agitation berichtete. Es sollen zunächst die hiesigen jüdischen Handiverker in dem Rahmen des obigen Vereines in umfassender Weise organisiert werden. Cs sollen ferner alle hier bestehenden Handwerker-Vereine gleichzeitig mit dem Verein für Arbeitsnachweis an neu zugründcndcn Zentralverband jüdischer Handwerkervereine angeschlossen, dann aber auch die Agitation in die großen Städte und Gemeinden: Breslau, Posen, Hamburg, Frankfurt a. M., Köln, München nsw. hineingetragen werden. Die Vorarbeiten zu diesem letzteren Schritte sind bereits in vollem Gange, überall hat der Verein Vertrauenspersonen zu gcivinnen gesucht, so daß diese auswärtige Agitation mit der einheimischen gleichen Schritt hält, und unmittelbar nach den hohen Festtagen die erste große auswärtige Propagandaversammlung in Breslau einbcrusen werden ivird. Jin Laufe des Winters wird dann hier in Berlin ein Dclegiertentag der jüdischen Handwerkerbercine ans ganz Deutschland stättfindcn, auf dein dann über einen ganz Deutschland umfassenden Zentralverbnnd beraten werden soll. Die Versammlung erklärt sich nach lebhafter Diskussion allseitig einverstanden und nahm folgende Resolution einstimmig an: „Die heute in Draescls Festsälen tagende Versammlung des Vereines selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens beschließt, in eine energische Propaganda zur! Förderung des jüdischen Handwerkerstandes behufs Schaffung eines über ganz Deutschland sich erstreckenden Zcntrakberbandes einzntreten und ersucht den Vorstand, schleunigst die dazu geeigneten Schritte zn unternehmen." (Zum gleichnamigen „Eingesendet" in der Nr. 30.) .rr-nirn n^p'rpa Haß bricht Ordnung. Das „Jüdische Volksblatt" brachte in seiner Nummer vom 26. Juli l. I. ein geharnischtes „Eingesendet" aus der Feder eines Anonymus Dr. N., welcher die neuerdings auftretende Propaganda für die Schaffung eines jüdischen Konsistoriums einer scharfen und man kann tvohl sagen, ungerechtfertigten Kritik unterzieht. Aus dem Ilmstande nun, daß ich in einer Serie von vier Artikeln, i welche im „klnnbh. Jonrnnk" berösfentkicht tvurden, für die Konsij storiakberfassung eingetreten bin, schöpfe ich die Berechtigung, den Anschauungen des Dr. B. entgegen zn treten, da ich der Meinung; bin, das; solche Publikationen, zumal in einem seriösen Blatte, j wie cs das „Jüd. Volksblatt" ist, nicht unwidersprochen bleiben§ dürfen. Der Einsender behauptet, man ivolle mit aller Geivalt ein jüdisches Pontifikat schaffen. Das ist, gelinde gesagt, nicht der Wahrheit entsprechend. Ich lege hierbei kein besonderes Gewicht ans die vulgäre Redefloskel „mit aller Geivalt", sondern auf die Zumutung, als ob es sich um die Schaffung eines Pontifikalsystems handelte. In Frankreich, zum Exempel, gibt es ein jüdisches Konsistorium ohne Pontifex; was dort und anderswo ohire die befürchteten Konsequenzen möglich ist, dürfte auch bei uns keine gefährliche Spielerei bedeuten. An ein hierarchisches System ist bei der Proposition der konsistorialen Verfassung überhaupt nicht gedacht Ivorden, ans eben den Gründen, die Herr Dr. B. mit ziemlichem Applomb an die Spitze seiner Argumente setzt, nämlich weil das Judentum keine Hierarchie kennt und auf demokratischer Basis fußt. Ob aber das gegenwärtige System der Knltrisgemeinden rein demokratisch ist, dürfte selbst Dr. B. bezweifeln, ivie er es denn tm Verlaufe seiner Ansführnngen mi dem Beispiele der Wiener Knltnsgemeinde selbst geißelt. Als total verunglückt muß seine historische Beweisführung ne keit ..„ — .. .. . . r als dies seitens des Einsenders geschah. Und dennoch rst diese Darstellung nur ein Resultat einer verzweifelten, gewaltsamen Logik. Ja, wenn das Rabbinat an die Stelle des Priestertums getreten iväre, dann allerdings könnte man eine gelvisse Richtigkeit den Ausführungen nicht absprcchcn. Aber das Priestertum im Judentum tvar eben nicht das, was jvir im Hinblicke auf die katholische Hierarchie darunter verstehen. Denn de facto besteht das Priestertum als das, was es ehedem war, noch fort, als Geburtspriestertnni. Vergleichen wir die Aufgaben desselben mit denen des RabbiuertumS, so sehen Ivir, daß sie auch nicht in einem einzigen Punkte übereinstimmen. Die Priester waren weder Kopulautcn, noch Exhortauten, noch Prädikanten; sie waren . bloß Opferpriester — ich spreche natürlich von den nachpentatcuchischen. Da mm der Opfcrdicnst aufgehört hat, so fehlt es ihnen nun an Gelegenheit, ihr diesbezügliches Gebnrtsborrecht, das dem ungelehrtesten von ihnen auch der gelehrteste Rabbi nicht streitig machen kann, auszuüben. Aber zn allen Zeiten gab es neben dem Könige und Priester jemanden, der das Gottesgesetz kannte und interpretierte, der gleichsam daS lebendige Gewissen des Volkes und seiner weltlicheil oder religiösen Oberhäupter war. Ob er nun in den ältesten Zeiten der Prophet hieß oder späterhin eine Körperschaft war; auf die Nomenklatur kam und kommt cs nicht an; genug daran, daß man von ihm die Gesetzkenntnis verlangte und ihm eine gelvisse Jurisdiktion cinräumte. — Ans diesen Verhältnissen entwickelte sich das Rabbinat. Dieser oberflächliche religionsgeschichtliche Exkurs konnte natürlich nicht alle jene Momente aufnehmcn und ausführen, welche zu einer gründlichen Widerlegung nötig wären. Uebrigens genügt bloß der gute Wille, sich eines Besseren zu belehren; Gelegenheit bietet die jüdische Literatur hinlänglich genug. Aus dem Gebiete der geschichtlichen Nachiveisung greift nun Herr Dr. B. auf reale Verhältnisse über. Er erwartet von einer eventuellen Enquete, daß die Mehrzahl der Rabbiner sich gegen die Schaffung eines Konsistoriums aussprechen werde. Herr Dr. V. setzt hinzu: „beziehentlich einer Hierarchie". Hier liegt eben der faule Punkt des ganzen Aufsatzes. Der Einsender hat sich in einenGedanken verrannt und dieser Gedanke läßt ihn nun nicht los. Es Ivird mir immer mehr zur Ileberzengnng, daß er die ganze Angelegenheit nicht studiert habe. Er gleicht jenem Opernkritiker, der eine fulminante Kritik über eine Oper schreibt, ohne einen Ton derselben gehört zu haben. Ist denn irgendwo die Absicht kundgegeben worden, ein ausschließlich aus Rabbinern zusammengesetztes Konsistorium zu schaffen? Dieser Gedanke ist zu absurd, als daß er einer ernstlichen Widerlegung gewürdigt werden soll. Aber angenommen, man würde Umfrage halten, so hoffe ich, daß, falls die Stimmen gewogen nicht bloß gezählt, würden, ein überraschendes Resultat zutage käme. Denn die. Schaffung eines Konsistoriums ist ein Wunsch, der aus einem Bedürfnis entsprungen ist, das nichts gemein hat mit jenen Unterstellungen, derer Herr Dr. B. die Proponenten bezichtigt; es hat nichts mit eitler Selbstsucht und Streberei zu tun. Ich selbst, der zum Teile, wenigstens, die Frage in Fluß gebracht habe, hülle mich in Anonymität und gedenke auch darin zu verbleiben, wenn auch einmal die Idee zur Wirklichkeit werden sollte. Dieses Bedürfnis ist klar ansgedrückt in den Mißverhältnissen, die das Gesetz von 1890 geschaffen hat. Ich muß es mir an dieser Stelle versagen, auf diesen Punkt näher einzugehen, weil er mit dem Gegenstände selbst nicht in direktem Zusammenhänge steht. Aus dem falschen Verständnisse der ganzen Frage resultiert auch die Heranziehung der Beispiele Wien und Brünn; auch diesen Punkt glaube ich übergehen zu dürfen. Eine Ueberraschnng hat mir Herr Dr. B. mit dem folgenden bereitet, indem er nämlich, wenn auch in einer gewissen Verballhornung, zngibt, daß eine Aenderung des Systems notwendig sei. Hierbei definiert er den Begriff des Konsistoriums, wie es von den Proponenten — aber nicht von ihm — gedacht wird, so richtig, daß man seine Worte getrost unterschreiben darf. Jawohl, Herr Doktor, ivas wir ivollen, ist eine jüdisch-kirchliche Oberbehörde, ob nun Konsistorium oder Synhedrimn oder sonstwie genannt, ein Organ zur Vertretung jüdisch-kirchlicher Interessen, welche gar sehr nach innen und nach außen eines autoritativen Faktors bedürfen; das auch die Legitimation besitzt, borkommenden Falles als Anwalt und Kläger aufzutreten. Wer wollte leugnen, daß dieses ein Ziel ist, das sowohl bonr religiösen als vom politischen Standpunkte erstrebenswert ist? Ich glaube, daß auch die jüdisch-nationalen Politiker einen gewaltigen Fortschritt, eine kolossale Förderung ihrer Ideen darin erblicken würden, wenn das Judentum in Oesterreich eine Zentrale besäße, die durch ein System mit allen Einzelfaktoren in lebendigem Kontakt stände! Aber Herr Dr. B. glaubt, dies ließe sich in viel einfacherer Weise auf anderem Wege erzieln. So nenne er doch diesen Weg I Oder will er ihn verschweigen, vorlnufig verschweigen, um die Spmmung zu erhöhen? Oder aber ist es bloß eine geschickte Redewendung, nach dem Goethe'schen Worte: „In dem was er weise verschweigt, zeigt sich der Meister des Wortes"? Ich fürchte der Grund der Verschweigung ist ein anderer: „Auf dem Dache sitzt ein Greis, der sich nicht zu helfen weiß . “ Falschen Prämissen entsprechen falsche Schlüsse. Herr Dr. B. rekapituliert znm Schlüsse alle die unheilvollen Folgen eines jüdischen Konsistoriums und fordert zur rechtzeitigen Gegenwehr auf. Es stehe die ruhige Fortentwicklung der jüdischen Nation und des jüdischen Glaubens auf dem Spiele — so will er die Leser glauben machen. Wenn Dezentralisation, Zersplitterung, Potenzierung der Diaspora, Atomisierung des Judentums durch Schaffung von kleiner und dünner tverdenden Gemeinden, „Antonomiechen" — ruhige Fortentwicklung der jüdischen Nation, und die Willkür in Gkmrbenssachen, der stets mangelhaftere und wirkungslosere Religionsunterricht, ivie es tatsächlich der Fall ist, ruhige Fortentwicklung d'es Glaribens heißt — bon! Dann iväre es besser gewesen, zu schlveigen; dmm wäre mrf den Schreiber dieser Zeilen jener Spruch anivendbar, den er ursprünglich Herrn Dr. B. zugedacht hatte: 8i taeuisses . A it h e. iv E m e s. Bncher-Einlanf At. Gnmwald: Portugiesengräber auf deutscher Erde, Beiträge zur Kultur- und Kunstgeschichte. Hamburg 1902. Alfred Janßen. Es ist ein alter, nnberivischbarer Charakterzng des Juden, daß er die einmal angenommene Eigenheit auch dann nicht abstreift, ivenn ihn Schicksalsschläge in neue, bon der alten ganz verschiedene Situationen werfen, ivenn arideres Klima, neue Umgebung rrsiv. ihm neue, ungeivvhnte Lebensbedingungen bvrzeichnen. Der Jude kann sich im allgemeinen in jede Lebenslage fügen, aber seine ihm angeborene natiormke Eigenheit ivird er immer beibehaktcir müssen. Dieses zähe Festhakten anr Althergebrachten hat dem Juden stets den Haß der anderen Völker eirigetragerr und hat er bon ihm gelassen, ivard es ihm zum Fluche: darin liegt das Tragikum des Judentums. Diesem Chnrakterzrlge des Jndentums ist es zuzuschreiben, daß die Geschichte der Inden eines Landes mit diesem verknüpft bleibt, auch iveinr die Juden aus dem Lande vertrieben.