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Jüdisches Volksblatt · 1902-08-29 · 35 (29.8.1902) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
35 (29.8.1902)
Date
1902-08-29
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 35 Jüdisches Volfsblatt 29. August 1902 Nr. 35 Wien, PYeitag Seite 3 i r t f rfj rt f t s cfc ttOcr zei- Wcg, beit so- Mi hoben unb ’t flekcmizeich- 'bvait(it; ober atriarchalische der streiten - s bilden sich ich wieder zu uipfeu, wenn ruhig stehen seine Feinde Geschosse richeyr aus die- - n und den len. Daran e zn halten, e r c li, denn istigere Vervnrten. Elementen sten Gegner n Inden —- 3 zu schädidie hohle ffeit ist, bet n t a> u s -i Wirtschafts- Lerinehrnng damit auch mühte, - ist ngcnommen . die Aktion hindernd im tliche Lage der V e r- Termin - nnt ist jese gemeint. Jude bon enische Acr auch die er der Arlschaftlichen Beschaffung llrgere u n g der i die Konird — der olich leicht wo viele aich andere > V. Bahnü udüng rhen Ver- Minderbel geschäftvtiszerfolge i richtiger sein. , In »nlich zu- Konsumiftsleitung :, welcher :nnt, bald incm solmännisch- :in etwas » n V e r - iten oder er Fehler nverhält- Lerein in;r Opfersicht ver- :rnt man e Mannst. Man vernnnst, > scheint, kenntnis-!ys antich selber stler im der Anrch pansche Be- )as bisinst von 3 Auge" lie einst 5 unsere : Natur ch nicht, ch nicht, Wurzel!vo sie Wesenheit rlso auf kt, wird rgungen eflexion Natur in ihren lgezählh\k Geringer" und da eneron, änferin Shritt. anderer is sind »gemiit. rr, der »londen d wohl Willigkeit einiger Mitglieder, den so nützlichen Verein zn stützen und ihn dem wohltätigen Wirken zu erhalten. Häufig genug aber fehlt der Retter in der Not und das Ende ist trostlos. — Mit aufrichtigem Bedauern muh konstatiert werden, dah die Fälle durchaus nicht vereinzelt dastehen, wo in solchem letzten Momente auch noch das bekannte: „Nette sich, wer kann" in: t.Rette sich, wer — etwas retten kann" umgewandelt wird. — Zweifellos liegt die Ursache solchßr Erscheinungen tiefer — es wäre sonst nicht gut denkbar, das; nach so manchen traurigen Erfahnrngen, welche in dieser Richtung gemacht wurden, immer noch die gleichen Endresultate zum. Vorschein kommen könnten. Ts wäre nun anscheinend Zweck dieses Artikels, jene Andeutungen zu geben, welche zu erfolgreicher Tätigkeit in einem Konsumvereine führen sollen. Hiervon darf, vorläufig wenigstens, aus dem Grunde abgesehen werden, weil eben d i e G r ü n düng von Konsumvereinen für das jüdische Kleingewerbe beziehungsweise auch für andere schwächer situierte Schichten der jüdischen Bevölkerung in anderer als der bisher bekannten Form gedacht ist. Dies geschieht in erster Linie deshalb, weil es ganz unrichtig wäre, einer Klasse von Unbemittelten z u m N a chteile einer anderen, gleichfalls um das tägliche Brot ringenden — beides Juden — helfen zu wollen. Es läßt sich eben nicht leugnen, dah dort, tv o ein Konsumverein eröffnet wird, gerade die kleinen, schwächer situierten Geschäfte in der Umgebung so gut tvi c ruiniert sind und das umso sicherer, je richtiger der Konsumverein geleitet und je bessere und billigere Waren er abzugeben haben wird. Die Erfahrung lehrt weiters, dah die Uebersicht und auch die Kontrolle bei einem Konsumvereine, der alle nur möglichen Artikel führt, eine vcrhältnismähig schwierige ist. Allerdings gibt es auch solche Konsumgenossenschaften, welche ihren Mitgliedern alle nur erdenklichen Waren und Lebensmittel liefern und dabei sehr gut fortkommcn. Das find aber fast durchwegs solche Vereinigungen besser situierter Mitglieder, welche bereits eine lange Reihe von Jahren b e st e h e n, sowie Vereine, bic unter weit günstigeren Verhältnissen gegründet wurden als die jetzigen sind, und die aber damals eben auch nur klein begonnen haben. Derzeit, wo sie mit genügenden Mitteln arbeiten und auch hinlängliches Vertrauen besitzen, ist es ihnen natürlich leichter möglich, etwaige Verluste aus den vorangeführten Gründen zu ertragen. Es dürfte übrigens so ganz unrichtig nicht sein, wenn angenommen wird, dah solche Vereine nicht gerade deshalb bestehen, weil sie so viele Artikel führen, sondern -—■ trotzdem he cs tun. Leicht begreiflich wird also bei Gründung jüdischer Konsum- Vereine V o l l k o m m e n e s n i ch t zu erreichen sein, oder besser, es wird mit Rücksicht auf die dadurch gefährdete Exist e n z so vieler jüdischer Krämer nicht erreicht werden können. ' Es ist gewih richtiger, dies rechtzeitig und unverblümt anszusprcchcn, als erst durch traurige Erfahrungen den begangenen Fehler einzusehen. Demungeachtet wird es möglich sein, das angestrebte Ziel, wenn auch nur annähernd, zu erreichen. Unsere Konsumvereine dürfen eben weniger darnach geartet sein, den Mitgliedern alle Bedarfsartikel zu bieten als darnach, ihnen n u r die für den Hausbedarf wichtigsten und unentbehrlichsten, diese aber in unverfälschter Qualität und zu Einkaufspreisen, natürlich unter Spesenzuschlag, zu liefern. Es genügt vollkommen, wenn unsere Konsumgenossenschaften als Hausartikel Brot, Milch, Fleisch und Kohle führen und allenfalls einige wenige für den Haushalt notwendige Ncbenartikel von Fall zu Fall beschaffen.' Auf diese Art wäre für den Einzelnen immerhin eine nicht unbedeutende Verminderung der Ausgaben erzielt, während andererseits die bestehenden jüdischen Krämereien darum keinen namhaften Schaden zu erleiden hätten, weil die angedeuteten Artikel sich eben auf mehrere Arten von Geschäften verteilen. Es versteht sich von selbst, dah die Konsumgenossenschaft nur an ihre Mitglieder und unter gar keiner Bedingung an Nichtmitglieder Wirren zu liefern hätte. Hiermit wären nun in grohen Umrissen jene Anregungen gegeben, welche in Ermanglung eines bekannten Besseren dazu führen dürften, dem jüdischen Kleingewerbe, eventuell auch teilweise sonstigen schwächer situierten Schichten der jüdischen Bevölkerung das schwere Ringen um die Existenz zu erleichtern. Dah cs nun nicht denkbar ist, günstige Verhältnisse unvermittelt herbeizuführcn, wird gewih in unserem Falle leicht zu begreifen sein; gegen Wind und Strom ist eben nur ein langsames Vorwärtskommcn möglich . Aber mit Geduld und nur einigem Setz in des Wagens Finsternis Getrost den Atlasschuh I Die Füchse schäumen ins Gebiß, Und nun, Johann, fahr zu! Es ruht an meiner Schulter aus Und schläft, ein müder Veilchenstrauh, Die kleine blonde Komtesse. Im übrigen kennt er in seinen dichterischen Motiven keinerlei Beschränkung. Zwischen der Einsamkeit, die er wie ein Bikschu lebt, und der Zweisamkeit, die er lieber hat, pendelt er liederfroh hin und her. Aber gemeiniglich verschreibt er sich wie Faust dem Leben, verschreibt sich den Harmonien und Zerrspiegeleien des Augenblicks, den er bejubelt, aber nicht anschmachtet (denn er ist kein Lavendellyriker), sondern mit hartem Griff sich zu Willen zwingt, um Schönheit zu erbeuten. In der kleinsten Mücke, im dürftigsten Nichts, inr zerlumptesten Lumpensammler lebt ein Gott — die Sonne aber dringt überall hin, in Marmelsäle und Mauselöcher, denn die Sonne sonnt uns jeglichen Tag. Man begreift, dah unter diesem Gesichtswinkel selbst das Unsäglichste sagbar wird, weil es doch nur auf die Melodik der Stinnne ankommt, mit der man es sagt, und weil die Stimme der echten Dichter, die ein Stück Himmel im Herzen haben, stets melodisch ist. Und Liliencron zieht alles in seine Arme, was seiner Dichterlaune über den Weg läuft, den letzten Laternenanzünder, wie den ersten Präsidenten des Obersten Gerichts- und Kassationshofes, die weißgewaschenste Jungfrau, tote die schwarzgetuschteste Tänzerin, den Tod auf den Stoppelfeldern, wie das Kasperle, das den Kopf hängen läßt. Darum hat man ihn „Naturalist" genannt. Ein glberncs Wort — eines der albernsten, die auf den Schubfächerchen der literarhistorischen Gewürzkrämer angenagelt sind. Als ob nicht der Ton zu entscheiden hätte, was und ob etwas Musik ist. Als ob nicht die Odyssee oder die Bibel ein Schulbeispiel für den konsequentesten Naturalismus abgeben könnte! Wo eine Phantasie herrscht, die nicht dem Gehirn, sondern der grohen, vollen, schöpferischenJntuition einer singulären Dichterscele entspringt, und tvo eine Gestaltungskraft triumphiert, die ans den widerspenstigsten Blöcken spielerisch ihre Wunder formt, da ist es ein Gottesfrevel, mit kindischen Nomenklaturen heranzuhinkeü. Zu dieser altehrwürsbigen ästhetischen Frage hat Liliencron in einem Sechszeiler („Den Naturalisten") Stellung genommen, obzivar es sonst nicht seine Art ist, Stellung zu nehmen: Ein echter Dichter, der erkoren, Ist immer als Naturalist geboren, Doch wird er ein roher Bursche bleiben Kann ihm in die Wiege die Fee nicht verschreiben - Zwei Rätsel aus ihrem Wunderland: Humor und die feinste Künstlerhand. gute Willen können wir doch ans Ziel kommen. Legt ja selbst die Schnecke unter Ueberwindung so mancher Schwierigkeiten verhältnismäßig weite Strecken zurück. Was uützt alles Klagen, was alles Murren gegen das Schicksal oder gar gegen die Teilnahmslosigkeit reicher Glaubensgenossen? Nur die Tat allein kann helfen. Werden sich die rechten Männer finden, unser jüdisches Kleingewerbe aufzurütteln? Wird der so arg gefährdete jüdische Kleingewerbestand Energie und Einigkeitsgefühl genug aufbringen, um durch genossenschaftliche S e l b st h i l f e jenes Vertrauen in die eigene Kraft herbeizuführen, welches heute nötig ist, um be - st e h e n z u k ö n n e n? Die Zukunft birgt so manches in ihrem Schoße — vielleicht ersteht ans dem hingestreuten Samen der jüdischen Genossenschaftsidee mich noch eine Pflanze, welche, richtig gehegt und gepflegt, Früchte tragen wird. Chronik. Inland. Verband israelitischer Handwerker Böhmens. Am 6. September um 8 Uhr abends findet im Restaurant „zum Prinzen" am Altstädter Ring in Prag die konstituierende Versammlung des Verbandes der israelitischen Handwerker Böhmens statt. Wir wünschen den Prager jüdischen Handwerkern viel Glück auf dem neuen Wege der Selbsthilfe. Dieser Erfolg der Prager soll aber den Wiener Handwerkern ein Ansporn sein, sich nicht von ihren böhmischen Genoffen überflügeln zu lassen. Im Schoße der Jüdischen Volkspartei werden Vorarbeiten in diesem Sinne gepflogen; wir fordern daher alle Wiener Handwerker, die mit den Ideen eines „Jüdischen Handwerkerbund" in Wien sympathisieren und noch nicht ihre Znstimmung kundgegeben haben, auf, ihre Adresse beim „Jüdischen Volksverein" in Wien, II., Leopoldgaffe 49, anzugeben. Allgem. österr.-israel. Bund. Unsere Leser werden erstaunt sein, von diesem Bunde, der einen solchen pompösen Titel führt, keine Kenntnis zu haben. Aber er existiert wirklich, wir können unseren Lesern auf 'Ehrenwort versichern, er existiert; erversandte sogar dieser Tage einen Bericht über seine Tätigkeit (oder Untätigkeit?). Im Eingänge bemerkt der Bericht mit einer leicht erkennbaren Spitze gegen die „Union", dah der Bund „seinen Beruf nicht darin erblicken dürfe, lärmend in die Oeffentlichkeit zu treten und seine Taten an die große Glocke zu hängen, was bei den gegenwärtig üblichen Verdrehungen und Verhetzungen zu Mißdeutungen und Verdächtigungen führen könnte". Der Bericht erzählt dann einige ganz hübsche Dinge, die sich im v e r f l o s s e n e n Jahre ereignet haben; der Bund besteht aber unter der bewährten Leitung des Dr. Alfred Stern schon drei Jahre; was tat er denn damals? Davon meldet kein Buch und kein Schriftstück. Oder war Dr. Stern bei dem heißen Bemühen, Lueger zu stürzen und Vogler zu krönen, so in Anspruch genommen,. daß ihm für die jüdische Angelegenheit keine Zeit übrig blieb? Gehen wir nun z udem eigentlichen Berichte über, so rühmt sich der „Bund" einiger Heldentaten, von denen „niemand nichts weiß". Er hat eine Denkschrift in Sachen der antisemitischen Hetze überreicht; wem und wann, wird nicht gesagt. Mit großem Erfolge, wie wir wissen, hat er ferner gegen die Boykottandrohungen und gegen 'das Ritualmordmärchen Stellung genommen. Verschiedene Institute, Vereine und Personen haben sich in diesen Angelegenheiten Lorbeern geholt, aber von dem „Bund" tocic weit und breit keine Spur. Damit sich die Leser selbst ein Urteil bilden können, wie der „Bund" arbeitet, wollen wir eine Stelle des Berichtes wörtlich zitieren: „Auf unsere Veranlassung hat einer unserer hervorragendsten jüdischen Gelehrten in einer höchst bedeutsamen wissenschaftlichen Polemik — Die feinste Künstlcrhand! Was will man mehr? Man kann ste in seinen Gedichten, Romanen, Novellen und Skizzen finden, in denen der leichtblütigste Humor hinter der schwerblütigsten Tragik wie der Narr hinter der schadhaften Majestät des Lebens läuft. Leider ist es hier aus Raumgründen unmöglich, auf das Besondere in seinen Werken des Näheren einzugehen. Zu seinen besten Prosastücken, die in einem kleistisch herrischen Stil auf schweres Papier gehämmert sind, gehört neben der „Mergelgrube", in der alle Pulse der Natur beben, vor allem die groteske Erzählung „Das Richtschwert von Damaskus", die sich in ihrer knappen Phantstik wohl nur mit Villiers de l'Jsle Adam vergleichen läßt. Eine beichtbuchartige Aufzeichnung, die des Interessanten die Fülle birgt, ist der „Mäcen". Unter den Romanen ragt „Breide Hummelsbüttel" hervor, der in Holstein'sches Milieu führt, originale Menschen auf sehr massive Beine stellt und auch durch straffe Gesamtkomposition (die sonst nicht Liliencrons Stärke ist) befriedigt. In seinen Dramen ist er hauptsächlich Sprachkünstler. In erster Linie und mit ganz besonderem Nachdruck muß aber auf seine militärischen Erzählungen (drei Bände) verwiesen werden. Hier konzentriert sich seine Kunst zu einer so ungewöhnlichen Kraft und Intensität und erklimmt eine so überragende Höhe, daß man am liebsten ein untrügliches Zeichen ihrer Größe — die Feder weglegen und, wie der harmloseste Leser, in herzlicher Bewunderung lediglich nusrufen möchte: Ecce poetal Hier kommt die rassigste Eigenart Lsliencrons wie in seinen Soldatenliedern zu deutlichstem Durchbruch und schafft kleine, scharf umrissene, in sich geschlossene Kunstwerke, die eine durchaus originale Bereicherung unserer deutschen Literatur und zugleich inhaltlich eine Erweiterung ihres Stoffgebietes bedeuten.*) *) „Kriegsnovellen", „Krieg und Frieden", „Unter flatternden Fahnen". — Die gesammelten Werke Detlev v. Liliencrons, die soeben in einer geschmackvollen und billigen Neuausgabe bei Schuster und Loeffler, Berlin SW. 46, erschienen sind, gliedern sich wie folgt: 1. Novellenbände: Kriegsnovellen — „Aus Marsch und Gest" — „Könige und Bauern" — „Roggen und Weizen". 2. Romanbände: „Der Mäcen" — „Breide HummelsbkMll" —> „Mit dem linken Ellbogen". 3. Gedichtbände: „Kmnpf und Spiele" — „Kämpfe und Ziele" — „Nebel und Sonne" — »Poggfred", ein Epos. 4. Dramenbände: „Der Txifels und Palermo" —. „Die Merowinger" — „Knut, der Herr" — „Arbeit adelt". —> Ueberbies ist eine sehr sorgfältig arrangierte Auswahl aus den genannten drei Gedichtbänden in dritter Auflage unter dem Titel „Ausgewählte Gedichte" (einbändig, Preis 4 Mark) ebendaselbst erschienen. Der verständnisvolle Verlag hat sich ferner durch eine Spezialausgabe der Kriegsnovellen: „Auswahl für die Jugend", die bereits in vielen Schülerbibliotheken aufliegt, ein besonderes Verdienst erworben. die allerdings nicht in die Oeffentlichkeit geslangen s o l l te — verschiedcntliche, mitunter höchst bedenkliche Ausführungen deutscher Theologen auf das glänzendste widerlegt, Jrrtümer berichtigt, die Anerkennung der Wahrheit her-, beigeführt und auf diese Weise gewiß nicht zu unterschätzende Gefahren beseitigt. Man höre und staune! Mit Ausschluß der Oeffentlichkeit wird eine Broschüre „von einem unserer hervorragendsten Gelehrten — das kann in den Augen des Dr. Stern nur Dr. Güdemann sein — zusammengestcllt; man kann sich lebhaft vorstellen, wie das Ansehen dieser deutschen Theologen in der Oeffentlichkeit darunter leidet, wie gangbare Jrrtümer berichtigt und gewiß nicht zu unterschätzende Gefahren beseitigt werden, wenn „in der Still' und der G ' h a nt" ein Schriftchen existiert, das gegen sie gerichtet ist. Oder mißverstehen wir vielleicht den „Bund"? Vielleicht war die Polemik nur für die internen Kreise berechnet; vielleicht war nur der Glaube von Stern und Genossen schwankend geworden und sie haben sich, um ihre bangen Zweifel zu lösen, von ihrem Seelenhirten ein Traktätchen schreiben lassen. Auch da scheint aber die gewünschte Wirkung nicht erzielt worden zu sein, denn die Taufen in Fmnilien von Kültusvorständen grassieren noch immer. Auch sonst 'hat dev „Bund" fleißig und erfolgreich gearbeitet; er hat bekanntlich die rumänische Judenfrage einer gedeihlichen Lösung zugcführt, hat, unterstützt von der „freisinnigen" Presse, dem alten Araten sein Kind wiedergegeben und ohne Rücksichtnahme auf verwaiste Knopflöcher und stirnrunzelnde Minister — man kennt ja unsere Patrone — in analogen Fällen, ferner in Sachen des Prager Judenfriedhofes so erfolgreich interveniert, dah das Resultat gleich Null war. Wirkliche Erfolge erzielte er nur bei der Verbesserung der Statuten einiger Kultusgemeinden, und bei der Dispensierung eines Rabbiners vom Nachweise der Maturitätsprüfung. Diese Erfolge sollen dem „Bund" unvergessen sein; sie sind mit goldenen Lettern in der Geschichte des jüdischen Volkes verzeichnet. Alles in allem bietet der Bericht ein Bild, wie unverwüstlich die deutschliberale Methode ist, auch die besten Ideen, wie die eines Gemeindebundes durch Schlamperei und Dummheit zugrunde zu richten. Aber es regt sich schon in Böhmen, die Idee auf einer anderen Grundlage zu verwirklichen. Aus der Leopoldstadt. Die Führung der Blumauergasse in die Taborstraße, die nach wiederholter Anregung der Lcopoldstädter Bezirksvertretung endlich durch die Demolierung des Doni'nger- Hauses, Taborstraße 42, erfolgen wird, dient wohl der Ablenbmg des Verkehres aus dem Engpässe zwischen dem Bayerischen Hof und dem Posthornhause, entspricht aber trotzdem nicht durch den zu spät erfolgenden Durchbruch dem. früheren Wunsche des Bezirkes. Es bestand der ursprüngliche Plan, einerseits eine direkte, hübsche Zeile von der Praterstraße bis zur Brigittenau herzustellen, andererseits die beiden Hauptverkehrsadern des Bezirkes, die Praterstraße und die Taborstraße, etwa gegen die Mitte derselben zu verbinden. Leider zogen sich die Verhandlungen betreffend die Erwerbung des genannten Objektes derart in die Länge, daß durch den inzwischen erfolgten Neubau des Erzherzogin Sophien-Gymnasiums in der Circusgasse die Idee der Schaffung dieser notwendigen und schönen Avenue zunichte wurde. Bei dieser Gelegenheit kann das nicht genug zu verurteilende Versäumnis nicht unerwähnt bleiben, daß die Obere Augartenstraße nicht kottageartig, mit Villen und. Vorgärten an der linken Seite, bis zum Mathildenplatz, angelegt tourde. Diese Straße, zur Rechten mit dem prächtigen Augarten lind, dem Perspektiven Hintergründe des Hermannskogels und des Kahlenberges, wäre eine der schönsten Straßen Wiens, ja vielleicht der meisten Großstädte gelvorden. Es ist vorüber, und nur die Phantasie verweilt noch bei diesem Straßenideal . . . Und wie notwenkng wäre eine solche Villenansiedlung gewesen, um die einstigen wohlhabenden Bewohner der Leopoldstadt, die sich nach allen Windrichtungen der Stadt verteilt, an den Bezirk zu fesseln, der eines regen Verkehrs in gewerblicher und geschäftlicher Beziehung so sehr bedarf. Die Leöpöldstadt ist trotz ihrer Ausdehnung und großen Einwohnerzahl einer der vernachlüssigtcsten Bezirke. Die öffentlichen, kommunalen und staatlichen Aemter sind in geradezu sanitätswidrigen und den modernen Anforderungen hohnsprechenden Lokalen untergebracht. Man betrachte nur das Bezirksgericht 1, Es ist nachgerade an der Zeit, daß man sich in soldatenfreundlichen Kreisen die diversen Winterfelder, Hackländer und all die sonstigen schalen Humore abgctvöhne. Dazu ist nun die würdigste Gelegenheit geboten. Für Deutschland tritt noch ein anderes Moment hinzu. Man hat dort in den letzten dreißig Jahren zu wiederholtenmalen über die verwunderliche Erscheinung geklagt, daß eine so elementare nationale Erhebung, wie der Einigungskrieg des Jahres 70, fast gar keine nennenswerte Spiegelung in der zeitgenössischen deutschen Dichtkunst erfahren habe. In der Tat können jene Klageweiber, denen Liliencron nicht einfällt, nur auf einige Kriegsgedichte Freiligraths, Hermann Linggs, Karl Gerocks, I. G. Fischers, Dahns, Dyherrns, Wdlffs, auf die „Visionen" von Richard Voß, auf den Liederkranz von O. v. Redwitz und namentlich aus die beiden epischen Gesänge und einige Festspiele Wildenbruchs verweisen. Aber warum fällt ihnen Liliencron nicht ein — der einzige, der den Krieg mit der „feinsten Künstlerhand" gemeistert, ohne Bumtara und Hurrah, dafür aber mit jenem tiefinnerlichen ästhetischen Entzücken, das den Bildhauer beschleichen mag, ivenn er menschliche Glieder aus den Quadern heraus sich umschlingen läßt, oder den Mjalcr, der in Wolken und Mörtelfurchcn absonderlich schöne Linien entdeckt. Beispielsweise: In seiner Skizze „Der Richtungspunkt" schildert er al fresco das Jneinanderreiten, das Aufeinanderplatzen und gegenseitige Aufsaugon zweier feindlichen Geschwader. Mas hat ihn da „gereizt"? Die Betvegung! Und er fügt an den Schluß der Schilderung, da er sich vor Schönheit nicht fassen kann, die Worte: „Jedes Künstlerherz hätte aufschreien müssen vor Entzücken. Aufschreien vor Entzücken!" Oder er malt einen nächtlichen Angriff mit Farben hin, die sich in Schauer und Schauder umsetzen. Oder er führt in den „Garten des TodeS", auf ein phantastisches Schlachtfeld, das mit jammernden Krüppeln und verstümmelten Leichen bedeckt ist; da er sich über einen Verwundeten beugen will, blickt ihm das Gebiß einös schwarzen Zuaven entgegen. Den Zuavenkopf vergißt man nicht. Das ganze Stück aber (Titel: „Umzingelt") reiht sich der besten deutschen Dichterprosa eines Kleist, Keller und Meyer ebenbürtig an. Oder er lauscht in die Parademärsche, Zapfenstreiche, Siegesfeste hinein und zieht aus dem Stechschritt preußischer Bataillone, aus Trommelwirbel und Pfeifenklang neue rhythmische und onomatopoetische Worte, die sich zu Stimmungsbildern und knappen Liedern zusammenfinden. Soldat und Künstler — hier wird die seltene Mischung Ereignis. Nie war sie gesättigter, unlöslicher, reiner. Vom Soldaten ist er ausgegangen, zum Soldaten findet er in Balladen und Liedern immer lvieder zurück. Im übrigen bedarf Liliencron der „Würdigungen" nicht mehr. Denn man weih, dah er von Theodor Storni, Klaus Groth, Fontane und Konrad Ferdinand Meyer gelobt und geliebt wurde. Somit sind ihm in der erlauchtesten Runde die schönsten Dichterweihen zuteil geworden.

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