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Jüdisches Volksblatt · 1902-08-29 · 35 (29.8.1902) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
35 (29.8.1902)
Date
1902-08-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 29. August 1902 Nr. 35 Ein geskhmdriger Erlaß des Knan)- uiinißkrinnls. Antisemitismus ans Staatskosten. Im Jahve 1898 gingen in Galizien die Flnten des Antisemitismus sehr hoch. In Wieliczka, wo nach dem verheernngs- und unheilvollen Wirken eines?. Szp ander b c denkwürdigen Exzesse des genannten Jahres ihren Anfang genommen hatten, gelangte jedoch die antisemitische Klique bald zur Einsicht, daß öffentliche Ausschreitungen und rohe Gewalttätigkeiten, wenn sie auch momentan den antisemtiischen Kitzel befriedigen, doch zu geringfügiger Natur sind und in keinem Falle zu einem dauernden Erfolge führen können. Dies war umsomehr einleuchtend, als man den unwürdigen judenfeindlichen Ausschreitungen mit Ausnahmszustand und Standrecht entgegengetreren war. Dagegen schien die einige Zeit zuvor von einem Pfarrer verkünde!e Idee des „Asemitismus", des wirtschaftlichen Boykotts der Juden, eine aussichtsvollere und man klammerte sich an diese Idee umso freudiger, als die früher in Galizien in derselben Tendenz ins Leben gerufenen „kölka rolnicze“ sich als wirksame Totschläger von jüdischen Existenzen erwiesen hatten. Es fand sich nun gar bald ein „Bürge r-K omitee" zusammen, welches an den LandwirtschaftlichenHandelsverein (zedi^zek handlovvy köfek rolniczych) in Krakau mit dem Ansinnen herantrat, ins Wieliczka eine Filiale zu errichten. Der Landwirtschaftliche Handelsverein im Bewußtsein dessen, daß seine Konkurrenzmittel weder Billigkeit noch Qualität, sondern einzig und allein der Antisemitismus ist, daß aber der wirtschaftliche Vorteil sich noch immer stärker als die antisemitische Gesinnung erwiesen hat und daher die Befürchtung naheliege, daß mit dem Verfliegen des antisemitischen Rausches in Wieliczka derselbe Mißerfolg wie in Rzeszow geholt werden könnte, knüpfte an die Errichtung der Filiale die Bedingung, daß die Bergarbeiter bei der Vorgesetzten Behörde erwirken, daß von ihren monatlichen Verdienstbeträgen der Betrag der auf Kredit genommenen Lebensmittel, wi eMehl, Graupen, Kaffee, geistige Getränke rc. rc., in Abzug gebracht und seitens der Salinen Verwaltung direkt an die Filiale abgeführt werde. Eine solche „staatliche Garantieleistung" ist einerseits wegen der eminenten Kreditsicherheit sehr bequem und hat andererseits den Vorteil, daß die dauernde Kundschaft von mehreren hundert Arbeitern gesichert wird, da jene Arbeiter, welche einmal versucht haben, ihren Bedarf an Lebensmitteln bei der genannten Filiale auf „Kredit^ zu decken, nicht mehr in die Lage kommen können, andere Einkaufsquellen zu benützen, weil ihre Verdienstbeträge zum größten Teile der „Filiale^ zufallen. Auf Veranlassung des erwähnten „Bürger-Komitees" richteten gegen 600 Arbeiter an die k. k. Salinen-Verwaltung in Wieliczka das Gesuch um Gewährung der vom Landwirtschaftlichen Vereine gestellten Bedingung. Die k. k. Salinen-Verwaltung leitete dieses Gesuch an das Finanzministerium, welches mit Erlaß vom 29. Oktober 1898, Zahl 55.023, gestattete, daß der Betrag der seitens der Filiale des Landwirtschaftlichen Handelsvereines den Bergarbeitern auf Kredit gegebenen Waren von den monatlichen Löhnen der letzteren in Abzug gebracht und der genannten Filiale direkt ausbezahlt werde. Das eingangs erwähnte „Bürger-Komitee" hat sich längst aufgelöst. Die meisten seiner Mitglieder gelangten zur Erkenntnis, daß die Deckung des Bedarfes an Lebensmitteln bei der „christlichen" Filiale nicht zu den Prinzipien einer guten Oekonomie gehört. Die Arbeiter, die auf „Kredit" nehmen, müssen aber weiterhin, trotz des Verflachend des Antisemitismus in Wieliczka. Kunden der genannten Filiale, welche noch heute gegen 6000 Kronen monatlich von der Salinen-Verwaltung aus bezahlt erhält, bleiben. Man erlasse uns, zu sagen, wieviel jüdische Existenzen durch die genannte Filiale ruiniert werden, wir können aber nicht umhin, die Tatsache zu erwähnen, daß sich die Wieliczkaer — durchaus nicht philosemitische — Stadtvertretung, auf eine Petition von christlichen Kaufleuten hin veranlaßt hat, an die Finanz-Landes-Direktion in Lemberg mit dem Ersuchen heranzutreten, es möge der Filiale des Landwirtschaftlichen Handelsvereines, welche den Handel in Wieliczka schädige, die staatliche Garantieleistung entzogen werden. Diesem Ersuchen ist jedoch, mit Rücksicht auf den Erlaß des Finanzministeoiums, keine Folge gegeben werden. Nun ist aber der in Rede stehende Erlaß ganz gesetzwidrig. Er widerspricht dem klaren Wortlaute des § 78 der Gewerbe-Ordnung und hat nicht einmal, wie so manche behördliche Verfügungen, die antisemitischer Gesinnung entspringen, einen Schein von Gesetzlichkeit, da bekanntlich die Gewerbe-Ordnung durch ministerielle Erlässe nicht geändert werden kann. Indem wir nun auf die Gesetzwidrigkeit des in Rede stehenden Erlasses mit scharfem Nachdrucke Hinweisen und uns Vorbehalten, denselben durch befreundete Abgeordnete im Parlamente zur Sprache zu bringen, gestatten wir uns die Frage: 1. Wie rechtfertigt das hohe k. k. Finanzministerinm diesen gesetzwidrigen Erlaß? 2. Ist nicht das hohe k. k. Finanzministerium gewillt, diesen gesetzwidrigen Erlaß unverzüglich außer Geltung zu briugen und der Filiale des Landwirtschaft-, lichenHandelsvereines in Wieliczka die „staatliche Garantie-' leistung" zu entziehen? U. A. w. g! * * * Wie kann dem jüdischen Kleingewerbe geholfen werden? 6. (Schluß.) Die bereits gemachsten und dahin zielenden Vorschläge, nach und nach an die Gründung »ou Genossenschaften zu schreiten, and durchaus nicht verwickelter Natur, noch bedarf cs hierzu solcher Summen, die abschreckend einwirken könnten. Allerdings vermag die angeregte Idee den Reiz der Neuheit für sich nicht in Anspruch zu nehmen, denn seit dem bestehenden Gesetze über die Erwerbs¬ und Wirtschaftsgenossenschaften sind ihrer wohl sehr viele teils mit günstigem, teils mit ungünstigem Erfolge ins Leben gerufen worden. Neu in gewissem Sinne ist also nur der Umüand, daß Genossenschaften entstehen sollen, deren Mitglieder ausschließlich Juden sein werden. Und gerade deshalb müßte der Versuch durchaus nicht fehl- 'chlagen. Der Jude hat sich noch immer und überall den bestehenden Verhältnissen angepaßt. Er hat, wo es sich um Opfer in nationaler Richtung handelte, Gut und Blut geopfert; er war bestrebt, dort, wo er lebte, auch Deutscher, Tscheche, Pole, Ungar zu werden. — Aber die bitteren Erfahrungen, welche der Jude in dieser Hinsicht gemacht hat, sie werden ihm erspart 'bleibe n» wenn er bemüht sein lvird, sich den!v i r t s ch a f t - l i ch e n V erhältnisscn an z u p a s s e n. Diese aber zeigen ganz entschieden den Weg zur Assoziation, einen Weg, den sogar die größten Industriellen der Welt bereits betreten haben und der wohl deutlich genug mit Bund, Kartell, Ring, Trust gekennzeichnet erscheint. — Immer mehr lvird der Einzelne verdrängt; aber es sieht durchaus nicht darnach aus, als ob die patriarchalische Gütergemeinschaft wieder Einzug halten wollte unter der streitenden, sich gegenseitig betämpfenden Menschheit. — Es bilden sich vielmehr größere und kleinere Gruppen, welche doch auch wieder zu Massen sich vereinigen, um andere, schlvächere zu bekämpfeil, wenn nicht gar zugrunde zu richten. Und da sollte der Jude denn doch nicht abseits ruhig stehen bleiben und einfach die Zielscheibe bilden, nach welcher seine Feinde aus den verschiedenen Positionen unbehindert ihre Geschosse richten können. In wirtschaftlicher Hinsicht muß er vielmehr aus dieser un würdigen Stellung heraustreten lind den Kampf mit modernen Waffen zu führen verstehen lernen. Daran hat sich vor allem das s ü d i s ch e Klei u gcwe r b e zu halten. Es hat sich g e n o s s e n s ch a f t l i ch z n o r g a n i s i e r e n, denn nur mit vereinten Kräfteri kann es ihm gelingen, günstigere Verhältnisse für sich zu schaffen und bessere Zeiten abzuwarten. Aber nicht in der Vereinigung mit feindlichen Elementen liegt des Juden Heil — einigen sich ja die erbittertsten Gegner jener Richtung am leichtesten dort, lvo cs gilt, ihn — den Juden —- an seiner Ehre ailzugrcifeil und ihn an seiner Existenz zil schädigen. Die Erfahrung lehrt es zur Genüge, lvie die hohle P h r a s e solcher nichtjüdischer Vereiiligungeir aufzufasseil ist, bei dexcn Wirksamkesit „j e d e s politis ch le M o itt e n t ä> u s / geschlossen sein s o l l". — Daß nun durch die Gründung von Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschasten, wie sie bisher besprochcil wurden, eine Vermehrung der Einnahmeil der Genossenschaftsmitglieder und dainit auch eine Verbesserung ihrer materiellen Lage stattfiilden müßte, - ist kaum zil bestreiten. Es darf bles sogar als sicher angenommen werden, ivenn sich eiilerseits die richtigeil Männer finden, die Aktion einznleiten, lind andererseits nicht zaghafte Mutlosigkeit hiilderild im Wege steheil lvird. Noch erfolgreicher aber lvürde sich die wirtschaftliche Lage uilseres Kleingewerbes gestalten können, wenn neben der V e rm e h r ll n g der E i n n a h m e n zugleich auch eine Vermin - derung der Ausgaben stattfinden kömite. Damit ist jedoch keinesfalls eine Einschränkung der Lebellsbedürfnisse genleilit. Das könnte schon darum nicht richtig sein, weil der Jude von Hause aus nicht kräftig geillig ist, um, wie etwa der italienische Arbeiter bei Polenta leben 31t können. Zudem ist aber auch die allzu sehr entwickelte Genügsamkeit cin schlechter Förderer der Arbeit. Im Gegenteil. Mit der Verbesserung der wirtschaftlichen Lage soll die v e r m ehrt e, zumindest ausreichende Beschaffung der nötigen Lebensmittel stattfinden; und mtr die billigere B e s ch a f f u n g derselben soll die Verminderung der Ausgaben herbeiführen. In dieser Richtung bewährt sich am best eil die Konsumgenossenschaft oder — wie sie gewöhnlich benannt wird — der Konsumverein. Die Gründuilg eines solchen Vereines geht ziemlich leicht von statten. Am häufigsteil erstehen solche Vereine dort, wo viele Arbeiter konzentriert sind, also an Jndustrieorten. Aber auch andere Schichten der Bevölkerung haben ihre Konsumvereine, so z. V. Bahnbeamte, Staatsbeamte usw. Schwieriger als die G r ü 11 düng gestaltet sich jedoch die Weiterfüh r u n g eines solchen Vereines. So überaus zweckmäßig und vorteilhaft für Minderbemittelte ein Konsumverein ist, so uilrichtig ist ^oft . das geschäftliche Gebähren in denselben. Es sind daher weit mehr Mißerfolge zu verzeichnen, als cs bei korrektem Vorgehen und bei richtiger Leitung der Fall zu sein brauchte. Jedes Geschäft will eben erlernt und verstanden sein. , In Berücksichtigung dieses Umstaildes finb es nun gewöhnlich zugrundegegangene Krämer, die sich bei Bildung einer Konsumgellossenschaft herandrängell, um irgendwie in die Geschäftsleitung zu kommen, lind was ist liatürlichcr, als daß derjenige, welcher anschciilerld Warenkenntnisse besitzt lind Einkaufsquellen kennt, bald genug im Vereine maßgebend wird. Nun fehlt aber einem solchen kleinen Kaufmanne und ilicht minder den nicht kaufmännischgebildeten sonstigen Vorstandsmitgliedern sehr viel, um ein etwas größer angelegtes Konsumgeschäft, wo e i n e U n z a h l v 0 nVer- Id r a u ch s a r t i k e l n geführt werde n, richtig leiten oder alich nur kontrollieren zu können. Es werden Fehler über Fehler schon beim Einkäufe gemacht, es wird an die Mitglieder unverhältilismätzig viel geborgt und es dauert nicht lange, bis der Verein in Zahlungsschwierigkeiten kommt. Nicht selten gelingt es der Opfer- Werke des Dichters, enthielt dieses unter anderem Soldaten- und Kciegsticder und künstlerisch gestaltete Stimmungen aus dem Bereiche des militärischen Lebens. Das deutsche Soldaten- und Kriegslied ist durch den emphatischen Schwulst der rheinischen Befreiuilgspoeten um den Kunstwert gekommen, der beispielsweise in den mittelalterlichen Schwert- und Lagerliedern nicht zu verkennen ist (man vergleiche die berühmte vierbändige Sammlung „Die historischen Volkslieder der Deutschen" des alten Rochus Freiherrn v. Liliencron). Hier hat Detlev Liliencron eingegriffen und die gesamten Ausdrucksmittel des modernen Künstlers in den Dienst einer verfälschten und vernachlässigten dichterischen Gattung gestellt. So vor allem das vielseitig^ entwickelte Auge, die seltsame Kraft des plastischen und gleichsam polychromen Sehens, den Spürsinn für latente rhythmische Werte, das Sprachgefühl und die Gewalt des aufbauenden, oft selbstschöpferischen Wortes, die Witterung für Uebergänge, Zwischcnklänge und feine, kaum merkliche Verschtveigungcn, die oft den ganzen Stimmungsreiz eines kleinen lyrischen Mikrokosmos ausmachen. Dazu tritt noch bei Meister Detlev, wie wir Jüngeren ihn zu nennen Pflegen, die gesunde Leidenschaftlichkeit, der stete Kräfteüberschuß eines gutgeborenen Mannes, dem es tagtäglich ein immer neues, immer herrlicheres Vergnügen bereitet, mit dem Leben und mit der Sorge wie mit einem Tanzbären ringen zu dürfen; die Unverbrauchbarkeit des junkerlichen Grandseigneurs, der sich als Gegcnkraut Wider alle Bitternis ein unfehlbares „Je m'en fiche" auf die Stnrmkappe gesteckt hat; die Frohnatur des Willensstärken Sinnesmenschcn, der sich an der „Raubtierherrlichkeit" des Lebens (cin Liliencron'schcs Wort), goetheisch hineingreifend, stets von neuem berauscht und sattbeißt; die Selbstsucht des Edelherrn, der ^—- durch Traditio», Kultur und seelischen Adel gebändigt — selbst im bacchischen Ungestüm nie die Altmut einer großzügigen Lebenskmift verleugnet. Diese triumphierende Frellde an der Feindseligkeit eines Lebens, das ihm, dem selbstsicheren Jnstinktmenschen, nichts anznhaben vermag, hat er in einem kleinen symbolischen Bilde plastisch gemalt: Hoch jveht niein Busch, hell klirrt mein Schild Im Wvlkenbruch der Feindesklingen. Die malen kein Madonnenbild Und tönen nicht wie Harfensingen. Und in den Staub der letzte Schelm, Der mich vom Sattel wollte stechen! Ich schlug ihm Feuer aus dem Helm Und sah ihn tot zusammenbrechen. Ihr wolltet stören meinen Herd? Ich zeigte euch die Mannessehne. Und lachend trockne ich mein Schwert An meines Rosses schwarzer Mähne. Das ist wie in einen kleinen Stein geschnitten. Man kann nicht eindringlicher nnd dichterischer Biographie treiben. Es wird klar, daß einem Manne von der Gangart Liliencrons jede Weltschmerzlerei fern liegt, obzwar er sie mit Ernst und herzlichem Anteil zu würdigen weiß, wo immer sie ihm — zur Kunst erhoben — begegnen mag. Byron, Heine, Lenau, Hölderlin, Hardenberg kann auch er nur mit Bewunderung nennen. Aber im Grunde ist ihm jene morbide Glücksempfindung, die bei Euripides als „Wollust der Wehklagen", bei Petrarca als „dolendi voluptas" („Lust am Leiden") gepriesen wird, durchaus fremd und wider seine Natur. Wenig begünstigt von seinem Schicksal, oft auf das härteste augesaßt, hat er das Lebeu doch nur dort des Singens und Sagens wert befunden, wo es ihn anlachte oder anderere zu lächeln schien. Es ist manchen gegeben, daß sie bei Tränen nicht verweilen können. Sonntagskinder nennt sie das deutsche Märchen. Von solchem Stamme ist Detlev. Es macht Freude, zu sehen, daß er niemals Literat oder Akademiker gewesen, niemals vom Schreibtische auSgegangen, sondern mit unverbildeten Sinnen unmittelbar vom Leben und von der Gunst des Lebens zur.Kunst des dichterischen Gestaltens gelangt ist. Erst in der Mitte der Dreißigerjahre schreibt er, durch einen Zufall veranlaßt, sein erstes Gedicht. Er sieht sich plötzlich als Dichte^ und ist selber erstaunt darüber. Aber die Zunft ist ihm gleichgiltig, bisweilen verächtlich. In jungen Jahren ist er der Schrecken seiner Lehrer, Weltgeschichte macht ihm das Herz höher schlagen, aber Mathematik, die „Schleifmühle des Kopfes", hat ihm, wie er bekennt, die „schwersten Zeiten seines Daseins" verursacht und ist ihm „bis zur Stunde eine mit tausend Schlüsseln verschlossene Türe". Als Knabe läuft er am liebsten ins Holz, in die Felder und überläßt sich Träumereien. Von Kindheit an er Soldat iverden. Bald hat er das Glück, viel hin- und hergeworfen zu werden, besucht sieben Provinzen und siebzehn Gar- 'nisoncn, ist 1864/66 am Schlüsse der letzten Erhebung in Polen, tvird 1866 und 1870/71 verwundet, poküliert, tanzt, singt, lernt Land und Leute kennen. Als Hanptmann quittiert er den Dienst und geht nach Amerika (Philadelphia), in die Heimat seüier Mutter, wo einst sein Großvater, einer der letzten Freunde Washingtons, als amerikanischer General gestanden. Zitrückgekehrt, durchstreift er mit Hund nnb Gewehr als Hardesvogt seilie geklebten Haiden und Wälder zu Pellworrn, müveit von Kiel. Ivo er (am 3. Juni 1844) geboren wordell, residiert später als Kirchspielvogt in Kellinghusen und lebt jetzt in Altona. Wie illan sicht: viel Tinte hat ihm niemals angehaftet, Bücherstaub hat ihrn selten die Seele bedrückt, die Schreibfeder hat ihn nicht zum Dichter gemacht. Das hat er mit unseren besten fahrenden Meistern und ritterlichen Sängern gemein, denen er auch sonst in mancher Hinsicht verwandt ist. Blättert man in den Gedichten Liliencrons, dann lernt man ein Dichterherz lieben, das in seiner Güte über die schöne Mannhaftigkeit des Hasses mit einer neuen Anmut zu siegen weiß. Man bewundert die grandiose Schwäche jener spezifischen Dichtervernunft, der alles Menschliche viel entschuldbarer als begreiflich scheint. Und man fügt sich willig der Gewalt eines intuitiven Erkenntnisvermögens, das alle Erscheinungen der Welt nnd des Leberis antizipiert, alle Menschen, Dinge, Tiere wie im Urbilde in sich selber trägt und aus dem kindlichsten, scheinbar naivsten Künstler im Augenblick des Schaffens einen Weisen macht. Zu rühmen ist sein landschaftliches Auge, das aus der Anschauung einen Gottesdienst macht, aber nicht so sehr durch pan- 'theistische Bcrseelung, als vornehinlich durch impressionistische Betonung nnb Aneinandergliederung des Charakteristischen, das bisweilen in Böcklin'sche Farbenglut gehoben scheint. Was einst von Jordan gesagt wurde, daß er in seinem Stabreim-Epos „ganz Auge" sei, gilt von Liliencron in ungleich stärkerem Grade. Wie einst Paracelsus, der Natnrfanatiker, hat er wohl erkanlit, daß unsere „Augen die besten Professoren" sind. Er paßt nicht die Natur seinen Gefühlen und Absichten an, wie Heine, er zwingt sich nicht, wie Shelley, seiner Seele dienstbar zu sein, er schlüpft auch nicht, wie Novalis, in Gewächse ntib Schollen hinein, um selber Wurzel und Blüte zu werden, aber er sucht die Natur dort auf, wo sie in ihren Stimmungen, Laune» und Leidenschaften seiner Wesenheit entspricht und freut sich, daß sie ihn spiegelt. Da er sich also auf ein bestimmtes und Ivesensvertvandtes Stück Natur beschränkt, wird ihm diese Freude ohne allegorisch-metaphorische Zurechtlegungen nnd sonstige Schöpfungsprozesse, ohne Gewaltsmnkeit und Reflexion zuteil. Dein Holsteiner kann dieses sympathetische Stück Natur nur die Haide sein, die er denn auch mit brüderlichen Augen in ihren tausendfältigen elementaren Regungen belauscht und in ungezählien Versnnd Prosadichtuugen geschildert hat. Ein ganzex Gedichtband war — in seiner ersten Ausgabe— „Der Haidegänger" überschrieben. Die Haide wollte wissen, wie sie aussieht, und da schuf sie Friedrich Hebbel, Theodor Storm und Detlev Liliencron, denen das Edelfräuleiu Annette Droste eine geniale Vorläuferin war. Von der Haide zu ihren Bewohnern ist nur ein Schritt. Ein Bancrnmädelschritt. Und diesen ist Liliencron mit besonderer Inbrunst gegangen. „De lütten holsteenschen Bauerndeerns sind von jeher mein Entzücken gewesen," bekennt er einmal frohgemut. Das läßt sich hören, wenn man bedenkt, daß er, der Freiherr, der über 'die sonnigsten Dichtcraugen gebietet, den kleinen blonden Komtessen mit nicht minderer Grandezza gehuldigt hat und Wohl noch heute huldigen mag.

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