Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 34 (22.8.1902)
- Date
- 1902-08-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt Nr. 34 22. August 1902 riiachungen betreffs Stiftungen nur der von ihr soutenierten und subventionierten Presse z u k o m m e n läßt, die a b e r v o n d e r M e h r h e i t des jüdischen Publikums überhaupt nicht gelesen wird. Die jetzige Majorität ist also so parteiisch, dass sie selbst in Sachen der Wohltätigkeit Politik macht und der unabhängigen jüdischen Presse keine Kundmachungen zugehen läßt. Infolgedessen ist nur ein enger Kreis über die Stiftungen und Stipendien unterrichtet; daß dadurch die beste Möglichkeit für P r o t e k t i o n s w e s e n s ch l i m m st e r S o r t e geschaffen wird, bedarf keiner näheren Erörterung. To-eSfall. Im hohen Alter von 80 Jahren starb vor einigen Tagen im Kurorte Routka Frau Johanna Schreier. Das Leichenbegängnis der Verblichenen, welche wegen ihrer hohen Bildung und besonderen Herzensgute sehr geachtet war, fand in Gewitsch unter zahlreicher Beteiligung der Bevölkerung statt. Die religiösen Funktionen verrichtete Herr Oberkantor Moriz Fuchs in ergreifender Weise. Israelitischer Landes - Lehrerverein in Böhmen. Die General-Versammlung findet am 24. und 25. August 1902 statt. Programm: Am 24. August abends im „Hotel Bristol", Prag, Langegasse, geselliges Beisammensein. Am 25. August 8 Uhr vormittags: Hauptversammlung im „Hotel Bristol". 1. Verlesen und Genehmigung des letzten Protokolles. 2. Vortrag: „Wie kann der Religionsunterricht das Interesse für das Judentum wecken?" 3. Geschäftsbericht für das 29. Vereinsjahr. (Rabbiner M. Freund, Bodenbach.) 4. Kassabericht und Feststellung der Jahresbeiträge pro 1903 (Rel.-L. L. D. L ö w y) und Revisionsbericht. 5. Unsere „Mitteilungen". (Rabbiner M. Freund, Bodenbach.) 6. Anträge des Vorstandes. 7. Anträge der Mitglieder. 8. Wahl des Vorstandes und der Revisoren. Zwei Generale. Zwei Generale, die den höchsten Rang in ihren respektiven Armeen einnehmen, sind cs, mit denen wir uns heute zu beschäftigen haben. Der eine ist der General-Oberst L o e, Chef der Militärkanzlei des deutschen Kaisers, gleichzeitig dessen Intimus und Vertrauensmann; der andere, der Feldzeugmeister Freiherr von Krieghammer, gemeinsamer Kriegsminister in der österreichisch-ungarischen Monarchie. Generaloberst Loe, der auch früher eine bekannte Persönlichkeit gewesen, hat durch seine in Bonn gehaltene Rede urplötzlich eine Weltberühmtheit auf dem ganzen Erdenrunde erlangt, um die ihn seine Kollegen außerhalb des Deutschen Reiches tatsächlich beneiden dürfen. Die Rede des Generalobersten Loe, auf die wir anspielen, ist den Lesern des „Jüdischen Volksblatt" bekannt. Wir haben diese Rede mit einem Kommentar nicht versehen, weil sie eines solchen nicht bedarf. Jedes Wort derselben ist wert in Erz gemeißelt und der Nachwelt aufbewahrt zu werden, denn die von soldatischer Mannhaftigkeit und persölichem Mut Zeugnis gebenden Worte des Generalobersten Loe bilden eine vernichtende Kritik der „elenden konfessionellen Zänkereien", recte Antisemitismus, nicht nur im Deutschen Reiche, sondern überall, wo die moderne Seuche kultiviert wird. In derart nackter Weise, mit so beißendem Spott und Hohn ist die Judenhetze wohl noch nie gebrandmarkt und gegeißelt worden. Was den auf die vernichtende Kritik bezughabenden Stellen der erwähnten Rede des Generalobersten Loe besonderen Nachdruck verleiht, ist wohl der Umstand, daß derselbe bekanntermaßen ein intimer Freund seines Monarchen, des deutschen Kaisers, ist und augenscheinlich die Autorisation erhielt, in dessen Namen zu sprechen. In der Verurteilung der modernen Judenhetze, wie sie von dem deutschen Kaiser durch seinen persönlichen Freund und militärischen Berater, den Generalobersten Loe, erfolgte, können sich die deutschen Juden vorderhand freilich nur eines akademischen, platonischen Erfolges freuen, denn von der theoretischen Verurteilung des Antisemitismus bis zur praktischen Handhabung der Tleichbewertung unserer Stammesgenossen im Deutschen Reiche ist noch ein zweiter, weiter Weg. Man darf , jedoch nicht undankbar sein, muß sich bescheiden und vorläufig mit dem kaum erwarteten ungeheuren moralischen Erfolge vollständig zufrieden sein. Wir Juden in Oesterreich haben uns, durch die Verhältnisse gezwungen, angewöhnt, uns einer ganz und gar ungerechtfertigten Bescheideheit zu befleißigen. Welcher Jubel entstände bei den Juden Oesterreichs, fände sich auch hierzulande eine Persönlichkeit von so hohem Range und so unbestrittener Qualität, die Mannesmut genug besitzt, urbi et orbi die verheerende und grassierende Judenhetze in Oesterreich einer gleich vernichtenden Kritik zuzuführen. Als Chef des Kriegsministriums der österreichisch-ungarischen Monarchie fungiert derzeit Feldzeugmeister Freiherr von Krieg Hammer. Er ist, sagen wir es frank und frei, seiner persönlichen Veranlagung nach, nicht der Mann, eine so offene und unverblümte Sprache zu führen, wie sein preußischer Kollege. Freiherr von Krieghammer, weit davon entfernt, die Judenhetze zu verurteilen, gefällt sich darin, den Antisemitismus von Amtswegen zu protegieren. Beispiele hiervon hat das „Jüdische Volksblatt" wiederholt gegeben und wir sind in der betrübenden Lage, neuerlich mit einem solchen aufzuwarten. Die jüdischen Bewerber um die von der Armeeverwaltung wegen des dauernden Aerztemangels im militärärztlichen Offizierkorps errichteten Stipendien sind abermals zum allergrößtenTeile präteriert worden, aus keinem anderenGrunde, als weil sie Juden sind und nicht die Lust verspüren, einen schimpflichen Abfall vom angestammten Glauben zu inszenieren. Muß man es nicht mit Recht aufs tiefste beklagen, daß der Antisemitismus auch in der österreichischen Armee Eingang gefunden, in einer Institution, die der Hort und die Stütze der österreichischen Monarchie zu bilden berufen ist, umsomehr, als wir Juden in Oesterreich so glücklich sind, uns tagtäglich der untrüglichsten Beweise zu erfreuen, daß S. M. der Kaiser, der auch der Allerhöchste Kriegsherr ist, alle seine Untertanen, ohne Unterschied der Konfession, demnach auch die Bekenner des mosaischen Glaubens, mit gleicher väterlicher Huld und Gnade umfängt. Es kann dem Korpsgeist und der Disziplin in der österreichischen Armee keineswegs förderlich sein, wenn auch in dieser Institution die alles verheerende Rassenhetze Eingang findet, wenn der Keim zu Zwietracht und Anfeindung dort gelegt wird, wo Friede und Eintracht, wo inniger Korpsgeist, wo kameradschaftliches Nebepeinandestlebeü herrschen müssen!, sollen km Ernstfälle nicht verderbliche Folgen erwachsen. Die Theorie des Gamaschenknopfes der verknöcherten Soldatenseele flößt nicht den geringsten Respekt ein und ist durchaus nicht geeignet, den altehrwürdigen Ruhm der glorreichen österreichischen Armee nach wie vor zu erhalten. Ein frischer, fröhlicher Zug muß die Reihen unserer tapferen Soldaten durchwehen, was sich freilich mit offener und latenter Kultivierung des Antisemitismus nicht verträgt — dies müssen wir wünschen und fordern im Interesse der ruhmgekrönteu vaterländischen Armee, zu welcher wir die Ehre haben, ein namhaftes Kotingent zu stellen, weiters auch im Interesse des österreichischen Vaterlandes, dessen loyale, patriotische und treu ergebene Bürger wir Juden sind. Die Landtagswahlen in Mähren und die Juden. Das Organ der mährischen Nationalpartei, die „Moravskä Orlice“, brachte dieser Tage einen an die mährischen Juden adressierten Artikel. In demselben wurde der Standpunkt, den die Juden zu den böhmisch-nationalen Postulaten in Mähren bisher einnahmen, bitter beklagt. „Von allem Anfang an" — heißt es da — „war dieser Standpunkt ein entschieden feindseliger, und die Juden waren überall dort an erster Stelle zu finden, wo es galt, gegen uns und unser gutes nationales Recht aufzutreten, während sie, die ehemaligen Bedrückten, eigentlich mit uns, den gleich ihnen Unterdrückten, hätten fühlen sollen und mit ihren Stimmen hätten unserer Sache, der Sache des Rechtes und der Freiheit, zum Siege verhelfen sollen. Leider haben sich unsere Juden auf eine solche allgemeine Charakterhöhe noch nicht emporschwingen können, aber trotzdem haben wir uns nie und nimmermehr zum Antisemitismus bekannt, welchen bekanntlich unsere Deutschen in so hervoorragender Weise pflegen und betätigen, und sind stets gerne bereit, uns mit ihnen zu einigen, zu vereinen, auf den Grundlagen von Bedingungen, die beiderseits befriedigen müssen. Manche Juden erkennen bereits, daß es vielleicht vorteilhafter wäre, im ureigensten Interesse sich dem böhmischen Volke anzuschließen; allein es sind bloß weiße Raben, und auch die werden zur Rückkehr bewogen." — Das Organ der mährischen Deutschnationalen reagiert heute auf diese Betrachtung, indem es schreibt: „Das große „Kulturvolk" der Tschechen sinkt immer tiefer. In jammernden Tönen winselt es um die Hilfe einer Menschenklasse, deren geschworener Todfeind jeder ehrliche und anständig denkende Mensch sein muß, um die der — Juden! Wir könnten eine Abschwenkung der Judenschaft samt ihren Vertretern im mährischen Landtage, den Abgeordneten Hayek, Gomperz u. s w., nach rechts im Interesse des reinen Deutschtums nur begrüßen. Den Todesstoß würde jedoch der absterbende Liberalismus erhalten, das deutsche Volk würde keinen Schaden erleiden, da man sich ja nie darum bekümmerte. Diese Korruptions-Gesellschaft, die in einer Zeit, in welcher der stärkste Kampf gegen Rom, seine Sendlinge und Anhänger tobt, mit den Klerikalen die niederträchtigsten Wahlbündnisse schließt, verdient unbedingt ein baldiges Ende, und darum wissen wir den Tschechen in gewisser Beziehung Dank, datz sie uns über ihre — unserer Meinung nach alles eher als volksfreundliche — Auffassung der „Judenfrage" aufgeklärt haben." — Das Organ der Deutschfortschrittler, der „Tagesbote", hüllt sich in Schweigen, da er die Dienste, welche das Judentum in Mähren den Deutschen erwiesen hat, besser zu schätzen weiß, als sein deutschvolklicher Kollege, der übrigens, wenn es im Ernste zu einem Divoroon mit den Juden käme, seine „Freude über die Emanzipation von den Juden" bedeutend dämpfen würde. Vorderhand droht offenbar keine solche Gefahr und deshalb wird eben nach Kräften renommiert. Charakteristisch ist es aber immerhin, was man deutscherseits den bisherigen Alliierten zu bieten wagt, ohne Gefahr zu laufen, ihre Bundesgenossenschaft zu verlieren. Zum Kapitel der Taufen. Das „Jüdische Volksblatt" war schon wiederholt bemüßigt, sich mit der leidigen Angelegenheit der Taufen redaktionell befassen zu müssen. Wenn wir uns diesmal neuerlich der unerquicklichen Aufgabe unterziehen müssen, aus die in Wien grassierende Manie der Taufen zurückzukvmmen, so finden wir uns hierzu durch die Zuschrift veranlaßt, welche der Oberrabbiner von Wien Dr. G ü d e m a n n an die in Rußland erscheinende Zeitschrift „Hapelcs" gerichtet hat, die wir in unserer letzten Nummer in einem „Eingesendet" wiedergegeben haben. In dieser Zuschrift berichtigt Dr. Güdemann die Zeitschrift dahingehend, daß in Wien im letzten Jahre nicht 4000, sondern nur 400 Konvertierungen zu verzeichnen gewesen sind. — In Paranthese sei bemerkt, daß sich beim „Hapeles" in der Ziffernangabe offenbar^ ein Druckfehler cingeschlichen hat. — Hohes Interesse und großes Erstaunen zugleich ruft die Act und Weise, der Stil wach, in welchem die Berichtigung des Wiener Oberrabbiners an den „Hapeles" abgefaßt erscheint. Da ist in jeder Zeile die saloppe, süffisante Manier, der wegwerfende und überhebende Ton währzunehmen, wie man sie zum großen Leidwesen an diesem Seclenhirten der über zweimälhunderttausend Juden zählenden Gemeinde Wiens wahrzunehmen gewohnt ist. Kein Wort des Bedauerns, keine Klage über den Verlust, keine Verurteilung über den Abfall, den die Gemeinde betroffen, deren Obcrhirt er ist, läßt Dr. Güdemann laut werden, er behandelt die Affäre in jenem hochnäsigen, abkanzelnden Tone, der dazu geführt hat, ihn zu den unsympathischesten der Wiener Rabbiner, zu dem unbeliebtesten Mitglieds der Wiener Kultusgemeinde zu machen. Dagegen vermeidet Dr. Güdemann wohlweislich, auf die Motive einzugchen, welche die Wiener Juden bestimmen — meistens dem Zwange gehorchend, nicht dem eigenen Triebe — zum Glaubcnsabfall Zuflucht zu nehmen. Diese von uns wiederholt ins Treffen geführten Mdtive sind darin zu suchen, daß unserer Jugend die Liebe zum angcstammten Glauben nicht beigebracht wird und daß man viel zu bequem und nonchalant ist, die Hindernisse zu beseitigen, die das jüdische Volk in der Aera des Antisemitismus vorfiudet, um zu einem Lebenserwerb zu gelangen. Noch manche andere Gründe dürften Dr. Güdemanu bewogen haben, über den Kern der Sache mit einem Salto mortale hinzu gelangen. Die Gtaubensabtrünnigen rekrutieren sich bekanntlich in vielen Fällen aus gesellschaftlichen Kreisen, die für den glaubensstrengen Dr. Güdemann ein noli me tangere sind. Da ist es ein Sprosse des Mitgliedes des Knltusvorstandes, dort wieder der Nachkomme eines jüdischen Nobile, die zum Jordanbecken gegriffen. Selbstverständlich heißt es in solchen Fällen vertuschen und nichts an die große Glocke hängen, denn durch eine Stigmatisierung könnte die Quelle verstopft werden, aus tvelcher die reiche» Sporteln fließen. Aber auch von diesem Gesichtspunkte müßte Seine Hochwürden die Taufen verdammen. Er höre doch einmal die Liste der Verstorbenen bei einer Haskaray, wo sind deren Nachkommen, reichbegüterte Leute, hingeraten? Die Urwiener-Judeu können sich nicht mehr taufen, sie sind bereits alle — hinweggetanft. Zahlen die vielleicht aus persönlicher Hochachtung für den Herrn Oberrabbiner auch jetzt noch ihre Sporteln? .... Das „Jüdische Volksblatt" aber nimmt zu der grassierenden Manie der Taufen einen ganz andern und Wohl den richtigen Standpunkt ein. Nicht nur die Zahl, sondern auch die Qualität der Abtrünnigen ist es. die ins Auge gefaßt werden muß. Wir weisen neuerlich darauf hin, daß wir durch den Abfall vom angestammten, heiligen Glauben nicht nur die Creme unserer Jugend, sondern mich unserer in sozialer, moralischer, materieller und intellektueller Richtung hervorragenden Glaubensgenossen verlieren. Darüber gehen wir nicht mit Gleichgiltigkeit hinweg, tute der Wiener jüdische Oberhirte, Ivir beklagen und betrauern dies vielmehr aufs tiefste und tvcrden, unserem Vorsätze getreu, nichts unterlassen, den Uebelständen zu begegnen, auf ivelche die leichtfertigen Taufen zurückzuführen sind. Uns ist jeder Jude gleichtvert, in welchem Lande er auch geboren sein mag, ivir betrachten ihn als einen ebenbürtigen Sohn des heiligen jüdischen Volkes. Das Judentum kennt keine Proselyteumacherei. aber unsere heilige Pflicht, unsere unentivegte Aufgabe muß es sein, die jüdische Nation vollständig zu erhalten und sie durch Glaubensabfall nicht schivächen zu lassen. Das Wahlrecht der Rabbiner. Rabbiner Dr. Löwus in Franzensbad ivurde bei der Gemeindewahl im Jahre 1000 aus der Wählerliste des 1. Wahlkörpers gestrichen und in die Wählerliste des 2. Wahlkörpers eingereiht, weil derselbe nicht Angehöriger der Gemeinde Franzeusbad sei. Gegen diese Entscheidung der Reklamations-Kommission erhob der Egerer Advokat Dr. Zuckermann die Veschtverde beim k. k. Verwaltungsgerichtshof, ivelche am 11. März über dieselbe verhandelte und zu Recht erkannte: Die angefochtene Entscheidung ivird ivegen mangelhaften Verfahrens aufgehoben, denn nach Paragraph 10 des Heimatsgesetzes erlangt der definitiv augestellte Geistliche in jener Gemeinde das Heimatsrccht, in welcher demselben sein ständiger Wohnsitz angewiesen ist — und ist unter dem Ausdrucke „Geistlicher" auch jeder Rabbiner gemeint, bei dessen Anstellung alle Vorschriften des Gesetzes vom 21. März 1800, L.-G.-Bl. Nr. 07, beobachtet werden, deren Beachtung sür die rcchtsgiltige Ernennung eines Rabbiners erforderlich ist. —• (Im selben Sinne hat der hohe k. k. Verivaltungsgcrichtshof anläßlich einer Bcschiverde des Rabbiners H. A. Stein in Sobeslau vom 0. Oktober 1800, Nr. 0477, entschieden. Die Redaktion.) Die Wiener Kultnsgemeinde und der 21. Bezirk. In der Nummer 81 vom 1. d. M. hat das „Jüdische Volksblatt" in eingehender Weise die Schlvicrigkeiten beleuchtet welche die in Aussicht genommene Einverleibung von Floridsdorf im Gefolge haben müßte. Namentlich legten wir den Tenor unserer Ausführungen auf die Hindernisse, die sich der Amalgamisierung der beiden Kultusgemeinden von Wien und Floridsdorf cntgcgenstellen würden. Wir haben nur einen kleinen Teil der Fraktionen namhaft gemacht, die erwachsen dürften, uns eine erschöpfende Behandlung edr für das Kultuslcben so hochwichtigen Angelegenheit für gelegene Zeit vorbehaltend. Früher jedo?m als wir es geahnt, ist die Hofspritze ungefähren und der sattsam bekannte, vielfach berüchtigte Beschwichtigungs-Hofrat hat mit der Ausübung des Metiers begonnen. Ein Wiener Blatt bringt nämlich eine sein sollende Entgegnung, in der dargctan wird, daß der Floridsdorfer Kultusgemeinde die Eingliederung weder zur Unehre noch zum Nachteil gereichen könne, daß sic keine besonderen Interessensphären zu vertreten suchen, sondern sich loyal ohne jeden Neben- und Hintergedanken in das Gesamtgefüge der Muttergcmeinde hineinfindcu Iverde, in der Erwartung, die Kultusgemeinde in Wien iverde nicht anstehen, die Einverleibung wohlwollend zu behandeln. Es ivird weiters der Annahme cntgegengctreten, daß durch die Einverleibung Floridsdorfs eine überwiegende Verstärkung des antisemitischen Mobs herbeigeführt tvürde und dafür ins Treffen geführt, die Majorität der Arbeiterbcvölkeruug von Floridsdorf stehe im sozialdemokratischen Lager, sei daher eine geschworene Todfcindin Luegers und der Christlich-Sozialen. Wir vermeiden es aus guten Gründen, uns schon derzeit in eine Polemik über die Details der momentan noch nicht spruchreifen Frage cinzulassen. Unsere Informationen lauten dahin, daß wir vollauf berechtigt sind, kein Jota davon wegzunehmen, was wir cm Stichhältigem zur Einverlefbungsfrage vorbrachteu; nur auf eins möchten wir Hinweisen, daß die Floridsdorfer Kultusgemeinde nicht gewillt sein wird, sich deposscdiercn zu lassen und sich-mit der Stellung eines Wiener Bethausvereines zu begnügen. Die Floridsdorfer sind vielmehr entschieden gesonnen, und dazu sind sie wohl vollauf berechtigt, nur dann in die Angliederung zu willigen, wenn deren sämtliche kulturelle Einrichtungen und deren ganzes Kultuspersonal zu den derzeitigen Modalitäten übernommen werden wird. Nun ist es fraglich, ob es die Finanzen gestatten, daß die Wiener Kultusgemeinde ein derartiges Zugeständnis zu machen fähig ist, ohne im Haushalte eine Zerrüttung herbeizuführen. Allein auch in dem Falle, daß man hierzu bereit wäre, müßte man sich darauf gefaßt machen, daß auch die stiefmütterlich behandelten Wiener Bethausvercinc mit einem gleichen Zweifellos berechtigten Verlangen herv.ortrcten würden, und das Ende davon wäre der finanzielle Bankerott. Vollends lächerlich macht man sich aber mit der Rehabilitierung der Floridsdorfer sozialdemokratischen Arbeiterschaft. Wir haben die Herren wiederholt an der Arbeit gesehen und werden sie nicht als unsere Bundesgenossen anerkennen. Die Sozialdemokraten sind wohl geschworene Todfeinde . Luegers und der Christlich-Sozialen, aber nicht aus Philosemitismus, sondern aus engherzigen Parteirücksichten. In Punkto Judenfeindlichkeit ziehen die Sozialdemokraten mit Lueger und seiner Sippe an einem Strange. Da ziehen wir noch die offene Feindschaft und Gegnerschaft der Christlich-Sozialen der hinterlistigen ^Gefolgschaft der Sozialdemokraten vor, von welcher wir ja tagtäglich waschechte Proben zu bekommen Gelegenheit finden. Es zeigt von der ganzen Verblendung und Unfähigkeit, sich über die Situation ein klares Bild zu entwerfen, die in der Ratsstube der Seitenstettengasse vorherrscht, wenn man eine Allianz mit der sozialdemokratischen Partei für die Einverleibung von Floridsdorf in die Wiener .Kultusgemeinde ins Treffen zu führen den Iraurigen Mut besitzt. Daß unsere Ratsherren derart' mit Blindheit geschlagen sind, haben wir nicht erwartet, dies ist denn "doch etwas zu stark und übersteigt das Menschenbegreifliche. Unsere (Hrofien. Wie die „Laubhütte" berichtet, habe die Gemeinde von Wiener-Neustadt, welche mit dem Bau einer Synagoge beschäftigt ist, sich an einen der Wiener Rothschilds gewendet, und auf ihr Gesuch ganze 50 Gulden erhalten. Ein gleiches Gesuch an den zweiten Träger des Namens sei abschlägig dahin beschieden worden, daß die von dem anderen bewilligten 50 Gulden sür beide gegeben seien. Dagegen hätten die Herren für die Elisabethkirche unaufgefordert 10.000 Gulden bewilligt, doch sei die Spende, als von Andersgläubigen kommend, nicht angenommen worden. Die Meldung klang so nngehenerlich, daß wir nähere Erkundigungen eingezogen haben. Die uns von verschiedenen Seiten gewordenen Mitteilungen lauten dahin, daß der zweite Teil der Mitteilnngen, welcher das Anerbieten des Betrages für die Kirche betrifft, unrichtig ist, im übrigen aber die Mitteilung zutreffend sei. soweit sie sich auf den lächerlich geringen Beitrag zum Synagogenban bezieht. Mißhandlung durch eine» Wachmann Aus Podwolocziska wird gemeldet : Am 8. April d I. hat der arme Taglöhner Jüdel W i n t e r f e l d aus Woloczyska (Rußlaud) nach Hause (Podwvloczyska) zurückkehren wollen. Als er zur Grenze kam, hat der Finanz-Wachmann in derselben Sekunde diese versperrt und wollte den Winterfeld nicht passieren lassen. Der arme Taglöhner bat den Fittanz-Wachmann, er möge ihn hineiulassen, vertraute sich ihm an und erzählte, er sei elternlos, er habe bei sich zu Hause kein Stücke! Brot und die paar verdienten^Kopeken wolle er zwecks Anschaffung eines Nachtmahles der Schwester übergeben, aber alles blieb erfolglos. Er (Finanz-Wachmann) gab ihm nur die Antwort: „Ick/, miznd «io ftosyi, albo spij pod KO'N*m niebem,“ zu deutsch: „Gehe nach Rußland zurück oder schlafe unter dem freien Himmel". Nach Rußland wollte er zurückkehren, doch wollte man ihn nicht hineinlassen, weil die russische Grenze gesperrt war, und blieb ihm nichts übrig, als zwischen der österreichischen und russischen Grenze unter dem freien Himmel die ganze Nacht zu verbleiben. Als er den bei der Mautsperrung stehenden Finanz-Wachmann wiederholt ersuchte und dieser trotz seines Bittens und Weinens ihn nicht durchließ, kam soeben ein Arier aus Rußland und W i n t e r f e l d wollte mit diesem, ohne Einwilligung des Finanzers, dieGrenze passieren. Den Arier ließ der Wachmann ohne jedwelchen Anstand passieren, den jüdischen Taglöhner dagegen führte er ins k. k. Nebenzollamt nnd prügelte ihn so lange, daß er bewußtlos zu Boden fiel, so, daß man ihn nach Hause führen mußte, wo er durch drei Tage das Bett nicht verlassen konnte. Der arme Arbeiter war mit seinem Lose zufrieden und machte bei der betreffenden Behörde keine Beschwerde, weil er sicher glaubte, daß er seine Strafe abgebüßt habe. Anangs dieses Monates bekam Winterfeld von der k. k