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Jüdisches Volksblatt · 1902-08-22 · 34 (22.8.1902) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
34 (22.8.1902)
Date
1902-08-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 34 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 22. August 19J2 Seite 3 öffentlich die Taufe, um dann, nicht lange nachher in der — evangelischen Kirche am Deaksplatz in Budapest Vorträge über „seine neue Religion" zu halten. Die Vorträge waren sehr stark besucht. Jeder Besucher erhielt die in sieben Punkten (eine charakteristische Zahl!) zusammcngefastten Glaubensbekenntnisse, welche eigentlich in der Verneinung unserer kardinalen Glaubenssähe bestanden. So wurde die Schechita verboteil, die Circmncision untersagt, der Sabbat verlegt nsw. Rabbi Stern, der mit der Taufe auch den Familiennanlcn Sztcrenhi annahm, hat Wohl in manchem jugendlichen Kopf furchtbare Verheerungen angerichtet, starb jedoch nach kurzer Mssionstätigkeit, verlacht und verspottet von seinen Zeitgenossen, die selbst für diese Verirrung verantwortlich waren. Den eigentlichen Lohn für das „patriotische" Wirkeil Rabbi Stcriis haben feine Söhne eingeheimst. Einer dieser Söhne ist der Herr Ministerialrat Dr. Josef Sztercilhi, der Held der neuesteli, aber sicherlich nicht der letzten Vndapester Korruptionsaffäre. Mer die Ambitionen der Assimilationsjiidcn uiid der Täuflinge kennt, ivird bett Schmerz begreifen, den der Sohn des Ncupestcr Rabbi Stern verspüren mußte, als man ihm seine „Vergangenheit" zum Vorwurf niachte uiid das; gerade ein liberaler Abgeordiieter es war, Verkehr pflog und in deren Kreise er sich auch an dem angeblichen Tage des Mordes auf dem Katharinenberge bewegt hatte, irrsiilllig geworden. Schon die Tatsache dieser drei Jrrsinnsfälle allein mag zu denkcii zu geben, sie wirkt aber geradezu sensationell, wenn man die Umstände in Betracht zieht, unter welcheii der Wahnsillil bei diesen dreien als Tagediebe, Wüstlinge imb Trinker bekannten Freunden Leopold Hilsners zum Ansbruche gelangte. Es siild dies der Kürschilergehilfe Carl Janda, der Glasschleifer Binccnz Zclingcr und der Kürschncrgchilfe Franz Jost, der Schwager Jandas. Der erste, dcsseii Geist sich unter ben sonderbarsten Erscheinilngen umnachtete, war Carl Jalida. Er wurde nach cilicm Berichte des offiziellen k. k. Telcgraphen-Korrespondenz-Bureaus vom 26. April 1800 an diesem Tage, also kurz nach Entdeckung des Verbrechens, als des Mordes au der Agiles Hrnza verdächtig, iir Prag verhaftet. Jalida hatte vom 9. März bis 0. April 1890 in Pol na geweilt. Am 1. April, dem Tage der Auffindung der Leiche, begab er sich in ein Polnaer Gasthaus und berauschte sich bis zur Besiiiiiuiigslosigkeit. Wiederholt besuchte er beit Ort des Verbrechens. Unter Tränen klagte er seiner Umgcbuug, er fürchte, das; der Mörder auch ihn töten würde. Am 0. April reiste er uaetj der ihm seine Vergangenheit als Makel anrcchnete, kann uiis wohl, Lieben bei Prag. Schon am 7. April bemerkte sein Quartiergeber, das; Janda sich in heftiger physischer Erregung befaiid. Er fand keinen Schlaf und schrie nachts kvicderholt: „Johann bei Polna, ich bitte dich, schief; nicht auf mich!" Der Arbeiter Jankovsky machte die Wahrnehmung, das; Janda ein besonderes Verlangen nach Zeitungsnachrichten über den Polnaer Mord trug. In der nicht überraschen, mus; jedoch den Rabbinerssohn umso schmerzlicher berühreu, als ja gerade dieser liberalen Politik der Verstand des alten Rabbi Stern zum Opfer fiel. Werden die magyarischen Juden von diesein Falle leruen? Kaum! Sie haben rioch zu ivenig gelitten! —sz. Nacht vom 7. auf den 8. April ergriff er eine Hacke, kroch auf das Ult*}# *111 ft litt Srti* iTW 4lt Dach des Nachbarhauses, von wo er sich herabstürzte, ohne sich FUrNevrjllM oeSPro^ejjeSVlt-SNer. ^lieblich zu bcclcfecn. (St wurde zur Polizei gebracht, wo er er- Das Komitee zum Schilpe arischer Raubmörder hat in dieser ’ zahlte, er werde von Mördern verfolgt, er sei bei dem Polnaer Woche zivci schmerzliche Niederlagen erlitten. Zuerst ivurde Wobo-' Morde aitlucfcnb gewesen uiid habe gcsehcii, tvie ein magerer ril, das Ideal der „Deutschen Zeitung", über den sie leider vergebeiis ihre schützenden Fittiche gebreitet hatte, justifiziert. Nun trifft Jarosch, den Mörder vom Peklotale, dasselbe Schicksal. Hier war es wieder das „Deutsche Volksblatt", das, als die ersten Nachrichten nach Wien gelangteii, alles Mögliche dazu beitrug, um die Spuren des tvahren Täters zu verwischen; dem Dr. Weiskirchner, jetzigen Leiter des Wiener Magistrates(I), soll cs unvergessen bleiben, daß er bei dieser Strolchsarbeit Helfershclferdicnste leistete. In jedem anderen zivilisiertelt Staate hätte ein solches Vorgehen den Mann binnen 24 Stunden unmöglich gemacht; nur in Oesterreich, dem Laude der Unwahrscheinlichkeiten, darf ein Mann, der gewissenlos genug ist, auf vage Gerüchte hin ungeheuerliche Beschuldigungen gegen ein Volk zu erheben und dadurch die Entdeckung der wahren Täter zu erschweren, mit der Leitung des Magistrates einer Millionenstadt betraut werden, in der tausende der von ihm gehaßten Juden wohnen. Wer kann von diesem Manne Objektivität erwarten? Doch genug davon, tvir wollen vom „Deutschen Raubmörderblatte" reden. In derselben Nummer,, in der es gestehen muß, das; seine verruchten Künste im Peklotale! zuschanden geworden sind, in derselben Nummer hat es die unj erhörte Frechheit, auf den Prozeß Hilsncr zu sprechen zu kommen,! in dem leider der Bluthund Schwer ungestraft seine dunkle Maul- > wurfsarbeit treiben dürfte. Das „Deutsche Raubmörderblatt" witj tert Morgenluft; man spricht von der Revision des Prozesses; es j fürchtet, daß man seine berüchtigten Machinationen aufdecken könnte. FlugS produziert es eine Nachricht, daß ein gewisser Lcixner, dem Hilsncr angeblich vor der Entdeckung des Mordes von dem Tode der Hruza erzählte, verschwunden sei und behauptet, es sei im Interesse Hilsners geschehen. Diese Behauptung ist so hirnverbrannt, daß sie nur in einem verrückten Berbrechergehirn entstanden sein kann. Auffallend ist eS aber, daß das „D. V." überhaupt Nachricht von dem Verschwinden Lcixners hat; woher kommt ihm diese W i s s e n s ch a f t? Für die Revision des Prozesses Hilsncr spricht nicht nur der Fall Zelinger. Die Vorkommnisse von denen wir sprechen, sind auffallend genug. Bisher sind drei Genossen Hilsners, mit denen er intimen welche eine ganz merkwürdige Aehulichkeit mit jenen deS Carl Janda haben und die wohl geeignet sind, die Aufmerksamkeit der Behörden auf sich zu lenken. Als die Tobsucht bei Jost ausbrach, begann er zu schreien: „Ich habe die Anezka nicht totgeschlagenI Jetzt kommen die Gendarmen auch zu uns! Wir tverden alle gehenkt lverdcn!" Als man der Schlviegermntter Josts, der Frau Janda, die Nachricht auf das Feld brachte, das; ihr Schlviegcrsohn verrückt gcivordcn sei, erbleichte sie und rief ans: „Mein Schwiegersohn hat nicht das Blut ausgcsosscn! Das haben die Inden getan." Es ist begreiflich, daß das hier lvahrheitsgetreu Erzählte die Bevölkerung in Polna und Klein-Vesnitz, ohne Unterschied der Koiifession, in Atem hält und daß sich daran mannigfache Kombinationen knüpfen, die vorläufig noch nicht erörtert Iverden sollen. Sollte sich hier vielleicht das Sprichlvort bewahrheite», das; Kinder und Narren die Wahrheit sprechen? Jedenfalls schreien diese Nachrichten nach einer gerichtlichen Untersuchung. Chronik. Knlrmd. Mensch der Agnes Hruza den Hals durchschnitt; er selbst habe aber an dem Morde nicht teilgenommen. Janda wurde am 8. April der Irrenanstalt übergeben und daselbst vom Polizei-Oberkommissär Clic verhört. Er gab an, an dem Orte der Mordtat anwesend gclvesen, selbst aber nicht der Mörder zu sein. Gleichzeitig wurde bei Janda eine Hausdurchsuchung vorgenommen und bei demselben ajjer blutbespritzte Kleider gefunden. Eine Hose wies 6 kleine Blutflecken auf, während der untere Teil des dazugehörigen Rockes 14 Blutflecken zeigte. Ferner bemerkte man, daß mehrere größere Blutflecken ausgewaschen waren; auch auf einem Geldtäschchen entdeckte man Blutflecke. Nach der Entlassung aus dem Jrrenhause ivurde Janda verhaftet. Beim Verhöre antwortete er Frage, woher die Blutspurcn rühren, cs seien keine; wenn cs aber doch welche wären, so sei er wahrscheinlich von dem Täter mit Blut bespritzt worden. Beim Verhöre suchte Janda alle Schuld auf seinen Schwager Jost zu schieben. Die erwähnte Depesche des amtlichen Korrespondenzbureaus, welcher diese Mitteilungen entnommen sind, bczeichnete Janda als Wüstling und Trunkenbold. Der zweite Kamerad Hilsners, der vor wenigen Wochen in der Strafanstalt Mürau irrsinnig 'geworden ist und nun in die S'ternberger Irrenanstalt gebracht wurde, ist der 22jährige Glasschleifer Vincenz Zelinger, der eine dunkle Vergangenheit hinter sich hat. Umso merkwürdiger war es, daß Vincenz Zelinger in der Nacht des Mordes vom 29. auf den 30. März, gegen 3 Uhr morgens, ohne Hemd nach Hause kam, seine Quartiergeberin weckte und von ihr warmes Wasser zum Waschen forderte. Von diesem Faktum ist weder in Kuttenberg noch in Pisek Nokiz genommen worden. Ein Ueberschen, welches mindestens so befremdlich ist wie die Gleichgiltigkeit, welche man den seltsamen Aeußerungen Carl Jandas über die Provenienz der an seinen Kleidern gefundenen Blutflecke entgegensetzte. Der dritte endlich, der vor kurzem in die Nacht des Wahnsinns verfiel oder verfallen sein soll, ist Franz Jost, der Schwager des Carl Janda. Auch Jost wird als ein Trinker geschildert, und eS ist nicht unmöglich, daß er vom delirium tremens befallen wurde. Allein in diesem Delirium hat Frmiz Jost Aeußerungen getan, Historisches. August. 12. 1828 Moses Mielziner, jüdischwissenschaftlicher Autor, Schubin, geb. 13. 1831 Salomon Jadassohu, Musikschriftsteller, Breslau, geb. 16. 1831 Moses Münz, Rabbiner und talmudischer Autor, Altofen, gest. 1863 Basilius ckBclazcl) Stern, Pädagoge, Odessa, gest. 17. 1901 Leonhard Sachs, Sohn von Michael Sachs, Führer im Berliner Gemeindelebcn, gest. 10. 1001. Emilie Ludwig (Levy), Jugcndschriftstellrin, Berlin, gest. 21. 1862 Marchand Ennery, Grand-Rabbin von Frankreich, Paris, gest. 1872 David Kalisch, Possendichter, Berlin, gest. 22. 1853 Abraham Belais, Chacham und Autor, London, gest. 1860 Salomon Friedländcr, Neformprcdiger, Chicago, gest. 23. 1790 Kopel Theben, Führer der ungarischen Orthodoxie, Prag, gest. 29. 1870 Lazarus Geiger, Sprachforscher, Frankfurt a. M., gest. Herr Max Pappeuheim feierte vorige Woche seinen fünfzigsten Geburtstag. In seinem Pflichteifer unte - brach er seinen Sommeraufenthalt, um auf der Stäle seines Wirkens in Wien seiner Arbeit nachzugehen. Wir können diese Gelegenheit nicht Vorbeigehen lassen, ohne Herrn Pappenheim sowohl als Gesinnungsgenossen als auch als Direktor des »Kreditinstitutes für jüdische Gewerbetreibende und Beamte" unsere wärmsten Sympathien auszudrücken. Trarrrrrrg Herr und Frau Philipp Singer, auf"die Petv und Frau Jakob Hernfeld zeigen die Trauung ihrer Kinder Helene und Max an, welche Sonntag den 31. d. M. um 1 Uhr nachmittags im israel. Tempel zu Krems a. D. stattfindet. Gratulation: Samstag den 30. August 1902 in Krems a. D., obere Landstraße 31. Telegramm-Adresse: Singer, Krems a. D. Kaiserfeier. In der Schiffschule hielt Samstag Herr Rabbiner Fürst eine Festpredigt, in der er in schwungvollen Worten unseren allverehrten Monarchen feierte und in einem warmempfundenen Gebete ausklang., Montag fand in dem im Lichterglanze erstrahlenden Bethause und im Beth-Hamidrasch eine Feier statt, bei der Oberkantor Wittman mit gewohnter Meisterschaft fungierte und Kantor L ö w y die „Königspsalmen" herrlich rezitierte. In Babel, als das Volk selbst durch das plötzliche Unglück an der Zukunft zu verzweifeln begann, bemühten sich die Weisen vom nationalen »Ich" alles zu retten, was sie nur konnten, die Propheten aber endigten das Werk und retteten alles. Dagegen sehen wir in einer späteren Epoche eine Erscheinung das erstemal, welche noch nicht in der Diaspora Israels Das Volk hat nicht nur die Hoffnung nicht aufgegeben, sondern es führte sie immer im Munde; aber im Herzen vergaß es sie, anfangs, weil es ihm zu schlecht, und später, weil es ihm zu gut gieng. Und eben in der letzten Epoche, als es dem Volke gut ging und es ihm gelang, „gesunde Säfte unter den anderen Völkern in sich aufzunehmen" und es also — mit diesen Kräften gerüstet — »viel für die Zukunft arbeiten konnte", wenn es nur aus der Lethargie erwacht wäre, in dieser glücklichen Periode bemühten sich die damaligen Gelehrten. die im Volke schlummernde Hoffnung gänzlich zu verscheuchen, sie aus seinem Gedächtnisse auszumerzen. »Nirwana" ist das neueste Ideal, das die Gelehrten Israels unter dem Volke statt der nationalen Hoffnung verbreiteten. Aber auch das Nirwana kann nicht auf einmal, nur langsam und erst nach vielen Umwälzungen erreicht werden; was soll nun das Volk einstweilen tun? Aus diesem Grunde sehen wir, daß im selben Maße, in welchem die Zukunft vergessen wird, zugleich auch im selben Lande und in derselben Zeit durch die gleichen Gelehrten die Vergangenheit des nationalen »Ich" an Ausbreitung gewinnt. Zwischen dem neuen Gebetbuche (Sidur) ohne die Erinnerung über die Geschichte nämlich ein inneres, die Reformer selbst der Menschheit aufbewahrt zu werden, nur sie allein, ohne das Hüten ihrer ersten Träger bestehen kann, und es wird nicht allein aus aristokratischem Stolze — um sagen zu können, „unsere Eltern haben Rom erhalten" — für sie sich opfern und leiden wollen. Träger der Vergangenheit, wenn auch ihr Ziel kein gutes ist, tun doch Gutes und Nützliches für die Träger des ganzen »Ich". Die Gelehrten nämlich verbreiten die Vergangenheit auf Kosten der Zukunft, dagegen werden ihnen „Propheten" folgen, die die Zukunft mit Hilfe der Vergangenheit stärken werden, und von beiden wird nun das nationale »Ich" erweitert und befestigt. Schädlich aber ist diese Partei, die verspricht, eine Er lösung durch eine Zukunft, die keine Vergangenheit hat, zu bringen. Sie glaubt, daß ein Volk mit einer Geschichte von tausenden Jahren nun alles wie! er von neuem anfangen kann, gleich einem neugebornen Kinde: sich ein ganz neues Vaterland mit einem anderen nationalen Leben und neuen Denkmälern gründen. Diese Partei vergißt, daß das Volk es ist, jenes nationale „Ich" in seiner historischen Gestalt, das sich erhalten will, nur dies und kein anderes mit seinen Erinnerungen und Hoffnungen und wenn es seine Individualität verleugnen wollte, so hätte es schon längst viele Wege gefunden. Auch gibt es noch ein »Ich", das persönliche „Ich", das zeitliche jedes Juden besonders. Wenn seine Existenz in Gefahr ist, kann er gewiß einen Zufluchtsort finden. Wer viele an die Zukunft und der neuen Literaturj solcher „Ich" erhält, gleichgiltig, wie und wo, bringt eine der Vergangenheit besteht ein Band, psychologisches Verhältnis, dessen Stärke nicht spüren. Das Alter, das seine Hoffnung bewußt aufgegeben hat, sucht Trost und Befriedigung für ihren Verlust und man verweist es auf die Vergangenheit, mit der es tändeln und sie liebkosen kann. Endlich aber wird das Alter zur Ueberzeugung kommen, daß eine Vergangenheit ohne Zukunft kein besonderes »Ich", einen beständigen Träger der ersteren braucht, da, wenn sie auch wert ist, im Gedächtnisse zeitliche Hilfe auch für die Gesamtheit des Volkes, dessen Mitglieder eben diese Seelen sind. Eine ganz andere Sache ist aber das nationale „Ich", das ewige des Volkes Israel, und die da glauben, daß sie mit diesem so um gehen können, wie sie wollen, irren sehr. Sein Weg ist gebahi und begrenzt durch seine Individualität, die ihren Grund in der Vergangenheit und ihr Ziel in der Zukunft hat. Todesfall. Der Herausgeber der Wochenschrift „Wschod", Adolf Landau ist im Älter von 64 Jahren in Berlin gestorben. Mit ihm stirbt einer der besten Männer der russischen Judenschaft. Tifcha-beaw-Feier. Aus Gurahumora wird uns gemeldet: Am 11. d. M. hat in der hiesigen Synagoge im Aufträge der jüdisch-akademischen Verbindung „Zephira" in Czernowitz deren Mitglied stuck, xtiil. F. Brenner anläßlich der Tischa-beaw- Feier vor einem zahlreichen Publikum einen Vortrag über die Bedeutung dieser Trauerfeier gehalten. Redner führte zunächst die Gründe vor, die ja das meiste zur Vernichtung der Selbstständigkeit des jüdischen Staatswesens beitrugen, zeigte mit Hinweisen aus die Geschichte, daß mit einigen dem jeweiligen Zeitgeiste entsprechenden Verschiedenheiten, dieselben Mißstände und Zerwürfnisse sowohl zur Zeit der Zerstörung des ersten als auch des zweiten Tempels herrschten, daß hier und dort dieselbe Uneinigkeit, dieselbe Zerfahrenheit den inneren Verfall herbeiführten. Nach diesen Ausführungen, die der Vortragende mit mehreren hebräischen Zitaten in treffender Weise zu würzen verstand, und wobei er besonders die Zeit von 40—70 n. Ehr. in lebendigen Farben malte, wandte er sich der Gegenwart zu. Als die Juden nach der Erhebung Bar Kochbas sich über alle Lande zerstreuten, und sich mit fremden Elementen amalgamierten, da streiften sie allmählich das Spezifisch-Jüdische ab, da erkaltete das Bewußtsein der jüdischen Einheit, des jüdischen Nationalgefühls; bald schämte man sich des jüdischen Ursprungs, des jüdischen Namens, und viele Fahnenflüchtlinge wandten dem Judentum den Rücken. Der Redner ging auf die jetzige Zeitströmung über, sprach kurz über die Parteispaltung der Juden in Assimilanten, Orthodoxen und Zionisten, schilderte die weitgehende Bedeutung der zionistischen Idee, worauf er dann mit der Bitte an das Publikum schloß, nicht hinter anderen Städten zurückzubleiben, sondern auch hier einen Zionverein zu gründen, um den zionistischen Gedanken zu wecken. „Denn", so schloß er seine Rede, „wer einen Stein zum Ban des Ganzen beiträgt, hat viel getan." Mißftände iu der Wiener Kultusgemeinde. Wir lesen folgende Mitteilung: Bei einer Waisenstiftung, welche von dem Kultusvorstande zu verleihen ist, kam es letzthin vor, daß für zwei erledigte Stiftplätze tatsächlich nur zwei Bewerber einschritten. Allerdings sind die Stipendien selbst, mit je K 58.— dotiert, nur gering; anch sind die Bedingungen des betreffenden Stiftbriefes, daß nur doppelt verwaiste Kinder von Angehörigen der Kultusgemeinde kompetenzfähig sind, ziemlich erschwerend. Nichtsdestoweniger ist kein Zweifel vorhanden, daß auch an Bewerbern, welche jenen Bedingungen entsprechen und denen anch das geringe Stipendium sehr zustatten käme, leider in Wien kein Mangel ist. Es zeigt sich eben hier, was sich bei vielen ausgeschriebenen Stiftungen der Kultusgemeinde im Laufe des Jahres gar oft wiederholt, daß den durch die jüdischen Zeitungen, (?) durch Anschlag an den Gemkindebethäusern und sonst auf geeignete Art (?) veröffentlichten Kundmachungen nicht die gehörige Beachtung geschenkt wird. Wir müssen dieser Mitteilung jedoch einen Kommentar hinzufügen. Die Mitteilung enthält .nicht die wahren Gründe. Der wahre Grund ist der, da ß d i e Wiener K n l t u s g e m e i n d e die K u n d-

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