Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 33 (15.8.1902)
- Date
- 1902-08-15
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 15. August 1902 Nr. 38 ein Raub der Unmoral werden könnten, berechtigt sein. In dieser Beziehung entspricht die jüdische Maisenversorgung der allgemeinen jüdischen Weltpolitik mit ihren großen Gesichtspunkten und ihrer universellen Rettungsbeflissenheit. Ich stehe nicht an, zu erklären, daß die Versorgung der elternlosen weiblichen Jugend, ihre Ausbildung zu brauchbaren weiblichen Berufen gerade in dem sehr kritischen Entwicklungsalter von 13 Jahren aufwärts der allein richtige Weg zur Rettung dieses zarteren Teiles des jüdischen Volkes bildet, dem man mit großen Fonds zu Hilfe eilen sollte, da sonst alle Kongresse über das Thema des fluchwürdigen „Mädchenhandels" nur müßiges Spielen bleiben müssen. Aber auch unsere Lemberger jüdische Gemeinde darf nicht bei ihrem so dürftigen Schul- und Erziehungssystem stehen bleiben. Möge das Dreigestirn Lazarus-Schafs-v. Horowitz fortsahren, seine Großherzigkeit auszuüben. Die polnischen Blätter beginnen, Notiz von der im „Jüdischen Volksblatt" über Lemberg veröffentlichten Korrespondenz wie nicht minder von den Artikeln des zionistischen Organs „Wschod" zu nehmen. Da uns die betreffenden Blätter nicht vorliegen, sei mitgeteilt, daß sie ungehalten darüber sich zeigen, daß man den Mißbrauch der Kanzel zu politischen Zwecken tadelte. Tadelnswert in den Augen der Polen erscheint die jüdisch-nationale und zionistische Bewegung unter den Abiturienten, welche ihrem Volke treue Söhne zu sein sich vornehmen. Seid getrost, liebe Leute von der polnischen Presse! Hat denn nicht lange genug unsere jüdische Jugend Verbrechen und Verrat an ihrem Volkstum geübt, indem sie sich, d. h. ihr r e l i g i ö s e s und nationales Ich — der polnischen Sache geopfert hat und sich ein Polentum mosaischer Konfession zugeschnitten? Was für Lohn zahltet ihr diesen verabscheuungswürdigen Assimilationstoren? Nichts dauert ewig. Der Schwindel muß auch aus Israels Zelten weichen, die nationale Wahrheit muß siegen! Im allgemeinen dürfte die Situation in unserem Kronlande, von welchem in heroischer Selbstverleugnung ein Politiker behauptete: „In Galizien gibt es keinen Antise mitismus" (Herr Graf Tarnowski, welcher Ansicht neigen Sie wohl zu? Sie haben wohl mit Ihrer Wortprägung das Richtigste getroffen. Ich würde raten, auf diese Ihre Spezialität ein Patent nehmen zu wollen, denn nach Ihnen gibt es in Galizien nur Ase m i ti s m us), sich stets akuterzuschärfen zu jener gräflichen Auffassung, zur asemitischen Strömung. Geht es noch ein Dezennium so weiter, werden die Machtfakroren von Staats- und Landeswegen nach der asemitischen Seite sich ausleben, dann können die galizischen Juden zusehen, wie sie sich ausleben. Man bleibt ja oft verdutzt stehen bei der Frage: Welches ethnische Gebrechen weisen denn die Juden im allgemeinen und die in Galizien insbesondere aus, daß sie als Parias der Menschheit betrachtet und behandelt werden? Kann denn irgend eine anthropologische Wissenschaft den Koeffizienten der Minderwertigkeit der jüdischen Bürger Oesterreichs angeben? Liegt es etwa nur in der religiösen Differenz? Erhört der liebe Herrgott den Menschen mit dem „Vaterunser" auf den Lippen besser, als den, welcher das „Unser Vater, unser König" betet? Müßig sind alle diese Fragen! Einer Volta'schen Säule gleich verstärkt und verdichtet sich der Asemitismus mit der Zahl der Elemente und stößt gewaltsam alle jüdischen Kräfte zurück. Aus den praktischen Folgen dieses Verfolgungssystems etwas herauszugreifen, fällt die Wahl mir schwer, sie sind ebenso herzlich komisch als tief traurig, doch lassen wir dieses Kapitel für heute. Die Lage drängt uns zur Ergreifung von Maßnahmen ernster Natur und wollen wir heute etwas anderes berühren und zwar den neuen Seelenfangsport — den Backfischsp orl. Auf die jungen, noch unerfahrenen, kurzröckigenMädchen des Klein- und Stillebens Israels wird seit Jahr und Tag geangelt. Und o Götter, welch ein Wunder, die Netze, welche das Gepräge feinfaseriger Ausarbeitung zeigen, versagen niemals den Dienst. Und was die heiligen Nonnen, die beflissenen Blaublutritter und deren weibliche Hälften ausgesponnen haben, das verfehlt nie das Ziel. Von den früheren Backfischchen, welche nun bereits in der Sonnenglut heißer Nächstenliebe — hinter Klostermauern — ausreifen, abgesehen, zappelt ein allerliebster Fratz schon in den Netzen der heiligen Jungfrauen. Ich will nun diese reizende Fa n gg e s ch i ch t e nach Mitteüungen, die mir zuteil wurden, erzählen. In dem kleinen Städtchen Milkowetz lebt ein Gutspächter namens Jsthamar (Thumer) Hirschhorn, Vater eines einzigen Mädchens und eines Stammhalters. Das Mädchen hatte ihre Kinderjahre unter Bauernumgebung ohne besondere Schulbildung zugebracht. Ihre Eltern fanden nichts Anstößiges daran. Als aber eines Tages die Eltern den Abgang ihres Töchterchens zu ganz ungewöhnlicher Nachtstunde bemerkten, schien es bereits zu spät. Alle Nachforschungen, die seit März dieses Jahres bis zum 22. Juli diesbezüglich angestellt wurden, führten nicht auf die Spur des Mädchens. Gebrochenen Herzens mußten die Eltern resigniert die Frage beantworten: Unser Kind, das jüdisch erzogene (unwissend erziehen ist eben keine Erziehung) kann doch nicht von den Seelenfängern entführt worden sein? Hierzu ist sie noch zu jung? Ist das Mädchen vielleicht ermordet worden? Weshalb! Wozu! Doch das Räthsel begann sich zu lösen, als die Eltern den Abgang von 60 fl. baren Geldes entdeckten, ein Zeichen, daß dieses Kind an das Leben dachte, als sie das Elternhaus verließ. Mit diesem Gedanken beschäftigt, wurden dieselben durch eine Notiz in der hebräischen Zeitschrift „Machsike hadaß" aus die Spur gelenkt und zwar auf folgende: Der bekannterussisch-hebräische SchriftstellerHr. P inko w sk i, welcher auch die deutsche Sprache zu seinen Publikationen benützt und in dem kleinen Städtchen Halicz als hebräischer Lehrer beschäftigt ist, erfuhr zufällig von einer distinguierten jüdischen Frau Mariam St ..., daß in dem neugegründeten öffentlichen Spitale ein auffallend gesundes Mädchen sich herumtumelt und viel mit der Spitalschwester verkehrt; da dieses Mädchen jüdischen Jargon und ruthenisch spricht, schloß Herr P. auf das nicht mehr Ungewöhnliche, daß dieses Mädchen eine Novize, eine angehende Christin sei. Herr P. ließ es sich weiter angelegen sein, nähere Daten zu erlangen. Allein vergebens. Es muß bemerkt werden, daß dieses famose Spitälchen, das doch von Landesmitteln erhalten wird, ganz und gar judenrein bis heute blieb, obschon ein jüdischer Arzt in Ermangelung eines anderen den Spitalsdienst versieht. Herr Pin ko w skr tat seine publizistische Pflicht und veröffentlichte in hebräischer Sprache die Personsbeschreibung dieses vollkommen gesunden Backfisches, der Satellitin der Spitalschwester. Dieses hatte nun den Erfolg, daß die Eltern dieses Mädchens, Herr und Frau Jthumar Hirschhorn, in Halicz erschien, um ihr verlorenes Töchterchen zu agnoszieren. Wie oben bereits gemeldet, ist Juden der Eintritt in dieses Krankenhäuschen verboten und so wartete der Vater mit bebendem Herzen und bangem Zagen, bis das Mädchen in Begleitung dreier Nonnen in die ruthenische Kirche ging. Dieser Anblick brach dem unglücklichen Vater schier das Herz und er verfiel in Ohnmacht, aus welcher derselbe kaum zu sich gebracht werden konnte. Als nun der Vater sich ins Spital begab, wurde er von den Nonnen hinausgejagt, wo schon eine ganze Schar ruthenischer Bauern sich ansammelte und eine bedrohliche Haltung annahm. Auch die städtische Polizei gewährte dem unglücklichen Barer keinen Beistand, indes derselbe seine Versuche zu seinem Kinde zu gelangen, sortsetzte. Ein guter Finderlohn soll nun unserem hebräischen Korrespondenten P. indes zuteil werden. Ter nichtsahnende P., Emigrant aus dem russischen Nachbarreiche, ui auf eine Denunziation des hier garnisonierdndeu Feldwebels F. O., der mit dem Judentum durch Verheiratung mit einer jüdischen Konvertitin aus der berühmten Krakauer Zuchtanstalt in Kontakt steht, ausgewiesen worden. Der Feldwebel wandte sich an die Bezirkshauptmannschaft in Stanislau mit der Anzeige, P. sei ein russischer Spion. Ehe man sich dessen versah, eilte der Vertreter der Behörde zu P., veranlagte eine Hausdurchsuchung und soll wirklich sehr bedenkliche Schriftstücke säsiert haben. Hebräische Uebersetzungen von Dr. N o r d a u s Reden und ähnliche staatsverrnterische Aktenfaszikel. Er ließ den Störenfried drei Tage in stadthauptmännischem Gewahrsam. Das Fazit der Sache ist, daß man P i n k o w s k i einen Zwangspaß einhändigte mit dem Aufträge, binnen drei Tage Oesterreichs Gebiet zu verlassen. Wer steht diesem armen jungen Manne bei, wer nahm ihn in Schutz? Zunächst taten die Zionisten Stanislaus ihre Pflicht. In Lemberg übernahm der allzeit bereite Abgeordnete Breiter, der Mann, welcher, der einzige in seiner Art, unerschrocken für die gekränkten Menschenrechte eintritt. Dieser Mann, welcher von jenen prophetischem Puritanismus beseelt ist, welchen wir heute kaum zu ahnen wagen, nimmt sich dieses Unglücklichen an, wobei er nicht frägt, wessen Sohn er sei, ob und warum dieser sein Klient nicht lieber einer anderen Religion angehört, wie viel bei dieser Verwendung herauszuschlagen sein wird. — Nichts v^n alldem. Unser „Mensch" Breiter unternimmt Schritte der der hohen k. k. galizischen Statthalterei und wurde ein Rekurs gegen jene Maßregel ergriffen — hoffen wir mit gutem Erfolge! Fragen möchten wir unsere Taufgourmands oder richtiger Taufsportsmänner und -Weiber: Welchen physischen und geistigen Genuß trägt die Taufe dem Heiland ein? Gibt es denn noch zu wenig Christen, dann stehen ja China, Japan und andere Millionen Heidenvölker ihnen zu Bekehrungsversuchen offen. Schließlich möchten wir fragen: Was würden diese Religionsretter dazu sagen, wenn die Juden, lüstern nach Christenbekehrung, ihre nach zehntausenden zählenden christlichen Dienstpersonen beeinflussen würden, sich in den Schoß Abrahams aufnehmen zu lassen. Darin liegt eben die Größe, ja der Adel der echt jüdischen Gesinnung, mit dem heiligsten des Menschen nicht schachern zu wollen. R u b i n st e i n. Bücher-Einlauf. Dr. Ignaz Ziegler, Rabbiner in Karlsbad: Die Königsgleichnisse des Midrasch, beleuchtet durch die römische Kaiserzeit. Breslau, Schlesische Bcrlagsanstalt bon S. Schottlaendcr 1003. Seit es zur W a h r s ch e i n l i ch k e i t ivurde, das; die Wiener Knltusgcmeindc einen Oberrabbiner zu engagieren b e a b s i/ht i g e, hat sich eine ganz eigenartige jüdische wissenschaftliche Literatur herausgcbildet, die wir kurzweg „Kandidatenliteratur" benennen möchten. Diese dünnen Heftchen, mittelstarken Broschüren und dickleibigen Bände — welch letztere noch eine gründliche Karlsbader Kur erfordern — sind alle nach Wien adressiert an jene Mächtigen und Mächtigsten, welche seinerzeit bei der Rabbincrwahl ein entscheidendes Wort haben werden. Wenn ich ein solches Werk sehe, denke ich immer an die Zirkusreklame: „Telegramm: Der weltberühmte Akrobatenkünstler M,r. X.?). kommt I" schreit es schon einige Wochen früher an allen Straßenecken! Zu diesen „Werken" gehört auch das oben angeführte Buch, ein solches „Telegramm" an alle, die cs angeht, gerichtet, ist auch der gutgenährtc Band des Karlsbader Rabbiners. Ich bringe es nicht über mich, diese „Arbeit", nach Durchsicht derselben, bon einem anderen. Gesichtspunkte aus zu betrachten und <;u besprechen. Denn eine Notwendigkeit, das, was Bacher und Wünsche in ihren diversen Arbeiten bereits besorgt, recht oder schlecht zu einem Buch zusammenzufassen, lag nicht vor und Ivenn ich nun nach der wirklichen Ursache forsche, welche diese Kompilation hervorgebracht hat, so stelle ich mir den Hergang beiläufig folgendermaßen vor: Auf der Karlsbader Promenade spazieren zwei Herren: ein stattlicher, ungefähr fcchzigjähriger Mann und Dr. Ziegler. Sie sprechen vom Ban des neuen Karlsbader Spiiales. „Ja," meint plötzlich der Fremde, „bei der Wiener Rabbinerlvahl ivird's diesmal heiß zugehen, es ist zu dumm, daß jedes Vorstandsmitglied seinen Kandidaten hat. Aber wissen Sie, Herr Doktor, es wird doch nichts anderes üffrig bleiben, als daß Sie auch so ein Merk schreiben, aber ettoas Imposantes. nicht lrnnpige 30—40 Seiten, wie's die anderen gemacht haben, sondern wenigstens sV—000 Seiten stark, mit viel hebräischem Text, daß den Wienern die Angen übergehen, wissen Sie, das zieht!" — „Die Idee ist nicht schlecht," meinte der Herr Doktor, „aber ivohcr nehmen, ivenn nicht stehlen. Ich bin weder Philologe von Fach, noch Geschichtsforscher von Berns ..." Bald darauf erschien das obengenannte Buch. Lassen wir nun das Leitmotiv, das bei der Abfassung dieses Buches maßgebend!var, beiseite, denken wir an das für solche Fälle variierte Diktum: Gott verzeihe ihnen ihre Sünden, denn sie wissen, was sie tun. Versuchen Ivir es, uti3 mit dem Buche ernst zu beschäftigen. Da ist gleich der Titel. Das Mich soll uns — wie die Vorrede besagt und der ganze Aufbau des Werkes verrät •— „die inneren Zustände dieses gewaltigen (römischen) Reiches, dessen Mittelpunkt Angustus lvar, darstellen". Also nicht die KönigSgleichnisse des Midrasch sind es, die beleuchtet werden sollten, sondern das Hofleben der römischen Kaiser durch diejenigen Midraschstellcn, tvelche Königsgleichnisse genannt werden. Die Uebersetzungen der hebräischen Texte lassen im allgemeinen viel zu wünschen übrig; der karg bemessene Raum verbietet uns, auf alle Mängel einzngehen, aber auf einen köstlichen S ch n i tz e r müssen wir doch Hinweisen. Ans Seite 323: Ein König veranstaltet ein Gastmahl und lädt sich Gäste ein. Er sprach zu ihnen: Gehet, lvaschet und säubert euch, n u ters n ch e t und waschet eure Kleider ( d r “» s z 1 i: n “i 1 'sdO nsw. Aber Herr Doktor! W o u a ch hätten denn diese Hofgäste ihre Kleider unters n ch e n sollen. Ist Ihnen denn nicht das Stammivort: - o — sich salben, znm Zeichen der Freude oder anö Anlaß von Festlichkeiten bekannt? Wie gesagt, lvir könnten eine ganze Menge solch grober Verstöße imb Geschmacklosigkeiten anführen, Ivenn uns der Raum zur Verfügung stände. Wir schließen mit dein Königsgleichnisse (S. 207). Ein König hatte ein brach liegendes Feld. Er sprach znm Colonus: Gehe, dünge es uub mache daraus einen Weinberg. Der Colonus ging, düngte das Feld und pflanzte es zu einem Weinberg um. Der Weinberg gedieh, brachte Wein, der aber sauer war. Als der König sah, daß der Wvin sauer war, sprach er znm Colonus: Gehe, haue ihn um, will ich denn von einem Weinberge, daß er Essig trage? Da sprach der Colonus: Mein Herr mxb König, wievie l A u s g a b e n m a ch t e st d n d i r wegen des Weinberges, bis er dastand und jetzt willst du ihn nmhanen? Und wolltest du sagen, weil sein Wein sauer Iväre, weil er jung (?) ist, ist er sauer und trägt keinen guten Wein. Was uns an dem Buche angenehm anmntet, ist der klare, sorgfältige Druck und die hübsche Ausstattung deS Wertes: ein Verdienst der bewährten Verlagsbuchhandlung. —sz. Solkau Wilhelm, Prof. Dr. „Die Geburtögeschirtite Jesu Christi", Leipzig 1002, Dietrich'sche Verlagsbuchhandlung, Theodor W e i ch er t. Der geschätzte Verfasser beklagt es lebhaft, das weitere Kreise so wenig von den gesicherten Resultaten der theologischen Kritik erfahren. Nach wie vor sind gewisse Sätze Grundlagen dogmatischer Axiome, obschon ihr unhistorischer Charakter den Fachleuten längst zur Gewißheit wurde. Er wendet zunächst einem hervorragenden Momente seine Aufmerksamkeit zu, um durch detaillierte Untersuchung zu beweisen, wie sehr eine methodische und wissenschaftlich nüchterne Erörterung geeignet ist, auf dem religiösen Gebiete umwälzend und revoltierend zu wirken. Die Geburts- und Kindheitsgeschichte Jesu ist der Gegenstand vorliegender Arbeit. S o l t a u betont, daß die erste und verläßlichste Evangelienquelle von einer Geburt Christi in Bethlehem ebensowenig weiß, wie von einer jungfräulichen Mutter und vomGott-Vater. Nach seinerAnsichthaben h er d n i s ch e Anschauungen und zeitgenössische Berichte den Anstoß zu jener christlichen Mythenbildung gegeben. Es ist vornehmlich der Imperator Angustus, der als Friedensfürst und Herr der Welt von seinen Untertanen in einer Weise begrüßt wurde, die in einzelnen Phrasen bis aus den Wortlaut an die Huldigung der Engel im Lukas-Evangelium erinnert. Auch A u g u st u s war angeblich der Sohn eines Gottes (Apollo), von dem des Kaisers Mutter im Tempel empfing. Auch Angustus' Geburt begleiteten Himmelserscheinungen, ähnlich jenem Sterne der Magier des Natthäus. Was die Heiden von ihren Herrn und Heiland (so —^ auir/jg — Au g u st « s direkt auf einer griechischen Inschrift genannt) wird ausgesagt haben, übertrugen die Judenchristen auf ihren Messias und König. Man ließ ihn — den galiläischen Zimmermannssohn — in Bethlehem geboren werden, weit diesem Orte die davidische Dynastie entstammte und das Volk nun einmal seinen Messias sich nur aus dem königlichen Hause holen mochte (trotz des Protestes von Seiten Jesu, vgl. Mk. Xik. 36 f. u. den Comm. H o ltz manns z. St.), Wie immer man sich auch zu den Ausführungen S o l t a u s stellen mag, ihm bleibt das Verdienst gesichert, in klarer und populärer Weise auf ein hochinteressantes Problem hingewiesen zu haben. Es sei uns noch gelegentlich eine philologische Bemerkung gestattet. Während Matthäus 11. 1 ff. in der Kindheitsgeschichte von M a g i e r n')(—Sterndeutern vgl Cels us bei Origen es) erzählt, die vom Osten kamen, um den neugeborenen Messias zu feiern, weiß Lukas II. 8. f. lediglich von Hirten zu berichten, die durch eine himmlische Erscheinung auf seine Geburt aufmerksam wurden. Da die Legenden eine innere Verwandtschaft aufweisen 2), gehen sie wohl ans eine gemeinsame Quelle zurück; wie ist nun die weitgehende Abweichung zu erklären? Ich möchte daraus hindeuten, daß in Hebräischen —Seher sei (biblisch — Prophet, in unserem Zusammenhang wohl— talm. ^1^2 D’ODiin DTin» daher der mit ihnen wandelnde Stern vgl. b. Sabb. p. 156, Fess. 112, auch |iccyoi bekanntlich babylonisch), dagegen cp1"! — Hirten. Von späteren Zutaten losgelöst, lautete der ursprüngliche Satz: Es sahen Magier einen Stern anl Himmel und folgten seinen Spuren bis zum Messias (Matthäus); daraus wurde bei Lukas: Es sahen Hirten eine himmlische Erscheinung und wurden durch diese zum Christus geführt. Auch Soltau gibt zu, daß die Bearbeitung des Mythos palästinischen Judenchristen zufiel, demnach ist ein semitisches Original nicht ausgeschlossen. Wien, 17. Juli 190». Dr. H. P. Chajes. ') Nach Soltau kam dieser Zug in die Erzählung erst im zweiten Jhdt., als die römische Welt vone dem Huldigungszug der Magier erfuhr, die mit dem armenischen Fürsten T i r i d a t e s zu Nero kamen. Die Judenchristen setzten statt des kaiserlichen Antichrist ihren Christus. Z Bei Matth. (II. 10) Stern, was bei Magiern begreiflich; bei Lukas himmlischer Glanz (II. 9 „-mi o6a v.upioo Kep'.ilafj/j/E ataoog“). Briefkasten. Der konservative Chassidismus. Wir sind ein vollständig unabhängiges Blatt und brachten deshalb den Artikel des Nabl'iners Dr. Günzig, der in einem w i s s e n s ch a f t l i ch e n Feuilleton durchaus ruhig und sachlich die Entstehungsgeschichte des Chassidismus behandelte. Wir hätten auch keinen Anstand genommen, eine ruhige und sachliche Entgegnung von chassidischer Seite aufzunehmen; der Artikel, den Sie einsandten, ist aber so parteiisch und beleidigend gehalten, daß wir ihn absolut n i ch t veröffentlichen werden. Dazu werden uns weder ihre Drohungen noch ihre Lockungen durch die beigeschlossene Abonneutenliste bewegen. Der Kamps der Geister, wenigstens iit Juda selbst, soff, was uns betrifft, stets in würdiger Form misgetragen werden. Dr. Bernhard H. Lauvy, Brüssel. Artikel erhalten. Wir glauben das Pseudonym zu kennen. Wird so bald als möglich erscheinen. Hernf. Krems. Manuskript erhalten. Jnbezug auf Datum kann die Redaktion sich nicht verpflichten, da llebcrsülluiig. Anzeige noch nicht erhalten. Meisels. Wir bitten um Geduld. Ung.-Brod. Berichtigung können wir leider in der Form nicht llcicht kleiden Sie dieselbe in einen n e n e n Artikel, lue bringen. der d e u tl i ch c r geschrieben ist, wodurch Jrrtümer _ vermieden werden. In demselben können Sie auch den Erlaß pnbliziern. Nicht im Briefkasten. Die Notizen standen bereits in dem Brünner Blatte. Strengen Sie sich ein bißchen mehr an. In O. imiß cs genug Neues geben. Honorar immer tut Anfang des nächsten Monates. An die „Ceska Demokratie". Wir sind sicher die letzten, die für irgend eine Nation, Konfession oder Nasse ein Privilegium verlangen. Wenn man aber die Juden systematisch bon allen Staats- und Landesämtern verdrängt und außerdem" systematisch die Konkurrenz itit Handelsgewerbe züchtet, haben tvir wohl ein Recht, auf diese Ungerechtigkeit hinzuweisen. Wovon soll denn der jüdische Mittelstand leben? WaS den Fall Hilsner betrifft, so wird ein künftiger Historiker über das Verhalten _ eines Teiles der Nation in dieser Affäre ein sehr strenges Urteil fällen. Judas. War uns unbekannt, sonst hätten Ivir es konstatiert. Neugieriger. Sie irren sich, Herr Bachrich j u n. selbst ist noch Jude, allerdings mit einer Christin verheiratet. In seinen Ader» rollt also kein ungarisches, Ivohl aber unverfälscht j ü d i s ch es Blut. Daß unseren Künstlern das Nationalbelvnßtsein fehlt, das Künstler anderer Nationen im reichlichen Maße besitzen, ist sehr b e s ch ä m e n d. Selbst ein Zigeuner Ivurde auf die Frage, was er sei, antworten: Ein Zigeuner. Der Jude Bachrich aber weiß noch nicht, welches Blut in seinen Adern rollt. Der Schlüssel. Erzähl u n g von Eduard K ulke. (Fortsetzung.) „Reden Sie frei, verehrtes Fräulein! Was ich zur Linderung Ihrer Leiden beitragen kann, Ivird und muß geschehen, und wenn ich Berge durchbrechen sollte. Sie haben sich durch Ihre Handlungsweise zu viel Rechte an mich erworben, als daß ich Ihnen einen Dienst verweigern dürste." „Das Erste, um was ich Sie bitten muß, ist, daß Sie es unternehmen, meinen Vater über den unersetzlichen Verlust zu trösten. Denn, glauben Sie mir, daß er den Schlag so schiver uub tief empfindet, wie ich. Er lvar so durchdrungen von der Vollkommenheit dieses Mannes und hat sich mit dem Gedanken, ihn seinen Sohn zu neunen, schon so vertraut gemacht, daß er des Trostes mehr fast als ich bedarf. Ich aber kann ihn nicht trösten, ebensowenig wie