Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 32 (8.8.1902)
- Date
- 1902-08-08
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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*ni*p 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 8. August '902 Nr. 32 haben aus dem ihnen zngefallcnen Erbe je 100 000 Lest, für wohltätige Zwecke überwiesen. In dem Testament des Verstorbenen heißt cs u. n.: „Da ich zn Lebzeiten viel von meinem Besitz würdiger Mildtätigkeit zngewendct habe, setze ich keine Legate für wohltätige Zwecke aus, sondern überlasse es meinen Kindern, ans dem Nachlaß, welchen sie gemäß meinem Testamente erhalten, solche Geschenke zu machen, wie sie ihnen angemessen erscheinen." Dieser letztwilligen Empfehlung entsprang mm die eingangs erwähnte hochherzige ©iifhim'i, über deren direkte VerwendnngNäbereS noch nicht bekannt gegeben ist. Die Stifter sind: Walter und Frederik Lewisohn, Inhaber der Bank- und Maklerfirma Lewisohn Brothers; Iesse Lewisohn, Präsident der United Metals Selling Ko.; Oskar Lewisohn, Student an der?1alc-1lniversität; Frau P. S. Henry und Frcnl Charles S. Henry von London, sowie die Fräulein Alice und Irene Lewisohn. Die Testamentsvollstrecker sind die beiden Söhne Walter und Frederick sowie der Halbbruder und der eine Schwiegersohn des Verstorbenen, Albert Lewisohn resp. Philip S. Henry. London. Sonntag den 22. Juni fand in London die Eröffnung eines j ü d i f eh e n F r eiguarti e r s durch Sir- Francis Monte siore statt. Das Gebäude hat die Bestimmung. aus der Provinz zugewandertcn armen Inden ein Obdach für eine Woche zu bieten. Es hat Schlaf raum für 00 Personen, einen Speisesaal und einen Betsaal. Lange vor der für die Feier ' ' " ~~ vor dem von Lon- .'gleitnng von Mr. Joseph Cowen, Governor der (zionistischen) Jüdischen Kolonialbank, erschien. Mit einem vergoldeten Schlüssel, der ihm vom Komitee dargercieht Warden war, öffnete Sir Francis daS erste Zimmer, in welchem der Chor der Cannon Street Road-Synagoge unter Leitung des Rcv. I. Lipschitz den Psalin 00 sang. Dann sprach Sir Francis einige Worte. Es konnte ihm keine größere Ehre und Freude bereitet werden, als die, für unsere armen Brüder ein Asyl eröffnen zu dürfen. Das Institut sei noch klein, aber er hoffe, es sei nur der Kern zu einem großen Institute, das dem Wohle des armen jüdischen Volkes dienen werde. Mr. Joseph Cowen, der den Spcisesaal eröffnete, hielt eine kurze, herzliche Ansprache in deutscher Sprache. Es sprachen noch Dr. B. Morris und Mr. S. Alexander, worauf Mr. Slobolinsky, Herausgeber des „Hajehudi" die Sbnagoge eröffnete. Das Gebet für den König wurde gesprochen und die englische Volkshymne gesungen. Dann wurde Sir Francis Montefiorc zum Ehrenpräsidenten des Institutes ernannt. Unter Hochrufen auf den neuen Ehrenpräsidenten schloß die würdige Feier. Neuwahlen in der A. I. tt. AuS Paris wird gemeldet: Das Ergebnis der am 11. Mai vollzogenen Wahlen der Alliance Jsraelite universelle liegt nunmehr vor. Darnach seht sich dasselbe ans 78 Mitgliedern zusammen, von denen 24 in Paris, 43 außerhalb Frankreichs ihren Wohnsitz haben. Unter den letzteren befinden sich 22 Deutsche, von denen 15 dem Zentralkomitee bereits früher angehörten und zwar die Herren Dr. Baerwald-Franksnrt a. M., I. M. Bielefeld-Mannheim. Dr. Heinrich Meyer Cohn-Berlin, Ob'erräbbiner Dr. Feilchcnseld-Poscn, Rabbiner Dr. Frank-Köln, Justizrat Dr. Fuld-Frankfurt a. M„ Charles L. Hallgarten-Franksurt a. M., Geh. Hofrat Dr. Iosephthal-Nürnberg, Sanitätsrat Dr. S. Neumann-Berlin, Theodor Qschinsky-Breslau, Rabbiner Dr. Rosenthal- Breslau, Simon Salomon-Metz, Distrikts-Rabbiner. Dr. Salvendi- Dürkhcim, Konsul Alexander Simon-Hannover und Rabbiner Dr. Werner-München. Neugewählt wurden die Herren: Rechtsanwalt I. Behrend-Danzig, Gemeindevorsteher Elias-Dortmund, Hermann Ginnperh-Hamburg, Stadtrat Lcov. Grittmann-Beuthen, Emil L.; Meyer-Hannover, Rabbiner Dr. Porges-Lcipzig und Rabbiner Dr. Vogelstein-Königsberg. Außerdem sind nur noch fünf Herren in das Zentralkomitee neu eingetreten, neben vier Parisern Herr I. D. Lioni-Amsterdam. bezahlt und Winkellehrer aufsucht, ein Beweis, daß das Volk weder mit den Resultaten der Schule, noch mit der Prüfungsinstitution des Landesmassafonds zufrieden ist. Die Kosten dieser Prüfungen könnten daher wohl besseren Zwecken zugetvendet werden. Soviel hierüber schon geschrieben wurde, es blieb alles vergebens. Kein Rabbiner wird dem anderen Vorwersen, daß bei ihm nicht genügend gelernt ivird, aber ein Widerspruch, wie llng.-Brod, steht vereinzelt da. Herr Rabbiner Dr. M. Jung verdient die Bewunderung und Hochachtung aller, da er dein Ansturm der Assimilation, genannt „Fortschritt", allen denkbaren Widerstand entgegensetzt, einem Fortschritte, der sich nur in Außerachtlassung der Speisegesetze und Hintansetzung der Interessen des Gcsamtjudentums und seiner Ideale äußert. Herr Rabbiner Dr. Jung kennt kein Geldinteressc, ist selbstlos, wohltätig gegen Ann^ bis zum Nebcrmaß, versieht sein Amt charaktervoll und macht somit seinem Stande alle Ehre, eine Seltenheit in der jci^ißcn Generation. Warum werden solche Männer nicht nach Wien berufen, um von der Metropole aus ihr Licht leuchten zu lassen? Warum läßt man einen so ideal angelegten Mann in dieser zerrütteten Gemeinde seine Kräfte zersplittern? Herr Dr. Jung wollte hinaus, dachte in Drohobycz eine Gemeinde gefunden zu haben. Jedoch die östlichen Zustande ließen cs nicht zu, einen dauernden Posten niit einem provisorischen zu vertauschen. Wenn Sie, geehrter Herr Redakteur, Rabbiner >vic die von Karlsbad und Suezalva der Kritik der Welt übergeben, dann werden Sic auch diesem Manne, der durch seine Vorträge über die jüdische Schule, durch den Plan der Gründung eines jüdischen Gymnasiums profane und jüdische Kenntnisse zu vereinigen strebte (dieser ideale Gedanke wurde nicht nur n i ch t gefördert, sondern sogar hintertricben, indem einige assimilatorische Herren die Befürchtung aussprachen, die deutsche Bürgerschule würde dadurch gefährdet, während dieselben Herren heute sagen, der tschechischen Realschule tvürde durch ein jüdisches Gymnasium eine Konkurrenz bereitet und dies dürfe doch nicht sein), Gerechtigkeit widerfahren lassen. Was wollen die Herren mit ihrer deutschen Volksschule? Eine Schule, die keine Fortsetzung hat, muß zugrunde gehen. Die Leute müssen die Mädchen nach absolvierter Volksschule in die tschechische Bürgerschule, die Knaben in die tschechische Realschule schicken, da nicht jeder seine Kinder in die Fremde schicken kann. Dem Rabbiner, der selbst hochtälentierte Kinder hat, zu ermöglichen, seine und andere Kinder unter seiner Aufsicht heranzubilden, dazu rühren die Herren keinen Finger. Die Welt muß aufmerksam gemacht werden, daß cs Gemeinden gibt, die sich fortschrittlich nennen, lveil sie alle Ideale vernichten. Noch eins: Die hiesigen Juden erhalten ein deutsches Kasino, das kaum zehn christliche Mitglieder zählt, mit. einem Kostcnaufwande von 1000—1500 Kronen. Als ob man in anderen Lokalen keine Zeitungen lesen könnte. Warum verwenden die Herren dieses Geld nicht zur Fortsetzung ihrer deutschen israelitischen Schule? Warum fördern die Herren nicht ihren Rabbiner in seinen idealen Bestrebungen? Antivort: Weil das wirklich fortschrittlich wäre. Alle Gemeinden bestreben sich, das Judentum zu beleben, und können Eltern und Kinder nur schwer dazu animieren. Hier bietet sich das gegenteilige Bild: Eine Gemeinde, deren Rabbiner und Mitglieder jüdisch denken, jüdisch fühlen, von der Kultusvertrctung jedoch gehemmt iverden. Biicher-Emlauf Zur homiletischen Literatur. Von Rabb. Dr. Kobak. Srief aus Ungar:sch-Srod. Ich war diese Woche auf der Durchreise in Ung.-Brod und las dort in Ihrem gesch. Blatte die Notizen aus Karlsbad und Suczawa, sah die Zustände in der Broder Gemeinde und hörte schließlich eine Predigt über hebräischen Unterricht an, so daß ich gar nicht verstehen kann, wie eine .Kultusgemcinde, die beansprucht, fortschrittlich genannt zu lverden, solche Mißstände bergen kann. Ung.-Brod besitzt zwei Parteien, die größere, „fortschrittliche" genannt, und die kleinere, die sich „orthodox" nennt. Mir schien es umgekehrt zu sein. Da wie dort werden alle Gebräuche, alle Gebete bis auf das kleinste i-Tüpferl gleichgehalten, nur mit dem Unterschiede, daß die „Fortschrittlichen" die äußere Form kultivieren, insoferne ne durch direkte Stenern gewahrt werden kann. Ein Beispiel: Ein großer Teil der Gemeindemitglieder bezieht vom jüdischen Metzger, dem jedoch der Rabbiner die Aufsicht entzogen hat, Fleisch, auch Hinteres, so daß die horrende Schächtgcbühr von 6 (sage fünf) Kronen jene Metzger trifft, welche bloß Koscherflcisch ausschrotten. Aus dem Erträgnisse dieser Gebühr soll die Bank erhalten werden . Die Kosten des hebräischen Unterrichtes werden von den ganzen 1660 .Kronen. Zu diesen Kosten steuert der Landesmassa fonds eine Subvcnrion von 720 Kronen, eine Stiftung ca. 000 Kronen bei, so daß ein Erfordernis von 640 Kronen verbleibt, zu dessen Deckung man nicht weniger als 1200 bis 1400 Kronen eintreiben wollte. Ein Mitglied des Knltns-AuSschnsses, das diese Verhältnisse nicht länger mit ansehen wollte und konnte, brachte nun einen Antrag ein, präzisierend, wie diese 640 Kronen auf die .KtlltuSsteucr auft,«teilen wären. Die Höchstbeitenerten, ine (die 128 bis 140 Kronen Knltnsstener bezahlen, hätten eine Quote von 3 Kronen zu entrichten und hätten dafür den Vorteil, ebenfalls vom Schulgelde befreit zn sein. So die „Fortschrittlichen". Die „Orthodoxen" bestreiten ihren Kultus selbst in der einfachste!: Weise, indem sie für die Erziehung ihrer Kinder eigene Lehrer Halten, alle Wohltätigkcitsanstalten der Gemeinde fördern und an fremde Arme größere Spenden verteilen, durch die Ung.- Brod einen Weltruf genießt. Ich sah, wie ein Durchreisender von der gesamten Kultusgenieiiide, deren sämtliche Kassen der Vorsteher verwaltet, 1 Krone, dagegen: von den nicht sehr bemittelten Orthodoxen 6 Kronen erhielt. Ich hörte schauderhafte Geschichten, ivie z. B., daß die Hanptgcmeinde die Orthodoren vor 00 Jahren bei::: Verlesen der Thora unter Gendarmerie-Assistenz und vor 7 Jahren unter Androhung von Arreststrafen zwingen Ivollte, den AssiiuilationSgelüsten der ersteren zu huldigen und ihr kleines, damals erst neu errichtetes, nettes Betlokal zu sperren. Auch der hebräische Unterricht hat durch diese Uneinigkeit gelitten. Die sogenannten „Fortschrittlichen" sind von dem Wahne befangen, es sei ein Verbrechen. Hebräisch zu können, und in diesen: Wahne werden sie noch von ihrem Oberlehrer und voi: der unglücklichen Institution des Landesmassafonds in Brünn bestärkt, sowie durch 'die Ernennung des Lundenburger Rabbiners zun: Prüfungskonnnissär. der tvahrscheinlieh in seiner Geineinde gai:z anderen Geist sieht, jedoch trotz der mangelhaften Resultate des hebräischen Unterrichtes in der hiesigen Volksschule die Lehrer mit Lob überschüttet und dadurch das Ansehen des Ortsrabbiners bei den Lehrern untergräbt, tvie ja auch der Vorstand lieber den Ansichten des Lundenburger Rabbiners als jenen des OrtsrabbinerS beipflichtet. Kein Wunder daher, lvenn ein Drittel der Schulkinder der Schule den Rücken kehrt, lieber doppeltes Unterrichtsgeld ' (Schluß.) Die Beantwortung der (freilich alten) Frage, ivarun: der Hagadist im Sederabend-Ritual den: p n die Bemerkung: „Was bedeutet dieser Dienst für euch?" keine erklärende Antivort zu erteilen gestattet, sonders: ihn n:it EnkrüstniH abzutveisen wünscht, obgleich die Heilige Schrift dieselbe Bemerkung in liebevoller Weise beantwortet, ist dem Redner von Nr. 2 (zum ersten Pcßachlage) durchaus mißlungen, wobei allerlei Weitgeholtes und Gesuchtes herbeigezogen wird. Aber wozu in die Ferne schweifen, wenn die Erklärung so nahe liegt; und ivird uns diese erleichtert, wenn wir die Schrift mit Aufmerksamkeit lesen und erfassen. In: 2. B. M. 12, 26 heißt es nicht, tvie an anderen Stellen „und ivenn dich fragen wird" (das. 10, 14 und Deutr. 6, 20), sondern: „und wenn sagen werden". Also schon in der Art des Ausdruckes liegt der Schwerpunkt der Rede. Der in dieser Weise spricht, tvill keine Antivort, verlangt keine Erklärung; in seiner Frage liegt ein Vorwurf, eine Mißbilligung des Festrituals, eine Verhühinliig des Wiegenfestes des israelitischen Volkes. Also redet nur der, tvelcher die Schranken der Gesetze gewaltsam durchbricht (tvie der hebr. Begriff „Rnscha" ursprünglich ausdrückt), „der sich selbst trotzig aus der Gemeinschaft des Volkes ausschlicßt" (tvie der Hagadist es ja ausdrücklich motivierend hervorhebt), also ein Gesetzes- und Nationnl-Anarchist, einem solchen Menschen gebührt keine Antwort:n:d keine Erklärung, sonder» eine e n e r g i s ch e Zurücktveisung und die nachdrücklichste Betonung des nationalen S e l b st b e w u ß t sw i u s, was der Hagadist durch das bedeutsame Wörtchen „li" verschärft, lind i n derselben Meise läßt sich auch das Schrifttvort an der angeführten Stelle vernehmen, denn eS heißt hier nicht, tvie anderivärts: „und du sollst sagen deinen: Sohne (Denker. 6, 21) mmd du sollst ihn: (deinem Sohiu't antworten", sondern „und ihr sollet sprechen (ohne Angabe zu wem». Das Schriftwort lehrt, wie ivir uns den Spöttern gegenüber zn verhalten haben, inden: tvir denjenigen, die sich ans unserer Gemeinschaft ausgeschlossen, uwlche die (Grenzen des (Gesetzes und des nationalen Bewußtzeins überschreiten :u:d nicht fragen, um A»fklär:n:g z:i verla>:gen, sondern unser Volksleben zn verhöhne», keine Erklärung und Ertäntern,:g zn leisten uns bemühen, sondern bloß zum Ausdruck bringen, daß jene Verspottung unseres nationalen FestritnalS uns gar nicht berührt, daß ivir unentwegt und unerschütterlich a» unserer iiarionalen Lebensführnng festhalten; ivir sollen es in alle Welt hinansrufen, daß ivir die Erlösung der göttlichen Gerechtigkeit verdanken, ivelehe die Tyrannen vernichtet und unsere unschuldig verfolgten Familien errettet hat; ivir sollen auch, ohne erst gefragt zu iverden, unseren Nachkommen einprägen, daß um Willen unseres felsenfeste:: Vertrauens unsere Erretuug stattgefiiudeu hat. Und so hat auch der Hagadist das Sehristivort erfaßt und in derselben Weise seine» bekainiteu Ausspruch getan. — Daß am c p st e n Tage des Neujahrsfestes das Thema aus der Thoralektiou für de» zweiten Tag geuonnnen und ausführlich (in Nr. 12) i behandelt, ivähreud iviederum am z io e i te u Tage der Text a»S i der Verlesung für den e r st e n Tag eingehend (in Nr. 14) ans-! gearbeitet ivurde, ist keiueSivegS ein Zeichen von besonderer Sorg-!fali; oder sollte etiva in der Reformgemeiude des Redners eine solche Verschiebung der Thoralektiou stattgefunden haben? Warum dem:? (Kauz befremdend ruuß das Gleichnis in der Einleitung der Neiijahrspredigt in Nr. 10 der Sanimliiug auf den gebildeten Leser ivirken, ivas wahrscheinlich auch bei manch feinfühlendem Zuhörer geschehen ist; daS Gleichnis vom Bergsteiger. Die Betraehtuug will die Zuhörer au der Grenzscheide zlveier Jahre auf die Notwendigkeit einer N ü ck s ch a u in die Vergangenheit und einer Vorschau in die Zukunft borbereite»; und in der Tat sind beide Momente (Rückschau und Ausschau) vom gelehrten Redner in zutreffender Weise behandelt und nützlich berivertet ivorden. fSchr richtig wird auch in der zweiten Abteilung nachgewiesen, daß es ein verhängnisvoller Fehler tvärc, wen:: wir — was leider oft geschieht — die scheinbar berechtigte Frage aufwerfcn tvollten, was. u i: s das neue Jahr bringen werde", sondern lvir sollen fragen, „ivas tverden tv i r den: neuen Jahre bringen", und uns daher Mühe geben, unsere Aufgabe für die Zukunft gehörig zurecht zu legen. Nur das Gleichnis ist leider ganz verunglückt, ivas umso auffallender ist, als der Redner durch viele geringere wissenschaftliche Werke sich als ein tüchtiger Gelehrter bewährte, so daß ein lapsus linguae oder calami ganz unbegreiflich ist. Wenn ein Bergsteiger nach laugen: und heißem Bemühen den (Kipfel erklommen hat, so hat er doch schon das Ziel seiner schlvierigeu Wanderschaft erreicht; er hat mithin seinen angestrebtei: Zweck erreicht und ivähreud mancher neben ihm auf dem beschwerlichen Wege abgcstürzt oder hingesnnkei: ist, ist es ihm gelungen, das Höchste (den Gipfel) zu erringen; ivozn und wohin hat er noch iveiter zn sehanen? Wozu sucht er noch ein unbekanntes Gebiet, das sich vor ihm ausbreitet und in welches er seine Schritte lenken soll? Sucht er ettva in iveiter Ferne ein Luftschloß? Auf die zttriickgelegte Strecke kann er wohl die Rückschau halten nnd zwar mit einem Blick der Genugtuung und Befriedigung; daß er das, ivas andere nicht vermochten, vollbracht hat. Aber auf dem Gipfel des Berges, wo er zivar angestrengt und ermüdet (der Redner sagt, atemlos), aber mit freudigen: Bewußtsein sich befindet, daß er den h ö ch st geeigneten Punkt seines Strebens erklommen, hat er ja nichts mehr zn suchen. Ja, ivenn der Bergsteiger in der Mitt e feiner Wanderung auf einer Hochebene anziihalten hätte, um an einen: Rnhevnnkt eine U nt s ch a u nach vorn und nach rückwärts anznstellen, um den guten Erfolg seiner abgelaufene» Bahn in Rechnung zn ziehen, ivas andere eben nicht vollbringen tonnten, zugleich aber auch vorioärts zu schauen, um den noch übrigen Teil des Weges mit gleichem Mut und gleicher Ausdauer zu gewinnen, dieses Bild hätte einen richtigen, lveil natürlichen Sinn und ivnrde als Gleichnis zn der folgenden Auseinandersetzung ganz gut passen. An einem Versöhmingskage ließ sich ein Redner, der sich die Aufgabe gestellt hak, diesen Tag für seine Gemeinde und durch dieselbe für sieh selbst so nutzbar wir nur irgend möglich zn machen, in Nr. 17, also ivörtlich vernehmen: „Wir, meine Lieben, ivir habe n ja nichts anderes! Für uns gibt es ja keinen Sabbatscgcn und keinen Festtagsfrieden, keine Erhebung in: Gebet und keine Läuterung durch Gottes Wort, uns bleibt ja nur diese kurze Spanne Zeit vom Abend bis zum Abend, um uns an ihr den Vorrat von Gottesfurcht zn holen, von dem ivir so lange zehren müssen, ohne daß er Erneuerung findet und der, ach, so schnell wieder erschöpft sein ivird". So zu lesen S. 115. Nun, ist dieses alles auch währ? Leben denn Redner und Zuhörer in der Epoche Antiochns Epiphanes oder in der Zeit hadrianiseber Gewaltherrschaft, daß ihnen außer dem Versöhnungstag alles Jüdische unmöglich gemacht ivird? lind erst die Nutzbarmachung des „Ion: Kippur"! Mit dem Ausspruche des weisen Hillel belehrt uns dieser Tag, zn erkennen, daß ivir nicht etiva gegen die Natur sündigen, „denn diese ist fühllos und hat keine Liebe" (mit einem frommen Hieb auf den geisteskühnen Sprößling unseres Stammes - Spinoza nämlich), sondern gegen Gott, der nicht nur über uns n unnahbarer Majestät thront, sondern mich in unserem Herzen e b t; darum sollen wir auf unsere Gottähntichkeit uns besinnen und als Gottesdiener die göttlichen Gebote beobachten. Wo diese Gebote verzeichnet sind, hat uns der Redner nicht verraten. Dann sollen ivir, die ivir den Anspruch machen, ivenn nicht fromme, so doch gute Menschen zn sein, heute erkennen, daß ivir gegen unsere Nebcnmenschcn sehr oft sündigen und zwar durch anflodernde Feindschaft und Unversöhnlichkeit. — Wir sündigen im ßeben draußen gegen die erhabene jüdische Lehre: „Liebe deinen Nächsten wie dich'selbst." Aber jetzt liegt ja dieses Leben mit seinen Kleinlichkeiten tief unter uns und darum sollen ivir setzt Frieden mit Gott und Frieden mit den Menschen schließen. Lieber Leser,, min hast du genug; auch für dich kam: diese Rede nutzbar gemacht iverden. Du kannst ja ohne Sabbatscgen und Festtagsfrieden, ohne Erhebung in: Gebet) ohne Läuterung durch Gottes Wort bloß durch die Belehrung des Redners den Gottesstrahl in dich anfnehmeu und „ein wahrhaft reines Glücksgefühl empfinden, den Engeln in der Höhe zu gleichen". Was willst du noch mehr? Lassen wir den Vorhang fallen. Recht lesenswert ist die vorletzte Rede der Sammlung ' (Nr. 26) zur' Seele na „dacht am Schlußfeste von Rabb. Dr. Placzek in Brünn, worin das Thema inach dem Ausspruch unserer alten Weisen): „vierlei Menschen sind als Lebendigtote zu achten" sehr schön lind lehrreich niisgearbeitet ist. Zinn Schlüsse möge hier im allgemeine» eine beherzigensiverte Mahnung an diejenigen, ivelehe ihre Reden der Oesfenttichteit übergeben,' eine Stelle finden, d i e Mahnung, ivelehe schm: Abtaljon in den Sprüchen der Väter (1, 11) als Grundsatz siir die (belehrten ausgestellt hat, nämlich „mit den Worten gar s e h r p o r s i ch t i g zn sein". — Ein Beispiel möge hier gestattet sein. In de» „Grabreden", welche beim Leichenbegängnis des unvergeßlichen literarischen Philanthropen I. S.^ H a l b e rst an: von den Herren Rabbinern: Dr. Steiner, Dr. Horoivitz, Dr. Glaser, Dr. Günzig und Dr. Debsehütz gehalten ivorden sind, ist das edle und gediegene Wesen des Verblichenen genau und treu ohne jede Nebertreibnng von allen Rednern in trefflicher Weise geschildert ivorden. Und doch finde» ivir uns S. 6 einen Satz, der ganz nnrickckig ist, denn nachdem der Redner den allseitig gelehrten, bei/ erbt froimnen und echt tugendhaften Betrnnerten in seiner liebevollen Hingebung an die Nc'ensehen, der Wahrheit xzemäß gezeictmet hatte, ivie er bewundernswürdig war in sei' '° Frenndlichfeu, seiner Höflichkeit und seinem Wohlwollen g jedermann, sagte er: „im Wohlgefallen der Meuseben ein ,, .cm des gottlieben Wohlgefallens zn erblicken, d a s mar der Grundgedanke seiner edlen und frommen Lebensanschauung". Diese Behauptung ist nicht ivahr. Wohl muß dem Herrn Redner der schöne Ansspruch des Rabbi Ehaninn ben Dossa (Sprüche der Väter 0, 13) vorgescbivebt haben, daß derjenige, ivelchem durch seine Vorzüge und seine guten Taten das Wohtivoilen der Menschen zuteil ivird, geiviß auch das Wvlckivollen Gottes erhalten ivird. Aber iver darnach st r e b t, das W,ohlivol!en der Menschen zn erlangen, iver uni dem Grundsatz daraus hinzielt, durch seimß Wirlsamteit die Anerkennung seines Wertes zn erringen, verdient lein Lob, ebensowenig, ivie der, iveleher die Bescheidenheit sieh zum Prinzip seines Lebens m a ch t, indem er durch diese Tugend bei seinen tllebenmeiische» Lob sieb erringen ivilt. Hatberstams reine Seele Ivnr ganz und gar frei von der' Sucht, zn glänzen, Frei von dem Streben nach ttilihni; er tannte seine eigene (bröße, seinen bedeutenden Wert gar nicht; ihn beseelte die Liebe zur Wahrheit.^ Der Drang nach Erkenntnis, der nnbesehränkte Wille, ivie ein Fiirst freigebig zn spenden von seinem materiellen Wohlstand und von dem reichen Schutze seines Wissens. Hnlberstam wußte nichts von dem Strahlenglanz, der von ihm aiiSging, wie das (tzattesivort dies unserem misterblichen Lehrer Moses naehriihint (vergl. 2. B. M. 01, 20 und 4. B. M. 12, 0). . Aus diesem Beispiel ist zn ersehen, daß selbst bei einem tüchtigen Redner und beim verdienten Lob eines werivolle» Freundes ei» so mißlicher Irrtum entständeu ist, der gleichsam das Entgegengesetzte anSdrüett von dem, was der Redner fügen ivollte; nnd' dies einzig und allein, da die nötige Vorsicht beim Ausdruck nicht beobachtet ivnrde. Jeder nnbefangen Denkende, iveleher ans dein (tzebiete der Homiletik im Znhören oder Lesen die gehörige Umschau zu halte» Gelegenheit hat, ivird sicherlich erfahren, ivie oft nnd ivie arg an heiliger Stätte und bei feierlicher Gelegenheit gegen das Denkgesetz gesündigt ivird. Wi. s. b.