Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 32 (8.8.1902)
- Date
- 1902-08-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 32 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 8. August 1902 Seite 3 Dr. Herzl hatte ein in englischer Sprache abgefaßtes Promemoria eingereicht. Wir geben in folgendem den wesentlichsten Inhalt der Dr. Herz l'schen Denkschrift: „Ich bin österreichischer Untertan, habe vor sieben Jahren in Paris gelebt, mich dort mit der Lage der Juden in Europa beschäftigt und davon einen so gewaltigen Eindruck bekommen, daß ich ein Buch schrieb unter dem Titel „Der Jndenstaat". Es war damals weder meine Absicht, dieses Buch zu veröffentlichen, noch irgendwie in eine politische Bewegung einzutreten. Der erste Zionistenkongreh hat 1807 in Basel stattgcfnnden und ich bin damals ivie auf jedem späteren Kongreh zum Vorsitzenden gewählt worden. Meine Stelle als Haupt der Zionistenbewcgung bringt mich in nahe Berührung mit Juden aus aller Herren Länder und ich bin folglich tritt allen Angelegenheiten vertraut, die das Judentum im allgemeinen und an einzelnen Plätzen betreffen. Zn meinem Bedauern muh ich sagen, das; es mit dem Judentum heute schlechter bestellt ist, als da ich vor sieben Jahren meine Broschüre herausgab. Um nur das eine anzuführen: Damals war in England noch nicht die tatsächliche oder vermeintliche Notwendigkeit vorhanden, eine Einwanderungskommission einzusetzen. Ohne Ueberheluing darf ich sagen, dah ich bei der Veröffentlichung meines „Jndenstaat" die heutige Judennot in England vorausgesehen habe, denn in diesem Buche heiht cs: „Die Judenfrage besteht überall da, wo Juden in bemerklichcr Zahl leben. Wo sie noch nicht besteht, wird sie von den einwaudernden Juden im Laufe der Zeu hingetragen. Wir wenden uns' natürlich nach solchen Ländern, wo wir nicht verfolgt lverden, und dort bringt unsere Anwesenheit die Verfolgung mit sich. Dies ist in jedem Lande der Fall und wird selbst in den zivilisiertesten Ländern so bleiben — Frankreich nicht ausgenommen, — bis die Judenfrage eine Lösung auf politischer Grundlage erfährt. Die unglücklichen Juden tragen jetzt den Antisemitismus nach England; in Amerika haben sie ihn bereits eingeführt." Der wahre Grund der Einberufung der Komission sei darin zu suchen, daß zum erstenmale seit Cronnvells Zeiten Juden in größerer Zahl in England ansässig seien und in dem Wunsche, daß diese Zahl sich nicht in merklicher Weise vergrößere. Ueber die Frage, ob die Einwanderung an sich für England ein Segen oder ein Nebel sei, stehe ihm, als im besten Falle parteiischem Zeugen, kein Urteil zu. Möglicherweise seien die jüdischen Einwanderer gerade deshalb, weil sie bestimmte Tugenden, zum Beispiel Fleiß, Mäßigkeit. Sparsamkeit, in merklichem Grade besitzen, weniger willkommen, als wenn sie unverfälschte Laster besäßen. Die Verzweiflung, welche sich beim Auftauchen der Judenfrage der englischen Judenheit bemächtigt habe, sei nicht erstaunlich, da sie trotz aller Warnungen des Redners und Gleichgesinnter einem Zustande gegenüber unvorbereitet geblieben seien, der, wie sie hofften, niemals einlreten werde. Wundernehmen könne aber die Tiefe der Verzweiflung, die Größe der Nichtbereuschaft, welche nur die sinnlose (monstrous) Propositiou der örtlichen Verteilung als ein Heilmittel für das Hebet vorschlage, das mit Riesenschritten über und um die englischen Juden heraufziehe, genau so, wie das bereits anderwärts der Fall war. Dieser Vorschlag sei aus dem veralteten Geiste (antiquated spirit) jener „jüdischen Wohltätigkeit" entsprungen, welche für das Mittelalter ausreichle, gegenüber den veränderten Verhältnissen der Neuzeit ab r obnmmächtig sei: „In alten Zeiten hatte die jüdische Wohltätigkeit den Zweck, denjenigen, ivelche von Ort zu Ort reisten, und welche durch die Verfolgung an den Bettelstab gebracht touren, hilfreich zur Seite zu stehen, und das Leitmotiv mag zum größten Teil der Umstand geiveseu sein, dag man nicht wußte, wie schnell der heutige Almoseugeber zum morgigen Bettler tverden dürfte. Alle Juden waren, tvenn vorläufig noch nicht tatsächlich, doch voraussichtlich Brüder im Unglück. Aber zu jenen Zeiten tvar die Strecke, welche tion, die Deklamation zur Rezitation. Die hebräischen Worte sind schon an und für sich rhythmisch und die orientalische Rede wird auch sonst bald singend, namentlich sich' der Emohase, und dies umsomehr, wenn die ganze Menge spricht, in welcher der eine den anderen anfeuert. Es gibt keine Bühnenkunst, welche die Wahrheit der Gefühle stärker darzutun vermöchte, als dieselbe sich hier offenbart. Aber die Subjektivität des Gefühls bewältigt bald jeden einzelnen und so wie der Vorbeter sich immer mehr an die Brust schlägt, immer bleicher wird und beinahe in Ohnmacht fällt, dann wieder krampfhaft sich erhebt und aufrichtet, die Hände zum Himmel erhoben, und im Gebete, welches von der in sich gekehrten und wehklagenden Menge zum rasenden Zorn sich steigert, so stellt sich jeder einzelne in der Menge nach dem Grade seiner Erregtheit den Tonfall fast von dem leisen Murmeln und Schluchzen innigen Gebetes bis zumzügellosen, schwärmerischen Stöhnen, welches Nerven und Muskeln, das ganze Physikum in der Endanspannung erscheinen läßt. Aber gerade diese regellose Freiheit innerhalb der Schranken der Worte und des Rhythmus, bloß von der Kraft der Empfindung geleitet, dieser Individualismus in der Vielheit, die kongruenten Gegensätze erheben das Gebet zum brausend-wilden Gesänge, dessen Wirkung erschütternd ist, weil die Wahrheit der Empfindung sich offenbart, sowohl im Gesänge, der bald schleppend, zerrissen, kataraktartig und wieder absterbend ist, wie in alt' diesen Gestalte», von denen einige sich an die Mauer lehnen, andere sie eifrig küssen, wieder andere den Kopf an dieselbe schlagen, während noch andere ihre Worte an den Nachbar oder an den Himmel richten. Länger als eine Stunde tobte der Gesang, nur für Augenblicke vollständige Stille zulassend, wenu der erschöpfte Vorbeter leise weinend sich an die Mauer lehnte. Als wir uns entfernten, lächelte der freundliche Dolmetsch, wie es sich für einen aufgeklärten Mann geziemt, der Wächter folgte uns mit unerschütterlicher Ruhe, ich aber war tief ergriffen und staunte ob der Kraft der Tradition, welche durch Jahrtausende nichts von ihrem Zauber verliert. der wandernde Jude zu durchreisen hatte, eine Fußreise von vielleicht bloß einigen Meilen, und folglich brauchte ihm die beanspruchte Hilfe nur für eine kurze Strecke zu genügen. Heute aber sind die Kommuuikationsmittcl diesem wohltätigen System entwachsen, so daß die Londoner Wohltäter beispielsweise aufkommen müssen für die Wciterschiebung von Juden, die von Rußland nach Amerika emigrieren, und das alte System hat einen solchen Grad von Verwirrung erreicht, daß es sich schon nicht mehr allein damit befassen kann, den Leuten zu helfen, sondern das; das Geld, welches den Zweck hatte, die Juden aus ihrer elenden Lage zu befreien, dazu benützt worden ist, Tie in dieselbe wieder zurückzustürzen. Dies war hauptsächlich der Fall bei den rumänischen Flüchtlingen, welche nach England kamen und deren einziger Empfang in dem Remedium bestand: „Per Schub zurück in das Vaterland", ein Vaterland, in welches sic als Fremdlinge wieder zurückgelangen I! Das ist es, was ich gemeint habe, als ich sagte, daß das System der jüdischen Wohltätigkeit bankerott ist. Ihr wirklicher Zweck ist, Juden aus schlimmer Lage in bessere Verhältnisse zu befördern, wenn sie aber gezlvungen ist, sie aus besseren Verhältnissen in eine schlimmere Lage zu bringen, so ist das ein Zeugnis, das die Methode Fiasko gemacht hat." Dr. Herzl schloß mit folgender Apostrophierung der Kommission: „Es verbleibt demnach die Lösung, welche ich in meiner Broschüre «Der Jndenstaat" angedeutet habe. Natürlich möchte ich das, Ivas ich damals schrieb, jetzt nicht in seiner Gesamtheit in denselben Worten oder in den einzelnen Punkten wieder schreiben. Damals hatte kein Kongreß von Juden stattgcfnnden; seit der Zeit abr tvarcn deren fünf. Damals schrieb ich ohne Kenntnis dessen, was ich seither ans Gesprächen mit Juden gelernt habe; damals schrieb ich in keiner offiziellen Stellung. Aber das Prinzip ist aufrecht geblieben. Die Lösung der Jndenfrage liegt in der Anerkennung der Juden als ein Volk, und darin, das; sie ein rechtlich anerkanntes Heim finden, wohin Inden aus denjenigen Teilen der Welt, in denen sie bedrückt sind, naturgemäß wandern würden, denn sie würden dahin als Bürger gelangen, gerade weil sie Juden sind und nicht Fremde. Im Resultate würde dadurch der Emigrautenstroin von diesem Lande und von Amerika, ivo sie eine Last werden, sobald sie zu einer merklichen Zahl heranwachsen, nach einem Lande abgelenkt werden, wo den besten Interessen dadurch gedient wäre, das; man für die größtmögliche Anzahl Platz finden würde. Wpnn den Inden dort ihre rechtliche Position als Volk eingeräumt wird, so bin ich überzeugt, daß sie eine spezifisch jüdische Kultur, nationalen Charakter und nationale Aspirationen entwickeln werden, Ivelche zur Hebung der Menschheit führen würden. Ich stelle der Kommission anheim — ob sie die Lösung der Frage beeinflussen kann oder nicht — es nicht zu unterlassen, die von mir proponierte Lösung in Betracht zu ziehen und derselben den hohen Wert ihres Gutachtens angedeihen zu lassen. Was die Juden anbetrifft, so trage ich keine Bedenken, zu behaupten, daß die Lösung praktisch und durchführbar ist. Sie ist vor allem anderen diejenige, welche die unglücklichen Juden selbst willkommen heißen." An die Ausführungen Dr. Herzls knüpfte sich ein mehrstündiges „Kreuzverhör", an welchem fast sämtliche Mitglieder der Kommission teilnahmen, am lebhaftesten der Hauptwortführer der ganzen Fremdenhetze, Major E v a n s - G o r d o n §, der eine Reihe von Bemerkungen Dr. Herzls aufgriff und für seine Zwecke auszubeuten versuchte. Lord Rothschild parierte einige Klopffechter- Kunststückchen E v a n s - G o r d o n s', indem er mehrere Fragen desselben, aus denen der Antisemitismus Kapital schlagen konnte, genauer formulierte und Dr. Herzl Gelegenheit gab, feine Ausführungen näher zu präzisieren. Auf das „Judenstaat"-Thema ist von keinem Kommissionsmitgliede eingegangen worden. An die WiOHm von kt hohen Ästchen. (Der Antisemitismus der „Volkstribüne".) Die „Volkstribüne" fand endlich Zeit, sich mit uns zu beschäftigen und läßt in der Nr. 31 ihre Weisheit los. Da dieser Artikel einigermaßen das Strizzihafte vom Draschefeld verleugnet und in einem halbwegs anständigen Ton gehalten ist, so wollen Ivir nnS mit ihm beschäftigen. Wir wollen die Einleitung, die einen jeden Eingeweihten mit stiller Heiterkeit erfüllen muß, übergehen und gleich konstatieren, daß wir zur Ehre des Skribenten der „Volkstribüne" annehmen, daß er lein bewußter Fälscher, sondern nur ein ganz g e w ö h n - l ich er Lump ist. Derselbe kritisiert nämlich einen Artikel unseres Blattes, der angeblich „in einer der letzten Nummern" unseres Blattes gestanden ist, in W i r k l i ch k e i t aber nie darin st a n d. Er kritisiert nämlich die F ä l s ch u n g, die in der antisemitischen Presse seinerzeit und jetzt iviederum die Runde machte, und die wir zuletzt in Nr. 30 des „I. B." annagelten. Dieser Lump ist also so gewissenlos, über ein Blatt zu schreiben, das er gar nicht gelesen hat. Echt — Volkstribüne! Hierauf meint der edle Schreiber wörtlich: „Die Juden, die bei uns sein wollen, müssen eben aufhören, Jude n;u sein. d. h. alles abgestreift haben, was unter dem Worte „jüdisch" gemeinhin verstanden Ivird." Endlich ist dem edlen Tribunen das Geständnis entschlüpft: W er Sozi sein tv i l l, da > f kei n Jude sein. Merkts, ihr Juden! Er gibt eine Iveitere Definition dessen, ivas gemeinhin (er sollte sagen: gemein) unter „Juden" verstanden wird. Man höre und staune: „Wer Kapital bat und Kapital anstrebt, iver vpr keinem Mittel zurückscheut, um zu Geld und Einfluß oder zu einer dauernd gesicherten Lebensstellung auf Kosten der Allgemeinheit zu kommen, der kann kein proletarischer Sozialdemokrat sein . . . ."*) Ja, du lieber Himmel, man erkläre uns den Unterschied zlviscyen der antisemitischen Presse vom Schlage des „Deutschen Volksblatt" nnd der „Volkstribüne". Seit Jahren wehren nur uns gegen diese niederträchtige Wertung des Judentums in der antisemitischen Presse, und die „VolkSpawlatsche", dieses vorurteilslose, voraussetzungslose, aufgeklärte, freisinnige, freiheitliche Blatt haut in dieselbe Kerbe wie Schneider und Vergani. Doch wir wollen nicht weiter mit diesem elenden Skribenten rechten. Aber gestehen müssen wir, daß nnS der ethische Tiefstand der jüdischen Sozialdemokraten noch nie so vor Augen stand, als beim Lesen ihres Leibblattes. Taus e »de v o n I u d e n sind *) Wie gut paßt diese Definition auf manche sozialdemokratische Führer! in der österreichischen Sozialdemokratie; man findet sie als Führer ebensogut wie als einfache Genossen. Und so darf ein sozialdemokratisches Wiener Blatt schreibenI I Diese entsetzliche Selbstverachtung schreit zum Himmel. Jüdische Sozialdemokraten, wenn ihr noch einen Funken von Ehre im Leibe habt, so müßt ihr gegen diese gemeine Identifizierung des „I ü d i s ch e n" mit v e r ä ch t l i ch e r Profitgier » ii b Streber ei Stellung n e h m c u; wenn ihr als anständige Menschen gelten wollet, so müsset ihr die sozialdemokratische Presse zwingen, von dem euch anhaftenden Judentum nicht in dieser Strizzi-Tonart zu sprechen. Denn die „Volkstribüne" läßt sich nicht nur gegen uns so gehen. Man untersuche ganz objektiv nur die zwei letzten N u m m e r n dieses Schandblattes. Man findet z. V. in Nr. 30 einen Artikel, betitelt: „Gegen die Diätenjägerei". Es werden dem Dr. Geßmann mit Recht allerlei — Schmeicheleien gesagt. Dann heißt es wörtlich: „Der versteht das Geschäft. Au dem ist ein polnischer Jude verdorben." Wir fragen nun, bestand für ein „freiheitliches Blatt" irgend eine Nötigung, deshalb, weil der Antisemit Dr. Geßmann sich Geld macht — d i e polnischen Juden zu b c s ch i m p f c u? Das beweist, das; die Schuhmeier'sche Knüppelgarde dieselben edlen Gefühle beseelen, wie den Vergmri und Gregorig. Doch eine „Volkspawlatschen" ist viel reichhaltiger. Da findet sich eine Rubrik: V o n d e n H e u ch l e r n u n d F r o mm e n. Darin wirk ein mährischer Rabbiner mitten! zwischen Schändungen und Sittlichkeitsverbrechen von Kaplänen deshalb begeifert — weil — nun — weil er, um den Anstand im Tempel zu wahren, uugeberdige Schuljungen zurechtgewieseu, dabei mit dem Lehrer in Konflikt geriet und wegen Ehrenbeleidigung zu' einer kleinen Geldstrafe verurteilt wurde. Deshalb wird der Rabbiner „jüdischer Pfaffe", „roher koscherer Zelot", „der Bursche" genannt; weiter heißt es: „Die Juden sind „dumme Leute, wenn sie diesen rohen Pfaffen noch weiter in ihrem Futter stehen lassen. Es wäre schön von dem Herrn Rabbi, wenn er sich dem Sauhandel widmen möchte." Wir frsigen wiederum, ob irgendwelche „Interessen des arbeitenden Volkes" in Frage standen, die die „Volkstribüne" zwangen, diesen Rabbiner namentlich an den Pranger zu stellen? Weiter nagelt die „Volkstribüne", man merke es sich, die „Volkstribüne" und nicht etwa das „Deutsche Volksblatt", unter der Spitzmarkc „Antisemitische Judengeschäfte" cs an, daß der Stadtrat zikr Ergänzung des Standes der Sanitätspferde sich an jüdische Pferdehändler gewendet! Wir wollen das Hutschenblatt wörtlich zitieren: Wie dem „Amtsblatt der, Stadt Wien" zu entnehmen, hat der Stadtrat kürzlich folgenden Beschluß gefaßt: „Zur Ergänzung des Standes der Sanitätspfcrde ist der Ankauf von zehn Pferden zum Höchstbetrage von je 1000 K. durch die vom Stadtrate eingesetzte Pfcrdekommission, welcher auch der Stallmeister Friedl beizuziehen ist, zu genehmigen; hierzu sind Pferdehändler Wilhelm Glaser, Adolf Glaser, Grünfeld und Schlesinger einzuladen." — Die genannten Herren sind jüdischer Konfession. Sie wurden den niederösterreichischen bäuerlichen Pferdezüchtern vom Stadtrate angeblich deswegen vorgezogcu, weil sie bessere Pferde zum Verkaufe haben als die ländlichen Züchter und trotzdem billigere Preise forderten. Wie oft haben Lueger und seine Stadträte in Versammlungen beteuert, daß sie mit dem jüdischen Händlertum auf den Wiener Viehmärkten gründlich aufräumen und nur mehr bei den bäuerlichen Produzenten direkt taufen lverden. lind in Wirklichkeit lassen sie die Bauern im Stichel — Mcrkt's, ländlicher Landtagswähler! Wir fragen abermals, worin sich der Antisemitismus der „Volkstribüne" von dem Antisemitismus des „Deutschen Volksblatt" unterscheidet? Die Nr. 31 erzählt uns von „jüdischen Gntspächtern" in Galizien, als ob dies zur Beleuchtung des Feldarbeiterstreiks etwas beitrüge, dann Ivieder vom Dr. Geßmann, „daß dieser wackere Mann, der in seiner Physiognomie den Juden und den Jesuiten zu gleichen Portionen in einem köstlichen Gemisch zur Schau trägt". Jeder Objektive wird nach dieser flüchtigen Du r ch s i ch t von nur zwei Nummern uns recht geben, daß die „Volkstribüne" ebenso die trüben antisemitischen Instinkte der Massen nährt, wie die antisemitische Presse; der Unterschied ist nur, daß es nicht im Nmnen des Christentums, sondern im Namen der „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" geschieht, also in noch perfiderer Weise. Kehren Ivir nun zu unserem Ausgangspunkt zurück, so Ivirft uns der Lump von der „Volkstribüne" vor. daß wir von der sozialdemokratischen Presse verlangt hätten, die jüdischen Kapitalisten zu schützen. Ganz im Gegenteil! Wir haben der sozialdemokratischen Presse vorgeworsen, das; sie zuviel mit den jüdischen Kapitalisten verkehrt und an das jüdische Proletariat ganz vergißt. Wir belviesen, anläßlich der BorySlawer Affäre, daß die „Arbeiter-Zeitung" mit d e r L ä n d e r b a n k gegen die kleinen Inden an einem Strang zieht, wir bewiesen neuerlich anläßlich der rumänischen Emigration, daß die „A.-Z." Platz hat für allerlei großkapitalistische Interessen, nur nicht für das jüdische Proletariat. Man erfährt aus der „A.-Z.", daß Generaldirektor Jeitteles von der Nordbahn ans einige Wochen verreist ist, aber nie von dem Elend der rumänischen und galizischen Juden. Die verhüllte Drohung am Schlüsse des Artikels, voll den „zu wenig Antisemiten" käßr uns kalt; wir quittieren sie mit der gebührenden Verachtung. Die „dcurschfreiheitliche" Koalition scheint auf die Gehirnchen der „Pawlatschcn" gewirkt zu haben und ihre kleberzeugungen drehen sich ivie ein Ringelspiel. Also, auf Nimmerwicderseheu! Ans Sarajevo. (Original-Bericht des „Jüdischen Volksblatt".) Ter Bericht über die „Steuer der spaniolischen Inden m Sarajevo", welcher in der vorletzten Nummer des „Jüdischen Volksblatt" erschien, machte in Sarajevo begreifliches Aufsehen. Es wurde darüber viel debattiert, jedoch konnte man sehen, ivie der größte Teil der spanischen Juden mit einem Lächeln auf dem Munde sich darüber ergötzten, daß endlich einmal eine Zeitung sich erlaubte, wahrheitsgemäß davon einen kleinen Auszug zu bringen. Wenn