Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 32 (8.8.1902)
- Date
- 1902-08-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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W”(('f<. l'rt'it.’i' -Jiidisnhes Volksblatt S. August 1902 Seite 2 Nr. :(2 Po» V. Pvllnt. Wie lißiiu kin jiikliiini fünniji ■i. Cberfläclilicü lutvaduct man die ^tilciu besveockieue Bildung einer Genoß'eiiseliaft fitv de» kleinen jüdischen Hmidivcrter vielleiebk keine große?ine-iicht auf (iTfoIn kneten. 3fav iväre eben eine nnriebtize Anffossninf. Wollt findet man nneli bei nnterseliiedlielie» Kleingelvcrbetreibenden nicht selten die Anzeige: „Üieparatnren lverden angenommen". Weit verbreiteter ist fedoeli in dieser ttlichtniig die Ansicht der .Hnlwfraneii, das; eo sieb entschieden beute nicht inebr lohnt, irgend erivn-? reparieren zu lasse». 3o ifr'v bezüglich verschiedetu'u Hauohalrung^ und Einriebtnngc-gegenstäiide und ganz besonders inbezng ans .Kleidungsstücke, iratsäeblich lverden diese nur mehr balblvegs ausgenützt: niebt iveil eo unsebicklich iväre, anständig reparierte Kleider zu tragen oder aber ivenig abgenützte, ettva für einen Sckuilknaben uniändern zu lassen, sondern lv e i l es sich d u r eb a u s n i eb t lohn r, d i e v e r b ä l t n i s m ä ß i g z u tau e Üi e p a r a t ur zu b e zahl e n. Solcher Arbeiten gibt es hunderterlei, und gewiß müßte so manches Wirtsrhastsbudget nicht mit demselben Defizit schließen, lvenu es leichter möglich Iväre, die Anschaffung »euer (Gegenstände „auf Raten" zu unterlassen. Damit soll sedoeb dem Kleingeiverbetreibenden kein unbegründeter Vorwurf gemacht lverden. Üieparaturarbeit ist eben für einen Meister nicht lohnend. Deine eigene Arbeitskraft scheint ihm dafür in den »leisten Fällen zu ivertvoll oder umgekehrt — der zu reparierende Gegenstand steht zu der besseren Arbeitskraft nicht im richtigen Verhältnisse. Doll aber für solche Arbeit der Gehilfe bezahlt werden und der 'Vfelfter rechtmäßig auch noch davon Nutzen ziehen, so ist es nur die natürliche Folge, dag der Arbeitslohn ü b c r seinen reellen Wert e r Höhr lverden muß. In unserer projektierten Genossenschaft dürfte das jedoch anders lverden. Zwar sollen es hier eben auch selbständige Handwerker sein, die sich zu gemeinsamer Arbeit verbinden, aber es werden doch zumindest solche sein, die vom Dchicksale härter getroffen, sich bisher mit ganz unzureichenden Betriebsmitteln nur äußerst mühsam fortbringen können und die mit beidcnHänden nach einer Arbeitsgelegenheit greisen werden, w e l eh e es ihnen ermöglich t, i h re Familien zu e r n ä h r e n. Wer könnte es leugnen, daß es solcher jüdischer Handwerker in Hülle und Fülle gibt? Und ist nicht anzunehmcn, daß es wie die Verhältnisse heute liegen, in absehbarer Zeit nicht ihrer noch viel mehr geben wird? Betrachten wir doch die bereits begonnene Aktion unserer Gegner, wie sie sich zu gemeinschaftlicher Arbeit zusammentun wollen und vorläufig für die Gesanitheit einer Ka.egorie von Kleingewerbetreibenden — der Schuhmacher — Hilfe von Staat, Land und Gemeinde beanspruchen! Für die Gesamtheit? — £ »ein; der jüdische Kleingewerbetreibende wird von solcher Hilfe wenig verspüren; er wird abseits unter dem Dache stehen, wenn es auch für andere .Manual) regnen sollte. Und darum mutz etivas geschehen, ehe es zu shät wird. Unsere angeregte Genossenschaft könnte nun, wie es auch für die Verkaufsgenossenschaft gedacht wurde, entweder für nur eine Kategorie von Handwerkern allein gegründet lverden. oder aber könnten sich mehrere gleichartige Handwerke zu einer solchen Genossenschaft verbinden. Das Nichtigste wäre in beiden Fällen ein F o r t s ch r e i t e n aus kleinen Anfängen heraus. Nehmen wir z. B. an, es wäre vorerst eine „Genossenschaft jüdischer. Schneider für Reparaturdaß der „Haram" niederer liegt als der älteste Stadtteil Jerusalems, wo einst die Burg Davids stand und sich noch heute eine Zitadelle besindet, während das Volk nach den Worten der Schrift auch von hier zum Tempel „hinaufstieg". Aber neuere Nachgrabungen haben erwiesen, daß sich zwischen diesem alten Stadtteil und dem „Haram" ein tiefes Felsental hinzog. daß man — bevor die Jahrhunderte dieses Tal verschütteten — auch van hier zum Tempel „hinaufsteigen'" mußte, wenn man dahin gelangen wollte. Es wurde auch konstatiert, daß die den „Haram" auf allen Seiten umgebenden Mauern an der südlichen Seite, wo sich das Felsental hinzog, bis an den Grund des Felsentales reichten, bis 20 Meter unter der Erde. Im ganzen haben wir es daher hier mit einem durch Mauern umgebenen, auf der Felsenhohe gebildeten Plateau <u tun, das bereits dort, wo es an die Stadt grenzt, im Norden und Westen, neben ausgeschültetem Boden liegt und nur dort, wo seine Mauern auch die Stadlmauern btlden, jäh abiällt, im Osten zum Kidron, im Süden zunr Hinointhale. Dieselben Grabungen, welche eine englische Expedition unier Führung Warrens neben den Mauern vornehmen ließ, dienten zu der Beweissührung. daß diese Mauern tatsächlich die äußern Mauern des nlt>n (zweiten) jüdischen Tempels gebildet haben. Man fand rote Zeichen und Buchstaben in Steine gehauen, einen Krug und andere phönizische Ueberbleibsel, und während die sichibaren Mauerteile überall aus das Miuelalter Hinweisen, staunneu die Mauern in der Erde sämtlich aus einer viel älteren Zeit. Die „Grundmauern" beginnen sämtlich zehn Meter unter der Erde und bestehen aus orvßen, behauenen und geglätteten Steinen, die ohne Bindematerial so genau aus einander gefügt sind, daß man nicht einmal eine Messerklinge zwischen sie necken konnte. Wie überall, so bilden auch hier die riesigen Dimensionen der einzelneit Steine den besten Beweis der Antiquilät Solche Teile der Mauer erheben sich nur an wenigen Stellen so hoch, daß sie auch sichtbar sind. Dies geschieht vornehmlich an a r Veit v o n .H c r r c » g a v d e r o v c", die gegründet werden : foll, sv veeeden fielt vielleicht ninangs nicht Zit viele, jedensalls aber solche Arbeiter dieser Branche zmii Beitritte melden, die in ihrer l bisbcrigen Selvständigkeit kein Aliskvuuneii finden. Es lvird jedoch zu verücksichtigeii sein, daß, mit der Zeit, und ganz besonders, ivenn die Genossenschaft vrvsperierea lvird, sich derselben nach und »ach neue Mitglieder anschließ,eit lverden. Das eine aber sieht fest, das; unsere Genostciischafter, lvemi sie auch für de» eigenen Betrieb z» setlivaeh situiert sind, keinessalls niiiiderlvertige Arbeiter sein lverden, als i>* diejenigen sind, welche bei den bestehenden Schneu derineistern Rcvaranirarbeit vornehinen. Fm Gegenteile — während es vier der Brauch isk, Reparaknren von iiiltergevrdneteil Hilfskräfte», zliinrist bloß von Lehrlizigen Herstellen zu lasten, sollen es in unserer Genossenschaft durchwegs geübte Lenke sein, lvekehe diese Arbeit verrichten. Es lverden dies Meister sein, lvelche keinesfalls mir oberflächlich arbeiten, sondern sich alle Mühe geben lverden, ihre gemeinsame Werkskätke in gnken Viuf zn vringen und sie lebene-sähig z» erhalten. Unsere zukünftigen Genossenschafter sind ernste, jüdische Arbeiter — >ie lverden, beute dem Untergange so nahe, das rekkende Schiff geiviß, nicht znm Sinken bringen ivollen. Daran ist also nicht zn zweifeln, daß unsere Arbeiter leistnngssähig sein lverden. Selbstverständlich müsste einer der Tüchtigsten und Verständigsten ans der Genossenschaft mit der Leitung der Wertstätte beziehiingslveise der Ueberivaelmug und Einteilung der Arbeiten betrank lverden. Wenn nun berücksichtigt lvird, daß der Verdienst mir linker die Mitglieder allein verteilt lverden soll, indem derjenige Teil, der sonst dem Meister znlömmt, ivegsällt; lvenn weiters berücksichtigt lvird, daß, sich der Einkauf von Materialien aller Art, wie sie in einem solchen Betriebe gebraucht lverden — also Tn eh. Samt, Seide, Kloth, Leiulvand, Knöpfe und dergl. — in größeren Dmmtitäten viel billiger stellen lvird; wenn endlich augeaommen lvird, daß die Genvssenschafk sich immerhin auch maschineller Einrichtmigen — so weit sic eben für Reparaturarbeiten in Betracht kommen können — viel leichter und zweckmäßiger wird bedienen können, als eS dein einzelnen möglich ist; so genügt schon das allein, um m i t B e st i m m t h e i t sagen z u k ö n n e n: nnscre Genossenschaft lvird die ihr anvertrauten Arbeiten b e s s e r, r a s ch e r und dabei lv e i t billiger Herstellen, als cs irgend ein noch so guter, selbständiger Meister zu tun imstande ist. Sie dürste daher auch gegründete Anssichk haben, slott beschäftigt zn lverden und dann lvird sie sich auch gut behaupten. Jedenfalls ist das vorgesteckte Ziel, den kleinen jüdischen Handwerker vor dem Untergange zu retten, u n s ch!v e r z u e r - reich e n. Sollte auch die Geiiossenschaft ihre Mitglieder nicht gerade zum Wohlstände führen, so lverden sie poch innner ein weit besseres A nskv m m e n finden, als es setzt der Fall ist. So ein armer jüdischer Handwerker ist überhaupt genügsam und stellt keine übertriebenen Ansprüche an das Leben. Er verzichtet von vornherein gerne ans die „siichzehn G'spritzte" und noch einige Krügel „Puls" oder „Lager", die so mancher seiner jetzigen Konklirrcnten am Sonntage nicht entbehren zu sollen glaubt; der M o ii tag mutz bei dem südischen Handtverker auch nicht gerade „b f a ti" von Farbe sein —• kurz, dem jüdischen Genossenschafter wird es zlveiseltos genügen, wenn er Anfangs das tägliche Brot für sieh ulid seine Familie ohne zn großen Kummer wird verdienen können. Koinmt es dann besser, nun — so lvird er es verstehen, für spätere Zeiten etwas zurück zn legen. Bis hierher wären also k c ine b e s o n d e rat S ch lv i erigkciten zn überivinden. Mag auch so mancher, der den Kamps um die Existenz in seiner iraurigeu Gestalt nur iwin Hörensagen kennt, die Durchführmig der proponierten Genossenschaft — weil der Erfolg nicht schon im vorhinein sichergestellt erscheint — als zwecklos oder gar undurchführbar halten; mögen der östlichen Seile, dem Oelberge gegenüber, wo sich der Felsgrund selbst stark erhebt. Am südlichen Ende der Mauer bestehen 15 Steinschichten aus solchen Monolithen, wie sie auch am nördlichen Ende Vorkommen. Die Länge einzelner Sleine beträgt acht, die Höhe zwei Meter. Aber auch am südlichen Ende der der Stadtzugekehrtenwestlichen Mauer besindet sich ein solcher aller Mauerrest, der berühmt ist in Jerusalem und weit darüber hinaus in der ganzen Judenschast als die „Klagemauer". In den Hos des Haram-ek-Scherisf setzt kein Jude den Fuß. Gerade darum, weil dort einmal der Tempel des Herrn stand. Denn wer könnte sagen, aus welchem Fleck des weiten Raumes das Allerheiligste sich befand, jener Ort, den nur der Oberpriester betreten durste und auch dieser nur einmal im Jahre, wenn er den unaussprechbaren Namen des Herrn aussprach. Der Jude betritt daher nicht diesen Platz, um nicht unbewußt über jenen heiligen Ort zu schreiten. Aber er geht zu jenem Teile der äußeren Mauer, non dem er auch glaubt, daß er ein Ueberbteibset der alten Tempelmauern sei, um die Zerstörung Zions zu beweinen. Am Abend, wenn sie das Ansgehen der Sterne erwarten, besonders aber am Frettag-Äbends, versaimneln sich die Juden zu hunderten an dieser wüsten Stätte. Denn dieie Glätte ist wirklich lvüst. Durch den Dolmetsch des Konsulats, einen rechtschaffenen Armenier, geu'ihrt und von dem bewaffneten Wächter des österreichischen Hospizes begleitet suchte ich diesen Ort auf. Durch enge, schmutzige, dunkle Gäßcheu, schritten wir. manchmal einige Treppen empor oder einige Treppen htnab, bis zur Mauer. Diese Gassen sind kaum so breit, daß man seinen Arm ansstrecken könnte. Aus dem Pflaster liegt der Straßenkot mit Kehrichtabfälleu. Die Eingänge in die Häuser sind kaum von halber Manneshöhe. Aus den feuchten, braunen Mauern blickt kein Fenster auf die Gasse. Im Dunkel der Torhöhlen hockt hie und da eine finster, ein Lumpen gehüllte Gestalt. Das ist der Stadtteil des Maghrebis. Unter „MaghrelO wird das nordandere davon fest überzeugt sein, daß es sonstige llnteriiehinungen gibt, die weit mehr Nutzen ablvcrseu, als es in uusereu Genossensehasteu der Fall sei» kann — es brauchte uns lvahrtich nicht davon abznhalten, den Versuch zu wagen, Nicht weil wir uns au das Sprichlvort halte» sollten: „Wer wagt, der getviuut" — dazu iväre es denn doch ein zu herzloses Spiel; handelt es sich ja um Halbverlorene, wenn nicht gar dem llutergangc nahe Existenzen. Aber die bestehenden Verhältnisse drängen den Inden mit alter Macht dazu, sich dessen zn erinnern, daß seine Religionsgesetze, obwohl schon sehr alt, so doch s o z i a l d u r ch tränkt h'ind. Was ihm einst „Fremden" oder „Sklaven" gegenüber zn halten von feinem weisen Gesetzgeber i m Sinne reinster Menschenliebe vorgesei)rieben lvnrde — Mitleid, Mitgefühl - f) e n t e in a g e s sei n e n B r ü der» z n g ir t c l o nt in e n. Der Sklave hatte allerdings keine Freiheit, relativ aber auch leine Nahrnngssorgen; der arme Jude von heute darf lvohl frei hernmgehen, dafür aber lvird ihm ein Nahrnngszweig nach dem anderen abgesehnitten. Der Wobktätigleitssinn unter den Inden hat sich glücklicherlveise immer noch bewährt; er lvird auch dann nicht versagen, lvenn es sieb darum Handel» sollte, Existenzen zn erhalten. Und damit lväre doch auch b e i G r ü n d n » g unserer Genossenschaft, wie sie für den kleinen, pekmiiär mir sehr schwachen jüdischen Handwerker vroponiert lvird, zn rechnen, denn von „Selbsthilfe", lute sie bei sonstigen Genossenschafken gedacht ist, fttmt hier nur in sehr beschränktem Sinne gesprochen lverden. Die verhältnismäßig nnbedentenden Geldmittel, lvelche f ii r d c n Anfang nötig sind, wäre» also znm großen Teile pon wohlhabenderen GlanbenSgeiiosseii mifzilbringen. Es bestehen aber mich Vereine zur Unterstützung armer jüdischer Handlverker und sonstige ähnliche Vereine — ein Darlehen an die Genossenschaft von dieser Seile lväre wohl auch nicht mehr gefährdet, als es bei den .'.inzclni'ii Kleingewerbetreibenden oft der Fall ist. Die Einleitmig dieser Aktion soivie die Durchführung des Ganzen liuirj: endlich vom „I n d i s ch en B o l ks v e rtz in", desseit Tendenz ja znm größten Teile eine „lvirtschastspoliiische" ist, anfzllnehmeii. Bei der e ni i n e n t „sozialen Ström n n g, die in dem genannten Vereine herrscht — die aber i e in e s f n l l s dahin geht, von o b e n herab a u s z u g l e i - ch e n, sondern umgekehrt, die untersten Schichten wirtschaftlich zu heben — darf wohl angenommen werden, daß dessen Leitung die gegebene Anregung nicht un üb erd acht lassen lvird. Die angeregte Idee, rein jüdische freie Erwerb su n d Wirt s ch a f t s g e n o s s c n s ch a s t e n zu gründen resp. deren Gründung zn fordern, wäre gclviß nur i nt R a h m c n des h e r r l i eh e n P r o g r a m m c s der Jüdischen Volkspartei gelegen und schön darum nicht unwichtig, lveil das lvirksamste Mittel gegen „j u d e n r e i n" nichts anderes als „r ein j ü d i s ch" sein kann. (Schluß folgt.) Dr. Herst vor der Einwanderungs- Kommijfion. London, Ende Juli.*) In der vergangenen Woche hat Dr. Theodor H e rz l aus Wien vor der Einwanderungs-Kommission seine Aussagen gemacht. Es hatten sich zahlreiche Zuhörer, Zionisten und Nichtzionisten, aus dem Ostende eingesundeu. Mit Ausnahme des Mr. Lyttleton waren alle Kommissionsmitglieder anwesend. Vorsitzender der Kommission war Major Gordon, der Präsident des „Bundes der englischen Brüder". *) Verspätet eingelangt. Anm. d. Red. westliche Afrika, Tunis, Algier, Fez und Marokko verstanden. Die Juden, welche als Pilger Jerusalem anfsuchen, wo sie oft jahrelang bleiben, erheben ein Anrecht auf diese elende Häusermasse, in der jeder neue Ankömmling ein vakantes Loch zur Wohnung sucht. Es ist für Fremde nicht geraten, hier allein zu gehen. Es gibt Stellen, wohin man nur durch bewaffnete Macht gelangen kann. Juden und Mohamedaner leben auch hier friedlich nebeneinander. Schließlich gelangten wir auf einen freien, wenn auch engen Platz, wo sich eine von der Zeit mitgenommene mächtige Steinmauer über die Hütten erhebt. Wir langten früh an. Wir sahen nur die öde Mauer in ihrer düsteren Erhabenheit. Ihre Höhe beträgt hier an zehn Klafter. Jener Teil derselben, deren Antiquität in die Augen springend istz mag eine Länge von 20—25 Klafter haben. In neuli Schichten liegen hier die mächtigen Monolithen übereinander. Da und dort sind Sprünge, überall ist der zerstörende Zahn der Zeit wahrnehmbar. An einigen Stellen sprießt Gras zwischen den Steinen bervor. Weiter hinauf besteht die Mauer aus fünfzehn Schichten kleinerer, neuerer Steine. In tiefer Stille kommen die Juden, einzeln, zu zweien, zn dreien. Die sephardischen Jllden unterscheiden sich im Aeußeren durch nichts von den Arabern, nur daß sie zmneist gelbe Turbans tragen. Die Afchkenasim sind deufch sprechende Inden. Verschleierte Frauen kommen auch hierher, ganz in Weiß gekleidet. Einzelne Gestalten gelangen bereits au die Steinmauer und murmeln leise etwas vor sich hin. Viele, namentlich die Sephardim, tvelche die orientalischen Sitten eher befolgen, legen die Sandalen ab, denn dieser Ort ist heilig. Auf einmal, während sich fortwährend neuere Ankömmlinge ansammeln, schreit der eine im Tone des brennenden Schmerzes einen abgerissenen Satz in die Luft und das Mincha-Gebet nimmt seinen Anfang. Die Leidenschaft steigert das HersaMl zur Deklaman