Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 32 (8.8.1902)
- Date
- 1902-08-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Rrdarlwn: n/8. Leopoldsgasse 49. t nx> wuciaitnaMi eo» 3 >n« 4 Uhr natimuttaaft p.stabttfl»: AüdtMTlY KoUSdlatt, Wie«. II!» Nesihkrrr^rn wegen neviväteter oder -.>ar nt^t erfolgter -lustelku^g erbitten wir ans drinvens - Mrannfeetvle weede» «ISt znritSgeftellt. Vostfparea^en'iionlo jVh\U'/ In ba£ Höonnraiem kan» man täflltrö dtttttten. nntwc fflit&Jir.k.mm ÄBt vom füdlfchen Volks- Verein Wr ttm ommtr ftp u- SjuvmOC übernetzmen die Firmen: I. Donneverg, üH. DukcS, Hassen» Vf!* » Vogler, Rudolf Moffe, «. Oppelik. M. Bozjonyi, «. Schalek in Pieri. ferner alle ^.nnoncen--Expeditionen im ÄuSlande. ^mf^iSlnmmre i« Wien 16 Heller. AVt'vrTn'rh Pdtun; II/3. Leopoldsgalle 49. TeleHhon-Nr. 14723 «lwonemeutSveeiS: Telephon-Nr. 14723 Für Äiüte« u. ^efierretch-Uugarn sammt Franeozuftellung. «anzjätzrig ^ierieljäbrig. . »r. 8.- , 4- . 2.- Für daS ncfnmmtc AuSIaud sammt Fraiicoiiisieklung. Ganzjährig halbjährig , iierteljährig ffr. 0- * 4.50 „ 3.25 -H Ur. 32 Heu, 8. August 1902 (5. Ab 5662). IV. Jahrgang. Rückblicke und Voraussagen! 8. Nur eine kurze Zeit trennt uns von den Landtagswahlen und überall am Lande steigen schon die Raketen auf, die das Signal zu dem Wahlkampfe geben sollen. In Wie n hält noch die Hundstagshitze die Geister gebannt; aber in ein paar Wochen wird die „Hetz" losgehen. Ist doch der Preis kein geringer, um den diesmal gestritten werden soll: Die Niederwerfung der Christlich-Sozialen in der Landstube und eine „d e u t s ch f r e i h ei t l i ch e" Majorität. Das verkünden wenigstens die liberalen Wahlmacher und die großen „deutschfreiheitlicheu" Tagesblätter, die bekanntlich die Freiheit genießen, ungestraft sich blamieren zu dürfen. Schon feit einem Jahrzehnt fast wiederholt sich dasselbe Schauspiel: Vor jeder Wahl, sei es in den Gemeinderat, Reichsrat oder Landtag, treten gewisse Taschenkünstler auf den Plan und zaubern in den unterschiedlichen Zeitungen der gläubigen Menge eine Fata morgana vor. Wie seinerzeit der Cbarlatan auf dem Markte preisen sie jedesmal irgend ein Mittel in den höchsten Dithyramben ihren Getreuen an, durch das „unfehlbar" Lueger und sein Anhang, die Strohköpfe, Strohmänner und Strohbäche, gestürzt würden. Jedesmal hat dieses unfehlbare Mittel bis jetzt die Hoffenden im Such gelassen; aber die Herde folgt noch immer dem Leithammel. Was hat nicht schön alles die geistige Nährmutter der Opposition, die „N. F. Pr." gegen Lueger losgelassen; das Wiener Kotmeer, den Zusammensturz der Gaswerke, die Wüste auf der Wienzeile; nichts hat geholfen (dabeizeigte es sich wieder, wie inferior die reichsdeutsche Journalistik ist. In Berlin werden gegenwärtig auch die Straßen aufgerissen, ohne daß es der oppositionellen Presse eingefallen wäre, daraus ein Argument gegen die Stadtverwaltung zu schmieden; die „hellen" Berliner meinen nämlich, daß man Schienen und Leitungen nicht legen kann, ohne die Straßen anfzureißen.) Da versuchte man die Sache anders; Lueger ist durch eine radikale Gegnerschaft in bie Höhe gekommen; machen tvir's ihm nach. Mit dem Nachmachen ging's aber nicht so leicht. Die lieben liberalen Gemeinderäte und Abgeordneten sind im Grunde genommen mit sich und der Welt sehr zufrieden; sie haben ihre Schäfchen im Trockenen und mehr will man doch nicht. Wenn nicht die Zeitungen wären, die ewig über die Christlich-Sozialen raunzen, so wäre es eigentlich ganz hübsch auf dieser Erde eingerichtet; denn wenn einem die Sachen zu bunt werden, so geht man nach Paris oder nach Abbazia. Wählersch merzen existieren für dirse Herren micht, höchstens K n o p f I o ch s ch m e r z e n. Mit dicken Uiscbat) bca\ij. Die Sonnen sinken. — Verwirrt, verstaubt Die Blätter wie Tränenfallen. — Ich fühl' den Schmerz, wie er mich entlaubt Mit reißenden, krummen Krallen. Geblendet mein Aug' dom Sturz der Sterne, Erloschen die Kraft zmn Kampfe —■ Entschlafen auch« wollt' ich schmerzensgerne Aus ringendem' Todeskrampfe. Ein Strahl, ein Gedanke in mir wacht: — Gott ewiger, dn dich! erbarme! Mein Stern', meine Sonn' versinkt in Nacht, Mein Volk versinket — das arme! Anselm Lütwak. Max Liebei. Judas Harfe. Und Judas Harfe fand ich einst . . . Auf duster-schroffem Bergesgipfel Mit Eisenfesseln stark gekettet . . . Mit starker. Hand zerbrach ich ihre Vairde Und trug sie, leise, ivie ein schlummernd Kind Zur nahen, stillen Meeresküste . . . Da spielten schmeichlerische Meeresbrisen Liebkosend in den goldnen Saiten, So daß sie leise, hörbar kaum, ertönten. Und innig-wehmutsvoll gedachten sie Der fernen Wunder und entschwnndner Pracht. Bäuchen und goldenen Ketten stürmt man keine Barrikaden. Es war eine mißliche Sache; endlich aber, da die liberalen Tagesblätter, die die Sache aus dem ff verstehen und bekanntlich seinerzeit schon zu dem Sturze eines Regimes — es war zufällig das liberale — das Meiste beigetragen haben, keine Ruhe ließen, wurden die Klubjuden ins Vordertreffen geschickt. Dr. Mittler und Zifferer mußten sich ausschließen lassen. Aber der Effekt war wieder derselbe; die Bevölkerung blieb ganz kühl und am Tage der Ausschließung Dr. Mittlers stürmten keine erregten Volksmassen das Rathaus, wie es sich die erregte Phantasie eines Reporters vielleicht ausgemalt hatte. Also, die Eroberung Wiens bleibt bis auf Weiteres verschoben und der General Eduard Sueß zog sich auch deshalb grollend ins Privatleben zurück und wird nur hie und da durch einen Reporter aus seiner Ruhe gestört, der seine Ansichten über den Ausbruch des Mont Pelee, über den Einsturz des Glockenturmes von Venedig, über den Wolkenbruch von anno dazumal und dergleichen Dinge erfahren will; seine Aussprüche laufen gewöhnlich darauf hinaus, daß er die Katastrophe schon lange vorhergesagt hat, und daß sie nicht eingetroffen wäre, wenn man ihm gefolgt hätte (siehe Wieder eroberung von Wien und die Ueberwölbung des Wienflusses.) Der neueste Schlager aber ist die Wiedereroberung von Niederö st erreich durch eine deutschfreiheitliche Koalition. In mehreren Artikeln wurde schon in diesen Blättern bewiesen, daß der Name „freiheitlich" wie die Faust aufs Auge für diese zusammengewürfelte Gesellschaft paßt. Die selig entschlafene Koalition Windischgrätz-Plener war einheitlicher als diese schreiende Vereinigung' vom dmckelsten Blau des alten Adels bis zum dunkelsten Rot von Adler und Schuhmeier unter Patronanz von Wrabetz und Völkl. Es ist nicht ausgeschlossen, aber durchaus nicht bestimmt, daß diese Koalition auf dem flachen Lande ein oder das andere Mandat den Christlich-Sozialen entreißen wird; wie aber, selbst einen größeren Erfolg angenommen, diese disparaten Elemente Einheitlich im Landtage arbeiten könnten, bleibt ein Rätsel. Der hitzige Streit, der jetzt im böhmischen Landtage unter den „Deutschfreiheitlichen" um einige fette Stellen entbrannt ist, bildet ein Präludium für die künftigen Reibereien, nur mit dem Unterschiede, daß in Prag die Liberalen den fetten Bissen den Radikalen, denen schon der Mund darnach wässerte, wegschnappten, während in Wien die Deutsche Volk spartet wahrscheinlich der lachende Erbe sein wird. Und das kann uns Inden höchst gleichgiltig sein, ob in der Landstube der Antisemitismus des Prof. Richter oder der A n t i s e m i t i s m u s des G e ß m a n n tonangebend ist. Sie sangen von Egyptens Zaubervolke, Von Asiens dunkel-wilden Söhnen, Hispaniens schattenreichen Säulenhallen, Der Großmut Persiens, Indiens Schätzen, Von Juda s stolzem, ausertvähltem Volke, Von seiner einst'gen Herrlichkeit und Größe . . . Hub süße, schöne Wassernixen, Mit nassem, goldnem Lockenhaar, Und klugen, neugierigen Augen, Stracks tauchten von dem Meeresgrund empor Und lauschten dem Gesänge . . . Und stärker schlug der Wind die Saiten Und heller tönten die Akkorde. In brausend-vollen Tönen Erzählten sie von einem heil'gen Tempel Und lveisen Männern, tapfern Führern, Von hohem Ruhm und großen Ehren . . . Dn plötzlich bricht aus allen 'Fugen Des Sturmes ungestüme Kraft, Rasend und mit Donnertosen, Daß bestürzt die Nixen fliehen, Peitschet wild btc Saiten er. - Und die hohen, Wellen Spritzen höhnend, weißen Gischt auf sie, Daß sie bitter stöhnen . . . Unter dem Drucke Biegen die Saiten weit sich ans, Doch sie bersten nicht . . . Und sie lvimmern Und sie schluchzen Von Belagerung, Zerstörung Und von langer Knechtschaft, Unterdrückung, Tiefer Not mtb bangem Elend . . . Und fort rast der Sturm und wütet. Bis die dunkle Nacht sich breitet . . . Inda! Wie gleicht dein Schicksal der Harfe I K u m m e r u n d herbes Lei d, n u r erhell t V o n!v i n 3 i g e n F ü n k ch e n des Glücks. In Wien werden jedenfalls die Christlich-Sozialen ihre Mandate behaupten. Die Hoffnungen auf die Bildung einer unabhängigen Gewerbepartei haben sich als trügerisch erwiesen. Daß man, wenn auch nur kurze Zeit, solche hegte, zeigt, daß die liberalen Macher nichts gelernt und nichts vergessen haben. Die liberale Jnteressenmajorität ist durch eine volkstümliche Bewegung, die christlich-soziale, gestürzt worden. Es ist nun gegen jede Logik, daß dieses Regime wieder durch eine Jnteressenbewegung gestürzt werden könnte und sollte sich diese auch auf gewerbliche Massen stützen. Man scheint nicht zu wissen, daß Lueger heute tatsächlich der Herr von Wien ist; in seiner Hand sind große Unternehmungen, wie die Tramway, die Gasfabriken, die Elektrizitätswerke und verschiedenen Landes-Versicherungsgesellschaften mit ihrem zahlreichen Beamten- und Arbeiterkörper, von dem Magistrat und den städtischen Beamten ganz zu schweigen; seiner Macht unterstehen auch die Lehrer in ihrer überwiegenden Mehrheit. Man darf sich durch die gefärbten Nachrichten der liberalen Blätter nicht darüber täuschen lassen, die große Berichte über die kleinen Versammlungen der oppositionellen Lehrer bringen. Lueger regiert sie durch Zuckerbrot und Peitsche; der Ueberläufer in das christlich-soziale Lager werden immer mehr und bald werden von der alten Garde mehr drüben sein als herüben. Die paar Gesinnungstreuen halten es nicht aus und verlassen diesen ungastlichen Beruf, und die katholische Lehrerfabrik in Währing füllt rasch und prompt die Lücken. Nebenbei gesagt, erfüllt sich an den Lehrern nur das Schicksal, das sie verdienen; denn sic gehörten ursprünglich zu Luegers getreuesten Getreuen, denen er die ersten Wahlerfolge im zweiten Äahlkörper verdankt. Nehmen wir noch die Unterstützung der Klerikalen, der kleinen Staatsbeamten und der getreuen großen Genossenschaften, die unbedingt zu ihm halten, wie die Schuster und Schneider, und von dem Schlaukopf knapp vor den Neuwahlen großartig aus Landesmitteln beschenkt wurden, so haben wir ein ungefähres Bild seiner „Jnteresfentengruppen", gegen die jene Opposition verschwindet. Die Politik ist ein Kampf um die Macht; und eine volkstümliche Bewegung, wie die christlich-soziale wird nicht durch die Wünsche und Beschwerden der Fleischhauer über Nacht gestürzt. Lueger kann nur durch Lueger, das heißt, durch eine andere, im Wiener Volke wurzelnde Partei vernichtet werden. Also, in Wien bleibt es beim Alten; die „Deutschfreiheitlichen" werden vielleicht Purkersdorf, aber nicht Wien erobern. Wir Juden aber haben von den kommenden Wahlen nichts zn hoffen und nichts zu befürchten. Die Klagemauer in Jerusalem. Von Dr. M a x L. Das südwestliche Viertel von Jerusalem nimmt ein riesiges vi-reckiges Plateau ein, welches beiläufig den fünften Teil der ganzen Stadt ausmacht. Die glatten Steinplatten und die farbenreichen Moscheen leuchten auf den Oelberg hinüber und bilden den größten Schmuck des ganzen Panoramas der im übrigen so düsteren Stadt. Die äußeren Mauern dieses Plateaus, besonders die westliche, welche dem Oelberg gegenüberliegt, bilden ihrer ganzen Länge nach einen integrierenden Teil der städtischen Basteimauern und sind, wie diese überhaupt, mit Toren versehen und mit Türmen geziert. Dieser Hof ist der Haram-et-Scheriff, das höchste Heiligtum der Mo hamedaner nach der Kaaba von Mekka. Der Mohamedaner. der hier und dorr gewesen ist, kann auf eine besondere Auszeichnung in diesem, wie im künftigen Leben Anspruch machen. Selbst Mohamed hat diesen Ort heilig erklärt, und zwar aus dem Grunde, weil hier der erste Tempel des einzigen großen Gottes gestanden, den Salomo zuerst erbaut und welchen die Juden immer neu aufbauten, bis er schließlich durch die Verwirklichung der Prophezeiung, daß „kein Stein auf dem anderen bleibe," zerstört wurde. Trümmer häuften sich auf Trümmer und vom Tempel Salomonis ist keine Spur mehr vorhanden. Aber die Tradition vererbte sich von Generation zu Generation. Tatsache ist, daß die Stadt, die wiederholt in Trümmer fiel, immer neu ausgebaut wurde, auf dieses Terrain nicht herübergriff. Sie respektierte diesen Ort. Nur die Kreuzfahrer bauten am südlichen Ende eine Kirche und die Araber in der Mitte eine große Moschee, in welcher dieselben eine Erneuerung des alten Tempels sahen. Die Forscher wurden anfangs durch die Tatsache irre;r.p