Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 31 (1.8.1902)
- Date
- 1902-08-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 1. August 1902 Seite 5 dem die Zeugenaussage nicht zu ersparen gewesen wäre, starb noch zur rechten Zeit und ist inzwischen ein kleiner Heiliger geworden, ans dessen geruchlosem Nachlaß die deutsche Kunst gefördert wird. Höre Israel und jauchzet, alle Landei Feine Sache. Die Antisemiten können nur auf umflorten Hörnern Tranerchöre blasen und unsere herzigen Judenblätter knirschen zwar grimmig, die Moabiter Strafen seien zu gering, dürfen aber nicht generalisieren, sondern müssen nach jedem Urteilsspruch die „moralische Atmosphäre" für gereinigt erklären. Trotzdem glaube ich nicht, daß die Nasseuverwandtschaft die Richter milder stimmt; nicht mal in Leipzig, wo Sem tief unter Pari. Nur ließ der Einwand der Arglosigkeit sich unter diesen Umständen mit Erfolg verwerten. Unsere Leute werden nicht für naiv gehalten; und wenn von den treuen Händen des Hirsch und vom Fliigelwachs des Herrn Trinkeles gesprochen worden iväre, hätte der Hohe Gerichtshof sich Vomierend halber zurückgezogen. Wo aber der Tatbestand dunkel bleibt, entscheiden Eindrücke und Sentiments. Jedenfalls hat Ihre Frau ins Schwarze getroffen: Ein Gliick, daß kein Jude dabei ist! Wir hätten nicht so viele funkelnde Schächtmcsser gesehen, aber den Stoß mit ganz anderer Weicht gefühlt. Jetzt konnte Tnbäl in der Ti'ergartenstraße schmunzeln: „Andere Leute haben auch Unglück!" Und ich halte die rein arische Besetzung der Anklagebank nicht etwa für bloßen Zufall. Wir sind auf dieser Branche, die uns so lange trägt, schon weiter geklettert und wissen ungefähr, ivas sie an Last schleppen kann, ohne zu brechen. Schachtelgcsellschaften, nachweisbar falsche Bilanzen und Buchungen —: Das lassen wir längst von anderen machen, wie der alte Fontane sagte, der so erstaunt ivar, als ihm zum Siebzigsten fast nur Jakobssöhne gratulierten. Alles will auf dieser gräßlichen Welt eben gelernt sein. In älteren Finanzländern ist man über den Sturm rind Drang der ewigen Bankdirektorenprozesse hinaus und hat eingesehen, daß man bei Geschäften, wie wir sie machen, mit einem in die Puppen tvachsendeu Risiko rechnen muß. Denn was man, teuerster Kollege, so gemütvoll „Bank" nennt, das ist nicht bloß Geschäft, sondern eine Kulturform. Dem Menschenschlag hier geht's noch nicht ein. Der möchte alles beim Alten lassen und das Nene, mit Sozialethik und brauner Butter angerührt, dazu genießen. Daher die Konflikte. Daher Eduard Sauden, der Gottcsnrann mit dcnr geistlichen Zug und den Nebengleisen für weltliche Schiebungen; der famose, vollkommene Typ einer Uebergangszeit. Nach jeder faulen Sache Andacht in der Hauskapelle. Sicher ganz aufrichtig .... Aber ich möchte zahlen." Harden hätte die Liste durch die arischen Bankdiebe aus Oedenburg vermehren können. Rekonstruktion des rumänischen Kabinets. Die offiziöse „Vointza Natzionala" teilt mit, daß mit Rücksicht darauf, daß zwei Ministerportefeuilles interimistisch besetzt sind und der A ck e r b a u - und D o m ä n e n m i n i - st e r M i s s i r zurückzutreten wünsche, das Kabinet vervollständigt, beziehungsweise folgendermaßen umgebildet werden: soll: Demeter Sturdza, Präsidium und Krieg; der gegenwärtige Miilister des Innern, Aurelian, Ackerbau, Handel, Industrie und Domänen; Finanzmiiüster Palladi Inneres; der fetzige Justizminister Stoicesco öffentliche Arbeiten; Haret, wie bisher öffentlicher Unterricht und Kulte; der gegenwärtige Arbeitslninister und interimistische Leiter des Ministeriums des Aeußern, Bratiano, Aeußeres; der Direktor der Allgemeinen Rumänischen Bank, Costinesco, Finanzen; Senatspräsident Statesco, Justiz. Die neue Ministertiste dürfte Donnerstag verlautbart werden. Obwohl damit M i s s i r , der Urheber des berüchtigten Handwerkergesetzes, von der Bildsläche verschwindet, hat sich der Ernst der Situation nicht vermindert. Wenn Sturdza; glaubt, durch den Herauswurs des Ballastes sich zu retten,! so irrt er; S t u r d z a m u ß s o l b st gehen! Aus Rußland. M i l i t ä r d i e u st. Die russischen Zeii klingen sprechen nur selten von der den jüdischen Rekruten bereite-! len Lage. Es ist in Rußland Sitte, daß die israelitischen Dienst- , pflichtigeil, welche für den Dierlst tauglich erklärt worden sind, im: Gefängnis gehalten werden und durch Etappen in ihre bestimmten ' Regimenter befördert werden. Auf diese Weise hat der Korrespon-! dent des „Woskhod" in dem Gefängnis von Wilna ungefähr 30 Inden getroffen, welche als Dienstpflichtige in Gewahrsam ge- ' halten wurden; sie sind der Ordnung des Gefängnisses in ihrer ganzen Härte nntertvorfen. Im Jahre 1901 mußten mehrere Dienstpflichtige von Lida (Bezirk Wilna) den Weg von Lida nach Wilila zu Fuß zurücklegen, obgleich sie auf ihre Kosten das Regt- | ment erreichen wollten. Die Rekruten von Schavel, die eine ärzt-; liehe Untersuchung in Kolvno bestehen mufeten, sind mehr als 3 ' Wochen im Gefängnis geblieben; ein Jude von Minsk, der seine Anslveisllilgspapiere llicht hatte vorlcgen können, ist länger als 3 Monate im Gefängnis geblieben, ebenso lange als die notwendigen Dokumente nicht in seinem Besitz waren. j D a s W o h n r e ch t. Die Polizei von Kiew hat ihre Quälereien unter einer neuen Form wieder begonnen; sie nimmt eine ' Revision der Erlaubnisscheine von jüdischen Kanfleuten vor, welche die Stadt bewohnell, um diejenigen ausfindig zu machen, deren Patente verjährt sind. Hansuntersuchnngen haben bei der Ber- : treibnng ans Kiew bei den Juden stattgefunden, welche nur das Recht hatten, sich Ivährelld des Jahrmarktes dort mifzuhalten. Der> Eifer der Polizei von Kiew hat in der Person des Präfekten von: Riga einen Nachahmer gefunden, welcher wöchentliche Nachforschnngen bei denjenigen Personen verordnet hat, die mir das Recht haben, sich in dieser Stadt auf eine geivisse Zeit hin anfznhalten. Dieser Befehl hat, lvie nmn erwarten konnte, Gelegenheit zu zahlreichen ' Mißbräuchen der Gewalt geboten. (Woskhod 14./27. 3. 1902.)! Die Inden Sibiriens, welche tmter einer besonderen Gesetzgebung stehen, lvaren oft gezwungen, beim Senat Hilfe 31t suchen, um. die gesetzwidrige Ausübung der Bestimmungen, welche sie betrafen, zu hintertreiben. Bor einigen Monaten verbot der Gouverneur von ' Sibirien den Juden, in der Nähe der chinesischen Grenze zu; wohnen. Der Senat hob soeben diese Verordtmug auf, indem er, erklärte, daß das Verbot, sich der chinesischen Grenze zu nähern, nnr auf die verbannten Inden zu beziehen sei; diejenigen, lvelche ' sich freiwillig in Sibirien anfhielten, hätten das Recht, ihren Wohn-! ort je nach Gefallen, zu wühlen. (Woskhod 7./20.X) Der Senat hat andererseits mehrere Bestimnmngen getroffen, welche 31t erj wähne» von Interesse sind: 1. Von nun an muß der gegen die: Inden erlassene Ausweisungsbefehl die Gründe angeben, welche ' zil der Maßregel geführt haben, um dem Betreffenden behilflich i zu sein, sich wieder in seinem Wohnorte niederzulassen, wenn diese Gründe nicht mehr bestehen. 2. Ein Israelit, welcher infolge seines Ranges das Recht hat, im ganzen Reiche zu ivohnen, hat nicht das Recht, seine Brüder und seine Schwestern mitzubringen. 3. Eltern, j lvelche keine Mittel zur Existenz besitzen oder deren Gesundheit ani dauernde Sorgfalt erfordert, haben das Recht, ihren Kindern j ' überall zu folgen. 4. Die Apothekergehilfcn haben das Recht, sich im ganzen Reiche nach Belieben cnrfzuhalten, ohne einen besonderen Erlaubnisschein zu besitzen, da ihr Zeugnis als Apothekergehilfe Ersatz für denselben bietet. 6. Die Polizei darf die Errichtung eitler Synagoge nicht verbieten, wenn der Ort wenigsteils 30 jüdische Familien hat. 6. Das Gesetz von 1867, welches den Jsraeluen verbietet, in der Nähe der orthodoxen Kirchen Synagogen zu. erbauen, hat keine rückwirkende Kraft und ist nicht auf die Synagogen anznwenden, lvelche vor dem Erlaß dieses Gesetzes gebaut waren. Budnschznostj, 1./13. März. Schule n. Das Ministerium des öffentlichen Unterrichtes, welches über einen Fonds von 800000 Rubeln, welche für die jüdischen olonien des Gouvernements Cherson und Ekaterinoslaw bestimmt sind, verfügt, hat die Gründung von 38 neucti Elementarschulen in diesem Gebiete beschlossen. Der Direktor des Unterrichtslvesens des Gouvernements Lomza hat dem Ministerium des Lffcntlichelt Unterrichts eitlen Vorschlag zur Verbesserung des Cheders vorgelegt, in welchem er verlangt: 1. Die Lehrer müssen Kenntilis der russischen Sprache haben. 2. Der tägliche Uilterricht soll auf zehn Stunden beschränkt lverdcu. 3. Jit diefen Cheders sollen die russische Sprache, Arithmetik uitd Geschichte gelehrt werden. 4. Ein Inspektor soll ernannt werden, der besonders mit der Aufsicht über das Seder bemiftragt lvird. Dieser Plan hat große Aufsicht über das Cheder bemiftragt wird. Dieser Plan hat große lichen Angabett zählt die Stadt Minsk 60 000 Israeliten, von denen 7000 Kinder im schulpflichtigen Alter stehen. Von diesen 7000 Kindern besuchen kaum 2000 verschiedene Anstalten und 6000 die Cheder. Die Abendschulen erfreuen sich einer immer größeren Gunst in den jüdischen Kreiseil. Jit Nostolv am Don versmnmelt die Abendschule gegenwärtig 130 Zuhörer; unter denselben sind 17 Schneider, 21 Handelsleute, 26 juilge Leute ohne bestimmten Beruf, 31 Kunstarbeiter und 36 Angestellte. Jit Pinsk und in Odessa hat mau neue Abendkurse für Handwerker eröffnet. Die Zahl der Israeliten, welche in diesem Jahre zu den rrlssischen Universitäten zugelasseir worden sind, erreicht kanm die Zahl 200; mehr als 3000 Gesuche sind zurückgewiesen worden. Zulassung von Russinnen. Die „Nordd. Allg. Z." schreibt: Die Zeitungen beschäftigen sich in letzter Zeit mit Bezug auf einen Erlaß des Kultusministers vom 23. Juni wiederholt mit der Zulassung von russischen Damen zum Hospitieren an preußischen Universitäten. Dabei wurde der Erlaß in dem Sinne aufgefaßt, als ob durch ihn die Zulassungsbedingungen für die Russinnen anders und zwar schwerer gestaltet würden, als für sonstige ausmib inländische Hospitantinnen. Aus Grund der von uns eingezogenen Erkundigungen sind wir in den Stand gesetzt, die Auffassung für irrig zu erklären. Vielmehr gilt für Ausländerinnen unterschiedslos der Grundsatz, daß sie unter denselben Bedingungen zuzulassen sind, wie die Inländerinnen. Bezüglich! der Russinnen kam nur die besondere Frage vor, wie die Zeugnisse der russischen Mädchengymnasien im besonderen zu bewerten sind. Lediglich auf diese Frage darf der Erlaß bezogen werden. Unterstützung heimatlos gewordener Inden. In Budapest hat sich unter dem Titel Magyar Sion'' ein Verein konstituiert, der es sich zum Ziele gesetzt hat, heimatlos gewordene jüdische Glaubensgenossen — auf eine mit dem ungarischen nationalen Gemüse und den patriotischen Gefühlen vereinbare Weise — zu fördern und zu untersiützen. Der neue Verein Hut seine Saluten behufs Erwirkung der miüistericllenl Genehmigung dem Magistrat unterbreitet. Indische Statistik. Ein vor kurzem zusamengetretenes Komitee hat soeben einen Verein für indische Statistik mit der Zentrale in Berlin gegründet. Der Verein beabsichtigt, zunächst alle vorhandenen Angaben über die Zahl und die Lebensverhältnisse der über die ganze Erde zerstreuten jüdischen Bevölkerung zn sammeln, hierauf dieselben durch -eigene Erhebungen zu ergänzen. Ferner wird geplant, ein ständiges Bureau für jüdische Sattsiik zu errichten, dessen Publikationen die Veränderungen im Zustande der jüdischen Bevölkerung fortlaufend zu registrieren hätten. Ein solches Unternehmen erscheint nicht nur vom Standpunkte der Juden nützlich und erstrebenswert, da es bis jetzt für alle zur Sanierung der jüdischen Verhältnisse ins Werk gesetzten phllanithrophischen und kolonisatorischen Aktionen an der notwendigen statistischen Grundlage gebrach, sondern auch vom allgemeinen wissenschaftlichen, demographischen Standpunkte, da die Biotik der Juden die interessantesten Erscheinungen anfweist, welche infolge der Vernachlässigung der Rubrik „Konfession" in den offiziellen statistischen Publikationen bis jetzt nicht genauer verfolgt werden konnten. So darf also der neu entstandene Verein ans zahlreichen Beitritt und ausgiebige Unterstützung hoffen. Seine Tätigkeit eröffnet der Verein! mit der für Herbst! dieses Jahres geplanten Herausgabe des ersten Bandes seiner Publikationen. Derselbe wird rieben methodologischen Aufsätzen und einer Biographie der jüdischen Statistik hauptsächlich, monographische Arbeiten bringen. Beiträge, namhafter Sozialpolitiker sind bereits gesichert. Der Verein!vird von einem Komitee geleitet, das seinen Sitz iir Berlin hat, und erfüllt seine Aufgaben durch Organisierung von statistischen Arbeitsgruppen. Vier Arbeitsgruppen dieser Art sind zur Zeit in Berlin tätig; überdies haben sich bis jetzt Arbeitsgruppen in Wien, Odessa, Warschau. und Krakau gebildet. Zum Vorsitzenden des Vereines wurde Dr. Alfred Nossig, zum Sekretär A. I. Kastelianski gewählt. Der Jahresbeitrag für Mitglieder wurde auf 6 Mark (auch halbjährlich zahlbar) festgesetzt. Für diesen Betrag erhalten die Mitglieder die Publikationen des Vereins. Briefe, Anfragen usw. sind zu richten an das Sekretariat des Vereins für jüdische Statistik, A. I. Kastelianski, Berlin N.W., Klopstockstraße 24; Mitgliedorbeiträge und einmalige größere Spenden au die Expedition der Zeitschrift „Palästina", Halensee, Ringbahnstraße 126. Markus Antokolskij. Das jüdische Volk betrauert den Tod eines seiner größtem Künstler, Marcus Antokolskijs, dessen Heimgang vorige Wochd von Homburg v.d.H. gemeldet wurde. Antokolskij war seit lnehreren Jahren krank; nur seine erschütterte Gesundheit herzustellcn, ivar er von Paris, ivo er ansässig ivar, nach Homburg vor der Höhe gereist. Dort hat ihn der Tod ereilt. Die Leiche des Künstlers ivird nach Paris gebracht, doch dürfte sic nicht in Frankreich begraben werden, da Czar.Nikolaus, der den Hinterbliebenen ein in den herzlichsten Ausdrücken abgefaßtes Kondolenztelegramm sendete, den Wunsch geäußert hat, daß die sterblichen Ueberreste des berühmten Künstlers in heimatlicher Erde ruhen mögen. In der Geschichte der bildenden Künste wird der russische Bildhauer Antokolskij jedenfalls einen Ehrenplatz erhalten; sein Name wurde in Rußland und' Frankreich schon in den Siebziger Jahren sehr bekannt und hochgeschätzt. England nahm bereits 1872 einen Gipsabgußvseines ersten Hauptwerkes „Iwan der Grausame" unter die Kopien der berühmten Meisterwerke der Skulptur aller Zeiten und Völker im Kensington- Museum auf; in Deutschland kamste und bewunderte inan den genialen Mann seit dem Jahre 1892, da München ihm in seiner sechsten internationalen Kunstausstellung. einen hiervorragenden Platz, einen großen Saal, einräuinte. Antokolskij wurde im Jahre 1842 als Kind armer jüdischer Eltern zu Wilna geboren; er beschäftigte sich in seiner Jugend mit der Kunst des Holzschnitzens und trat in seinem 21. Lebensjahre als Schüler in die Petersburger Akademie der bildenden Künste. Hier erhielt er 1864 seine erste Auszeichnung, die kleine silberne Medaille, für ein Hochrelief in Holz. Im folgenden Jahre verlieh ihnr die Akademie für ein anderes in Holz und Elfenbein geschnitztes Bildwerk die große silberne Medaille. Diese beiden, durchaus realistisch ausgcfatzten und durchgeführten ^Arbeiten lenkten die Aufmerksarnkeit der akademischen Behörden au.f den talentvollen jungen Künstler, und man gab ihm ein kleines kaiserliches Stipendium, das er, der fortwährend mit Nbt und Mangel zu kämpfen hatte, sehr gut brauchen konnte. Er verließ nunmehr seine bisherige Spezialität, begann tu Gips zu modellieren und erhielt im Jahre 1867: für ein Modell nach der Natur die erste Prämie. 1868 reiste er nach Berlin, dann hörte man fünf Jahre lang nichts von ihm; erst später erfuhr man aus seinen autobiographischen Aufzeichnungen, daß er schwer mit Widerwärtigkeiten aller Art und manchen Entbehrungen kämpfen mußte. In dieser für ihn sotraurigen, von Not und Krankheit ausgesüllten Zeit schuf Antokolskij sein erstes großes Meisterwerk „Iwan der Grausame". Endlich war er fertig, aber vergebens bat er seine Lehrer, sich! in sein kleines Atelier in einer kleinen Gasse Petersburgs hinaufzubemühen. Da faßte der der Verzweiflung nahestehende Künstler den Mnt, sich an den Fürsten Gagarin, den damaligen Vizepräsidenten der Petersburger Akademie, zu wenden. Dieser kam, und der Eindruck, dm das Werk auf ihn machte, war ein mächtiger. Gagarin veranlaßte die Herzogin von Lenchtenberg, „Iwan" zu: besichtigen. Nachdem diese die geniale Arbeit gesehen und dem Künstler die Hand gedrückt, veranlaßte sie auch ihren Bruder, den Czaren Alexander den Zweiten, das Werk in Augenschein 31t nehmen. „Gut, sehr gut l" lautete des Kaisers Urteil, und damit war dem Künstler seine weitere Laufbahn geebnet. Gleichzeitig mit seinem „Iwan" komponierte er noch zwei Skizzen aus dem Leben und der Geschichte der Juden, deren eine von der Großfürstin Marie Nikolajewna erworben wurde. In der weiteren Folge beschenkte Antokolskij die russische Kunst mit den wertvollen Statuen „Peter I.", „Jaroslaw der Weise", „Dimitrij Donskoj" und „Iwan III.". Sein „Christus vor dem Volksgericht", welchen Alexander II. für sekne Privatgalerie ankaufte, begründete den Weltruf Antokolskijs als hervorragendsten Bildhauer der neuen Zeit. Die von dem Verstorbenen in Paris gemeißelten Statuen „Sokrates' Tod", „Der letzte Seufzer" und „Johann des Täufers Haupt" brachten Antokolskij die Ehrenlegion ein. Sein Ruf steigerte sich nach der Ausstellung seines berühniten Wandbildes „Spinoza", das, wie ein, berühmter Kritiker sagte, die ganze Weltanschaum:g dieses Denkers wiedergab. Von ebensolcher Lebcnswahrheit und schöpferischer Kraft sind feine Standbilder „Jermak", t|:r Eroberer von Sibirien, und „Nestor", der erste russische Chronist. Die letzte Arbeit des genialen Bildhauers war das Standbild „Inquisition", das jedoch unvollendet blieb. Ueue sostalpolitische Regierungsvorlagen. Die Regierung hat dem Abgeordnetenhause zwei neue Gesetzes-Projekte sozialpolitischer Natur vorgelegt, von denen das eine das kaufmännische Personal betrifft — das andere die Regelung der Dienstverhältnisse jener Personen bezweckt, welche im Privatdienste stehen. Das erste dieser Gesetze bringt daher mit sich wieder eine teilweise Modist« kation der Gewerbeordnung und zwar ihres sechsten Abschnittes : »Vom Aushilfspersonal im Gewerbe" — Wir sagen „wieder" weil dies in letzter Zeit bereits die dritte von der Regierung vorgelegte Gewerbenovelle ist. Anders gesagt, haben wir eS hier mit einer fortwährenden Gksetzesflickerei zu tun, welche in Oesterreich zumal auf dem Gebiete der gewerberechtlichen Verordnungen schon fast zum System wurde. Es bedarf wahrlich keines Beweises, daß so ein System weder der Kodifikationsarbeit Ehre macht, noch die Kenntnis der bindenden Gesetzesverordnungen den breiten Bürgersphären erleichtert. Ueberdies schadet ein derartiges Amendement in der Gesetzgebung, welche augenscheinlich! nicht gut ist, wenn sie fortwährenden Modifikationen und Ergänzungen unterworfen wird, in hohem Maße der Einheitlichkeit des Gesetzes, als Ganzes genommen — denn die Erfa^mng lehrt, daß solche teilweise und gelegentliche Mutationen und Ergänzungen zu oft in der