Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 30 (25.7.1902)
- Date
- 1902-07-25
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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vSeitfi 4 Wien, Kreitap Jüdisches Volksblatt 25. Juli 1902 Nr. 30 Solide mir einer der Emigranten. Es sind alles kräftige, schöngeivaebsene Männer im Alter von 23-25 Andren, tüchtige Zbandiverker, von denen viele ihre kranken oder schwangeren grauen ziirücklasseii innsSten, weil diese den bescliiverlichen Weg zu Ans; bis nach Kolomea niebk mitmachen konnten. Unterwegs führten sie kölnische (!) Scliaii spiele auf lind mussten — Huc_ sie erzählten mit verlveintein Herzen dort lachen. Ivo sie vor Schmerz und Leid ansschreien mochten. Erst in Koloniea nahm ^sieh ihrer ein zionistischer Verein ail und beförderte sie nach Stanislan: von hier wurden sie von einer Eta dt zur anderen von den zionistischen Vereinen bis nach .Krakau expediert. In Lemberg hat man sie mit den erhabenen, barmherzigen (!) Worten abgeschasst: ..Wenn Ihr Zionisten seid, habt sehr hier nichts zu suchen." Ich innss dabei bemerken, dass alle Emigrailtell eifrige Zionisten sind, die de>l Dr. Herzl fast vergöttern. Sein Name blos; elektrisiert sie. In Krakau nahmen sieh der Auswanderer die Ntitglreder des akademischen VereiileS „Hasehaeliar" tPrzedsnnt) all, die gleich Geld sammelten, lvährend die Herren Dr. <enrop, Dr. Goldwaster und stlid. nied. Hilfstein ein Rettnngseoinitee gründeten, ivelcyent sich auch Herr Horoivitz anschloss und versprach, die Emigranten auf Kosten der CnItuSgemeinde ilach Bielitz zu befördern. (Gebe Gott, dass dies ein gutes Zeichen für die Znknnft sei!) Am 27. v. M. inn halb 6 Uhr früh fuhren die Auswanderer auch nach Bielitz ab, von einigen Sttidenteit und Akademikern znm Bahnhofe begleitet, nild Von dort fahreil sie direct nach Wien. Das Elend dieser Unglücklichen ist ungeheuer, nilbesehreiblieh, angesichts desseil jede pedantische Ealeulierung nild gelehrte Kritisier!,ng anfhören muss. Wer ihre Lage verstehen' tvill, soll sie ansehen und mit ihnen sprechen. M. B. Ausland. An den am VS. nnd 18. Juli d. I. in Brüssel abgehalteneu Armenierkongreß hat der Wiener „Politische V o l k s v e r e i it" im Interesse der rumänischen Juden ein offizielles Schreiben gerichtet. Zu demselben Zwecke hat Dr. S. I. Bloch eine Broschüre unter dem Titel: „Die Judenfrage in Rumänien, eine Akteusammlung" herausgegeben. Könitz. Das hier seit Jahren bestehende Wachkoinrnando von 40 Mann wird nun vielleicht von hier abberufen werden, da lveitcre antisemitische Ausschreitungen der Bevölkerung angeblich nicht mehr zu befürchten sind. Am Sonntag traf hier der Kommandant des 17. Armeekorps, Herr Generallientenant v. B r a u n f eh lv e i g, ein, der sich nun mit der Frage der Notwendigkeit des Fortbestandes des WachkommandoS beschäftigt. Illustration znm amerikanischen Einwanderungsgeseh. Wie bereits gemeldet, wird Eintvanderern, welche krank oder gebrechlich in Amerika ankoiitmcn, die Landung verweigert. Wie streng nnd herzlos diese Maßregel dnrchgeführt wird-, soll durch folgenden Vorfall illustriert werden. Marie Schulz ist bereits vor vielen Jahren ans Wien nach Amerika ansgewandert. Sie hatte sich bereits an die dortigen Verhältnisse so sehr gewöhnt, das; als sie vor einigen Monaten ihre Verwandten in Wien besuchte, sie cs leicht mehr lange aushielt und sieh nach dem amerikanischen Leben zurücksehnte. Auf ihrer Rückreise hatte sie das Unglück, auf dem Schiffe „Batavia" auszugleiietr und den rechten Arm zu brechen. Am 10. ds. in New-Dork angelangt, wurde ihr die Landung verweigert. Die Arme schrie, weinte, flehte, es half nichts, die Unglückliche wurde in eine Kajüte des Schiffes gesperrt, auf welchem sie nach Europa zurückgeschickt wird. Ihre Appellation in Washington blieb fruchtlos. So geschehen im Lande der Freiheit am Anfänge des Zwanzigsten Jahrhunderts. Die Zurückweisung eines Renegaten. Im soeben erschienenen Juni-Hefte der Holdheim'schen „Monatsschrift für Handelsrecht lind Bankwesen", der vornehmsten handelsrechtlichen Zeitschrift Deutschlands, veröffentlicht Professor Heinrich Dove einen Aufsatz „Zur Revision des Börsengesetzes; eine Erwiderung". Dove widerlegt hierin die vom preußischen Regierungsrat Dr. Günther Freund in der Zeitung „Der Tag" Nr. 205 vom 3. Mai tind Nr. 209 vom 6. Mai d. I. veröffentlichten Artikel „Die Bestrebungen für eine Reform des Börsengesetzes". Die juristischen Auseinandersetzungen Doves interessieren die Leser dieses Blattes nicht. Nur die persönliche Charakteristik Freunds durch Dove soll nachstehend zum Wiederabdrucke gelangen. Dove schreibt: „Ich habe den Gründen für diese Abneigung eines Neichsbeamten gegen einen einzelnen Erwerbsstand und diejenigen, welche er als seine Helfershelfer hinstellt, welche ihm nicht verständliche „Moralien" — um dieses Ueberwort bereichert Herr Dr. Günther Freund die deutsche Sprache — für erlaubt halten, nicht nachzugehen. W'enn er früher Siegfried Freund, dann Siegfried Günther Freund literarisch firmiert haben soll, um nun zum einfachen Günther Freund überzugehen — was kümmert's mich, weshalb aus dem Recken Siegfried ein elegischer König Günther geworden? Vielleicht, das; ihn die Schlechtigkeit der Welt, in spezie der Börse nnd ihrer Freunde so gestimmt hat, vielleicht auch, das; der Zorn noch einmal einen grimmen Hagen aus ihm macht. Ich bin mehrfach aus den Kreisen der berufsmäßig Bank- und Börsengeschäfte Betreibenden mit dem Ausdruck des Erstaunens darauf aufmerksam gemacht worden, daß Herr Negierungsrat Dr. Freund selbst den Bernfskreisen entstamme, welche er vom hohen Pferde seiner patentierten „Moratien" herab glaubt abkanzeln zu dürfen. Mich gehen die Familienverhältnisse des Herrn Dr. Freund nichts an. Ich kann auch das Erstaunen nicht teilen. Es hat stets Leute gegeben, welche eine Veränderung ihrer sozialen Position, die sie für eine Verbesserung halten, dadurch markierten, das; sie zu den Scheiterhaufen, die vorhandene Vorurteile ihrer neuen Kaste den Angehörigen ihrer früheren errichten, Holzscheite oder in deren Ermanglung doch Strohwische herbeischleppen. Ich weiß cs, das; der Volksmund diese Art von Legitimation nicht liebt: er spricht — Plebejer, wie er ist — von Vögeln, die ihr eigenes Nest beschmutzen. Auch ich ziehe ja die Methode jener Kanfmannstochter am Hofe Friedrich Wilhelms des Vierten vor, die auf die Frage eines Höflings, womit doch ihr Vater gehandelt habe, schlagfertig erwiderte: „Stets mit Verstand", ivorauf der König züstimmte: „Und die Tochter setzt das Geschäft mit Glück fort". Aber das sind Geschmackssachen." Eine Ausstellung hebräischer Druckwerke in der Frankfurter Stadtbibliothek, Anläßlich der Generalversammlung des Rabbiner- Verbandes in Deutschland war in den Bibliotheksräumen eine Ausstellung veranstaltet, über die ein gedruckter Katalog vorliegt. Es ist der Versuch gemacht, ans den Bücherbeständen der Anstalt die Entwicklung des hebräischen Buchdrucks von seinen Anfängen in Italien bis zu den Ausläufern im Orient zu zeigen. Es hat daher die Ausstellung einen rein typographischen Charakter erhalten, indem von jeder Stadt, die eine hebräische Druckerei besaß und ivo Bücher mit hebräischen Typen gedruckt tvurden, möglichst der älteste Druck als Probe Vertvandt ivurde. Der Ansstellungsrauln gebot für die typographischen Erzeugnisse des 19. Jahrhunderts eine Beschränknng auf das Bemerkenswerteste. Der erste Teil der Ausstellung zeigt den Enitvicklniigsgang, den der hebräische Buchdruck in Italien genommen. Tie Typen des Mantuaner Arztes nnd Druckers Conat ähneln den geschriebenen Buchstaben noch so sehr, daß die Erzeugnisse seiner Offizin lange Zeit für Handschriften angesehen wurden. Einen Fortschritt zeigt die Druckerei, die vor 1480 in Rom bestand. Eine bis auf den heutigen Tag nicht mehr erreichte Vollendung hinsichtlich der Form der Typen und der Buchausstattung tritt uns bei der Betrachtung der von der Soncinaten-Fainilie hergestellten Druckwerke vor Augen. Es liegen Proben von Sonciuaten-Drucken aus den italienischen Städten Soncino, Brescia, Farm, Pesaro, Ortona und Rimini vor. Ter von Axig. Ginstialli, Bischof von Nebia, heransgegebene Pvlygotten-Psalter erregt unser Interesse durch die Glosse zu Psalm 19, wo eine detaillierte Schilderung der Entdeckungen seines LandSnianns Christoph Colnmbus zu finden ist. Den Soncinaten lvar 1517 in dem Patrizier Daniel Bömberg zu Venedig eine fühlbare Konkurrenz entstanden. Ihren Drucken reiben sieb Bornbergs typographische Leistungen tvürdig ari. Bömberg hatte auch den Mnt, größere Werke zu drucken; wir verdanken ihrn die erste Ansgabe der Rabbinischen Bibel, d. h. des Alten Testalnentes mit mehreren hebräischen Kommentaren jüdischer Schriftsteller des Mittelalters, des baylonischen mit» jernsalemischeu Talmuds ii. a. m. Seine Drucke haben den Offizinen iir Bologna, Ferrara, Sabbioneta, Cremona, Riva, Padua, Verona nstv. als Vorbild gedient. In der zlveiten Hälfte des 17. Jahrhunderts beginnt für hebräische Drucke der Verfall, der ja auch bei allen anderen Druckereien jener Z,eit sichtbar lvird. Einzelne Druckereien sind nur noch mit der Herstellung von Bibeln und Gebetbüchern beschäftigt, letzteres znm Teil im Aufträge orientalischer Besteller, tvie in Pisa und Livorno. Armselig ist die Ausstattung des Buches, das nur für den täglichen Bedarf bestimmt war. Eine ähnliche Enttnicklnng nimmt der Bneyernck in Spanien nnd Portugal und seinen Ausläufern in der europäischen Türkei. Bei diesen Drucken fesselt uns, abgesehen von den Typen, die der Kurrentschrift der spanischen Juden nachgeahmt ist und schon durch ihren runden Charakter den Einfluß der bei jenen gebräuchlichen arabischen Schrift nicht verleugnen kann, vor allein das Titel-Ornainent des Lissaboner Druckes. Minuskeln sind mit sagenhaften Tiere» zu einer Randleiste verbunden, die ganz und gar inanrischen Stil verrät. Eine freiere Entfaltung in der Anwendung von Tieren znm Ornament zeigt der auch typographisch hervorragende Druck von Leira. Das vorliegende Exemplar ist das einzig bekannte und kam tut vergangenen Jahre mit den Rothschild'sclien Büchern in die Stadtbibliothek. Der gelehrte Lissaboner Drucker Elieser Toledano nahm bei der Vertreibung der Inden ans Portugal Typen nnd Randleisten als sein Handwerkszeug mit sich; ivir begegnen beiden in dein Drucke der Pessach-Hagada von Konstantinopel, die er mit dem Kommentar seines Landsmannes Jsak Abarbanel, des ehemaligen Finanzlninisters der Könige von Castilien und Portugal versah. Ans Belvedere, der Druckerei der Herzogin von Naros Donna Retina, stammt der Haftarot-Konnnentar. Dieser Druck zeigt bei aller Seltenheit, die ihn, wie auch die Werke der Offizinen in Kurntschescheine nnd Vortakoi, Vorstädten von Konstantinopel, anszeichnet, typographisch schon einen bedentenden Rückschritt. Die Drucke Deutschlands, Oesterreichs, der Schtveiz und Dänemarks sind zu einer besonderen Gruppe vereinigt. Das erste uns hier begegnende Werk, von Petrus Niger in Eßlingen hergestellt, verwandte noch Holzschnitte hebräischer Buchstaben. Das Gleiche ist auch bei dem Mnrner'schen Buch, welches das dritte überhaupt in Frankfurt gedruckte Wxrk ist, der Fall. Erst das Baseler Psalterinm, dessen Wert noch durch handschriftliche Bemerkungen Lnthers bedeutend vermehrt ist, zeigt die größere Vollendung, die der hebräische Buchdruck in Deutschland genommen hat. In erster Zeit tvird er, hauptsächlich durch den fahrenden Buchdrucker Schivarz in Prag, Oels, Augsburg und Heddernheim gepflegt, zu höchster Blüte entwickelt. Einzelne Druckereien Deutschlands ivaren nie fiir den Bedarf der Juden tätig. So haben Köln, orms, Wittenberg, Jsnv, Genf nsw. nur Werke für christliche Gelehrte hergestellt, die meistens mit lateinischer Uebersetznng erschienen. Die Hntter'schen Drucke in Hamburg und Nürnberg zeichnen sich durch sogenannte Hohlbuchstaben, mit denen dieser Gelehrte den Stamm jedes Wortes anzudenten versucht, ans. Die meisten Drucke sind in Hanau, Wilhermsdorf, Frankfurt a. O., Snlzbach, Dyhernfurth und Fürth hergestellt. Krakau, Proßnitz, Zolkiew nnd Lemberg, die ihrem Charakter nach dem Kreise der Druckereien Polens und Rußlands angehören, tvurden ihrer heutigen Zugehörigkeit zri Oesterreich wegen der deutschen Gruppe einverlcibt. Eine fünfte Gruppe bilden die Druckereien in Frankreich, den Niederlanden und England; auch sie waren besonders im 16. Jahrhundert für christliche Gelehrte tätig. Amsterdam war der hauptsächlichste Drtickort für Juden. Einzelne von ihnen, wie Avignon und Air, brachten nur Gebetbücher nach dem Ritus der Juden ihrer Gegenden zutage. Die ausgebreikctskc Drtlckertätigkeit findet sich in den russischen Städten, die eine besondere Gruppe bilden. Es bestanden allein im 18. Jahrhundert mehr als 20 Offizinen, die gleichzeitig zumeist kabbalistische Schriften druckten. Diese Druckereien zeigen den größten Verfall, den der hebräische Buchdruck in seiner Geschichte genommen. Papier tind Typen, Ausstattung und Satz sind in gleicher Weise abstoßend. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben die Druckereien in Wilna nnd Szytomir hebräische Drucke hergestellt, die mit Recht zu den besten gezählt werden. Der Orient ist mit einem Drucke aus Safed von 1563 vertreten, die indischen Druckereien Kalkutta und Bombay zeigen den Einfluß englischer Drttcker. I Dem 18. Jahrhundert gehört die erste Druckerei Afrikas an. Die Drucke von Kairo und Tunis verraten die italienische Schule. Um von dem ganzen Umfang der Hebraiea-Sammlung ein Bild zu geben, ist eine Anzahl besonders interessanter Schaustücke gleichsam als Anhang zur Ausstellung in einer Gruppe zusammengestellt ivorden. Die Briefe ans der Esra-Genisa bei Kairo zeigen einen Schriftcharakter, der zu den ältesten uns erhaltenen gehört. Zierliche Federzeichnungen nnd schön ansgeführte reich vergoldete Miniaturen weisen zivei Pergamenthandschriften aus dem 16. und 17. Jahrhnndert ans. Eine reich verzierte Esther-Rolle zeigt köstliche Proben vom italienischen Geschmack des 18. Jahrhunderts. Buch- Jllnstrationen, der einzig bekannte hebräische Notendruck ans dem Jahre 1622 und Drucke auf farbigem Papier beschließen die sehenswerte nnd lehrreiche Ausstellung. Die Inden in Süd-Afrika. Mit aufrichtiger Freude ivird allerorten die Nachricht von der Beendigung des englisch-bnrischeii Krieges anfgenommen. Ein allgetneines Aufatmen folgte der Friedensproklamation und nun, da der Wille König Eduards von England, die KrönnngSfeier im Zeichen des Friedens zu begehen, zur Tat geworden, wird wohl auch in das Leben der Inden in Südafrika, die unter den Widerwärtigkeiten des Krieges so viel gelitten haben, Friede und Wohlfahrt einkehrcn. Die Inden in Transvaal haben allen Grund, mit dem Ausgange des Krieges zufrieden zu sein. Unter der?legide Englands, des Vorkämpfers für Freiheit tind Recht, iverden auch die Inden sich freier entlvickeln können, als unter den Tonderbestiinlnnugen, ivelche das Bnren-Regime gegen sie stets zur Geltung buchte. Aber auch von'. (Gesichtspunkte der allgemeinen Jndennot in Osteuropa ist der neue Kurs in Südafrika mit Freuden zu begrüßen. Nim ist Südafrika loieder eröffnet, tüchtige Arbeiter iverden jetzt dort gesucht iverden nnd die rumänischen Inden, die sich als solche bewährt haben, werden in Transvaal. unter Englands freiheitlichen Gesetzen ein ausgiebiges Feld der Ar-! beit finden. Bon besonderem Interesse dürfte jetzt der jüngste j Jahresbericht der jüdischen Gemeinde in Johannesburg sein, über > welchen uns folgendes berichtet ivird: Am 20. April hielt der! jüdische Gemeindevorstand >n Johannesburg iSüdafrika) seine zehnte Jahresversaminlnng ab. Dem Berichte des Gemeindepräsidenten H. Morris entnehmen ivir folgende interessante Daten: „Die letzten drei Jahre bedeuten für alle Gemeinden in Südafrika sehr böse Zeiten. Beim Ausbruche des Krieges Ivaren die meisten Gemeindeinitglieder gezivnngen, ihre Stadt zu verlassen. Obgleich nun ivährend dieser Zeit die Mitgliedsbeiträge aus die Hälfte reduziert ivnrden und diejenigen, ivelche die Stadt verließen, uin sich im Kriege zu betätigen, überhaupt nichts bezahlten, schloß die Berichtsperiode mit einem ivenn auch kleinen Ueberschnsse von 25 Pfund Sterling. Unter den Auslagen befindet sich eine größere Post für, Reparaturen „beschädigter" Gemeindehäuser. Mit besonderer Dankbarkeit ivird der beiden Rabbiner Rev. Wasserzng nnd Manne gedacht, ivelche ivährend der ganzen Kriegszeit unter größter Lebens-? gefahr ihre Funktionen ausübten. Sie ivaren die einzigen zurückgebliebenen jüdischen Beamten. Interessant ist auch die Bemerkung, i daß sich ein Chassan gefunden hat, der ivährend der Kriegszeit den erledigten Posten annahm und, wie der Bericht sagt, „jeder- I manu vollauf befriedigt". Die Schule ivar ivährend der ganzen s Kriegsdauer geöffnet, hat jedoch sehr viel gelitten. Diese Schule,! welche als mnstergiltige Volksschule in Südafrika bekannt ist, soll vom Staate übernommen iverden. Da ivährend der stnrmvollen Zeit nur Mitglieder des Vorstandes zu Hnnse blieben, so führte die Geschäfte der ^Gemeinde Brr. I. KUsser. dem spezieller Dank votiert wird. Ter Tempel ivar nie geschlossen: zlveiilial täglich ivurde öffentlicher Gottesdienst nbgehalten. Als der Krieg ansbrach, erklärte sich die Cheivra K'adischa unter Leitung des Mr. Aarort j Bension als „Jüdisches Ambnlanz-Korpss" permanent. Dieses 1 Korps leistete ans dem Schlachtfelde große Dienste und ivtwde wegen ' seiner semstlosen, aufopfernden Tätigkeit soivhl von der früheren als : der jetzige» Regierung nusgezeichilet. Die Gemeiilde besteht seit l zehn Jahren. Mit kleineu Mitteln bat sie >hre Tätigkeit begonnen und besitzt heute ein Vermögen von zirka 100 000 Pfund Sterling. Tie jüdische Ardeiterkolonie in Weißensee. Das von Eugen i Rosenstiel ersonnene, durch die Mnnifizenz des verstorbenen Oberamtlimnns Lndivig Meyer und das freundliche (Entgegenkommen der „Jen." ermöglichte Werk ist seit dem 10. Februar d. Js. seiner segensreichen Bestiiiiinniig übergeben ivorden. Herr Maurermeister Adler, der für den geistigen Vater des UmernehinenS eingetreteir ist, hat mit Sachkunde und nnremüdlicher Pflichttreue die .Herstellnng des Baues überlvaeht. Jetzt ist er auch der rüstige Leiter des ins Vereinsregister eingetragenen „Vereins jüdische Arbeiterkokonie" und beivährk seine glückliche Hand als Organisator. Ein Besuch des Instituts dürfte für jeden ans dem Gebiete des Arnienivesens Tätigen, tute überhaupt jeden Menschenfreund lohnend sein. Stattlich erheben sich an der Wörthstraße zu Weißensee die voll allen Seiten freien Bauten der Kolonie, des Asyls nebst dem Werkstnttgebäude und dem Lagerschuppen. Die hohe, freie Lage hat es ermöglicht, allen Räumen eine helle Belenchtnng zu verleihen und ivohin immer der Blick aus den zahlreichen stattlichen Fenstern fällt, überall begegnet ihm ein erfrischender Anblick. Im Vordergründe liegen die parkartig angelegten Friedhöfe der jüdischen nnd der tathvlischen Gemeinde, in der Ferne ivinken die Türme der Weltstadt. Wohl den Kolonisten, daß sie für Monate der tvberrden Welt da draußen entrückt sind, tun dcsscr für eitlen siegreichen Daseinskampf ausgerüstet, ivieder in sie eintreten zu können! Nach der anderen ceite breitet sich die Feldmark aus; bas zunächst liegende Gelände, dreieinhalb Morgen, gehört der Anstalt und wird pon ihr mit Gemüse für den Hausbedarf bebaut. Der Inspektor der Anstalt, Herr Bohrend, ist gern bereit, die Interessenten mit den Einrichtliirgen des Instituts bekannt zu machen. Seine Täiigkeit ist eine vielseitige, er hat die Llrbeit der Kolonisten zu überwachen, sie im moralischen Sinne günstig zn beeinflussen und dem Vereinsvorstand, von denen neben dein Vorsitzenden narnentlich die Herren Roseiroiv nnd Beer sich an der Leitung beteiligen, im Geschäftsnnd Rechnungswesen hilfreich zu sein. Die Frau des Inspektors steht dem Kücheniveseu vor. Die Besucher sind erfreut über die Kunst, für einen überaus geringen Preis den Lenken eine streng rituelle nahrhafte nnd schmackhafte Kost, wie sie ein Handarbeiter haben muß, zu liefern. Und sie sind wirklich sleißig, die Kolouisten, denen sich rmser Interesse irrg erster Reihe ztriveudet. Wie oft haben die Begründer der Kolonie es hören müssen: Euer Vorhaben ist bergeblich, aus Schnorrern können nimmermehr brauchbare Arbeiter geschaffen iverden. Dieser, lute zugegeben ist, verständliche Pessimisinns wird erfreulicher Weise durch die Wirklichkeit widerlegt. Die ans der weiten Welt durch den ranhen Besen der Not znsammengefegten Leute, es sind ihrer zur Zeit 23, Port deuett 4 atrs Galizien, 7 atrs Ungarn, je einer aus Nußlatrd, Böhmen und Serbien urtd neun aus Deutschland stammen, wissen die laug entbehrte Ordnrntg und Sauberkeit zu schätzen und fügert sich, obgleich gesetzlich Bestrafte tmter ihnen nicht fehlen, gehorsam irr die hier geltende Hausordiuirrg, beirehrneir sich ruhig und arbeitsivtlüg und sind dankbar für die Versuche, sie tnoralisch wieder anfznrichten. Die Beschäftignirg der Kolonisten besteht in Grundier-, Steinpapp-, Holz- und Lederarbeiten, Herstellnng dort Teppichklopfern ans Rohr sowie von Bestandteilen der Stoffschuhfabrikation. Gerade in der Beschafftmg passender Beschäftigung liegt die Hanptschivierrgteit des Unterrrelirnens. Denn^da es vor allem darauf ankornmt. die Leute anzulernen und sie fürs Leben geschickt und tüchtig zn machen, dürfen wir! ivenigstens zn Anfang den finanziellen Ertrag nicht in den Vordergrund stellen, so ivichtig auch für uns die Kassensrage ist. Aber bor allem gilt es, das Vorurteil der Unternehmer zu beseitigen und aus diesem Grunde begnügte sich die Kolonie vorläufig mit einer perhältnisinäßig kleinen Vergütignng. Infolge dessen bedürfen ivir zur Deckung der Unterbilanz der Zuschüsse, die je nach der wachsenden Zahl der Insassen durchschnittlich für den Mann immer kleiner iverden. Bei 25 Kolonisten Branchen ivir einen Zuschuß von 8000, bei 40 von 9000, bei 60 von 10 000 Mark jährlich. Mit Rücksicht auf die unzureichenden Mittel haben ivir uns bei der Anschaffung des Inventars der größten Sparsamkeit nnd Einschränkung befleißigen müssen. Indessen wir hoffen, daß der auf dem letzten Verbnndstage fast eiiistiuniiig gefaßte Beschluß, die Arbeiterkoloiiie seitens der Verbände tatkräftig zu unterstützen, von Erfolg sein wird und wir bitten unsere Leser, nach Kräften dem Vereine neue beitragende Mitglieder zn getviniieii. An geeigneten Schützlingen fehlt eS der Anstalt nicht und ivenn erst das Vorurteil bei den Unteriiehutern geschwinide» sein ivird nnd sobald erst die erforderlichen Mittel, die, wie ivir gesehen habe», für 60 Kolonisten kanm wesentlich höhere sind, als für 25, beschafft sein werden, so hoffen ivir auf das Gelingen nnseres Vorhabens. Was wir erstreben ist eilt doppeltes Ziel, einmal tinsere Schtitzbefohlenen praktisch ztl übcn, sodartit aber sie intellektuell tmd moralisch anf^mteilten. Ist das. Beivnßtsein, ein Obdach zn besitze», die peinlichste Sauberkeit/ der erzieherische Einfluß der Disziplin tmd vor allen: die geregelte Arbeit, selbst der sicherste Boden für die ntoralische Regeneration, so ivollen ivir nns doch auf die ertvähiiten Hilfen allein nicht beschränken. Das alles könnken die Kolonisten auch in einer nichtjüdischen Anstalt haben. Nicht aber könnten sie dort einem gemeinsamen jüdischen Morgen- und Abendgottesdienst beiivohiie'n. Wir brauchen nicht herbvrznheben, welcher Segen die echt jüdische Feier der Sabbatnnd Festtage für die meist sroinn: erzogenen Kolonisteit ist. Und bereits hat sich eine Komitee gebildet, dessen Mitglieder es sich angelegen sein lassen, die Kolonisten durch Vorträge über die biblische nnd nachbiblische Geschichte, aber auch über allgemein belehrende Gegenstände nnd durch Gesangsunterricht ztt erbaueit und aiifzn richte». Kraltauer Srief. R. Es iilnß hiermit unserer k. k. Negierung der Vorivnrf gemacht werden, daß sie das Gesetz zur Regelung der Verhältnisse der israelitischen KultnSgelneinde» in Oesterreich ohne Znziehimg von jüdischen Erperteii ans Galizien, ans demjenigen Lande, in ivelchein der größte Teil jüdischer Siantsbürger in ZiSleithanen lebj» stände brachte. Als dieses Gesetz auf der Tagesordnung des Herrenhanses ivar, hielt der gottselige Freiherr von Königsivarter eine lange, sehr subtil stilisierte Rede, in ivelcher er berschiedene Faktoren des Gemeindelebens daznlmide und speziell die orthodoxen Rabbiner angriff und in ivelcher er dahinzielte, den Einfluß, ivelchen diese Seelenhirten in Galizien ansnben, zn brechen oder iuenigstens zn schivächen. Der gottselige Königsivarter hat es gut gemeint, aber seine Anstrengnngen ivaren desivegen nutzlos, iveil er mit den Verhältnissen der galizischen Killtnsgemeinden ganz nnd gar nicht vertraut ivar nnd bei Beratung des in Rede stehenden Gesetzes auf Grund der Inspiration einer Wiener Autorität ivirkte, die die Verabscheuung der jüdischen Orthodoxie zum Steckrinpferde