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Jüdisches Volksblatt · 1902-07-18 · 29 (18.7.1902) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
29 (18.7.1902)
Date
1902-07-18
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 29 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 18. Juli 1902 Seite 5 National?", die jüdischen Kollegen zwingen wollten, gegen Berncirv La za re zu protestieren,. Die Juden lehnten dies in würdiger Form ab. Darob großes Geheul bei den grünen Jungen, und Dwhen mit! Demonstrationen und Versanunlungen. In letzter Minute winkten ihnen aber die Arrangeure ab; man fürchtet momentan in den regierenden Kreisen Aussehen. Wir können bei dieser Gelegenheit nicht die Bemerkung unterdrücken, wie erzieherisch das Unglück aus die rumänischen Juden gewirkt hat. Ihr Selbllmtb Volksbewußtsein ließ manchmal manches zu wünschen übrig; heute aber stehen sie, von einigen Verrätern abgcsehen. bewunderungswürdig da. Warschau. Auf dem Wiener Bahnhof trifft man fast täglich Gruppen jüdischer Männer mit Weib und Kindern, die, aus dem Weichselgcbiete kommend, Afrika zum Reiseziel erwählt haben. Nach dem anglo-afrikanischen Friedensschluß ist Transvaal wiederum die verlockendste Stätte für die jüdische Emigration geworden, und je häufiger die Erscheinung der jüdischen Rückwanderung aus Amerika sich wiederholt, umso eifriger wenden sich die Blicke der zur Auswanderung genötigten voluisch-russischen Juden auf den schwarzen Erdteil. Im Museum zu Bukarest befindet sich eine antike Marmortafel, die auf beiden Seiten unter einem erhobenen Händepaar folgende Inschrift in griechischer Sprache trägt: „Ist flehe und rufe an den höchsten Gott, den Herrn der Geister und alles Fleisches, gegen diejenigen, ivelche die unglückliche Heraklea mit Hinterlist gemordet oder vergiftet haben, und ihr unschuldiges Blut vergossen haben. Möge cs ihren Mördern und deren Kindern eebnso ergehen! O Herr, der alles sieht, und ihr Engel, an dem heutigen Tage, wo sich jede Seele unter Flehen vor dir demütigt, du möchtest das unschuldige Blut rächen und die Mörder so schnell als möglich suchen." Wörtlich dieselbe Inschrift zeigt eure ähnliche Marmortafel in Museum zu Athen, nur daß hier die Ermordete Marthine heisst. Es ist nun kürzlich gelungen, mit Sicherheit festzustellen, das; beide Tafeln von der Insel Nheneia bei Delos stammen. Dieses kleine Eiland aber enthielt nichts als den Friedhof der großen Handelsstadt Delos. Dort also standen die beiden Grabsteine, und was lehren sie uns nun? Der Tag, an dem jegliche Seele unter Flehen sich demütigt, ist der große Versöhnungstag der Juden, die in Delos eine zahlreiche Gemeinde besaßen. In das Leben dieser Judengemeinde im zweiten vorchristlichen Jahrhundert tun wir einen Einblick. Zwei jüdische Mädchen, Heraklea und Märthine, sind von Mörderhand getödtet worden. Niemand kennt den Täter. Das vergossene Blut schreit zum Himmel. Am höchsten Festtage des Jahres bringen deshalb die Hinterbliebenen ihr Anliegen vor Gott. Glühend ist ihr Gebet um Rache, und dieses Gebet haben sie auf Marmor geschrieben. Täglich sollen die Gebetsworte, wenn auch stumme Marmorzeichen, reden von dem ungesühnten Blute zu jedem, der die Gräbcrreihen der Insel Rheneia durchwandert. Die Juden in Südafrika. Das Londoner Blatt „Jewish Chronicle" bringt einen sehr interessanten Bericht über ein Interview mit dem Rabbiner Dr. Herl; in Johannesburg, der von Lord Milner zum, Mitglied des beratenden Komitees gewählt worden ist. Nach Ansicht dieses kompetenten Beurteilers oildcn gerade die russischen Juden in Transvaal ein Bevölkerungselement, welches sich am besten den Verhältnissen assimiliert und dem Lande nur zum Nutzen gereichen kann. Von den Vorivürfen, die man den dorttgen Juden macht, sind nach den Ausführungen des Dr. Hertz die meisten unberechtigt. Wieder bilden die Juden den reichsten Teil der Johannesburger Stock Exchange, noch haben diese das verbotene Branntweingeschäft besonders gepflegt. Von 320 Ucbertretungen auf diesem Gebiete im letzten Jahre kommen noch nicht 20 auf Jrrden. Genau so geht es mich mit den anderen Anklagen, die mm: gegen sie erhebt. Der Antisemitismus ist in Südafrika nur eine importierte Pflanze, die auf dem Boden des Landes nicht wird gedeihen können, wenn alle beteiligter: Faktoren mit Entschiedenheit darangehen werden, die ökonomische Lage zu verbessern. Vor dem Kriege lebten daselbst 26 000 Juden; von diesen waren in Transvaal selbst 16—16 000, 7500 in der Kapkolvnie und der Rest in Natal, Nhodesia und den anderen Gebieten. Die Lage derselben hat sich währcrrd der Kriegszeit natürlich sehr verschlechtert. Aber es ist zu hoffe,:, daß sie unter der britischen Herrschaft, wo sie volle bürgerliche Freiheit genießen, die sie unter den Buren nie hatten, wieder zur Ruhe gelangen werden. Die Zahl von 25 000 Juden unter SSO 000 Andersgläubigen ist gewiß keine allzu große.- Es ist deshalb begreiflich, wenn man unter den veränderten Verhältnissen Südafrika als ein für weitere Koloinsation besonders geeignetes Gebiet ins Auge zu fassen geneigt ist. Das Ende einer alten Jsraelitengemeinde. Aus Oedenburg wrrd uns geschrieben: Durch einen Erlass des ungarischen Ministerrums des Inner:: wurde der viele Jahrhunderte alten politisch selbständigen Jsraelitengemeinde Mattersdorf, im Oedenburger Comitat, die Autonomie entzogen und deren Einverleibung in die Mattersdorfer Großgemeinde angeordnet. Die ehemals blühende Gemeinde war im Laufe der Jahre so weit zurückgegangen, dass sie die Lasten der Autonomie nicht:nehr bestreiten konnte und ein bedeutender Schuldenstand sich ergab. Nunmehr hat von den ::::- garrschen Jsraelitengemeinde:: nur mehr Eisenstadt die Autonomie. Erdbeben in Schemacha. Unter den durch das im Februar d. I. >>: Schemacha (Kaukasus) erfolgte Erdbeben schwer Heimgesuchten befindet sich auch eine große Anzahl kaukasischer Bergjuden, d:e sich nun an das in Baku gebildete Hilfscoinitee für die in Schenmcha und Umgegend von: Erdbeben Betroffenen um Unterstützung gewandt haben. — Das an das Haus Rothschild in Baku, zu Händen des Herr,: Pagel, in seiner Eigenschaft als Mitglied des genannten Hufscouütees, gerichtete Unterstützungsgesuch rührt von den unter den: Nainen „Aiki" bekannten, tu Maga im Kreise Schemacha ansässigen Bergjuden her und hat nach dem hebräischen Original folgenden Wortlaut: „Zion wird durch Recht erlöst, und seine Bekehrten dnrch Gerechtigkeit! Viel Frieden und nahes Heil für Tausende und Zehntausende komme und ströme herab von dem im Him- :nel thronenden Schöpfer auf die Häupter der Großen, Neichen und Edlen, die der Heilige Israels tausendfach vermehren und Friede in ihren: Lager walten lassen möge, bis er kommen lvird nach Siloah. Amen! Wir kommen hiermit allesammt und einzeln, Groß und Klein, Frauen und Kinder, u:n Euch kundzuthun die Heimsuchung, die Gott über unseren Ort verhängt hat. Gepriesen sei Er, der bestimmt und vollführt und uns gezüchtigt hat wegen unserer großen Sünden. Wir zählen 150 Familien und ivohnen im Dorfe Maga untveit von Sche:nacha. Am 0. Adar rischon, Donnerstag nachmittags, erhob sich ein mächtiger Sturm, begleitet von einen: donnerähnlichen Geräusch aus den: Innern der Erde. Bald darauf erbebte diese, und stürzten alle Häuser ein. bis auf vier, die stark beschädigt aufrecht blieben. Alles Hausgeräth, auch das ans Kupfer und Eisen ist total vernichtet. Außerdem sind 14 Menschen ums Leben gekornmen und tvaren drei Tage lang unter den Trümmerhmisei: vergrabe,:. Als lvir sie nach laugen: Suchen endlich fanden, betrauerten wir sie, und unser Weinen und Jammern ::>:: sie stieg ::: den Himmel. Leider sind auch alle Zehntvorräthe, Brot, Wein und Oel vernichtet, alle Waren und Wertsachen verloren, ivir sind hungrig und durstig zurückgeblieben und verschmachten nun in: Elend. Und so ivenden lvir uns an Euch, unsere Brüder, B'ne Nachinaniin, Nachkomme,: Abraharns, Isaaks und Jacobs, an Euch, Ihr Hochherzigen an allen Orten: Erbarmt Euch unser! Habet Mitleid mit uns und mit unseren Kindern! „M'r nur eine Seele von Israel vor Untergang rettet, sagen unsere Weisen, dem lvird es so hoch angerechnet, als hätte er zun: Fortbestand einer ganzen Wplt bergetragen," und ivir, ach, zählen 800 Seelen, lvir sind eine große Gemei:rde, die jetzt dringend der Menschenhilfe bedarf: o erbarmet Euch unser und unterstützt uns, damit wir weiter bestehen können. Wir waren bis jetzt Kaufleute, viele von uns trieben Handel in Schemacha, und wir ernährten uns redlich und anständig. Jetzt aber ist die dortige Bevölkerung theils umgekommen, theils verarmt; unsere Kinder aber bitten um Brot und wir können ihnen solches nicht verabfolgen. Wir flehen Euch an im Namen unserer Thora: Erbarmt Euch unser so schnell als möglich! Wir bitten Euch im Namen der gemeinsamen Erinnerung an unsere drei Erzväter und vier Erzmütter, im Namen des Rabbon Simon ben Jochai, des Rabbi Meir baal Neß und unseres Lehrers Mose: Habt Mitleid mit uns und beeilet Euch, uns vor dem Hungertode zu schützen I Gott wird Euch dieses Verdienst hoch anrechnen und Euch und Euren Kindern langes Leben schenken." Antisemitische Bade-, Kur- und Erholungsorte, Augustusbad bei Radeberg, Baust::, Bozen (Cafe Schgraffer, „zur weiße:: Rose", „zum Reußen".) Braunlage (Braunschweig), Bruchhausen Bad (Schwarzwald), Borkum, Craal b. Ribnitz, Chiemsee. Die Fraueninsel, Einöd (Luft- und Wasserkurort bei Piesach in Obersteiermark). Ebbs.und Erl im Inn. Ettlingweiler (Bad. Schwarzwald). Fürstenblick bei Trömbach in Thüringen. Grosstabarz (Thüringen). Heiligenhafen. Hinterriß (Bayern, Forsthaus). Innsbruck: Die Gasthöfe „zum weißen Kreuz", zum „goldnen Lldler" und zum „roten Adler". St. Johann bei Heiden in Appenzell. Juist. Karlbad: Eduard Anger, Hugo Anger, Dr. Adolf Bernbarth, Josef Dörfler, Josef Drumm, Alfred Doroschkin, Josef Hofmann, Hermann Jakob, Franz Küffl-Zahles, Karl Schmidt, Kieferfelden a. Inn: Gasthof zur Gräfin von Kwfstein. Kisfingen: Logierhaus Nenner. Kitzbühel (Tirol). Klausen: Gasthof zur Post. Kufstein: Gasthaus zur Schanz bei K. Sandwirt zum Sparchen bei K. Lakolk auf Rom. Langhampfen. Liga:: bei Dresden. Metlisalp (Berner Oberland). Mezzelomüardo: Rest. Gröbner. Montavon: Jnner-Bartholomä und Bandaus (Vorarlberg). Mühlenthal (Ferienheim bei Wernigerode.) Mühlgraben bei Oberaudorf (Tirol). Müritz. St. Nikolai bei Ebbs. Oberaudorf a. Inn. Oberbozen. Oberweiler: Kurhaus im Schwarzwald. Pyrmont: Richters Pension. Prag: Altstadt, Katholisches Kasino. Nensch bei Bozen. Rnpolding in Oberbayer::. Schierke (Harz): Hotel' Hoppe und Haus Tannenheim. Schärding am Inn; Kuranstalt Dr. Ebenhecht. Schliersce: Hofhaus. Sellin. Serimo ct. Gardasee. Hotel promessi sposi. Swinemünde: Britters Strandhotel. (Besitzer: Wilhelm Sergs und Peter.) Nothafen bei St. Thiersee. Vilm (Insel Rügen). Volderbad bei Hall in Tirol. Walchsee. Wildhihl, Tirol. Zinnowitz. Als gänzlich „judenvein" empfiehlt das Münchener „Deutsche Volksblatt" noch den Luftkurort Brixen in Tirol, „das einen christlich-sozialen Gemeinderat besitzt und wo man in keinem Hotel oder Gasthause Juden als Gäste zu sehen wünscht." Nach der leisten Volkszählung wohnen im gesamten Indien 16 845 Juden, davon über 11 000 in der Präsidentschaft Bombay. In Aden ist die Zahl unserer Glaubensgenossen während der letzten 20 Jahre von 2121 auf 3069 gestiegen. In der ganzen Provinz Affam wohnt nur eine jüdische Frau. — Die Seelenzahl aller in Schweden lebenden Juden beträgt nicht n:ehr als 3000, die fast ausschließlich in den drei Gemeinden Stockholm, Gothenburg und Malmö wohnen. Trotz dieser geringen Zahl sind aber alle Richtungen des Judentums vertreten, soivohl die radikalste Reform als auch die Orthodoxie strengster Observanz. Letztere yat ihre Hochburg, ihren Sammelpunkt in Malmö und den zu dieser Gemeinde gehörenden Städten. Alle Gemeindeinstitutionen, Gottesdienst Religionsschule, Schechita nsw. entsprechen dem Geist des streng konservativen Judentums. Schroda. Als hier vor einiger Zeit neue Telephonleitungen gelegt wurden, ließ der die Arbeiten lleitende Postbeamte das angekommene Material von dem erst seit kurzer Zeit hier etablierten polnischen Spediteur von der Bahn holen, obgleich es in Schroda seit langer Zeit zwei deutsche Spediteure gibt, von denen der eine amtlicher Bahnspediteur ist. Des Pudels Kern ist, daß beide deutschen Spediteure Juden sind. — Zu dem am 19. und 20. Juni hier stattgehabten Oberersatzgeschäft trafen am Abend des 18. mehrere Offiziere in Schroda ein, stiegen in Posncrs Hotel ab, dessen Pächter Jude ist, erhielten aber bald darauf die schriftliche Weisung, nach Hüttners Hotel, dessen Besitzer Pole ist, zu kommen, da für sie dort Zimmer bestellt seien. Ob solche Vorkommnisse zur Förderung des Deutschtums in den Ostmarken beizutragen geeignet sind, mag dem allge:::einen Urteil überlassen bleiben. Daß die hiesigen Juden gut deutsch gesinnt sind, hat sich damals bei den letzten Stadtverordnetenwahlcn in: November erwiesen, indem sie Mann für Mann in der zweiten Abteilung für den deutschen Kandidaten stimmten, welcher dadurch mit einer Stimme Mehrheit über den polnischen Kandidaten siegte. Wer schlägt also das Deutschtum in der Provinz nieder? Der deutsche Beamte! Wer treibt das Deutschtum heraus? Der deutsche Beamte! Kühn und Kolm. Als seinerzeit Doktor Theodor K o h u den erzbischöflichen Thron in Olmütz bestiegen hatte, rühmte er sich in seinem Hirtenbriefe seiner Abkunft und legte darauf besonderen Nachdruck, er sei stolz darauf, von dem hohen Priester Aron abzustammen ::nd ein Glied der jüdischen Priesterfamilie zu sein. Nicht minder zeigte sich der Erzbischof Dr. Theodor Kühn in diesem Hirtenbriefe davon befriedigt, daß seine Genealogie bis zu dem erhabenen, glorreichen König David reiche, daher er sich zu den: nachweislich ältesten Adel zivilisierter Nationen zu zählen vermöge. Es ist wohl nicht überflüssig, darauf hinzuweisen, daß das Erzbistum in Olmütz zu den ehrwürdigstei:, angesehensten und mächtigsten, nicht nur Oesterreichs, sondern der ganzen Welt zählt. Das Olmützer Erzbistum ist ungemein reich dotiert, die Einkünfte desselben übersteigen eine Million Gulden, die ausschließlich zur Verwendung des jeiveiligen Erzbischofs ad personam stehen. Dem Olmützer Erzbischöfe stehen sechzehn Domherren zur Seite, die sämtlich n:it reichen Pfründen ausgestattet erscheinen, welch letztere die Einkünfte manch hohen Kavaliers aus dem Laienstande weit übersteigen. Der Erzbischof von Olmütz genießt überdies, wie kein anderer seiner Amtsbrüder, souveräne Hoheitsrechte, indem er mit den: Privileg ansgestattet ist, eine Leibgarde zu halten und Münzen zu prägen. Selbstverständlich hält der Erzbischof vor: Olmütz einen fürstliche:: Hofstaat, der der Würde des altchrwürdigen Erzbistums angernessen ist. Welches hohe Ansehen das Olmützer Erzbistum genießt, ivie viel umworben dasselbe ist, geht daraus hervor, daß schon :>:ehrere Male österreichische Erzherzoge diesen erzbischöflichen Thron eingenoilnnen haben. All dies haben ivir vorausschicken zu sollen ge- :neint, :>::: das hohe Ansehen und die große Wichtigkeit zu kennzeichnen, ivelche das Olmützer Erzbistum besitzt und ivelch ausgezeichneten Rang der Olmützer Erzbischof unter den Kirchenfürsten und Dignitärei: der katholischen Kirche cinnimmt. Der derzeitige Erzbischof von Olinütz Doktor Theodor Kohn, den: außerdem der Ruf eines großen Gelehrte::, eines scharfen Logikers und tiefen Denkers vorangeht, hat es nicht verschmäht, er hat es vielmehr als eine Auszeichnung und Gnade Gottes betrachtet den Namen „Kohn" führen zu können. Es ist ihm nicht im Traume eingefallen, diesen Namen, den auch sein jüdisch geborener Vater iu Ehre:: geführt, zu ändern, im Gegenteile er legt einen zweifellos berechtigten Stolz darin, sich dieses Namens auch als Erzbischof von Olinütz bedienen zu dürfen. Nun zu::: Gegenstück. Befindet sich da in Wien ein Rechtsanwalt Herr Doktor A. K o h n, der es als ein Unglück angesehen zu haben scheint mit den: Namen Kohn auf die Welt gekommen zu ' sein, denn er hatte nichts Eiligeres zu tun und erachtete es als dringend geboten, dem altehrwürdigen Namen Kohn in den weniger verfänglich klingenden profanen Namen „Kolm" konvertieren zu lassen. Würdig reihen sich etzliche Körner, Kurt, Körting Conrad und Konrieds nsw. an. Um allen Mißverständnissen zu begegnen, schicken w:r voraus, daß wir durchaus nicht die Absicht haben, uns mit Herrn Doktor Kolm, quondam Kohn, der uns sonst gleichgiltig ist, zu beschäftigen. Herr Doktor Kolm, quondan: Kohn, bleibt daher gänzlich aus dem Spiele, tvcnn wir uns der peinlichen Aufgabe unterziehen müssen, die Manie der NamenskonvertieruM aufs Schärfste zu geißeln und zu brandmarken und die ätzende Lauge und beißende Satire über all diejenigen auszugießen, die sich lächerlich genug machen, den Namen, den ihre Vorahne:: mit vollen Ehren getragen —• dies stimmt im gegenwärtigen Falle ganz zu, denn der gottselige Vater Doktor Kolms war ein wackerer, biederer, agesehener Kaufmann — umzuformen. Eine Namensänderung ist unzweifelhaft ein testimonium pcmpertatis, das sich derjenige ansstellt, der dreißig oder fünfzig Jahre Kohn genannt wurde und über Nacht Kolm heißen will. Die geistige Kapazität, der gute Ruf und die angesehene Stellung, die man in der Gesellschaft einnimmt, ist mit dem Namen des Betreffenden so innig verwachsen, daß der kluge und vernünftige, der nüchterne und vorurteilslose, das intellektuelle Pfund, das er sich durch jahrelange Studien erworben, nicht blindlings und jählings preisgeben wird. Gotthold Ephraim Lessing, Benjamin F«mklin, Abraham Linkoln, Disraeli waren große Männer und werden es in der Geschichte bleiben, trotz ihrer alttestamentarischen Vor- und Zunamen. Unsere Satire richtet sich aber nicht nur gegen all Diejenigen, die sich durch die Konvertierung ihres Namens bet. Lächerlichkeit preisgeben, wir möchten auch an die kompetente Behörde die Bitte richten, derartiger Oberflächl:chkeit und Eitelkeit nicht zu willfahren. Für dieses Mal Wohl genug, wir sparen uns das in dieser Richtung zur Verfügung stehende Material auf, um auf die Sache gelegentlich des Ausführlicheren zurückzukommen. Srief aus Sarajewo. (Epilog zur Steuerfrage der fpaniolifchen Judengemeinde in Sarajewo.) Die Gemeindemitglieder der spanisch-israelitischen Gemeinde in Sarajewo sind seid einigen Monaten in großer Unruhe, weil sie von ihrer Gemeinde besteuert wurden. Bis zu diesem Jahre wurden überhaupt keine Steuern eingehoben, vielmehr bestritt die Gemeinde alle ihre Ausgaben durch indirekte Einnahmen, wie z. B. durch Schnobern, Schechita usw. Da aber die Gemeinde ihr Aus-» kommen nicht finden konnte, mußte sie zur Steuer greifen. Obzwar die Steuereinhebung schon vor Jahren von der hohen Landesregierung genehmigt war, wurde dieselbe nicht eingeführt, weil die Gemeinde knapp ohne diese ihr Auskommen gefunden hatte. Nachdem aber an die Gemeinde immer neue Anforderungen gestellt wurden und diese durch irgendwelche Einnahmen gedeckt werden mußten, so wurde die Einkommensteuer eingeführt. Darob bei einigen große Entrüstung. So haben einige der reichsten Spaniolen die Zahlung der Steuer verweigert, andere hingegen haben sich verbrüdert und an die hohe Landesregierung protestiert — doch ohne Erfolg. Die Steuerzahler wurden in sechs oder acht Klassen eingeteilt und es wurde bei Bemessung derselben die möglichst größte Rücksicht genommen, alles genau erwogen. Laut Statuten der Gemeinde haben sie das Recht, die Mitglieder bis zu 20 Perzent jenes Betrages zu besteuern, welchen Sie cm Steuern dem Staate leisten. Doch hier wurden die Mitglieder in: Durchschnitt mit 6—8 Perzent dieses Betrages besteuert. Der Anführer der Nichtzahler soll der reichste Spaniole Uscup, der gewesene Präses der spanischen Gemeinde, derzeit auch Gemeilwerat von Sarajewo sein und haben sich viele ihm angeschlossen mit der Motivierung: So lange Uscup nicht zahlt, zahle ich auch nicht. « Ein schönes Vorbild. Es blieb nichts anderes übrig, als zur Pfändung zu schreiten und da dachten doch alle, sobald es zur Pfändung kommt, werden cttte. diese Steuerträger gefügiger. Weit gefehlt, alle ließen sich pfänden, obenauf Ursc::p, dann einige der modemen Spaniolen, wie Jos. Bar. Pri::z Sal., Großhändler Sumbul., Gracanica Fin. usw. Der Prinz S. ließ sich seinen Fialer, der Bar. seinen Ring, den er an der Hand trägt, der Fin. 2 Säcke Kaffee, der andere Tuche ::slv. pfänden und beim Verkaufe waren wieder die Gepfändeten die Erstehet für ihre gepfändeten Waren. Man könnte glauben, daß diese Herren nicht wissen, was das Wort „Steuer" zu bedeuten hat, im Gegenteil, das sind Kapazitäten ans diesem Gebiete, vielgereiste Herren, die vieles gesehen und vieles gelernt haben. Und daß diese gerade im Schoße ihrer eigcmen Gemeinde, diese Reibereien veranstalten, ist sehr bedauerlich und es charakterisiert den Menschen in solchen Fällen. Die arrnei: Mitglieder bezahlten ihre Steuern ohne Widerrede, kein Rekurs, kein Protest. Die reichen, nein die reichsten Leute lehnen sich hierüber auf. Damit sich die Herren von Sarajewo überzeugen, daß auch anderlvärts eine Steuer gezahlt wird, zitiere ich hier von der Wie::er israelitischen Knltusgemeinde den Paragraph 5 b). Beteiligung an den Gemeindelasten: Jedes Gemeindemitglied, das einen Erwerb oder Eiickommen besitzt, ist verpflichtet, gleichwohl, ob uiännlichen oder weibliche n Geschlechtes, ob dispositionsfähig oder nicht, zur Leistung eines direkten jährlichen Beitrages. Hier sogar müssen Frauen zahlen, das würde etwas für die Sarajetvoer sein, wenn die Frauen auch noch besteuert würden, d. h. jene, die selbständig sind und ein Einkominen haben und solche gibt e§ hier auch genug. Man spricht hier allgemein unter uns gesagt, daß diese ganze Hetze, so muß ich es nennen, nur deshalb von den reichen Familien ansgeht, weil der derzeitige Vorstand ans lauter Kaufleutei: und einen: Beainten besteht und diese die Steuer eingeführt haben und nicht von jenen: seinerzeitigen Vorstände, bestehend ans einem Teil der reichsten Leute. Also der Ansfnhrungsneid. Die hiesigen Spaniolen besitzen einige Tempel, Vethänser, Bet l:a-M:drasch usw., nur der Rabbincrposten ist momentan verivaist, da der alte Oberrabbi vor 3—4 Monaten in: hoher: Alter starb und man jetzt auf einen jüngeren, modernen Rabbi wartet.

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