Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 29 (18.7.1902)
- Date
- 1902-07-18
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Jüdisches Volksblatt 18. Juli 1902 Nr. 29 Wien, Freitag J'a? nächste Mal werde ich mir erlauben, über den Spaniolis.ben Unterstützungsverein „Bcnevolenzija" etlvaS zu bringen, über einen Verein, der der spanischen israelitischen Gemeinde zur Ehre und Zierde gereicht. Akiba. Jüdischer Antisemitismus. Zn den letzten Tagen haben sich, bon der Tageschronik gemclret, zwei rzalle begeben, die verwandtschaftliche Beziehungen unteremander aufweisen. Der eine Fall pulsierte in Wien, der andere un fernen testen, in Galizien. eüwr jüdischen Corporation war ein Bau zu vergeben. ~’.tc W"hl Ichien bereits auf einen jüdischen Baumeister gefallen. ^ns...an8eiehenes Mitglied der Corporation bestimmt jedoch durch per,onliche Einflussnahme, Besprechung mit den einzelnen Mitgliedern, diese, dcii Bau einem arischeii Bmimeister zu übergeben. Begründung: „Er könne es bei den heutigen Zeiteii nicht verantworten, cmen jüdischen Baumeister zu betrauen." Aus dieser allgemelnenp-aßung können wir eineErwägung herausschälen. „Wollen wir nicht noch ärgere Zeiten, müssen wir mit den Wölfen heulen? Verlangen unsere Feinde Einschränkung der jüdischen Concurrenz, *üir' roher lleberinacht weichend, in unseren öffentlichen Vertretungskörpern unsereii Feinden zu Gefallen sein, dass fte,uns nicht mit Haut und Haaren fressen?" Das kann ja eine aufrichtige Ueberzeugung sein, abgesehen davon aber, dass das eine bloße Zuvorkommenheit gegen unsere Feinde, die für uns wertlos, aI|o citooS Nutzloses, ist, ist es jedenfalls die Ueberzeugung eines furchtsamen Menschen, und — solche dürfen wir nicht mit Mandaten betrauen. Dazu müssen wir uns furchtlosere Leute aussuchen. Es ist ja nicht anzunehmen, dass der übergangene jüdische Baumeister deswegen am Hungertuche nagen, wegen dieser Zurücksetzung vor dem Ruin stehen wird. Da ist es mehr ein Gefühl verletzten Männerstolzes, das die Liebedienerei des Mandanten in uns erzeugt. Aber auch der erwägende Vorstand sieht die Verwerflichkeit dieses Beschlusses, denn mit dem Bmimeister ist auch eine Anzahl jüdischer Handwerker, Arbeiter, verkürzt worden. Diese realen Folgen des erwähnten Falles gehen ja allerdings nicht zu tief, die principiellen Bedenken sind stärker. Der unbefangene und unbetheiligte Zuschauer wird das Gefühl nicht los, wenn er an den heuchlerischen Egoismus der liberalen Aera denkt, dass „die heutigen schlechten Zeiten" die eigenen schlechten Zeiten (schlecht in anderem als materiellem Sinne) oder des eigenen Kreises schlechte Zeiten sind. Denn die Lage des Volkes, der untersten Schichten, wie sie im Osten angehäuft sind, war wohl zu Zeiten der «liberalen Aera", die Freiheit im Principe anerkannte, in ihren Thaten aber streng capitalistisch, anti-freiheitlich, egoistisch war, nicht wesentlich oder gar nicht besser als heute. Diese Zeiten waren gut für die Besitzenden, die es verstanden, mit leichtester Mühe größeres Vermögen zu erwerben und für wenige Glücksbegünstigte, die das nöthige Capital an Rücksichtslosigkeit und Skrupellosigkeit besaßen, aus nichts Reichthümer hervorzubringcn. Die Beladenen, die sich selbst nicht erleichtern konnten, seufzten damals, wie sie heute seufzen, mit dem arischen Proletarier die hunderttausende jüdischer Proletarier. Diese Furcht des jüdischen Mandanten steht in verwandtschaftlicher Beziehung zu jenem Egoismus, der nach dem Erkenntnis handelt, „wenn ich den Antisemiten helfe, werden sie mir nichts thun." Furcht ist eben der erste Schritt zum Verrath, und deswegen müssen wir von unseren Erwählten Furchtlosigkeit verlangen. Beiläufig sei erwähnt, dass wir bei diversen Rächen, Ordensinhabern, Bankgewaltigen und dergleichen „Gesellschaftsstützen" eher Furcht voraussetzen können, als bei folchen, die durch keine derartigen, wahren Inhaltes baren, oder von kleinem, nichtigem Egoismus, erfüllten Formen in der freien Entfaltung ihrer Kräfte gehindert sind. Der zweite Fäll, eine eigenartige Ergänzung zu dem ersten, geschah in Galizien. Ein jüdischer Gutsbesitzer, der Führer nicht, aber der Machthaber innerhalb der galizischen Judenschaft, Mitglied der land- und volksverderbenden Adelspartei, will ein JÄut verkmifen. Die Dorfgemeinde, in der das Gut liegt, will es ankaufen, der Propinationspächter des Gutsbesitzers, so melden die Tagesblätter, kommt der Gemeinde zuvor. Darmif ein Judenexcess der erbitterten, enttäuschten Bauern, die Juden der ganzen Umgebung sehen schon im Geiste die Wiederholung der großen Excesfe und zittern. Wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir annahmen, der Propiuationspächter sei Jude gewesen. Da wäre also an lebendigem Beispiel dem Wiener Mandatsbesitzer recht gegeben worden. Die Fälle sind doch verschieden. In Wien wurden jüdische Handwerker verkürzt, damit das Interesse der Gesammtheit tangiert. Welches Interesse hat aber die Gesammtheit daran, dass der Propinationspächter, der genug vermögend ist, das Gut wirklich erhält? Statt der Dorfgemeinde, der Bauern, die es erwerben wollten? Das Interesse der Gesammtheit ist die Existenzmöglichkeit eines jeden Juden, nicht die Anhäufung von Gütern durch einen einzelnen. Erkennten wir das mosaische Gesetz an, müssten wir das Anhäufen verwerfen. Haben wir aber die Wähl zwischen dem Interesse des vermögenden Propinationspächters und dem Interesse vermögensloser Bauern, erkennen wir das letztere an. Anders wäre es ungerecht, unjüdisch. Nehmen wir nun aber den Fall an, der Gutsbesitzer hätte diese Transaction an einen jüdischen Käufer vorgenommen, um eine jüdische Siedlung zu errichten. Der Hass der enttäuschten Bauern wäre sicher um nichts geringer gewesen. Also auch im Dienste der Gesammtheit gemeint, hätte die Bevorzugung des jüdischen Käufers Unheil über die Juden gebracht. Wie der Antisemitismus der Gradmesser der Cultur ist, so ist die reale For,m in der sich der Judenhass äußert, die Intensität seiner Ausbrüche noch viel mehr für die Höhe des culturellen Standpunktes eines Volkes maßgebend. In Galizien, das österreichische Asien genannt, bedarf es nicht viel, das Volk zu Mord und Brand gegen die Juden zu treiben. Es ist der Ruhm der Schlachta, die Bezeichnung „gälizische Zustände" zum Ausdruck für maßlose Bedrückung, Ausbeutung und Rechtlosigkeit des Volkes, für Corruption und Vergewaltigung gemacht zu haben. Der Ruhm derselben Schlachta, der der erwähnte Gutsbesitzer unbedingte Gefolgschaft leistet. Und wollten selbst durch solche Verbindung die galizischen Machthaber den Juden helfen, an der Wüth des polnischen Volkes, gemengt aus dem Hass gegen den Juden und den Unterdrücker, würde alles zunichte werden. Es gibt kein Recht für die Juden, das nicht auch Recht für die anderen ist. Erkennen wir, auf wessen Seite wir uns zu stellen haben, erkennen wir, dass es unnütz ist, uns hinter volksvergewaltigende Machthaber zu verstecken. Wir schüren den elementaren Judenhass voll unten, und wenn nicht anderes, Bajonnette vermögen uns keine Sicherheit zli geben. Solches ist freilich kein Programm für heute und morgen, es ist ein Programm für Wiele Generationen, neu begonnen im Jahre 1848. Und wenn seine Punkte erfüllt sein werden, wird — die Judenfrage gelöst fein. Ausgesprochen hat das schon Jesaias: „Wenn alles den Herrn erkennen, alles rechtthun wird.". Unser Platz ist auf der Seite der Vergewaltigten, niemals der Herren. Leiten wir aus den beiden Fällen die Ouälification ftir unsere Führer ab: Furchtlosigkeit und Rechtthull, letzteres freilich in einem höheren Sinne. Emil Schwarz. Büchkk-Einlaus. Bon der „Neuen Zeit" (Stutgart, Dietz' Verlag) ist soeben das 41. Heft des 20. Jahrganges erschienen. Aus dem Inhalte des Hefres heben tvir hervor: Der Druck von Außen. — Bauernagitation in Amerika. Von K. Kautsky. — Die Arbeitszeit der in Kömptoiren beschäftigten kaufmännischen Angestellten. Von Wilhelm Swienty. — Literarische Rundschau: Wilhelm Uhde, Perikles. Von Manfred Wittich. Emil Holarck, Reflexionen aus dem Katechismus. - Notizen: Der Metallgeld- und Papiergeldvorrat der Welt. - Feuilleton: Briefe von Karl Marx an Dr. L. Kugelmann. (Fortsetzung.) Die „Neue Zeit" erscheint wöchentlich einmal und ist durch alle Buchhandlungen« Postanstalten und Kolporteure zum Presse von Mk. 8.2ü pro Quartal zu beziehen. In der Zeitungspreisliste der Postanstalteu ist die „Neue Zeit" uitter Nr. 5389 eingetragen, jedoch kann dieselbe bei der Post nur pro Quartal abonniert werden. Das einzelne Heft kostet 26 Pfennige. Probenummern stehen jederzeit zur Verfügung. Stimmen ans dem Publicum. Bad „Lubicn" bei Lemberg. Wenn ein galizifchcr Reichsratsabgeordneter seinerzeit die Erwähnung machte, daß in Galizien kein Antisemitismus herrscht, so können wir cs nur auf folgende gälizische, antisemitische Bäder nicht anwendcn: Zakopane, Jwonicz, Szczawnica; dagegen müssen wir zur Steuer der Wahrheit anerkennen, daß sich im hiesigen Kurorte, wo Nerven-, Gicht- und Nheumatismusleidende weilen, und die hiesigen vorzüglichen Stahl- und Schwefelbäder benützen, nach Aussage vieler ärztlicher Autoritäten und Badegäste alle Gäste der Zuvorkommenheit der edlen Menschengesinnung sowohl seitens des Eigentümers, Landtagsabgeordncten Herrn Baron Adolf v. Bronicky, als auch seitens des Herrn Direktors Longchamps ohne Unterschied der Konfefsion erfreuen. So hat der Direktor Longchamps den hier zahlreichen jüdischen Armen 40 Perzent Nachlaß am Bade und Befreiung der Kurtaxe bewilligt und als Beweis, wie die hiesige Herrschaft und Verwaltung den Antisemitismus verabscheut, diene, daß hier eine jüdische Kapelle während der Kurzeit unter Leitung des berühmten Kogentisten Herrn Geiger engagiert ist; ja sogar eine von der Behörde konzessionierte koschere Küche unter Aufncht eines frommen Restaurateurs besteht hier, wo Unbemittelte auch für 12 Kreuzer Mittag erhalten. Ich schließe daher mit dem Worte Goethes: „Das ist als das Höchste zu achten, Menschen kennen und nicht verachten!" KrLefkrrsten. Dr. I. G., Loschitz. Akzeptiert, aber Geduld. Terebesfejerpatak. Gleichfalls. Der Schlüssel. Erzählung von Eduard Kulke. (Fortsetzung.) Nun wäre ich denn mit der Philosophie fertig. Fertig? O ja, was man so'fertig nennt, eigentlich stehe ich erst am Eingänge dieser Wissenschaft und zum Teil habe ich dafür der mageren Hofrätin dankbar zu sein. Ich habe meinen philosophischen Kursus regelmäßig durchgemacht und habe bei der Prüfung drei Fragen beantwortet. Frage ich mich aber, was ich gelernt habe und was ich weiß, so muß ich sagen: nichts. Aus dieser Art Philosophie ist kein Trost zu holen. Was man in der Schule für Philosophie ausgibt, hat weiter keinen Zweck, als die Zeit durchzubringen. Das ist nichts als ein Abklatsch der landläufigsten Gemeinplätze und es sagt sie der Schüler dem Professor nach, wie der Papagei seinem Abrichter. Gesucht wird in dieser Philosophie nichts; denn das, was man suchen sollte, was sich als Resultat des Nachdenkens am Schlüsse ergeben soll, das hat der Professor gleich anfangs als ausgemachte Wahrheit in der-Tasche. Mit dieser Voraussetzung, an welcher zu zweifeln niemand einfallen darf, wird begonnen und nun wird darauf losphilosophiert, daß es eine wahre Freude ist und ein oberflächlicher Kopf wundert sich höchlich, wie dann alles so hübsch herauskommt. Diese Art Philosophie ist aber von der eigentlichen Philosophie viel weiter entfernt, als der Affe vom Menschen, denn eine wahre Philosophie muß vonhause aus leer mrsgehen und ohne Rücksicht auf das Resultat, welches -sich aus der Forschung ergeben wird, aber selbst^ie Philosophie, die wirklich Ernst macht, die in Wahrheit darauf' ausgeht, die Wahrheit zu suchen, wird sie mir Befriedigung gewähren? Die magere Hofrätin meinte durchaus, ich werde in Fichte die Wahrheit finden; ich erinnerte mich aber an das Sprichwort meiner Mutter: „Eh' ich gehe zum Schmiedten, geh' ich'zum Schmied" -— und deshalb ging ich nicht zu Fichte, sondern zu ant. Nun bin ich mit der transzendentalen Aesthetik zu Ende und weiß nicht mehr, ob ich noch in der Welt bin oder ob die Welt in mir ist! Erstaunlicher Kant! Ich fange an. Deinen transzendentalen Idealismus zu begreifen. Du hast mir eine neue Welt erschlossen, in der ich mich zwar noch nicht ganz zurechtfinden kann, aber ich verstehe meine alte Welt jetzt doch besser, in der ich bisher gebebt habe. Du bist groß, weniger durch das, was Du mir gibst, als durch das, was Du mir nimmst. Du hast mich um den Trost gebracht, das Dasein Gottes wie einen mathematischen Satz beweisen zu können, aber Du hast mich auf die Höhe geführt, eines solchen Beweises nicht mehr zu bedürfen und wenn ich mich erinnere, daß ich mir einmal die Frage stellte, ob ich Gott beleidige, wenn ich am Samstag schreibe, so empfinde ich es jetzt, wie Dein Geist dazu gekachelt haben würde, wenn er diese Frage vernommen hätte. Neue Gedanken, neue Zweifel hast Du in mir angeregt, aber die alten sind dafür geschwunden, Dein Donnerwort hat sie hinweggescheucht und die Fragen, mif welche mir Möses . und Christus, Zoroaster und Confuzius die Antwort schuldig geblieben sind, ein Strahl ans Deinem Geiste hat sie mir beantwortet. Warum verschiedene Religionen auf der Erde existieren, ist für mich keine Frage mehr. Die verschiedenen Religionsstifter lehrten mit Ueberzeugnng; jeder von ihnen, was er für wahr hielt, seine Lehre stützte er durch die Berufung auf die Offenbarung Gottes und mit der Zahl der Bekenner entwickelte sich die neue Lehre. War aber schon die Religion überhaupt ein notwendiges Entwicklungsmoment in der Geschichte der Menschheit, so ist es für diese ein wahres zu nennen, daß verschiedene Religionen nebeneinander bestehen. Denn die Bekenner der einen werden durch die Bekenner der anderen notwendig aufgeweckt und stutzig gemacht. Welche Gestalt hätte die Welt angenommen, wenn es einer Religion gelungen wäre, allein von den Menschen Besitz zu nehmen, sich als sogenannte Wi'ltreligion geltend zu machen! Um uns diesen Zustand nur ein wenig klar zu machen, denke man an ein Land, wo nur eine Landesreligion geduldet wird, z. B. an Spaniein Die Religion wäre dann für die ganze Menschheit, was die Haut seines Körpers für den einzelnen Menschen. Niemand kann aus seiner Haut herausfahren. In der anderen Religion aber, die neben der meinigen besteht, finde ich leicht den festen Punkt, meine eigene mißtrauisch wenigstens prüfend anzusehen, die fremde Religion ist für mich der feste Punkt, den Archimedes außer der Erde gesucht hat, »un sie aus den Angeln zu heben. Mit der anderen Religion hebe ich meine eigene aus den Angeln und mit meiner eigenen wieder die andere. Wenn Christen und Juden nebeneinander friedlich leben, wenn die ersteren sehen, daß die letzteren nicht zur Beichte gehen und diese wieder die Erfahrung machen, daß jene am Jom Kippur nicht fasten und doch beide sich als Menschen anerkennen, die im gesellschaftlichen Leben miteinander Verkehren, ohne mit ihrer Sittlichkeit in Konflikt zu kommen, so müssen sie gegenseitig stutzig werden, wenn auf der einen Seite von der allein selig machenden Kirche, von dem auserwählten Volk Gottes auf der anderen Seite gesprochen wird. Die verschiedenen Religionen sind ein Glück für die Menschheit. Ein Beispiel wird diesen Gedanken besser klar machen. Jemand kommt von einer großen Reise zurück und erzählt von einem wunderbaren Lande, dahin noch keiner von uns gekommen ist. Wir haben keine Ursache, in seine Aussage einen Zweifel zu setzen. Was er erzählt, hören tvir gläubig an, und die Vorstellung, die tvir uns von dem Lande machen, entspricht genau seinem Bericht. Nun aber niachen noch andere dieselbe Reise. Alle kehren zurück, alle erzählen und berichten höchst Merktvürdiges; aber siehe dal Ihre Berichte stimmen keincstvegs miteilmnder überein; im Gegenteil, sie stehen miteinander so sehr itt Widerspruch, daß, wenn die Erzählung des einen wahr ist, die des andern notwendig falsch sein muß. Welchen der Berichte sollen wir glauben? Einer ist eben so glaubwürdig wie der andere. Es fehlt uns offenbar Hetzer Anhaltspunkt. So lange wir nur einen hörten, nahmen wir seine Aussage hin, wir konnten sie mit keiner andern vergleichen. Nun aber ist die Vergleichung geboten, der Widerspruch ist offenbar. Was wird die Folge sein? Keine andere als dicfe, daß wir gegen alle diese Berichte ein gerechtes Mißtrauen hegen und keinem von ihnen mehr unbedingten Glauben schenken werden. So haben wir an dem Berichte eines jebett einen Maß stab zur Beurteilung der anderen. Alles ruht mif Vergleichung. Nur durch Vergleichung gelangen wir zur Einsicht. So ist es auch mit den verschiedenen Religionen. Ich müßte mich irren, wenn Lessing in der Fabel von den drei Ringen oder Volncy in den Ruinen nicht eigentlich dasselbe gemeint hat. Mr fällt jetzt mein Komparativus ein, auf den ich schon in der Schule große Stücke gehalten habe. Die Frage, warum es verschiedene Religionen gibt, hat für mich keinen anderen Sinn, als ob einer fragen wollte, warum es verschiedene Dramen gibt? Die Antwort ist in beiden Fällen gleich, die Phantasie gestaltet sich in jedem Manne, der überhaupt vermöge der Phantasie schafft, anders und bringt bei jedem verschiedene Gebilde hervor; in der Tat aber ist jede Religion genau wie ein Kunstwerk» ein Produkt der Phantasie und der Religionsstifter ein wahrer Schöpfer, genau wie der Dichter. Die Religion ist ein Kunstwerk und zwar für die große Masse dasjenige Kunstwerk, das ihre Phantasie und ihr Gefühl täglich und stündlich befriedigt. Sie ist für die große Masse das, was die Kunst im eigentlichen Sinne für den Gebildeten ist. Der Unterschied besteht nur darin, daß der Gebildete aus dem Kunstwerk diejenige Befriedigung erhält, die der schöne Schein gewährt und er sich dieses Scheines bewußt ist, wie sehr er auch von der poetischen Wahrheit gefesselt wird; der Haufe aber sieht in seinem Kunstwerke — in der Religion — immerfort die absolute Wahrheit. Deshalb ist der Gebildete in der Kunst nicht gefangen, sondern frei; der Ungebildete hingegen in der Religion nicht frei, sondern gefangen. Mit den religiösen Fragen glaube ich jetzt im reinen zu sein, desto mehr quälen mich nun die metaphysischen. Was sind denn die verschiedenen philosophischen Systeme, von Plato und Aristoteles angefangen, bis herauf auf Fichte und Hegel, welche einander ablösen wie die Schildwachen? Ist eines von ihnen geeignet, daß man sich daran festklammern kann? Bietet eines von ihnen die volle Wahrheit? Ist es hier anders als bei den Religionen? Bekämpfen die verschiedenen Schulen nicht auch einander wie die Religionen? Und muß nicht das eine System die Anhänger der anderen ebenfalls stutzig machen, wie bei den Religionen? Was sind Platos Urideen? Was ist Kants Ding an sich? Was ist Fichtes Ich und Nichtich und was ist Hegels Absolutum? Die Systeme der Philosophen unterscheiden sich von den Religionen nur in zwei äußeren Momenten. Sie bekämpfen einander nicht mit Feuer und Schwert, wie jene, sondern durchBeweisgründe, wenn diese auch nicht stichhältig sind; ferner stellen sie ihre Lehre nicht als göttliches Gesetz auf, an das man glauben muß, um glückselig zu werden, sondern sie unterwerfen sie der Prüfung durch Vernunft. Im Wesen der Sache aber liegt kein Unterschied. Die wahre Philosophie läßt sich so wenig bestimmen, als die wahre Religion, und darum nochmals Dank Dir, erstaunlicher Kant, nicht für das, was Du mir gabst, sondern für das, was Dil mir nahmst. Bei Schmienstein habell sie mich gestern wie ein Wundertier angestaunt, das man in einem Käfig herumführt. Ich sah es ihnen allen deutlich an; sie konntell mchQbegreifen, wie ich als Mediziner es wagen burfte, mich mit einem Kriminalbeamten über juristische Angelegenheiten in einen Kampf einzulassen. Ganz natürlich! Diese Menschen teilen sich die ganze Welt in lauter Fächer ein, und wissen nicht, daß ein Mensch, der die ganze Welt aus einem Punkte heraus beurteilt, über diese Fächereinteilung und Apothckenwirtschaft längst hinaus ist. Die magere Hofrätin aber hat ihre Freude erlebt und ich scheine in ihrer Gunst sehr gestiegen zu sein; denn sie als die Frau eines Juristen hält sich natürlich für eine Fachkundige, und doch gelang es ihr nicht, den sattelfesten Kriminalrichter aus dem Sattel zu heben, weicu ich nicht so höflich gewesen wäre, ihr Ritterdienste zu leisten. So ein Kriminalrichter ist im Grunde ein beneidenswerter Mensch. Er verurteilt einen Menschen zum Tode, wie linser Rabbiner einen „Weschet paskent".—; (über den Genuß einer Speise entscheidet). Dieselbe Sicherheit im Urteil, dasselbe Kleben am geschriebenen Buchstaben. Was ist aber das Recht? Hat er sich je die Frage gestellt über die Grundbegriffe? Urteilt er nach fcstgcgründete'n Prinzipien? Im Grunde sind die Rechtsprinzipien so schwankend, daß sie nicht nur der verschiedenartigsten Auslegung, sondern, was viel schlimmer ist, in ihrer Anwendung der rohesten Willkür unterworfen finb. Streng genommen existiert in der Welt kein Recht, sondern Gewalt, denn der Stärkere hat immer recht. Gestern habe ich am Krankenbette einen merkwürdigen Fall erlebt. Ein alter Mann mit silberweißen Haaren verzichtete in der Todesstunde auf die letzten Tröstungen, welche die Religion ihm spenden wollte. Es ivar ein Jude; ein Glaubensgenosse kam herbei, um mit ihn: die „Wide" (das Glaubensbekenntnis) und „Schemar Jisroel" zu sagen. . Der Kranke aber lächelte mild und freundlich und winkte ihn mit der a.Hnd von sich. Er schien schmerzlos zu sterben, und ich habe mit Bewunderung meinen Geistesbruder von dieser Erde scheiden sehen. Was mag der Mann erlebt, welche Kämpfe mag er durchgekämpft haben, wie fest und unerschütterlich muß sein sittliches Gefühl ausgebildet gewesen sein, wenn er es vermochte, an der Schwelle des Grabes einen Gleichmut zu beweisen, lute es nur den weisesten und edelsten Männern des Altertums nachgerühmt wird! Eine neue Plage! Die magere Hofrätin ist meine eifrigste Freundin geworden und da sie (Iveiß der Teufel, toer ihr das gesagt hat) erfuhr, daß ich mich viel mit Musik befasse, so verlangt sie nun von mir, ich solle ihr erklären, worin das Schöne in der Tonkunst eigentlich bestehe. Ein Manu wie ich— sagte sie schmeichelnd — werde sich nicht damit begnügen, zu behaupten, das ist schön und das ist nicht schön, sondern werde sich ganz gewiß Rechenschaft darüber geben, warum das eine schön, das andere nicht schön sei. -- Als ob man diese Prinzipien nur so gleich aus dem Aermel herausschütteln könne! Die gute Frau meinte auch noch, der Mensch könne die ganze Welt erforschen und es gäbe für ihn gar keine Nuß mehr, die nicht am Ende zu knacken wäre, >venn er sich nur recht anstrengt. Das, Inas sie will, leisten ja nicht einmal die Naturivissenschaften. Wir kennen die Erscheinungen des Lichtes sehr gut, wir tvissen uns vortrefflich die Reflexion, die Brechung und dergl. zu erklären, wir konstruieren Linsen und Fernrohre, wir ziehen das Entfernte herbei, den Himmel auf die Erde herunter, lmr vergrößern das Jnfusorium, um es dem Auge deutlich sichtbar zu machen, und doch — was wissen wir von der Natur des Lichtes? Was ist das Licht selbst seinem Wesen nach? Wissen wir darüber mehr als eine Hypothese? Gute Frau Hofrätin I Ich glaubte es früher auch, daß die Naturwissenschaften diejenige Befriedigung gewähren, ivelche man in der Philosophie vergebens sucht, aber dem ist keinesfalls so. (Fortsetzung folgt.)