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Jüdisches Volksblatt · 1902-07-11 · 28 (11.7.1902) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
28 (11.7.1902)
Date
1902-07-11
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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-eite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt I I. Juli 'Ir. 28 — Psychologie von Dr. Willy Hellpach (Ernst Gystrow). — Bücher von Richard Ee.lwer und Max Schippet — Notizen. — Der Preis des Heftes betrügt 50 Pfennig, per Quartal Mk. IAO. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen, Kolporteure und Pvstanstalten (Postzeitungskatalog Nr. 7IHN), ferner direkt bei der Expedition der Sozialistischen Monatshefte, Berlin X. 3r>, Lntzowstraße 85A. (Zusendung unter Kreuzband oder in geschlossenem Kuvert.) Probehefte und Berlagskataloge kostenfrei durch die Administration. Vom „Volkstümlichen Handbuch dcS Briefstils und der Geschäftskunde" von Robert Klinger ist im Berlage der Wiener Volksbuchhandlung Jg. B r a n d, Wien, VI., Gnmpendorserftraße 18, soeben das zweite Heft erschienen. In demselben nnrd die Erörterung des kaufmännischen Briefstils fortgesetzt; das Heft enthält etwa 70 Musterbriefe und Formulare für Offerte, Ankündigungs- und Enipfehlungsschreiben, Warenbestellungen, Fakturenbriefe, Briefe bei Zahlungsschivierigkeiten re. Nicht nur der Geschäftsmann, auch der Privatmann wird oft in der Lage sein, derlei Musterbriefe als Vorlage zu benützen. Das ganze Werk wird in SO Heften ü 25 Heller vollständig sein. Hermann Hanau, „Simson und Delila", Trauerspiel in fünf Aufzügen. Leipzig und Berlin SW, bei Georg Heinrich Meyer. Ich kann das Werk als Trauerspiel nicht hoch schätzen; dazu ist trotz schöner Einzelheiten die Auffassung des Ganzen nicht tief genug, die Zeichnung der Charaktere nicht bodenständig, das Lokalkolorit zu wenig gewahrt. Dagegen würde das Werk als Text zu einer Oper zur vollen Geltung kommen. S. L. Die Sch all deutschen. „Dieser brennende Hass zivischan den Freunden von gestern ist nur durch den Abentcurercharakter dieser Partei zu erklären, durch ihr eigentliches Wesen, in dem kindische llebertreibung mit bewusstem Schwindel zu einer rührenden Einheit vereinigt ist." Die Alldeutschen heißen sie sich. Ein stolzes Wort, ein mächtiger Gedanke! Wenn alles was deutsch spricht und fühlt im großen Oesterreich von Podwoloczyska und Cattaro bis nach Bregenz, zu Germania: dann, ja dann wäre es noch immer möglich, ein gutes Stück von dem Unheil zu tilgen, welches der Maccyiavell Taaffe über das deutsche Volk in Oesterreich gebracht hat. Ja, wenn! Wenn Deutsche einig sein könnten, wenn die Alldeutschen ihr Volksthum mehr lieben wollten als sich selbst, wenn ihr Deutschthum mehr wäre als ein leerer Schall. Allerdings, mächtige Nufer im Streit sind diese Herren, auch mächtig im Streiten wider einander. Schillers Mahnwort: „Seid einig, einig, einig!" soll speciell dieser Zerfallspartei, deren Heroen den Bierkrügcn und den Frauen gleich gefährlich werden, gegolten haben. Einigkeit? Lächerlich. Jeder einzelne Mann dieser geistgetränkten Schar ist ein Ueber-Siegfried, ein Don Quixote, der das Weltall und den Herrgott in die Schranken fordert. Lasst sie alle herankommen: Katholiken, Juden und Slavcn, den Clerus, den Adel, die Dynastie und die Socialdemokraten obendrein — was liegt daran? Es genügt der eine Ruf: „Hoch die Hohenzollern!" und Jericho-Habsburg sinkt hin in Trümmer, und „Heil und Sieg!" ruft das Volk der Deutschen. . Wie haben wir Juden uns diesen Schalldeutschen — das ist doch ihr treffendster Name — gegenüber zu verhalten? Das teutsche Volk ahnt nicht, wie viel die Judenheit für die Verbreitung deutscher Laute gethan und gelitten hat. Im finstern Mittelalter haben dies/ gepeinigten, aus deutschen Landen verjagten Juden ihre deutsche Muttersprache weit hinaus nach dem ganzen Osten Europas getragen. Und wenn neben dem Englischen das Deutsche sich als Weltsprache behauptet, so hat dem die weltrrmspannende Verbreitung des jüdisch-deutschen Jargons einen nicht geringen Vorschub geleistet. Wohl sehen wir zahllose Schwärme deutschen Blutes über alle Weltgegenden sich ergießen. Aber ihr Deutschthum bewahren diese Auswanderer höchstens bis in die dritte Generation. Aehnlich verhält es sich an den Sprachgrenzen,, wo fortwährend ganze Gemeinden ihr deutsches Gepräge abstreifen. Die festesten, unwandelbarsten Stützen deutschen Wesens find, namentlich in den wichtigen Sudetenländern, die Juden. Freilich hat schon einen ansehnlichen Bruchtheil derselben der sinn- und zwecklose Judenhass cher Deutschnationalen und Deutschradicalen in das czechische Lager vertrieben. Und auch bei einem großen DH eil der übrigen Juden muss nothwendig der Sinn und Opfermuth für die deutsche Sache erkalten und ein anderes Nationalgefühl erwachen. Beides bedingt, am entscheidenden Orte wirkend, eine schwere, nicht wieder wettzumachende Gleichgewichtsstörung zu Ungunsten der ohnehin von einer Mehrzahl von Feinden umschlossenen Deutschen in Oesterreich. Für die undankbaren alldeutschen Spectakelmacher aber sollte kern Jude, der noch ein Fünkchen Selbstachtung und Ueberlegung besitzt, seine Stimme abgeben. Diese Schalldeutschen führen als neusten Sport kleine ergötzliche Ritualmord-Komödien auf. Keine einzige Stimme und keinen Heller! Obgleich die Negierung, der wir keine Parlamevtsstimmen zu bieten haben, uns hintansetzt, unsere gerechtesten Wünsche und Wehenifc überhört, haben wir doch an der Seite der hadernden Nationalitären kein Heil zu erwarten. Der Jude ist vor allem rcichs- und kaisertreu! M.-Weitzkirchen. Dr. I a c. P o l l a ch. Aufruf! Es ist bekannt, dass am hiesigen Platze außerordentlich zahlreiche junge Leute bei Kanfleuten, Handwerkern und sonstigen Gewerbetreibenden, sei es als Lehrlinge oder als Gehilfen, angestellt sind. Dieselben gerathen in das rcichbewegte Leben der Großstadt zu einer Zeit, wo ihr Charakter erst der Reise und Festigung harrt, der Mensch daher äußeren Einflüssen am zugänglichsten ist.! Den meisten ist es nicht vergönnt, bei einer jüdischen Familie; Anschluss zu gewinnen. So ohne Halt in dem reißenden Strom der Weltstadt dastehend, gleichen sie einen: in den Wind hineingewehten Blatte. Wer zählt die vielen, die uns auf diese Art schon verloren gegangen sind? Aber auch unter denen, die uns verblieben, welche schwere Schäden an Leib und Seele mögen viele von ihnen infolge der gedachten Umstände dabongetragen haben! Davon abgesehen, welche Liebe und Anhänglichkeit können solche junge Lenke zu ihrer Glaubensgeineinschaft gewinnen, vermöge deren Zugehörigkeit ihnen zwar aus Schritt und Tritt Zurücksetzung, Benachtheikigung und Kränkung ertvachsen, ans deren Mitte ihnen jedoch keinerlei Zeichen der Theilnahme und Liebe entgegengebracht werden? Andere Bekenntnisse, welche längst nicht wie!vic in dem Maße den schwersten^Anfeindungen ausgesetzt sind, entfalten in richtiger Erkenntnis dessen, was für ihre Gegenwart und Zukunft von der größten Bedeutung ist, eine außerordentlich reiche liiib nachhaltige Thätigkeit nach der Richtung hin. Unser Verein „Tifereth-Bachurim" hat es nun unternommen, einem bedauerlichen Mangel, wie er auf diesem Gebiete in unserer Mitte unstreitig vorhanden ist, Abhilfe zu verschaffen. Er will daher den hier in Wien in Stellung befindlichen jungen Leuten eine Vereinigung stiften, damit keiner mehr ohne Anhalt und Stütze dem bewegten Treiben der Großstadt gegenüber dastehe. Zn^ diesem Zwecke will er das gesellige Leben in wahrhaft religiösem Sinne unter denselben entfalten, alle guten und edlen Bestrebungen in ihrer Mitte anregen und vor allem Sin» und Verständnis für das Judenthum und seine erhabenen Ueberlieferungen erlvcckcn. In diesen Kreisen, die vielfach das Indens thinn nur als eine Last zn empfinden bekommen, will er all die Gesinnungen der Liebe bethäkigeu, damit sie die Zugehörigkeit zu demselben als die schönste Wohlkhat betrachten lernen. Es ergeht daher an alle verehrten Glaubensgenossen die ebenso dringende als ergebene Bitte, unsere Bestrebungen durch gütige Beiträge zn fördern. Der Vorstand des Jsr. Jiinglingsvereines „Tifcreth Bachurim". D. Daniel Fink, Obmann. V. K a tz, Schriftführer. Millerlrrngen aus dem V»rblilmm Die Möbelindustrie hat in jüngster Zeit, inn dem verfeinerten, geradezu raffinierten Oieschmacke des Publikums Rechnung tragen zu können, die_ größten Anstrengungen machen müssen. Tatsächlich überbieten sich die Möbclfabrikauten in der Herstellung von modernen und modernsten Möbelgegcnständen. Daß hierbei der wirklich seine Geschmack nicht immer auf seine Rechnung kommt, ist nicht zu verwundern. Und so sieht man Kauflustige oft von einem Etablissement zum anderen wandern, ohne sich in dem großen Chaos von marktschreierischer Sezession und Geschmacklosigkeit znrechtznfindcn. Ats einen treuen Wegweiser ans den: Gebiete des feinen Oieschmackes in Möbeln aller Art müssen tvir daher das reich illustrierte Album des Möbelhauses Jacques Hei ß, 9. Bcz., Porzellangasse. 20, begrüßen. Man findet hier wirklich moderne, diskret ausgeführte Gegenstände, bei denen das Moderne nicht ans Kosten der Dauerhaftigkeit hcrvorgckehrt ivird. Ein Besuch in diesen: Etablissement, ans dessen Inserat tvir hier besonders aufmerksam machen, wird sich stets als lohnend erweisen. Gute, billige Möbel sind jetzt in der Zeit der Verliebungen, Verlobungen und eVrbindnngen ein gesuchter Artikel. Das reichassortierte Möbcllager von Hermann Hoffman». 2. Bez., Stcfanicstraße 13, bietet allen Möbelbcdürftigen die reichste, gediegenste Auswahl. Erzählung von Eduard K u l k c. (Fortsetzung.) „Ich muss sehr bitten . . . entgegnete die Dame abwehrend. „Man sollte wenigstens meinen," fuhr die Jüdin fort, „wer mit den Lebenden nicht verkehrt hat, der kümmere sich auch nicht um die Seelen der Abgeschiedenen, und wer die Berührung mit Inden im Leben vermieden, der suche wohl kaum die Ruhestätte ihrer Todten ans." „Ich will Ihrer Schlussfolgerung keinen andere:: Vorwurf machen, als dass sie mir sehr zudringlich erscheint," sagte die Dmne mit Bitterkeit, „obgleich ich sie auch ans andere Weise widerlegen könnte." „Zndringlichkeit ist wohl auch ein Fehler meines Stcmnnes, doch wissen die Menschen, die uns verurtheilen, selten, mis welchen Tugenden unsere Fehler und aus welchen Fehlern unsere Tugenden entspringen. Ich will mir Ihren Vortvurf gefallen lassen, wenn Sie mir so weit Ihr Vertrauen schenken, dass Sie mir das Interesse begreiflich machen/welches Sie an jüdischen Friedhofen nehmen." „Sie sind eine wunderliche Frau!" sagte die Dame. „Wollen Sie sich mein Vertrauen erzwingen?" „Nein, aber erbitten." „Und welches Interesse haben denn Sie, wenn ich fragen darf, mir ins Innere zu schauen?" „Vielleicht gar keines — vielleicht das größte, heiligste —" „Und wie, wenn ich ans bloßer Laune, eine Liebhaberin barocker Einfälle .... „Dann wäre die Laune ein Gott, und die Laune möchte die Welt regieren." „Ei, das ist noch weit davon," warf die Dame ein, aber Näsele fuhr fort: „Denn es ist auch nichts als bloße Laune, dass Sie dieses Gut gekauft. haben." „Bin ich vielleicht jemandem hier über die Verwaltung meines Vermögens Rechenschaft schuldig?" rief die Da:ne erregt. „Gott behüte," erwiderte Näsele besänftigend, „warum sollte:: Sie für Ihr Geld nicht kaufen und erwerben können, was Sie wollen; aber ich meine nur, es ist doch eine merkwürdige Laune, welche die Welt regiert. Der Pächter dieses Meierhofes stürzt ins Unglück. Kaum hört man das Gerücht, dass die Herrschaft den Mcierhof verkaufen wird und Sie haben ihn bereits gekauft, und kaum sind Sie in ihren neuen Wohnsitz eingezogen und der erste Besuch, den Sie machen, gilt dem Jndenfriedhof." „In alle dem steckt doch kein Wunder?" sagte die Meierhöfcrin. „Ein Wunder? Nein! Aber ein Ivahrscheinlicher Zusammenhang, und soll ich Ihnen sagen, wie man denselben bei uns in der Gasse und bei Ihnen auf dem Markte anfklären will?" „Ich bin begierig." „Es darf Sie aber nicht beleidigen. Man hält Sie für eine heimliche Jüdin." „Das ist sehr lustig," sagte die Dame. „Nicht wahr? Sehr lustig," fuhr Näsele fort, „zn sehen Ivie kurzsichtig die Menschen sind." „Wieso?" „Sie werden doch nicht vermnthen, dass ich dieselbe Meinung von Ihnen habe!" „Warum nicht? Und wie, wenn ich es wirtlich wäre, für was inan mich hier hält?" „Wären Sie als Jüdin geboren. Sie ivären die allerletzte gewesen, sich taufen zu lassen." So bestimmt wissen Sie das?" „Das ist ja eben Ihr Unglück gewesen, dass Sie keine Jüdin waren!" „Weib!" sagte die Dame, inden: sie sich vo:n Stuhl erhob, „wer bist Du? In diese» edlen Zügen spricht sich eine mehr als gewöhnliche Natur ans. Es sind dies nicht Rede», ivie man sie von einer betrügerischen Wahrsagerin vernimmt; wer hat Dir den Schlüssel zn meinem Innern gegeben?" Näsele Bernstein richtete sich enipor und blickte mit Hoheit auf eine zusannnenbrechende OK statt. Die Dame tvarf sich ihr zn Füßen: „Fürsten und Herzoge," sagte sie, „sind zu meinen Füßen gelegen, ivie ich vor Dir jetzt liege, sprich, ich beschivöre Dich!" „Heißen Sie mit den: Taufnamen Anrelie?" fragte die Jüdin. „Woher weißt-Dn's?" rief die Dame außer sich. „Meine Freundin, meine Schwester, komm an meine Brust, endlich Hab ich Dich gefunden. Bei diesen Worten half sie den: iiiederliegeiiden Weibe zu sich empor, und die beiden Franc» lagen einander i>: den Armen und hielte,: sich fest umschlungen. Lange währte die Umarmung; endlich inachte Anrelie sich los mit der Frage: „Warst Du sein Weib?" „Ich habe ihn geliebt." antivortete Näsele, „mit aller Glut meines Herzens, aber sei» Weib ward ich nicht. Felix hat nie ein Weib genommen, er hat seine Anrelie nie vergessen bis zum Tode. In einer Stunde werden Sie Aufklärung haben, und ich hoffe, Sie sollen mit nur zufrieden sein." Als Näsele Bernstein ans den: Meierhof heranstrat, wo Pessele sie erivartet hatte, um sie nachhause zn führe», sagte sie zn der Tochter: „Weißt Du, mein Kindleben I Es gibt noch etivas viel Schöneres, als das, was Du nur heute von: Jakob und Eßoiv bvr- "n>> uuii. eeenii um nacvyaige Ivunnen, Ivirn emi mir aus oein „Chliinesch" mit der Uebersetznng die Stelle vorlese», ivo der verkaufte Joseph sich seinen Brüdern zu erkennen gibt. Ich jai;’ Dir, mein Kind, das ist noch schöner, das ist das Schönste von allem, ivas im ganzen „Chumesch" steht." 10. Das Tagebuch. Bor langer Zeit hatte sich Reb Saivel Kvrnmehl in ein Buch iH'i'fii’ft und daraus die ihn selbst ehrende tleberzengiing gelvonnen» dass derjenige, der ehemals sein Schüler gewesen, jetzt mit Fug und Recht )ein Lehrer sei. Neb Saivel Kornmebl hat uns aber von dem, ivas er ans des Dr. Felix Franks Tagebuch«' heransgelesen, iiicbt viel verrathen mögen, und hätte er sich mit Felix nicht hierüber in ein Oji'ipnid: eingelassen, so würden tvir von deinsetben jetzt noch so viel ivie nichts wissen. Jetzt vertiefte sich eine andere in dieses Buch» Anrelie nämlich. Näsele hatte es ihr gleich ivie sie voi: ihr Iveggegaiigei: und nachhause getvniinen ivar, zngesendet, und cs ivird jetzt Zeit sein, dass auch wir von den Aufzeichnungen unseres Helden etivas ausführlichere Kenntnis erlangen, als eS bis jetzt geschehen ist. Hören ivir darum, ivas Anrelie liest. ES sind hiiigeivorfene Bemerkungen, so ivie sich dieselben dem Ol eiste unseres Helden anfgedräiigt haben: (ui 1 iuui snpiontiao est limor domini. Aldo, res omncs Deus erat. Das sind die ersten Sätze, die ich in der Schule bei den Christen gelernt habe. Also and, hier fängt alles mit Gott an. WaS ivill min Bärl Lederer von mir? Von allen meinen Mitschülern mag ich mir einen leiden. Ganz so ivie eS im „Cheder" ivar, nur ans anderer Ursache. Giinwel liebte ich ans Mitleid, weil er von den anderen zu leiden balle; meinen neuen, treuherzigen kleinen Freund liebe ich, weil er nüch beschützt; er ist der einzige, der mich nicht auslacht, dass ich am Sainstag nicht schreibe, und das gibt inir Kraft.! Mich ärgert cs, dass ich nicht dabei sein kann, wenn der Katechet die Neligivnslchre vorträgt. Mcrtlvürdigl Dieses Hinansgestoßensein ans einer Gemeinschaft thnt!veh, auch ivenn inan derselbe» gar nicht angehören will. Will ich denn Christ werden? Neinl Also ist es Neugierde, dass ich gerne dabei sein möchte? Zum Theil gewiss, aber die eigentliche Ursache ist geiviss, dass ich die Freiheit haben möchte, zu bleiben oder zu gehen, wie es mir beliebt. Der Zwang ist unangenehm. Ja — das ist kein Cheder, so ein Gymnasium, und der Professor ist kein Bocher. Aber ich will sehen, ob ich mir's nicht erwirken kann. ' _ Das hätte ich nicht gedacht. Ter Herr Blumenthal, aus den , mein Vater so viel hält, schreibt also am Sabbath. Ich stand wie erstarrt, als ich ihn schreiben sah! Weiß das mein Vater, dacht ich mir und hälr doch so viel von ihm! Ist es denn nicht so ernst mit dem Schreibens Warum lässt sich der Herr Blniiienthal nicht taufen, da er am Sabbath schreibt. Und ich sollte, iveil es Bärl . Lederer gesagt hat, mich gleich taufen lassen, ivenn ich das erstemal am Sabbath schreibe? Warum hatte ich nicht den Mnth, Herrn Blnmenthal auf seine Frage die Wahrheit zn sagen? Warum gestand ich nicht, dass ich nicht schreibe? Nur zn geiviss, ich schämte mich vor ihm! Oder schämte ich mich etwa, ihn vor mir zn beschämen, da er schrieb? Und Hab ich ans Schonung für ihn gelogen? Ich bin mir nicht klar, aber ich fühle jetzt, dass ich auch am Sabbath schreiben könnte, obtvvhl ich nicht imstande ivärc, es zn Verantivvrten, aber kann das Gott beleidigen? Der Comparativns! Was denken sie alle dabei? Was ist i dein: nicht meine Frage, ivelche Religion die bessere ist? Und die bessere kann ich doch nur erkennen, ivenn ich sie mit der galten vergleiche, Ivenn ich sie an ihr messe. Warum sträubt sich mein Olemülh so sehr gegen die Wunder des „Neuen Testamentes"? Warum glaube ich aber an die Wunder des „Alten Testamentes"? Olewohnheit ist es, nichts anderes. Ich muss hierüber ins Klare kommen. Nachhanse soll ich? Die Ferien zuhause verbringen? Es zieht mich nicht nachhause; ich fühle mich daselbst nicht mehr in meiner eigentlichen Heimat. Vater und Mutter sehe ich gerne. Ach! könnte ich sie täglich sehen, sein rechtschaffenes Angesicht und ihre fromme Miene, aber zuhause bin ich doch nicht mehr heimisch. Ich finde, dass im Neuen 'Testamente ebenso ivie im Allen Testamente Wunder erzählt iverden, unb dass hier wie dort neben der Erzählung ein großer Schatz von Weisheit und Sittlichkeit niedergelegt sei. Die Darstellung von seinen Leiden, die Oieschichte seiner Oiefangennahine, der Berratb durch Judas, das Krähen des Hahns, die Marter der Krenzignng, ich habe das alles nnzähligemale gelesen und niemals ohne Thränen im Auge. Warum bin ich iingläubig gegen die in: Nene:: Testamente erzählten Wunder, während ich die Wunder des Stilen Testamentes a»S Oiewvhnheit und infolge der Erzielnmg für bnchsiäblidi ivahr halte? Befind«' ich mich hier nicht in eine::: merkivürdigen Widerspruch? Ich halt eS für ausgemacht, dass die Sittenspriiehe des Neuen Testamentes denen des alten an Zartheit »nd Erhabenheit der Oiesinnnng nicht nachstehen. Was ist ans nur geivvrden? Was ist ans mir geworden? Oder vielmehr ivas ist meine bisherige Welt für mich geivvrden? Welchen Werl hat die Bibel nun für mich? Sollte Bert Lederers Prophezeiung sich endlich doch an mir erfüllen? Werde ich ins andere Lager hinübergehen? Nein, nein inid nochmals nein! Das hängt ja nicht znsannne», Ivie Ursache und Wirkung. Muss ich dem:, iven'n irh das eine anfgebe, »othlvendig das andere annehinrn? Soll denn das Nene Testament über mich eine Macht geivinnen, die das alte bisher über mich gehabt und die ich nun von mir ab schüttle? Kann ich nicht über beides hinaus? Ich sehe jetzt nur so viel, dass sich die christliche Kirche mit ebensoviel Recht di «'allein seligiilachende nennt, als mit wie viel Recht sich das jüdische Volk das anserivählle Volk Oiolles heißt. Wen» ich aber zn diesen Anserivätstken nicht mehr gehören kann, muss ich dar»»: nvihwendig nach der vorgesrhriehenen Methode silig iverden? Trag ich ineine Seligkeit nicht in mir selber? Bert Lederer. Du ivirsl Deinen Prveess nicht so leicht geioinnen, ivenigsienS hast Du es mit einen: Gegner zu thnn, der ans alle Fälle bvrbereitet ist. Was fährt nur da für ein Gedanke durch den Kopf? Unsere Vorfahren sind am Berge Sinai aeslanden und haben Gottes Stimme vernommei:. Das ist das Zeugnis für unseren mit Gott geschlossenen Bund! iWnii muss daS glauben -— lehrte man mich einst -— ivas unsere Vorfahren selbst erlebt und ivas sie uns berichtet haben. Man muss die Tradition, die steberliefernngen der Väter heilig halten, sagte mir mein Lehrer, als ich noch ein K'nabe ivar, und ich erinnere midi noch recht gut des Oleschichlchens, das er »nr erzählte, nn: mir die Nolhivendigkeit der Tradition zu beiveisen. Es hat einmal einer behauptet, erzählte mein Lebrer mir, er glaubt nur an Thoras Mosrheh, die Olenwreh hingegen, die Tradilioi: gebt ilm nichts an. Darauf sagt ei» Rebbe zu ihm: Bring mir dort das Kind her, dass ich ihn: das Oleph-Bess lehre. Nui: zeigt er dem Kinde die Buchstaben und benennt mit Namen. Morgen sagt dann der Rebbe, bringe nur das Kind ivieder, dass ich in meiner Unterweisung fortfahre. DeS anderen Tages aber weist

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