Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 28 (11.7.1902)
- Date
- 1902-07-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 11. Juli 1902 Seite 5 Sr. Exc. Davoud Effendi Molkos statt. Der Bräutigam ist General-Kontrollor der türkischen Staatsschuld und der Tabakregie und ein Sohn des im Jahre 1840 zu so hervorragender Bedeutung gelangten Moses Menasse, welcher int Vereine mit Montefiore, Eremieux, Camonde, Cahn und Altares ivegen der Affäre Damaskus vom Sultan den Firman zum Schutze der bedrängten Glaubensgenossen erhalten hat. Auch lvar er einer der Begründer der Alliance Jsraelite Universelle. Hebräische Manuskripte. Ans Konstantinopel tvirü gemeldet: Aus der Onlajiden-Moschee in Damaskus, dem zu Anfang des achten Jahrhunderts errichteten herrlichen Ban, war vor einigen Monaten in mehreren Kisten wohlverpackt und wohlgehütet ein ebenso kostbarer, wie für die Wissenschaft höchst bedeutungsvoller Transport hier eingetroffen. Er wurde alsdann gesichtet und photographiert und dem Ministerium des Aeußern überliefert, das die Objekte gemäß einem Wunsche des Sultans dem deutschen Botschafter Freiherru v. Marschall übergab, damit die Schriften, um die es sich bandelt, in Berlin genau durchforscht würden. Der prächtige Arkadenhof der auch Diami-el-Kebir genannten Moschee enthält drei bei einer Feuersbrninst verschont gebliebene Kuppelbauten: die Springbrunnen-Kuppel, die Uhr-Kuppel und die östlich gelegene Kabet-el-.Hasue oder Schatzkammer-Kuppel. Von der Kabet-cl-Hasne wollte die Tradition wissen, daß dort für die abendländische Wissenschaft wichtige, ans der erstchristlichen und einer späteren Zeit stammende Dokumente verborgen seien. Namentlich für die Bibelforschung erwartete mau ganz wesentliche Belege. Nach jahrelangen Bemühungen gelang es, vom Sultan die Erlaubnis zur Ocffnung des durch Jahrhunderte sorgsmn gehüteten Schatzes zu erlangen, da die Gelehrten eine Garantie übernehmen zu können glaubten, daß in der Kabet-el-Hasne keine die mohammedanische Religion betreffenden Dokumente cingemmiert sind. Unter den nunmehr nach Berlin zur weiteren Forschung desendcten Dokumenten befinden sich: 2b Blätter Psalmen und 11 Blätter Pentateuch in griechischer Majuskelschrift, zurückreichend bis ins elfte Jahrhundert, ferner eine größere Anzahl alt- und ncutcstamentarischer Fragmente in altsprischer Sprache und Schrift, Fragmente einer Uebersetzung des Men und Neuen Testamentes in die syro-palästinische Sprache, darunter das erste Zeugnis für die Existenz einer Uebersetzung der Pmilusbriefe in diesem zur Zeit Christi gesprochenen Dialekt, außerdem mehrere samaritanische Pentateuch-Fragmente, Zeugen der Eistenz einer fmnaritanischen Gemeinde in Damaskus; Psalm 78 in griechischarabischer Sprache, die arabische Uebersetzung in griechischen Unikal- Buchstaben, hochkvichtig für die Kenntnis der Aussprache des Arabischen in der vormohammedanischen Zeit; 77 Blätter eines bisher unbekannten Kommentars des Theodor von Mopsucstia in altshrischer Sprache, sämmtliche Blätter in prächtiger griechischer Unikälschrift; 117 Blätter altshrische christliche Gebete mit Kopien aus den Schriften des syrischen Kirchenvaters Ephraim; mehrere hochinteressante altfranzösische Fragmente aus den Kreuzzugen, daninter Geleitsbriefe des Königs Balduin des Dritten von Jerusalem an Kaufherren usw. Von Adolf Steinschneider. Das israelitische Taul>stm»mettinstitttt. (Schluß.) Da)? Kuratorium besteht aus sieben Herren und sieben Damen. Ende 1900 waren iu der Anstalt 89 Zöglinge, 60 Knaben und 29 Mädchen. Die stiuanzielle Lage ist eine geordnete und bei einem Ausgaben-Etat von fl. 76 000 jährlich ergibt sich noch ein Uebcrschuß von fl. 6000. Das .Kuratorium geht mit dem Plane um, einen größeren Znbau, erweiterte Räume für die Aufnahme einer größeren Anzahl von Zöglingen errichten zu lassen. Seit dem Bestände der Anstalt, also seit 68 Jahren, sind aus derselben 686 Zöglinge entlassen, welche alle, mit Ausnahme der seither Gestorbenen, sich in geordneten Verhältnissen befinden und in verschiedenen bürgerlichen Berufen ihren Lebensunterhalt gefunden haben. Der Verfasser dieses Berichtes ivurde vom Direktor eingeladen, einer Unterrichtsstunde beizuwohncn. Wir betraten den großen Lchrsaal, ivorin 4 Lehrer 4 Klassen, von der dritten Volksschulklasse bis zur ziveiten Bürgersthnlklaffe, jeder gesondert unterrichtet. ’ Meine aufs höchste gespannte Erwartung wurde bei kveitem übertroffen und der Eindruck ivar überwältigend. Man stelle sich Kinder vor, die von Geburt aus taub waren, derart, daß inan Kanonen vor ihnen abfeuern könnte, ohne saß sie es hörten, die beim Eintritt in die Anstalt mir unartikulierte Laute, ein Lallen hervorbrachten, jetzt verstehen sie, U>as der Lehrer zu ihnen spricht, sie hängen an seiner Lippenbeweguug und antworten zlvar mit harter Anssprache, aber vernehmlich und verständlich. Sogar wenn der Lehrer anbefiehlt: Lauter, erheben sie ihre Stimmen und wenn er fordert: Leiser, so senken sie dieselbe. W'r kamen zur Abteilung der dritten Klasse,!vo gerade Kopfrechnen geübt wurde. Es loaren Kinder von 8 bis 9 Jahren. Es wurden ihnen Fragen in allen vier Spezies anfgegeben. lind alle beantworteten sie so rasch und präzise, Ivie es kaum Vollsinnige so richtig lösen können. Wir kamen in die nächste Abteilung, ivo Geographie gelehrt ivurde. Ein Kind nennt alle Hauptstädte Europas, ein anderes die Größe und die Einwohnerzahl Oesterreich-Ungarns, ein drittes die hervorragendsten Flüsse und Gebirge. Von da kamen ivir in die dritte Abteilung. Die biblische Geschichte und alle markantesten Erzählungen der Bibel iverden von den Kindern richtig und geläufig vorgetragen. Endlich zur höchsten Klasse, ivo höhere mathematische Aufgaben, Regeldetri, Proportionen, Gleichungen präzise ansgearbeitet werden. Bei jeder Klasse steht vor der Tafel ein Knabe oder ein Mädchen und schreibt mit schönen korrekten Zügen, ortographisch und richtig alle gestellten Fragen und die erfolgten Antivvrten auf. Beten können die Vorgerückten hebräisch uiit deutscher Uebersetzung. Als die Unterrichtsstunde zu Ende ging, trat ans der sechsten Klasse ein Mädchen von beiläufig 10 Jahren aus der Bank unaufgefordert heraus auf mich zu und sprach inich folgendermaßen au: Es freut mich, daß Sie gekommen sind, unseren Unterricht anzuhören. Doch sagen Sie mir, wie heißen Sie und wie alt sind Sie Ich suchte so langsam als möglich zu sprechen und antwortete, daß auch ich mich freue, die Fortschritte zu sehe» und nannte meinen Namen und mein Alter. Der Lehrer forderte sie auf, meine Worte ,51t wiederholen, was sie deutlich und vernehmlich tat. Der Herr Direktor teilte mir mit, daß dieses Mädchen vor drei Jahren vollständig taub und stumm in die Anstalt kam. Ich konnte mich beim Verlassen des Lehrsaales vor Staunen gar nicht fassen. Sind das Götter, sind das Zauberer? fragte ich mich, welche den von der Natur versagten Sinn neu einsetzen, welche Taube hören, Stumme reden machen und dabei den Intellekt so heben können? Es ist die Mühe, die Ausdauer, die Geduld, es ist der menschliche Geist, der die Methode erfunden, die so Wunderbares leistet, es ist der jüdische Edelsinn, welcher die Mittel bot, eS find die zwei Männer Kolisch und Deutsch, welche den Keim gelegt, der jetzt zur vollsten Entfaltung, zur Vollkommenheit gebracht wurde, so daß dieses Institut eines der ersten der Welt geworden ist. Sulmrester Srief. Anfang Juli. Die Entrüstung über die rumänischen Greuel zieht immer weitere Kreise. Zumal die Artikel Bernard Lazares in der „Anrore" 1 l haben hier verschnupft, da die Ncufranzosen sehr viel ans das Urteil der Altfcanzosen geben. Die. rumänischen regierungsfreundlichen Studenten veranstalteten daher eine Versammlung, in der sie sich und der rumänischen Nation das beste Zeugnis ansstellten, daran wäre weiters nichts auszusetzen, denn das Kindische eines solchen Versuchs, angesichts solch schreiender Ungerechtigkeit durch Resolutionen die Reputation zu retten, verdient keine tveitere Erörterung. Ein Skandal aber, eine Schande vor ganz Rumänien ist cs, daß ein Student namens Z tv i l l i n g c r, ein Jude, in die Meute der Judenfeinde mit einstimmte. Dieser Patentrumäne, der sich so ehrlos den Rumänen anbiedert, stammt ans Ungarn. Er Ivurde aber durch einen Beschluß der jüdischen Studentenschaft desavouiert. Wie in Deutschland, so erregen auch in England die rumänischen Zustände das lebhafteste Interesse. Es erscheinen jetzt neuerdings nach englischer Art in fortlaufender Reihenfolge Flugblätter, die über die rumänischen Verhältnisse berichten und die insbesondere die Gefahren schildern, die England aus einer Mässeneinwanderung mittelloser rumänischer jüdischer Handwerker infolge des Gewerbcgesctzcs erwachsen können. Die Presse hat sich des Themas bemächtigt und kritisiert rücksichtslos die rumänischen politischen und finanziellen Zustände, die nicht nur ein Unglück für das Land sind, sondern auch ganz Westeuropa in ihrer Rückwirkung bedrohen. Einige dieser Zeitungsstimmeu dürften die Leser interessieren. In einem Artikel der „Times" vom 4. Juni heißt es nach Aufzählung der langen Reihe von Gesetzen, die gegen die Juden bereits erlassen sind: „Diese lange Reihe vexatorischer Maßregeln, die ihren Höhepunkt iu dem Handwerkergesetz dieses Jahres erreicht haben, in einem Gesetz, das binnen kurzer Zeit 26 000 jüdische Handwerker jeder Möglichkeit, sich zu ernähren, berauben wird, muß, so ist zu fürchten, eine Massenauswanderung verarmter rumänischer Juden herbeiführen, wenn nicht unmittelbar Schritte geschehen, die eine tatsächliche Besserung ihrer Lage verbürgen." Die „Morning Post" dringt auf eine Intervention der englischen Regierung, sie schreibt: „Der Appell an die Empfindung muß au die zweite Stelle rücken. Es ist recht und billig, den gesunden Egoismus der englischen Regierung vor allem darauf aufmerksam zu machen, das; wir uns der Gefahr einer starken Fremdeueinivanderung gegenüber befinden, ud daß diese Gefahr nicht durch neue Gesetze, die wir selbst erlassen, beschworen werden kann, sondern indem wir auf die Erfüllung der Bestimmungen, die im Berliner Vertrage niedergelegt sind, dringen. Wir wollen hoffen, daß die Regierung Schritte in dieser Richtung unternimmt, um eine Gefahr für uns daheim und einen Skandal auswärts zu beseitigen." In demselben Sinne schreibt der „Globe": „Die Folge" — nämlich des Handwerekrgesetzes — „wird sein, wenn nicht Vorstellungen au Rumänien erhoben werden, daß unser Vaterland einen erneuten und größeren Einbruch verarmter jüdischer Ausländer in das Eastcnd von London zu erwarten haben wird." Schließlich sei noch die „Wcstminster Gazette" angeführt: „Läßt man auch alle moralischen Erwägungen bei Seite, so ist es doch klar, daß eine solche Einwanderung mit ökonomischen Nebeln sehr ernster Art verknüpft sein würde, und zwar für alle westlichen Länder Europas, und nicht zum wenigsten für Großbritannien." Dieser Umschlag der Stimmung in England gegen Rumänen ist umso bemerkenswerter, als man bisher im Vereinigten Königreich aus politischen Rücksichten die Sympathien für das Königreich an der unteren Donau pflegte. — Auch im englischen Nnterhanse ist vor kurzem die rumänische Judenfrage zur Sprache gebracht worden. Die Anregung dazu gab der bekannte fremdenfeindliche Oberst Sir Howard Vincent. Selbstredend kümmerten den Judenhasser Vincent nicht die schweren Judenverfolgungen, welche unsere rumänischen Glaubensgenossen zwingen, dem ungastlichen Lande zu entfliehen. Er fürchtete nur die Folgen dieser Massenauswanderung und war sehr besorgt darüber, daß die jetzt in Rumänien hochgehenden Emigrationsfluten einige Dutzend rumänischer Juden auch auf die englische Küste werfen können. Der Handelsminister Gerald Balsour beruhigte ihn aber darüber, indem er ausführte: Der englische Gesandte in Bukarest hat uns eine Abschrift des neuen rumänischen Handwerkcrgesetzes vom 18. (5.) März eingeschickt. Dasselbe scheint geeignet zu sein, die jüdischen Handwerker dieses Landes zu alterieren und die Emigration der Juden aus Rumänien zu steigern. Allein die Zahl der in diesem Jahre in England eingewanderten rumänischen Juden hat gegen das Vorjahr keine Steigerung erfahren. Im übrigen beschäftigt sich gegenwärtig eine königliche Kommission mit der ganzen Einwanderungsfrage. Mr. Vincent machte noch die Regierung darauf aufmerksam, daß in den letzten Ivenigen Monaten 1000 Einivanderer an der Landung iu Nordamerika verhindert wurden und frug an, was die englische Negierung zu tun gedenke, um die Niederlassung dieser Zurückgelvieseneu in England zu verhindern. Mr. Balfour: „Ich bin nicht in der Lage, zu beurteilen, ob die gegebenen Zahlen richtig sind. Im ganzen letzten Jahre ist nur 1 Perzent aller Einwanderer von den amerikanischen Behörden am Landen verhindert worden. Von diesen sind nur 688 Personen, darunter 180 Engländer, auf ihrem Rückwege in England hängen geblieben. Es sind das nur 6 Perzent aller in Amerika zurückgelviesenen Personen und selbst von diesen haben viele nachträglich England Ivieder verlassen." Ich muß auch auf die Ausführungen des Grafen i @ o l u ch o w s k i in den österreichischen Delegationen zurückkommen, die er gelegentlich der Debatte im Budgetausschuß der Delegationen gehalten hat. Sie haben über die Auslassungen des Freiherrn von Krieghammer einen kleinen Commcntar gebracht, den wir im Interesse der Sache und im Hinblick auf die Wichtigkeit der im Spiele stehenden Interessen unserer hartbedrängten Glaubensgenossen in Rumänien noch des näheren auszuführen bemüssigt sind. Wir müssen wiederholt auf die diplomatische Jugerenz des Grafen Goluchowsky Hinweisen, die umso verwunderlicher und unbegreiflicher erscheint, als sich ja Graf Goluchowsky seine Sporen in Rumänien geholt hat. Graf Goluchowsky legt den Tenor in seiner ebenso confusen als spitzfindigen Argumentation darauf, dass die rumänischen Juden unter dem Schutze irgendeiner Großmacht, zumeist aber unter demjenigen Oesterreich-Ungarns stehen. Graf Goluchowsky war aber hinterlistig genug, die Genesis dieses Verhältnisses nicht anfzuklären. Diese eigentümliche Stellung der Juden Rumäniens datiert aus der Zeit, in welchem Rumänien in einem Suzerän-Verhältnisse zur Türkei gestanden ist. Das Gleiche war ja der Fall iu allen übrigen Ländern des Balkans, als diese Länder noch Vasallenstaaten der Türkei gewesen Find. Es ist nicht richtig, dass die rumänischen Juden aus dem österreichischen Unterthanen-Verbande entlassen worden sind, wahr ist vielmehr, dass Oesterreich anlässlich des russisch-türkischen Friedensschlusses zu Stefano den rumänischen Juden den österreichischen Schutz einfach entzogen hat. Es ist weiters eine unrichtige Behauptung, daß sich die rumänischen Juden ihrer Militärpflicht gegenüber wie immer Namen habenden Staaten entzogen hätten. Thatsache ist vielmehr dass die Juden in Rumänien ihrer Miltärpflicht obliegen, tvelche sie ja, wie es in der Natur der Sache liegt, nur einem Staate und nicht mehreren ableisteu können. Rumänien verhält die daselbst wohnenden Juden zur Ableistung der Militärpflicht, hat aber die Frivolität, ihnen trotzdem das Jndigenat abzuerkennen. Es muss ferner daran erinnert werden, dass im Frieden zu Stefano von den Signatarmächten Rumänien auferlegt lvorden ist, die daselbst wohnenden Juden als gleichwertige Staatsbürger zu behandeln. Dieser feierlich eingegangenen Verpflichtung hat sich Rumänien bisher in der frivolsten und cynischesten Weise entzogen. Der leiseste Druck dieser Signatarmächte, zu denen ja auch Oesterreich zu zählen ist, tvürde genügt haben, Rumänien au die Einhaltung der Verpflichtung gegenüber den dortigen Juden zu verhalten. Darüber hat sich Graf' Golucholvsky wohlweislich nicht ausgesprochen. Im allgemeinen haben die europäischen Diplomaten in der jüdisch-rumänischen Frage schmählichen Bankerott erlitten, da sie sich gefallen ließen, von Rumänien an der Nase herumgeführt zu iverden, in allerschmühlichster Weise jedoch ist Oesterreich von Rumänien genasführt worden. Oesterreich war cs in erster Linie, das sich für die Selbständigkeit Rumäniens eingesetzt hat, und als Tank hiefür war es die erste That dieses Duodez-Staates Rumänien, die Handelsverträge, die uns während der türkischen Oberhoheit Privilegien von unschätzbarem Werte sicherten, zu kündigen und uns mit Schimpf und Schande ans Rumänien zu jagen. Die österreichische Diplomatie, deren Snperiorität von Kaunitz ab bis unter Metternich sprichwörtlich geworden war, hat in der rumänischen Frage eine kaum für möglich gehaltene Unfähigkeit documenticrt. Unsere ausgedehnten Handelsbeziehungen zu Rumänien sind auf einmal in die Brüche gegangen. Nicht geuilg daran, hat Oesterreichs Industrie und Handel an Millionen zählende Verluste bei rumänischen Kauflcuten erlitten, die, nachdem die Handelsbeziehungen zu Oesterreich aufgehört hatten, sich einfach ihrer Zahlungsverpflichtung entledigten. Oesterreichs Handel und Industrie hat unter der Oberflächlichkeit und verlotterndenFührung der diplomatischenBcziehungen zu Rumänien, schwere Einbuße erlitten, und die tiefen Wunden, die uns beigebracht worden sind, find auch derzeit noch nicht vernarbt. Die Handelsbilanz wurde gänzlich zu unserem Nachtheil verschoben, infolge dessen das Diagio in der Währung trotz aller Anstrengungen der österreichischen Diplomatie absolut nicht wieder verschwindet. Rumänien war perfid genug, gegenüber allen Interventionen der österreichischen Diplomatie uns mit Hohn und Spott zu übergießen. Dieser frechen Haltung Rumäniens gegenüber hat Graf Goluchowski noch die Stirne, Rumänien zu vertheidigen und die rumänischen Juden in einer aller Noblesse entbehrenden Weise zu verdächtigen. Der österreichische Minister des Aeußern wagt es noch, den rumänischen Juden, falls sie sich beikommen ließen, nach Oesterreich einzuwandern, mit dem Polizeischub zu drohen. In der ganzen Haltung des Grafen Goluchowsky zeigt sich der Typus des verknöcherten Diplomaten und die Unfähigkeit der zünftigen Diplomatie. Noch ist es Zeit und noch wird sich Gelegenheit bieten, dem sauberen Herrn Goluchowsky auf die Finger zu klopfen und ihn an feine Pflicht und Schuldigkeit gegenüber den in Rumänien wohnenden Inden zu verhalten. Bücher-Einlaus. Die „Politisch-anthropologische Revue", Monatsschrift für das soziale und geistige Leben der Völker, ist bei ihrem Erscheinen von der gelehrten Welt und dem gebildeten Publikum mit größter Teilnahme und Zustimmung begrüßt worden. Wenn schon die Programm-Entwicklung und das erste Heft diese günstige Aufnahme fanden, so darf man ohne Ucbertreibung sagen, daß die folgenden Hefte von Nummer zu Nummer reichhaltiger und interessanter geworden sind. Die Revue vertritt ein durchaus modernes und aktuelles Programm: Die Anwendung der natürlichen Entwicklungslehre auf das organische, soziale und geistige Leben der Völker. Sie behandelt Fragen, welche die Politik und Philosophie des zwanzigsten Jahrhunderts in steigendem Maße interessieren und beschäftigen. Die naturwissenschaftliche Selbsterkenntnis des Menschen, seiner Geschichte, Gesellschaft und Zivilisation ist das wissenschaftliche Prinzip des Unternehmens. Eine neue Betrachtungsweise des menschlichen Lebens bricht sich hier Bahn. Der Geist Gobincaus, Darwins und Nietzsches ist es, der vornehmlich die Aufsätze und Abhandlungen beseelt. Dabei ist die Tendenz der Revue eine rein wissenschaftliche, indem sie allen geistigen und politischen Bestrebungen ein gleiches sachliches Interesse entgegenbringt. Daß die neue Zeitschrift dieses Programm in glänzender Weise zu erfüllen eifrig bemüht ist, beweist die Schar der angckündigten Mitarbeiter und Beiträge. Die bisher erschienenen vier Hefte enthalten 26 Aufsätze ans den verschiedensten Gebieten der biologischen und anthropologischen Entwicklungslehre, der Psychologie, der historischen und sozialen Politik, der vergleichenden Kunst- und Religionsgeschichte. Wir machen nur einige Beiträge namhaft: Dr. Voltmann: Der wissenschaftliche Stand des Darwinismus; Dr. Brahn: Gchirnforschung und Psychologie; Dr. Reibmayr: Ueber den Einfluß der Inzucht und Vermischung auf den politischen Charakter einer Bevölkerung; Professor A. Hegar: Die Untanglichkcit zur Fortpflanzung und zum Geschlechtsverkehr; Dr. L. Gnmplowicz: Anthropologie und natürliche Auslese; Professor I. G. Vogt: Die historische Bedeutung der natürlichen Rassenanlagen; Dr. L. Wilser: Zuchtwahl beim Menschen; Dr. V. Schallmayer: Natürliche und geschlechtliche Auslese bei wilden und bei hochkultivierten Völkern; Dr. Joh. Lübke: Zur Naturgeschichte der Kunst und Schönheit. Der Prospekt der fünften Nummer kündigt unter anderem an: Dr. Dubois-Neymond: Die physiologischen Wirkungen der Kultur auf den Menschen; Dr. P. von Kämpffe: Die politische Auslese im Leben der Völker; Prof. I. Köhler: Recht und Völkerpsychologie. — Außer Aufsätzen und Bücherbesprechungen enthält jede Nummer kritische „Berichte", die den gegenwärtigen Stand der wisscnsckiaftliclien Forschung in Biologie, Anthropologie, Psychologie, Hygiene, Philosophie, Statistik, Staats- und Völkerpolitik zum Ausdrücke bringen und sozusagen einen Streifzug durch die Naturgeschichte und Zivilisation des Menschengeschlechtes bedeuten. Diese lehrreichen und interessanten Berichte haben den besonderen Beifall der Leser gefunden, da sie zwischen den verschiedenen Seiten der „Wissenschaft vom Menschen" auf Grund der naürlichen Entwicklungslehre zu vermitteln suchen. Die Revue ist kein fachgelehrtes Organ, sondern hält eine glückliche pädagogische Mitte zlvischen strenger Wissenschaftlichkeit und volkstümlicher Darstellung. Die Aufsätze sind so gehalten, daß sie auch bei Nichtgelehrten und in den Kreisen des wissenschaftlich und politisch interessierten Publikums Teilnahme und Verständnis finden. Jede Nummer der Revue umfaßt 6—6 Bogen, kostet ganzjährlich 12 Mk. und halbjährlich 6 Mk. Probenummern versendet gratis und franko die Thüringische Verlagsanstalt in Eisenach. I Pol.-anthropologische Revue. 1. Jahrg. Nr. 4. Aufsätze: Bernhard Nawitz: Die Urheimat des Menschengeschlechtes. Wilhelm Schallmayer: Natürliche und geschlechtliche Auslese bei wilden und bei hochkultivierten Völkern. Eberhard Kraus: Rassenkämpfe in Rußland. Siegfried Tschierschky: Der wissenschaftliche Streit über die wirtschaftliche Lage in Deutschland. Eduard Ludwig Schmidt: Medizin und Recht. Johannes Lübke: Zur Naturgeschichte der Kunst und Schönheit. — Berichte. — Besprechungen. Herausgeber: Ludwig Wvltiuann und Hans K. E. Buhmann. Thüringische Verlagsanstalt, Eisenach und Leipzig. Preis 1 Mark. Die Sozialistischen Monatshefte. Administration Berlins Lützowstraße 85 A, haben soeben das Juli-Heft ihres VIll. Jahrganges erscheinen lassen. Aus dem Inhalt desselben heben wir hervor: Max Schippe!: Politische Betrachtungen zur Brüsseler Zuckerkonvention. — Prof. Emile Bandervelde: Die ländliche Hausindustrie in Belgien. — Paul Göhre: Materialismus und Religion. — Heinrich Wetzker: Die Zunahme der Verbrechen. — Ellen Key: Die Frauen und das Wahlrecht. — Wilhelm Kolb: Reichseisenbahnen oder süddeutsche Eisenbahnselbständigkeit? — Fanny Jmle: Neueste Versuche zur Einführung der Arbeitslosenunterstützung. — Therese Schlesinger - Eckstein: Die Wiener Franenpresse. — Rundschau: Politik von Richard Ealwer. — Wirtschaft von Max Schippel. — Sozialistische Bewegung von Dr. L. Gumplowicz. — Gewerkschaftsbewegung von Heinrich Bürger. — Genossenschaftsbewegung von Gertrud David. — Soziale Kommunalpolitik von Dr. Hugo Lindemann (E. Hugo).