Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 28 (11.7.1902)
- Date
- 1902-07-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28 Wien, Freitag ./iirlisches Volksfolntt Seite 3 11. Juli! 902 affcit jenen, welche außerdem das Zustandekommen desselben gefördert haben, M'inen Dank und Meine Anerkennung aus." Ein altes Sprichwort sagt mit Oteckst: An des Kaisers Worte sollst Du nicht deuteln und auch uns liegt es fern, die Ansprache Deiner Majestät einem Kommentar zu unter,ziehen. Unser Patriotismus hängt nicht, wie z. 23. bei den Christlich-Sozialen, oon der Gewährung irgendwelcher Vorteile ab, wir geben dem Kaiser, >vas des Kaisers ist, ohne hierfür auch eine Gegenleistung 311 fordern. Dennoch vemerten lvir, das; die Landesvertretnng des Erzherzogtums Oesterreich unter der CnnS die Landesirrenanstalt, dieses großartige Wert, nicht nur in christlicher, sondern in a l l g e in e i » e r Nächstenliebe ins Leben gerufen hat, zuvörderst deshalb, Iveil die Landesirrenanstalt ans öffentlichen Mitteln Chronik. erbaut worden, zu ivelehen die eine viertel Million zählenden Inden ungefähr drei s; i g bi s b i c r z i g P e r z ent d e r K oft e n beigetragen haben. Weiters deshalb, tveil die Nächstenliebe einen Fuudaiueutalsatz der jüdischen Religion bilden, den die eh r i liehe Religion mit manchen anderen von der jüdischen überm men hat. Im 4. Buche des Juden Moses Kap. 10, Bers IS heißt es: „Dn sollst Deinen Nächsten lieben, lvie Dich selbst." Dem Einlvnrfe, das; hier angeblich unter „Nächster" itnr der Israelit gemeint sei, begegnen lvir durch Hinweis auf das 2. Buch des Inden Moses Kap. 11, Vers 2, wo auch die Feinde und Verfolger Israels, die Eghpter, „Nächster" genannt iverden. In demselben Kap. 10, Vers 44 wird gelehrt: „Wie der Eingeborene von Euch sei Euch der Fremde, der bei Euch lveilt, Dn sollst ihn lieben, lvie Dich selbst, denn Fremde lvaret ihr im Lande Egypten, Ich bin der Elvige, Euer Gottl" Welcher Gegensatz 31t der Fremdengeschgebnng des christlichen rumänischen Staates, 1002 Jahre nach dem Erlöser der Christentums 11 Nun könnte man vielleicht cinlvenden, der MosaismnS lehre wohl die allgemeine Menschenliebe, aber der Talmud lege sie anders ans und die Juden richten sich nach dem Talmud. Lesen lvir also im Talmud I Im Midrasch Rabbah Gen. Abschnitt 24 und Talmud Iernsal. Nedarim 0 lvird folgendes gelehrt: Ben Assai sagt: der Salz „Dieses ist das Buch der Schöpfung des Menschen" llvonach alle Kinder eines Paares lind Gottes Geschöpfe sind), ist ein lvichtiger Grundsatz der Lehre; Rabbi Akiba sagt: der Satz „Liebe Deinen Nächsten lvie Dich selbst" ist ein großer Grundsatz der Lehre.N. Tanchnmah bemerkt dazu: Wenn Dn einen Menschen verachtest oder beleidigst, lvisse. lven Dn beleidigst — „im Ebenbilde Gottes hat Er ihn erschaffen". Wo finden lvir noch so herrliche Worte über die allgemeine Menschenliebe? Außerdem liegt die Bruderliebe im Geiste der Thora: Gott ist der Vater aller Menschen, folglich sind alle Menschen Geschwister; die Menschen stammen alle von einein Paare, haben gemeinschaftliche Eltern, fglglieh sind sie Brüder. Die Menschen sind im Ebenbilde Gottes erschaffen —- das gibt jedem Menschen Wert und Würde. DaS lehren die ersten Seiten der Genesis, des 1. Buches des Inden Moses. Woher kommt es nun, das; trotz dieser klaren, unzweideutigen Lehre selbst gelehrte Christen, ja sogar Theologen, immer wieder in den Irrtum verfallen, als ob erst das Christentum die Lehre der Bruderliebe gebracht.habe? Daran trägt eine Stelle im Evangelium Matthäi die Schuld, wo es l>, 44 heißt: „Ihr habt gehört, daß gesagt ist: Dn sollst Deinen Nächsten lieben und Deinen Feind hassen ..." Wo im „Neuen Testament" der Ausdruck „gesagt ist" gebraucht!vird, bezieht er sich auf das „Alte Testament". Es tvird also hier behauptet, es stehe im „Alten Testament": „Dn sollst Deinen Nächsten lieben und Deinen Feind hassen". Auf diese Stelle stützen sieh die Behauptungen der christlichen Theologen, welche dem Indentnm die wahre Menschenliebe absprcchen. Das Evangelium gibt als Quelle an: 4. B. M. 10, 18; dort steht allerdings: „Dn sollst Deinen Nächsten lieben, tvie Dich selbst." Aber der Satz: „Du sollst Deinen Feind hassen" steht nicht dort. CS ist also nicht wahr, das; das „Alte Testament" lehrt: „Du sollst Deinen Feind hassen". Und wenn der Evangelist Matthäus behauptet, daß dies dort „gesagt ist", so befindet er sich vollständig im Irrtum. Nicht nur nicht an dieser Stelle, sondern an keiner Stelle des „Allen Testaments" steht ein Wort vorn Haß des Feindes, sondern an vielen Stellen das Gegenteil!! So lesen wir z. B. im l>. Buche des Inden Moses Kap. 28, 8: „Dn sollst den Eghpter nicht verabscheuen, denn Fremder Ivarst Dn in seinem Lande"; 2. B. M. 24, 4. kl.: „Wvnn Dn den Ochsen Deines Feindes oder seinen Esel hcrninirreud triffst, sollst Du ihn ihm zurückbringen" ns>v. Ein anderer Jude, der König Salomo, der Weise, sagt in seinen Sprüchen: l2k>, 211 „Hungert Dein Feind, speise ihn mit Brot, dürstet er, tränke ihn mit Wasser." .Heißt das den Feind hassen?! Der Talmud aber lehrt (Talm. babnl. Ioma 24): „Die geschmäht Iverden und nicht ivieder schmähen, ihre Lästerung anhören und nicht erwidern; die das ans Liebe tragen und lvie von Gott geschickte Leiden freudig hinnehmen, ^anf sie ist die Stelle anznlvenden: Die ihn lieben, gleichen der Sonne in ihrer Pracht und .Herrlichkeit." Zum Schlüsse möchten lvir die Verheißungen hervorheben, die Israel gelvorden sind: „Ihr seid meine Zeugen, spricht der Herr, und ich bin Gott." (Iesaias 44, 14.) ' „Denn lvie die neuen Himmel und die neue Erde, ivelche ich schasse, bestehen Iverden vor mir, spricht Gott, so lvird bestehen Euer Samen und Euer Namen!" (Iesaias 00, 22.) Wir; Inden kultivieren und praktizieren die menschliche Nächstenliebe so lveit, daß lvir auch für den Fremdling die Türen unseres Heims angeliveit offen halte», denselben mit Speise und Trant laben, kurz ganz genau so lvie ein Glied des eigenen Hausstandes betrachten, all dies. Iveil es derart ein Zug unseres bekannt wohltätigen Herzens verlangt und Iveil es ein heiliges Gebot unserer altehrlvürdigen jüdischen Religion befiehlt. Wenn der Kaiser der Landespertretnng des Erzherzogtums Niederösterreich den Allerhöchsten Dank und Anerkennung znm Ausdruck brachte, so ist es wohl keine Unbescheidenheit und Anmaßung, Ivenn auch lvir Juden den uns znstehenden Teil hiervon in Anspruch zu nehmen ivagen, denn wir haben zur Er-; richtnng dieses Werkes der Humanität einen reichen Perzentsah beigestenert. j Bei der Einweihung und Schlnßsteiiilegnng in Maner-Oeh- ling tonnte man abermals das beschämende Schauspiel wahrnehnren, > daß die Indenschaft und die Inden Niederösterreichs übergangen. worden sind. Wir haben den Affronten und die Zurücksetzung, die in; dieser Nichtbeachtung liegt, erst in unserer letzten Nummer, anläß- : lich der Einlveihnna des Kaiser Franz Ioseph-Inbilänms-Kinder- ,° spitales des Ausführlichen besprochen und haben dem des Iveiteren ' nichts hinznznsügen. An den zur Wahrung der Interessen, der; Rechte, und des Ansehens der Wiener Indenschaft berufenen Wiener israelitischen KnltnSvorsland richten wir aber neneblich die Mah-! »nng und die peremptorische Aufforderung, seines Berufes mit aller Energie zu Ivalten »nd das Geeignete zu verfügen, damit derartige Fälle der Ignorierung in Hinkunft vermieden Iverden. - i Ans Karlsbad. (I n t e r n a t i 0 n a l c s Indent um.) Mit der Geißelung des IndengigerltnmS in der vorwöchentlichen Nummer hat das „I ü d i s ch e V 0 l k s b l a t t" allen Stammesgenossen, die es mit dein Indentnm ehrlich und aufrichtig meinen,! ans der Seele gesprochen und sich ungeteilten Dank und Anerkenj nnng der ganzen großen jüdischen Nation erworben, die an dein Glauben ihrer Väter treu und unlvandelbar festzuhalten willeiis ist und ihr zeitweiliges Judentum nicht als eine Etappe und Dnrchgangsstadiinri für eine frühen oder später zu, erfolgeiide Taufe betrachtet. Einen gleichlvertigen Beitrag, wie man es macht, um eine moralisch sieche jüdische Nation zu züchten und großzn- : ziehen, bin ich in der traurige» Lage, von hier ans, wo ich zeitweilig; zur Kur iveile, liefern zu können. Karlsbad ist ein internationaler; Kurort, ergo bedarf es eines internationalen Judentums, be-; zieheutlich eines entjndeteii Judentums; dies zuwege zu bringen, ■ muß natürlich bei der Reform des Gottesdienstes die Hand angelegt : iverden, mit vereinten Kräfte» des Kitltusvorstaiides und des Nabbinats, ist hier tatsächlich in dieser Richtung ein tüchtiges Stück Arbeit geleistet Ivorden. Man kann es wohl ruhig hinnchnien, daß der Tempelchor in der hiesigen Synagoge von Dämon ausgcführt lvird, die in den Pausen sich etwas lebhafter, als zu wünschen Iväre, mit den Besuchern des Gotteshauses beschäftigen. Auffallender und befremdlicher schon ist der Umstand, daß die Respousalien nahezu gänzlich nbgeschafft lvnrdeu. Tief verletzt lvird jedoch die Pietät jedes Juden, der mit Liebe und Treue an den althergebrachten ehrwürdigen Formell des jüdischen Gottesdienstes hängt, daß das Lesen der Thora nicht mit den Klängen des „Nig'm" erfolgt, sondern in einer willkürlich gewählten deklamatorischen Weise, lvas auch bei den fortgeschrittensten Tempelbesuchern, insolveit sie nicht dem ausgeartcten Indengigerltnm angehören, die tiefste Verletzung ivachrnft. Wohin soll es aber auch führen, ivenn eine mächtige Säule nach der andern, die das Judentum tragen, entfernt, Ivenn eine Stütze nach der andern, denen das Judentum den Bestand verdankt, unterminiert lvird. Da kann es freilich nicht fehlen, daß Raum geschaffen wird für ein entjndetes Indentnm, wie es in der Karlsbader jüdischen Gemeinde empor- Ivächst, daß der Boden für eine Reinkultur vorbereitet lvird, aus welcher sich die zukünftigen Konvertiten mit aller Macht empor zu bringen vermögen. Gegen ein derartiges frevelhaftes Vorgehen muß mit aller Entschiedenheit im Interesse und zur Wahrung des tausendjährigen altehrwürdigen Bestandes der heiligen jüdischen Religion Verwahrung eingelegt werden. Mit schweren Wunden im Herzen gehen lvir daran, diese Vorgänge in die Oeffentlichkeit zu bringen, dem Grundsätze huldigend, daß man cs vermeiden müsse, int eigenen Fleisch und Blut zu wühlen, allein es ist ein Gebot der Notwendigkeit für die Erhaltung des Judentums, ein Erempel zu statuieren und eine Warnung zu erlassen gegen schädliche Nachahmung, denn böses Beispiel verdirbt bekanntlich gute Sitten. Hochinteressant ist iveiterö die Tatsache, daß der Karlsbad e r R a b b i n e r, lvie hier von gut unterrichteter Seite verkantet, nicht nur zu den zwanzig Berufenen für das demnächst zu besetzende Wiener Rabbinat zählt, sondern auch, horribile dictu, auf dasselbe ernstlich aspiriert, zumindest ist dies daraus zu entnehmen, daß sich derselbe allen Wiener Kurgästen, die von irgend Inden bedürfen nicht viel zum gänzlichen Glaubensabfalle. Ich schließe mit den klassischen Worten des letzten Artikels des „Jüdischen Volksblatt": „Nur wo den offiziellen Religionsunterricht der Geist eines obersten Seelenhirten durchdringt und leitet, der die Epistenz des jüdischen Volkes in Wort und Schrift leugnet oder totschweigt, kann eine moralisch sieche Generation gedeihen, dort können Kultusvorsteher, also Vertreter des Judentums heraugebildet iverden, die durch ihre nnjüdischen, ja jndenfeindlichen Handlungen das Indentnm verhöhnen." Dies zu verhindern, hat sich das „Jüdische Volksblatt" zur dankenswerten Aufgabe gemacht und hierfür verdient es ungeteilten Beifall jedes ehrlichen Juden. Wofür die „Arbeiter-Zeitung" Platz hat und wofür sic keinen Platz hat. Nehmen wir zum Beispiel die Samstagsumnmer der „Arbeiter-Z e i t u n g" in die Hand, so finden wir Auskunft darüber, daß das K ü n st l e r h ä u s geschlossen ist, daß im „Deutschen V 0 l k s t h e a t e r" die Schlierseer, im „9! a i m n n d-T h e a t e r" die Tegernseer spielen, nur erfahren, was im Kolossen m, I a n t s ch-T h e a t e r, i n d e r B l u m e nst a d t „Venedig" los ist, die k. k. priv. allgemeine ö st e r r e i ch i s ch e B 0 d e n k r e d i t a n st a I t 1 heilr den bsterreichischen Proletariern mit, daß die Nnminernliste der bei der 40. Verlosung der 4% Pfandbriefe gezogenen Stücke bei der Hauptkasse unentgeltlich verabfolgt wird, und daß die Konpon zwar fortan ausgezahlt werden,^jedoch der Betrag vom Kapitale in Abzug gebracht wird; die „ölivno-AmmIca imnst.-w fordert zu Einlagen auf Büchel, Darlehen auf Wertpapiere, Wechseleskompte und 23 ö r s e n 0 r d r e s die österreichischen Proletarier auf; der „O e st e r r e i ch s ch e Lloyd" theilt dem österneichisthen Proletariat mit, wann die nächsten Schiffe nach O st i n d i e n, E h i n a, I a p a n, E g y p 1 e 11, Dalmatie n u u d V enedig abgehen; und zum Schluffe verständigt die k. kl priv. Sndbahn- G e s e l l s ch a s t die österreichischen Proletarier, wann die Schnellzüge nach 21 b b a z i a, G ö rz. Triest, Venedig, Mailand, T u r i », Floren z, N 0 m, Neapel, ist i z z a u n b C a n n e s, l London n u d Ostende abgehen (wöbewir die Bemer-; knng nicht unterdrücken können? daß es in Nizza und Ostende j doch etwas zu thener für österreichische Proletarier sein dürfte). So reichhaltig ist e i n e Nummer der „Arbeiter- Z e i i u u g." Glückliche Proletarier! Das alles erfahrt ihr durch das „Zentralorgan der österreichischen Sozialdemokratie", Nur etwas verschweigt sie euch, das Elend und die Not der j ü d i s ch e n P r 0 l e t a r i e r in N u m ä n i e n. Vielleicht bringen die Auswandei nngs-Komilees doch ein Pauschale z ns am men, damit die „Arbeiter-Zeitung" neben der Südbahn, Dvuau-Dampfschisfahrts-Äesellschaft, Lloyd, Bodeukreditaniialt auch noch von den jüdischen Proletariern Notiz nimml.! Uebertritt znm Indentnm. Aus Suezawa wird geschrieben: •; In diesem Jahre hat sich bereits der zweite Fall ereignet, daß in. Suezawa Christen zum Judentum übergegangen sind. In beiden: Fällen handelte es sich um Herzensangelegenheiten, die den lieber- ' tritt zwecks Ermöglichung der ehelichen Verbindung verursachten.! lind es ist um so bemerkenswerter, als gerade die Männer es ivaren,i die den Glauben ihrer Väter verließen und sieh dem Glauben ihrer? besseren Hälfte znioeiideten. Vor etiva 4 Monaten übertrat Herr I Kozak, der ein gutsituierter Staatsdiener ist, um die arme Juden- , tochter, das Fräulein Saldinger zu ehelichen. Interessanter ist der, llebcriritt des eHrru Iankn Drag, eines Polizeipräfekten ans Nvman (Rumänien), der sieh in ein jüdisches Mädchen verliebte. Da dieses! Mädchen erklärte, Fie könne das Herz ihrer Eltern nicht brechen,! was durch ihre Taufe sicher geschehen würde, hat Herr Iankn Drag! sich entschlossen, selbst zum Judeutum überzntreten. Am 20. Jniii! d. I. ist nun die rituelle Zeremonie an demselben vollzogen worden j und befindet sich derselbe sehr wohl. Herr Drag hat als Polizei-; präfett Gelegenheit gehabt, das jüdische Volk genau kennen zu j lernen, und gerade deshelb behauptet er, dasselbe zu lieben. Wenn! man nun diese Vorkommnisse freudig begrüßen darf, so muß doch! eines peinlich berühren: Wir haben nämlich das besondere „Glück",! einen Rabbiner zu besitzen, der eher alles andere hüte Iverden sollen,1 als das, was er wurde. Dieser Mann, Doktor AbrahamLöwy heißt er, steht stets weit ün Hintergründe, wenn es gilt, die Interessen seines Volkes zu wahren. Man hat noch nie vernommen, das; er an irgend einer Hilfsakion sich beteiligt hätte. Schon der Gedanke, das; Juden national denken können, ist ihm ein Greuel. Daher sucht er gewissenhaft (?) jeden nationalen Gedanken seiner ihm zum Religionsunterrichte anvertranten Schüler, der Ghmnasialjugend, zu ersticken. Zn seinen besonderen Llerdiensten und Anerkennungen gehört insbesondere die durch ihn bewirkte Auflösung des jüdischen Vereines „Jeschnrnn", dessen Präsident er war, und seine Ausschließung ans dem „Zionvereine" in Suezawa infolge verweigerter BeitragSleistimg. Tenn nur .Diehmen" heißt Leben nach seiner Anschauung. So ist es denn auch erklärlich, das; anläßlich der Beschneidiing des Herrn Drag nach dem beivährten Muster des Dr. Löwy ein wahres Bakschisch-ttnwesen entfaltet wurde, wobei jedeufalls Dr. Löwy seine 00 Francs einstrich. Dachte der Herr Dr. Löwy daran, was sich denn der Herr Drag hierbei dachte? „Bar 5kochba", Vereinigung jüdischer Hochschüler aus Galizien. In der am 28. Juni stattgefundenen Plenarversammlung wurden die Herren Ingenieur Josua Wein grün und Ingenieur Nathan K u cf u cf zu A. H. der „Vereinigung jüdischer Hochschüler aus Galizien „Bar Zkochba" ernannt. Jüdischer Abiturientenkonnuers. Die Vieliher jüdischen Abiturienten veranstalten am 16. Juli l. I. in den Saal-Lokallit'äton! des Hotels „Zum Schwarzen Adler"' in Biala einen Abiturientenkommers mit anschließendem Tanzkränzchen. Mltsik besorgt die Vielitz-Bialaer Stadtkapelle. Tanzarrangeur: Herr St. Weiß. Entree pro Person K. 1.60, Familienkarte (für drei Personen) 3 K. Ansang 8 Uhr abends. Der Neinertrag fällt dem B.-B. Jsr. Freitischvereine zu. Strnfumwnndlnttg durch Gnade! Im Mai vorigen Jahres wurde der Lederhändler Elias Lehr wegen einer Broschüre, in welcher sich Ausführungen über den Prozeß Hilsner befanden, des besuchten Vergehens nach Artikel 8 schuldig erklärt und zu einem Monate Arrest verurteilt. Durch kaiscrlicheu Guadenakt wurde diese Strafe in eine Geldbuße von 2000 K. umgewandelt. Ein Erfolg des Selbstbewusstseins. Der klerikale Univcrsitätsprofessor Lenz wurde an die Universität in Czernowitz berufen. Trotzdem er wußte, daß die Majorität seiner Hörer Juden sind, die die jüdischen Festtage feiern, wählte er dennoch den Tag des Schabuothfestes zri seiner Antrittsvorlesung. Die jüdischen Hörer zwangen jedoch nachher den Herrn Professor, durch Demonstrationen, denselben Vortrag nochmals zu halten und der Herr mußte uachgcbeu und die Befähigung seiner antisemitischen Gelüste für ein geeigneteres Terrain aufsparen. Der Atttiseittitksmtts in Tirol. Die Fremdenverkehrs-Sektion Kitzbühel in Tirol versieht ihre Prospekte, Wohnungsüftm! k. mit folgendem Stampiglienaufdrucke: „Beschluß der Generalbersammlnng 1897. Anfragen von Juden haben unberücksichtigt zu bleiben." Nachdem wir wissen, daß mehrere jüdische Familien (Münchener z. B.) jährlich einige Wochen da verbrachten, nehmen wir Veranlassung, obigen Beschluss der Fremdenverkehrs-Sektion zur Kenntnis zn bringen, um 'unsere Glaubensgenossen, denen derselbe etwa nicht bekannt geworden sein sollte, abzuhalten, ihr Geld nach Kitzbühel zu tragen. Neugierig wären wir aber doch zn erfahren, wie sich das Genicindeamt Kitzbtthel zn dieser Kundgebung verhält und besonders, ob der DeutschGsterreickische Alvenverein, der doch in ganz Tirol eine bommierende Stellung einnimmt und der in seinen Reihen eine stattliche Zahl Juden hat, diZeu Beschluß kennt und dazu geschwiegen hat. Wir wollen uns dcr Fremdenverkehrs-Sektion Kitzvühel jedcssalls mit Liebe erinnern, wenn der dortige Tuchfabrikant und Tnchhändler, der alle Jahre bei seinen jüdischen Abnehmern die liebenswürdigste Miene aufsteckt, wieder vorspricht. Das Budavester Hilfskomitee für die rumänischen Juden, welchem der Großindustrielle Alexander v. Hatvanh-Deutsch, Oberrabbiner Kohn, Professor Dr. Goldzieher, Dr. Moriz Mezei, Fabrikant Leopold Lebovitsch und viele andere angehörtcn, hielt am Dienstag nachmittags eine Sitzung ab, in welcher Alexander v. Hatvaim-Deutsch die rumänischen Verhältnisse kennzeichncte. Redner erklärte, das; die Zeitungsberichte über die Judenverfolgungen in Rumänien nicht übertrieben seien. Es müsse schon jetzt Hilfe gebracht iverden, und deshalb schlug er vor, im Interesse der rumänischen Inden eine Landesaktion einzuleiten. In ähnlichem Sinne sprachen Oberrabbiner Dr. Kohn und Leopold Lebovitsch, während Dr. Rozsa und Arnold Kohn den Antrag stellten, eine Weltaktion einzuleiten, das heißt in ganz Europa für die rumänischen Jicden zu samyielu. Nach längerer Debatte wurde beschlossen, eine Landesaktion einzukeiten und schon demnächst im ganzen Lande Spenden zu sammeln. 'Aligeordueteuwutst. Am 2-1. Juni wurde in Margitta (Biliarer Eom.) der jüdische Schriftsteller und Mitarbeiter des Vudapester Tagblattcs „Cgyetertes", Szathinari Mor, dem gewesenen Deputierten Oerleh Kalman gegenüber mit großer Majorität zum Reichstagsabgeordneten gewählt. Interessant ist es, das; die eifrigsten Anhänger des jüdischen Kandidaten die dortigen röm.-kath. und reformierten Seelsorger waren. Mit Herrn Szathinari ist die Zahl der Reichstagsabgeordneten jüdischer Konfession auf 10 gestiegen. 2l1ldeutsche Liguorimornl. Die Blätter für ostdeutsche Moral, sonst auch „Ostdeutsche Rundschau" genannt, handeln nach dem Prinzip aller geriebenen Gauner: E i n e g r 0 ß e G e m e i n h e i t m a ch t in a u a m b e st c n d u r ch e i n e n e u e v e r g essen. Noch sind die schmutzigen Geschichten mit dem Zuckerkartell und der Donan-Dampfschiffahrt-Gesellschaft in aller Erinnerung und schon erregt das löbliche Organ des ZnckerkartellZ und verwandter ttnteriiehinilngeu allgemeine Entrüstung durch eine Notiz, die jeder Menschlichkeit Hohn spricht. Sie ergießt ihre» Geifer über die rumänischen Juden, sie spricht „von dem durch das iaternationake Judentum arrgaugierteii Emigratiousschlviudel". Dies ist eine faustdicke Lüge, lieber K. H. Wvlf, NeiehSratsabgeordneier und Hochzeitsredner von Tetschen. Man vergleiche damit die pathetischen Ergüsse, die die „Ostd. N." für den Verziveiflnngskampf der Buren hatte. Auch in Rumänien wird ein kleines 2Kstk von einer skrupellosen Majorikäk ansgesogen, nnekrdrückk und zur Auswandernng getrieben. Wenn die „O. R." Ivirklich ans edlen Motiven die Lstiren unterstützte, so mußte sie znm Verzweiflnngskampfe des jüdischen Proletariates in Rumänien wenigstens — schweigen. Wenn die „O. R." ans edleir Motiven „Los von Rom" predigt, so müßte sic sich erinnern, lvie oft früher Protestanten wegen ihres Glaubens insterdrückt und verjagt wurden. Aber die „O. R." tut alles um das liebe (üeld; sie liefert auf Bestellung Tränen, Beschiiiipfuiigei! und Begeisterung; Tränen für die Buren, Beschiml für hü« 1111h Ol,.,-.,»ff