Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 27 (4.7.1902)
- Date
- 1902-07-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2432763-2432917-2432944--1538-2435306- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 27 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 4. Juli 1902 Seite 3 Die mrWftlilhe Lage -er Juden in l Galtzien.! Von CH. N. Neichcnbörg, Krakau.! In allen, in verschiedenen in- und ausländischen jüdischen Blättern erschienenen Artikeln über dieses Thema wurde dasselbe immer unter dem generalisierenden Schlagwerte: „Das Elend der galizischen Juden" besprochen. Wenn ich in gegenwärtigem Aufsatze ein absolut wahrheitsgetreues und verläßliches Bild der wivtschastlicheni Loge der galizischen Juden auf Grund meiner zwölfjährigen geschäftliche!: Bereisung dieses Landes liefern will, so mutz ich vor allen: die Generalisierung des Elends unter den Juden hierzulande beiseite lassen!. Denn nicht alle galizischer: Jude:: befinden sich in schlechten ökonomischen ^Verhältnissen; eii: ansehnlicher Teil derselben ist materiell Iebensogut gestellt wie m:sere wohlhabenden Stammes- Igenossen in Böhmen, Mähren und Niederösterreich usw. lÄber ein bedeutender Teil der galizischen Juden befindet 8 sich in solch traurigen wirtschaftlichen Verhältnissen, welche in keine::: anderen Lande der Monarchie zu treffen sind. .Nach der letzten Volkszählung leben in Galizien an: Laude, in den größeren und kleineren Städten iirsgesamt 826 262 jüdische Seele::. Zirka 80 000 Seelen der gesamten jüdischen. Bevölkerung Galiziens sind bei der Landwirtschaft beschäftigt. Es existieren hiebei eilüge hundert Großgrundbesitzer, bei 1000 Meierhofinhaber, welche je über 40—50 Joch Aecker verfügen, 1666 Guts- und Meierhofspächter und endlich nur einige hundert jüdische Bauern, welche über 8—10 Morgen Feld verfügen. Die Großgrundbesitzer, wie Pächter größerer Güter, betreiben außer dem Getreideanbaus auch die Viehzucht und die landwirtschaftliche Industrie der Branntweinbrennerei. Die Meierhofbesitzer und -Pächter wie 'die jüdischen Bauern befassen sich außer mit dem Feldbauc, mit der Milchmolkerei und der Käseerzeugung. Diese führen ihre Waren nach den nächjstgelegenen Städten und bringen sie sehr leicht an den Mann. Wenn es sich daher um das Elend der galizischen Juden handelt, kann an die 80 000 Seelen derselben, welche dem landwirtschaftlichen Berufe sich widme::, nicht gedacht werden, denn all diese befinden sich ihrer Art gemäß in wohlhabenden und zum großen Teile geordneten ökonomischen Verhältnissen. Meiner: bescheidenen! Ansicht gemäß leben in galizischei: Städten zirka 200 000 j ü d i s ch e Seelen teils in sehr wohlhabenden und teils in recht guten Verhältnissen. Es sind dies Realitätenbesitzer, Inhaber von Bank - und Wechslergeschäften, Rentiers, Geschäftsinhaber, R e st a u r a - teurs, Hoteliers, Schenker usw. Hiezu kommt die zieinlich stark vertretene jüdische Beriufsintelligenz, wie Advokaten, Merzte, Apotheker, I n g e n i e:t r e und A rchitekten. Dagegen ringen um ihr Dasein zirka 3 0 0.000 Seelen. Diese zerfallen in solche, die sich mit der K l e i n k r ä::: e r e i, dem S ch a n k g e - werbe, den: Hausieren, dein Dorf geh en (dieser geht von Dorf zu Dorf und kauft landwirtschaftliche Produkte zum Weiterverkäufe ein) und dem Verluittlungswese:: beschäftigen. Ferner gehört zu diesen der Handwerkerstand, der in Galizien aus 36 230 selbstä:rdigei: jüdischen Meister:: besteht und welche «stets an Mangel von Arbeitsgelegenheit kranken. Und schließlich umfasse:: diese 300 OÖO Seelen all die tausende Familienhäupter, welche sozusagen von der „Luft" leben. Diese haben keinen beistimmten Erwerb, sondern ergreifen jede sich darbietende Gelegenheit, ::::: etwas zu verdienen. Und endlich werde ich den w a h r e n K e r n des galizi sehe:: Judcueleuds enthüllen. Es sind dies über 200 000 jüdische Köpfe, die ganz besitz- und erlverbslos sind. Diese leben, zur Schmach und Schande für die Gesaulljudenhell, von der Orts- und Wanderbettelet. Wenn ich die Kopfzahl einer jüdisch-galizischen Familie mit 7 berechne, so betteln dazu lande 28 600 Familienväter e r w e r b s m ä ß i g , während ihre Familienmitglieder, die aus einer Zahl von 171 600 Seelen besteht, in: Nichtstun die Zeit zubringen und davon ihr Dasein fristen, was die Häupter erbetteln. Die Zahl der Ortsbettler ist eine geringe; diese wird 10 Prozent aller Bettelnden ausmachen; dagegei: ist die Zahl der Wanderb eitler eine große und solche umfaßt 90 Prozent aller iüdisch-galizischeu Bettler. Dieser Schanderlverb hat dazulande seinen technischen Ausdrrnk, und zwar „das Gehen a u f die M e d i:: e " (Landstreiferei). Ganz ungeniert antwortet der Sohn, der un: den Beruf seines Vaters gefragt wird, daß er „auf die Medine geht". Die Bettler lassen, ihre Familienangehörigen das ganze Jahr zurück, während sie das Land in seiner Breite und Länge von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt bettelnd durch-, wandern und die Ergebnisse ihrer Streifzüge gehe:: von gewissen Stationei: mittelst Postanweisungen, an die Adresse der Familienangehörigen zur Bestreitung der Lebensbedürfnisse und eventuelles Vviseiteschaffung ersparter Kreuzer. Wenige dieser Armen aller Aermsten betreiben dieses saubere Metier aus Arbeitsscheu oder Faulenzerei; die meisten sind von den Verhältnissen zu dein Schmachgewerbe gedrängt. DerFluch derBesitz -undErwerbsl o s i g k e i t ist die Ursache, daß 200 000 unserer Mitbrüder dazulande von dem Schnracherwerbe der Wanderfechterei ihr Leben durchftetten. Diese Wanderbettelei hat erst vom Anfänge der Achtzigerjahre des verflossenen Jahrhunderts an solch erschreckende Dimensionen anzunehmen begonnen. Seit dieser Zeit datiert der Beginn der Versiegung der Existenzen des jüdischen Mittelstandes in Galizien. Der Fortschritt der Transportmittel hat den Zwischenhandel (das sogenannte Getreidesammeln und Mischen) in Getreide, Sämereien und Hülsenfrüchten brach gelegt, wodurch tam sende Familien ihren Nahruugszweig einbüßten. Es sind überdies massenhaft Familien ums Brot gekommen, welche als Vermittler zwischen Bauer und Zwischenhändler ihr bescheidenes Auskommen fanden. Die Schaffung und Vorbereitung der landwirtschaftlichen Vereine, (Kolk:: roluieze) haben tausende jüdische Familien um ihren Erwerb gebracht. Die Monopolisierung des Holzverschleißes hat auch zur Zerstörung jüdischer Existenzen hierzulande beigetragen. Und so ringen in Galizien zirka 300 000 Juden um das tägliche Brot, während andererseits über 200 000 dieser unglücklichen Geschöpfe zu ringen aufhöven mußten und ihr Leben von dem Schanderwerbe der Orts- und Wanderbettelei fristen. Es muß sich da dem verehrten Leser die Frage aufdrängen, war::::: nicht die reichen Juden gemeinsam mit der Intelligenz etwas zur Heilung dieser galizisch-wirtschafilichen Wunde unternehmen. Diese Frage will ich hiermit beantworten: In erster Linie ist bis dato hierzulande kein reicher und einflußvoller Jude zum Vorscheine gekommen, der seine freie Zeit und einen Teil seines Vermögens dem Ideale der Herbeischaffung neuer Erwerbsquellen für seine bettelnden Brüder widmen wollte. Leider suche ich vergebens im Tresor meiner Pcrsonenkenntnis hierzulande nach dem Vorhandensein eines solche:: Messias und zu meinem Leidwesen passieren mir in: Gedächtnisse lauter Leute vorüber, die zu N a m e n u n d> A n s e h e n , Auszeichnungen! und Orden gelangen wollen, o h n e j e Ersprießliches und Verdi e n st v o l I e s s ü r die n o t l e i d e n d e n> n n d hilflosen Mitmenschen geleistet zu haben. In zweiter Linie sind die reiche:: Gutsbesitzer in Galizien wahre Egoisten, die ausschließlich für sich und ihre Familie leben, während die reichen Stammesgenossen wie die jüdische Intelligenz in den größeren Städten dermaßen von der Ortswilligkeit in ihren Domizilen in Anspruch genommen sind, daß sie der Frage der Notlage in den kleinen Städte:: keine Aufmerksamkeit mehr scheuten schenken können. Würde jemand in der in Rede stehenden Beziehung die Initiative ergreifen, diesfalls wäre auf die Unterstützung der Sache seitens der großstädtischen Reichen und der Intelligenz zu rechnen. kmnpetenten Behörden auf das beabsichtigte Attentat gegen die .Kaiserstadt Wien, insbesondere aber gegen deren jüdische Gemcindemiigliedcr aufmerksam machten. Es liegen uns übrigens vielfache Beweise zur Hand, welche zu der Annahme berechtigen, daß unser scinerzcitiger Notschrei und Ausruf der Entrüstung zu einer vertraulichen Weisung führte, die beabsichtigten Personal-Veränderungen in der Wiener Magistratur fallen zu lassen. . Selbstverständlich mußten sich die gegenwärtigen Machthaber im Wiener Rathmispalaste diesem Minke mit dem Zaunpfahl, dem Zwange gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, fügen. Und die Moral aus der Affäre: Man muß nur sofort einschreiten und seine Pflicht und Schuldigkeit tun. Zu einer solchen Höhe der Auffassung, zu einem solchen Pflichtbewusstsein vermögen sich jedoch unsere Machthaber in der Seitenstettengasse nicht aufzuschwingen, deren Energie und Tatkraft von nie zu stillenden Knopflochschmerzcn übertönt wird. Demission des Kultusvorftandes Leopold Pollak. Wie wir ans guter Quelle vernehmen, hat Herr Leopold P o l l a k seine Demission als Kultusvorsteher gegeben, da er endlich einsah, daß er nicht die für dieses Amt nötige Qualifikation besitzt. Die Trauung seines Sohnes findet am 12. d. M. in der Karlskirche statt. Leichenbegängnis. Donnerstag den 26. Juni fand das Leichenbegängnis des Herrn Jakob D r a b statt. Derselbe war Mitbegründer des Josefstädter Tempel-Vereines, in dessen Vorstande er durch 14 Jahre tätig war. In der Zeremonienhalle sprach Herr Dr. Bach und am offenen Grabe Vorstandsmitglied Pollak. Die zahlreiche Beteiligung am Leichenbegängnisse zeugte von der Beliebtheit des Verstorbenen. Sämmtliche jüdische Vereine und Korporationen waren vertreten. Verein jüdischer jugendlicher Arbeiter. Sonntag den 6. Juli, 10 Uhr vormittags, findet im Hannabräu-Kolosseum, XX., Klosterneuburgerstraße 33, eine ösfentlicheVersammlung statt. Tagesordnung: 1. Warum organisiert sich die arbeitende Jugend? 2. Gründung der Ortsgruppe Brigittenau. Kollegen des XX. Bezirkes, erscheint zahlreich! — Sonntag den 6. Juli. Zentrale und sämmtliche Ortsgruppen: A u s f l u g nach Franz Josefsland. Zusammenkunft der Teilnehmer um 7a4 Uhr nachmittags bei der Augartenbrücke. Gäste willkommen. — Zuschriften für die Zahlstelle M ar g a r e t h e n find an Kollegen Hermann Birnbaum, VI., Stiegengasse 20, Tür 6, für die Zahlstelle Ottakring-Hernals an Kollegen Karl Weiß, XVI., Brunnengasse 33, zu richten. Der Verein jüdischer Haudelsangestellter in Prag zeigt an, daß er sein Heim ins Cast Naudnitz, Altstädter Ring, verlegt hat. Hinter den Kulissen der christlich-sozialen Partei. Die „Wiener Neuesten Nachrichten", ein christlich-soziales Montagsblatt, das im Verborgenen blüht, bringt im Briefkasten folgende Notiz: „O. N. Wir haben die Kandidatenliste fiir den 1. Bezirk gelesen und werden zur Zeit unsere Zusage einlösen, daß wir den Nachweis liefern werden, daß die aufrichtige christlich-soziale und antisemitische Ueberzeugung nicht bloß kein Hindernis, sondern vielmehr eine Triebfeder ist und sein muß, nach Kräften dagegen aufzntretorv, daß unwürdige Personen unsere Vertretungskörper bevölkern und von Steuergeldern dick und fett werden." — Wen meinten eigentlich die „W. N. N.", etwa den Strobach oder Gregorig? Chronik. Jüdischer Volksverein. Der „Jüdische Volksverein" veranstaltet Donnerstag den 10. d. M. eine öffentliche V e r e i n s v e r s a m m l u n g in Kahns Gartenrestaurant, 16. Bez., Hcllgasse. Tagesordnung: 1. Die Lage des jüdischen Volkes. 2. Jüdische Kommunalpolitik. 3. Diskussion. Gäste willkommen. Keine Veränderung im Personalstande des Magistrals- Präsidiums. Im holden Monat Mai haben, wie unseren Lesern erinnerlich sein dürfte, die antisemitischen Blätter die Nachricht lanziert, Magistratsdirektor Preyer sei amtsmüdc und wolle in den Ruhestand treten. Der antisemitische Blätterwald verbreitete diese Nachricht augenscheinlich nurdeshalb, um dem im Amte befindlichen Magistratsdirektor Preyer einen Wink mit dem Zaunpfahle zu geben, sich von der Magistratsdirettion zurückzuziehen. Gleichzeitig verbreitete man die Mitteilung, als Nachfolger Preyers sei der derzeitige Magistratsvizedirektor Doktor Weiskirchner designiert und an die Stelle des letzteren werde Magistratsrat Dr. Hetlinger treten. Zweifelsohne handelte es sich der antisemitischen Publizistik nur nur einen Fühler und weiters sollte die Oeffentlichkeit für die Personal-Veränderungen in der Wiener Magistratur präpariert werden. Wie gleichfalls erinnerlich sein dürfte, war es das „Jüdische Volksblatt" einzig und allein, das den Mannesmnt und die Herzhaftigkeit besaß, gegen eine dercrrttge Personal-Veränderung in, Magistrate mit aller Entschiedenheit Protest einzulegen. Wir haben darauf hingewiesen, daß Dr. Weiskirchner, den die Schmutzwellen des Antisemitismus emporgespütt und auf ein Piedestal eruporgehoben haben, das einznnehmen er durchaus keine Qualifikation besitzt, weder über die Befähigung, noch die Erfahrung verfügt, ein so hoch bedeuttlngsvolles Amt zu bekleiden und daß er weiters nicht die Gewähr für eine objettive Amtsführung zu bieten vermag. Wir haben gleichzeitig die Folgen geschildert, welche durch die Magistratur Weiskirchner für die Reichshanpt- und Residenzstadt Wien, namentlich aber für die nahezu zweimalhunderttausend jüdischenGemeindebürger erwachsen müßten und an die maßgebenden Faktoreu: Negierung :rnd Statthalterei die dringende Mahnung gerichtet, gegen die geschilderten Personalveränderrmgen im Wiener Magistrate ein gewichtiges Veto einzulegen. ' Mit hoher Befriedigung, mit inniger Genugtuung kann das „Jüdische Volksblatt" konstatieren, daß derselben bei dieser seiner Intervention ein voller, durchschlagender Erfolg zur Seite steht, denn die hochfliegenden Pläne der derzeit am Ruder befindlichen mittsemitischen Partei haben eine Verwirklichung nicht zu finden vermocht. Wohl find wir nicht unbescheiden genug, um dieses Verdienst Mksschließlich unserer Intervention zuzuschreiben. Allein die Tatsache steht fest, daß das „Jüdische Vollsblatt" unter allen Zeitungen ausnahmslos, die jüdischen inbegriffen, die gefährliche und gefahrdrohende Verändern,rg im Wiener Magistrats-Präsidium zur Sprache brachte und daß wir allein es tuaren, die die große Oeffentlichkeit und die Znr Schlusrsteinlegung des Kaiser Franz Josef-Jubiläums- Spitales in Wien. Vorige Woche hat die Schlußsteinlegung des Kaiser Franz Josef-Jubiläums-Kinderspitales stattgefunden, das die Kommune Wien zur Erinnerung an das fünfzigjährige Regiernngsjubiläum des Monarchen errichtet hat. Der feierliche Akt erhielt dadurch eine besondere Weihe, daß demselben der Kaiser anwohnte. Wie üblich, nahmen an der Feier die Spitzen der Behörden, der Gemeindeverttettmg und der Zelebritäten teil. Aus der Präsenzliste der Anwesenden nimmt man aber gewahr, daß weder die Vertreter der Wiener Judenschaft, noch eine einzelne Person der Wiener jüdischen Gesellschaft bei der Feier anwesend gewesen ist, zweifelsohne deshalb, weil die betreffenden Einladungen nicht erfolgt sind. Gegen diesen Boykott mutz aus den verschiedensten Gründen feierlichst und eindringlichst Protest und Verwahrung eingelegt werden. In allererster Linie, weil der Feier der Monarch in allerhöchst eigener Person anwohnte, der es gewiß befremdend gefunden haben wird, daß unter den vorgestellten Korporationen sich nicht auch die Repräsentanz der israelitischen Kultusgemeinde befunden.hatte. Weiters deshalb, weil das zur Erinnerung an das fünfzigjährige Regicrungsjubilämn errichtete Kinderspttal aus Kommunalmitt c l n errichtet wurde. In der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien wohnen aber rund 200 000 Juden, demnach über zehn Perzent der Bevölkerung, die jedoch nahezu fünfundzwanzig Perzent zu den direkten, einer von autoritativer Seite angestellten Schätzung zufolge, beiläufig 40 Perzent zu den indirekten Abgaben der Kommune b e i st e u e r n. Von den von der Wiener Gcmcirrde zur Errichttmg dieses Kinderspitales votierten 2 Millionen ist daher zumindest eine halbe bis dreiviertel Millionen mrs jüdischem Säckel geflossen. Schon dieser Umstand allein hätte die derzeittgen Kommunal-Machthaber bestimmen sollen, so viel Takt und Manier zu besitzen, der schuldigen Pflicht nachzukommen und auch Vertreter der jüdischen Gesellschaft, insbesondere aber die Repräsentanz der israelitischer, Kultusgemeinde zu dem feierlichen Akt der Schlutzsteinlegung einer aus öffentlichen Mitteln errichteten Anstalt einzuladen. Die Wiener israelitische Kultusgemeinde hat den ihr erwiesenen Affront mit gewohntem Gleichmut, mit unnachahmlicher Indolenz hingenommen. Das „Jüdische Volksblatt", das sich die Wahrung der Rechte und Interessen des Judentums und der Judenschaft im allgemeinen und der jüdischen Bewohner Wiens im besonderen zur Aufgabe gemacht hat, ist jedoch nicht gewillt, diese schnöde Zurücksetzung auf sich beruhen zu lassen. Nicht deshalb, weil wir es uns zur Ehre anrcchnen, von den derzeitigen Machthaben, in der Kommune die Einladung zu einer, wenn auch noch so seltenen Feier, zu erhalten, sondern deshalb, weil wir der Sache eine wichtige und ernste Bedeuttmg beimessen und für das Prinzip der Gleichberechtigung und Gleichbewertting des Judenünns nicht eine Präzedenz und Präjudiz schaffen wollen. Wir Juden sind uns selbst genug, wir wollen uns nie und nimmer aufdrängen, allein wir müssen mit aller Energie darauf bestehen, daß wir nicht hintangesetzt werden, daß uns unser Recht stets und immerdar geschehe. Wenn der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde die feine Ernpfindnng für den mit einer Blamage