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Jüdisches Volksblatt · 1902-06-27 · 26 (27.6.1902) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
26 (27.6.1902)
Date
1902-06-27
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 27. Juni 1902 Nr. 20 zitierte Bestimmung Des neuen P möge setz es präzise genug gepulten ist und ob die angedrotzte strafe eingsindlup geimg sein wird, um eine volle BBrknug eins urtsere BBdersucher auszunben. Und da tzätte man wünschen müssen, das; der ertvähute Bovkoti-Paragrapp des neuen Preszgesetzes eine klarere Fassung erhalten hätte in* der Nichtnug, das; nicht um* eine Ausforderung zur Bteiduug^ des geschäftlichen Verkehres mit b e st i nt nt t e n M r e i s e n , sondern auch der Boykott aus konfessionellen Motiven strafbar ist, ferner das; der Boykott durch Druckschriften auch mit emer Freiheitsstrafe geahndet lverden könne, beim wie die Erfahrung lehrt, wird die antiseinitische Liga nach tvie vor materielle Mittel nicht scheuen, ivenn es sich darum handelt, die jüdische Geschäftswelt in ihrer Existenz zu schädigeit. Es wird überhaupt darauf aukounnen, lvelche Anslegtmg der Boykott-Paragraph des neu-en' Prehgesetzes seitens der fudiziereitden Richter finden wird und auf diese kommt es ja in den meisten Fällen an. selbstverständlich liegt es uns fern, bent österreichischen Richterstande nahe zu treten und bentfetben eine tendenziöse, unsachliche Rechtssprechung zuzunniten. Aber atich der Richter ist ein Mensch, ein Mann aus den: Volke mit einer Gesinnung ttnb einer sozio lagen Gedankenrichtnng des gesellschaftlichen Milieus, in denn er aufgewachsen ist und in dem er sich bewegt. Es würde uns Befriedigung bereiten, wenn alle die von tins gegen den EnNvtirf des neuen Preßgesetzes laut gewordenen Bedenken Veranlassung geben wurden, bei der parlamentarischen Beratung in reifliche itrtb wohlerwogene Erwägung gezogen zu werden. Wie Kann dem jüdischen Kleingewerbe geholfen werden? Von Oberbuchhalter E. Pollak. 1. Es dürfte kaum nötig sein, nachzuweisen, daß es dem jüdischen Handwerker herzlich schlecht geht. Im Grunde genommen hatte das Handwerk, insoferne es von Juden ausgeübt wurde, von jeher nur einen sehr dünnen „goldenen Boden"; ja es darf kühn behauptet werden, daß, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, das Handwerk unter den Juden auch damals kaum seinen Mann nährte, als noch die Bedürfnisse gegen die heutigen minimale genannt werden konnten. Das dürfte wohl davon hergerührt haben, daß zum größten Teile die am wenigsten begabten oder die ungeberdigsten Jungen, die es im „Cheder" kaum bis zum Lesen oder Schreiben gebracht hatten, dem Handwerk sich widmeten. Galt, doch im allgemeinen die Drohung, ihn Schneider oder gar Schuswr werden zu lassen, als Schreckschuß für den Heranwachsenden Knaben, wenn er nicht fleißiger oder folgsamer werden sollte. Ein solches Material konnte also unmöglich dem Handwerkerstande zur Zierde gereichen und wenn auch zugestanden werden mag, daß der jüdische Handwerker vonhause aus geschäftstüchtiger oder doch zumindest geschäftsfähiger ist als sein nichtjüdischer Konkurrent, so konnte er dennoch der sich verfeinernden Ge-! schmacksrichtung der besseren jüdischen Kundschaft nicht entsprechen und eine andere hatte er entweder gar nicht oder nur « in geringem Perzentsahe zur jüdischen. Heute hat sich wohl so manches in dieser Richtung geändert. aber immer noch steht der jüdische Handwerker nicht ans der Höhe der Zeit und daran sind die leidigen Verhältnisse im Kleingewerbe überhaupt zum großen Teile schuld. Hier iväre also ein großes und wichtiges Stück sozialer Arbeit zu verrichten, ein Stück lohnender Arbeit nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für die Zukunft, die nach den bestehenden Verhältnissen wohl kein denkender Jude unbeachtet lassen kann. Der Jude ist zum Handwerke nicht weniger befähigt als zmn Ackerbau ltnb wenn darauf hingewiesen wird, daß die Inden ehemals ein ackerbautreibendes Volk waren und sich auch derzeit ans verschiedenen nengegründeten jüdischen Kolonien als fähig zmn Ackerbau bcivähren, so darf ebenso auch daran erinnert lverden, daß die Inden seinerzeit auch einen tüchtigen und intelligenten Handlverkerstand besessen hatten. In erster Linie wird es sich also um die Erhaltung und Kräftigung des Bestehenden handeln; damit wird gewissermaßen der Grund befestigt, ans dem der weitere Ausbau anfzuführen sein wird. Keinesfalls aber darf der Ansicht Raum gegeben werden, daß in dem Erhalten des Bestehenden auch die Art und Weise, tvie es eben besteht, gutgeheißen tvird. Hierin soll bloß das Bestreben liegen, das jüdische Kleingeiverbe vor dem völligerr Ruin zu beivahren ltnb vor allein anderen zu verhüten, daß die sehwächeren Elemente dasselbe verlassen, um sich auf den Zwischenhandel zn verlegen oder sonst einen armseligen Berns zu wählen und so das jüdische Proletariat noch zu Vermehrer:. In dieser Richtung gelangen wir allerdings zn einer Anschauung, die uns vor: der Sozialdemokratie iv e - s e n t l i ch u n ters ch e i d c t, denn lvir beabsichtigeil das gerade Gegenteil von dem, was diese als einen Hanptfaktor in ihrer weiteren Entwicklung betrachtet. Während nämlich die Sozialdemokratie den Kleingewerbestand überhaupt proletarisieren möchte oder doch zumindest diese Metamorphose hcrbeischnt, ist cs ganz entschieden Sache der Juden, ivelcher Couleur immer, alles aufzubieten, um das jüdische Kleingewerbe nicht sinken zu lassen, im Gegenteil, dasselbe tveirn irgend eine Möglichckeit hierzu vorhanden ist, dem Mittelstände näher zu bringen. Und dazu ist nicht viel Zeit zn verliere,:. Das jüdische Kleingewerbe leidet unter der Ungunst der bestehenden Verhältnisse doppelt, denn es hat nicht nur die Konkurrenz des ihm weit überlegenen Industriellen zu ertragen, sondern es wird auch durch die konfessionellen Verhetzungen erdrückt. Die Ursachen des Niederganges im Kleingewerbe überhaupt sind uns ja nicht unbekannt. Sie werden auch beim jüdischen Kleingewerbe in erster Linie zu berücksichtigen sein, während der Nachteil, den die nationale und konfessionelle Hetze und nicht viel weniger die am strengsten zu verurteilende Teilnahmslosigkeit so vieler reicher Juden mit sich bringen, als besonderer Teil zur Losung dieser schwierigen Aufgabe zu betrachten sein werden. In der Hauptsache ist es Wohl die systematische Aenderung in der Produktionsweise, die den Niedergang des Kleingewerbes herbeigeführt hat. Hiervon sirrd eine große Anzahl von Gewerben betroffen, die nun schon seit einer Reihe von Jahren um ihre Existenz kämpfen. Aber dieser Kampf hat leider keine Aussicht aus Erfolg, insolange er unter unveränderten Verhältnissen geführt ivird. Ursache und Wirkung halten sich eben das Gleichgewicht. Unsere Kleingewerbetreibenden müßten also in Erinanglung eines besseren, in erster Linie sich die Produktionsweise der G r o ß e r z e n g n n g aneignen, um mit dieser gleichen Schritt halten zu können. Das allein genügt jedoch keinesfalls. Die vorteilhafte Erzeugung eines Artikels wäre nur e i n c der Hauptbedingungen, mit die Konkurrenz mit der Großerzengnng überhaupt anfnehmen zu können, aber lange noch nicht alles. Um vorteilhaft erzeugen zn können muß man auch das Rohmaterial vorteilhaft ein kaufen können und, ganz abgesehen von der richtigen Bezngsgnelle, man muß auch solche Onantitäten zn kaufen in der Lage sein ivie der Großerzenger, um die gleichen Einkaufspreise erzielen zn können ivie dieser. Hierzu gehört aber das, ivas der Fachmann Betriebsmittel nennt und was schlichter mit Geld, Geld und ivieder Geld bezeichnet werden kann. Nun erst kommen in Betracht: Die kaufmännische allgemeine Bildung, die Fähigkeit zum Verkaufe größerer Onantitäten, die Erfahrungen, die der Großerzenger gesammelt hat, um nicht durch unvorhergesehene Zivisehenfälle zn Schaden zn kommen, das Verständnis in Buchführung und Korrespondenz. Das alles fehlt aber unseren Kleingeiverbetreibenden zum größten Teile, und deshalb ist es auch nicht gut denkbar, daß diese unter den bestehenden Verhältnissen imstande ivären, die Großerzengnng auch nur irgendlvie aus der günstigeren Position zu verdrängen. Ein tveiterer Nachteil für das Kleingewerbe liegt in dem Umstande, daß der Großcrzenger direkt und mehr noch indirekt mit den: Verkauf handwerksmäßiger Erzeugnisse an die P r i v n t k u n d s ch a f t herangetreten ist und diese ehemalige Klindsehaft des Kleingeiverbetreibenden, sei es durch billigere Preise, sei es durch exaktere Arbeit ltnb sonstige Vorteile, die er zn bietel: iu der Lage war, an sich zn ziehen verstanden hat. Neides ist mm nicht mehr zu ändern. Da können iveder Befähigungsnachweis noch sonst lvelche rücksichtliche Bestimmungen helfen; in dieser Richtung gibt es nur ein V o r iv ä r t s, ein Ausnützen moderner Einrichtungen, die dem Zwecke dienen können. Das iväre vor allem die V i l d u n g von Genossens ch asten. Wer jedoch der Ansicht ist, daß die Genossenschaft so ohne weiteres über alle Kalmnitäten hinivcghilft, der befindet sich gewaltig im Irrtum. Damit soll nur angedeutet werden, daß der Eiiizelne überhaupt nur schlecht vorwärts kommen kann, ivie es ja die täglichen Erfahrungen beweisen, daß dies aber bei der Genossenschaft denn doch eher möglich ist. Die veränderte Produktionsweise, von der oben gesprochen ivurde, liegt hauptsächlich in den maschinellen Einrichtungen und in der Arbeitsteilung. Wie aber ivill der Einzelne dahingelangen? Die Genossenschaft kann ihren Mitgliedern billige Kredite, sie kan n ihnen weitläufigere Arbeitslokalitäten, Maschinen, Werkzeuge beschaffen, sie kann, vorausgesetzt immer, daß die richtigen Männer an der Spitze stehen, gemeinschaftlichen Ein- und Verkauf besorgen, kurz, die richtig geleitete Genossenschaft kann die materielle Lage ihrer Mitglieder nach vielen Richtungen hin fördern. Das sind übrigens bekannte Tatsachen, die vorläufig nicht weiter erörtert werden sollen. Sie gelten für das Kleingewerbe im allgemeinen und haben gleichen Wert für die jüdischen Kleingewerbetreibenden inbezug auf die Lichtseiten. In der Geiwssenschaft sind tatsächlich die Hilfsmittel z u s u ch e::, um die Nachteile, welche die Großerzeuguug dem Kleingewerbe zugefügt hat, in getvissem Sinne abzuschwächen und dieses nicht nur zu einem Scheindasein herabsinken zu lassen. Die Hilfsmittel sind, es möge wiederholt werden, nur in der Genossenschaft zu suchen; ob sie auch gefunden tverden, das hängt von vielen anderen Umständen ab, unter denen die individuelle Veranlagung der Genossenschafter selbst eben auch eine große Rolle spielt. Und hierin dürfte bei Gründung rein jüdischer Genossenschaften denn doch so mancher Unterschied herrschen, der einerseits ebenso günstig, tvie er andererseits ungünstig für das Unternehmen sein kann. „andere" „polnisch" ist, so will sie nicht, ich soll mich mit ihr versöhnen. Ich möcht' ja bei der „anderen" nix trefes essen, ich möcht' mir extra kochen, nur mit ihr zusammen will ich sein. Ucbrigens, wenn sie nicht will, so ist mir auch recht! Ich möcht' nur einmal sehen, wie sie ausschaut. Nu, wenn ich zu meiner Tochter so sprich, so weint sie und sagt: „Die Mutter hat ja mich, zu was denkt sie an die „andere"? Aber warum soll ich nicht an die „andere" denken, sie ist ja auch mein Kind. Vielleicht hat sie nix zu essen? Vielleicht ist sie hungrig? Nu, warum soll ich als Mutter an sic vergessen? Ich kann verdienen. Am Ersten Hab' ich immer Geld, die Wohnung zu bezahlen; ich kann mich immer satt essen und Hab' was anzuziehen. Seh'n Sie, Madame, ich bin in die feinsten Häuser gegangen Wäsche ausbessern, Strümpfe stricken und anstricken. Ich häb' dazu einen großen Talent. Mai: hat mir 40 Kreuzer per Tag gezahlt und die ganze Kost! Alle Damen in Krakau und Podgorz kennen mich; Jetzt gibt man mir nicht mehr so seine Arbeiten, aber verdienen kann ich mir noch. Gottlob! Von meiner Tochter nehm' ich nichts; sie möcht' noch glauben, daß ich der „anderen" schick'!" Ich srug. seit wie lange sie denn die andere Tochter verloren habe. — „O, das is schon lange .... Sie sagen, vor sechs Jahren; es kann sein, daß cs ichon sechs Jahre sind. Ich bin immer mit ihr aus die Klinik gegangen: sie hat's in den Füßen gehabt, dann ist sie aber gesund geworden; mir haben mir die Aerzte nicht sagen wollen,!vo 'sie ist. Zwei junge Doctors haben gesagt, daß die Zigeuner sie gestohlen haben; dann bin ich ,ni airderen gegangen, die haben wieder gesagt, daß ein Graf sie entführt hat; er soll sie ins Kloster gegeben haben, damit sie „polnisch" soll werden. Sie schreibt mir fortivährend und schickt mir Geld, ich soll zu ihr fahren!-" Ich erkundigte mich nach diesen Briefen. „Ich Hab' sie nicht," erwiderte sie, „die Leute haben mir die Briefe weggenominen, weil Geld drin war; jeder weiß, daß heute alle Menschen geldgierig sind." Jetzt begriff ich, dass man sie von dieser fixen Idee nicht heilen konnte, sie kam immer ivieder auf dieselbe zurück; sonst sprach sie ganz klar und vernünftig. Ich erkundigte mich, ob sie denn Witive sei, daß sie ihren Mann so gar nicht erivähne? „Ich Hab' einen Mann gehabt, natürlich! Wir haben nur mcht lang zusammen gelebt. Zu ivas hätten tvir uns zanken sollen? Ich Hab' mir meine Kinder genommen und Hab ihm gesagt: geh' Du Deiner Wege, ich geh' fort. Er hat mich nicht leiden können, tveil ich häßlich und klein bin. Nu. gottlob, kann ich denn nicht auch arbeiten? Wir haben uns beim Rabbiner geschieden." Sie schivieg ein Weilchen, dann sprach sie weiter: „Ich bitt' Ihnen lim Verzeihung, Madamchen, das; ich Ihnen inein Herz ausschutt; ich bitt' Sie, sagen Sie es nielnanden, aber nehmen Sie mir die Briefe meiner Tochter ab. Sie lachen rnich alle ans, baß rch meine Tochter sehen ivill. Was ist das Schlechtes? Madame. Sie tverden mich nicht verraten, Sie werden mir sagen, wo sie ist?!" Jetzt lachte sie nicht mehr, ivie ein zurückgebliebenes, nnbeholfenes Kind, sie sah mich mit einem Blicke an. der iu die geheimsten Falten meiner Seele dringen sollte, unb als sie sah, daß ich ihren Blick ohne den Spott erwiderte, an de:r die Aermste so gewöhnt war, lächelte sie ivieder, verbeugte sich tief und bat mich, ihr in ihre Wohuung zu folgen. Sie wollte mir die bei ihr bestellten Strümpfe zeigen. So ging ich denn mit. Ihr Stübchen lag im Souterrain, neben der Wohnung des Hausmeisters; cs war —■ wenn auch klein und dunkel — so doch rein geiveißt und sauber ausgekehrt; cm der Wand stand ein mit einer weißen Pigueedecke zugedecktes! Bett, die Messingleuchter soivie das Bügeleisen und die Töpfe blinkten von Reinlichkeit. Augenscheinlich litt sie keinen Mangel und konnte .noch arbeiten; auch I liebte sie, ihr Stübchen nett und rein zn halten . . . Sie rückte! mir eincil Stuhl hin, trotzdem er rein war, ivischte sie ihn nochmals i mit der Schürze ab, erst dann bat sie mich, Platz nehmen z:t wollen, i „Schicken Sie mir Ballinivolle. Madame. Sie werden mit! der Arbeit zufrieden sein," sagte sie lächelnd und zeigte mir ein , Paar fertige Strümpfe. „Ich arbeite rasch und nicht teuer. Aber; Sie haben keinen Brief von meiner Tochter?" srug sie wieder i geheimnisvoll.! Ich erinnerte sie, daß sie mich ja eben erst gebeten, ctivaige Briefe ihrer Tochter für sie zu übernehmen, i „Ja, richtig ... es ist schon gut, aber bitte," sagte sie! wieder mit derselben geheimnisvollen Miene, „nicht einmal ineiner! älteren Tochter, denn sie kommt heute I Madame lverden ihr! nichts sagen? ..." i Ich mußte cs ihr heilig versprechen; geduldig hörte ich ihr wirres Gerede an, ich wartete ans die ältere Tochter, hoffte ich doch von ihr zn erfahren, ivas es eigentlich für eine Bewandtnis mit der „anderen" habe. Als es schon beinahe ganz finster geivorden ivar, kam sie endlich. Erstaunt, jemand Fremden bei ihrer Mutter aiizutresfeu, setzte sie sich schüchtern in die Ecke an der Türe. Die Begrüßung zwischen Miitter und Tochter war recht kühl. Auf dem Gesicht der armen Idiotin malte sich eine gewisse Angst, in den Augen der Tochter stammte eine mäililliche Energie. Sie war untersetzt, die Züge waren grob, die Hände trugen die nur zn deutlichen Zeichen schwerer Arbeit, die Stimme klang laut uud fest, ohne jede Spur vou Gefühlsduselei. Ich bemerkte, daß sie ein Paket frisch geivaschener Wäsche, Röcke und Jacken mitgebracht hatte, offenbar hielt sie die Garderobe der Mutter in Ordnung. Weiters sah ich, ivie sie ans einem Brett in der Nähe des Fensters ein Töpfchen Butter hinstellte uud zivei „Barches" daneben legte. Das alles tat sie so geschickt, daß die Mutter nichts davon bemerkte. Jetzt kam sie mir beinahe hübsch vor. Ohne Küsse, ohne Tränen, ohne süße Worte, verstand sie es, trotz ihrer rauhen Manieren und der zu lauten Stimme, mit wahrem Feingefühl die Miitter zu unterstützen. Es war tun so verdienstlicher, da sie ja durch die Art, ivie sie es tat, auf Dank lind Lob ilicht rechueu konnte. Sie blieb nicht lange, mußte sie doch wieder zn ihrer Arbeit. Ich ging mit ihr zusammen fort. Erst sah sie mich mißtrauisch an, bald aber sprach sie, offenbar einem Herzeusbedürfnis folgend, ohne jede Einleitung. , „Wenn mich die Mutter nur die Hälfte so gerne hätte, ivie die „andere". Sie ist bös, daß ich ihr nicht erlaub', von der! „anderen" zu reden. Aber mir tut das Herz weh, wenn ich seh', ivie die Leute sie anslachen! ..." j Wir schwiegen beide. Dann srug ich, ob sie nicht ivissc, wo die Schwester sei? ' „Ich weiß nicht. Gibt man denn denen, die man aus der Klinik schneidet, ein eigenes Grab. Ich weiß nicht, ivo ihre Gebeine liegen!" „Sie ist also tot?" . . . Darauf ivar ich nicht gefaßt gewesen. Das junge Mädchen sprach weiter. „Sie ist gestorben, schon vor zehn Jahren. Sie ivar ein ivunderschönes Kind. Die Aerzte sagten, sie hätte es von der kalten feuchten Wohnung bekominen; sie hat etwas in den Füßen gekriegt, sie konnte nicht einulal mehr allein stehen. Die Mutter ging mit ihr ans die Klinik. Die Doetors machten verschiedene Operationen, dann ließ inan sie gar nicht mehr nachhause. Als ich einmal wieder mit der Mutter hingegangen ivar, sagte ein älterer Herr, ein Arzt, daß die letzte Operation nicht gelungen sei. Ich war damals vierzehn Jahre alt und diente als Kindermädchen bei dem Hausherrn, ivo ineine Mutter eine kleine Hofkammer bewohnte. Was der Mutter damals geschehen ist, iveiß ich nicht. Jeden Tag ist sie arif die Klinik gegangen und hat gebeten, mau soll ihr ihre Tochter znrückgebe». Wahrscheinlich hat sie dort die Wahrheit erfahren, denn sie hat vor Schmerz den Verstand verloren. Man hat sie ins Spital gegeben. Seit sechs Jahren ist sie draußen. Ein Arzt, der in der Wesotagasse wohnt, ein guter Mensch, behandelte sie. Aber ivas hat mau davon, die Menschen erinnern sie fortivährend an die tote Tochter, sie machen sich eine „Hetz" ails ihrem Schmerz. Sie klammert sich an alles, was. man ihr von dieser Tochter erzählt und hat dann den Kopf voll von der „andern". Sogar meine Gnädige, die geiviß eine gute und feine Person ist, fragt die Mutter immer, ivenn sie zu mir kommt, ivas den» die „andere" mache. In ganz Krakau kennt man meine Mutter, weil ihr fortivährend die „andere" im Kopf hernmgeht. Ich Hab' den Arzt gefragt, ob denn die Mutter immer von der „anderen" „phantasieren" wird, er hat mir geraten, ich soll sie anschreien, ivenn sie ivieder nnfangen ivird, von der „anderen" zu reden! Wenn sie die Leute mit den Fragen über die „andere" nicht so quälen möchten, so könnt' sie vielleicht vergessen. Aber, ivissen denn die Menschen, ivas das heißt „Mitleid"?" Ohne meine Antivort abzuivarten, nickte sie mir zu, beschleunigte ihre Schritte und ivar mir bald vorausgeeilt. Kaum vermochte ich es noch, bei der zuuehmeiideu Dunkelheit, sie zu erkennen, Ivie sie mit energischem Schritt davvneilte, um nur bald ivieder am Herde zu stehen. Später xtflihrs ich, daß sie schon vier Jahre iit eiiter Familie diene, ehrlich und fleißig sei; von den: ersparten Kostgeld unterstützt sie die Mutter, vom Lohne hingegen nimmt sie nur so viel, um sich das Nötigste arizuschaffeu. Sie spart sich nämlich eine Mitgift, sie Ivill heiraten und die Mutter zil sich iiehmen.-

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