Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1902-06-27 · 26 (27.6.1902) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
26 (27.6.1902)
Date
1902-06-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2432763-2432917-2432943--1527-2435294
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Rrdartkm: H/3. Lrvpoldsgasso 49. Gprechftmlbel» r As Mochrntagen von 3 dtS 4 Vhr nachmittags. p,p«d..ff.: ASbtfcheS «attSblall, Wie«, Uj» Vejr^tvrrr-cn vegen »mMtetrt oder gar nicht erfolgter uns dringend. — «asuserttzte »«erbe« »tcht z Bostsparcaffen'Sonto V470S7. In da» Monncment kann man täglich eintrete». lusteNung erbitten wir Etkaeftellt. Erscheint jeden Mas mttv Mitwirkung der vom ftrdiMrrn Volks- Verein erwählten Pvsfsrornmtfston. A«?erste übernehmcn die Firme»! I. Lanneberg, M. Dukes, Haasen» Sri» * Bögler, Rudolf Muffe, kl. Ovpelrk. M. Pozjonyi, 7l. Schale! i« Wien, semer alle Nnnvneen-Expedttionen im Auölande. M«zsl'N«Mmer i» Wie» I« Heller. Administration: II/3. Leopold-sgastv 49. Telephon-Nr. 1473» AbonuemeutspreiS: Telephon-Nr. 1473» Für Wie« n. Oesterreich-Ungarn sammt Francozustellung. Ganzjährig Halbjährig BierteMbrig Für das gelammte Ausland sammt Francozustellung. Ganzjährig . Halbjährig . Vierteljährig Kr. „ 4.50 " 3.35 ^y»>w.aroaiBM*!MWPiiiwvaii99wa!«»gB^«aaags9gBEgBBEag»g^iw^jgmamigMmif^^ Ur. 26 Wien. 27. Juni 1902 (22. Slum» 5662). ' ...... -- IV. Die Notlage unter den jüdischen Studenten. Die Oeffenllichkcit erfuhr wieder einmal nähere Details über die triste Lage, in welcher der größte Teil der Wiener Studentenschaft sein Leben fristet, sie erfuhr, daß über 81 Prozent dev Wiener Studenten, um den: Hunger lind dem Elend zu entgehen, Lektionen geben müssen, daß 28 Prozent schon seit dein. Untergymnasium, 66 Prozent seit dem. Obergymnasinln ullterrichten, daß diese Lektionen erbärmlich gezahlt sind, daß. Fülle Vorkommen, wo für die Stunde Unterricht 20 Heller entfallen, daß 23 Prozent der Studenten mit von Speisemarken leben nsw., kurz und gut, die Oeffentlichkeit, welche so gerne seines intelligentesten Proletariates vergißt und nur hie und da, wenn die drückende Not einen: dieser Armen die todbringendeWassein dieHand drückt,aus seiner Ppatlsie füreinenMomentnufgerüttclt wird, diese Oeffentlichkeit beschäftigt sich wieder einmal mit dem Stndentenelonld. Die Enqn e t e beschäftigte sich mit der Frage der Organisation der H a u Z l eh r e r W t e n S. Der Zug der Zeit richtet sich nach einer sozialen Gliederung der notleidenden Etsverbsschichten behufs Verhessernng ihrer wirtschaftlichen Lage. Man kann es dahär. den. Hauslehrern nicht verdenken, wenn auch sie darnach ^streben, sich zu organisieren und hierdurch eine PerbesserHng ihrer desolaten Situation zu erzielen-.- Ob sie<damit eilten Erfolg erzielen W'crden, ist der Sachlage nachträglich. KVirVwünschen es von HerzeU nwchten es jödVchtMjzg^ LezwPelmH. ZPliindest sino wir sehr skeptisch, insoweit es oie j üdis che ii Hauslehrer betrifft, die sich irr Wien nahezu ausschließlich aus dem Studentenstande rekrutieren. Der Erlverb eines Hauslehrers gehört im allgeneinen nicht zu dein angenehmen und einträglichen Beschäftigungen. Noch viel jämmerlicher gestaltet er sich für lnejenigen, die als Indengeboren werden. Reichlich drei Viertel der h\ Wien ihren Studien obliegenden! Gymnasiasten imci Universitätshörer sind aus armem Hause, die von ihren Eltern eine Unterstützung nicht erhalten und doller darauf angewiesen sind, sich den Lebensunterhalt durch Erteilung von Privatunterricht zu beschaffen. Welche Schwierigkeitendiesen jüdischen Studenten hierbei erwachsen, kann freilich nur derjenige ermessen, der als Studiosus selbst am Hungertnche genagt hat, der aus eigener Erfahrung die Sorge gekannt, lvo man des Nachts das müde Haupt betten und wo man tagsüber einen Bissen trockenen Brotes finden werde, um den vor Hunger knurrenden Magen zu beruhigen. Die Notlage dieser jüdischen Studenten müßte sich jedoch lange nicht so erbärinlich und jammervoll gestalten, lvenn die jüdischen Familien diese jüdischen Studenten, die es an sittlichem Ernst und Pflichttreue niemals fehlen lassen, nicht gegen ihre arischen Kollegen z u r ü ck s e tz e n lvürdeir. Namentlich die jüdischen Emporkömmlinge sind es, die den jüdischen Studenten gegenüber eine schmähliche Haltung einnehmen. Der jüdische Student, mag er noch so befähigt für den Wiederholungsunterricht sein, besäße er auch die besten Zeugnisse und verfügte er auch über die besten Empfehlungen seitens seiner Lehrer, er wird mit seiner Offerte zurückgewiesen. Dagegen wird fein Kollege blindlings akzeptiert, wenn ihm diese Vorzüge auch nicht zur Seite netzen, denn für diesen genügt es, daß er arischer Abstammung ist. Will man ja doch schon frühzeitig dem Künde, das den Wiederholrmgsunterricht genießen soll, die Assimilierungs- und Amalgamieruugs-Theorie einimpfen lassen und derart den Gewissenskampf bei einer späteren Taufe erleichtern oder ganz beseitigen. Dieser Vorgang unserer besser situierten und reichen Familien verdient in eindringlichster Weise gegeißelt zu lverden. Nutzt genug an dem, daß sie durch den intimsten Verkehr ihrer Kinder mit arischen Lehrern eine Entfremdung von: angestammten Glauben vorbereiten und herbeiführeu, bewirken sie damit auch noch, daß die jüdischen, auf den Wiederholungsunterricht angewiesenen Studenten in Not und Elend verkümmern, ihren Studien nicht mit der erforderlichen Muße vbzu liegen vermögen und schließlich in die Zwangslage gelangen, den Studien oder dein jüdischen Glauben Valet sagen zu müssen. Das „Jüdische VolksÄcH" hat dieses leidige Thema wiederholt gestreift uud erst fr.Fht bei den Nekrologen der verstorbenen beiden Hofräte Kaposi und Beer des eingehenden besprochen. Die jüdische S t n d e n t e nfrage gäbe so recht den archimedischen Punkt, den Hebel anzuseßen, das an Fatmenflncht leidende Judentum vor dem Verlust seiner ühonsten- Blüten zu. bewahren und Not und Elend tausender junger Stavnnesgenosseu zu verbessern, wenn auch hiebei nichts zu holen wäre, nicht ein schmerzerfülltes Knopfloch zustillen wäre. *»«*»** »•»«* wrn»*<Mi» Bei der Besprechung des dem Abgeordnetenhanse des österreichischen Reichsrates zm parlamentarischen Behandlung zugewiesenen Entwurfes eines neuen Preßgesetzes ■«MiiMWiiawMMauaBawBtai waren wir bemüßigt, gewichtige Bcdenkeir gegen einige Bestinnnungclr^ desselben zum Ausdrucke zu bringen. Es dürfte der Sanguiniker genug geben, die unsere pessimistische Auffassung nicht gerechtfertigt gefunden haben. Wir wünschen lebhaft, daß diese und nicht wir recht behalten mögen. Wir sind jedoch aufrichtig genug zu konstatieren, daß zumindest c i n c Bestimmung des neuen Preßgesetzes unßeraui vollen Beifall findet und daß sie geeignet ist, von der jüdischen Geschäftswelt mit ungeteilter Sympatie begrüßt zu werden. Diese Bestimmung lautet: Wer eine offenbar g e h ä s s i g e n B e w e g g r ü n d e n entspringende mittelbare oder unmittelbare A u f f o r d e - r u n g z u 'tf M eidung d e s g c s ch ä f t l i ch e n B e rk e h r s m i 1 ü e st i m m t e ir K reis e n v o n I n d u - st r i e l l e n , G e w e r b e t r e i b e n d e n , Kauflenken, Advokaten, A e r z t e n, Apothekern, Hebammen imd anderen durch eine Druckschrift veröffentlicht, ist wegen U e b e r t r e t u n g an Geld mit 60 bis 2000 Kronen zu bestrafen. Die seit einem Vierteljahrhundert grassierende antisemitische Strömung hat unter anderen gehässigen Auswüchsen auch dchr fluchwürdigen Boykott jüdischer Geschäftsleute zur Folge gehabt. Die verheerenden Wirkungen dieses Boykotts verspüren wir nur allzusehr an uuserm Leibe. Tausende und abertausende jüdische Familien sind durch denselben dem wirtschaftlichen Ruine preisgegeben worden und fallen der öffentlichen Mildtätigkeit zur Last. Eine gleich große Zahl von Stammesgcnossen war bemüssigt, langjährige erbgeseffene Erwerbszweige anfzuaeben und ihre Domizile zu wechseln. Namentlich in Wien war man imstande, die tief einschneidenden! Folgen des seitens der antisemitischen Parteien inszenierten latenten und offenen, Boykotts gegen jüdische Geschäftsleute und Gewerbetreibende zubeobachten. Zu Hunderten mußten diese jüdischen Kanfleute und Handwerker aus den antisemitisch verseuchten Bezirken fortziehen, weil sich ihnen ihre langjährigen Kunden nach und nach entfremdeten. Der hiedurch entstandene 'Exodus hatte zur Folge, daß die erwerblos gewordenen! Familien in den von Inden zahlreicher bewohnten Bezirken. Leopoldstadt, Alsergrund, Landstraße nsw. ansässig wurden und der dort bereits domizilierenden jüdischen Geschäftswelt derart empfindliche Konkurrenz bereiteten, daß keiner von beiden Teilen eine nur halbwegs notdürftige Existenz zu fristen vermag. Man wird es daher nur freudig begrüßen können, daß dem Boykott jüdischer Geschäftsleute gesetzlieb begegnet wird, zumindest wenn er durch Druckschriften und Zeitungen inszeniert wird. Es wirft sich nur die Frage auf, ob die Maz' Eiskr. Mirza. Süße Mirza, willst Du schlafen? Schlafen rings doch Ivald und Hag, Unter Uofen winkt der Hafen: Süße Mirza, willst Du schlafen, Vis im frührot Schall und Schlag Uuft den grausen, grimmen Tag? Dlutender Kampf: Uus der zitternden Erde Wachsen zwei Häufte Umd brechen die Blüten, Dass sie weh und welk Zu Seichen werden.- Blütenleichen, Blumengräber, Und über dem Kampfe Rufende Scharen, Mit knöchernen Händen Den Wehstahl schwingend. Und nach dem Kamps war Ruhe. Ein rotes Licht fiel fern im Westen nieder Und sandte noch den Schauergruß ins Held. Und Mirza stieg von blauen Bergen wieder, Sie bückte sich zu. allen Toten nieder Und suchte — suchte— „Sag! —WobistDu,Held? — Verglüht? — Gestorben? — Nein!" — Sie suchte fort Und kam dann auch an ihres Toten Grt: Dorr ist sie mitgestorben. * Uachiü'ed. Das ist ein trübes Wandern Sn graues Uebelland. Es fragen mich^ die andern: „Was welkt Dir so dieHand? Vas brennt Dir so die Träne? Was ist so weh Dein Blick?" Und alles forscht und fraget Und keiner sagt: „Zurück". So muß ich weiter wandern Und weiß doch nicht wohin — Und werd' es auch nicht wissen, Vis ich gestorben bin. L. S. zugeeignet. [*rs* Von K o r n g it t, »ach dem Polnischen von F. L a n d e s b e r g e r. Kaum vermochte ich es, sie dem Kreise der Gassenbuben, die sie mir Fragen quälten, zu entreißen. Ich führte sie in ein Seitengäszchen, tvohin ihr niemand mehr gu folgen, wagte; sahen sie doch alle, dass ich geivillt sei, die Unglückliche nachdrücklich zu verteidigen. Mein Schützling war klein unb zart: ihr Antlitz glich eurer vertrockneten 'Pflamne, die einst schwarze Perücke >var vom vielen Tragerc rot und abgelvetzt gelvorden; die Kleidung ivar ärmlich, aber rein; so trippelte sie nebec: mir einher, die Augenlider znckllen nervös, eine Grimasse, die ein Lächeln bedeuten sollte, irrte mn ihre Lippen und erinnerte an Idioten oder geistig zurückgebliebene kleine Kinder. „Was wollen die Leute von mir?" sagte sie, als sie die wilde Horde losgewordcn tvar, „wie Sie mich sehen, lassen sie mich nicht in Nnhe! Allen muss man antworten; dem ein halbes und jenem ein halbes, so wird ein ganzes Wort daraus. Ich will nur meine Tochter sehen! Ich bitt' sie so, und sag', das; ich nix anderes verlang'! Darf denn eine M>ntter nicht ihr Kind seh'cc? Aber sie sind alle falsch gegen mich! Ich lveisi, dass ineine Tochter mir Geld schickt: „Soll mein armes Mütterchen auch ettvas geniesten," so schreibt sie nur. Sie nehmen das Geld und zeigen mir nicht einmal den Brief. Ich sag' ihnen schon, dah ich nix ivill, nur meine Tochter sehen, aber sie lachen mich aus. Einer Mutter thnt doch das Herz weh! Findet man denn die Kinder ans der Gasse? Sie sagen, sie ist „polnisch'") geworden; no, soll sie sein polnisch, sie ist mein Kind, wenn sie auch „polnisch" ist. Ich will sie zu mir nehmen, denn ich Hab' sie so gern! Wenn sie reich ist, is recht; ich werde ihr Geld nicht anrühren; tvenn sie aber arm ist, so werd' ich weniger essen und alles mit ihr teilen. Warum wollen mir die Leute nix sagen, lvo sie is? Gelviß fürchten sie sich, ich jverd' das Geld von ihnen verlangen." Sie schwieg; ich frug die Arme, ob sie nicht noch andere Kinder habe allster dieser Tochter. „Ich Hab' noch eine ältere Tochter," erwiderte sie, „sie bient am K azimier st') als K'öchin, aber ich trau' mir nicht zu ihr voil meiner „anderen" Tochter zu reden, sie meint gleich. Sie ist eifersüchtig ans die „aildere". Vielleicht glaubt sic, datz die 0 „Polnisch" bcdeiltet getallft. ch Jüdisches Viertel in Krakau.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.