Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 25 (20.6.1902)
- Date
- 1902-06-20
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 20. Juni 1902 Seite 5 Gründung eines Hilfsvereins für Lungenkranke. In der Vorwoche hat in Wien eine Versammlung hervorragender Persönlichkeiten stattgefnnden, zu dem Zwecke der Gründung eines Hilfsvereincs für Lungenkranke, mit der Aufgabe, die Bekämpfung der Lnngentubcrculosc, dieser grauenhaften Massenmördcrin der Menschheit, in rationeller Weise zu inscenieren. Dieser Versammlung ivohnten u. a. bei: Chcfredacteur Julius Bauer, der Procurist des Bankhauses Rothschild, Emil Horner, Professor Winternitz mit Gemahlin, Rcgierungsrath Professor Oser mit Gemahlin, Großindustrieller Isidor Mauthner mit Gemahlin, Fabriksbesitzer Ernst Mauthner mit Gemahlin, Herr und Frml Eisner von Terramare, Siegfried Landesberger, Herr und Frau Wilhelm Kuffner, Generalcousul Reinitz, der Secretnr der isr. Cultusgemeinde Wien, kais. Rath Dr. Lieben, Dr. Julius Landesberger sammt Gemahlin, kais. Rath Dr. Kohu, Dr. Gustav Singer, Dr. Albert Seligmann, Baurath Theodor R. v. Goldschmied. Soweit die Liste, insoweit sie in den Tagesblättern veröffentlicht erschienen ist, daher diese Präsenzliste unserer Glaubensgenossen keinen Anspruch auf Vollständigkeit gu erheben vermag. Zur Sache selbst erlauben wir uns darauf hinzuweisen, dass wir wiederholt unsere wärmste Fürsprache angcdeihen ließen allen Vereinen und Institutionen, die sich zur Aufgabe machen, Noth, Elend und Krankheit der hilfsbedürftigen Menschheit zu steuern, und dass wir in dieser Richtung keinen Unterschied kennen und machen in der Nationalität und Confession des uothleidenden Individuums. Ist ja eines der fundamentalsten Gebote des Judenthums: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst." Wir haben deshalb nichts dagegen einzuwenden, wir billigen es vielmehr, wenn eine erhebliche Zahl unserer Glaubensgenossen sich an der Gründung eines wohlthätig wirkenden Vereines betheiligt und denselben nach Kräften thnnlichst fördert. Wir können jedoch nicht umhin, unter lebhaftem Befremden unsere von Entrüstung dictierte Empfindung zum Ausdruck zu bringen, dass keiner der an der Versammlung thcilnchmcudeu Glaubensgenossen sich der Mühe unterzogen hat, darauf hinzuweisen, dass schon nahezu ein halbes Jahrhundert ein specifisch jüdischer Verein girr Bekämpfung der Tuberkulose besteht, dem derzeit der seines hervorragenden Humanitären Wirkens in den weitesten Kreisen rühmlichst bekannte Dr. Adolf Hoffmann als Obmann vorsteht. Der Versammlung wäre diese Thatsache zweifelsohne ein ebenso erfreuliches, als überraschendes Novum gewesen und hätte gewiss dazu beigetragen, das humanitäre Wirken der Juden in ein günstiges Licht zu stellen. Alle diese jüdischen Theilnehmer an dieser Versammlung scheinen von der Angst durchdrungen zu sein, in einer gemischten Versammlung an ihre Abstammung erinnert zu werden, das ist aber nicht fair. Wir geben der zuversichtlichen Erwartung Raum, dass unsere Glaubensgenossen im allgemeinen und die in der erwähnten Versammlung anwesend gewesenen Juden materiell die schönen Ziele itui). hehren Zwecke des proponierten Vereines fördern werden, das ist nicht nur unsere Pflicht und Schuldigkeit,. sondern auch ein Gebot unserer Religion. Wir rufen jedoch bei diesem Anlasse ins Gedächtnis, dass der erwähnte jüdische Verein zur Bekämpfung der Tubcrculose trotz nahezu 60jährigen Bestandes noch immer außerstande ist,,das initiierte eigene Heim zu errichten, einfach deshalb nicht, weil ihm die verhältnismäßig geringfügigen Mittel fehlen, die trotz eindringlichen Appells an unsere Glaubensgenossen aufzubringen nicht möglich sind. Warum in die Ferne schweifen, liegt das Gute doch so nah. Für humanitäre Zwecke, die von Nichtjudcn insceniert werden, hat man Geld in Hülle und Fülle. Das ist ja recht schön und edel gehandelt, aber man darf mit Recht fordern, dass auch für rein jüdische Zivecke seitens unserer Glaubensgenossen tief in die Taschen gegriffen werde, zumindest etwas tiefer als bisher. Wir haben es für nothwendig erachtet, den Vorgang und das Benehmen der jüdischen Theilnehmer an der Versammlung zur Gründung des Hilfsvereines festzulegen, um bei den bevorstehenden Wahlen in die Vertretung der israelitischen Cultusgemeinde Wien daraus bxc Consequenzen zu ziehen. Wer cs scheut, öffentlich sich als Jude zu bekennen, der bat auch in der Vertretung der israelitischen Cultusgemeinde keinen Platz. Zur ungarischen Volkszählung. Das Blatt für Judäomagyarenthum, der „Egyenlöseg", bringt einen Artikel, in dem nachgewiesen wird, dass die Juden auf dem Lande ab- und in den Städten zunehmen. Auswanderung, die Verfolgungen, d e n e n der Handel a u s g e s e tz t i st, sowie die Umtriebe der C o n s n m v e r b ä n d e, werden als Ursache dieser Erscheinung bezeichnet, die sich dort am ausgesprochensten zeigt, wo die jüdische Bevölkerung vollständig ungarisch g e w r d e n i st. Man sieht daraus, dass auch in Ungarn die unwürdige Assimilationspolitik einerseits die Juden bei allen nichtmagyarischen Völkerschaften verhasst macht und andererseits die Magyaren nicht hindert, eine jndenfeindliche Wirtschaftspolitik zu treiben. Aber anstatt dass der „Egyenlösog" in sich geht und eingesteht, dass er an der Selbstentmannungspolitik der ungarischen Inden die Hauptschuld trägt, ist er frech genug, gegen die Einwanderung von Juden aus Galizien und Rumänien Stellung zu nehmen. Hoffentlich haben die ungarischen Juden soviel Ehrgefühl, um solche Kundgebungen gebärend zn brandmarken. Ein Volksfest. Aus S u c z a w a wird uns geschrieben. Allmählich, aber sicher und jedem vernünftig Denkenden deutlich genug vollzieht sich in unserer Stadt die von den Assimilanten — und deren gibt es in Suezawa leider so viele — so sehr gefürchtete Separation der Juden von den Nichtjuden. Mit gutein Beispiele gieng der „Ehristlich-deutsche Verein" voraus, der seinen Statuten gemäß judenrein sein muss; ihm folgten zwei rumänische Frauenvereine u. s. w. Einige Protestjuden,sjedoch nicht „Zionisten", gründeten einen Zion-Verein; dies war eine Regelung des nationalen Elementes unter dem Mittelstände der jüdischen Bürger. Da aber die bessersituierten Juden Suczawas Assimilanten durch die Bank sind, so zählt dieser Verein nur wenige Mitglieder und führt ein precäres Leben. Die Herren von der Assimilation gründeten und gründen noch weiterfort Vereine für Christen und Juden. Aber es will nicht werden. Die Juden bleiben allein, und nur vereinzelt lässt sich ein christliches Paradepferdchen kapern. Dies war beim „Lese- und Geselligkeitsclttb" alias „Jüdischer Club" genannt, beim „Handels- und Gewerbe-Unterstüßungsverein" rc. der Fall. Auch der neugegründete „Handels-, Gewerbe- und Krailken-Unterstühungsverein", der von dem sonst charakterstarken, aber leider zu assiimilationssüchtigen Dr. Weidenseld, der seinem Volke bedeutende Dienste leisten konnte, geleitet wird, ist bis zur Stunde christenrein geblieben. Und das von diesen! Vereine veranstaltete Volksfest war, was man nur zu gut einsah, aber sich nicht gestehen will, ein wahres jüdisches Volksfest. Denn abgesehen davon, dass es mit Ausnahme von 6—0 Christen nur von Juden besucht war, trug es auch noch dadurch den jüdischen Charakter, dass man sich sehr gut und familiär unterhielt, so dass die ganze Gesellschaft den Eindruck einer gut harmonierenden jüdischen Familie machte, und was für die Juden besonders kennzeichnend ist, es fehlte die wenigstens bei den Suczawaer christlich-deutschen oder auch anderen christlichen Unterhaltungen zu stark hervortretende Wirkung des Alkohols. Man konnte jedoch bei diesem Feste deutlich genug beinerken, dass in den Herzen vieler Anwesenden sich der lebhafte Wunsch nach einem engeren Anschlüsse aneinander regte, und es bedarf lediglich einer guten Gelegenheit resp. einer leider noch fehlenden führenden Hand, die uns Juden hier enger aneinanderschließt, um uns aus der schmachvollen Lage, in der wir uns hier befinden, zu befreien. Dann werden unsere Brüder nicht mehr länger zusehen, dass sie, beinahe die Hälfte der Stadtbevölkerung ausmachend, überall zurückgedrängt, ihre Kinder misshandelt und von den Schulen und Aemtern verdrängt und sie selbst dem Spotte eines Häufleins zusammengewürfelter Christlich-Deutscher ausgesetzt werden. Ungarische Akademie. Der Professor Dr. Szilassi und der bekannte Philologe Professor Louis Schlesinger wurden zu Mitgliedern der ungarischen Akademie der Künste gewählt. Gemeindelcben. Aus Horzowitz wird uns berichtet: Unter großer Betheiligung fand vor einigen Tagen unter dem Vorsitze des Obmannes Herrn Jacob Abeles (Tlustitz) die Generalversammlung der hiesigen Chewra-Kadischa statt, in welcher Herr Ignatz Müller, Hofpächter tu Kotrpak, wegen seiner Verdienste um den Verein einstimmig zum Ehrenmitgliede ernannt wurde. In der anschließenden, unter dem Vorsitze des Vorstehers, Herrn Julius Bondy, abgehaltenen Sitzung des erweiterten Cultusgemeinde-Ausschusses wurde die Sistierung der Tempel in Lochwitz und Praskoles, sowie der Neubau eines Tempels in Horzowitz beschlossen. Auszeichnung einer Frau. Unser Correspondent ans Bielitz- Viala schreibt uns: Der Präsidentin des jüdischen Frauenvereines, Frau Fanny Brüll, wurde vom Kaiser das goldene Verdicnstkrcuz mit der Krone verliehen. Da haben wieder einmal die wirklichen Verdienste langjähriger, treuer und fleißiger Arbeit im Dienste vorbeugender Armenpflege die wohlverdiente Anerkennung gefunden. In ihrem Frauenvcrein hat sich Frau Fanny Brüll die Unterstützung verschämter Armut zum Ziele gesteckt und Unterrichtscurse zur Forderimg der Frauenerwerbsthatigkeit eingeführt, welche die Jahre hindurch schon sehr segensreiche Früchte getragen haben. Die ihr gewordene Anerkennung begegnet allgemeiner Zustimmung. Ausland. Zur Bekämpfung des Mädchenhandels. Am 8. d. M. tagte in Hamburg in den Räumen der Henry Jones- Loge unter dem Präsidium des Vorsitzenden des von der Großloge U. 0. B. B. eingesetzten Comites zur Bekämpfung des Mädchenhandels, Herrn Gustav Tuch, eine Conferenz der großen jüdischen Verbände, um zu berathen über die Stellungnahme desselben zu der Frage der Bekämpfung des Mädchenhandels auf dem im October d. I. in Frankfurt a. M. stattfindenden großen internationalen Congress. Es waren vertreten eine große Anzahl Logen des U. 0. B. B., der Hilfsverein der Deutschen Juden, die Alliance israelite universelle, die Jewish Golonisation Association (J. G. A.), der Deutsch- Israelitische Gemeindebund, The Jewish Association for de Protection of Girls and Women, London, der israelitische Verein für weibliche Fürsorge in Frankfurt a. M., der Israelitisch-humanitäre Frauen-Verein in Hamburg, die deutschisraelitische Gemeinde in Hamburg, die hochdeutsche Jsraeliteu- Gemeinde Altona, der Verband jüdischer Lehrervereine im Deutschen Reich, der Israelitische Unterstützungsverein für Obdachlose in Hamburg, der Verein für Arbeitsnachweis in Hamburg u. a. m. Äußerdem nahmen eine Reihe von in der Judenheit hervorragenden Einzelpersonen an den Verhandlungen theil. Dieselben dehnten sich von..11—3 Uhr aus und ergaben die Uebereinstimmung sämmtlicher Delegierten, ideell und materiell zusammenzuwirken zur Ausrottung des schmachvollen Mädchenhandels. Heinrich HeiueS Vorfahren. Ueber Heinrich Heines Vorfahren hat bekanntlich Dr. Gustav Karpeles vor kurzem unter dem Titel „Heinrich Heines Stammbaum väterlicherseits" die Ergebnisse seiner Studien veröffentlicht, die er über des Dichters Vorfahren angestellt hat, nachdem bereits vorher der ausgezeichnete Orientalist, nunmehr verstorbene Professor Dr. David Kaufmann in Budapest in seinem Werke „Aus Heinrich Heines Ahnensaal" den Stammbaum des Dichters mütterlicherseits behandelt hatte. Einen interessanten Beitrag zur Kunde von Heines Vorfahren liefert nun Dr. A. Lewinsky-Hildesheim in der „Allg. Zeitung d. Judenthums", der durch einen glücklichen Zufall den Grabstein von David Simon Heine (Bückeburg) auf dem alten jüdischen Friedhofe in Hannover auffand. Dieser David Simon Heine war der Urgroßvater des Dichters. Er starb im Jahre 1740, und die Grabschrift rühmt seine Redlichkeit, seinen guten Ruf und weisen Sinn, seine im Stillen bezeigte Menschenliebe und seine wahrhafte Frömmigkeit. Auch der Grabstein seiner Frau Recha, geborenen Gans, ist noch erhalten, und die Grabschrift schildert auch ihre Tugenden. Deren Sohn war Heymann (Chaijm) Heine, der Großvater des Dichters. In Hannver lebte auch eine Tochter von Simon Heine, Bella, die mit dem ..HannÖverschen Proviantcommissarius" Isaak Neuwied, verheiratet war, der seinen großen Reichthum im Dienste der Wohlthätigkeit verwendete. Aus Canuda. Am 29. Mai wurde eine auf Kosten des Baron Hirsch-Fonds erbaute jüdische Schule vom General-Gouverneur von Canada Lord M i n t o ' eröffnet. Anwesend waren Cabinetsminister, Richter, Vertreter der katholischen und protestantischen Kirche, der Mc Gill-Universität, der Stadt, sowie die Consuln von Frankreich und Russland. Der Minister der öffentlichen Bauten Tarte hielt eine Ansprache, in der er bemerkte: „Sie, unsere jüdischen Mitbürger und wir französischen Canadier, mögen uns in der Minorität befinden, aber trotzdem halten wir uns für ebenso gut, wie der größte Engländer; hier in Canada gelten nicht Geburt und Titel, sondern Rechtschaffenheit, Talent und Fleiß, und es bleibt sich ganz gleich, zu welcher Religion man gehört." Die Juden unserer Stadt stammen aus Galizien, Russland und Rumänien; das Institut wird über 400 Schüler aufnehmen. NuS Tunis. Das Tunesische Gouvernement hat Rabbi Elie Zivia, einen der jüngsten Rabbiner des Landes, zum Oberrabbiiler von Tunis ernannt. Eine Synagoge in Portugal. Seitdem die Inden aus Portugal vertrieben wurden, also seit 400 Jahren, ist es jetzt zmn erstenmale, dass die portugiesische Regierung die Erlaubnis znin Bau einer Synagoge ertheilt hat. Wie dein „Morniiig Leader" aus Oporto berichtet wird, hat die portugiesische Regierung den wenigen dock ansässige» Inden erlaubt, eine ständige Synagoge zn erbauen. Uebertritt zum Jndenthrrm. In B e k e s - Csaba (Ungarn) trat vor einigen Tagen, wie uns unser dortiger Correspondent meldet, der 22jährige Schneidergehilfe Andreas Scheider zum Judenthum über. Die Ceremonie vollzog Rabbiner Dr. K o h n. Interessant ist, dass die Mutter des neuen Juden eine fanatische ' Nazareneriu ist und sie es war, die ihren Sohn zum . Uebertritte veranlasste. | Jassy. Die hiesige „B'nei B'rith-Gesellschaft" hat : die Initiative ergriffen, die Idee ihres Präsidenten Herrn! A. S. G o l d e n t h a l zu verwirklichen und in Jassy für; bie Juden des ganzen Landes e i n e A ck e rb au s ch u l e; zu gründen. Die Anstalt weihte Herr Rabbiner Doclor Niemirower mit einem Vortrage über die Bedeutung der Agricultur bei deit Juden ein. Die Schule, welä)e mit 20 Schülern angefaugen hat, lenkt vorläufig auf den praktischen Theil ihr Augenmerk. Die rumänischen Juden setzen auf diese Anstatt große Hoffnung. In der Hafenstadt Hongkong befindet sich eine zahlreiche Secte, untereinander spanisch, jedoch werden die Kinder auch im Chinesischen und Persischen unterrichtet. Der Unterricht erfolgt aber nicht in Schulen, sondern jeder Familienvater unterrichtet feine Kinder selber. Das einzige Jüdische an ihnen ist, dass sie am Sabbath, an dem sie, wie an jedem anderen Tage arbeiten, ein Festgewand anlegen und am Rasch haschonoh und Sukkoth in die Posaune blasen. Eingesendet. Schach dem Trinkgeld. H. S—d. ZahnumZa h n, A u g' u m A u g' l So steht es geschrieben und darnach soll gehandelt werden. Weg mit aller Gefühlsduselei, wenn wir unseren Feinden das Geld in den Rachen werfen, während es in unserem eigenen Lager so viel erschreckende Armut und Elend gibt. Zahlen wir mit gleicher Münze zurück und. treffen wir unsere Gegner dort, wo sie am empfindlichsten sind, und zwar beim Geldsack. Dort hört alle Gemüthlichkeit ans. .Können wir uns schon nicht helfen, wenn man uns in allen staatlichen und öffentlichen Aemtern Thür und Thor verschließt, so^gibt es noch genug scharfe Waffen, die wir in sträflicher Langmnth noch nicht angewendet haben. Gehen wir also sofort aus den Kern der Sache ein, so lautet unsere Parole: Fort mit allen überflüssigen Trinkgeldern und Reducierung solcher, wo sie uns erpresst werden. Untersuchen wir die Struktur der Wiener Wählerschaft, so gelangen wir zur unumstößlichen Gewissheit, dass die Lueger'scheu- „Unbedingten" unter den „Unifovmicrten" aller Schattierungen und Rangclassen zu suchen sind. Wer seinen Wirkungskreis draußen in der Vorstadt hat, muss zugestehen, dass das Kleinbürgerthum bei weitem nicht so dem aggressiven Antisemitismus huldigt. Die kleinen Geschäftsleute und Handwerker seufzen unter der „Rettung", und die Wahlbetheiligung dieser Kreise hat bedenklich abgeflaut. Antisemitische Versammlungen, wie sie noch vor zwei bis drei Jahren an der Tagesordnung waren, sind jetzt zur Seltenheit geworden, und findet eine solche ab und zn statt, daun sind nur die gewöhnlichen Rada,ulente beisammen, die von den Bezirksmachern mobilisiert wurden. Um die Wahrheit zn sagen, sind die Leute durch das fortwährende Hetzgeschrei cmgeekelt, und zudem stockt Handel und Wandel gänzlich. Das alte Sprichwort wird zum Wahrwort: „Geht' s den Juden s ch l e ch t! — geht' s a l l e n s ch l e ch t." Der 2. Bezirk wäre schon diesmal gänzlich entluegerisiert worden, hätte der Verwaltungsgerichtshof in Sachen des Heimatsrechtes der Ausländer eine Präeise Interpretation gegeben, denn tausende kleiner Geschäftsleute der Leopoldstadt, die in den dritten Wahlkörper rangieren, sind ungarische Staatsbürger und Wacken auf den Moment, auf Grund des neuen Heimatsgesetzcs in Wien! zuständig zu werden. Bei den Wahlen in der allgemeinen Curie war es eine auffallende Erscheinung, dass alle jene, die in den privilegierten Cu-rien wählten, ihr Pluralstnnmrecht in der allgemeinen Wählerclasse wenig ausübten, trotz der großen Majoritäten in jenen Bezirken, wo nicht der Industriearbeiter cm masse zur Urne schritt. Wir finden, dass Leopoldstadt mit Brigittenau, Ottakring und Favoriten den Antisemiten entrissen wurden, weil dort die Arbeiterbevölkemng nicht in den, Verdacht des dninmen Kerls von Wien kommen wollte. Wer hat also in den anderen Bezirken für Lueger den Sieg erfochten? Die prompte Antwort lautet: Die u u i f o r m i e r t e n Dien c rcategorie n. Die Tausende Tranüvaybedienstete, Wachleute, Briefträger, öffentliche und Comumualdieuer, Laternenanzünder, Finmizangestellte, ferner Kellner und Hausbesorger, sie bilden für die Christlich-Socialen eine absolut sichere Ziffer. Warum sind diese „Ewig Unzufriedenen" Antislemiten? Jedenfalls, weil es von Juden unter ihnen wimmelt! Jeder Antisemit ist der größte Schreier und schmutzigste Trinkgeldgeber. Ahmen wir also diese letztere antisemitische Tugend zum Besten unseres Volkes nach, und statt zu greinen und zu klagen, schreiten wir zur wirksamsten Abwehr. Bei einzelnen Categorien dieser Herrschaften bildet die Einnahme ans den Trinkgeldern einen bestimmten, ziemlich hohen Pereentsatz ihres Gesammteinkonnnens. Hier hat unsere Abstinenz kräftigst einznsetzen. Habt Ihr nicht die Klugheit, wenigstens nicht gegen uns zu stimmen, dann muss Euch der Brodkorb höher gehängt werden, denn besser, u n s e r e A r m e n unterstützen, die vor Euren Thören krepieren könnten, als die Taschen unserer Feinde füllen. Wir sind nur gelehrige Schüler, denn genug klaffende Wunden sind uns schon durch den