Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 25 (20.6.1902)
- Date
- 1902-06-20
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 20. Juni 1902 Nr. 25 Gesetz sei auch für deir Einheimischen luie für den Fremdling in deinen Thoven — dieses Earbinalgesetz verpflichtet auch den Grafen Golnchvivski wie den geschäftskundigen -K'ömg Karl den Ersten. Chronik. Inland. Constituiermrg des Partei-Ausschnfses. Am 14. d. M. fand die constituierende Sitzung des Partei- Ausschusses statt. Zum Präsidenten wurde Richard Rappaport, zum Vicepräsidenten Dr. W. Klein, zum ersten Schriftführer Dr. Paul Weisen grün, zum zweiten Schriftführer Dr. Hugo M e d a k gewählt. Ferner wurde der principielle Beschluss gefasst, den Partei- Ausschuss durch Vertreter der Provinzvereine zu ergänzen. Alle Briefe, die Parteiangelegenheiten betreffen, sind an die Centrale 2. Bez., Leopoldsgasse 49, zu richten. Personalnachricht. Herr Heinrich K o r n m e h l, Vorstandsmitglied des Jüdischen Völksvereines, feierte am 15. d. M. im Kreise seiner Familie den sechzigsten Geburtstag. Herr Kornmehl erhielt aus allen Kreisen Gratulationen, denen auch wir uns anschließen. Die Moral in der Politik. In gewissen sittenstrengen Kreisen rümpft man über Politik im allgemeinen die Nase. Zwar treibt ein jeder, der sich am öffentlichen Leben betheiligt, Politik, ob er nun Professor oder Schriftsteller, Greisler oder Fabrikant, Dichter oder — Politiker ist. Der Unterschied ist nur der, dass sich der eine schämt, der andere nicht, der eine es eingesteht und der andere es verheimlicht. Doch ich wollte eigentlich nicht polemisieren, sondern ich wollte zugeben, dass die Moral in der Politik oft zu kurz kommt. Wie oft steigt nicht ein hohler Schwätzer, ein geschickter Charlatan, durch die Volksgunst getragen, von Stufe zu Stufe, während unbeugsame Charaktere, reine Idealisten verkannt werden und sich grollend und verbittert von der Arena zurückziehen. Umsomehr muss man den Fall erörtern, in dem die Moral inder Politikselb st thätigzurGeltung kam. Es ist dies der Fall Wolf. Ein gewissenloser Streber, machte er in raschem Lause eine seltene Carriere.z; Doch jetzt, ein glänzender Tugendfetzen nach dem anderen wird ihm von seinem dürren Leibe gerissen, bis er in der Nacktheit seiner Sünden dasteht. Mit dem Maße, mit dem er gemessen hat,wird er selbst gemessen; mit derselben Rücksichtslosigkeit, mit der er Existenzen zertrat, wird er zertreten. Er war gewohnt, im Solde Schönerers kurzerhand, gleich einem Wegelagerer, jedermann, der seine Beutegier weckte, an die Gurgel zu fahren; jetzt ist kein Seandal im Parlamente, bei dem er nicht an den Pranger gestellt wird. Was mag wohl alles in seinem Gehirn vorgehen, wenn seine einstigen Spießgesellen ein Haberseldtreiben gegen ihn arrangieren, so lustig und derb, wie keines, das er selbst veranstaltete? Und Schönerer wird mit seiner Hatz nicht ruhen, bis er nicht Hallali geblasen und das Wild erlegt hat. Eines hat sich Wolf im politischen Kampfe bewahrt: eine eiserne Stirne. Man lese, was er in dem Blatte für ostdeutsche Moral emphatisch ausruft. „Denn wer einen anderen als ehrlos behandelt, nicht weil er es ist, sondern weil dieses Mittel zweckmäßig zur Erreichung irgendwelcher politischer oder persönlicher Ziele erscheint und am einfachsten über die Rücksichten hinweghebt, die man auch einem Gegner im ehrlichen Kampfe schuldig ist; wer eine Reihe der schwersten Vorwürfe gegen andere erhebt, sich aber der Beweisführung entzieht, weil er weiß, dass seine Beweise nicht stichfest find; werdieseVorwürfeinKenntnisihrermangelndenBegründung, somit gegen besseres Wissen, stets aus neue wiederholt, gleichviel, ob in Form bestimmter Angaben, in allgemeinen Ausdrücken oder endlich durch rohe Beschimpfungen; wer solche Mittel anwendet, um mit kalter Berechnung seinen Gegner zu vernichten; wer auf diese Art gegen besseres Wissen den Angegriffenen in einen bösen Schein bringen und ihm die Abwehr weiterer diffamierender Beschimpfungen unmöglich machen will: der ist ein herzloser, gefährlicher Schuft, und seine Strafe ist lebenslängliche Verachtung und Ausstoßung aus dem Kreise derer, die sich zwar uicht unfehlbar dünken und nicht besser als andere, die aber Menschen sein wollen; rechte, ehrliche Menschen. Dieser Paragraph steht in keinem Strafgesetzbuche und in keinem Ehrencodex. Aber er ist tief eingegraben in das Herz jedes Menschen von Ehre und Gewissen." Derselbe Wolf also, der täglich den Juden, nur weil er Jude ist, verdächtigt und beschimpft, hat den traurigen Muth, sich in die Toga eines Apostels der Moral zu hüllen. Wer lacht da nicht. Um eine Thatsache herauszugreifen, erinnere ich an die Rolle, die W o l f, den S ch ön e r e r jetzt consequent „corrupte und bezahlte Pressbestie" nennt, seinerzeit bei der Verrufserklärrrng der jüdischen St u de n t e n gespielthat. Kann erleugnen, dass er andere als ehrlos erklärt hat, nicht weil sie es s i n d, s o n d e r n w e i l i h m dieses Mittel als zwecknläßig zur Erreichung irgendwelcher politischer oder persönlicher Ziele e r s ch e i n t, u n d am e i n f a ch st e n ü b e r d i e Rückst ch t e n h i n w e g h e b l, bie man auch einernGegner im ehrlichen Kampfe schuldig iftV Und wenn er dies nicht leugnen kann, ohne zu lügen, so ist er durch seine eigenen Worte als herzloser, gefährlicher Schuft gerichtet. Nur er? Nein, mit ihm jener Theil der deutschen Studentenschaft, der diesem Beschlüsse aus denselben Motiven zustimmte. Interessant ist die Nolle, die die beiden antisemitischen Blätter, die „Tramway-Zeitung" und die „Donaudampfschisffahrts-Zeitung" spielen. Während nämlich die „D. Z." Wolf wüthend angreift, meckert das „D. V." gegen Schönerer. Die Lösung des Räthsels ist einfach, obwohl sie paradox klingt. V er g a!> i verlheidigt in Wolf seine eigenen unlauteren 'Handlungen, und die „D. Z." greift in Wolf auch aus Brotneid den V e r g a n i an. Der Jüdische Schulverein für den IX. Bezirk. Die durch den Jüdischen Schnlverein für den IX. Bezirk ins Leben gerufene Schule veranstaltete am 15. d. M. die erste öffentliche Prüfung. Außer deir zahlreich erschienenen Eltern der Schüler waren auch viele Freunde und Gönner dieser jungen Anstalt anwesend. Bon fremden Corporalionen und Vereinen waren vertreten: Der Cultusvorstand durch die Herren Hermann E l t b o g e n und Dr. Marcus Spitzer; der Jüdische Volksverein für den II. Bezirk durch den Vicepräsidenten Herrn Hermann P l a s ch k e s und Vorstandsmitglied Herrn Marcus H e r r n f e l d, der Jüdische Volksverein für den IX. Bezirk durch den Vicepräsidenten Herrn Josef Steiner und Vorstandsmitglied Herrn Sigmund Singer. Es erschienen außer dem Vertreter des Vereines „Adass Jsroel" (Schiffschule) die Herren Rabbiner Dr. Josef Gelb haus, Rabbiner Wilhelm Soor, Dr. Leopold Kahn, Religionslehrer Vogl u. rn. a. Nach den gehaltvollen Begrüßungsworten des Vereinspräsidenten Herrn Doctor Sigmund Kornfeld und einer mit großem Beifalle aufgenommenen Rede des Herrn Rabbiners Dr. H. P. C h a j e s wurde die Prüfung der Schüler vorgenommen. Je weiter die Prüfung vorgeschritten war, desto offenkundiger und lauter wurden die Beifallskundgebungen für die erzielten Erfolge, welche umso höher anzuschlagen sind, als die Schule bloß ans die kurze Thätigkeit von fünf Monaten zurückblicken kann und auch während dieser Zeit mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Welche wichtige nationale und culturelle Mission diese Schule erfüllt, geht am besten aus der Thatsache hervor, dass die 45 Schüler der Anstalt, unter denen sich mehrere Gratisschüler befinden, sich aus Kindern solcher Eltern gruppieren, die hinsichtlich der Religiosität und des jüdisch-nationalen Gedankens verschiedenartigsten und gegensätzlichen Ständen angehören, und alle waren hier einig in Zufriedenheit und Begeisterung für die Sache des Judenthums. So bildet das Kind nicht nur die Gewähr für eine jüdisch-nationale Zukunft, sondern auch das ausgleichende Bindeglied zwischen den einzelnen einander anfeindenden Richtungen. Man merkte dieser Prüfung nichts von einem Drill an, es war alles Leben, nnd was die Kinder lernten, ist ihnen in Fleisch und Blut übergegangen. Mit Recht betonte nach einigen Dankesworten des Vorstandsmitgliedes Herrn Redacteur Jacob Kraus Herr Dr. Leopold Kahn, dass einerseits der Leiter der Schule, Herr D. H. O e ste r r e i ch er, für seine hingebungsvolle culturelle Arbeit vollste Anerkennung verdiene, aber anderseits dieselbe nur dann von Erfolg sein könne, wenn die Eltern und hauptsächlich die .Mütter eine wirkliche Verbindung zwischen Schule und Haus Herstellen und, anstatt das Kind mit allen sogenannten modernen Wissenschaften zu belasten, für eine gesunde Nahrung des Gemüthes Sorge tragen und dem Judenthum eine Zukunft sichern, indem sie das Kind im Geiste desselben erziehen. Nachdem noch der Schulleiter Herr D. H. Oesterreicher einige mit Aufmerksamkeit angehörte Dankesworte sprach und das Versprechen gab, unentwegt dem ihm vorgesteckten Ziele zuzustreben, und die Schüler mit Büchergaben bedacht wurden, schloss diese für den jungen Verein denkwürdige Feier. Theologischer Verein der Hörer an der israelitischtheologischen Lehranstalt in Wien. Samstag den 14. d. M. wird Herr Dr. B. Margulies in unserem Betlocale (Beth- Hamidrasch), II. Tempelgasse 3, predigen. Beginn des Gottesdienstes um 8 Uhr morgens. Ignaz Mandl. Vor einigen Tagen ist hier Herr Ignaz Mandl, der Senior-Chef der Firma M. & I. Mandl, nach tangerem Leiden im 79. Lebensjahre gestorben. Er hatte in Verbindung mit seinem älteren Bruder Mayer Mandl vor etwa 60 Jahren die Firma M. & I. Mandl begründet. Die beiden Brüder sind die Begründer der Consections-Jndustrie in Oesterreich. Sie waren beide in Prossnitz in Mähren geboren und errichteten auch dort ihre Kletdersabrtk, die im Laufe der Jahre zu einem großen Etablissement ausgestaltet worden ist. Der ältere der Brstder, Herr Mayer Mandl, ist im Jahre 1888 gestorben, und seit jener Zeit war Herr Ignaz Mandl der Chef des Hauses, welches er im Vereine mit seinen Söhnen und Neffen leitete. Eine antisemitische Ndvocatenkammec. Die Advocatenkammer in Graz har den Beschluss gefasst, jüdische Concipienten nicht mehr in die Advocalenliste aufzunehmen. Dieser Beschuss spricht Bände und bedürfce eigentlich keines weiteren Commentars. Es darf nicht verwundern, wenn die antisemitischen Blätter die Thatsache mit hellem Jubel begleiten und für ihre Zwecke in breitspuriger Weise auszuschroten suchen. In der Thal ist der Act der Grazer Advocalenkammer ein Novum in der antisemitischen Aera und ganz und gar dazu geeignet, zu einer harten Kritik herauszuforderu. Eine Advocatenkaminer rst ja aus Juristen zusammengesetzt, von denen man anzunehmen berechtigt ist, dass sie Gesetzeskenntnis besitzen, namentlich, dass ihnen die Staatsgrundgesetze geläufig sein sollten, welche den Zutritt zu allen öffentlichen Stellungen, die Advocatie selbstverständlich inbegriffen, von der Nationalität und Consession des Gewerbes unabhängig machen. Wenn die Advocatenkammer in Graz trotzdem einen derartigen Beschluss gefasst hat, so erscheint dieser Beschluss contra legem gerichtet und ist daher als null und nichtig zu betrachten. Man darf nun begierig sein, zu erfahren, wie sich das Oberlandesgericht in Graz als die umnittelbar vorstehende Aufsichtsbehörde erster Instanz hiezu verhalten wird. Wiewohl seit dem errvähnten Beschlüsse der Grazer Advocatenkammer ungefähr zwei Wochen verstrichen sind, hat man doch nichts vernommen, dass seitens des errvähnten Oberlandesgerichtes eine Remedur geschaffen worden wäre. Nun müsste es AafgabedesJustizministertums als letzte Instanz sein, den Rechtsbruch und die Ungesetzlichkeit der Grazer Advocatenkammer brevi manu zu eassiereu. Dies ist jedoch, wie anzunehmen gewesen wäre, ex officio nicht geschehen. Beide erwähnten Instanzen huldigen wahrscheinlich dem Grundsätze, dass, wo kein Kläger, dort kein Richter. Die freisinnige Publicistik nimmt aus Gründen, die auseinanderzusetzen wohl nicht nothwendig erscheint, Abstand, von dem Gervaltschritt der Grazer Advokatenkammer Act zu nehmen. Es erweist sich daher als ein Gebot dringender Nothwendigkeit, die Sache nicht aus sich beruhen zu lassen, es ist vielmehr erforderlich, ohne Verzug einzuschreiten, damit ein Präcedenz nicht geschaffen erscheint, denn böses Beispiel verdirbt gute Sitten und wirkt sehr ansteckend. Was der Advocatenkammer in Graz gestattet wurde, könnte dann einer anderen Schwesterkammer nichl verwehrt werden. Man braucht sich die Situation nicht erst anszumalen, welche für unsere Jugend entstehen würde, »venn derselben auch der Zutritt zur Advocatie unmöglich gemacht würde. Der Zutritt ztt autonomen und behördlichen Stellungen ist jüdischen Aspirantenten bereits verschlossen. Beim Militär im Officierscorps und als Aerzte ist ihnen der Eintritt schon längere Zeit hindurch verwehrt. Was aber soll denn aus dem jüdischen Bildungsproletariat werden. In dieser Richtung gründliche Abhilfe zu schaffen, wäre Pflicht der israelitischen Cultusgemeinde. Leider rst aber von dieser eine männliche That nicht zu erwarten, denn die unmittelbaren Knopflochschmerzen sind mit Mannesmuth und Thatkraft, wie sie die derzeitige bedrängte Situation erfordert, nicht in Einklang zu bringen. Für alle diese Streber innerhalb der Gemeindestube existiert das Judenthum nur vor und während der Wahlen in die Vertretungskörper. Zu jeder anderen Zeit ist ihnen die jüdische misera plebs contribuens ttut: schnuppe und ein Piedestal, um Aemter und Würden, Titel und Orden einzuheimsen. Dies möchten wir festnageln, um es bei dem im Herbste stattsindenden Wahlen in die Repräsentanz der israelitischen Cultusgemeinde in Wien zu fructificieren. ES ist erreicht oder Alldeutsches Länsesucheu. Abg. Schönerer: Für diesen Seandal wird das österreichische Parlament stimmen! Abg. J r o: Da wird gesagt, unser Antrag ist eine Dem onstration! Die ostdeutsche Schandpresse! Abg. Wolf: Du wirst einmal eine Ohrfeige kriegen! Abg. Jro: Die kriegst Du im Parlamente, frecher Kerl! Abg. Wolf: Ein Schurke wie der andere! Abg. Schönerer: Zuckerkartell! Wortführer der bestochenen Presse! Schmu! L e e b K o h n! Abg. Wolf: Mit grauen Haaren einen solchen Schurkenstreich zu begehen! Abg. Schönerer: Zuckerkartell! Wortführer der bestochenen Presse! Abg. Jro: Hochzeitsredner von Tetschen! Abg. Wolf: Ehrenwort-Jro. Abg. Schönerer: Zuckerkartell! Wortführer der bestochenen Presse! (Anhaltender Lärm.) Abg. Wolf: Schmul Leeb Kohn! (Schallende Heiterkeit.) Präsident Graf Vetter ersucht um Ruhe. Abg. Wolf: Es thut mir leid, dass ich mich mit einem solchen Gesindel einlassen muss. Wir werden aber sehen! Abg. Schönerer: Bestochener Vertreter der corrupten Presse! Bestochener Vertreter der corrupten Presse! Abg. Wolf: Er ist wieder einmal besoffen! (Anhaltender großer Lärm und zahlreiche Zwischenrufe.) Präsident Graf Vetter ersucht, den Redner nicht zu unterbrechen. Abg. Glöckner: Der Abgeordnete Berger hat das Wort! Abg. Berger: Verzeihen Sie, dass meine sachlichen Ausführungen unterbrochen wurden, aber es ist begreiflich, dass man sich, wenn man sich mit Lumpereien beschäftigt, auch mit dem Abgeordneten Wolf beschäftigen muss. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen bei den Alldeutschen.) Die Herren kennen sich sehr gut, und ihrer Charakteristik ist nichts beizufügen. Nicht minder interessant war auch die Charakterisierung 5er antisemitischen Presse. Abg. Berger: Das „Deusche Volksblatt" hat 1500 Kronen und die „Ostdeutsche Rundschau" 1000 Kronen (von der Donau« Dampfschiffahrt-Gesellschaft) bekommen. Abg. Schalk: Das sind gewöhnliche Bestechuugsgelder. Abg. Berger: Schweiggelder sind es. i Gegenüber solchen classischen Zeugnissen über die Corruption der antisemitischen Presse ist jeder Commentar überflüssig. Aber nicht nur die antisemitische Presse gehört an den Pranger. An den Pranger gehören auch die jüdischen Finanzgrößen, die die antisemitische Presse sorgsam auspüppeln. Constituierende Versammlung des „Rechtsschutz-Vereines der Kleiderhändler im Umherzieheu". In Antreibers Restaurant fand am 15. d. M. die constituierende Versammlung des obengenannten Vereines statt. Herr Jacob Pollak eröffneie die Versammlung und dankte dem Vicepräsidenten des „Jüdischen V o l k s v e r e i n e s" Herrn Hermann Plaschkes für die Uebernahme der Vorarbeiten und Herrn Richard Rappaport für sein Erscheinen. Hierauf erstattete Herr Plaschkes das Referat. Er wies darauf hin, dass nur die Organisation der bedrängten Lage aufhelfen kann. Der Einzelne ist machtlos, nur eine Vereinigung könne helfen. Die Wahlen ergaben folgendes Resultat: Ausschüsse: Jacob Pollak, Hermann Spigl, Emanuel Schafrane k, Jacob Münz, Marcus Wo lfm an, Lipman Hoyde, W. S. Karpl, Heinrich Jmmergut, Michael B a i er, Leon S ch wa r tz, Salvmon O h rnst ein, Mendt S ch a n n e r. E r s a tz: M. B l a u st e i n, Joh. Meininger, Jsak C h u w e n, Jacob Kukuk, M. R a p p a P o r t, Moses Ch. Spitz m a n n. Eine Interpellation in der rumänischen Judenfrage, die nicht eingebracht wurde. In unserem Parlamente herrscht eine große Wortverschweudung; einer Champagnerwette zuliebe hält zum Beispiel Abg. M a l i k eine siebenstündige Rede. Nttr für eine Gruppe von Interessen ist im Parlamente kein Platz : für jüdische. Abg. Breiter wollte in Sachen der rumänischen Juden den Ministerpräsidenten interpellieren, aber er fand nicht die 20 Namen, die zur Einbringung eurer Interpellation nothwendig sind. Vergebens klopfte er bet den Socialdernokraten, vergebens bei den Liberalen an. Diese Herren haben nur insoweit nr die Juden Interesse, als diese für ihre Wahlen Geld und Zeit opfern. Rumänische Juden haben keinen Wahlzettel, folglich existieren sie nicht. Sie sind Proletarier, aber die Socialdemokraten lässt ihr Schicksal kalt; sie sind Menschen, die wegen ihres Glaubens verfolgt werden, aber der Liberalismus der Liberalen versagt. Wenn die Polen in Deutschland verfolgt werden, so interpellieren ihre Freunde im österreichischen Parlamente; aber die Juden Oesterreichs sind noch nicht über das Niveau des Stinnnviehs herausgekommen.'; *fie dürfen für Abgeordnete verschiedener Couleurs stimmen, aber sie dürfen uicht verlangen, dass ihre Abgeordneten für jüdische Interessen eintreten. Sie dürfen es nicht verlangen, weil sie sich selbst noch nicht in ihrer Gänze klar darüber sind, dass es jüdische Interessen gibt. Daher komint es, dass, wenn sich schon eilt Arier, wie der Abg. Breiter, für jüdische Proletarier einsetzt, er keine Unterstützung findet. Das sind die Früchte des Systems Epp in g er, Lecher, Das z y n s k i uttd Co. Persorralnachrichteii. Herr Leon Zwei g, Peezenizye, zeigt seine am 24. Juni statlsindende Trauung mit Fräulein Regina Hessel, Tochter des Herrn Meier Hessel, an.